Das andere Ende der Leine - Patricia B. McConnell - E-Book

Das andere Ende der Leine E-Book

Patricia B. McConnell

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  • Herausgeber: Kynos
  • Kategorie: Lebensstil
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Dieses Buch wirft eine revolutionäre, neue Perspektive auf unseren Umgang mit Hunden: Es beleuchtet unser Verhalten im Vergleich zu dem der Hunde! Als Doktorin der Zoologie, Tierverhaltenstherapeutin und Hundetrainerin mit mehr als zwanzig Jahren Praxiserfahrung betrachtet Patricia McConnell uns Menschen augenzwinkernd wie eine interessante Spezies von Säugetieren. Fundiert, aber höchst unterhaltsam beschreibt sie, wie wir uns in Gegenwart von Hunden verhalten, wie die Hunde unser Verhalten interpretieren (oder missverstehen) könnten und wie wir am besten mit unseren vierbeinigen Freunden umgehen, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Beginnen Sie, Hundeverhalten aus der Sicht eines Hundes zu betrachten und Sie werden verstehen, warum vieles, das wie Ungehorsam Ihres Hundes aussieht, einfach ein großes Missverständnis ist. Denn wir sind Primaten, die Hunde Caniden - und sprechen folglich andere Sprachen! Hier erfahren Sie: - Wie Ihr Hund eher auf Zuruf kommt, wenn Sie sich weniger wie ein Affe und mehr wie ein Hund benehmen - Warum der Rat, "Dominanz" über den Hund erlangen zu müssen, Sie in Schwierigkeiten bringen kann - Welche Persönlichkeitstypen Menschen und Hunden gemeinsam sind und warum die meisten Hunde lieber mit großzügigen Herrschern als mit "Möchtegern-Alphas" zusammenleben - ... und vieles mehr! Zahlreiche kleine Geschichten, Erlebnisse und amüsante Begebenheiten am Rande machen dieses Buch zu einer Fundgrube für Aha-Erlebnisse, bei denen höchstes Lesevergnügen garantiert ist. So viel Spaß kann Verhaltensforschung machen!

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Seitenzahl: 518

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DAS ANDERE ENDEDER LEINE

WAS UNSEREN UMGANG MIT HUNDEN BESTIMMT

Patricia B. McConnell

KYNOS VERLAG

Titel der englischen Originalausgabe: The other End of the Leash Why We Do What We Do Around Dogs Ballantine Books, New York, USA

© 2002 by Patricia B. McConnell, Ph.D.

Aus dem Englischen übertragen von Gisela Rau

© 2004 für die deutsche Ausgabe

KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3

D - 54552 Nerdlen / Daun

www.kynos-verlag.de

eBook-Ausgabe der Printversion

10. Auflage 2009

Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie die Kynos Stiftung Hunde helfen Menschen.www.kynos-stiftung.de

ISBN eBook (epub): 978-3-942335-55-3

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-933228-93-2

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ANMERKUNG DER AUTORIN

Alle in diesem Buch beschriebenen Menschen und Hunde basieren auf lebenden Personen und Hunden. Familienprobleme sind aber eine sehr private Angelegenheit, egal, ob sie sich auf Hunde oder Menschen oder beide beziehen, weshalb ich zum Schutz der Privatsphäre die Namen aller Hunde (außer denen meiner eigenen) und Menschen in diesem Buch geändert habe. In manchen Fällen habe ich auch die Rasse des Hundes oder die Geschlechtszugehörigkeit der Kunden verändert. Zweifellos werden sich viele meiner Kunden in einigen der von mir beschriebenen Fälle wiedererkennen, weil so viele der Probleme, mit denen ich konfrontiert werde, von Hunderten, wenn nicht sogar von Tausenden Hundebesitzern geteilt werden. Wenn Sie glauben, sich oder Ihren Hund wiederzuerkennen, seien Sie versichert: Sie sind nicht allein — ich hatte mit Dutzenden, nein Hunderten von Menschen und Hunden mit dem gleichen Problem zu tun. Es sei denn natürlich, Sie platzen vor Stolz, weil Sie im Buch erwähnt wurden — dann geht es natürlich um Sie!

Noch ein Wort der Warnung und ein gut gemeinter Rat: Wenn Sie ein ernstes oder potenziell ernstes Verhaltensproblem mit Ihrem Hund haben, zögern Sie nicht, gute, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Umgang mit Hunden und das Erziehungstraining beruht nur zu einem sehr kleinen Teil auf Intuition, besonders, wenn es um ein ernstes Verhaltensproblem geht. Es gibt keinen Ersatz für einen guten Trainer, der Ihnen nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat hilft. Sie würden auch nicht versuchen, Basketballspielen zu lernen, indem Sie ein Buch lesen. Wenn Sie Basketball spielen müssen, tun Sie das, was Eltern für ihr Kind tun würden — einen guten, kompetenten Trainer finden. Genieren Sie sich dabei nicht, wie das oft Menschen tun, die mit ihren Hunden zu mir kommen und Hilfe suchen. Ich kenne niemanden, der es demütigend fände, sein Auto in die Werkstatt zu bringen. Aber genau wie bei den Automechanikern gibt es auch in unserem Bereich zwischen den einzelnen »Anbietern« große Unterschiede in Erfahrung und ethischer Einstellung. Suchen Sie jemand, der im Arbeiten durch positive Verstärkung versiert ist und der zu Ihnen genauso freundlich ist wie zu Ihrem Hund. Und zögern Sie nicht, auch mit Ihrem Tierarzt über Ihren Hund zu sprechen. Manchmal haben Verhaltensprobleme ihre Ursache in körperlichen Problemen.

INHALTSVERZEICHNIS

DANKSAGUNGEN

EINLEITUNG

1 AFFEN MACHEN ALLES NACH

2 ÜBERSETZUNG ÄFFISCH-HÜNDISCH

3 MITEINANDER IM GESPRÄCH

4 DAS UNIVERSUM DER GERÜCHE

5 SPIEL UND SPASS

6 RUDELGEFÄHRTEN

7 DIE WAHRHEIT ÜBER DOMINANZ

8 GEDULDIGE HUNDE UND WEISE MENSCHEN

9 PERSÖNLICHKEITEN

10 LIEBE UND VERLUST

NACHWORT

BIBLIOGRAPHIE

DANKSAGUNGEN

Dieses Buch wuchs mit der Liebe meiner Mutter zu Hunden und der Liebe meines Vaters zur Literatur. Ich bin voller Dankbarkeit für alles, was mein Vater, G. Clarke Bean, mir gegeben hat und alles, was meine Mutter, Pamela Bean, mir immer noch gibt.

Meine akademischen Mentoren Jeffrey Baylis und Charles Snowdon sind mir nach wie vor Inspiration und Unterstützung. Ich werde ewig bei beiden tief in der Schuld stehen für alles, was sie mich gelehrt haben und für ihre Fähigkeit, kritisches Denken mit ihrer Liebe zu Tieren und ihrer Neugier auf sie zu verbinden. Ich danke auch der Fakultät für Zoologie an der Universität von Wisconsin-Madison für ihre Unterstützung während der Recherchen zu meiner Doktorarbeit und für meine derzeitige Vorlesung »Biologie und Philosophie von Mensch-Tier-Beziehungen«.

Ich weiß nicht, womit ich die Traumagentin eines jeden Autoren verdient habe, aber die Klugheit und Unterstützung von Jennifer Gates bei Zachary, Shuster und Harmsworth haben mir mehr bedeutet als ich sagen kann. Genauso dankbar bin ich meiner Verlegerin Leslie Meredith, die stets eisern an das Buch geglaubt hat und die in vielen Phasen des Schreibens unersetzlich war. Feuchte Küsse an ihren Hund Dylan, ich verspreche ihm, dass er Hundekuchen kriegt, wenn er sie am wenigsten erwartet. Meinen tiefen Dank auch an Maureen O’Neal und alle anderen bei Ballantine für ihre Unterstützung und harte Arbeit.

Dieses Buch hätte niemals ohne das Team von Dog’s Best Friend, Ltd. geschrieben werden können. Ohne die Unterstützung und ohne die Professionalität von Jackie Boland, Karen London, Aimee Moore und Denise Swedlund wäre ich niemals in der Lage gewesen, über so lange Zeit jeden Morgen das Büro zu verlassen, um zuhause zu schreiben. Ich danke auch allen Trainern und Freiwilligen bei Dog’s Best Friend, Ltd., die liebevoll und kompetent fast das ganze Jahr über die Tiere an beiden Enden der Leine trainieren.

Viel Gutes hat dieses Buch den wohlüberlegten Kommentaren einer Gruppe von Freunden und Kollegen zu verdanken. Jeffrey Baylis, Jackie Boland, Ann Lindsey, Karen London, Beth Miller, Aimee Moore, Denise Swedlund und Charles Snowdon lieferten mir Feedback, das erheblich zur Verbesserung des Buches beitrug. Ich danke auch Frans de Waal für das Redigieren einiger Passagen über das Verhalten von Schimpansen und Bonobos sowie Steven Suomi für unsere Gespräche über die Persönlichkeit bei Primaten. Ich hatte das Glück, Interesse und Unterstützung einiger Menschen vom Vilas County Zoo in Madison, Wisconsin, zu erhalten und danke insbesondere Mary Schmidt und Jim Hubing, dass sie mir die Gelegenheit gaben, mit ihren Schimpansen und Mukah, dem Orang Utan, zu plaudern.

