Das Blau ferner Räume - Vera Zwerger Bonell - E-Book

Das Blau ferner Räume E-Book

Vera Zwerger Bonell

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Beschreibung

"Es werden reduzierte Bilder sein. Reduziert in der Farbwahl, reduziert in der Gegenständlichkeit. Luftbilder die einen, der Stachel des Schmerzes in den anderen. Ich habe alle zehn Bilder der Serie im Kopf und auch den Titel: Das Blau ferner Räume." Herlinde ist eine der wenigen Frauen, die im Mailand der 1930er-Jahre die Kunstakademie besuchen. Von ihren Mitstudenten liebevoll Tiglio, die Linde, genannt, sucht sie ihren Weg zwischen gegensätzlichen Welten: der Großstadt und dem dörflichen Milieu ihrer Herkunft, der Malerei und dem Brotberuf. Als sich ihre erste Liebesbeziehung anbahnt, bricht der Krieg aus. Er verändert alles. Einfühlsam und unaufgeregt zeichnet Vera Zwerger Bonell ein Frauenleben nach, das geprägt ist von den Schrecken des Faschismus, von Verlust und dem Wunsch nach Zugehörigkeit in der Welt der Kunst.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Vera Zwerger Bonell

Das Blau ferner Räume

Vera Zwerger Bonell

Das Blau ferner Räume

Roman

Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur

1. Auflage

© Edition Raetia, Bozen 2026

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeglicher Art inklusive Text- und Data-Mining nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Projektleitung: Magdalena Grüner

Lektorat: Alexandra Dostal, www.alexandradostal.at

Korrektur: Helene Dorner

Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it

Umschlagbild: Gotthard Bonell

Satz und Druckvorstufe: Typoplus, Frangart

Printed in Europe

ISBN: 978-88-7283-989-8

ISBN E-Book: 978-88-7283-962-1

Informationen zur allgemeinen Produktsicherheit GPSR und Einsicht in die technische Dokumentation:

Edition Raetia

Zollstangenplatz 4

39100 Bozen

Italien

[email protected]

Eindeutige Identifizierung des Produkts: ISBN 978-88-7283-989-8

Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.

Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].

Für Gotthard, Noemi und Elias

Danke für euer Interesse, euer Nachfragen und eure Ermutigungen!

TEIL 1

Tiglio

Sie musste ihren Koffer auf den Boden stellen und sich mit ganzer Kraft gegen das schwere Eingangsportal stemmen, um die Tür zu öffnen. Auf dem kräftigen Blau des Portals glänzten die Messingbeschläge. Imposant, so hoch wie der Eingang zur Kirche daheim! Bevor sie eintrat, warf sie noch einmal einen prüfenden Blick auf die Hausnummer 48, dann schob sie den zerknitterten Brief mit der Adresse in ihre Jackentasche. Jeden Tag würde sie nun durch dieses beeindruckende Tor treten, und jeden Tag würde sie sich auf dieses Blau freuen, ein Blau wie der Schutzmantel der Muttergottes. Den Koffer in der Hand schaute sie sich um, während hinter ihr die Tür ins Schloss fiel. Breite Marmorstufen, Licht, das von oben in hellen Bahnen den imposanten Aufgang ausleuchtete, Stille. Staubig trockene Luft, ein Hauch Kalk, als wären irgendwo Wände getüncht worden. Etwas zögerlich und immer noch eingeschüchtert von den Dimensionen dieses Stadtpalazzos nahm sie die Stufen bis zum zweiten Stock in Angriff.

Mit jeder Stufe wurden ihre Beine schwerer und ihr Atem kürzer. Auf dem letzten Treppenabsatz neigte sie kurz ihren Kopf Richtung Achselhöhle. Prüfend schnupperte sie und nahm einen stechenden Schweißgeruch wahr. Wie peinlich, sie wird denken, ich sei ein Dorftrampel, der sich nicht wäscht. Die erste Sommerhitze, die Anstrengung der langen Bahnfahrt und die Angst, es nicht zu schaffen, steckten in dieser Geruchsmischung. Sie war sich selbst fremd, der beißende Geruch eines Wildtieres. Der Fuchs

in der Falle. Sie zuckte zusammen, in ihren Ohren ertönte der spöttische Ruf vom Schulhof: „Fuchs, Fuchs!“ Ihre Wut loderte wie ihr Haar, aber meistens schaffte sie es, sich zurückzuhalten, nicht zu reagieren. Nun stand sie vor der Wohnungstür von Signorina Dina Casini. Dunkles Nussholz mit weißen Milchglaseinsätzen, ein blank poliertes Namensschild aus Messing: Fam. R. Casini. Sie spürte das Pochen des Blutes in ihrer Halsschlagader, während sie die Klingel betätigte. Sie hörte leichte Schritte, dann wurde die Tür mit einem Ruck weit geöffnet. Eine kleine, jugendlich wirkende Frau schaute sie lächelnd an und trat mit einer einladenden Bewegung zur Seite: „Oh, das Mädchen aus den Bergen, nun ist sie da!“

Verlegen, aber doch erleichtert über die freundliche Begrüßung, streckte Herlinde Signorina Dina ihre Hand entgegen.

„Nun komm erst mal herein und zieh deine Jacke aus!“ Signorina Dina wies auf die Garderobe im langen Flur, unbeholfen schälte sich Herlinde aus ihrer klebrig verschwitzten Strickjacke. Ihre Schultern waren schmerzhaft verspannt wegen des schweren Rucksacks, den sie, seit sie aus dem Zug gestiegen war, die ganze Strecke über auf dem Rücken getragen hatte. Dann noch der Koffer, den sie in immer kürzeren Abständen von einer Hand in die andere hatte wechseln müssen. Vorsichtig hängte sie ihre Jacke über den Messingbügel, den Signorina Dina ihr hinhielt.

