Das Bikini Girl - Andrea Anderson - E-Book
Beschreibung

Eine mysteriöse Fremde ohne Erinnerungen wird von alaskischen Hochseefischern aus dem Meer gerettet. Sie trägt nichts als einen Bikini. Wer ist die Schöne? Wie ist sie hier gelandet? Wie konnte sie im eisigen Wasser überleben? Zwei Kapitänsbrüder sowie ein befreundeter Kapitän helfen ihr bei der Suche nach ihrer Identität und geben dem geheimnisvollen Mädchen auf ihren Schiffen nicht nur eine Bleibe. Es dauert nicht lang bis sie in ein Gefühlschaos schlittern. Das ungewöhnliche Verhalten der Fremden während ihres ereignisreichen Aufenthalts als auch ihre fesselnde Wirkung auf die Kapitäne bringen schnell die Gerüchteküche der Fischer zum Brodeln und wecken unweigerlich Assoziationen zu Meerfrau-Mythen. Doch in einer Zeit, in der keiner noch ernsthaft an die Existenz übernatürlicher Meereswesen glaubt, ist fast jeder überzeugt, dass sich bald eine logische Erklärung für das rätselhafte Bikini Girl ohne Gedächtnis finden wird. Keiner ahnt, welch unglaubliche Wahrheiten und welch schicksalhafte Bestimmung das Mädchen, ihre drei Kapitäne und die gesamte Fischergemeinde noch erwarten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:732

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Kapitelverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

„Macht nicht Unterschied, ob du hast Augen offen oder geschlossen – was passiert, passiert.“Juri

Kapitel 1

„Mann über Bord! Mann über Bord!“

Voller Entsetzen vernahm Jake die Worte, die kein Kapitän jemals hören will. In Sekundenschnelle löste er den Alarm aus. Nun hieß es, schnell zu reagieren und vor allem keine Fehler zu machen. Meilenweit entfernt vom nächsten Hafen war nicht daran zu denken, dass es ein Boot der Seenotrettung rechtzeitig hierherschaffen würde. Es kam allein auf die Crew der FORTUNA an.

Bei den eisigen Temperaturen der Hochsee blieb auch den Seeleuten nur ein kurzes Zeitfenster für die Rettung, denn mit jeder Minute verringerten sich die Überlebenschancen für den in Not Geratenen.

Jake eilte seinem Bruder Tony zu Hilfe, der sich gerade in einen Rettungsanzug zwängte, während die restliche Mannschaft aufgeregt diverse Rettungsausrüstung zusammentrug.

„Es ist keiner von uns. Wir sind vollzählig. Wer ist noch hier draußen?“

Das waren erleichternde Neuigkeiten. Seine Crew sicher an Bord zu wissen, bedeutete Jake die halbe Welt, doch wer trieb da draußen im eiskalten Meereswasser herum?

Jake stand mit der kompletten Fischereiflotte in Kontakt, keiner der anderen fischte im Moment auch nur annähernd in der Nähe der FORTUNA.

„Keiner von unseren Leuten.“

Zurück am Steuer bewegte Jake das Boot souverän auf den Schiffsbrüchigen zu. Die See zeigte sich ungewöhnlich still - ein Riesenglück, denn beim sonst typisch starken Seegang in diesen Gewässern war es fast unmöglich, einen Mann über Bord zwischen den Wellen wiederzufinden. Es grenzte schon fast an ein Wunder, dass ihn einer der Seeleute überhaupt entdeckt hatte.

Als sich das Fangschiff bis auf wenige Meter näherte, richteten sich alle Augen voller Horror auf den leblos im Wasser treibenden Menschenkörper.

„Shit. Ist der etwa nackt?“

„Eh, das ist – eine Frau. Was zum ...“

Egal wie verstörend der Anblick des regungslosen Frauenkörpers auf die Crew wirkte, sie vergeudeten keinen Augenblick und begannen sofort mit der Bergung, wenngleich mit einem Mal jegliche Hoffnung auf eine Überlebenschance für die Verunglückte verflogen war. In den höchstwertigen Rettungsanzügen aus einem halben Zentimeter dicken Neopren konnte man der Kälte des Meeres gerade einmal wenige Stunden widerstehen. Nackt nur für einige Minuten hier über Bord zu gehen war lebensgefährlich. Doch einige Minuten hatte es allein schon gedauert, die FORTUNA zum Rettungsort zu manövrieren. Wie lange wohl schwamm diese Frau bereits im Wasser?

Ohne zu zögern sprang Tony ins Meer und packte die Bewusstlose fest am Arm, während die übrige Besatzung die beiden unter großen Anstrengungen an Bord hievte. Allen war klar, dass sie höchstwahrscheinlich gerade dabei waren, eine Leiche ins Boot zu ziehen, und doch hatten sie warme Wolldecken bereitgelegt um erste Hilfsmaßnahmen ergreifen zu können.

Es schien ausgeschlossen, dass durch den blau angelaufenen, völlig unterkühlten Körper der Geborgenen tatsächlich noch warmes Blut floss.

Mit zittrigen Händen und erwartungslos fühlte Jake ihren Puls, checkte ihre Atmung und erschrak.

„Sie lebt, sie lebt!“

Ungläubig starrten die Seemänner auf die gespenstig wirkende, nur spärlich bekleidete Frau. Keiner hatte wirklich mit dieser Möglichkeit gerechnet, widersprach sie doch all ihrer langjährigen Erfahrung auf rauer See.

„Ihre Atmung ist schwach, der Herzschlag sehr langsam... Helft mir, sie reinzubringen. Wir müssen sie stabilisieren.“

Jake wusste genau was zu tun war als er die Verunglückte behutsam in Decken hüllte. Bis zum Eintreffen des unmittelbar angeforderten Rettungshelikopters galt es, auf eine kontrollierte, allmähliche Erhöhung der Körpertemperatur zu achten, ohne den Kreislauf dabei in irgendeiner Art zu schocken. Obgleich die Unbekannte erfolgreich aus dem Wasser geborgen worden war, in trockenen Tüchern befand sie sich damit noch lange nicht und tiefe Sorgenfalten zeichneten Jakes Stirn.

In den 22 Jahren, die er zur See fuhr, hatte er schon sieben Schiffsbrüchige aus dem Wasser ziehen müssen. Für drei von ihnen war jede Hilfe zu spät gekommen. Ihre Gesichter jedoch spukten immer noch allzu lebhaft in seinem Kopf herum, wie ständige Begleiter. Jake würde alles, aber auch alles in seiner Macht Stehende, daransetzen, dass sich kein neues Gesicht zu den Geistern in seinem Kopf hinzugesellt.

Plötzlich stürmte Tony, der in der Zwischenzeit das Steuer übernommen hatte, aufgeregt in die Kajüte:

„Die können keinen Heli schicken, auch kein Boot. Ganz Verona Bay steckt im totalen Wetterchaos, sagen sie. Der Sturm ist zu heftig. Sie hätten es versucht, aber es sei aussichtlos. Und wir haben gerade auch eine Wetterwarnung erhalten. Die Sturmfront muss wohl viel schlimmer sein als angenommen. Jetzt hat sie noch die Richtung gedreht und rollt direkt auf uns zu. Der Seegang wird schon spürbar stärker. Jake, wir müssen uns was einfallen lassen, und zwar schnell.“

„Verdammt!“

Unwillkürlich fielen die Blicke der beiden Brüder flüchtig auf ihren weiblichen Gast. Auch wenn die zwei es nicht zugegeben hätten – eine gute Portion Aberglaube wohnte jedem Seemann inne und der Mythos, Frauen an Bord brächten Unglück, mochte zwar längst widerlegt und veraltet sein, nicht aber vergessen – insbesondere in Momenten wie diesen.

„Was schlägst du vor?“, fragte Jake seinen Bruder als er ihm hurtigen Schrittes auf die Brücke folgte.

Gemeinsam studierten sie Seekarten und Wetterradar, suchten nach Schlupflöchern um dem sich anbahnenden Unwetter zu entkommen. Die FORTUNA befand sich weit weg vom gewohnten Fischereirevier an einer verschwiegenen Stelle, die von der Familie über die Generationen hinweg penibel dokumentiert und als Geheimnis gehütet worden war. Sie nannten sie „honey hole“ – „Honigloch“ – ein im Ausmaß relativ kleines, aber ungeheuerlich tiefes Loch im Meeresgrund, in dessen Umkreis in regelmäßigen Zyklen auf unerklärliche Weise immer wieder gigantische Fischschwärme auftauchten.

Die große Distanz zum Hafen und die schwierigen Strömungsverhältnisse behafteten diese Meereskoordinaten zwar mit einem gewissen Risiko, die hohen Erfolgsaussichten auf einen überaus ertragreichen Fang hingegen rechtfertigten die Fahrt hierher allemal.

Sah man sich allerdings zusätzlich mit einer drohenden Sturmfront mit Windstärken von durchschnittlich 100 Kilometer pro Stunde und zu erwartenden Monsterwellen von bis zu 10 Metern Höhe konfrontiert, verwandelte sich das „honey hole“ blitzschnell zur „death trap“ - zur potentiellen Todesfalle.

Der Sturm blockierte den Weg nach Süden zurück in den sicheren Hafen. Östlich tobte das Wetter schon genauso heftig. Damit schieden alle für die FORTUNA erreichbaren Häfen als Ausweichziele aus. Westlich als auch nördlich einfach weiter raus ins Meer zu steuern machte keinen Sinn, denn dort gab es erst recht kein Entkommen sobald der Sturm sie einholte.

