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Jeden Morgen ergreift sie dieselbe eiskalte Panik, dieselbe Ungewissheit: Wer ist sie wirklich? Vor sechs Monaten hatte Millionenerbin Alison einen schrecklichen Unfall. Angeblich ist sie von der Jacht ihres Mannes ins Meer gestürzt. Wie durch ein Wunder wurde sie später an den Klippen gefunden, ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Nach einer OP ist Alison wieder so schön wie zuvor, doch wenn sie in den Spiegel schaut, sieht sie das Gesicht einer Fremden. Aus ihrer Familie schlagen ihr Wellen des Hasses entgegen, und auch ihr angeblicher Ehemann Andrew kommt ihr unheimlich vor. Wie soll sie herausfinden, was damals wirklich geschah, wenn sie sich doch an nichts mehr erinnern kann? Und wem darf sie jetzt noch vertrauen?
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Seitenzahl: 622
Veröffentlichungsjahr: 2012
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SUZANNE FORSTER
Das Arrangement
Roman
MIRA® TASCHENBUCH
MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann
Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH
Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:
The Arrangement
Copyright © 2007 by Suzanne Forster
erschienen bei: Mira Books, Toronto
Übersetzt von Constanze Suhr
Published by arrangement with
HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln
Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln
Titelabbildung & Autorenfoto:
© by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN eBook 978-3-95576-168-4
www.mira-taschenbuch.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
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Andrew Villard konnte sich nicht erinnern, wann er seine müden Augen zuletzt für einen Moment geschlossen hatte. Angestrengt starrte er in die tosenden Meereswellen, die mit voller Wucht gegen den Rumpf des zwanzig Meter langen Schiffes schlugen. Das hier war nicht nur ein Sturm auf hoher See. Seine ganze Welt drohte zusammenzubrechen. Er hielt Ausschau nach dem Körper seiner Frau – und konnte nur noch beten, dass er sie wohlbehalten wiederfinden würde.
Für ein Leben, wie Andrew es führte, hätte mancher Mann alles gegeben: wohlhabend und dementsprechend einflussreich, besaß er genug Macht, um gewisse Privilegien genießen zu können. In einer Welt, die in Gewinner und Verlierer eingeteilt wurde, gehörte Andrew Villard ganz eindeutig zu den Gewinnern. Doch seit zweiundsiebzig Stunden schien seine Glückssträhne vorüber zu sein. Er stand unter Mordverdacht. Als Hauptverdächtiger.
Ein Blitz riss den schwarzblauen Himmel über ihm in zwei Hälften. Der Wind peitschte ihm durchs Haar und er umklammerte den Mast, als eine weitere Welle über den Bug schwappte. Um seine Suche fortsetzen zu können, hatte er eine kleine Mannschaft angeheuert. Am Steuer stand ein erfahrener Kapitän, ein Mann aus der Crew hatte bereits das Hauptsegel gerefft und den Sturmklüver getrimmt, um die Jacht zu stabilisieren.
Andrews Frau Alison war vor drei Tagen auf See verschollen. Bei Sonnenuntergang, sie waren bereits auf dem Heimweg in den Hafen gewesen, war plötzlich ein heftiges Gewitter aufgezogen. Während Andrew unter Deck nach den Rettungswesten suchte, die sich nicht wie üblich im Schrank des Cockpits befanden, hörte er einen so heftigen Schlag gegen den Schiffsrumpf, dass er befürchtete, sie würden kentern. Als er wieder nach oben aufs Deck gestürzt kam, tobte der Sturm bereits, und Alison war verschwunden.
Sie zu finden war so gut wie unmöglich gewesen. Er war allein auf der großen Jacht, um ihn herum wütete das Gewitter, und die Dunkelheit drohte hereinzubrechen. Der starke Wind hatte ihn schließlich zurück in den Hafen getrieben, wo er die Küstenwache über Funk alarmiert hatte. Doch auch deren Suche an der Küste entlang war erfolglos geblieben. Obwohl sie ihr Manöver bis in den gestrigen Abend fortgesetzt hatten, bis orkanartige Winde sie letztlich zum Aufgeben zwangen, hatten auch die Männer der Küstenwache keine Spur von seiner Frau gefunden.
Seit Alisons Verschwinden war er jeden Tag draußen auf der stürmischen See gewesen. Trotzdem verhörte man ihn und schien zu bezweifeln, dass es sich tatsächlich um einen Unfall handelte. Man hatte seine Jacht durchsucht und die dabei entdeckten Schäden dem Bezirkssheriff gemeldet. Jeder wusste, dass Andrew Villard leidenschaftlich gern segelte. In seinen Zwanzigern hatte er mit einem Team an Laser-Boot-Rennen bei den olympischen Sommerspielen teilgenommen. Andrew kannte sich in den Gewässern aus, war ein erfahrener Nautiker. Gerade deshalb erschien es manch einem merkwürdig, dass ihm als erfahrenem Segler so etwas passieren sollte.
Auch ein Team der hiesigen Polizei hatte seine “Bladerunner” inzwischen unter die Lupe genommen und ihn wie einen Tatverdächtigen behandelt. Sie waren auf die zerrissene Rettungsleine und das beschädigte Schiffsdeck gestoßen. Es würde nicht lange dauern, bis ihnen die Versicherungspolice in die Hände fiel. Und dann war da noch der tragische Tod seiner Exverlobten. Die Medien hatten damals dafür gesorgt, dass jeder davon erfuhr. Man hatte das Unglück als einen weiteren Beweis für den sogenannten Villard-Fluch betrachtet.
Wenn er Alison nicht fand, würde man ihn des Mordes anklagen. Morgen oder übermorgen. Bald. Dann würde er im Gefängnis landen.
Der Bug wurde nach oben gerissen und stürzte wieder abwärts. Eine Wasserwand schlug Andrew so heftig zu Boden, dass er fast den Mast losgelassen hätte. Als er sich wieder aufrappelte, konnte er niemanden von seiner Mannschaft sehen. Besorgt kroch er zum Cockpit hinüber, wo er den zusammengekauerten Lotsen entdeckte, der sich ans Steuer klammerte. Der andere Mann hatte im Türrahmen des Cockpits Zuflucht gesucht.
“Drehen Sie um!”, rief Andrew und winkte dem Lotsen am Steuer zu. “Wir kehren in den Hafen zurück!”
Er sah die Erleichterung auf den Gesichtern der beiden Männer und wusste, dass er richtig entschieden hatte. Das hier war sein Problem, nicht das ihrige. Er hatte keinerlei Recht, das Leben seiner Mannschaft aufs Spiel zu setzen.