„Wie ich dir schon geschrieben habe, bin ich ohne Hausmädchen, du musst dein Gepäck selbst ins Zimmer bringen. Aber komm zuerst mit mir in den Salon und trink ein Glas Zitronenwasser …“ Signorina Dina hatte sie die ganze Zeit mit einem kühlen Blick aus grauen Augen gemustert, freundlich, aber distanziert.

„Wie war die Reise?“, erkundigte sich Signorina Dina, während sie vom großen runden Tisch eine Glaskaraffe nahm und Limonade in hohe Gläser füllte, die neben der Karaffe standen. Mit einer Geste bedeutete sie Herlinde, auf einem der dunklen Stühle mit schmaler Lehne Platz zu nehmen. Sie setzte sich dem Mädchen gegenüber.

„Der Zug war pünktlich, keine Verspätungen, aber ich musste zweimal umsteigen, da hatte ich so große Angst, ob ich auch den richtigen Anschlusszug finden würde …“ Verschämt murmelte sie: „Ich bin noch nie mit dem Zug so eine weite Strecke gefahren, ich hatte ständig Herzklopfen. Zum Glück haben Sie mir in Ihrem Brief sehr genau die Anfahrt beschrieben, sodass ich am Hauptbahnhof auch gleich noch die richtige Straßenbahn erwischt habe!“ Das Mädchen griff nun hastig zum Glas und trank. Die Art, wie sie das Glas auf den Tisch zurückstellte, es nochmals in die Hand nahm und leer trank, ließ erkennen, dass der Durst über ihre Schüchternheit gesiegt hatte. Signorina Dina schenkte ihr nach und legte ihr dann in ruhigen, aber bestimmten Worten dar, was als Nächstes zu tun sei. Sie würde ihr die Wohnung und ihr zukünftiges Zimmer zeigen, Herlinde könne sich kurz im Bad frisch machen, um danach, in ungefähr einer Stunde, mit Fräulein Dina zum Telefonieren nach draußen zu gehen. Maestra Elena hatte darum gebeten, dass man ihr gegen Abend Bescheid gebe, wenn das Mädchen in Mailand eingetroffen sei, sie würde dann auch deren Vater informieren.

Auf beiden Seiten des Flurs gab es drei bis vier Türen, die Signorina Dina nacheinander öffnete. Da war die Küche, von der aus man in eine Speisekammer kam, daneben lagen das Bad und ein eigener Raum für die Toilette, dann folgte die Bibliothek. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs lag am Ende des Ganges das Schlafzimmer von Signorina Dina, darauf folgte ein kleinerer Raum, der ihr Zimmer werden würde. Gleich anschließend befand sich der sogenannte Wirtschaftsraum und dann gab es noch den großen Salon, wo sie gerade die Limonade getrunken hatten. So, nun könne sie sich frisch machen, eventuell auch die Kleidung wechseln, den Koffer auspacken. Häuslich einrichten könne sie sich hingegen später, am Abend nach dem Essen, in einer Dreiviertelstunde solle sie in den Salon kommen.

Nachdem sich die Tür hinter Signorina Dina geschlossen hatte, zerrte Herlinde hastig ein Handtuch und die Seife aus dem Koffer und verschwand zuerst auf die Toilette und anschließend ins Bad. Beide Räume waren schwarzweiß gefliest, alles war sauber, es roch nach Kernseife und Lavendel. Während sie sich entkleidete, betrachtete sie andächtig die große Badewanne mit den Löwenfüßen. Dieses saubere, leuchtend weiße Becken durfte sie nun benutzen. So etwas Edles hatte sie noch nie gesehen. Die Signorina hatte ihr aufgetragen, sich zu waschen, also überwand sie ihre Scheu vor der herrschaftlichen Wanne. Vorsichtig stieg sie hinein, ließ Wasser einlaufen und spürte unter sich das glatte, kühle Email; über ihre Schenkel plätscherte das Wasser. Was für ein Genuss, ganz anders als der raue, nur halb so große Holzzuber daheim. Sie würde sich beeilen müssen, sie konnte das Bad nicht so auskosten, wie sie es sich gewünscht hätte, aber sie war erleichtert darüber, ihren „Fuchsgeruch“ loszuwerden. Zurück im Raum, den sie leise murmelnd „mein Zimmer“ mit Betonung auf „mein“ nannte, zog sie ein blau-weiß gestreiftes Sommerkleid aus dem Koffer. Es war etwas zerknautscht, aber viel Auswahl hatte sie ja nicht. Das einzige Paar Sandalen lag ganz unten im Rucksack verstaut. Als sie den aufschnürte, stieg ihr ein rauchiger, würziger Duft in die Nase. Mehrfach in Zeitungspapier eingewickelt, hatte der Vater ihr noch ein großes Stück Speck mitgegeben, als Willkommensgeschenk für Signorina Dina – das hatte sie vorhin ganz vergessen, den würde sie gleich anschließend überreichen.

Der dunkle Schrank hatte im Mittelteil einen Spiegel eingelassen, vor diesem drehte sie sich nun einmal um die eigene Achse. Sie war zufrieden mit dem, was sie sah. So wie sie gekleidet war, würde sie in der Stadt nicht auffallen, niemand würde ihr das Dorfmädchen an der Nasenspitze ablesen können. Aber ihr kupferrotes Haar mit der hochgesteckten Flechtfrisur war auffallend, zumindest hier in der Stadt. Zu Hause trugen viele junge Frauen ihr Haar auf diese Weise hochgesteckt. Sobald sie es sich leisten könne, würde sie die Zöpfe abschneiden lassen und das Haar kurz tragen, wie die meisten Frauen in der Stadt, sinnierte sie versunken vor dem Spiegel. Da sie keine Uhr besaß, musste sie sich auf ihre Schätzung verlassen. Und Signorina Dina wollte sie unter keinen Umständen warten lassen. Mit dem in Zeitungspapier eingeschlagenen Speck machte sie sich auf zum Salon.