„Wir könnten versuchen, vorsichtig über die Nordostroute um den Sturm herum zu navigieren, sodass wir wenigstens wieder in Hafennähe gelangen und die Seenotrettung unseren Fahrgast übernehmen kann. Ein Problem weniger. Und dann so schnell es geht wieder hierher.“

Tonys Vorschlag klang einigermaßen vernünftig, doch Jake zögerte. Die FORTUNA hatte bisher noch keinen einzigen Fisch unter Deck gebracht und zu Hause wartete ein ganzer Stapel offener Rechnungen auf seine Bezahlung. Mit leerem Fischtank die lange Tour wieder zurückzufahren, noch einen Tag in der ohnehin schon eingeschränkten Fangsaison zu verlieren, und das alles ohne eine Garantie, dabei nicht doch noch direkt in den unberechenbaren Sturm zu geraten, schien der Sache nicht wert. Jake hoffte vielmehr, ein geeignetes Plätzchen in der Nähe zu finden, wo sie den Sturm einfach aussitzen konnten ohne zu viel Kraftstoff einzubüßen oder sich unnötig in Gefahr zu begeben. Es galt die Pros und Kontras abzuwägen und es war davon auszugehen, dass sich die Brüder nicht einig sein würden. Das letzte Wort hatte jedoch als Ältester unstreitig Jake.

„Setz Kurs auf Green Rock Island. In der Lagune sollten wir nichts zu befürchten haben, wenn wir es rechtzeitig hinschaffen.“

„Ist das dein Ernst? Die Lagune? Bei starkem Seegang willst du durch das höllische Nadelöhr dort einfahren?... Puhhh, das dürfte eine ganz schöne Herausforderung werden. Bist du dir wirklich sicher?“

Tony schlackerten die Knie bei dem Gedanken. Ihm gefiel die Idee kein bisschen, denn die Meeresbrandung um die Lagune herum war besonders tückisch und konnte ein Boot ganz schnell an den spitzen Felsen der Steilküste zerschellen lassen. Nichtsdestotrotz nahm er sofort den nordwestlichen Kurs zu der kleinen Insel mitten im Meer auf. Es galt, keine Zeit zu verlieren, und wenn es jemanden gab, dem er diesen Spießrutenlauf von Navigation zutraute, dann war es sein Bruder Jake.

Green Rock Island mit seiner Lagune war den Brüdern vor allem durch ihren Urgroßvater vertraut. Auch ihm hatte die unscheinbare, unbewohnte Insel vor vielen Jahren erfolgreich Schutz geboten vor einem schicksalhaften Sturm, der in die Seefahrtgeschichte der Region als Jahrhundertsturm einging. Es war eine Riesentragödie. Viele Fischerboote kenterten damals und der Urgroßvater verlor etliche seiner Fischerkollegen. Mit seiner gewagten Entscheidung, Green Rock Island anzusteuern, rettete er seiner eigenen Crew und sich selbst das Leben.

In seinen Tagebüchern hatte der Urgroßvater detailliert seinen Kampf gegen die Wellen und seine Flucht in letzter Minute mit einem halsbrecherischen Bootsmanöver durch den engen Mündungsarm in die Lagune beschrieben. Seitdem waren die Fischer jeder Generation der Familie wenigstens einmal dorthin gepilgert, um sich den Schauplatz dieses spektakulären Überlebenskampfes zu verinnerlichen. So hatte auch Jakes und Tonys Vater seinen Söhnen einst die Stelle gezeigt und Tony erinnerte sich nur zu genau an die komplizierte Einfahrt in die versteckte Lagune selbst bei ruhiger See.

„Na dann zeig mal, dass du es noch draufhast“, sprach er dem schon reichlich in die Jahre gekommenen Schiffsmotor gut zu, von dem er in den nächsten Stunden einiges abverlangen musste, wenn sie dem Sturm tatsächlich entrinnen wollten. Unter lautem Krächzen und schwerem Dröhnen nahm die FORTUNA langsam Fahrt auf bis sie sich auf ihrer Maximalgeschwindigkeit um die 17 Knoten - knapp über 30 Kilometer pro Stunde - einpendelte und sich behäbig ihren Weg durch die Wellen bahnte.

Jake eilte indes zurück zur Kajüte. Unverändert lag die Fremde dort im Bett, für den Moment wenigstens stabil, doch noch immer bewusstlos und noch immer eiskalt. Vorsichtig legte sich Jake an ihre Seite um ihr Körperwärme zu spenden, kontrollierte dabei unentwegt ihren Puls, lauschte konzentriert jedem ihrer Atemzüge. Er vertiefte sich derart intensiv in das Überwachen ihrer Lebenszeichen, dass es eine halbe Ewigkeit dauerte bevor er endlich einen näheren Blick in ihr Gesicht wagte und zum ersten Mal ihre Schönheit wahrnahm.

Ihre feinen, weichen Gesichtszüge und ihre seidige, zarte Haut erweckten nicht den Eindruck, dass das derbe Meeresklima und die unbändigen Naturgewalten, denen man hier tagtäglich ausgesetzt war, zu ihrem Alltag gehören könnten.

Wer war sie nur – die unbekannte Schöne?

Wieso trug sie nur einen knappen Bikini - bei den niedrigen Temperaturen hier draußen?

Nichts machte Sinn.

Da lag Jake so nah bei ihr, dass er jeden Herzschlag von ihr spüren konnte, und zur gleichen Zeit schien sie so ungreifbar weit entfernt von ihm.

,Bitte, lass sie aufwachen', betete er im Stillen zu Gott und mit jeder Minute länger, die er sich fürsorglich um ihren kalten Körper wand, geriet er mehr und mehr in ihren Bann.

Gleichtönig und gemächlich kutterte die FORTUNA gen Green Rock Island. Dass es sich um eine angestrengte Flucht vor einem heftigen Sturm handelte, ließ sich – wenn überhaupt – lediglich am permanent nervösen Zucken Tonys linken Auges erkennen. Unruhig rutschte er auf dem Kapitänssitz hin und her als könne er dadurch noch einen extra Knoten an Geschwindigkeit herausholen.

Pausenlos starrte Tony auf den Wetterradar. Laut dessen Anzeige befanden sie sich bereits im Umkreis des Sturms, die See hingegen ließ noch immer nichts von einem herannahenden Unwetter erahnen. Zwar hatten die Wellen seit der Rettungsaktion deutlich an Kraft gewonnen, aber das entsprach eher den gewohnten Verhältnissen, welche hier fast immer unter die Kategorie „äußerst ungemütlich“ fielen.

Vielleicht hatte der Wind schon wieder gedreht. Zeigte das Wetterradar nicht ohnehin nur ein von Software anhand sehr begrenzter Messdaten erstelltes simuliertes Wetterbild an? Vielleicht würde die Wetterbewegung jeden Moment korrigiert werden und endlich etwas auf dem Bildschirm anzeigen, das eher dem Bild entsprach, welches sich Tony von der Brücke der FORTUNA aus bot, nämlich, dass sich der Sturm womöglich eine neue Route gesucht hatte und der FORTUNA fortan nichts Schlimmes mehr drohte.

Doch hundertprozentig verlassen konnte man sich letztendlich weder auf das Wetterradar noch auf den Eindruck, den Himmel und Meer in diesem Moment selbst im Auge des erfahrensten Betrachters schufen, denn hier draußen konnte nur einen Moment später auch schon wieder alles ganz anders sein.

Das Wesen des Meeres.

Genau das war es, was Jake und Tony an der Seefahrt und der Fischerei liebten: die aufregenden Augenblicke, die atemberaubenden Kulissen, die Unberechenbarkeit jedes Arbeitstages, natürlich stets mit der Aussicht auf den „Großen Fang“, und die Herausforderung, sich immer wieder aufs Neue den Naturgewalten und sich selbst gegenüber beweisen zu müssen.

Nicht, dass die Brüder über solche Dinge groß nachdachten, in erster Linie ging es jeden Tag einfach darum, ein gutes Fanggebiet zu finden, den Fangcontainer schnellstmöglich zu füllen und bei der Ablieferung im Hafen die besten Preise zu erhaschen.

Doch es war eben diese unbeschreibbare Liebe zur See, die sie all die Risiken, die Härten und Schindereien, die mit der Hochseefischerei einhergingen, tagaus tagein bedingungslos und kompromisslos auf sich nehmen ließen.

Eine Liebe, stärker sogar als die Bindung zu einer Frau, so schien es. Die Brüder waren unzertrennlich und unternahmen alles gemeinsam. Zu ihren Hobbys an Land gehörten dabei vor allem Trinken und Feiern, und irgendwo dazwischen meist auch Frauen Aufreißen. Ihr einziges Motto hieß „Spaß haben“. Nie waren sie mit einem Mädchen so lange zusammen gewesen, dass sich etwas Ernstes daraus entwickelt hätte. An erster Stelle kamen immer die Brüder. Jake und Tony gingen festen Beziehungen grundsätzlich aus dem Weg und lebten in freien Zügen als Single ohne Verpflichtungen. Und wenn doch mit zunehmendem Alter einer von beiden dann und wann von einem Gefühl von Einsamkeit oder der Sehnsucht nach einer festen Beziehung mit etwas mehr Substanz heimgesucht wurde, so stand der andere sofort zur Stelle um die Leere zu füllen, für gewöhnlich mit mehr Drinks, mehr Partys und neuen Frauen.

Mochten sie es sich eingestehen oder nicht - wahrhaft zu Hause fühlten sich die beiden Brüder nur an einem einzigen Ort – auf der FORTUNA zur See.