Niemals hätte ich das Manuskript termingerecht abgeben können, wenn sich nicht liebe Freunde um meinen Hund Luke gekümmert hätten, der zu dieser Zeit mit einem Gewebesarkom kämpfte. Dmitri Bilgere, Jackie Boland, Harriet Irwin, Patrick Mommaerts und Renee Ravetta kümmerten sich großzügig um Lukes täglichen Transport zur Strahlenbehandlung in die tierärztliche Klinik der Universität von Wisconsin-Madison. Ich danke auch vier speziellen Tierärzten, John Dally von der River Valley Tierklinik, Christine Burgess von der Tierklinik der Universität Wisconsin-Madison, Kim Conley vom Silver Springs Animal Wellness Center und Chris Bessent, DVM und Spezialist für traditionelle chinesische Medizin, für all ihre Kompetenz und ihre Unterstützung in dieser schwierigen Zeit.

Alle meine Vermont Valley Vixen-Freunde sollen wissen, wie viel mir unsere monatlichen Brunches bedeuten – ich bin unendlich dankbar dafür, in einem vor Schönheit und guten Freunden überschäumenden Landstrich zuhause sein zu dürfen. Meine lieben Freunde Dave und Julie Egger, Dmitri Bilgere, Karen Bloom, Karen Lasker, Beth Miller und Patrick Mommaerts waren alle auf ihre Weise wichtig, und ich schätze mich glücklich, sie zu Freunden zu haben. Genauso glücklich bin ich über meine außergewöhnlichen und hilfsbereiten Schwestern Wendy Barker und Liza Piatt, die mir stets nahe sind, obwohl wir weit voneinander entfernt wohnen.

Ich stehe in der Schuld von Mary Vinson und der Coulee Region Humane Society in La Crosse, Wisconsin, für die großzügige Genehmigung zum Abdruck von Fotos von Cathy Acherman aus dem Buch Tails from the Heart von Susan Fox. Ich danke Frans de Waal für die großzügige Erlaubnis, die Fotos seiner Schimpansen aus seinen Büchern Chimpanzee Politics und Peacemaking Among Primates verwenden zu dürfen. Auch Karen London verdient eine Danksagung für ihre fotografischen Beiträge zu diesem Buch. Zachary Sauers Hilfe bei der Recherche hat mir sehr geholfen und verdient ebenfalls Dank.

Besonderen Dank an Dr. Cecilia Soares, Tierärztin, Ehe- und Familientherapeutin, die wohlwollend mit mir den Satz »Das andere Ende der Leine« teilte, der auch der Name ihrer Beratungsfirma ist. Dr. Soares bietet Seminare und Beratungen für Tierärzte und ihre Mitarbeiter zu Kommunikation und anderen Themen an, die mit der menschlichen Seite des tierärztlichen Praxisbetriebes zu tun haben. Sie ist unter 925-932-0607 oder 800-883-2181 (USA) zu erreichen.

Die Tausende von Hunden und ihre Besitzer, mit denen ich gearbeitet habe, lehrten mich mehr als ich sagen kann – danke, dass Sie mich mit Ihnen lernen und wachsen ließen. Herzlichen Dank an eine Reihe unglaublicher talentierter Hundetrainer und Verhaltensforscher, die mir und Tausenden anderen über die Jahre hinweg Wissen und Inspiration vermittelten: Carol Benjamin, Sheila Booth, William Campbell, Jean Donaldson, Donna Duford, Job Michael Evans, Ian Dunbar, Trish King, Karen Pryor, Pam Reid, Terry Ryan, Pia Silvani, Sue sternberg und Barbara Wodehouse. Ich liste diese Namen in der absoluten Gewissheit auf, dass mir noch eine weitere, ganz besonders wichtige Person an dem Tag einfallen wird, an dem das Buch gedruckt wird. Wer immer Sie sind – danke (und Entschuldigung).

Beste Wünsche und Grüße an Doug McConnell und Larry Meiller. Danke auch an Ricky Aaron, der mir zwar nichts über Hunde beibrachte, aber mich zum Lachen brachte, weil er anrief und darum bettelte, dass ich seinen Namen erwähnen sollte.

Meine Freundin und Kollegin Nancy Raffetto verdient ihre eigene spezielle Danksagung für den Mut und die Voraussicht, den sie bewies, als sie mit mir zusammen 1988 die Dog’s Best Friend Training Ltd. gründete, zu einer Zeit, als angewandte Tierverhaltensforschung praktisch noch unbekannt war. In der Rückschau bin ich immer noch erstaunt darüber, wie zwei Doktorinnen, die nichts von der Geschäftswelt, aber viel von Verhalten verstanden, es schaffen konnten, dieses heute blühende Unternehmen in Schwung zu bringen. Danke für die Begleitung auf dieser schwierigen Wegstrecke, ich hätte es nie alleine geschafft.

Danke und meine Bewunderung an alle von der Zeitschrift THE BARK (der »New Yorker« unter den Hundemagazinen) für die Unterstützung beim Schreiben und das Bemühen, gekonntes Schreiben und große Kunst mit Leidenschaft für Hunde und ihre Menschen zu verbinden.

Meinen herzlichsten und besonderen Dank meinem lieben Freund Jim Billings, dessen Freundschaft, Unterstützung und Rat während der letzten anderthalb Jahre wie Essen und Trinken für mich waren.

Und zu guter Letzt erkläre ich meine Liebe und Bewunderung an Luke, Tulip, Pip und Lassie – vier bemerkenswerte Individuen, die mein Leben über jede Beschreibung hinausgehend bereichert haben.

EINLEITUNG

Es war dämmrig und deshalb schwer genau zu sagen, was diese beiden dunklen Flecke auf der Straße waren. Ich steuerte zufrieden mit siebzig Meilen zwischen einem Kombi und einem Lieferwagen über den Highway, auf dem Nachhauseweg von einer Hütehundprüfung.

Aber als die schwarzen Formen näher kamen, änderte sich meine heitere Laune schlagartig. Es waren Hunde. Lebendige Hunde, wenigstens im Moment noch. Wie einem Walt-Disney-Film entsprungen trotteten ein Golden Retriever und ein erwachsener Cattle Dog Mischling den Highway hinauf und hinab, sich der Gefahr völlig unbewusst. Vor Jahren hatte ich mit ansehen müssen, wie ein Hund frontal von einem Auto erfasst worden war und ich würde viel darum geben, dieses Bild aus meinem Gedächtnis verbannen zu können. Es schien unausweichlich wieder so zu kommen.

Ich fuhr an den Rand und hielt hinter einem Lastwagen. Freunde aus der Prüfung, die vor mir fuhren, hatten die Hunde auch gesehen. Wir tauschten einen erschreckten Blick und rannten auf dem Seitenstreifen gegen den Strom des fließenden Verkehrs zurück in Richtung der Hunde. Die Hunde überquerten die Fahrspuren wie einen reißenden Fluss. Sie sahen freundlich aus, an Menschen gewöhnt, vielleicht waren sie glücklich, etwas mit Beinen anstelle von Reifen zu sehen. Der Verkehr auf allen vier Spuren war schnell. Die Sicht war schlecht. Der Verkehrslärm war ohrenbetäubend; keine Chance, dass die Hunde uns hören und wir zu ihnen sprechen konnten. Genau im falschen Augenblick begannen die Hunde, quer über die Straße in unsere Richtung zu trotten. Wir wedelten mit den Armen wie Verkehrspolizisten und beugten uns nach vorn, um sie zu stoppen. Sie stoppten, eine Sekunde bevor ein Bierlastwagen sie erfasst hätte. Einen Moment lang standen wir da wie angefroren. Die Verantwortung, genau das Richtige tun und durch unser Eingreifen zwischen Leben und sicherem Tod entscheiden zu müssen, wog auf uns wie eine Zentnerlast.

Wir »riefen« ihnen durch eine Lücke im fließenden Verkehr zu, sie sollten kommen, indem wir uns wie zur Spielaufforderung hinabbeugten und unsere Körper dann wegdrehten. Dann wieder drehten wir uns um und stoppten sie wie Verkehrspolizisten, wenn die Autos der nächsten Spur über den Hügel rasten – so schnell, dass ich sicher waren, die Hunde würden überfahren. Dieser stille Tanz von Leben und Tod setzte sich fort, unsere Körper bewegten sich vor und zurück als einzige Möglichkeit der Verständigung durch den Lärm der Motoren. Es schien alles in Lichtgeschwindigkeit abzulaufen, die Hunde, die sich der Gefahr unbewusst auf uns zu bewegten, dann wieder stoppten, dann wieder nachkamen, wenn wir selbst unsere Körper bewegten, um sie durch den Verkehr zu lotsen.

Das reichte zusammen mit einem bisschen Glück aus. Nur mit einer Vorwärtsbewegung und Herausschleudern unserer Arme nach vorn konnten wir sie stoppen, und nur mit Rückwärtsgehen und Wegdrehen konnten wir sie dazu bringen, uns zu folgen. Keine Leinen, keine Halsbänder, keine Kontrollmöglichkeit außer unserer Körpersprache, die ihnen mit der Drehung des Oberkörpers »Stopp« oder »Kommt« sagte. Ich verstehe heute immer noch nicht, wie sie es schafften. Aber sie schafften es. Ich werde ewig dafür dankbar sein, dass Hunde auf die richtigen visuellen Signale reagieren.

Alle Hunde sind brillant darin, die kleinsten unserer Bewegungen wahrzunehmen, und sie nehmen an, dass jede dieser feinen Bewegungen eine Bedeutung hat. Das tun wir Menschen auch, wenn Sie einmal darüber nachdenken. Denken Sie an diese winzige Drehung des Kopfes, die Ihre Aufmerksamkeit erregte, als Sie sich mit jemand verabredet hatten? Überlegen Sie, wie wenig sich jemandes Lippen bewegen müssen, damit ein Lächeln zu einem hämischen Grinsen wird. Wie weit muss sich eine Augenbraue bewegen, damit sich die Botschaft ändert, die wir von diesem Gesicht lesen – zwei Millimeter?