Zwei Stunden später, als sie vom Stadtrundgang und dem Telefonat mit ihrer ehemaligen Lehrerin Maestra Elena zurück waren, konnte Herlinde sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. „Gute Nacht und vielen Dank für alles“, sagte sie zu Signorina Dina. Dann betrat sie ihr Zimmer und schloss leise die Tür. Sie war müde, Schultern und Beine schmerzten. Sie wollte noch ein wenig frische Luft ins Zimmer lassen, öffnete vorsichtig die raumhohen Fenster. Wie ein Kübel warmes Wasser schwappten die Stadtluft und ungewohnter Lärm herein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite nahm sie die gleichen Hausfassaden wahr wie jene des Stadthauses, aus dessen Fenster sie gerade schaute. Die Häuserzeilen zu beiden Seiten waren wie Spiegelbilder; Steinmauern, durchbrochen von langen Reihen hoher Fenster, kein bisschen Grün. Sie trat vom Fenster zurück und ließ sich aufs Bett plumpsen, schlenkerte ihre Beine, bis die Sandalen sich von alleine lösten und zu Boden fielen. Herausgeschlüpft aus dem Kleid, das Nachthemd übergestreift und ein kurzer Gang ins Bad. Ihr Kopf summte und fühlte sich schwer an, als hätte sie Fieber. Zurück vom Badezimmer legte sie sich auf das kühle Leinen, mit dem das Bett bezogen war. Ihre Lider waren schon geschlossen, noch bevor sie den Kopf auf das Kissen sinken ließ. Sie wollte schlafen, nichts als schlafen.

Heute würde sie den Koffer wohl endlich auspacken, die wenigen Kleider in den Schrank hängen. Für Unterwäsche und Strümpfe gab es eine Kommode. So konnte sie den leer geräumten, schäbigen Koffer endlich auf den Schrank hieven. Das Zimmer lag im Dunkeln, obwohl gerade erst Mittag war. Signorina Dina hatte ihr aufgetragen, die hölzernen Läden, die anders als daheim innen und nicht außen vor dem Fenster angebracht waren, erst gegen zehn Uhr abends zu öffnen, sonst würde sich ihr Zimmer im Sommer zu sehr aufheizen. An Lesen war im Moment wohl nicht zu denken, die kleine Nachttischlampe mit dem plissierten grünen Schirm gab wenig Licht. Herlinde legte sich aufs Bett und ließ, die Arme unter dem Kopf verschränkt, die vergangenen Stunden Revue passieren. Signorina Dina hatte für die nächsten sechs Wochen einen strengen Stundenplan erstellt. Jeden Tag außer sonntags würde sie ihr von acht bis zwölf Uhr Nachhilfeunterricht erteilen, um sie auf die Aufnahmeprüfung in die zweite Klasse des Kunstgymnasiums vorzubereiten. Anschließend würde sie Herlinde beim Kochen anleiten. Danach abspülen, den Küchenboden reinigen, das waren Pflichten, die nun Herlinde zufielen. Von vierzehn bis sechzehn Uhr Ruhepause, höchstens eine Erkundung der Umgebung wäre erlaubt. Von sechzehn bis achtzehn Uhr Wiederholung des Lernstoffs im Selbststudium in ihrem Zimmer. Neunzehn Uhr: leichtes Abendessen; ab zwanzig Uhr Zeit für Lesen, Briefe schreiben, Radio hören, jedoch kein Ausgang, es sei denn, die Signorina schlüge einen gemeinsamen Spaziergang vor. Signorina Dina unterrichtete in einem Mädchengymnasium in der Stadt und führte ein strenges Regiment; Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit als Fundament fürs Weiterkommen, im Studium wie im Leben, so ihre unerschütterliche Überzeugung. In diesen sechs Wochen musste Herlinde den Lernstoff eines gesamten Schuljahres schaffen, aber auch in der Küche und im Haushalt lernen, den ihr übertragenen Pflichten künftig eigenständig nachzukommen. So haben es Maestra Elena, Herlindes Lehrerin an der Dorfschule und einstige Studienkollegin von Signorina Dina, mit ihr gemeinsam vereinbart: Gegen Unterkunft und Verpflegung würde Herlinde Haushaltspflichten übernehmen, kochen und putzen. Mit Unterrichtsbeginn im Oktober würde dies alles nur mit einem streng geregelten Stundenplan zu bewältigen sein.

Dieser strenge und umfangreiche Tagesplan forderte ihren ganzen Einsatz. Dann kamen noch die detaillierten Kochanleitungen. Tränen flossen nicht nur beim Zwiebelschneiden. Die Signorina ließ nicht locker. Momente der Schwäche und Verzweiflung übersah sie geflissentlich. Irgendwann jedoch streute sie ein paar aufmunternde Worte ein, die von Herlinde erstmals allein zubereitete pasta alla carbonara lobte sie sogar. Jene sechs Wochen verflogen im Nu. Herlinde verspürte tagsüber vor lauter Verpflichtungen kein bisschen Heimweh. Alles war neu, sie musste so viel lernen. Abends, wenn sie benommen von all dem Neuen müde im Bett lag, da legte sich ein schwerer Reifen um ihre Brust. Als ob ein zu enges Halsband auf den Kehlkopf drückte, pressten die Tränen von innen gegen ihren Schlund. So erbrach sie förmlich ihr Schluchzen. Auf diese Weise taumelte sie in den Schlaf. Der nächste Morgen hielt dann wieder den Harnisch aus Pflichterfüllung bereit. Sie wollte es schaffen, sie würde es schaffen.