Der Bildschirm des Wetterradars scherte sich nicht um Tonys Beobachtungen vor Ort. Mit jeder Aktualisierung rückte der Sturm auf dem Monitor weiter in die Richtung der FORTUNA, deckte sich schließlich mit ihren Koordinaten. Laut übermittelter Wetterdaten steckte das Fischerboot schon minutenlang in einem horrenden Unwetter der übelsten Sorte. In Wirklichkeit jedoch tuckerte die FORTUNA immer noch unvermindert - und jenseits von jeglicher Beeinträchtigung durch einen schweren Orkan - ihrem angesteuerten Ziel entgegen. Immerhin ließ sich mittlerweile in fast allen Himmelsrichtungen tatsächlich ein dickes Band tiefschwarzer Gewitterwolken am Himmel geradeso eben mit bloßem Auge ausmachen, aber das war meilenweit weg und schien sich auch nicht merklich schneller zu bewegen als die FORTUNA. Von einer akuten Gefahr, eingeholt zu werden, konnte im Moment jedenfalls nicht die Rede sein. Das Schicksal meinte es wohl gut mit ihnen.

„Besser so als andersrum“, kommentierte Tony seine eigenen Gedanken, obschon ihn die unerklärbar große Diskrepanz zum normalerweise recht akkuraten Wetterbericht fast genauso stark beunruhigte wie die Sturmmeldung selbst. So etwas hatte er in all den Jahren noch nicht erlebt und er raufte sich darüber perplex die Haare.

Wenn das Radar nichts taugte, kam es allein auf seine Einschätzung der Lage an. Sein Kopf rotierte schon langsam wie eine Rundumleuchte in alle Richtungen um ja nicht die kleinste Veränderung am Himmel zu verpassen, aber der Seegang hielt sich soweit konstant, zwar lebendig, doch offensichtlich vergleichsweise ruhiger als Tonys Nerven.

Als sich die Silhouette der Green Rock Island endlich am Horizont abzeichnete, verspürte Tony einige Erleichterung. Nun standen die Chancen gut, es noch unbescholten in die Lagune zu schaffen.

„Zeit für dich zu übernehmen. In ein paar Minuten sind wir da. Wie geht's der Kleinen?“

„Unverändert. Sie will und will nicht aufwachen.“

Nur ungern verließ Jake seinen Platz an der Seite der Fremden, auch wenn es nicht viel gab, was er für sie tun konnte solange sie bewusstlos war, außer sie zu wärmen und sie einfach ruhen zu lassen. Er rüttelte sich auf und verschaffte sich ein Bild von der Lage auf der Brücke.

Genau wie sein Bruder reagierte auch Jake mit großer Verwunderung über die seltsame Wettersituation. Es schien als tobte das Unwetter überall außer im Umkreis der FORTUNA.

Hatten sie zufällig genau die richtige Route durch das Auge des Sturms hindurch erwischt? Das war nicht völlig undenkbar, in manchen Fällen konnte solch ein Auge schon mal einen Durchmesser von bis zu über 300 Kilometer erreichen.

Ganz gleich wie sich das Phänomen wohl erklären mochte, dies war gewiss nicht die Zeit für ausgedehnte meteorologische Analysen. Das Fangschiff hatte die Steilküste auf der Westseite der Insel erreicht, wo die Lagune verborgen lag.

Jake setzte sich ans Steuer und navigierte vorsichtig auf die enge Mündung zu. Nicht grundlos wurde sie auch „Haifischschlund“ genannt und war unter den Seeleuten gefürchtet und verrufen. Green Rock Island war vulkanischen Ursprungs und verdankte ihren Namen dem grünlich schimmernden Lava-Gestein, welches etwa drei Viertel der Insel überzog und um die gesamte Insel herum - über als auch unter Wasser - gefährliche, scharfkantige Riffe - ähnlich den Zahnreihen eines Hais - hervorgebracht hatte. Auf diese Weise war seinerzeit auch die Lagune entstanden als Lavamassen die ehemalige Bucht der Insel fast vollständig vom Meer abschnitten. Nur ein enger, verwinkelter Durchgang – der „Haifischschlund“ - erlaubte kleineren Fischerbooten noch die riskante Einfahrt in das flache Gewässer.

Unbewohnbar für den Menschen, wies die kleine Insel eine überaus gedeihende Vogelpopulation auf und war in Folge zum strikten Naturreservat erklärt worden - eine Tatsache, die Jakes gewagten Entschluss, die Lagune anzusteuern, zusätzlich belastete. Nicht nur, dass hier jegliche Versorgungsmöglichkeiten für das Rettungsopfer zu Land fehlten; einmal in der Lagune angekommen, würde die FORTUNA auch für die Seenotrettung per See- oder Luftweg kaum noch erreichbar sein.

Ob gründlich durchdacht oder nicht - die Entscheidung war gefallen, ein Zurück gab es nun nicht mehr und Jake würde - komme was wolle - mit allen Konsequenzen leben müssen. Vielleicht hätte es bessere Alternativen gegeben. Unter Umständen stellte diese natürliche Zufluchtsstätte ja sogar die einzige Option für sie dar. Vermutlich würde es Jake nie herausfinden, aber eins stand fest:

Zunächst hieß es, überhaupt erst einmal die komplizierte Einfahrt hinein zu bewältigen.

Die starke Strömung der Brandung erschwerte erheblich die Kontrolle über das Boot und schüttelte es ordentlich durch. Jake war heilfroh, dass es der Sturm noch nicht bis hierhergeschafft hatte. Mit einer Zigarette zwischen den Lippen und reichlich Fingerspitzengefühl bewegte er die FORTUNA im Schritttempo Meter für Meter durch die undurchsichtige Felsenallee. Vereinzelte Kontakte mit den schroffen Gesteinskanten zu beiden Seiten ließen sich kaum verhindern, erst recht mit der eingeschränkten Sicht aus dem Fenster des Brückendecks. Ein paar leichte Kratzer konnte der Schiffskutter gut verkraften. Das größere Risiko lag bei den versteinerten Lavabrocken unter Wasser. Sie konnten mühelos ein Loch in die Bordwand reißen und das Boot in Minutenschnelle zum Kentern bringen.

„Tony, ich brauch dich draußen am Bug. Es wird hier verdammt flach.“

Die Brüder waren ein eingespieltes Team. Jakes Aufruf bedurfte keiner weiteren Erklärung. Sofort ging Tony in Position, beugte sich wagemutig über die Bordwand an der äußersten Spitze des Schiffsrumpfes und hielt Ausschau nach Felsenerhebungen kurz unter der Meeresoberfläche. Mit Handzeichen dirigierte er Jake unerschütterlich durch die Gefahrenzone egal wie oft ihm dabei die eisigen Wellen ins Gesicht peitschten. Eine falsche Bewegung, ein Ausrutscher, und Tony konnte zwischen Boot und Felsen zerquetscht werden.

Obwohl es mehr als nervenaufreibend für Jake war, seinem Bruder bei diesem lebensgefährlichen Job zusehen zu müssen, blockte er alle Sorgen und Ängste um ihn aus und arbeitete hochkonzentriert, das Boot gegen die Strömungskräfte ruhig zu halten. Das Geschwisterpaar vertraute einander blind und genau darauf kam es an in Situationen wie diesen. Natürlich lief nichts ohne eine gute Crew und die Kapitänsbrüder schätzten sich glücklich, drei der besten Männer des Geschäfts um sich zu scharen. Dennoch – weder Jake noch Tony hätte auch nur eine Sekunde lang in Betracht gezogen, eine solch risikobehaftete und verantwortungsvolle Aufgabe einem anderen Crewmitglied als sich selbst anzuvertrauen. Die zwei wussten: solange sie zusammenarbeiteten, waren sie unschlagbar.

Einmal mehr sollten sie darin Recht behalten.

Nach einem kräftezehrenden Slalom und gleichzeitigen Balanceakt durch den beschwerlichen „Haifischschlund“ hatte die FORTUNA das Gröbste überwunden ohne Schaden genommen zu haben und fuhr nun in die ruhige und sichere Lagune ein.

Schon längst war Jakes Zigarette bis zum Filter abgeglüht, ohne dass er auch nur einen einzigen Zug davon genommen hatte. Beim abschließenden Lenkmanöver fiel das letzte bisschen Asche zu Boden und wirkte beinahe wie ein Sinnbild für die immense Anspannung, die sich im gleichen Moment von Jakes Körper löste.

Jake atmete tief durch. Sein Plan war aufgegangen. Umschlossen von den hohen Felswänden der Vulkaninsel lag das Fischerboot samt Mannschaft vorerst geschützt.

Zufrieden gab der Kapitän das Signal, den Anker zu werfen, bevor er sich und seinem Bruder eine neue Zigarette ansteckte.

„Jetzt soll der verdammte Sturm schon kommen und durchziehen, dass wir das ganze Theater nicht umsonst veranstaltet haben. Das Wetterradar spinnt immer noch. Schau Dir das an.“

„Ja, habe ich dir doch gesagt: Da stimmt was nicht, aber der Sturm ist definitiv im Anmarsch hierher. Ich würde sagen, wir haben gerade noch so die Kurve gekriegt. Es kommt immer schwärzer aus allen Richtungen.“

Tony genoss sichtlich seine wohl verdiente Zigarette. Mit einem kräftigen Schluck aus seinem Flachmann wärmte er sich von innen auf während sein Blick über den legendären Zufluchtsort schweifte, der so bedeutungsvoll für die Familie gewesen war.

Die Steinbucht schirmte die FORTUNA allerdings nicht nur weitestgehend vor dem nahenden Unwetter ab, sondern genauso von der Kommunikation zur Außenwelt. Jakes Versuche, den Status der anderen Fischerboote der Flotte abzufragen, scheiterten.