Eine weitere Welle hob sie in die Luft. Sie segelten wie der “Flying Dutchman”, als ein Crewmitglied plötzlich wild gestikulierte. “Dort!”, schrie er und zeigte nach Südosten. “Die Felsriffe! Seht zu den Riffen hinüber!”
Andrew konnte nichts erkennen und wusste nicht, was der Mann meinte. Vor den Felsen lag eine dichte Nebelwand, und bevor er zum Mast zurückgelangte, war die Bladerunner bereits wieder in einem tiefen Wellental versunken. Das Wasser schwappte wie eine hohe Mauer über sie, doch als sie sich auf den nächsten Wellenkamm erhoben, bemerkte er, dass die Gewässer im Südosten ruhiger wurden. Der Sturm schien an ihnen vorübergezogen zu sein, weiter hinaus in den Pazifik.
Inmitten der dunklen zerklüfteten Felsen erblickte er einen hellen Punkt. Andrew dachte nicht an die Gefahr, als sie darauf zu segelten. Die Wellen krachten noch immer heftig über sie herein, doch er war wie gebannt von dem, was sich immer deutlicher als ein menschlicher Körper abzeichnete. Der Schiffsmotor den man zur Verstärkung gegen den Wind angeworfen hatte, um besser wenden zu können, heulte laut auf. Es war nicht nötig, dass Andrew den Lotsen instruierte. Der wusste genau, was zu tun war.
Je näher sie dem Felsen kamen, desto sicherer wurde Andrew, dass es sich tatsächlich um einen Menschen handelte, eine Frau. Entweder tot oder ohne Bewusstsein. Sie lag zwischen den scharfkantigen Steinen im flachen Wasser. Sturm und Wellen hatten ihr offensichtlich die Kleidung regelrecht vom Körper gerissen, sie war fast nackt. Es sah so aus, als habe sie sich an einem riesigen Stück Treibholz verfangen, das sie davor rettete, hinaus ins offene Meer getrieben zu werden.
Sie war schrecklich zugerichtet. Andrew wurde fast übel, als er bemerkte, dass ihr Gesicht nur noch aus einer einzigen blutigen Wunde bestand. Er konnte nur mit Mühe erkennen, wo sich ihr Mund und die Nase befunden hatten. Ihre Gesichtszüge waren nicht mehr auszumachen. Das Treibholz hatte sie zwar über Wasser gehalten, doch nicht davor bewahrt, gegen die Riffe geschleudert zu werden.
Andrew und seine Crew beeilten sich, ein Rettungsboot herunterzulassen. Rasch kletterten sie hinein und fuhren auf die Stelle zu. Auch als er direkt vor ihr stand, konnte Andrew sie nicht identifizieren, so entstellt war sie durch ihre Verletzungen. Wie gebannt starrte er sie an. Plötzlich glaubte er zu sehen, wie sie ihre Hand leicht anhob. Lebte sie?
Während sie den fast leblosen Körper der Frau bargen, bemerkte er, womit sie sich im Treibholz verfangen hatte – ein breites goldenes Armband, ein altes Geburtstagsgeschenk von ihm an Alison. Andrew wusste nicht, ob er vor Erleichterung oder Entsetzen erschauerte. Er hatte seine Frau gefunden.
Andrew war schon fast so weit, das Nichtraucher-Schild von der Wand zu reißen. Jedes Mal, wenn er sich umdrehte, starrte er direkt auf diese Tafel, die ihn daran erinnerte, wie sehr er sich nach einer Zigarette sehnte. Er hatte vor über einem Jahr beschlossen, das Rauchen aufzugeben, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wie abhängig er war. Früher hatte er eine Schachtel pro Tag geraucht. So hatte es auch mehrere Monate gedauert, bis die Sucht schließlich etwas nachließ. Jetzt überfiel sie ihn erneut mit aller Macht – und dieses Schild sorgte dafür, dass er sie keine Sekunde vergaß.
Zurzeit war er wohl der einzige Süchtige, der in der VIP-Lounge des Providence Saint Joseph's auf und ab lief. Als Konzertveranstalter kannte Andrew diese Art von Wartezimmer. Den Reichen und Berühmten musste man immer gut ausgestattete Aufenthaltsräume bieten. Das traf auch auf Krankenhäuser zu. In diesem hier arbeitete tagsüber eine Empfangsdame, es gab Kaffee gratis, Gourmetsnacks und Flachbildfernseher. Man hatte ihm als Besucher sogar ein Zimmer angeboten, um sich schlafen zu legen. Doch dafür war Andrew viel zu aufgedreht. Er konnte sich denken, womit er diese Sonderbehandlung verdient hatte. Nicht umsonst hatte er letztes Jahr das Krankenhaus mit zehntausend Dollar unterstützt.
Er sah auf die Uhr. Es war sechs Uhr morgens, und er wartete darauf, Neues über Alisons Zustand zu erfahren. Sie war bereits zwölf Stunden im OP, und Andrew hatte seit drei Uhr nichts mehr gehört. Da hatte man ihm mitgeteilt, dass seine Frau wahrscheinlich fähig sein werde, ein normales Leben weiterzuführen. Allerdings würde es noch ein paar Stunden dauern, ihr Gesicht zu rekonstruieren.
Außerdem hatte man ihn vorgewarnt, dass weitere Operationen nötig sein würden.
Zum Glück hatte er darauf bestanden, dass sie ins Saint Joseph's gebracht wurde. Noch von der Jacht aus hatte er angerufen, sodass sie im Hafen bereits von einer Ambulanz empfangen wurden. Die Sanitäter hatten sie zunächst ins Trauma-Zentrum im San Diego General gebracht, doch nachdem feststand, dass sie unter keinen ernsten inneren Verletzungen litt, hatte Andrew für ihre Verlegung ins Saint Joseph's gesorgt, wo die besten Rekonstruktions-Chirurgen der Welt arbeiteten.
Die Ärzte im Trauma-Zentrum hatten keine Probleme, ihre Knochenbrüche zu versorgen, aber er wusste, dass es wahrer Meister bedürfen würde, um ihr wunderschönes Gesicht wiederherzustellen.
Alisons Gesicht. Andrew sah ihre feinen, gleichmäßigen Züge genau vor sich. Sie glich einem modernen Schneewittchen. Wahrscheinlich hätte sie lieber ein Bein verloren als ihr exquisites Gesicht. Aber so schön sie auch war, es plagte sie dennoch eine ständige Unsicherheit, die sie immer wieder nach Bestätigung suchen ließ. Das erklärte wohl ihre Besessenheit, Karriere als Popstar zu machen, und ihre große Erwartung an Andrew, seine Verbindungen spielen zu lassen, um ihr diesen Traum zu erfüllen. Das war nicht der einzige Grund, warum ihre Ehe gescheitert war, aber einer von vielen.