Herlinde straffte die Schultern, atmete einige Male tief durch und hob ihr Kinn, als sie die Tür zur Aula der 2A öffnete. Es waren erst wenige Schüler im Raum. In der letzten Bank im Eck schälte sich ein großer, schlaksiger Junge gerade aus seiner Jacke, hielt aber mitten in der Bewegung inne und sah sie fragend an. Zwei kleinere, jünger wirkende Buben, die gemeinsam über ein Buch gebeugt waren, sahen unverwandt zu ihr herüber. Der Junge aus der letzten Bank schlenderte nach vorn und meinte lässig: „Signorina, kann es sein, dass Sie sich in der Tür geirrt haben, das Sekretariat befindet sich am Ende des Flurs!“ Herlinde schüttelte den Kopf und meinte, sie sei dieser Klasse zugeteilt worden. Wie auf Kommando entstand Bewegung im Raum und Geraune: „Wie, was, ein Mädchen …?“ Und schon war sie umringt von fünf oder sechs Schülern. Sie stand mit dem Rücken zur Tür und hatte nicht bemerkt, dass inzwischen noch weitere Schüler die Klasse betreten hatten; rasch abgefeuerte Fragen nach ihrem Namen und ihrer Herkunft folgten. Sie kam nicht mehr dazu, diese zu beantworten, denn die kräftige Stimme des mageren Jungen übertönte den Tumult: „Benehmt euch doch nicht wie die Straßenköter und lasst das Fräulein doch zuerst Platz nehmen!“

„Ja, nehmt euch ein Beispiel an den guten Manieren des Signor Conte …“, feixten die anderen und boxten sich verschwörerisch in die Seiten. Herlinde drückte sich an einer Dreiergruppe pickeliger Jungs vorbei und steuerte eine Bank an der Wand an, in der dritten Reihe an der Türseite, einen Platz, den sie in den folgenden zwei Schuljahren beibehalten würde.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Ermanno Braida“, meinte dieser halblaut und mit gerunzelter Stirn, als würde er sich für das kindische Benehmen seiner Klassenkameraden schämen. Bevor Herlinde sich ihrerseits vorstellen konnte, betrat ein Lehrer den Raum. Mit donnernder Stimme übertönte er mühelos das Stimmengewirr. Wie am ersten Unterrichtstag üblich, hielt er eine Schülerliste in der Hand, sein suchender Blick hatte Herlinde bereits entdeckt. Bis auf ein oder zwei Nachzügler waren in der Zwischenzeit alle Schüler an ihren Plätzen. Wie auf einen für Herlinde unhörbaren Befehl hin schnellten alle in die Höhe und standen neben ihrem Sitzplatz stramm; Herlinde tat es ihnen gleich. „Guten Morgen, Professor Donato“, schallte es durch den Raum und Herlinde konnte nicht überhören, dass einige noch voll im Stimmbruch waren. Mit einem energischen Kopfnicken brachte der Professor alle dazu, sich zu setzen, und begann dann mit der Überprüfung der Anwesenheiten. Für eine Handvoll Schüler, die offensichtlich erst nach dem Absolvieren einiger Nachprüfungen in die zweite Klasse des Kunstgymnasiums versetzt worden waren, hatte er strenge Ermahnungen und auch einige ironische Kommentare auf Lager, sodass denen und allen anderen klar war, dass man ihnen im kommenden Schuljahr nichts nachsehen würde. Nun war er bei Herlindes Namen angelangt, Vor- und Nachname begannen mit dem im Italienischen inexistenten Hauchlaut „H“ am Wortanfang, ein für Italiener unmögliches Unterfangen. Daher war es für sie nicht ungewöhnlich, als Erlinde Uber aufgerufen zu werden, wie damals in der Dorfschule. In wenigen Sätzen unterrichtete Professor Donato die Anwesenden darüber, dass Herlinde die Aufnahmeprüfung in die zweite Klasse mit Bravour geschafft habe. Das Mädchen hatte die bestandene Aufnahmeprüfung allein der sorgfältigen Vorbereitung durch Signorina Dina zu verdanken. Wer das Kunstgymnasium besuchte, hatte ein Ziel: die Kunstakademie. Das Kunstgymnasium war erst vor zehn Jahren als Vorbereitungsstufe zur Akademie eingeführt worden. Der Professor forderte Herlinde auf, kurz zu erklären, woher sie komme. Anschließend betonte er, dass es für alle Anwesenden, für die Schüler wie für die Professoren, eine Umstellung bedeuten werde – ein Mädchen in einer Jungenklasse … Höflichkeit und Disziplin würden von allen erwartet. Dann ging es mit dem Appell weiter. Wie sich später herausstellte, unterrichtete Professor Donato die Klasse in Geschichte und in italienischer Literatur. In der ersten Pause erfuhr Herlinde, dass Professor Donato äußerst beliebt war, ein fähiger und gerechter Lehrer, kein stumpfsinniger Pauker, deshalb auch mit dem freundlichen Spitznamen dono – Geschenk – belegt. In dieser ersten Pause versuchten einige Mitschüler bereits, mit Herlinde ins Gespräch zu kommen. Ermanno meinte, er spreche ein wenig Deutsch, weil er öfters mit den Eltern in der Gegend, aus der sie stamme, im Urlaub gewesen sei. Daher wisse er, dass „Herr“ Signore heiße. Was es mit diesem seltsamen Namen auf sich habe, Signor Linde … Ihr Lachen brach endgültig das Eis, sie setzte sogar noch eins drauf, als sie erklärte, dass Linde auf Italienisch tiglio heiße, und schuf sich damit wohl als Einzige in der Klasse selbst ihren Spitznamen: Signor Tiglio.