„Hattest du draußen Kontakt zu den anderen? Die VICTORIA, die OCEAN ONE, Eldorado Ray, Barry? Sind sie okay?“

Auf offener See hatte Tony nur sporadisch Funkverbindungen zu den Kollegen aufbauen können. Er antwortete mit Achselzucken. „Notmeldungen gab es einige, aber soweit ich weiß, war von unseren Leuten keiner dabei. Die DESTINY war ohnehin spät dran und ist gleich im Hafen liegen geblieben und das Letzte das ich von der VICTORIA aufgeschnappt habe, war, dass Bill nach Norden ausweichen wollte. Von den anderen habe ich nichts gehört. Hoffen wir mal, dass sie alle verschont blieben.“

„Ja, darauf trinke ich Einen... Ein verrücktes Ding. Der Fisch hat doch von Anfang an gestunken. Normalerweise hätten sie uns gar nicht erst rausfahren lassen dürfen. Die Meldungen heute Morgen waren harmlos. Wie können sich die Meteorologen dermaßen irren?“

„Wer weiß! Dann ist die Kleine wohl dem Sturm zum Opfer gefallen. Ich sehe gleich mal nach ihr. Vielleicht hat sie ja nach der ganzen Schaukelpartie mittlerweile ausgeschlafen.“

Mit einem Augenzwinkern verließ Tony die Brücke. Jake unternahm derweil einen letzten erfolglosen Versuch, befreundete Fischer anzufunken, dann gab er auf und schloss sich seinen Matrosen an, die Bordwände nach unentdeckten Schäden zu inspizieren und die Sicherung der Ausrüstung zu überprüfen.

Schnell wurde klar, wie knapp die Flucht in die Lagune wirklich ausgefallen war. Binnen weniger Minuten verschwand das Tageslicht vollständig hinter tiefen, dunklen Gewitterwolken und ein kalter Platzregen begann auf die Köpfe der Mannschaft nieder zu prallen. Kurz darauf fegte ein Sturmwind in Mordsgeschwindigkeit über Green Rock Island und heulte in den furchterregendsten Tönen los. Das zurückhallende Echo von den Steinwänden rund um die FORTUNA vervielfachte den Effekt zu einer wahren Horrorsinfonie.

Wie gigantische Paukenschläge folgten bald die ersten Donnerknalle und Blitze. Die Meereswellen preschten mit voller Härte gegen die Küstenklippen der Insel und stimmten mit ihren eigenen energischen Trommelrhythmen ein in das schaurige Konzert von Thors Himmelsorchester der Elemente.

Das Wetterspektakel nahm seinen unabänderlichen Lauf und wütete mit all seiner Macht. Die Felsenfestung um die Lagune aber hüllte sich behütend um das Fischerboot wie zwei gefaltete Hände über eine züngelnde Flamme.

Wie einst der Urgroßvater, hatten Jake und Tony Crew und Boot in Sicherheit gebracht und würden hier im Schutz der Insel verweilen, bis der Sturm vorüberzog.

Kapitel 2

In Zwangspausen wie diesen konnte man eigentlich die gesamte Besatzung eines Fischerbootes an ein und demselben Ort antreffen – in der Kombüse, mit Messer und Gabel in der Hand vor einem großen, vollen Teller leckeren, deftigen Essens. Nichts war hier draußen anziehender als die Aussicht auf eine warme Mahlzeit und einen Pott heißen Kaffee.

Doch heute siegte Neugier klar vor Hunger. Nach getaner Arbeit an Deck, galt die ungeteilte Aufmerksamkeit einzig und allein dem geretteten Neuzugang.

Jason, Fred und Juri, die drei Crewmitglieder der FORTUNA steckten ihre Köpfe durch die Luke der Kapitänskajüte und beäugten interessiert die immer noch Bewusstlose.

„Und? Hat sie sich schon mal gemeldet?“, fragte Jason, der Jüngste in der Runde, die Kapitänsbrüder.

„Bis jetzt nicht“, antwortete ihm Tony, der auf der Bettkante neben der Fremden saß. „Sie ist immer noch ziemlich kalt. Wenn ihr mich fragt, macht das keinen guten Eindruck.“

Sofort hielt Jake dagegen.

„Hey, hey, hey, sowas will ich nicht von dir hören! Von keinem. Es braucht einfach seine Zeit. Okay? Solange sie hier um ihr Leben kämpft, will ich nicht die Spur von Negativität in ihrer Nähe hören. Ist das klar?“

„Ay, Ay, Käpt'n“, kam es von allen wie aus der Pistole geschossen.

„Kälte kann gutes Zeichen sein“, warf Juri mit seinem starken russischen Akzent in den Raum um die Stimmung zu heben. „Freund von mir in Wladiwostok überlebte Unfall, denn Kälte verlangsamte Herz- und Blutkreislauf. Er hatte große Wunde, aber durch Kälte er nicht verblutet und hat geschafft in Krankenhaus, wo er operiert, und jetzt er wieder wie neu. Gleicher Unfall in Kaspisches Meer – er wäre tot jetzt. Kälte in Wladiwostok hat ihn gerettet.“

„Gut für ihn“, würdigte Jason Juris Geschichte. „Sie hat zwar keine offenen Wunden, aber danke trotzdem für deine aufmunternden Worte.“

„Ich habe nur Beispiel genannt. Was hast du zu sagen, ha?“

Juri reagierte leicht gereizt auf Jasons Kommentar, in welchem er wohl nicht ganz unbegründet einen zynischen Unterton zu hören meinte.

„Entschuldigung, aber Jake hat sie bestimmt nicht in warme Decken gewickelt um sie vor Wärme zu schützen. Verstehst du? Dein Beispiel passt nicht auf die Situation.“

Jason besaß ein ganz besonderes Talent, Juri im Handumdrehen zur Weißglut zu bringen. Dessen Tonfall wurde deutlich lauter und sein Gesicht lief rot an.

„Was weißt du, ha? Willst du kämpfen mit mir? Grünschnabel!“

Jake musste die beiden zügeln.

„Hey! Was habe ich gerade gesagt? Keine Negativität in diesem Raum. Geht raus, werft euch was zwischen die Beißerchen, und wenn ihr einmal dabei seid, setzt eine frische Kanne Kaffee auf. Wir haben die Lage hier im Griff. Okay?“

Eingeschnappt zogen Jason und Juri wie zwei kleine Jungen von dannen. Nur Fred, der Fischer mit den meisten Jahren Seefahrtserfahrung auf dem Buckel, blieb zurück und rieb gedankenversunken ein kleines silbernes Kreuz, das er an einer Halskette zu tragen pflegte, zwischen seinen Fingern. Schließlich küsste er es und steckte es behutsam zurück unter sein Sweatshirt.

„Jake, Tony, kann ich euch einen Moment sprechen?“

Damit nahm Fred einen Schritt zurück von der Tür und bat die Kapitäne mit einer Handgeste zu sich. Offensichtlich respektierte er damit Jakes Aufruf, nichts Negatives in der Anwesenheit der Bewusstlosen zu äußern, was die beiden Brüder gleichermaßen beunruhigte.

„Was ist los?“, entgegnete ihm Jake ungeduldig, während er vor die Kajüte trat. Fred rang nach Worten.

„Juri meint es nur gut. Er ist ein Goldkerl, aber das Mädel hätte schon längst wieder eine annähernd normale Körpertemperatur annehmen müssen. Wenn sie nach der ganzen Zeit immer noch so stark unter normalem Niveau liegt, sollten wir alle langsam anfangen, für sie zu beten...

Ich habe das alles zu oft erlebt. Die stärksten Seemänner haben den Kampf verloren. Schaut sie euch an, wie zierlich und zerbrechlich sie da liegt. Allein schafft sie das nicht. Nicht hier draußen.“

Tony suchte nach Lösungen.

„Was schlägst du vor, Fred, heiße Umschläge? Den Heizstrahler noch weiter ans Bett rücken?“

„Nein! Sie muss das Leben spüren, versteht ihr? Der Lebensfunke muss wieder auf sie überspringen können. Das ist ihre einzige Chance.“

Tony und Jake warfen sich irritierte Blicke zu. Wovon sprach der Alte? Es klang wie das spirituelle Gerede eines streng religiösen Mannes? So kannten sie den guten alten Fred gar nicht.

Jake versuchte, eine konkretere Bedeutung in Freds Worten zu erkennen.

„Hey Fred, wie soll das funktionieren mit dem Lebensfunken?

Sollen wir den Defibrillator auspacken, oder was? Ich habe das größte Stück des Weges direkt neben ihr gelegen und ihr zusätzliche Wärme gespendet. Es hatte für mich nicht den Anschein als wenn das irgendeinen Effekt auf sie hatte.“

Fred schüttelte seinen Kopf und seufzte. Nach einem Moment des Zögerns fuhr er fort:

„Erinnert ihr euch noch an das Wunder der Marino Familie vor Jahren?“

„Ja, die Fischerfamilie, deren Kind angeblich im Meer verunglückt und als tot erklärt worden war. Klar erinnern wir uns daran. Das war eine Finte. Die Lügengeschichte ging damals um wie ein Lauffeuer und die Marinos wurden dadurch berühmt, verdienten mit der Story ein Heidengeld.“

Fred hakte ein.

„Die Geschichte ist wahr. Ich war auf dem Boot, das ihn aus dem Wasser geholt hat. Ich habe ihn gesehen. Der Junge war leblos. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen scheiterten. Wir waren zu spät...