Vielleicht meinen Sie, dass wir dieses Allgemeinwissen automatisch auch in unserem Umgang mit Hunden anwenden. Tun wir aber nicht. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie wir uns in der Nähe unserer Hunde bewegen. Es scheint eine sehr menschliche Eigenschaft zu sein, dass wir nicht wissen, was wir mit unserem Körper machen und uns nicht bewusst sind, wo unsere Hände sind oder dass unser Kopf sich gerade gedreht hat. Wir senden zufällige Signale aus wie eine verrückt gewordene Verkehrsampel, während unsere Hunde verwirrt zusehen und ihre Augen wie in einem Comicstrip verdrehen.

Diese visuellen Signale haben genau wie unsere übrigen Handlungen einen tiefgehenden Einfluss darauf, was unsere Hunde tun. Wer Hunde sind und wie sie sich verhalten wird zum Teil davon bestimmt, wer wir Menschen sind und wie wir uns verhalten. Haushunde teilen ihr Leben definitionsgemäß mit einer anderen Spezies: mit uns. Deshalb ist dies ein Buch für Hundefreunde, aber nicht nur ein Buch über Hunde. Es ist auch ein Buch über Menschen. Es ist ein Buch darüber, worin wir unseren Hunden ähneln und worin wir von ihnen verschieden sind.

Unsere Spezies hat so viel mit Hunden gemeinsam. Wenn Sie das breite Spektrum allen tierischen Lebens von Käfern bis hin zu Bären betrachten, haben Hunde und Menschen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Genau wie Hunde produzieren wir Milch für unsere Jungen und ziehen sie in einer Sippe auf. Unsere Babys müssen beim Großwerden viel lernen; wir jagen im Team; wir spielen selbst als Erwachsene noch alberne Spiele; wir schnarchen; wir kratzen und strecken uns und gähnen an sonnigen Nachmittagen. Schauen Sie einmal, was die neuseeländische Autorin Pam Brown in ihrem Buch Bond for Life (Ein Bund fürs Leben) über Menschen und Hunde zu sagen hatte:

Die Menschheit fühlt sich zu Hunden hingezogen, weil sie uns so sehr ähneln – sie sind angeberisch, zärtlich, verwirrt, leicht zu enttäuschen, auf Vergnügen aus, dankbar für Freundlichkeit und die kleinste Aufmerksamkeit.

Diese Ähnlichkeiten ermöglichen es den Mitgliedern zweier verschiedener Spezies, eng zusammenzuleben, Nahrung und Erholung zu teilen und sogar die Jungen gemeinsam großzuziehen.1 Das Leben vieler Tiere ist eng mit dem anderer verbunden, aber unsere Verbindung zu Hunden ist wirklich tief. Die meisten von uns gehen mit ihren Hunden spazieren, spielen mit ihren Hunden, essen zur gleichen Zeit wie ihre Hunde (manchmal sogar das gleiche Essen) und schlafen mit ihren Hunden. Manche von uns brauchen Hunde immer noch bei ihrer täglichen Arbeit. Schafhalter in Wyoming oder Milchviehfarmer in Wisconsin brauchen ihre Hunde genauso oder noch mehr wie Maschinen und High-Tech Fütterungssysteme. Wir wissen, dass Hunde das Leben vieler Menschen bereichern, Millionen auf der ganzen Welt Freude bereiten und Trost sind. Studien zeigen sogar, dass sie das Risiko eines zweiten Herzinfarktes senken. Wir plagen uns nicht umsonst mit Fellwechsel, Bellen und dem Wegräumen von Hundekot auf unseren Spaziergängen.

Und schauen Sie einmal, was wir für Hunde getan haben. Canis lupus familiaris, der Haushund, ist heute eines der erfolgreichsten Säugetiere der Welt, weil er seine Flagge neben der unseren gehisst hat. Schätzungsweise gibt es etwa vierhundert Millionen Hunde auf der Welt. Viele amerikanische Hunde ernähren sich von BioKost, gehen zu Hunde-Chiropraktikern und Hunde-Tagesstätten und zerkauen jedes Jahr Millionen Dollar in Form von Spielzeugen. Das nenne ich doch eine erfolgreiche Spezies.

Aber wir haben auch unsere Unterschiede. Wir Menschen wälzen uns nicht genüsslich in Kuhfladen. Auch essen wir, zumindest größtenteils, nicht die Plazenta unserer Neugeborenen auf. Gottseidank begrüßen wir einander nicht, indem wir uns an den Hinterteilen beschnüffeln. Während Hunde in einer Welt von Gerüchen leben, sind wir chemische Analphabeten. Zum Teil sind diese Unterschiede schuld, dass Hunde und Menschen sich so oft missverstehen. Die Auswirkungen dieser Missverständnisse reichen von leichter Irritation bis zur Lebensbedrohung. Manche sind darin begründet, dass die Besitzer nichts von Hundeverhalten und davon, wie Tiere lernen, verstehen. Ich ermuntere alle Hundebesitzer, viele gute Bücher über Hundeerziehung zu lesen. Hundeerziehung, so stellt sich heraus, hat doch nicht so viel mit Intuition zu tun, und je mehr sie lernen, desto leichter und vergnüglicher wird es.

Manche der Missverständnisse in der Kommunikation haben aber nicht nur mit mangelndem Wissen über die Hundeerziehung zu tun, sondern mit den grundlegenden Unterschieden zwischen zwei Spezies. Schließlich sind Hunde nicht die einzigen Tiere in dieser Beziehung. Wir Menschen am anderen Ende der Leine sind auch Tiere, mit unserem eigenen biologischen Verhaltensgepäck, dass sich auf unserer Reise durch die Evolution angesammelt hat. Weder wir noch die Hunde beginnen die Hundeerziehung als unbeschriebene Blätter. Hunde und Hundefreunde wurden beide von verschiedenen evolutionären Hintergründen geprägt, und was jeder von beiden in die Beziehung mitbringt, beginnt mit dem Erbe unserer Naturgeschichte. Auch wenn unsere Gemeinsamkeiten eine bemerkenswerte Verbindung zwischen uns schaffen, so sprechen wir doch jeder unsere eigene »Muttersprache«, und viel geht bei der Übersetzung verloren.

Hunde sind Caniden, die taxonomische Familie, zu der auch Wölfe, Füchse und Kojoten gehören. Genetisch gesehen sind Hunde schlicht und einfach Wölfe. Wölfe und Hunde haben so viele Gemeinsamkeiten in der DNA, dass es fast unmöglich ist, sie genetisch voneinander zu unterscheiden. Wölfe und Hunde können sich frei untereinander paaren und ihre Nachkommen sind genauso fruchtbar wie die Eltern.2 Durch das Studium von Wolfsverhalten lernten wir, was es bedeutet, wenn unsere Hunde die Ohren flachlegen oder unsere Gesichter lecken. Wölfe und Hunde kommunizieren mit ihren Rudelmitgliedern mit Hilfe der gleichen körperlichen Gesten, die Unterwerfung, Vertrauen oder Bedrohung ausdrücken. Wenn Sie einmal einen Wolf oder einen Hund direkt vor sich stehen hatten, unbeweglich und hoch aufgerichtet, tief knurrend und direkt in ihre Augen blickend, dann würden Sie richtig folgern, dass beide Ihnen die gleiche Botschaft übermittelt haben. Hunde sind also in einer Hinsicht Wölfe, und man kann viel über Hunde lernen, wenn man einen Wolf und sein Rudel beobachtet.

In einer anderen Hinsicht, und zwar einer sehr bedeutenden, sind Hunde überhaupt keine Wölfe. Haushunde sind nicht so scheu wie Wölfe, sie sind weniger aggressiv als Wölfe, sie ziehen nicht umher und sie sind viel leichter erziehbar. Sicher finden Sie nicht viele Leute, die ihre Schafherden von Wolf/Hund Hybriden hüten lassen. Glauben Sie mir als Biologin und Schafhalterin, es wäre nichts Nettes. Hunde benehmen sich größtenteils wie jugendliche Wölfe, wie Peter Pan-Wölfe, die niemals erwachsen werden. In Kapitel 5 werden wir besprechen, wie es dazu gekommen sein könnte. Leider wurden die Ähnlichkeiten zwischen Hund und Wolf während der letzten Jahrzehnte durch volkstümliche Auffassungen von beiden Tieren übermäßig stark vereinfacht. Vielleicht ist es das, was Raymond und Lorna Coppinger in ihrem Buch Hunde dazu veranlasste, die Unterschiede zwischen Wolf und Hund zu betonen. In ihrer Einleitung sagen sie: »Hunde mögen zwar eng mit Wölfen verwandt sein, aber das heißt nicht, dass sie sich wie Wölfe verhalten. Menschen sind eng mit Schimpansen verwandt, aber das macht uns weder zu einer Unterart von Schimpansen noch bedeutet es, dass wir uns wie sie verhalten.«

Das erinnert mich an die Redensart, dass man ein Glas entweder als halb voll oder als halb leer betrachten kann. Jede Beobachtung ist korrekt, sie bezeichnet nur eine jeweils andere Perspektive. Meine eigene Meinung ist, dass beide Perspektiven wichtig sind, und so möchte ich argumentieren, dass es wichtig ist, sowohl auf die Gemeinsamkeiten als auch auf die Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen zu schauen. Das gleiche gilt auch für unser eigenes Verhalten. Wir verhalten uns in vielerlei Hinsicht wie Schimpansen, in vielerlei Hinsicht natürlich aber auch nicht.