Leise schloss sie die Badezimmertür. Sie steckte ihre Nase in den Ausschnitt ihres Nachthemdes und sog den frischen Duft der Lavendelseife ein, der nach dem Waschen noch einige Zeit auf ihrer Haut haften würde. Ihre Tage waren lang, die Arbeit im Haushalt und das tägliche Lernpensum mussten gut eingeteilt werden. Aber sie war nicht verwöhnt, daher erschienen ihr diese langen Tage von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends anspruchsvoll, waren aber nichts, worüber man klagen müsste. Ganz im Gegenteil: Wenn sie nach einem langen Tag, so wie jetzt, noch ein Bad nehmen konnte, kam sie sich privilegiert vor. Diesen Luxus kannte sie von zu Hause nicht. Dort wusch man sich in der Küche, in einem Holzzuber, nachdem man auf dem Herd Wasser warm gemacht hatte. Warmwasser aus dem Hahn und eine Zentralheizung waren Annehmlichkeiten, die sie erst hier in der Stadt kennengelernt hatte. Signorina Dina sorgte dafür, dass das Leben in diesem Zwei-Frauen-Haushalt streng nach Plan und insgesamt wie am Schnürchen verlief. Am Sonntagvormittag beim Frühstück wurde der Speiseplan für die kommende Woche erstellt. Zweimal Fleischgerichte, meist dienstags und samstags, sonst Nudel- und Reisgerichte, freitags manchmal Fisch. Signorina Dina erledigte den Einkauf. Am Sonntag wurde nicht gekocht, da hatte Herlinde frei und die Signorina traf sich in der Stadt mit Freundinnen und aß auswärts. Um die Wäsche musste sich Herlinde nicht kümmern, die wurde von einer Frau abgeholt und wenige Tage darauf gebügelt zurückgebracht; Herlinde musste nur ihre eigene Unterwäsche und die Strümpfe selbst waschen. Der Samstagnachmittag war für den Wohnungsputz vorgesehen, die Signorina kümmerte sich nur um das Staubwischen im Salon und in der Bibliothek. Am Anfang fühlte sich Herlinde ein wenig verzagt, sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte und wie das alles zu bewältigen wäre, aber Signorina Dina gab ihr auch dafür generalstabsmäßige Anweisungen. Mit der Zeit wurde ihr dieses systematische Vorgehen so vertraut, dass sie gut abschätzen konnte, was in drei Stunden Putzen zu bewältigen war. Am Anfang hatte die Signorina sie kritisch beäugt, auch eingehend überprüft, wie sorgfältig sie die Räume gereinigt hatte. Eines Tages, Herlinde war schon gut zwei Monate im Haus, meinte die Signorina lachend:

„Es stimmt, was man hier in der Stadt in den gutbürgerlichen Haushalten über euch Mädchen aus den Bergen sagt – ihr seid wirklich fleißig und zuverlässig!“

Seither unterließ die Signorina die Inspektion nach dem erfolgten Wohnungsputz. Dass sie am Sonntag gemütlich mit der Signorina frühstückte, nachdem sie mit ihr gemeinsam die Sonntagsmesse in einer Kirche ganz in der Nähe besucht hatte, daran musste sich Herlinde erst gewöhnen. Das Mädchen fühlte sich immer noch ein wenig verlegen und unsicher. Es kam ihr nicht selbstverständlich vor, mit der Signorina an einem Tisch zu sitzen, wie in einer Familie. Mittlerweile hatte sie sich auch an das etwas fade und gummiartige Weißbrot gewöhnt, das kräftige Roggenbrot von zu Hause fehlte ihr nun nicht mehr so sehr. Die Wochen flogen nur so dahin; seit der Unterricht regulär begonnen hatte, waren ihre Tage so ausgefüllt, dass Herlinde richtig froh darüber war, von der Signorina so strenge Wochenpläne auferlegt bekommen zu haben. Einmal in der Woche, meist in der Mittagspause, setzte sich Herlinde in die kleine Loggia vor der Bibliothek. Dort schrieb sie Briefe an ihren Vater und an ihre Schwester. Mit lustigen Übertreibungen und einem ironischen Unterton beschrieb sie das strenge Regiment von Signorina Dina. Dabei ließ sie auch gelegentlich reumütig einfließen, dass sie zu Hause im Vergleich zu hier viel Zeit vertrödelt habe, aber dass sie nun besser verstehen könne, wenn ihre ältere Schwester Hilda mit Vorwürfen reagiert hatte. Sie komme sich nun um vieles älter und reifer vor. In einem ihrer Briefe beschrieb sie ihre freien Sonntage, die so ganz anders und gar nicht durchgetaktet verliefen. Diesen Tag hatte Herlinde nach einem ausgedehnten Frühstück mit der Signorina ganz für sich. Sie allein entschied über den Verlauf dieser kostbaren Stunden. Das konnte ein Kinobesuch am Nachmittag sein, ein Stadtbummel – manchmal mit neuen Bekannten, oft auch einige Stunden im Park des Castello, sogar ein Treffen zum Eisessen mit Mädchen aus ihrer Gegend, die hier ebenso in der Stadt in Haushalten arbeiteten, hatte sie schon vereinbart. Sie fühlte sich selbstbewusst und erwachsen. Zumindest in diesen Stunden machte ihr niemand Vorschriften. Wenn sie an jenen Sonntag zurückdachte, den sie mit Ermanno in einem Café in der Innenstadt verbracht hatte, stolperte ihr Herzschlag. Davon schrieb sie jedoch nichts in ihren Briefen.