Als sie den kleinen Körper seinen am Boden zerstörten Eltern übergaben, ergriffen die ihn und eilten wie zwei Verrückte mit ihm ins Schlafzimmer, legten sich mit ihm in ihrer Mitte ins Bett und begannen zu beten. Sie verharrten so stundenlang, sie gaben einfach nicht auf. Es spielte keine Rolle, wie sehr der Doktor und der Pfarrer auf sie einredeten, ihn gehen zu lassen, das Schicksal zu akzeptieren. Sie hörten auf niemanden, außer auf ihre Herzen. Das ganze Dorf weinte für die Familie. Der Tod ihres Sohns habe sie in den Wahnsinn getrieben, hieß es schon. Und dann, als man längst aufgehört hatte, die Stunden zu zählen, geschah plötzlich das Wunder. Der Junge erwachte zum Leben, er lebte wieder entgegen jeder logischen Erklärung...

Glaubt mir, ich war bei Gott kein gläubiger Mensch damals, aber nach dieser Erfahrung... Der Junge war tot als wir ihn aus dem Wasser fischten. Versteht ihr?“

Mit einem energischen Blick beendete Fred seine Rede abrupt. Es schien, als hätten ihn die Emotionen überraschend übermannt, und er schämte sich ein bisschen dafür.

„Ich habe das in all den Jahren keinem erzählt. Meine Kumpels hätten mich für durchgedreht erklärt. Ihr wahrscheinlich auch.

Was weiß ich? Vielleicht war er ja gar noch am Leben und seine Lebenszeichen einfach zu schwach um sie zu erkennen.

Was auch immer im Haus der Marinos geschah – waren es ihre Gebete, war es die intensive Körperwärme – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Gott ihnen ihren Sohn zurückgegeben hat.

Es heißt, die Wege Gottes sind unergründlich. Was weiß ich? Ich bin nur ein einfacher Fischer, der langsam zu alt wird für das Geschäft.

Jake, Tony, alles was ich zu sagen versuche ist: Tut, was ihr könnt um sie zu retten, ja? Versprecht es mir!“

„Okay, Fred. Das versteht sich doch von allein. Du kennst uns lange genug.“ Jake wusste nicht recht, wie er Fred entgegnen sollte.

Tony war genauso verblüfft von Freds seltsamer Äußerung, er wunderte sich:

„Hast du die Kleine erkannt, weißt du wer sie ist?“

„Ich habe sie noch nie gesehen, aber sie ist irgendjemandes Tochter und ich werde weiter für sie beten.“

Mit diesen letzten Worten verließ der Seemannsveteran die beiden

Brüder, denen allmählich ein Licht aufging, weshalb ihr alter Kumpan so emotional auf die Gerettete reagiert hatte.

Fred war Vater einer Tochter, die etwa im gleichen Alter sein musste wie die Fremde in der Kapitänskajüte. Die beiden hatten seit Jahren keine Verbindung mehr zueinander und Fred hatte nie über die Gründe dafür gesprochen. Nachdem vor einigen Jahren Freds Frau verstorben war, suchte er wieder eine Annäherung zu seiner Tochter, doch sie lehnte strikt jeden Kontakt ab.

Der alte Mann litt an seiner Einsamkeit und Gewissensbisse quälten ihn, doch für gewöhnlich versteckte der sonst eher wortkarge Fischer seine Gefühle blickdicht hinter einer dicken Maske. Seit einiger Zeit jedoch schien diese Maske Schicht für Schicht abzublättern.

Auch Jake und Tony nahmen Freds Veränderung zunehmend wahr, doch sie entschieden sich, sie zu ignorieren. Schließlich machte jeder mal harte Zeiten durch und jeder ging anders damit um. Die Seeleute galten als ein stolzes Volk. Und wenn auch jederzeit die Türen füreinander offenstanden, so drängte man sich nicht dem anderen auf, solange jener nicht von selbst durch eben diese Tür schritt.

Tony schüttelte sich als hätte er gerade eine kalte Dusche abbekommen. Als er die Tür der Kabine von innen verschlossenen hatte, platzte er mit seinen Gedanken heraus.

„Puh, das war eine neue Erfahrung. Unser guter alter Fred wird Tag für Tag ein bisschen einfältiger, meinst du nicht? Was hältst du davon?“

Jake nahm Fred in Schutz.

„Dem alten Mann geht eine Menge durch den Kopf in diesen Tagen. Er merkt, dass er langsam zu alt wird für den Job auf dem Fangschiff, aber der Job ist so ziemlich alles was er noch hat. Er vermisst seine Tochter und unser Mädchen hier scheint ihn an sie zu erinnern. Ich schätze, mehr braucht es nicht.“

„Ja, aber das Wunder der Marino Familie? Das ist eine Ewigkeit her. Fred hat die Story im gleichen Wortlaut erzählt wie sie damals in der Zeitung geschrieben stand. Du weißt so gut wie ich, dass das alles inszeniert war. Das hat Marino Senior doch Jahre später sogar zugegeben. Was hat Fred dazu bewegt, die alte Geschichte überhaupt auszugraben? Und er sei dabei gewesen? Ich dachte, er hat immer nur hier in der Region gefischt. Er wird doch nicht etwa senil?“

Die Fragen häuften sich und auch Jake sah sich mit ihrer Beantwortung überfordert, hatte er doch sein eigenes Häufchen Fragen angesammelt.

„Dem Ernst in seinen Augen nach zu urteilen, fiel es ihm nicht gerade leicht, uns davon zu erzählen. Ich habe keine Ahnung, was das sollte... Und die Sache mit dem Lebensfunken, der überspringen muss?“

Während Jake vor sich hin grübelte checkte er erneut die Temperatur der Unbekannten mit dem gleichen, Besorgnis erregenden Ergebnis. Wie aus heiterem Himmel und ohne ein Wort von sich zu geben, zog er sich plötzlich Arbeitshose und T-Shirt aus und stieg zu ihr ins Bett. Er rutschte ganz nah an ihren Körper und umschloss ihn mit seinen Armen.

Tony zeigte sich reichlich überrascht über Jakes spontane Aktion, aber noch bevor er einen passenden Kommentar herausbrachte, spornte ihn Jake an, sich zu ihm zu gesellen.

„Los, Bruder! Freddie betet für sie und wir versorgen sie inzwischen mit ,intensiver Körperwärme' – ganz wie bei den Marinos. Glaub mir, die Ice Lady kann die doppelte Portion Wärme gut gebrauchen – ich komme mir vor als umarme ich einen Eiszapfen.

Wer weiß wie lange der Sturm anhält. Wenn Fred Recht hat und die Uhr für die Kleine wirklich tickt, sollten wir jetzt alle Energie daransetzen, ihren Kreislauf anzukurbeln, ihrem Körper eine Starthilfe verpassen. Denkst du nicht?“

Tony hielt Jakes Absicht eher für Wunschdenken. Seiner Meinung nach gab es keinen Weg, einen unterkühlten Menschen der das Bewusstsein verloren hat einfach mal so eben mit einer Portion guten Willen aufzuwecken. Er war überzeugt, dass sie bereits alles für das Mädchen unternommen hatten was ihre Möglichkeiten erlaubten.

Nichtsdestotrotz tat er es seinem Bruder gleich und kroch auf der anderen Seite zu ihr unter die Bettdecke, nicht etwa seinem Bruder zuliebe, nein - er tat es, weil es sein Bruder auch getan hatte.

Schon immer hatte diese Dynamik zwischen den beiden Geschwistern existiert. Alles, was Jake machte, wollte auch Tony machen: was Jake besaß, wollte auch Tony besitzen. Das galt auch für den Kapitänsstuhl. Jake war der Ältere von beiden und ihm stand traditionell die Kapitänsmütze zu, doch Tony wollte immer alles zu gleichen Teilen „mithaben“ und so teilten sie sich auch diesen Posten wie alles andere. Jake störte es nicht im Geringsten, für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, ja ein Gewinn, seinen Bruder immer an seiner Seite zu wissen. Beide profitierten aus der starken Bindung. Solange sie aufeinander bauen konnten, brauchten sie keinen anderen Menschen in der Welt.

Wenn es um Entscheidungen ging, stellte Tony seine eigene Meinung allerdings kurioserweise stets hinter die seines älteren Bruders. Auch das war schon immer so gewesen und vielleicht lag gerade darin das Erfolgsrezept der beiden. Ob heimliche Selbstzweifel dahintersteckten oder die Idolisierung seines älteren Bruders seit der Kindheit - Tony dachte über viele Dinge anders als Jake und ließ es ihn auch gerne wissen, aber in der letzten Instanz herrschte grundsätzlich Einigkeit zwischen den beiden Brüdern. Tony stand immer hundertprozentig hinter Jake, alles andere spielte keine Rolle. Das hinderte ihn jedoch nie daran, seinen eigenen Überlegungen Luft zu verschaffen.

„Jake, ich sag dir, du hörst zu sehr auf das Seemannsgarn eines alten Narrens.“

„Eigene Körperwärme zu spenden ist die beste Maßnahme bei Hypothermie, das hat nichts mit Seemannsgarn zu tun. Vielleicht hat es vorher nicht richtig funktioniert, weil die Decken dazwischenlagen. Es braucht den direkten Körperkontakt.“

„Oder einfach seine Zeit – besser gesagt – ihre Zeit. Du redest fast als wäre das dein erstes Mal.“

Jake konnte sich ein Schmunzeln auf Tonys unbeabsichtigte Zweideutigkeit nicht verkneifen. Abgesehen davon, dass alle vorherigen Schiffsbrüchigen die sie jemals geborgen hatten dem männlichen Geschlecht angehörten, was den Umgang mit ihnen in gewisser Hinsicht schon vereinfachte, so waren die vier Überlebenden auch bei vollem Bewusstsein gewesen als Jake ihnen Hilfe leistete.