Jahrelang haben Wissenschaftler es als wertvoll empfunden, menschliches Verhalten dem von Primaten »vergleichend gegenüberzustellen«. In populärwissenschaftlichen Büchern wie Der nackte Affe und Der dritte Schimpanse oder akademischen wie Tools, Language and Cognition in Human Evolution (Werkzeuge, Sprache und Bewusstsein in der menschlichen Evolution) haben Wissenschaftler jahrzehntelang Menschen wie Primaten betrachtet. Dies ist ein Schlüsselthema auf den Gebieten physischer und kultureller Anthropologie, Ethologie und vergleichender Psychologie. Und es ist nicht nur rein akademisch: Der Stamm der Oubi an der Elfenbeinküste betrachtet Menschen und Schimpansen als die Nachkommen zweier Brüder, also als Vettern. Diese Analogie ist biologisch gesehen überhaupt nicht schlecht, denn wir Menschen teilen mit den Schimpansen 98 Prozent unserer Gene. In einer wunderbaren Ironie stellte sich der Stamm den »hübscheren« Bruder als Vater der Menschheit und den »klügeren« als den der Schimpansen vor.

Wir haben viel zu gewinnen, wenn wir selbst uns als die empfindlichen, verspielten und Dramen liebenden Primaten betrachten, die wir sind. Zwar mögen wir Tiere wie kein zweites sein, mit schlichtweg erstaunlichen intellektuellen Fähigkeiten, aber wir sind trotzdem an viele Gesetze der Natur gebunden. Unsere Art und eng mit uns verwandte Arten wie Schimpansen, Bonobos,3 Gorillas und Paviane haben Neigungen zu bestimmtem Verhalten geerbt. Schimpansen und Bonobos bauen zwar keine Sportstadien, verwenden keine Haftnotizzettel und schreiben keine Bücher über sich selbst, aber trotz aller Unterschiede sind wir uns mehr ähnlich als alles andere. Beispielsweise gibt es bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen den Gesten und Körperhaltungen von Schimpansen, Bonobos und Menschen – alle drücken Beziehungen zu den ihnen Nahestehenden durch Küsse, Umarmungen und sogar Händchenhalten aus.

Ich beabsichtige nicht, unsere einzigartige Stellung als Menschen herabzuwürdigen, indem ich auf unser Primatenerbe hinweise. Wir sind einzigartig, so sehr, dass es angebracht ist, von »Menschen und Tieren« anstatt von »Menschen und anderen Tieren« zu sprechen. Egal ob Sie glauben, dass dies gottgegeben oder durch natürliche Selektion entstanden ist (oder beides), wir sind so verschieden von allen anderen Tieren, dass wir unsere eigene Kategorie verdienen. Aber so anders wir auch sind, bleiben wir trotzdem mit anderen Tieren in wichtigen Dingen verbunden. Je mehr wir über Biologie lernen, desto mehr entdecken wir, wie nahe wir anderen Arten in Wahrheit stehen. Wir sind so eng mit Schimpansen, Bonobos und Gorillas verwandt, dass einige Taxonomen uns alle in unsere eigene Unterfamilie, die Hominiden, reklassifiziert haben. Schimpansen, Bonobos und Menschen, die am engsten miteinander verwandten Affen, sind intelligente Tiere mit komplexen sozialen Systemen und langen Lern- und Entwicklungsphasen, die viel Aufmerksamkeit von Seiten ihrer Eltern bedürfen und die dazu neigen, sich in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise zu verhalten, auch wenn uns Menschen das nicht bewusst ist. Zum Beispiel haben alle drei Arten die Neigung, bei Aufregung Äußerungen zu wiederholen, laut zu werden, um andere zu beeindrucken und hinzuschmeißen, was immer wir gerade in Händen halten, wenn wir frustriert sind. Dieses Verhalten hat einen nicht eben kleinen Effekt auf unsere Interaktion mit Hunden, die von ein wenig Bellen und Knurren abgesehen meist visuell kommunizieren, eher ruhig als laut werden, wenn sie jemand beeindrucken wollen und zu beschäftigt damit sind, auf ihren Pfoten zu stehen, um ansonsten viel mit ihnen anzustellen.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie dieses Verhaltenserbe zu Schwierigkeiten in unseren Beziehungen zu Hunden führen kann. Beispielsweise lieben wir Menschen es, jemanden zu umarmen. In der Literatur über Primaten heißt das »ventral-ventraler« Kontakt, auch Schimpansen und Bonobos lieben ihn. Sie umarmen ihre Babys und ihre Babys umarmen sie. Heranwachsende Schimpansen umarmen sich gegenseitig und erwachsene Schimpansen tun es, wenn sie sich nach einem Streit wieder versöhnen. Gorillamütter und ihre Babys sind besonders gut im Umarmen. Ich werden nie vergessen, wie mir die Biologin Amy Vedder von einer Hütte erzählte, die sie betrat und in deren hinterster Ecke ein völlig verängstigtes Gorillababy kauerte.4 Amy, die jahrelang Gorillas beobachtet hatte, ahmte perfekt den »Rülpston« nach, den Gorillas bei der Begrüßung ausstoßen. Der verängstigte, kranke Junggorilla krabbelte durch den Raum, zog sich an ihre Brust hoch und schlang seine langen Arme um ihren Oberkörper. Genau wie ein verlorenes Kind seine Mutter umarmt, so war es für den Gorilla natürlich, Amy zu umarmen und für sie war es natürlich, ihn zurück zu umarmen. Der Drang, etwas in den Arm nehmen zu wollen, das wir lieben oder um das wir uns sorgen, ist überwältigend stark. Versuchen Sie einmal einem jungen Mädchen oder jeder beliebigen Vierjährigen zu sagen, sie solle ihren geliebten Hund nicht umarmen. Viel Glück.

Aber Hunde umarmen sich nicht. Stellen Sie sich einmal zwei Hunde vor, die auf den Hinterpfoten stehen, sich gegenseitig die Vorderläufe umgeschlungen haben und Wangen und Fang aneinander drücken. Vermutlich haben Sie das draußen noch nicht sehr oft gesehen. Hunde sind genauso gesellig wie wir, echte Gesellschaftstiger, die ohne viel soziale Interaktion kein normales Leben führen können. Aber sie umarmen sich nicht. Sie »betatzen« vielleicht einen anderen Hund mit der Pfote, um ihn zum Spielen aufzufordern oder sie legen einem anderen Hund als Zeichen des sozialen Status eine Pfote über die Schulter, aber sie umarmen sich nicht. Und oft reagieren sie nicht freundlich auf Menschen, die es tun. Ihr eigener Hund mag es vielleicht gutwillig hinnehmen, aber ich habe Hunderte von Hunden gesehen, die knurrten oder bissen, wenn jemand sie umarmte.

Der Grund dafür, dass ich all diese knurrenden Hunde gesehen habe, ist, dass ich Tierverhaltenstherapeutin bin und dass ich Menschen bei ernsten Verhaltensproblemen ihrer Haustiere berate.5 Sowohl meine wissenschaftliche Ausbildung als auch meine praktischen Erfahrungen mit Menschen und ihren Hunden haben zu der Ansicht geführt, die ich in diesem Buch vertrete. Für meine Doktorarbeit hatte ich die Laute aufgezeichnet und untersucht, mit denen Menschen aus verschiedensten Kultur- und Sprachkreisen mit ihren Haustieren kommunizieren. In dieser Hinsicht studierte ich unsere eigene Spezies wie Sie jede andere Tierart studieren würden. Ich machte objektive Tonaufnahmen und Analysen der Laute der Tiertrainer, genauso wie andere Wissenschaftler den Gesang von Vögeln aufzeichnen. Diese Perspektive hat mich zusammen mit umfangreichem Training im präzisen Beobachten und Beschreiben von Verhalten dazu gebracht, unserem eigenen Verhalten genauso viel Aufmerksamkeit zu widmen wie dem unserer Hunde. Meine Vorlesung »Biologie und Philosophie der Mensch-Tier-Beziehungen« an der Universität von Wisconsin-Madison und meine Mitarbeit an der Tierverhaltens- und Beratungssendung »Calling All Pets« erinnern mich ständig daran, wie wichtig unsere Beziehungen zu anderen Tieren sind und gleichzeitig, wie oft unsere primatenähnlichen Neigungen uns dabei Probleme bereiten.

Genauso wichtig ist, dass mich meine Erfahrungen als Hundetrainerin6, Züchterin und Ausbilderin an Schafen arbeitender Border Collies, als Teilnehmerin an Hütehundwettbewerben und als Hundebesitzern (die unverblümt zugibt, verrückt vor Liebe zu ihren Hunden zu sein) ständig daran erinnern, wie leicht es für uns Menschen ist, unseren Hunden das Falsche mitzuteilen.

Manche der Geschichten in diesem Buch handeln von meinen eigenen vier Hunden und unserem gemeinsamen Leben auf einer kleinen Farm in Wisconsin, andere stammen aus Beratungsgesprächen mit besorgten Hundehaltern. Ich war nicht überrascht, als Hundebesitzer mit ernsteren Problemen, darunter häufig Aggression bei Hunden, mich um Rat zu fragen begannen. Wenn Sie geprüfte Tierverhaltensforscherin sind und sich auf das Thema Aggression spezialisiert haben, sind Sie oft die »letzte Hoffnung«, hören einige ziemlich dramatische Geschichten und sehen einige bereits ziemlich geschädigte Hunde.

Ich habe es aufgegeben, die Hunde zu zählen, die grollend, knurrend und ihre Zähne zeigend in mein Büro stürzten. Jahrelang habe ich in einer Umgebung gearbeitet, in der schon der kleinste Fehler zu einer schlimmen Verletzung führen kann. Auch wenn ich niemals behaupten werde, ich hätte mich daran gewöhnt (manchmal denke ich, was zum Teufel mich bewegt, auf diese Weise mein Geld zu verdienen), so war ich doch darauf vorbereitet. Wir können nicht mit Tieren zusammenleben, die das Äquivalent von Teppichmessern im Maul haben, ohne gelegentlich Probleme zu bekommen.