Sie hatten sich zufällig getroffen, er war auf dem Weg zu einem Freund. Seinen Vorschlag, sich bei Kaffee und Kuchen über ihre gemeinsamen schulischen Erfahrungen auszutauschen, hatte Herlinde zuerst zögernd, aber dann doch freudig angenommen. Nun saßen sie in einem Café im Zentrum der Stadt, in der Galleria. Seine souveräne Art, sich wie ein Erwachsener zu benehmen und sie wie eine Dame zu behandeln, imponierten ihr. Sie hatte bemerkt, dass, wenn sie sich unsicher fühlte, es ihr gleich besser ging, wenn sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen ein wenig humorvoll übertrieben zum Besten gab. In solchen Situationen konnte sie gut ihre Fremdheit und Unsicherheit verstecken und erzielte meistens ein interessiertes Auflachen und weitere Fragen. Das hatte sich auch schon bei anderen Gelegenheiten, seit sie in dieser Stadt war, gezeigt. Rasch stellte sich bei diesem Zusammentreffen mit Ermanno eine Art Vertrautheit ein, die Herlinde so noch nie erlebt hatte. Sie erzählten sich gegenseitig, wie es zu ihrer Studienwahl gekommen sei. Herlinde stellte verwundert fest, dass sie zum ersten Mal mit einem Klassenkameraden über ihre Herkunft, über ihr Zuhause sprach. Ermanno schien wirklich interessiert zu sein. Er stellte keine dummen Fragen, hörte aber sehr aufmerksam zu. Höflichkeit und gute Manieren wiesen ihn als Bürgersohn aus. Das ruhige Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte, hatte nichts Überhebliches an sich. Unaufgeregt schilderte er seine familiäre Situation.

„Ich habe zwei ältere Brüder. Giovanni hat die Militärlaufbahn eingeschlagen. Er hat seine Offiziersausbildung abgeschlossen, inzwischen lebt er in Rom. Gabriele hingegen ist nun bald mit seinem Medizinstudium fertig. Er hat vor, ins Ausland zu gehen. Das spielte wohl auch eine Rolle, dass Vater mich unbedingt dazu bringen wollte, später Jus zu studieren, um bei ihm in der Kanzlei einzusteigen. Wenigstens einer seiner Söhne sollte in Mailand bleiben. Ohne die Fürsprache von Mama hätte ich es wohl nicht geschafft, aufs Kunstgymnasium zu gehen. So wenigstens bleibe ich in Mailand, wenn ich später auf die Akademie gehe. Aber ich zweifle, ob das für Papa ein Trost ist …“

Ein leises, schnaubendes Lachen und er fuhr fort:

„Meine Schwester Chiara und ich sind die Jüngsten in der Familie. Vater behauptet, Mutter hätte uns zu sehr verwöhnt. Aber Mama liebt die Kunst, sie hat ja selbst vor ihrer Ehe am Konservatorium Gesang studiert. Daher setzt sie sich für uns und die Kunst ein. Meine Schwester besucht im Konservatorium die Celloklasse.“

Er blickte sie über seine Kaffeetasse hinweg an, mit zusammengepressten Lippen und fragend nach oben gezogenen Augenbrauen. Sie konnte diesen Blick nicht recht deuten. Später verstand sie, da war sie schon mindestens ein Schuljahr lang in Mailand, dass man sich in seinen gesellschaftlichen Kreisen aus Liebhaberei der Kunst widmen konnte. Kunst zu sammeln – man hatte ja das Geld dazu –, war bei Kulturbeflissenen anerkannt. Aber aus der Kunst einen Beruf zu machen, war nicht vorgesehen.

Genau darin bestand eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen, wenn auch unter anderen Vorzeichen: ihr jeweiliges Umfeld, das diese Schulwahl mit Vorbehalten guthieß. Sie stammte aus einer ländlich-bäuerlichen Welt, ihr Vater verdiente als Rauchfangkehrer mit seinem Einmannbetrieb gerade einmal so viel, dass es fürs bescheidene Leben im Dorf reichte. Ein Studium zu finanzieren, wäre ihm gar nicht möglich. Und überhaupt gab es im Dorf kein einziges Mädchen, das studierte. Ohne die Fürsprache ihrer Lehrerin wäre der Vater nicht zu überzeugen gewesen. Zudem hatte ihre Lehrerin den Kontakt zu Signorina Dina hergestellt, diese und ihre ehemalige Lehrerin hatten sich das Arrangement Verpflegung und Logis gegen Hausarbeit ausgedacht.

Nun, da sie sich gegenseitig ihre persönliche Situation so offen geschildert hatten, waren beide stiller geworden. Es war eine nachdenkliche Stille, in der sie über das soeben Erfahrene nachdachten. Herlinde spielte einen Moment lang mit dem Gedanken, Ermanno das Versprechen abzunehmen, für sich zu behalten, was sie ihm erzählt hatte. Aber dann verwarf sie diesen Gedanken wieder, ein Blick in sein ernstes, konzentriertes Gesicht sagte ihr, dass es ohnehin so sein würde, ohne extra darauf zu pochen. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde, fast erschöpft. Sie kündigte ihren Aufbruch an, ließ es zu, dass er die Rechnung beglich, aber sie fühlte sich unbehaglich, als wären sie plötzlich nicht mehr auf Augenhöhe. Sie verabschiedeten sich. Man würde sich ja morgen in der Klasse wiedersehen. Beiden war bewusst, dass dort der Abstand zwischen ihnen wieder so groß sein würde, als hätten sie nie ein persönliches Wort gewechselt.

Herlinde war es recht so. Sie achtete darauf, zu allen Mitschülern neutralen Abstand zu halten. Wenn ihr einer etwas plump zu nahetrat, fiel ihr meistens eine schnoddrige Bemerkung ein, die sich an die kumpelhaften Frechheiten anpasste, die den Ton der Gespräche zwischen den Schulkameraden bestimmten. Wenn auch diese Strategie nicht mehr griff, so wiederholte sie die Sätze mit lauter Stimme und einem extrem betonten deutschen Akzent, sodass sie immer ein paar Lacher auf ihrer Seite hatte. Sie wusste, dass es eine größere Gruppe von Professoren gab, die das Klassenklima misstrauisch beäugten und nur darauf warteten, dass sie etwas in ihren Augen Ungehöriges entdeckten. Deren Ansicht nach hatten Frauen weder auf der Kunstakademie noch hier im Gymnasium etwas verloren. Reine Jungenklassen waren denen lieber, da brauchten sie keine Rücksicht zu nehmen, obwohl Herlinde sich dies weder erwartete noch wünschte. Ging es nach ihr, war ihr wichtig, unauffällig zu bleiben, jedoch möglichst viel zu lernen. Sie sog den Lernstoff wie ein Schwamm auf, jeden Tag eröffneten sich ihr neue Welten und zugleich wurde ihr bewusst, wie viel ihr bisher entgangen war.