Aus dem Augenwinkel sah Andrew etwas Blaues aufblitzen. Eine junge Chirurgin, noch immer im OP-Kittel, kam durch die Tür des Warteraumes auf ihn zu. Andrew erkannte sie als Teil des Ärzteteams, das die Operation durchführte.
Ihrem Gesichtsausdruck ließ sich nichts entnehmen, außer dass sie ziemlich erschöpft war. Doch Ärzte waren ohnehin ständig darum bemüht, sich keine Gefühle anmerken zu lassen. Es könnte genauso gut sein, dass Alison tot war. Das Gesicht dieser Ärztin würde auch in diesem Fall nichts weiter offenbaren als professionelles Mitleid. Im Moment war nicht einmal das zu erkennen.
“Wie geht es ihr?”, fragte er.
Die Chirurgin wischte sich über die Stirn, und Andrew entdeckte die Blutflecken auf ihrem Ärmel.
“Es ist eine ziemlich komplizierte Angelegenheit”, sagte sie, “aber es läuft gut.”
Andrew fühlte sich wie benommen, wahrscheinlich vor Erleichterung. “Sie wird sich wieder vollkommen erholen?”
“Wie Sie ja wissen, hatte Ihre Frau die schwersten Verletzungen im Gesicht. Wir mussten ihren Unterkiefer ersetzen und die Nase rekonstruieren. Es werden später noch weitere Operationen nötig sein, aber die Chancen stehen gut, dass wir nicht nur die Struktur des Gesichts, sondern alle charakteristischen Eigenarten wiederherstellen können.”
“Sie arbeiten nach den Fotos, die ich Ihnen gegeben habe?” Selbst nachdem alle Wunden gesäubert waren, war Alison kaum wiederzuerkennen gewesen. Deshalb hatte Andrew sie detailliert beschrieben und den Ärzten seine Fotos, die meisten Nahaufnahmen seiner Frau, die er in der Brieftasche bei sich trug, überlassen.
“Ja.” Sie lächelte, und man sah trotz der Müdigkeit, die sich auf ihren Zügen abzeichnete, dass sie äußerst zufrieden mit ihrer Arbeit war. Es war ein Sieg der Medizin und natürlich für sie ganz persönlich. “Wir haben dabei sogar noch die Reste eines Muttermals am Hals entfernt”, erklärte sie stolz.
“Muttermal?” Plötzlich wurde ihm schwindlig, und der Raum um ihn herum schien sich zu drehen. Er merkte überhaupt nicht, dass er die Ärztin wie hypnotisiert anstarrte, bis er hörte, wie sie seinen Namen rief.
“Mr. Villard? Ist alles in Ordnung?”
“Ja, ja.” Er zwang sich zu lächeln, obwohl er noch immer alles verschwommen sah. Er massierte sich die Stirn, weil er mit einem Mal Kopfschmerzen bekam. “Ich habe schon so lange nicht mehr geschlafen.”
“Es wird nicht mehr lange dauern.”
“Ich hole mir einen Kaffee”, sagte er und bemerkte, dass er atemlos klang. Es war tatsächlich lange her, dass er ein Auge zugetan hatte, und er war vollkommen erschöpft. Das war die Erklärung dafür, dass er sich so sonderbar verhielt. Jedenfalls sollte das die Ärztin glauben.
New York, sechs Monate später
Alison Fairmont-Villard schlug widerstrebend die Augen auf. Sie befand sich in ihrem privaten Schlafzimmer und trotzdem verwirrte sie der Anblick um sie herum. Andrew hatte darauf bestanden, dass sie sich weit weg von der kalifornischen Heimat an der amerikanischen Ostküste in seinem Haus am Oyster Bay auf Long Island erholte. Das war jedoch nicht der Grund für ihr Durcheinandersein. Vielmehr begann jeder Tag seit dem Unfall mit einer Erkenntnis, die sie fast körperlich spürte. Es war, als müsse sie ihr ganzes Denken und Empfinden zurechtrücken, es in die neue Zeit und an den neuen Ort verpflanzen, in eine Welt, die sie kaum kannte. Und über die sie doch mehr wusste, als ihr lieb war.
Ihre Amnesie war nicht so umfassend, wie die Ärzte vermuteten. Sie erinnerte sich nicht daran, wie sie auf die Felsen aufgeschlagen und fast ertrunken war, und auch nicht, wie sie in das rasende Gewässer des Ozeans gestürzt war, doch sie besaß noch genug Erinnerungen an das, was sich davor ereignet hatte, um sich zu fürchten.
Diese aufblitzenden Bilder aus der Vergangenheit erschienen ihr wie blendende Scheinwerferlichter, die sie blind für alles andere machten. Alles darum herum schien wie ein Ring aus tiefer Finsternis.
Vielleicht kam das von den Tabletten, die sie reihenweise nahm, um schlafen zu können und um sich ihrer Träume zu erwehren. Egal, ob es Tag oder Nacht war, wenn sie eine winzige blaue Pille schluckte, wurde sie an einen kühlen, sicheren Ort transportiert, eine schattige tropische Lagune, an der ihre Gedanken frei von allen Wirren und jedem Aufruhr waren. Dann schlief sie unschuldig wie Eva vor dem Sündenfall.
Sie umklammerte den kleinen verbeulten Kupferring, der an ihrem Armband hing. Er war ein hässliches Stiefkind unter all den zierlichen goldenen Anhängern, doch sie war erleichtert, ihn nicht verloren zu haben. Immer wieder hatte sie danach gegriffen, es war schon ein Reflex. Eine peinliche Angewohnheit. Aber dem Tod so nahe gewesen zu sein, hatte sie abergläubisch werden lassen, und dieser alte Kupferpenny hatte ihr buchstäblich das Leben gerettet, als er sich an diesem Stück Treibholz verfing. Seine Talismanfunktion war damit bewiesen.
Sie rollte sich auf die Seite und setzte sich auf, ohne darauf zu achten, dass sie nackt war. Es konnte sie ohnehin niemand sehen. Sie teilte diese wunderschöne Suite, in der sie ihre Tage verschlief, nicht mit Andrew, und soweit sie wusste, war das auch immer so gewesen. Vor dem “Unfall”, wie sie es nun nannten, hatten sie in seinem Apartment in Manhattan gelebt. Hier in seinem beträchtlich größeren Anwesen in Oyster Bay lagen ihre Schlafzimmer in verschiedenen Gebäudeflügeln. Jeder hatte seine privaten Räume. Jeder führte sein eigenes Leben.