Und obwohl ich darauf vorbereitet war, mit Hunden zu arbeiten, die wegen ihrer Zähne in Schwierigkeiten geraten waren, so hatte ich doch nicht erwartet, so viel gefühlsmäßiges Leiden zu sehen. Fast jede Woche sehe ich ein oder zwei »Muss-ich-meinen-Hund-einschläfern-lassen?« Fälle, bei denen am Boden zerstörte Besitzer im Büro weinen, während wir darüber sprechen, ob ihr bester Freund euthanasiert werden muss. Es stimmt, dass eine ganze Anzahl von Problemhunden rehabilitiert werden und der Umgang mit ihnen sicher gestaltet werden kann, wenn die Besitzer die Fähigkeit dazu haben und wenn die Umgebung stimmt. Aber egal wie sehr sich die Besitzer bemühen, manche Hunde sind einfach so geschädigt, dass sie ein inakzeptables Risiko darstellen. Es ist Teil meines Jobs, Gespräche über die moralische Zwickmühle zu beginnen, in der man Mitglieder der eigenen Spezies schützen muss, ohne dabei ein Wesen zu verraten, das praktisch ein Familienmitglied ist. Manche dieser Fälle können einem das Herz brechen. So ging es mir.

Was bei vielen dieser Geschichten auffällt ist, dass sie so oft genauso viel mit unserem eigenen Verhalten wie mit dem der Hunde zu tun haben. Ich sage das nicht in dem Sinne, dass die Besitzer nicht verantwortungsvoll genug gewesen wären, um ihre Hunde richtig zu halten und zu erziehen. Ich meine es in einem tieferen Sinn, nämlich in dem, wie unsere natürlichen Verhaltenstendenzen als Primaten ebenso natürliche Reaktionen bei Hunden hervorrufen können. Jede der beiden Parteien glaubt dabei, das Gegenüber würde bewusst etwas ganz Bestimmtes kommunizieren, was aber gar nicht der Fall ist.

Es erinnert mich an Diskussionen, die wir oft mit steigender Lautstärke und Pulsfrequenz mit unseren »Artgenossen« führen, bis uns auffällt, dass wir und die Person, mit der wir gerade streiten, über zwei völlig verschiedene Dinge sprechen und wir eigentlich völlig der gleichen Meinung sind. Ich erwähnte schon, wie unser Bedürfnis, Zuneigung zu einem Hund durch Umarmungen auszudrücken, uns beide in Schwierigkeiten bringen kann. Hunde verstehen Umarmungen oft als aggressive Geste und verteidigen sich gegen diese Verrücktheit mit der einzigen Waffe, die sie haben – ihren Zähnen. Da haben wir den Salat, obwohl wir ihnen doch nur mitteilen wollten, dass wir sie mögen.

Die gleiche Art von Fehlkommunikation sehe ich täglich draußen auf der Straße, wenn Menschen Hunde begrüßen möchten. Wir Primaten grüßen, indem wir mit dem Kopf aufeinander zugehen, die Vorderpfoten nach vorn ausgestreckt und mit direktem Kontakt von Gesicht zu Gesicht. Diese Tendenz ist so stark, dass Passanten sich sogar dann noch nach vorn beugen und die Hand vorstrecken, wenn ein Hund mit steifen Läufen gespannt dasteht oder sogar leise knurrt und sein Besitzer warnt: »Bitte streicheln Sie meinen Hund nicht! Er mag keine Fremden!« Die Welt ist voll von glücklosen Hundebesitzern, die ohne jede Wirkung versuchen, andere Menschen von etwas abzuhalten, was von Natur aus über sie kommt. Unsere eingefahrene Art und Weise der Begrüßung ist so stark, dass wir sogar klare Stoppsignale übergehen können.

Nicht alle diese Übersetzungsschwierigkeiten führen zu ernsthaften Problemen. Oft verwirren wir unsere Hunde einfach nur oder sabotieren unsere eigenen Erziehungsversuche. Wir verwirren sie, wenn wir, egal was sie tun, ständig Worte wiederholen, weil Schimpansen und Menschen genau dazu neigen, wenn sie aufgeregt sind. Weil Sprache für unsere Spezies so wichtig ist, sind wir uns der optischen Signale nicht bewusst, die wir an unsere Hunde senden, während wir mit dem Bilden langer Sätze beschäftigt sind. Wir erheben grundlos unsere Stimme und sind viel zu schnell dabei, bei Frustration mit einer Leine um uns zu werfen, weil es das ist, wozu zweibeinige Affen tendieren.

Sich auf das Verhalten an unserem Ende der Leine zu konzentrieren, ist ein neues Konzept der Hundeerziehung. Die meisten professionellen Hundetrainer verbringen sogar sehr wenig Zeit mit dem Training anderer Leute Hunde: Die meiste Zeit benötigen sie für das Training der Leute selbst. Glauben Sie mir, wir sind nicht gerade die am leichtesten zu trainierende Spezies. Sie müssten einmal nach einer Unterrichtsstunde in der Hundeschule zuhören, worüber sich die Trainer unterhalten. Es ist nicht immer Ihr Hund. Die Feststellung, dass Hunde leichter zu trainieren sind als Menschen, ist eines der wenigen Dinge, bei dem mehrere Hundetrainer einer Meinung sein werden. Es liegt nicht daran, dass wir dumm wären und nicht daran, dass wir nicht motiviert wären. Wir sind einfach wir, und genauso wie Hunde auf Gegenständen herumkauen und bellen, so neigen wir zu Dingen, die für uns natürlich sind, auch wenn sie uns nicht immer dienlich sind.

Gute, professionelle Hundetrainer sind zum einen deshalb gut, weil sie Hunde verstehen und wissen, wie sie lernen. Sie sind aber auch deshalb gut, weil sie sich ihres eigenen Verhaltens bewusst sind. Sie haben gelernt, einige der Dinge sein zu lassen, die für unsere Spezies natürlich sind, von Hunden aber falsch interpretiert werden. Das kommt nicht von allein, ist aber eigentlich einfach. Sie können viel darüber in diesem Buch lernen. Sich darüber bewusst zu werden, was wir in Gegenwart unserer Hunde tun, kostet eine gewisse Menge Energie, ein Achten auf unser eigenes Handeln, das uns häufig fehlt. Aber sobald Sie mit dem Achtgeben beginnen und Ihre Aufmerksamkeit auf das eigene Verhalten anstatt auf das des Hundes lenken, werden Sie für Ihren Hund automatisch verständlicher und vernünftiger.

Wenn Sie sich umdrehen und sich von Ihrem Hund wegbewegen, kann dies radikal die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass er auf Ihr Rufen hin kommt. Das Lernen einiger einfacher Bewegungen kann Ihnen helfen, dem Hund »Platz und Bleib« beizubringen, ganz gleich, was im Rest des Hauses vor sich geht. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als sei es einfach, Hundetrainer zu sein – das ist es nämlich nicht. Ich bin genauso stolz auf mein Können in der Hundeerziehung wie auf meinen Doktortitel, und das will etwas heißen. Aber Sie können das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Hund verbessern, wenn Sie sich Ihres eigenen Verhaltens bewusster werden, egal ob Sie ein professioneller Trainer oder ein Familienmitglied mit geliebtem Hund sind.

Jedes Jahr fragen mich mehrere Studenten an der Universität, wie man Tierverhaltenstherapeut werden kann. Manche erzählen mir, sie seien vor allem deshalb interessiert, weil sie Tiere so sehr lieben und gestehen schließlich, dass sie Menschen eigentlich überhaupt nicht mögen. Wir Menschen sind aber ein integraler Bestandteil im Leben von Haushunden und wir können uns nicht vollständig auf einen Haushund beziehen, wenn wir unsere eigene Spezies außer Acht lassen. Je mehr Sie Ihren Hund lieben, desto mehr müssen Sie menschliches Verhalten verstehen. Die guten Nachrichten (ich spreche als Biologin) sind, dass unsere Spezies genauso faszinierend ist wie jede andere. Ich bin genauso verliebt in den Homo sapiens wie in in Canis lupus familiaris, denn auch wenn wir Menschen Idioten sind, so sind wir doch interessante Idioten. Ich möchte Sie also alle dazu einladen, unserer eigenen Art genauso viel Geduld und Verständnis entgegenzubringen wie Sie es bei den Hunden tun. Schließlich scheinen die Hunde uns sehr zu mögen, und ich habe den größten Respekt vor ihrer Meinung.

Die Ähnlichkeiten, die wir teilen und die Unterschiede, die uns verwirren, sind zugleich Segen und Fluch unserer Beziehung zu Hunden. Das Wissen um diese Ähnlichkeiten und Unterschiede war an jenem Abend auf der Autobahn ein Segen. Nachdem die Hunde es im fließenden Verkehr glücklich über die Fahrbahn geschafft hatten, hielten wir sie mit Schraubstockgriff an ihren Halsbändern fest und lachten und weinten vor Erleichterung. Von meinem Autotelefon aus rief ich die Nummer der Tierklinik an, die auf ihren Adressanhängern stand. Der Tierarzt der Klinik war auf dem Rückweg von einer Kuhfarm zufällig gerade auf der gleichen Autobahn unterwegs und war in weniger als zehn Minuten bei uns. In der gleichen Stunde noch waren die Hunde wieder zuhause. Es sah so aus, als hätte der junge Mischling den älteren Golden Retriever ins Abenteuer verführt. Ich rief den Besitzer am nächsten Tag an, und wir weinten beide aus Kummer über die Vorstellung darüber, was hätte geschehen können, und aus Freude darüber, was tatsächlich geschehen war.