Lieber Vater!

Ich sitze hier auf der Veranda vor der Bibliothek, heute scheint die Sonne noch so ungewöhnlich warm vom Himmel, kaum zu glauben für diese Jahreszeit. Wie geht es dir? Kommst du mit dem Essen zurecht, das Hilda dir vorbeibringt? Jeden Tag, wenn es Abend wird, denke ich daran, dass ich nun Feuer machen würde im Herd, um dir das Essen und das Wasser für den Waschzuber zu wärmen. Das alles musst du nun alleine bewerkstelligen, wenn du müde heimkommst. Weißt du, Vater, oft habe ich ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich im Bad den Warmwasserhahn aufdrehe. Auch das Kochen auf dem Gasherd habe ich gelernt, es geht so viel schneller als das umständliche Feuermachen im Herd! An all diese Annehmlichkeiten habe ich mich gewöhnt, aber ich denke oft daran, um wie viel schwerer du es hast. Mutter hätte mich wohl nicht in die Stadt ziehen lassen! Ich weiß, wie viel ich dir zu verdanken habe. Ich bemühe mich wirklich, niemanden zu enttäuschen und dir keine Schande zu machen! Signorina Dina ist sehr zufrieden mit mir! Wenn ich heimkomme, dann koche ich dir alle Gerichte, die ich hier gelernt habe. Auch in der Schule läuft es gut. Signorina Dina erkundigt sich immer und ist zum Glück recht zufrieden. Wir sind sogar mit der Klasse in den Schlosspark gegangen für das perspektivische Zeichnen! Das habe ich heute gleich wieder versucht und schicke dir nun das kleine Skizzenblatt mit, diese lange Straße mit dem eleganten Schwung nach rechts und die Häuserzeile gegenüber, das ist der Blick aus der Loggia. So kannst du dir ein wenig vorstellen, was ich sehe, während ich dir diesen Brief schreibe. Hier im Zentrum der Stadt ist alles so groß, jeder Palazzo größer als unsere Dorfkirche, manchmal verzage ich und komme mir in dieser lauten, geschäftigen Stadt so klein und nicht dazugehörig vor. Aber zum Glück sind meine Tage und Wochen mit Lernen und Hausarbeit ausgefüllt und oft bin ich abends so müde, dass ich mit dem Buch in der Hand einschlafe. Ich weiß, Hilda hatte es auch schwer als Dienstmädchen, sie hat mir oft davon erzählt und auch durchblicken lassen, dass ich ein angenehmes Leben führe, weil du so gar nicht streng mit mir seist. Das war während meiner letzten Schuljahre daheim und sie hatte recht, ich kann mir keinen besseren und nachsichtigeren Vater vorstellen. Ich bin immer stolz auf dich gewesen! Wenn meine Schulkameradinnen von ihren strengen Vätern erzählten, dann war ich doppelt dankbar, dich als Vater zu haben – du hast mich immer freundlich behandelt und nicht ein einziges Mal deine Hand gegen mich erhoben.

Ich werde alles daransetzen, dass ich weiterkomme und du auch einmal stolz auf mich sein kannst!

Bleib gesund, Vater, grüß mir Hilda!

Deine Tochter

Herlinde

An diesem 5. Oktober 1934, kurz vor Unterrichtsschluss, wurden alle in die Aula gerufen. Der Direktor teilte mit bedeutungsschwangerer Stimme allen Schülern mit, dass der heutige Freitag und morgige Samstag für Mailand zu denkwürdigen Tagen werden würden, denn Mussolini sei in der Stadt, er würde am Nachmittag auf dem Domplatz eine Rede halten. Der Nachmittagsunterricht falle aus, alle Schüler seien angehalten, die Veranstaltung zu besuchen. Sie spürte förmlich, wie um sie herum die Aufregung hochkochte; einige Mitschüler, Mitglieder der faschistischen Jugendgruppe, waren dabei, die Teilnahme als Aufmarsch zu organisieren, mit hochroten Köpfen, stolzgeschwellter Brust und einem Befehlston wie dieser kleinwüchsige und vierschrötige Führer, ihr Idol. Auch sie würde hingehen und sich das anhören, aber sicher nicht, um in deren Reihen zu marschieren!

Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater im letzten Jahr, bevor sie nach Mailand gezogen war, mit hochrotem Kopf an einem Sonntag zur Küchentür hereinstürmte. Nach dem Messgang war es üblich, dass die Männer im Dorf noch ein Glas Weißwein im Gasthaus tranken, bevor sie zum Mittagessen in ihre Häuser zurückkehrten. „Eher wandere ich aus, als mich in die Partei dieser Schweinehunde einzuschreiben!“ So empört und heftig hatte sie ihren Vater noch nie erlebt. Aus den keuchend hervorgestoßenen kurzen Sätzen des Vaters konnte sie sich allmählich ein Bild des Vorfalls machen. Das Gasthaus war jener Ort, an dem Neuigkeiten am schnellsten die Runde machten. Der neue Gemeindesekretär wusste dies für sich zu nutzen und mischte sich unters Volk. Auch wenn man vorsichtig war mit seinen Äußerungen, irgendetwas musste er aufgeschnappt haben, dieser faschistische Beamte, der nur vorgab, kein Deutsch zu verstehen. Lauthals über den Gasthaustisch hinweg habe er ihm zugerufen, dass ein Schornsteinfegermeister auf der Parteiliste noch fehle. Drohend hatte er nachgeschoben, dass Vaters Gewerbeschein eventuell nicht mehr gültig wäre, sollte er nicht in die Partei eintreten …