In der Tat stellte die aktuelle Lage eine bisher ungekannte Herausforderung für die Brüder dar. Nicht, dass Jake oder Tony jemals Berührungsängste mit Frauen gehabt hätten, ganz im Gegenteil, aber für gewöhnlich angelten sie diese nicht besinnungslos aus dem Meer. Ohne zu wissen wie ihnen geschah, steckten sie nun unvermittelt inmitten ihrer persönlichen Seemannsvariante eines „Dornröschen“ Märchens - nur dass ein unschuldiger Kuss in diesem Fall wohl nicht die Lösung des Problems bot.

Letztlich blieb Jake nichts anderes übrig als seinem Instinkt zu folgen, und solange Tony keine besseren Vorschläge anzubieten wusste, blieb Jakes unorthodoxe Sandwich— Körpererwärmungsmethode die einzige und damit beste Option.

Anfangs fiel es den Brüdern schwer, ruhig neben der Fremden liegenzubleiben. Der Kontakt mit ihrem kalten Leib löste unwillkürlich einen Impuls von ,Zurückziehen Wollen' aus, ganz gleich wie attraktiv die Schöne auch sein mochte.

Kurzum griff Tony nach Jakes Armen und bildete mit seinem Bruder - so gut es ging - einen geschlossenen Kreis um die Bewusstlose herum. Auf diese Weise wirkte die geballte Ladung Körperwärme der beiden von allen Seiten auf sie ein. Die gesamte Erfahrung war für die zwei Fischer mehr als gewöhnungsbedürftig. Zwei, drei Mal rutschten sie herum, um die beste Körperstellung zu finden, in der sie es selbst auch halbwegs bequem über einen längeren Zeitraum aushalten konnten, aber schließlich entspannten sie sich und kamen zur Ruhe.

„Wie kann sie immer noch so eisig sein unter all den Decken? Ich fange jetzt schon an zu schwitzen“, unterbrach Tony die eingekehrte Stille. Jake ging dieselbe Frage durch den Kopf.

„Sie muss wirklich fast tot gewesen sein. Wenigstens ist ihr Puls ein gutes Stück gestiegen seitdem sie bei uns ist. Ich zähle derzeit 33 Schläge in der Minute.“

„Das ist immer noch verdammt niedrig. Es sollten doppelt so viele sein.“

„Absolut. Erst recht, wenn die Lady in unseren Armen liegt. Eigentlich sollte sie nur so dahinschmelzen anstelle uns die kalte Schulter zu zeigen.“

„Du sagst es, Bro. In der Position könnte man ganz andere Dinge anstellen, wie damals zu Tommys Hausparty. Erinnerst du dich?“ Die beiden mussten loslachen.

„Wie könnte ich das jemals vergessen. Man, waren das wilde Zeiten...“

In alten Erinnerungen zu schwelgen taugte großartig als Zeitüberbrückung und Ablenkung in dieser unüberschaubaren Situation. Es gab fürwahr unzählige verrückte und lustige Erlebnisse, die Jake und Tony miteinander teilten. Für eine Weile verflogen die Minuten, gar Stunden, beinahe wie im Fluge, während der Sturm draußen über ihren Köpfen unerbittlich weiterwetterte.

Ab und zu meldete sich ein Crewmitglied, brachte einen Snack oder ein Getränk vorbei und holte sich bei der Gelegenheit neugierig ein Update aus der Kapitänskajüte ab. Die Mannschaft wartete gespannt auf Neuigkeiten und jedes Mal, wenn es über ein Grad Temperaturerhöhung oder ein paar Pulsschläge mehr pro Minute zu berichteten gab, jubelte die ganze Kombüse als wäre sie dabei, eine Fußballweltmeisterschaft zu gewinnen.

Die Schiffskapitäne indes wichen keinen Zentimeter mehr von ihrer „Ice Lady“. Sie wechselten die Seiten, wenn ihnen die Gliedmaßen einzuschlafen drohten, streckten sich für ein paar Sekunden, doch dann gingen sie sofort wieder in Position. Motiviert von den kleinen aber unbestreitbaren Fortschritten setzten sie es sich nun erst recht in den Kopf, ihr blasses Meeresdornröschen aus seinem Schlaf zu wecken.

Wenn es etwas gab, das sie meisterhaft beherrschten, dann war es, sich in Geduld zu üben. Geduld und Ausdauer - ohne diese Tugenden war der Beruf eines Fischers unmöglich zu bewältigen. Je länger Jake und Tony Haut an Haut mit der schönen Fremden zusammenlagen, desto intensiver fühlten sie sich ihr verbunden. Und während der Minutenzeiger an Jakes Armbanduhr rastlos eine Runde nach der anderen absolvierte und der Tag sich unaufhaltsam seinem Ende zuneigte, schworen sich die Brüder mehr und mehr, ihre Kabine nicht eher zu verlassen bis das Sorgenkind seine Augen geöffnet hat.

In der Schiffsmesse war es längst still geworden. Die Besatzung hatte sich in ihre Schlafsäcke verkrochen um eine Mütze Schlaf zu fassen. Sie wussten, dass ein harter, langer Arbeitstag vor ihnen liegen würde sobald sich die Wetterlage beruhigte. Doch auch der Sturm schien ein Meister in der Disziplin Ausdauer zu sein und ließ nicht die geringsten Anzeichen erkennen, in absehbarer Zeit abflachen oder weiterziehen zu wollen.

„Das Unwetter hält sich hartnäckig. Das muss eine unheimlich große Sturmfront sein. Junge, wenn wir versucht hätten, drum herum zu fahren – man oh man - wir hätten vermutlich ganz schön alt ausgesehen“, gab Tony selbstkritisch zu.

„Ja, aber das ist kein Sturm wie jeder andere. Der Verlauf ist total untypisch. Wahrscheinlich testen sie wieder irgendein verdammtes Wetterexperiment und wir, die kleinen Leute, sind wieder mal die Letzten, die davon erfahren.“

„Hey Jake, wenn du Negativität von der Kleinen fernhalten willst, sollten wir lieber schnell das Thema wechseln, sonst kann ich für nichts garantieren.“

„Du hast ja Recht. Ich frage mich immer noch, was mit ihr eigentlich passiert ist. Mit ihrem sexy Bikini gehört sie irgendwo an einen Strand im Golf von Mexiko, nicht in den Golf von Alaska.“

„Wer weiß, vielleicht haben wir uns eine echte Meerjungfrau geangelt. Sie hat Wind davon bekommen, dass wir zwei hier fischen und ist sofort losgeschwommen. Jetzt ist sie nur erschöpft von der langen Reise.“

Jake grinste kopfschüttelnd über den albernen Kommentar seines Bruders. Müde rieb er sich die Augen und gähnte ausgiebig.

„Oh Tony, du hast endgültig den Verstand verloren. Ich glaube, wir sollten uns ein paar Minuten Schlaf gönnen.“

Fürsorglich warf Jake einen letzten Blick auf das Mädchen.

„Irre ich mich oder bekommt sie langsam etwas mehr Farbe im Gesicht?“

„Also Farbe würde ich das nicht direkt nennen. Ja, vielleicht von kreideweiß zu elfenbeinweiß.“

Sacht bettete Jake seinen Kopf auf einen Zipfel vom Kopfkissen und schloss seine Augen. In seiner Fantasie stellte er sich vor, wie die Unbekannte sich an ihn schmiegte und sanft in sein Ohr wisperte. Bevor er den Film in seinen Gedanken jedoch weiterspinnen konnte, holte ihn der Schlaf ein.

„Woo! Hast du das gerade gemerkt?“, schreckte Jake plötzlich auf.

„Was denn?“

„Ich glaube, sie hat sich bewegt.“

„Das hast du nur geträumt.“

„Nein, echt!“

„Ich habe dich schnarchen gehört!“

Unschlüssig ob er es sich doch nur eingebildet hatte, legte sich Jake wieder aufs Ohr, allerdings mit geschärften Sinnen. Er wünschte sich so sehr, dass sie endlich aufwachen möge. Aber nachdem er auch Minuten später keine weitere Regung mehr von ihr wahrgenommen hatte, musste er sich eingestehen, dass es wohl tatsächlich nur ein Traum gewesen war.

Doch dann spürte er wieder eine Bewegung neben sich, stärker als zuvor. Nun war Jake hellwach. Adrenalin rauschte durch seinen Körper und mit weit aufgerissenen Augen scannte er die Bewusstlose sogleich aufmerksam von Kopf bis Fuß.

Dieses Mal hatte auch Tony die leichte Regung bemerkt. Zuerst dachte er noch, es käme von seinem Bruder, aber spätestens nach dem dritten Zucken gab es keinen Zweifel mehr, dass mit dem Mädchen etwas passierte.

Aufgeregt beobachteten die Brüder die pulsartigen Bewegungen ihres ganzen Körpers, die kontinuierlich zunahmen.

„Hauptsache sie erleidet keinen Kollaps“, begann Tony zu bangen.

„Keine Panik vor der Panik, Bro!“, ermahnte ihn Jake, cool zu bleiben. Er selbst stand mindestens genauso stark unter Strom. Sein Herzschlag hämmerte fast ein Loch durch seinen Brustkorb. War dies etwa der so lang ersehnte und ebenso gefürchtete Moment, welcher über Leben und Tod der Fremden entscheiden würde? War dies der Augenblick, wo der Lebensfunke entweder übersprang oder für ewig im Nichts verglühte?

Intuitiv ergriff Jake ihre Hand und begann eindringlich auf sie einzureden.

„Komm schon, Kleine, du schaffst das. Wir sind hier, Baby, mach die Augen auf. Lass uns jetzt nicht hängen...“

Tony konnte kaum atmen vor Anspannung und brachte keinen Ton heraus, sein Gesichtsausdruck hingegen sprach tausend Worte.