Die Hunde leben noch, weil wir Glück hatten, weil die Göttin der Hunde über uns wachte und weil wir wussten, wir unser eigenes Verhalten sie beeinflussen konnte. Achten Sie auf Ihr eigenes Verhalten. Glauben Sie mir, Ihr Hund tut es.

ANMERKUNGEN

1Das mag extrem klingen, aber fragen Sie einmal eine Züchterin, die in Erwartung der Welpen ruhelos umherlief, wie eng sie sich ihrem Hund verbunden fühlte und wie anhänglich die Hündin kurz vor der Geburt wurde.

2Das Kreuzen von Wölfen mit Hunden kann einen ganzen Berg biologischer Probleme schaffen und ist eine Praxis, von der ich dringend abrate.

3Es gibt zwei Arten von Primaten, die man üblicherweise als Schimpansen bezeichnet. Der gemeine Schimpanse (Pan troglodytes) ist der größere von beiden und der bekannteste; dies ist die Art, die Jane Goodall studiert hat. Konventionsgemäß bezeichne ich sie als »Schimpansen«. Die andere Art, manchmal auch Pygmäenschimpanse genannt, bezeichnet man heute als Bonobo (Pan paniscus). Bonobos sind kleiner, neigen eher zum Gehen auf zwei Beinen als Schimpansen und sind so sexbesessen, dass man viel von ihrem Verhalten nicht im Fernsehen zeigen kann. Das will etwas heißen, wenn man bedenkt, was man in dieser Hinsicht von unserer Spezies im Fernsehen sieht.

4Eine größtenteils unerkannte Heldin, die zusammen mit ihrem Mann Bill Weber maßgeblich für die Erhaltung der Berggorillas in Ruanda gesorgt hat. Ihre aufregende Geschichte können Sie in dem Buch »In the Kingdom of Gorillas« nachlesen.

5Meinen Doktortitel (Ph.D.) machte ich in Zoologie, meinen normalen Universitätsabschluss in Psychologie und meine Spezialisierung ist die Ethologie, das Studium des Tierverhaltens.

6Ich habe über zwölf Jahre lang Kurse in Hundeschulen gegeben.

1AFFEN MACHEN ALLES NACH

Die Bedeutung visueller Signale zwischen Menschen und Hunden

Tierverhaltenstherapeutin zu sein, die in ihrer Praxis mit aggressiven Hunden arbeitet, ist die eine Sache. Auf einer Bühne vor mehreren hundert Menschen mit ihnen zu arbeiten, ist eine andere. In einer privaten Beratung ist Ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Hund gerichtet, aber wenn Sie eine praktische Demonstration machen, teilt sich Ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Hund und den Zuhörern auf. Der Versuch, sich auf beide gleichzeitig zu konzentrieren, kann Sie in Schwierigkeiten bringen, weil wichtige Signale nur eine Zehntelsekunde dauern oder nicht größer als ein paar Millimeter sein können. Man fühlt sich ein wenig wie ein Motorrad-Stuntman, wenn man mit einem aggressiven Hund auf der Bühne arbeiten soll. Sie bereiten sich minutiös vor, damit alle Chancen gut für Sie stehen. Sie achten vorher auf viel Schlaf, gute Ernährung und befragen den Hundebesitzer ausführlich. Sie arbeiten mit guten, verlässlichen Leuten, auf die Sie zählen können. Und dann fahren Sie auf die Sprungschanze und hoffen, dass Sie es über die Schlucht schaffen.

Der Mastiff, mit dem ich auf einem Seminar arbeitete, muss über 90 Kilo gewogen haben und hatte einen Kopf in der Größe eines Backofens. Er hatte während der letzten Monate einige Fremde angegriffen und seine Besitzer genauso erschreckt wie deren Freunde. Ständig Leckerchen werfend näherte ich mich ihm immer mehr, während ich dem Publikum erzählte, was ich gerade tat. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn und sah, dass er entspannt aussah, normal atmete und auf ein weiteres Leckerchen wartete. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf eine Frage aus dem Publikum, als ich einen Schritt näher heranging und weiter Leckerchen warf. Ich war jetzt nur noch ein paar Fuß entfernt. Donnas Augen warnten mich. Ich hatte auf Donna Duford, eine kluge und erfahrene Profi-Hunde-trainerin, geschaut und an ihrem Gesicht gesehen, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Der Mastiff stand direkt neben mir, war aber erschreckend ruhig geworden. Ich schaute vorsichtig in seine Richtung und sah dabei, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, direkt in seine Augen – ein Fehler, und ein dummer noch dazu. Direkter Blickkontakt zu einem nervösen Hund ist ein Anfängerfehler. Entweder man lernt, ihn zu vermeiden, oder man ist raus aus dem Geschäft.

Der Hund explodierte wie eine Dampfmaschine aus Muskeln und Zähnen und stürzte geradewegs auf mein Gesicht zu. Sein knurrendes Bellen ließ das Gebäude erzittern. Ich tat, was jeder hoch trainierte Profi in einer solchen Situation tut. Ich trat den Rückzug an.

KLEINE BEWEGUNGEN HABEN GROSSE WIRKUNG

Hätte ich keinen Blickkontakt zu diesem Mastiff aufgebaut, hätten sich meine Augen nur ein paar Millimeter weiter nach rechts oder links bewegt, hätte er mich nicht angegriffen. Diese ganze geballte Kraft hätte ruhig dagesessen und beobachtet, ob ich meine Blickrichtung um einen viertel Zentimeter verschoben hätte. Eine kaum wahrnehmbare Änderung meines Verhaltens hätte den erstaunlichen Unterschied ausgemacht, ob dieser 90-Kilo-Hund ruhig dagesessen oder in Richtung meines Gesichtes losgesprungen wäre.

Diese Geschichte mag ein wenig dramatisch sein, aber die gleichen Auswirkungen subtiler Bewegungen liegen jeder einzelnen Interaktion zwischen Ihnen und Ihrem Hund zugrunde. Hunde sind Meister darin, minutiöse Veränderungen in unseren Körpern wahrzunehmen und sie gehen davon aus, dass jede kleine Bewegung etwas zu bedeuten hat. Kleine Bewegungen Ihrerseits können zu großen Veränderungen im Verhalten Ihres Hundes führen. Wenn Sie irgendetwas aus diesem Buch lernen, dann lernen Sie das. Beispiele dafür gibt es endlos viele. Ob Sie aufrecht und mit geraden anstatt mit hängenden Schultern dastehen, kann den Unterschied ausmachen, ob Ihr Hund sich hinsetzt oder nicht. Ein für Menschen kaum wahrnehmbares Vor- oder Zurückverlagern des Gewichtes ist für einen Hund so deutlich wie eine Leuchtreklame. Änderungen der Richtung, in die Ihr Oberkörper tendiert, sind so wichtig, dass ein Zentimeter vor oder zurück einen verängstigten Streuner entweder zu Ihnen lockt oder von Ihnen wegjagt. Ob Sie tief durchatmen oder die Luft anhalten, kann eine Rauferei zwischen Hunden verhindern oder verursachen. Ich habe dreizehn Jahre lang jede Woche mit aggressiven Hunden gearbeitet, und ich habe immer wieder gesehen, dass winzige Bewegungen manchmal eine schwierige Situation entschärfen können – oder eine solche schaffen.

Als ich einmal eine Tiermedizinstudentin fragte, was sie in den zwei Wochen bei mir gelernt hätte, sagte sie: »Mir war nie bewusst, wie wichtig die Feinheiten meiner Handlungen sind – dass so winzige Bewegungen wie eine Gewichtsverlagerung einen solchen Einfluss auf das Verhalten des Tieres haben können.« Diese Information scheint für keinen von uns besonders naheliegend. Wie seltsam, wenn man sich anschaut, wie wichtig wir winzige Bewegungen innerhalb unserer eigenen Spezies nehmen. Ich fragte bereits eingangs, wie weit Sie eine Augenbraue hochziehen müssen, um den Ausdruck Ihres Gesichtes zu verändern. Gehen Sie und schauen Sie in den Spiegel, jetzt gleich, wenn es geht. Heben Sie Ihre Mundwinkel nur ein ganz winziges bisschen an und schauen Sie, wie sehr sich das Aussehen Ihres Gesichtes verändert. Beobachten Sie die Gesichter Ihrer Familienmitglieder und denken Sie darüber nach, wie wenig Veränderung darin nötig ist, um Informationen zu übermitteln. Diese Informationen, die wir erhalten, indem wir auf kleine Bewegungen in den Gesichtern und Körpern achten, sind entscheidend in unserer Beziehung zu anderen. Dies ist tief in unserem Primatenerbe verankert. Die Spezies der Primaten ist sehr vielseitig – vom winzigen, kaum mehr als 100 Gramm schweren und sich von Saft ernährenden Krallenäffchen bis hin zum 220 Kilo schweren, Blätter kauenden Gorilla. Aber alle Primaten sind stark visuell und sind in ihren sozialen Interaktionen auf visuelle Kommunikation angewiesen. Paviane heben als leichtes Drohsignal ihre Augenbrauen. Schimpansen ziehen die Lippen zu einer Schmollschnute, wenn sie enttäuscht sind. Rhesusmakaken drohen mit offenem Mund und direktem Anstarren. Sowohl Schimpansen als auch Bonobos strecken die Hände aus, um sich nach einem Streit zu versöhnen. Wir Primaten sind auf visuelle Signale als Grundfundament unserer sozialen Kommunikation angewiesen, genau wie Hunde.