In den letzten Tagen hatte sie kaum Kontakt zu ihrem Ehemann gehabt, bis auf die hin und wieder stattfindenden Besprechungen von gesellschaftlichen Veranstaltungen, zu denen sie ihn begleiten sollte. Doch das waren sehr wenige. In den ersten Wochen nach dem Unfall hatte er stundenlang damit verbracht, ihre Wissenslücken bezüglich ihres Lebens mit ihm auszufüllen, ebenso die aus ihrem Leben davor. Er erzählte ihr alles, was er aus ihrer Vergangenheit wusste, doch was er von ihrer Beziehung berichtete, machte ihr klar, dass sie vor dem Unfall kurz vor der Scheidung gestanden hatten – und Andrew schien nicht die Absicht zu haben, ihre Ehe jetzt wieder zu kitten.
Er schien sie nicht einmal zu mögen, was ihr ein seltsam leeres Gefühl gab und sie irgendwie wütend machte. Dabei war sie sich gar nicht sicher, wie sie selbst früher zu ihm gestanden hatte. Die intimen Einzelheiten ihrer Beziehung wollte er nicht erläutern, wodurch er sie gleichzeitig neugierig und misstrauisch machte. Hauptsächlich aber fühlte sie sich verloren. Wie sollte sie Puzzleteile zusammensetzen, wenn ihr die Hälfte fehlte?
Sie waren zurzeit nur aufgrund jener Vereinbarung zusammen, die sie getroffen hatten – ihre Beziehung war rein geschäftlich. Sobald sie sich genug erholt hatte, um alleine zurechtzukommen, hatte er sie auch allein gelassen. So wollte er es. Was sie wollte, schien nicht von Belang zu sein, obwohl sie fairerweise zugeben musste, dass er sie zumindest einmal danach gefragt hatte.
Was willst du mit deiner zweiten Chance anfangen?
Ihre Antwort hatte ihn überrascht. Sie hatte ihm nämlich erklärt, dass sie nie um eine zweite Chance gebeten hatte.
Sie stand auf und reckte sich, streckte die Arme aus und spürte die Spannung im ganzen Rücken. Statt ihrer Trägheit machte sich plötzlich ein leichtes Schuldgefühl in ihr breit, als ihr der Zustand ihres Schlafzimmers und des anschließenden Wohnraumes auffiel, den sie teilweise durch den offenen Türbogen sehen konnte. Überall hatte sie irgendwelche Kleidungsstücke fallen gelassen, Bücher und Magazine lagen verstreut auf dem Boden und den Ablagen.
War sie schon immer so nachlässig gewesen? Vielleicht lehnte sie sich unbewusst gegen seinen Ordnungswahn auf. Er hatte einmal von unterwegs angerufen, als er auf Reisen gewesen war, und sie gebeten, nach einem Dokument in seinem Arbeitszimmer zu suchen, das sich neben seinem Schlafzimmer befand. Sie war erstaunt gewesen, wie er sein Leben organisiert hatte.
Bei ihr war überhaupt nichts organisiert. Im Vergleich zu ihm kam sie sich ziemlich schlampig vor.
“Du bist ein Zombie”, murmelte sie vor sich hin und erschrak über ihre heisere Stimme. Bis auf eine leichte Veränderung durch die Operation hatte sie offensichtlich immer so geklungen. “Tu doch was”, sagte sie zu sich. “Irgendwas, nur nicht ständig schlafen.”
Sie ging ins Bad, um zu duschen und sich anzuziehen. Vielleicht würde sie sich anschließend aus der Küche etwas zu essen holen. Immerhin war es schon spät am Morgen, und sie sollte eigentlich hungrig sein. Allerdings verspürte sie selten Appetit, vor allem nicht auf die Biokost, die Andrew bevorzugte.
Zweimal die Woche kam jemand zum Saubermachen und Einkaufen, doch darüber hinaus gab es keine Hausangestellten. Kurz nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte er die Leute beurlaubt. Er fürchtete neugierige Beobachter und die Sensationspresse.
Er hatte sich in der Musikbranche einen Namen gemacht, nicht nur durch die hochkarätigen Veranstaltungen, die er organisierte, sondern auch wegen der Talente, die er entdeckt hatte. Dass er dazu noch ein großer, eleganter dunkelhaariger Typ war, konnte auch nicht schaden. Vor Jahren war er mit einer seiner Entdeckungen verlobt gewesen, eine Popdiva namens Regine, die unter offensichtlich äußerst mysteriösen Umständen in seinem Swimmingpool ertrunken war.
Noch ein Unfall. Die Frauen in Andrews Leben schienen dafür anfällig zu sein.
Die Medien nannten es den Villard-Fluch, doch Andrew wollte nicht darüber reden und gab ihr lediglich ein paar dürftige Informationen, die sie auch in der Zeitung hätte lesen können. Seine Mutter war ein aufsteigender Star der New Yorker Oper gewesen, als sie während einer Probe einen tödlichen Unfall erlitt. Sie hatte mit Andrew, der zu dieser Zeit noch ein Teenager war, und mit ihrem Mentor, dem künstlerischen Leiter der Oper, zusammengelebt, und Andrew war nach ihrem Tod bei ihm geblieben, um seine Schulausbildung abzuschließen. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen, als er noch ein Baby war, und seine Mutter hatte sich sehnlich gewünscht, dass er in einem kulturellen Umfeld aufwuchs. Niemand hatte etwas dagegen gehabt, am allerwenigsten Andrews Vater, der in die Wildnis von Wyoming gezogen war und inzwischen eine neue Familie gegründet hatte.
Als Alison ihn einmal bedrängte, mehr über Regine zu erzählen, war sie erschrocken, wie brüsk er darauf reagierte. Offensichtlich schmerzte ihn der Verlust noch immer, obwohl das Unglück schon fünf Jahre zurücklag. Er hatte ihr befohlen, nie wieder nach Regine zu fragen, jedoch angedeutet, dass es eine Dreierverbindung gegeben habe, bei der sie, Alison, eine der Beteiligten gewesen sei. Julia, ihre Mutter, hatte die Beziehung zwischen Alison und Andrew nicht gebilligt und dafür gesorgt, dass sie sich trennten. Damals war Alison achtzehn gewesen. Soweit sie wusste, war Andrews Verhältnis zu Regine bis dahin rein geschäftlich gewesen, hatte sich dann allerdings nach der Trennung von Alison und Andrew zu einer Affäre entwickelt. Es war ziemlich schnell etwas Ernstes daraus geworden, doch bevor sie hatten heiraten können, war Regine verunglückt.
Ein Jahr danach hatten Andrew und Alison heimlich geheiratet … und nun das.
Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Eine ungewisse Angst nagte an ihr, so sehr sie sich auch bemühte, sie zu verdrängen. Gab es Männer, für die es bequemer war, sich einer Frau zu entledigen, als sich von ihr zu trennen? Das wäre krankhaft, und sie weigerte sich, solche Gedanken über ihren Ehemann zuzulassen. Nach wie vor fühlte sie sich desorientiert und verwirrt. Im Moment gab es nichts, an das sie sich klammern konnte, keinen Bezugspunkt, der ihr Halt gab. Aber das würde sich ändern.
Die Kühle des großen graugrünen und weißen Badezimmers wirkte beruhigend auf sie, als sie barfüßig auf die Kalksteinfliesen trat. Das hauptsächlich aus Glas und Stahl gebaute Haus hatte mehrere Ebenen mit bogenförmigen Oberlichtern und stand auf niedrigen Sanddünen. Es war eines der wenigen modernen Gebäude in Oyster Bay Cove, und Andrew hatte auch die Inneneinrichtung hell und schlicht gehalten, damit nichts von der Schönheit der Küstenlandschaft und des Meeres ablenken würde.
Als sie in die Duschkabine schlüpfte, klingelten die Anhänger an ihrem Handgelenk leise. In letzter Zeit hatte sie das Armband nie abgenommen, nicht mal zum Baden. Ohne das Schmuckstück fühlte sie sich zu verletzlich. Ein Teil ihres Lebens war verloren gegangen, und an bestimmte Einzelheiten ihrer Vergangenheit erinnerte sie sich nur noch verschwommen, doch sie sah sich selbst vor dem Unfall als eine abenteuerlustige Person. Manche hätten vielleicht sogar gesagt, leichtsinnig. Nun war sie ständig darauf bedacht, sich zu schützen. Auf ihrem Nachttisch neben dem Bett bewahrte sie einen Briefbeschwerer aus Marmor auf, und in der Schublade lag ein Küchenmesser, nur für den Fall.
Sie drehte an dem Hahn der glänzenden Stahlarmatur, und von oben rauschte dampfend heißes Wasser herunter. Sie liebte diese Regenwalddusche. Wenn sie darunterstand, hatte sie tatsächlich das Gefühl, als wäre sie in einen tropischen Wolkenbruch geraten.
Als sie ein paar Minuten später aus der Dusche stieg und sich ein Handtuch umwickelte, spürte sie, dass sich etwas im Raum verändert hatte. Doch alles sah genauso aus wie vorher, während sie noch tropfnass durchs Badezimmer lief.
Erst in ihrem Schlafzimmer entdeckte sie dann einen Brief auf dem Schreibtisch, zusammen mit einer handgeschriebenen Notiz. Der geprägte Umschlag war aus blassblauem Leinen und so zart und glatt wie Seide. Er war an sie adressiert, aber bereits geöffnet und auch gelesen. Das wusste sie, da Andrews Notiz neben dem Umschlag lag. Er hatte nur zwei Sätze geschrieben und seinen Namen mit dem üblichen geschwungenen großen “A” daruntergesetzt.
Alison, diesmal ist es unumgänglich. Wir müssen gehen. Andrew.
Sie zog den gleichfarbigen Briefbogen aus dem Umschlag und spürte, dass ihre Nerven zum Zerbersten angespannt waren. Sie verschlang den Inhalt des Briefes regelrecht.
Meine liebste Tochter,
dein Schweigen bricht mir das Herz. Bald wirst du achtundzwanzig, und obwohl keine Einladung notwendig ist, da dies hier immer dein Zuhause bleiben wird, werde ich trotzdem eine schreiben, damit du siehst, wie sehnlichst ich dich wiedersehen möchte.
Bitte komm nach Sea Clouds, um mit deinem Bruder und mir deinen Geburtstag zu feiern. Andrew ist natürlich auch eingeladen.
Ich vermisse dich so sehr.Alles Liebe, deine Mutter
Alisons Kehle fühlte sich vollkommen ausgetrocknet an. Einladung? Das war eine Aufforderung, bei ihrer Mutter zu erscheinen. Sie hatte gewusst, dass es passieren würde, aber deshalb war es nicht weniger katastrophal. Andrew hatte ihre Mutter seit dem Unfall von ihr ferngehalten. Dies sei zu Alisons Schutz geschehen, um ihr Zeit zu lassen, sich zu erholen und darauf vorzubereiten. Doch Julia Fairmont hatte ihr wieder und wieder Zeichen ihrer Versöhnungsbereitschaft gesandt. Sie wollte ihre einzige Tochter sehen, und niemand konnte Alison jetzt noch schützen.
Am liebsten hätte sie den teuren Briefbogen in den Schredder gegeben und zu einem Haufen Papierstreifen verarbeitet. Doch nicht mal für diesen symbolischen Verzweiflungsakt hatte sie die Kraft. Sie fühlte sich, als hätte sie vollkommen die Kontrolle über ihr Leben verloren, als sei sie eine Schachfigur, die von Meisterspielern herumgeschoben wird, und einer davon war ihr Ehemann.
Der Brief war nur ein Beispiel. Er war an sie adressiert, aber Andrew hatte ihn geöffnet, gelesen und ihr gesagt, wie sie darauf reagieren würden, auch wenn die Entscheidung ihr Leben betraf, ihre Familie – und deshalb von ihr hätte getroffen werden sollen. Nun da er glaubte, es sei an der Zeit, die Beziehung zu ihrer Mutter ins Reine zu bringen, würde dies auch geschehen. Obwohl es ein Teil der Abmachung war, die Alison mit ihm getroffen hatte, gefiel ihr der Gedanke nicht, unter diesen Umständen nach Mirage Bay zurückzukehren.
Sie hatte nur aus gewissen persönlichen Gründen eingewilligt, die ihr sehr wichtig waren. Aus genau denselben Gründen blieb sie auch hier in diesem Haus und ertrug Andrews ständige Einmischungen. Unglücklicherweise musste sie ihn nun ins Vertrauen ziehen, denn sie würde in Mirage Bay seine Hilfe benötigen. Doch es war nicht der richtige Zeitpunkt für einen Besuch dort.
Die Einladung ihrer Mutter hing gewiss mit dem Fünfzig-Millionen-Dollar-Treuhandvermögen zusammen, das an Alisons achtundzwanzigstem Geburtstag an sie hätte übertragen werden sollen, wenn sie nicht auf die Reichtümer ihrer Familie verzichtet und Andrew geheiratet hätte. Julia Fairmont hatte vor Wut fast einen Schlaganfall bekommen. Sie hatte für vier Jahre jeden Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen, und Andrews Berichten zufolge war das nicht einseitig gewesen. Auch Alison hatte lange keinen Versuch unternommen, diese Kluft zu überwinden.