Die gesamte Zeit hatten sie sich die buntesten Bilder ausgemalt, was das Mädchen wohl zu erzählen haben würde, wenn sie irgendwann aufwacht. Das Risiko, dass sie möglicherweise überhaupt nicht aufwacht, dass ihr Körper zu abgeschwächt sein und sie den Überlebenskampf verlieren könnte, hatten sie vehement ausgeblockt, treu gemäß Jakes Motto „Nichts Negatives in ihrer Nähe“.

Jetzt waren sie mit einem Schlag zurück in der harten Realität gelandet, in der Rolle eines - im Endeffekt - völlig unvorbereiteten und hilflosen Zuschauers ohne jeglichen Einfluss auf das Geschehen – ein unerträglicher Zustand für das sonst so taffe Geschwisterpaar.

Jake redete weiter unaufhörlich auf sie ein, sprach ihr gut zu. Die Worte galten nicht ihr allein. Er, genau wie sein Bruder, brauchten diese ermutigenden Worte auch für sich selbst.

„Alles wird gut, Baby, wach einfach auf. Wir sind für dich da. Es ist alles gut. Hörst du?...“

Mit einem Mal begannen ihre Augäpfel hinter den geschlossenen Augenlidern ununterbrochen hin und her zu rollen. Ihre Muskeln verkrampften sich am ganzen Körper. Tony schauderte bei dem Anblick. Unlängst hatte er einen Herzanfall seines Onkels miterleben müssen. Was er soeben zu Gesicht bekam, erinnerte ihn frappierend an das furchtbare Ereignis.

Machte ihr Herz etwa schlapp?

Auf einmal sackte das Mädchen abrupt in sich zusammen und den Brüdern gefror dabei fast das Blut in den Adern. Wie gelähmt starrten sie auf den Oberkörper der Bewusstlosen, suchten in ihrer Verzweiflung nach einem Anzeichen, dass sie noch lebte.

Aber nach dem Schock folgte Erleichterung: Sie atmete noch, ruhig und regelmäßig, als wenn rein gar nichts gewesen wäre.

Jake und Tony holten tief Luft. Der Vorfall hatte sie ganz schön mitgenommen, hatten sie doch bereits Schlimmstes befürchtet.

Unfähig einzuschätzen, ob die Episode eher positiv oder negativ zu bewerten war, ließen sie sich erschüttert wieder ins Bett fallen.

Stille zog ein. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Jake studierte voller Kummer das liebliche Gesicht der Fremden. Ihm gingen so viele Dinge durch den Kopf und längst nicht mehr nur hoffnungsvolle. Wenn er sie doch einfach wachküssen könnte wie im Märchen, sehnte er sich nach einer rettenden Lösung. Noch immer hielt er ihre Hand und er dachte nicht daran, sie loszulassen.

Plötzlich schauten ihm zwei fremde blaue Augen direkt ins Gesicht. Im selben Augenblick erfasste ein Stromschlag seinen kompletten Körper. Jake wusste nicht wie ihm geschah, ob er wirklich munter war oder ob er träumte – das Mädchen war erwacht. Sie war endlich aufgewacht.

„Hey, willkommen zurück unter den Lebenden“, begrüßte er sie mit sanfter Stimme.

Die Fremde zitterte am ganzen Leib. Angsterfüllt versuchte sie, von Jake wegzukommen, da erst bemerkte sie Tony, der ihr von der anderen Seite voller Überraschung über die Schulter blickte. Sie geriet in Panik und wollte den beiden unbedingt entfliehen, aber ihr Körper war zu schwach und ließ es nicht zu. Sie drohte, wieder in Ohnmacht zu fallen.

Sofort unternahmen die Brüder alles um sie zu beruhigen.

„Es ist okay, alles okay, du bist in Sicherheit. Wir tun dir nichts.

Alles ist gut. Hab keine Angst“, sprach ihr Tony gut zu.

Aufgeregt heftete sie ihre Blicke auf die beiden Männer, versuchte zu verstehen, was mit ihr geschehen war. Sie wirkte total verwirrt und Jake gab sein Bestes, ihr wenigstens die Furcht vor ihnen zu nehmen.

„Hi, ich bin Jake, das ist mein Bruder Tony. Kannst du uns verstehen?“

Kaum wahrnehmbar reagierte sie mit schüchternem Nicken.

„Gut, gut“, fuhr Jake erleichtert fort.

„Du befindest dich auf der FORTUNA – so heißt unser Fischerboot. Du bist wahrscheinlich in den mörderischen Sturm geraten, der immer noch über uns fegt, hast Schiffsbruch erlitten. Wir haben dich aus den Meereswellen gerettet, aber wir konnten keine anderen Schiffsbrüchigen neben dir entdecken. Auch keine Spuren von einem gekenterten Schiff oder Boot. Es tut uns leid. Du triebst ganz allein im Wasser und kannst von Glück reden, dass wir dich noch rechtzeitig aufgegriffen haben...

Das ist eigentlich auch schon alles, was wir dir sagen können.

Kannst du dich erinnern, was passiert ist?“

Das Mädchen schüttelte verunsichert den Kopf. Jake bohrte weiter:

„Der Name deines Schiffs? War es ein Arbeitsboot oder ein Passagierschiff, eine Yacht? Irgendetwas?“

Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern – ohne Erfolg.

„Okay, okay. Kein Problem. Du warst lange bewusstlos und wirst dich sicher noch eine ganze Weile benommen fühlen. Verstehst du? Du musst erst mal wieder Kraft sammeln. Hast du irgendwo Schmerzen?“

Wortlos zog sie mühevoll ihre Hand zum Kopf und hielt sich die Stirn.

„Kopfschmerzen, ha? Das habe ich mir schon gedacht. So wie es aussieht, hast du einiges durchgemacht. Aber keine Sorge, wir päppeln dich schon wieder auf.“

Tony sprang auf und besorgte ihr gleich ein Glas Wasser während Jake sie weiter befragte.

„Wie ist eigentlich dein Name?“

Sie setzte dazu an, Jake ihren Namen zu nennen, doch geriet ins Stocken und brachte keine Silbe heraus. Man sah, wie angestrengt sie nachdachte und wie sich ihre Augen von einer Sekunde zur anderen mit einem Ausdruck von blankem Horror füllten über die für sie unbegreifliche Unfähigkeit, ihren eigenen Namen auszusprechen.

Zunächst vermutete Jake, dass der Unfall ihr Sprachvermögen gestört haben könnte, doch dann wisperte sie mit ausgetrockneter Kehle und weinerlicher Stimme:

„Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht.“

Erschöpfung hinderte sie schließlich am Weitersprechen. Besorgt blickte Jake zu Tony, der dessen Blick mit Stirnrunzeln erwiderte und sich sogleich mit ermutigenden Worten an die namenlose Fremde wendete:

„Mach dir keine Sorgen, Kleine. Das ist ganz normal nach solch einem heftigen Trauma. Das dauert alles ein Weilchen bis es zurückkommt. Die Hauptsache ist, dass - was auch immer passiert ist – jetzt hinter dir liegt und du in Sicherheit bist. Okay? Du hast es überstanden. Hörst du? Alles andere wird sich ergeben.“

Eine rechte Ahnung hatte Tony freilich nicht von Traumata und deren möglichen Folgesymptomen – genauer gesagt: er hatte nicht die leiseste Ahnung davon, aber das wusste das Mädchen ja nicht.

Sie schaute zu Jake und Tony und quälte sich mit letzter Kraft den Ansatz einer Geste eines Lächelns heraus – ein stilles Dankeschön an ihre Retter – dann wurden ihre Augenlider zu schwer um sie noch länger offen zu halten und sie versank in Schlaf.

Anders als zuvor waren die beiden Brüder zum ersten Mal zuversichtlich, dass sie sich nun außer Lebensgefahr befand und auf einem Weg der Besserung.

Wie ein gutes Omen verflüchtigte sich auch der Sturm langsam aber sicher, die See wurde ruhiger und friedliche Stille legte sich über die Lagune.

„Eine Zigarette, einen Schlummertrunk und dann mindestens zwölf Stunden Schlaf ohne Störung und ohne Eiszapfen, bitteschön“, wünschte sich Tony höhnisch. Müde und abgespannt vertraten sich die Brüder auf dem Schiffsdeck die Füße in der pechschwarzen Neumondnacht und berieten ihre nächsten Schritte.

„In knapp drei Stunden geht die Sonne auf. Beim ersten Tageslicht will ich aufbrechen sofern das Unwetter wirklich durch ist. Bis dahin sollten wir unsere Meerjungfrau noch ein bisschen im Auge behalten. Von hier aus gesehen liegt das „honey hole“ sowieso direkt auf der Route zum Hafen. Also können wir immer noch entscheiden, ob wir weiterfischen oder doch erst Arielle in ärztliche Versorgung übergeben.“

„Arielle?“, Tony traute seinen Ohren nicht und verdrehte die Augen.

„Irgendwie müssen wir sie ja nennen, solange sie sich nicht erinnert!“, verteidigte Jake seine überraschende Namensfindung.

„Oh brother!“, war alles was Tony dazu noch einfiel.