Unsere Hunde sind wie Präzisionsinstrumente auf unsere Körper abgestimmt. Während wir über die richtigen Worte nachdenken, beobachten uns die Hunde auf die feinen visuellen Signale hin, mit denen sie auch untereinander kommunizieren. Jeder Artikel und jedes Buch über Wölfe beschreibt Dutzende visueller Signale, die der Schlüssel zur sozialen Interaktion der Rudelmitglieder sind. In dem Buch Wolves of the World beschreibt Erik Zimen, eine weltweit anerkannte Autorität in Sachen Wolfsverhalten, fünfundvierzig Bewegungen, die Wölfe bei sozialen Interaktionen gebrauchen. Zum Vergleich erwähnt er Stimmäußerungen nur dreimal. Das heißt nicht, dass Winsel- oder Knurrlaute für die sozialen Beziehungen von Wölfen nicht entscheidend wichtig wären. Sie sind es. Aber die Bandbreite visueller Signale von leichtem Kopfheben über Vor- oder Zurückverlagern des Gewichtes bis hin zu An- oder Entspannen des Körpers ist bei Wölfen riesig, und jede Interaktion, die ich je mit Hunden hatte, legt nahe, dass visuelle Signale bei Hunden zur Kommunikation ebenso wichtig sind.

Hier haben wir also nun zwei Spezies, Mensch und Hund, die einiges gemeinsam haben: Sie sind beide sehr visuell veranlagt, sehr sozial und programmiert, darauf zu achten, wie sich jemand in der eigenen sozialen Gruppe bewegt, auch wenn die Bewegung nur winzig ist. Was wir aber scheinbar nicht gemeinsam haben ist, dass Hunde viel stärker auf unsere winzigen Bewegungen achten als wir selbst. Das macht Sinn, wenn Sie einmal darüber nachdenken. Während sowohl Hunde als auch Menschen automatisch auf die visuellen Signale der eigenen Spezies reagieren, müssen Hunde noch zusätzliche Energie aufwenden, um die Signale eines Fremden zu übersetzen. Außerdem erwarten wir ständig von unseren Hunden, dass sie tun, was wir ihnen sagen – also haben sie zwingende Gründe, sich mit der Übersetzung unserer Bewegungen und Haltungen zu befassen. Es ist aber auch sehr zu unserem Vorteil, wenn wir stärker darauf achten, wie wir uns in der Gegenwart von Hunden bewegen und diese sich in unserer, denn ob wir es merken oder nicht, wir kommunizieren die ganze Zeit über mit unserem Körper. Sicher wäre es nicht schlecht, wenn wir wüssten, was wir sagen.

Sobald Sie lernen, sich auf die visuellen Signale zwischen Ihnen und Ihrem Hund zu konzentrieren, werden die Auswirkungen selbst winzigster Bewegungen überwältigend offensichtlich. Es ist wirklich nicht anders als in jedem Sport, in dem Sie Ihren Körper darauf trainieren, sich auf Wunsch auf ganz bestimmte Weise zu bewegen. Alle Athleten müssen sich dessen bewusst werden, was sie mit ihrem Körper tun. In der Hundeausbildung ist es das Gleiche. Professionelle Hundetrainer wissen ganz genau, was sie mit ihren Körpern tun, während sie mit einem Hund arbeiten. Für die meisten Hundebesitzer, deren Hunde ununterbrochen versuchen, aus dem Durcheinander der übermittelten Signale schlau zu werden, trifft das nicht zu.

Hunde scheinen in ihrer wachen Aufmerksamkeit auf unsere kleinsten Signale nie nachzulassen. Als ich meinen Hunden das »Sitz« beibrachte, verschränkte ich unabsichtlich meine Hände in Hüfthöhe. Anscheinend machte ich diese Bewegung, ohne es zu merken, wenn ich meine Hunde zu mir rief und mich darauf vorbereitete, etwas anderes von ihnen zu verlangen. Und da ich ihnen häufig als Erstes »Sitz« befahl, lernten meine Hunde schnell, dass gefalteten Händen normalerweise das Kommando »Sitz« folgt. Scheinbar beschlossen sie, dass sie sich und mir genauso gut Zeit sparen und sich auch gleich hinsetzen könnten. Jeder Hundebesitzer kann dafür täglich Beispiele finden. Vielleicht rennt Ihr Hund zur Tür, wenn Sie nach Ihrer Jacke greifen. Vielleicht haben Sie mit Ihrem Hund Fangen gespielt und jetzt stürmt er jedes Mal los, wenn sie sich nach vorn neigen. Die meisten Menschen bewegen die Hand oder einen Finger, wenn sie zu ihrem Hund »Sitz« sagen, auch wenn sie es nicht einmal merken. Aber Ihr Hund merkt es, und ihre Bewegung ist vielleicht sogar für ihn der allerwichtigste Hinweis.

Als ich berufsmäßig mit dem Training von Hunden und ihren Menschen begann, war eines der ersten Dinge, die mir auffielen, wie sehr sich die Besitzer auf ihre Lautäußerungen konzentrierten, während die Hunde offensichtlich auf die Bewegungen achteten. Diese Beobachtung brachte mich und zwei Studenten, Jon Hensersky und Susan Murray, zur Durchführung eines Experimentes, um zu sehen, ob Hunde beim Erlernen einer einfachen Übung stärker auf Laute oder stärker auf Sichtzeichen reagierten. Die Studenten brachten 24 Welpen im Alter von sechseinhalb Wochen1 »Sitz« sowohl auf ein Piepsignal als auch auf eine Bewegung hin bei. Jeder Welpe wurde insgesamt vier Tage lang auf beide Signale gleichzeitig trainiert, aber am fünften Tag gab der Trainer jeweils nur noch ein Signal. In zufälliger Reihenfolge sahen die Welpen entweder die Handbewegung des Trainers oder hörten das Piepsignal zum Sitzen. Wir wollten herausfinden, ob eines der beiden Signale, das akustische oder das visuelle, zu mehr richtigen Reaktionen führte. Das tat es: 23 der 24 Welpen reagierten besser auf das Handzeichen als auf den Ton, während ein Welpe sich auf beides gleich gut hinsetzte. Die Border Collies und Aussies waren, wie Sie vielleicht geahnt haben, Stars bei den Sichtzeichen und reagierten bei 37 von insgesamt 40 Versuchen richtig (und nur bei 6 von 40 Versuchen richtig auf das Tonsignal). Der Dalmatinerwurf setzte sich bei 16 von 20 Handzeichen, aber nur bei vier von 20 Tonsignalen. Die Cavalier King Charles Spaniels zeigten die wenigsten Unterschiede zwischen Sicht- und Hörzeichen; sie reagierten bei 18 von 20 Versuchen korrekt auf das Sichtzeichen und bei 10 von 20 Versuchen korrekt auf das Hörzeichen. Wenn Sie einen Beagle oder einen Zwergschnauzer haben, wird es Sie nicht wundern zu erfahren, dass diese Welpen sich bei 32 von 40 Versuchen korrekt auf das Handzeichen hinsetzten, aber genau keinmal von den 40 Malen, als sie das Tonsignal hörten. Das haben Sie also davon, Ihren Beagle zu rufen, wenn er im Wald einem Kaninchen hinterher jagt.

Ich bin vorsichtig mit diesem Experiment, weil es hier schwierig ist, wissenschaftlich ganz exakt zu arbeiten. Solange Bewegung und Ton nicht vollständig automatisiert waren, konnte ich nicht garantieren, dass beide Signale genau gleich lang gegeben wurden. Waren die Welpen darauf prädispositioniert, stärker auf die Hand zu achten, weil die Trainer ihnen vorher aus der anderen Hand Leckerchen gegeben hatten? Wie konnten wir sicher sein, dass wir eine gleiche »Menge« oder Intensität von jedem Signal gaben? Eine größere Anzahl Welpen wäre besser gewesen, und so weiter und so fort. Die Trainer wussten allerdings nichts vom tatsächlichen Ziel des Experimentes (ich hatte ihnen gesagt, es ginge um Genetik und Geschlechtszugehörigkeit). Ich zeichnete die Trainingslektionen auf Video auf und fand heraus, dass Bewegung und Ton bis auf eine hunderstel Sekunde gleichzeitig begannen und endeten. Wir arbeiteten hart daran, den Test unter diesen Umständen so einwandfrei wie möglich zu gestalten. Wenn man in Betracht zieht, mit welcher Leichtigkeit Hunde visuelle Signale lernen und dass die Gehirne von Säugetieren generell selektiv auf bestimmte Reize über andere reagieren, bin ich der Meinung, dass die Ergebnisse aussagekräftig sind. Ironischerweise betonen viele Menschen oft die »erstaunliche« Fähigkeit ihrer Hunde, ein Handzeichen zu lernen, so als sei dies ein besonders fortgeschrittenes Verhalten. Dabei ist die Reaktion Ihres Hundes auf Ihre Stimme das wahre Wunder!

HEY, MENSCH! ICH VERSUCHE DIR ETWAS ZU SAGEN!