Doch im vergangenen Februar hatte Alison in einem Anfall von Gewissensbissen ihren Mann überredet, den Winter in Mirage Bay zu verbringen, sodass sie sich mit ihrer Mutter aussöhnen könne. Anfang des Jahres hatte Andrew dann die Bladerunner für Ausbesserungen zurück an die Westküste gebracht, damit sie auch dort nicht auf sein geliebtes Schiff verzichten mussten.
Alles hätte so schön sein können, doch Alisons Mutter hatte das Friedensangebot brüsk zurückgewiesen – und dann auf einer ihrer Segeltouren hatte es diesen dramatischen Wetterumschwung gegeben, bei dem Alison ins Wasser gestürzt war. Nun plötzlich sollte alles vergeben und vergessen sein. Ihre Mutter wollte sie zurück. Irgendetwas daran erschien Alison merkwürdig, und Andrews Drängen verstärkte den Druck auf sie nur noch.
Es störte Alison, dass er in ihr Zimmer gekommen war, während sie geduscht oder möglicherweise auch während sie geschlafen hatte. Es war nicht das erste Mal gewesen. Mindestens zweimal hatte sie Anzeichen dafür gefunden, dass er unbemerkt in ihrem Zimmer gewesen war. Eine offen gelassene Tür oder wie heute eine Nachricht.
Es würde sie nicht überraschen, wenn er sie von seiner ständigen Anwesenheit wissen lassen wollte, damit sie sich nie vollständig in Sicherheit wiegte, auch nicht im Schlaf. Ihre Tabletten, von denen er nichts ahnte, lösten jedoch dieses Problem. Die Ärzte und Krankenschwestern, bei denen sie in Behandlung war, stellten ihr stillschweigend weiterhin die Rezepte aus oder versorgten sie mit Ärztemustern.
Manchmal fühlte sie sich in diesem Haus wie eine Geisel. Beizeiten hatte sie dieser Gedanke so sehr beschäftigt, dass sie sich im Internet ausgiebig über die Dynamik der Geiselnahme informiert hatte. Der Widerstand einer Gefangenen – und ihr Wille – können systematisch gebrochen werden, wenn man immer wieder ihre Privatsphäre stört. Wenn man in den persönlichsten Bereich eines Menschen eindringt, steigt das Angstgefühl – was den paradoxen Effekt hat, dass sich die Geisel von ihrem Geiselnehmer noch abhängiger fühlt.
Zuerst hatte sie das nicht wahrhaben wollen. Andrew unterdrückte sie nicht. Er schützte sie. Er hatte ihr das Leben gerettet. Doch irgendwann musste sie sich die Wahrheit eingestehen. Sie wusste nicht, wie oft er in ihrem Zimmer gewesen war, ohne dass sie es bemerkt hatte, und auch nicht, was er in dieser Zeit machte – allein schon bei dem Gedanken daran hätte sie am liebsten gleich noch eine Beruhigungspille geschluckt. Wenn sie ihr Leben nicht bald wieder in den Griff bekam, würde sie womöglich noch tablettensüchtig werden.
Ihr begehbarer Schrank hatte die Ausmaße eines kleinen Schlafzimmers. Es gab darin Unmengen an Outfits, die ihr zur Auswahl standen, doch sie wählte dasselbe, was sie am Tag zuvor bereits getragen hatte, ein Paar weiße Shorts und ein schwarzes Tanktop. Mit Shorts konnte man an einem Julimorgen am Strand nichts falsch machen. Wenn die Sachen ein bisschen locker saßen, dann lag das daran, dass sie nach ihrem Martyrium die verlorenen Pfunde nicht wieder zugenommen hatte.
Ihr Haar war noch von der Dusche nass und würde sich in wilde Locken kringeln, wenn sie es einfach so trocknen ließ. Zumindest hatte sie ihre Naturhaarfarbe zurück. Entgegen Andrews Wünschen hatte sie vor einiger Zeit aufgehört, sich das Haar zu blondieren und es in ihrem natürlichen Ton gefärbt. Nun war die Tönung beinahe vollständig herausgewachsen und ihr Haar erstrahlte wieder in einem satten Rehbraun. Endlich hatte sie das Gefühl, wieder sie selbst zu sein.
Sie stellte den Föhn auf die höchste Stufe. Das gehörte zu dem Teil ihres Morgenrituals, den sie am wenigsten mochte – Haare trocken föhnen, sich schminken und zurechtmachen. Nichts von alldem interessierte sie besonders – und wen würde sie denn schon treffen? Sie lebte im selben Haus mit einem Mann, von dem sie seit über einer Woche keine Spur gesehen hatte. Die Chance, sich zu begegnen, war gering. Vielleicht sollte sie sich einfach nur einen Apfel aus dem Kühlschrank holen und dann am Strand spazieren gehen.
Sie stellte den Haartrockner wieder aus, ohne ihn benutzt zu haben, und hängte ihn zurück in die Halterung. Diese ständigen Kontrollen ihres Ehemannes verstand sie nicht. Er war derjenige, der darauf bestanden hatte, dass sie bis auf die gesellschaftlichen Verpflichtungen beide ihr eigenes Leben führten. Sie waren sich darüber einig gewesen, dass Sex ausgeschlossen war, also konnte es nicht ihre eheliche Treue sein, die ihm Sorgen bereitete. Und trotzdem schien er das Bedürfnis zu haben, sie ständig zu kontrollieren.
Sie hätte ihn herausfordern sollen, aber das war ein Kampf, den sie sich wohl für später aufheben musste. Im Moment konnte sie die Energie dafür nicht aufbringen. Genauso wenig konnte sie die Fahrt nach Mirage Bay antreten. Sie benötigte mehr Zeit. Sie hatte ja gerade mal die Klavierstunden einigermaßen gemeistert, auf die Andrew bestanden hatte. Früher hatte sie ganz gut Piano gespielt, doch jetzt stellten die Noten eine Fremdsprache für sie dar.
Trotz aller Verdächtigungen und mulmiger Gefühle, die sie Andrew gegenüber hegte, verspürte sie durchaus auch Dankbarkeit. Er hatte ihr das Leben gerettet, dafür schuldete sie ihm etwas. Doch er erwartete einfach zu viel. Und sie hatte bereits beschlossen, wie sie damit umgehen würde.
“Andrew, bist du da? Was soll ich mit den ganzen offenen Konzertterminen machen?”
Die Stimme seiner frustriert klingenden langjährigen Assistentin Stacy ließ Andrew von seinem Millimeterpapier auf dem Zeichentisch aufschauen. Er wandte sich zur Gegensprechanlage, aus der jetzt ein tiefer Seufzer ertönte.