„Du hast damit überhaupt erst angefangen, hast die Idee in meinen Kopf gepflanzt. Selber schuld. Ich finde es passt gut zu ihr - Arielle.“

„Jake, ein Rat vom jüngeren Bruder: Verguck dich nicht in die Kleine! Sie wird mit Sicherheit von jemandem vermisst und spätestens in drei, vier Tagen, wenn wir wieder im Hafen liegen, ist sie weg auf Nimmerwiedersehen. Außerdem hat sie schon einen Namen. Du kannst ihr nicht einfach so einen neuen Namen geben wie einer streunenden Katze die dir zugelaufen ist.“

Jake schwieg. Natürlich gab es keinen zwingenden Grund, warum das Mädchen in der Kapitänskajüte unbedingt in diesem Augenblick noch einen Namen brauchte, aber für Jake war sie schon lange nicht mehr schlicht die ,anonyme Gerettete' – sie verdiente einen Namen.

Arielle.

Kapitel 3

Sobald die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages die Dunkelheit der Nacht verdrängten und den Himmel über Green Rock Island mit den frischen Farben des Morgens durchfluteten, rüstete sich die Besatzung der FORTUNA zum Aufbruch.

„Anker auf!“, ertönte auch schon das Kommando und die Crew begann eifrig mit dem Einholen der Ankerkette. Keinem lag daran, länger hier zu verweilen als unbedingt nötig, schließlich waren die Seeleute rausgefahren um Fische zu fangen, Geld zu verdienen. Der Sturm hatte ihnen erbarmungslos einen Strich durch die Rechnung gemacht und nun galt es, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Hochmotiviert gingen Jake und Tony ans Werk, den immerhin knapp 30 Meter langen Hochseekutter wieder heil durch den „Haifischschlund“ heraus aufs offene Meer zu bugsieren. Trotz Übermüdung - ein Dauerzustand während der Fischereisaison - gelang die Ausfahrt aus der Lagune nahezu reibungslos und die See begrüßte ihre vertrauten Gefolgsleute mit einer kühlen, temperamentvollen Meeresbrise.

Die Mannschaft konnte es nicht erwarten, endlich den Laderaum des Fischerbootes mit Seelachs zu füllen und dank eines zünftigen Frühstücks, das sich hauptsächlich aus reichlich Nikotin, Koffein und Cholesterin zusammensetzte, fühlten sich die Männer auch ohne ausreichend Schlaf einigermaßen gut gewappnet für den bevorstehenden Arbeitstag. Beherzt, wenngleich nicht völlig uneigennützig, hofften sie vor allem auch, dass sich die Gerettete bald genug erholt haben würde, um die Tour ohne weitere Unterbrechungen durchstehen zu können. Zweifelsohne ging ihr gesundheitliches Wohl vor, aber die Neuigkeiten von ihrem kurzzeitigen Erwachen und der ersten Unterhaltung mit Jake und Tony – sofern man das überhaupt als solch eine bezeichnen konnte – hatten die Seemänner optimistisch gestimmt, dass sie womöglich in der Gunst des Schicksals standen und nicht noch einen weiteren Tag einbüßen würden.

Der Optimismus war keineswegs unbegründet. Der Puls des Mädchens war seither auf ein akzeptables Level geklettert, auch ihre Körpertemperatur machte einen viel besseren Eindruck. Sie schlief entspannter und wirkte von Stunde zu Stunde robuster. Man konnte förmlich zusehen, wie sie allmählich zu Kräften kam und wie Jake im gleichen Zuge Stück für Stück seine sonst so charakteristische Gelassenheit zurückerlangte.

Zurück auf offener See funkte er als Erstes seine Kollegen von der

Fischereiflotte an. Ihm war mulmig zumute. So breitflächig und aggressiv wie das Unwetter überall gewütet hatte, dürfte es für niemanden hier draußen ein Zuckerschlecken gewesen sein. Tony zappelte nervös neben ihm herum, trat ununterbrochen von einem Bein aufs andere in ungeduldiger Erwartung einer Antwort aus dem Lautsprecher des Funkgerätes.

„Jake? Gott, bin ich froh, von euch zu hören. Seid ihr okay? Over.“ „Yep. Bill, mein Freund, glaub mir: das beruht auf Gegenseitigkeit. Bei uns ist alles gut. Ist die VICTORIA heil geblieben? Alle gesund und munter? Over.“

„Ja, wir hatten Glück. Wo treibt ihr euch denn herum? Die Küstenwache versucht seit Stunden, euch anzufunken. Ihr habt uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt! Over.“

„Wir hatten uns auf Green Rock Island versteckt. Aber das ist ein einziges Funkloch. Sind gerade erst raus, mussten das Tageslicht abwarten. Wie sieht es mit den anderen aus? Over.“

„Habe ich es mir doch gedacht! Die Lagune – ganz in der Harris Familientradition. Gut für euch. Da wart ihr aber weit ab vom Schuss.

Hier in Küstennähe gab es tüchtig Bambule. Die OCEAN ONE hat zwei Verletzte gemeldet - ist Gott sei Dank nicht allzu ernst, wie es scheint. Barry hat es mit seiner SANTA MONICA unbescholten in den Hafen geschafft, aber die DESTINY wurde im Hafen von einem anderen Fischerboot, das sich losgerissen hat, gerammt. Und unser Greenhorn-Kapitän hat seine RUBBER DUCK bei der Einfahrt in den Hafen gegen die Böschung gecrasht. Er ist zwar noch mal mit einem blauen Auge davongekommen, aber wenn du mich fragst, hat der Junge mehr Glück als Verstand.

Am schlimmsten hat es wohl Ray erwischt: er hat seine halbe Ausrüstung verloren und sein Motor ist im Eimer. Die Seenotrettung musste ihn abschleppen. Das hätte echt dumm ausgehen können – manövrierunfähig in diesem gewaltigen Sturm. Nachdem, was man so hört, erreichte das Rettungsboot die ELDORADO gerade noch so in letzter Minute. Hut ab vor den Jungs. Ich kann es nur immer wieder sagen: Das sind echte Helden. Wirklich!

Rays Crew ist wohlauf, aber du kannst dir vorstellen - Ray ist fix und fertig. Die Sachschäden und Verluste sind schon heftig.

Da ist einiges zusammengekommen – wenigstens sind alle aus unserer Flotte erst einmal in Sicherheit. Andere hatten mehr Pech. Zwei kleine Fischerboote werden derzeit immer noch vermisst, es scheint auch mindestens einen Toten gegeben zu haben. Das war ein Mordssturm, sie haben Spitzen von fast 170 km/h gemessen. Over.“

„Mein lieber Schwan.“

Solch eine Zusammenfassung wollte erst einmal verdaut sein. Jake und Tony waren mit allen Kapitänen der Flotte und dem größten Teil der Crewmitglieder eng vertraut, ja, mit den meisten von ihnen befreundet. Nur zu gut konnten sie sich in Rays Lage versetzen, der - dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen - nun vor einem potentiellen finanziellen Bankrott stand – von einem Moment zum nächsten.

„Damit hat sich die Saison für Eldorado Ray erledigt. Davon erholt man sich nicht so schnell. Der arme Hund. Verdammt! Hör mal, Bill, wir haben eine Schiffsbrüchige aus dem Wasser gerettet. Sie könnte zu den zwei Booten gehören, die du erwähnt hast. Das Mädel steht unter Schock, kann sich momentan an nichts erinnern. Wird eine Frau vermisst? Weißt du was? Over.“

„Meine Güte! Nein, ich habe keine genaueren Infos, was die vermissten Boote angeht. Wie habt ihr sie gefunden? Over.“

„Sie trieb einfach so allein im Meer herum, ohne Rettungsanzug oder Rettungsinsel. Tony hat sie rein zufällig gesehen. Das war eine Chance von 1:1.000.000, wenn das überhaupt reicht. Sie war so gut wie tot. Für eine Weile dachten wir alle, sie schafft es nicht. Aber jetzt scheint sie über den Berg zu sein. Stell dir das vor: alles was sie trug war ein Bikini. Over.“

„Was? Du machst Witze! So etwas kann man doch nicht... Oh oh! Hey Jake, ich bekomme gerade ein Signal von der Küstenwache rein. Ich muss mich später noch mal melden. Hey, und Jake: Schön, euch zurück zu wissen. Bis dann. Over and out.“

„Roger that. Over and Out.“

Im selben Augenblick nahm die Küstenwache auch mit der FORTUNA Kontakt auf. Jake klärte sie detailliert darüber auf, was sich zugetragen hatte, und erkundigte sich sofort nach der möglichen Identität des geretteten Mädchens. Die Küstenwache wusste jedoch nichts von einer vermissten Frau. Laut ihrer Kenntnis befand sich an Bord der zwei Fischerboote, die noch nicht in den Hafen zurückgekehrt waren, ausschließlich männliches Personal.

Wie Jake von Anfang an schon geahnt hatte, deutete alles darauf hin, dass das Mädchen nicht der kommerziellen Schifffahrt zuzurechnen war. Auch die Fahrgastlisten der noch auf See befindlichen Passagierschiffe wiesen keine Unstimmigkeiten auf. Nach diesen wenig ergiebigen Auskünften spekulierte Jake umso mehr, dass die Schiffsbrüchige vermutlich an einer privaten Fahrt teilgenommen hatte, etwa auf einem Segelboot oder einer Motoryacht.

Im privaten Schifffahrtsbereich allerdings fehlte der Küstenwache fast jeglicher Überblick. Besonders je kleiner die Boote, desto weniger Informationen über ihre Aktivitäten gelangten für gewöhnlich an die Zentrale der Seefahrtsbehörde. Wurde ein privates Boot vermisst, so war man größtenteils auf Anzeigen durch die Familien und Freunde angewiesen. Bis jetzt jedenfalls lag der Küstenwache noch keine Vermisstenanzeige für eine Frau vor, was letztendlich nicht allzu viel zu bedeuten hatte, denn so kurz nach dem Sturm herrschte so gut wie überall noch ein einziges Chaos. Es blieb, abzuwarten.