So visuell veranlagt Primaten auch sind, so oft verpassen wir Menschen doch die Signale, die unsere Hunde uns senden. In meinen Seminaren gebe ich beispielsweise eine Demonstration, in der ich meine Border Collie Hündin Pip dafür lobe und streichele, dass sie mir einen Ball zurückgibt. Pip ist mein verschlafener Border Collie, die zwar aus einer reinen Hütehundlinie stammt, aber ein bisschen aussieht wie ein leicht trotteliger Labradormix. Aber sie liebt Bälle für ihr Leben, und zur Belohnung dafür, dass sie mir den Ball zurückgibt, gurre und schnurre ich sie zärtlich an und streichle sie hingebungsvoll über den Kopf. Die Zuschauer reagieren auf meine Bemühungen, Pip zu loben und scheinen sich richtig gut zu fühlen, wenn ich fertig bin. Sie fühlen sich sogar so gut, dass sie mir eine Eins geben, wenn ich sie darum bitte, meine Lobbemühungen zu bewerten. Ich selbst gebe mir allerdings eine Fünf, denn obwohl es dem Publikum gefiel, mein Lob zu sehen und hören, wollte Pip nur eines: den Ball. Ich wiederholte die Übung und sagte den Zuschauern, sie sollten dieses Mal sorgfältig auf Pips Gesicht achten. Ihre Reaktion ist eindeutig, sobald man sich darauf konzentriert. Sie ignoriert meine schmeichelnden Worte, kneift die Augen zusammen, duckt ihren Kopf von meiner Hand weg, drängt nach vorn und starrt den Ball mit Laserblicken an. Pip ist nicht anders als die meisten unserer Hunde, die Lob und Streicheleinheiten in manchen Situationen sehr mögen, in anderen aber nicht. Wie ist es denn bei Ihnen – selbst wenn Sie alles für eine gute Massage geben, möchten Sie eine mitten in einer wichtigen Besprechung bekommen oder in einem spannenden Tennisspiel? Warum um alles in der Welt sollte ein Hund, selbst einer, der das Gestreicheltwerden furchtbar liebt, in allen möglichen Situationen gestreichelt werden wollen? Uns geht es doch nicht anders, egal, wie sehr wir eine Liebkosung mögen.

Sobald die Zuschauer lernen, sich auf Pips Reaktionen zu konzentrieren anstatt auf ihre eigenen, erfassen sie es. Pips Ausweichen vor meiner Hand und offensichtliche Ungeduld, den Ball zurückzubekommen, ist alles andere als unauffällig. Aber aus irgendeinem Grund neigen wir Menschen dazu, nicht auf die visuellen Signale zu achten, die unsere Hunde uns senden. Hunderte von Kunden, die ratsuchend mit ihren Hunden in mein Büro kommen, erklären, die Aggression ihres Hundes sei »aus dem Nichts« gekommen. Und dabei konnte ich deutlich sehen, sogar während die Besitzer zu mir sprachen, dass der Hund ganz klar mitteilte: »Hör auf, mich so zu streicheln. Ich beiße dich, wenn du nicht aufhörst.«

Es ist zu einem Klischee geworden, dass wir Hunde lieben, weil sie uns »bedingungslos positiv gegenüberstehen«. Jeder, der die visuellen Signale von Hunden interpretieren kann, weiß, wie naiv das ist. Wenn Sie eine Gruppe von Hundetrainern zu herzhaftem Lachen bringen möchten, dann beginnen sie von der »bedingungslos positiven Einstellung« der Hunde uns gegenüber zu erzählen. Sie werden schallend lachen und sich auf die Knie klatschen. Mein Border Collie Cool Hand Luke – nobler, treuer Luke, der einmal sein Leben für meins aufs Spiel setzte – hat eine Sorte von Blick, die man nur mit einem bestimmten Wort übersetzen kann. Und dieses Wort lautet nicht etwa Liebe. Luke vergöttert mich, da bin ich ziemlich sicher. Das heißt aber nicht, dass er mich jede Sekunde seines Lebens vergöttert, genauso wenig, wie Sie Ihren Lieblingsmenschen jede einzelne Sekunde Ihres Lebens vergöttern.

Ich denke einige von uns sind der Meinung, dass unsere Hunde uns ständig und vorbehaltlos lieben, weil wir nicht besonders gut darin sind, ihre nonverbale Kommunikation mit uns zu verstehen. Aber sobald Sie beginnen, Ihr Leben mit Hunden zu verbringen, wird sehr klar, dass Liebe nur eine der Emotionen ist, die sie fühlen. Die meisten dieser Signale sind einfach aufzugreifen, wenn wir uns nur die Zeit zum Hinschauen nehmen würden. Viele der von Hunden gesendeten visuellen Signale sind nicht nur auf ihre eigene Spezies beschränkt: Schon 1872 schrieb Charles Darwin über den universellen Ausdruck von Gefühlen bei Tieren, von Ekel über Angst bis zu Drohung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu sehr verallgemeinern und davon ausgehen, dass jeder Ausdruck auf dem Gesicht eines Hundes einem unserer Gefühle entspricht – ein »Grinsen« kann bei einem Hund Zeichen von Angst sein (das kann es allerdings auch bei einem Menschen), aber genauso wichtig ist die Fähigkeit, den Gesichtsausdruck unserer Hunde sorgfältig zu beobachten. So wie ein Profitennisspieler die Naht eines Tennisballes sehen kann, der mit 150 km/h auf ihn zufliegt, kann ein professioneller Hundetrainer die flüchtigen, subtilen visuellen Signale sehen, die voller Informationen stecken. Jeder kann das lernen, Sie müssen sich nur konzentrieren.

FELDFORSCHUNG IN IHREM WOHNZIMMER

Mein Gebiet ist die Ethologie, die Wissenschaft vom Verstehen des Tierverhaltens als Resultat des Zusammenwirkens von Evolution, Genetik, Lernen und Umwelt. Ethologie basiert auf der Grundlage guter, solider Beobachtungen. Sie ist eine strenge Disziplin mit all den High-Tech-Instrumenten und den mathematischen Analysen, die man benötigt, um Genetik, Physiologie und Neurobiologie zu berücksichtigen. Aber sie beginnt mit den grundlegenden Beobachtungen, die jeder durchzuführen lernen kann: Beobachten Sie ein Tier und schreiben Sie auf, was es tut. Das klingt einfach, denn alles was Sie brauchen sind Sie, ein Tier, ein Bleistift und Papier. Kein teurer Apparat mit kompliziertem Namen ist nötig. Wenn kein Hund zur Hand ist, tut es auch jedes andere sich bewegende Lebewesen (Bürokollegen, Freunde oder Ehepartner eingeschlossen). Beschreiben Sie einfach, was der Vogel draußen, der Hund drinnen oder Ihr Kollege gerade tut. Seien Sie klar und präzise. »Mein Hund läuft umher« ist nicht klar und präzise. »Mein Hund geht langsam mit etwa einem Schritt pro Sekunde, hält seinen Kopf parallel zum Schultergürtel und die Ohren entspannt um 40 Grad zur Seite, aber nicht nach hinten gelegt ...« ist klar und präzise. Bis Sie das niedergeschrieben haben, macht das Tier allerdings schon längst wieder etwas anderes. Diese einfache Übung führt schnell zu Frustration, aber schließlich auch zu Bewunderung für die Komplexität von Verhalten.

Bei einer der Demonstrationen, die ich gerne in meine Seminare einbaue, bitte ich meine Zuhörer, nur eine einzige Sekunde laut für mich auszuzählen. Während alle unisono »eintausend« sagen, hüpfe ich, drehe mich, wedele mit den Armen, lächle, schaue böse, lache und weiß der Himmel was sonst noch. Wenn Sie das auf Video aufzeichnen und wie ein Tierverhaltensforscher analysieren würden, würden Sie Dutzende verschiedener Aktionen feststellen, die alle innerhalb der Zeitspanne einer Sekunde geschehen. Eine Sekunde ist für einen Tierverhaltensforscher eine Ewigkeit, weil in weniger als einer Zehntelsekunde viele Aktionen stattfinden können. Gute Beobachtungen zu machen ist schwierig, weil zu viel auf einmal passieren kann, als dass Ihr Gehirn es überhaupt noch wahrnehmen könnte, geschweige denn als dass Sie es niederschreiben könnten. Weil so viele Aktionen gleichzeitig geschehen, ist eines der ersten Dinge, die Ethologiestudenten lernen, ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Aktionen oder Abschnitte zu konzentrieren und den Rest bis zu einer späteren Beobachtungsphase zu ignorieren. Wenn Sie im Beobachten geübter werden, können Sie mehr Details gleichzeitig wahrnehmen, aber am Anfang zahlt es sich aus, selektiv zu sein. Das Schärfen Ihrer Beobachtungsfähigkeit sollte sich direkt auf ein verbessertes Verhalten des Hundes auswirken, denn das, was Sie in der Nähe Ihres Hundes tun, sollte sich direkt darauf auswirken, was er tut. Nur weil seine Bewegungen minimal sind heißt das noch nicht, dass sie nicht wichtig sind.

Nach jahrelanger Arbeit mit Hunden, die mich beißen würden, wenn ich ihre Körpersprache nicht richtig lesen könnte, habe ich mir eine Reihenfolge festgelegt, in der ich die Körperteile betrachte. Wenn ich einen Hund zum ersten Mal treffe, achte ich vorrangig auf seinen Körperschwerpunkt und auf seine Atmung. Lehnt er sich in meine Richtung, weg von mir, oder steht er gleichmäßig auf allen vier Pfoten? Wirkt er wie eingefroren still, atmet er normal oder zu schnell mit flachen Atemzügen? Gleichzeitig schaue ich auf Fang und Augen des Hundes, die mir ein ganzes Universum an Informationen verraten, achte aber darauf, ihm nicht direkt in die Augen zu starren. Auch die Rute ist wichtig, aber nicht so wichtig wie das, was im Gesicht zu sehen ist. Sie können einfach nicht alles auf einmal wahrnehmen. Wenn viel geschieht – sagen wir, der Hund beißt/stürzt auf mich zu oder, schlimmer noch, steht steif, mit hartem Blick und nach vorn gezogenen Lefzenwinkeln, habe ich möglicherweise keine Ahnung, was mit seiner Rute passiert – erst ein paar Sekunden später.

KEIN SPORT OHNE TRAINING