“Wenn du die Bestätigung für McGraw, Crow und Alvarado hast”, erwiderte er, “kannst du die restlichen US-Termine festmachen. Vergiss nicht, den Leuten zu sagen, dass wir keine Sonderkonditionen ausmachen. Der gesamte Erlös geht an Wohlfahrtseinrichtungen. Die Musiker bekommen Karrottenstäbchen und Leitungswasser.”
“Wirklich? Leitungswasser?”
“Wirklich.” Andrew rieb mit dem Daumen über das Millimeterpapier, als wolle er damit symbolisch eine Blockade beseitigen. Er war mit dem Drang aufgewacht, etwas zu entwerfen, und das war schon lange nicht mehr vorgekommen. Es sollte natürlich etwas werden, das einen Rumpf und Segel besaß und sich durch Gewässer bewegte. Bisher hatte er nur Segelboote entworfen, und ein solches versuchte er auch jetzt zu zeichnen, aber dies hier schien ihm nicht zu gelingen.
“Andrew, bist du noch da? Christina Alvarados Manager wollen nicht mit mir reden. Sie möchten dich persönlich sprechen – sonst wird sie bei dem Konzert nicht auftreten.”
“In diesem Fall wäre sie die einzige amerikanische Popmusikerin von Weltklasse, die bei dieser Benefizveranstaltung fehlt. Sag den Leuten, dass 'Rock Rescue' noch größer wird als 'We Are The World'. Wenn sie sich das entgehen lassen will, ist das ihre Entscheidung.”
“Ich kann doch Christina Alvarado nicht als Popmusikerin bezeichnen!”
“Stacy, du verrennst dich in Nebensächlichkeiten. Hier geht es um eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Stars sind dazu eingeladen. Ihre Egos nicht.”
Er riet ihr, ordentlich durchzuatmen, und hielt dann seine übliche aufmunternde Rede über Megastars mit ihrem überdimensionalen Liebesbedürfnis. Am Ende erinnerte er sie daran, dass er sie aufgrund ihres Schneids angeheuert hatte. Als Antwort erhielt er ein weiteres tiefes Seufzen, das er als Zustimmung deutete: “Was immer du tust, du hast meine volle Unterstützung.” Dann unterbrach er die Verbindung.
Andrew stand vom Zeichentisch auf. Stacy würde die Alvarado-Truppe mit verbundenen Augen handhaben. Das wusste sie nur noch nicht. Man konnte nicht immer allen gefällig sein. Manchmal musste man ihnen etwas entgegensetzen. Zu viele junge Stars entwickelten sich zu Ekelpaketen und Tyrannen, nachdem sie plötzlich zu Berühmtheit und Reichtum gelangt waren, und genauso wurden dann ihre Agenten. Wenn das passierte, half nur noch ein ordentlich eisiges Bad in der Realität. Man konnte jeden ersetzen. Das war ein trauriges Nebenprodukt des sogenannten American Dreams.
In Andrews Büro gab es eine Reihe von Fenstern, die einen herrlichen Blick auf den Atlantik mit seinen wogenden Wellen und den weißen Sandstrand gewährten. Er ging zur Fensterfront hinüber, zog die Sonnenblenden vollständig hoch, öffnete die Fenster und ließ sich die salzige Seeluft über das Gesicht und durchs Haar wehen. Er atmete tief den frischen Duft ein, der von den grünen und goldenen Seegräsern auf den Dünen herüberwehte.
Während die Sommerhitze in den Raum drang und er von dem hellen Glitzern des endlosen blauen Ozeans fast geblendet wurde, wünschte er, er wäre auf dem Wasser. Die Sehnsucht danach spürte er beinahe körperlich. Er musste segeln. Seit Alisons Unfall vor sechs Monaten war er nicht mehr auf der Jacht gewesen.
Die Bladerunner hatte sich bereits in Mirage Bay befunden, als sie im vergangenen Februar zurückgekommen waren. Andrew hatte sie wegen ein paar Verbesserungen in die Werft geschickt und nach dem Unfall dort gelassen, wo sie auf dem Trockendock repariert wurde. Jetzt war er nicht unglücklich, dass er sie nicht hatte herbringen lassen. Er wollte die Jacht dort haben, wenn er mit Alison zurückging, selbst wenn er nicht damit rausfahren sollte.
Das Segeln war inzwischen nicht mehr dasselbe. Allein der Gedanke daran erinnerte ihn sofort an die schrecklichen Erlebnisse des letzten Winters. Er fühlte sich beinahe ebenso isoliert wie sie – die fremde, stille Frau am anderen Ende des Hauses. Er hatte sich schon seit einiger Zeit von seinen Geschäften zurückgezogen und Stacy mehr und mehr Verantwortung übertragen, doch das war von ihm so beabsichtigt. Ebenso hielt er sich größtenteils aus dem Gesellschaftsleben heraus. Es war fürchterlich, allein auszugehen. Immer wieder musste er Fragen zu Alison beantworten.
Interessant, wie alles letztendlich zu ihr führte. Es schien offensichtlich unmöglich, sie aus seinen Gedanken zu verbannen, doch was hatte er erwartet …? Sie stellte den Mittelpunkt all dieser rätselhaften Ereignisse dar, die zurzeit sein Leben bestimmten. Womöglich war sie das eigentliche Rätsel.
Sein Magen knurrte laut, und er blickte automatisch zu dem Teller hinüber, den er auf der eingebauten Ablage mit den Schränken hatte stehen lassen. Über dem Versuch, etwas Kreatives zustande zu bringen, hatte er doch glatt sein Frühstück vergessen, das aus leckeren Sommerfrüchten und einem Vollkorncroissant bestand.
Er ging zum Kühlschrank, den er mit Säften, Früchten und frischem Gemüse gefüllt hatte. Seit er nach Regines Tod das Trinken aufgegeben hatte, bevorzugte er mehr und mehr gesundes Essen. Eigentlich war er nie jemand gewesen, der bis zum Umfallen trank, doch irgendwann schien täglich eine höhere Dosis notwendig zu sein, um die geistlosen Gespräche mit den Stars und Sternchen sowie ihrer Gefolgschaft erträglich zu machen. Andrew hatte sich durch zu viele Mittagessen getrunken und zu viel Mist während zahlloser Dinnerpartys und Preisverleihungen von sich gegeben.
Müll rein, Müll raus. Immer wieder die gleichen Worthülsen. Eines Tages hatte er den Überblick verloren und irrtümlich eine neue Göttin am Rockhimmel angerufen und ihr zu dem Preis gratuliert, der an ihre verhasste Gegnerin gegangen war. Die Diva hatte Andrew mit einem Schwall von Schimpfwörtern bedacht, was dieser ziemlich komisch fand. Vor lauter Lachen war ihm der Hörer aus der Hand gefallen. Als er hinterher aufstand, um sein Glas neu zu füllen, war die Schnapsflasche leer.
Für Andrew war das ein Zeichen gewesen.
Er beschloss daraufhin, Stacy so viel wie möglich von diesen Promotion-Geschäften zu überlassen. Sie waren gerade dabei, alles so umzuorganisieren, dass der größte Teil von seinen Mitarbeitern in Manhattan erledigt werden konnte. Um den Rest würde er sich von dort aus kümmern, wo er sich gerade aufhielt, wie zum Beispiel in Oyster Bay. Stacy würde die Belegschaft vergrößern müssen, was die Kosten erhöhte, doch das war in Ordnung. Im Moment benötigte er vor allem Zeit, nicht Geld.
Er nahm sich eine Flasche mit Karotten-Ananas-Saft heraus und ging damit zu seinem Zeichentisch, immer noch in Gedanken an seinen neuen Entwurf. Hier schien in letzter Zeit alles anzufangen und zu enden, bei Entwürfen. Er kam nie dazu, seine Kreationen zu bauen, schaffte es nicht mal, das Design zu vollenden, obwohl das seine größte Leidenschaft war.
Die Wände seines Büros hingen voll mit Fotografien und Zeichnungen von klassischen Schiffen, die meisten davon aus Holz gearbeitet und seiner Meinung nach Kunstwerke. Heutzutage wurden die richtigen Rennjachten aus Kunststoffen hergestellt, und obwohl ihre Linienführung wundervoll und ihre Geschwindigkeit beeindruckend war, fehlte ihnen die Seele ihrer anmutigen Vorfahren.
Er stellte die Saftflasche ab, ohne sie geöffnet zu haben, nahm seinen Bleistift und skizzierte den Rumpf mit wenigen Strichen. Das entsprach schon eher seinen Vorstellungen. Ein schnelles und elegantes Boot, eine kleine, wendige Segeljacht. Genau wie sie.
Ungewollt wanderten seine Gedanken geradewegs zu Alison. Wie ein Wagen, der in der Kurve immer wieder von der Straße abkommt, musste er andauernd an diese Frau denken, die selbst tagsüber nackt in einem kühlen dunklen Raum mit heruntergezogenen Jalousien schlief.
Mehrmals schon war er zu ihr gegangen, um mit ihr zu reden, doch sie öffnete nie die Tür, wenn er anklopfte. So war er unaufgefordert hineingegangen, hatte sie auf dem Bett vorgefunden, mit zerknüllten Laken, ausgestreckt wie ein Akt auf einem Gemälde.
Manchmal hätte er schwören können, sie schlief mit offenen Augen, wie eine Sphinx. Er wusste einfach nie, wie er sich dieser Fremden gegenüber verhalten sollte, die er aus dem Meer gefischt hatte. Auf jeden Fall musste er sich vorsehen, um nicht dem Bann der Sirene zu erliegen und selbst an den Felsen zu zerschmettern.
Jemand hatte versucht, ihm etwas anzuhängen, indem er den Unfall seiner Frau wie Mord aussehen lassen wollte. So viel stand fest. Kurz vor dem Unglück hatte man in seinem Namen eine Lebensversicherung über zwei Millionen Dollar für Alison abgeschlossen. Alles war per Fax und Telefon arrangiert worden, inklusive der Vorlage der Ergebnisse ihrer jährlichen medizinischen Untersuchung. Jeder konnte das gewesen sein, auch Alison selbst. Stimmen waren am Telefon einfach zu verstellen.
Wenige Tage vor dem Unfall hatte er ihr erklärt, dass er die Scheidung wolle. Laut Ehevertrag standen ihr für jedes Ehejahr eine Million Dollar zu, wenn die Scheidung von ihm ausging, und nichts, wenn sie sie eingereicht hätte. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte sie das Geld verlangt. Er hatte es auf das von ihr genannte Konto überweisen lassen, und achtundvierzig Stunden später war sie von seinem Schiff verschwunden.
Das reichte, um einen Mann nachdenklich zu stimmen. Die Frau, von der er sich scheiden lassen wollte, verschwand zusammen mit einer netten Summe Bargeld, und er wurde des Mordes angeklagt? Wenn tatsächlich seine Frau dahinterstecken sollte, war das Rache, wie sie im Buche steht. Zum Glück war der Plan nach hinten losgegangen.
“Andrew?”
Beim Klang ihrer Stimme zuckte er erschrocken zusammen. Es war nicht Alisons. Aber das hing selbstverständlich mit all den Operationen zusammen, rief er sich selbst in Erinnerung.
Er blickte auf und sah sie in der Tür zu seinem Büro stehen, geschmeidig und gebräunt in weißen Shorts, ihr dunkles, leicht zerzaustes Haar über ihre Schultern fallend. Sie hielt seine Nachricht in den Händen. Gut, dachte er, sie hat es gelesen.
Sie war auf, lief herum und redete.
Sie schlief nicht wie die Sphinx.
Sehr gut.
Sie blickte an sich hinunter, um sich zu vergewissern, dass ihr Wickeltop weit genug heruntergerutscht war, um ihre Brüste zur Geltung zu bringen. Ihr Fransenrock reichte bis zur Mitte der Oberschenkel, was hier an dieser Straßenecke ein Witz war. Die meisten Mädchen ließen ihren Hintern aus den Klamotten aufblitzen, und bei manchen zeigte sich widerlich wabbeliges Fleisch. Nicht gerade ein netter Anblick im hellen Tageslicht. Wenigstens hatte sie noch Klasse. Und sie war schlau genug, einen Rock zu tragen, die Uniform eines arbeitenden Mädchens. Miniröcke waren nicht nur sexuell aufreizend, sondern auch äußerst praktisch.
Ein glänzend silberner Porsche hielt am Straßenrand. Nicht gerade sehr diskret von diesem blöden Mistkerl, dachte sie, als sie zur Fahrertür hinüberging. Das Fenster wurde heruntergelassen, und das Milchgesicht eines Mittdreißigers musterte sie.
“Ich suche eigentlich eine Blondine, die jünger und gut ausgestattet ist”, sagte er.
“Na, da hast du aber Glück.” Sie blinzelte ihm kokett zu und zog sich den Seidenschal vom Kopf, um ihre platinblonden Locken zu enthüllen, um die sie selbst eine Gwen Stefani beneidet hätte. Es war eine Perücke, aber dem Typ würde das egal sein. Er wollte sich ja lediglich einen runterholen lassen, und das hieß, seinen Fantasien so weit wie möglich Genüge zu leisten.
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