„Ich halte absolut nichts davon, dass junge Menschen sich politisch betätigen. Es braucht Reife und Lebenserfahrung, um einschätzen zu können, worauf Politiker abzielen. Deren große Reden und die Begeisterung der Massen beeindrucken euch, aber glaub mir, es ist gefährlich!“

„Ja, ich weiß, Sie haben recht, aber ich will nur am Rande mithören, ich bleibe auch nicht lange.“

„Dummkopf, du hast ja keine Ahnung, wenn die Massen erst mal in Bewegung sind, wirst du mitgerissen werden …“

Die Warnung von Signorina Dina war unmissverständlich, jedoch hatte sie es Herlinde nicht strikt verboten; damit war es beschlossene Sache, es zu wagen. Herlinde wusste, dass in dem katholischen Mädchengymnasium, in dem Signorina Dina unterrichtete, die Politik strikt ausgesperrt wurde, aber wie lange würden sie damit noch durchkommen?

Als Herlinde sich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg machte, spürte sie wenige Häuserblocks weiter, schon an der Straßenbahnhaltestelle, dieses fiebrige Vibrieren. Gleich zwei übervolle Straßenbahnen fuhren vorbei, viele Menschen eilten zu Fuß Richtung Domplatz. Sie kannte sich nun schon aus in der Stadt. In gut zwanzig Minuten wäre sie am Domplatz – zu Fuß natürlich, sie hatte wirklich keine Lust, sich in so einen übervollen Straßenbahnwaggon zu quetschen. Von einer Seitengasse bog eine mindestens zwanzigköpfige Jungengruppe, die Balilla, ein, angeführt von einem jüngeren Mann, den sie vom Sehen kannte. Einer, der an der Schule immer von einer Gruppe Bewunderer umgeben war und oft in der Pause unter dem Arkadengang das große Wort führte. Sie eilte weiter. Gruppen von Menschen, einige trugen Banner mit der Aufschrift „Es lebe der Führer“, Pärchen Arm in Arm und strahlend, als schritten sie zum Traualtar; einzelne Männer wie Frauen, die sich offensichtlich nicht kannten, aber wie selbstverständlich annahmen, sie hätten dasselbe Ziel, hakten sich euphorisch und in aller Eintracht unter, um gemeinsam dem Domplatz entgegenzusteuern. Niemand achtete auf das scheue Mädchen, das immer wieder mal die Straßenseite wechselte, ihren Schritt verlangsamte, um von den Menschengruppen nicht eingeschlossen zu werden.

Je mehr Menschen um sie herum in dieselbe Richtung zur Piazza Duomo strömten, desto dichter wurde das Gedränge, als umso beklemmender empfand es Herlinde. Umkehren aber wollte sie dennoch nicht. Inzwischen war sie nur mehr wenige Minuten von der Piazza entfernt, laute Marschmusik und die vielstimmigen Rufe der Menschenmenge brandeten ihr entgegen. Sie behielt ihre seltsame Technik bei: zehn Schritte, stehen bleiben, Straßenseite wechseln und sich von der Menge ein kleines Stück weitertragen lassen. Plötzlich tauchte zu ihrer Rechten eine Freitreppe auf, deren fünf Stufen zu einem imposanten Portal führten. Sie nahm die wenigen Stufen bis zum Absatz vor dem Eingang und stellte erleichtert fest, dass von dort aus ein Ausschnitt vom Domplatz zu sehen war. Nur ein paar Hundert Meter von ihr entfernt zeigte sich das Bild dieser wogenden Menge; Frauen schwenkten Taschentücher, Männer ihre Mützen und Hüte, zwischendurch leuchteten große Spruchbänder zu Ehren des Duce auf, die wie trunken über den Köpfen schwankten. Ein Menschenmeer. Die Marschmusik verstummte und Fanfarenstöße erfüllten die Luft. Nach den Fanfarenklängen dauerte es einige Sekunden, bis die Menschenmenge ruhiger, aber auch angespannter wurde. Alle Blicke schienen konzentriert auf jenen Punkt, den Herlinde aus ihrer Position heraus gar nicht sehen konnte. Das Knistern der Lautsprecher breitete sich über den Köpfen der Menschen aus, es klang wie das Prasseln von Feuer. Dann plötzlich ertönt die Stimme Mussolinis, er wendet sich als Erstes an die Schwarzhemden und dann an die Bürger der Stadt. Die bedeutungsvollen Pausen nach jedem Halbsatz nutzt die Menge immer wieder, um in Jubel auszubrechen. Herlinde starrte fasziniert und beklommen zugleich auf dieses irrsinnige Schauspiel. Die Menschenmasse erschien ihr wie ein einziger Organismus, bewegt nach einer Choreografie, dirigiert von der Stimme jenes Mannes, den sie gar nicht in ihrem Blickfeld hatte. Am Fuße der Treppe strömten immer noch Menschen hin zur Piazza. Einige Minuten harrte sie auf ihrer Position aus, seltsamerweise hatte sich sonst niemand zu ihr auf den Treppenabsatz gesellt, sie schienen nur das eine Ziel zu kennen, erfüllt vom Wunsch, so nahe als möglich an den Führer heranzukommen und Teil dieser euphorischen Menge zu werden. Nun, da die Straßen rund um den Domplatz fast leer geworden waren, beschloss Herlinde, den Rückzug anzutreten, früh genug, bevor die Wogen der Menschenmassen wieder zurückströmen würden.

Sie hatte die Eingangstür zur Wohnung gerade geschlossen, ihren Mantel noch gar nicht ausgezogen, da stand Signorina Dina vor ihr, schüttelte leicht verärgert den Kopf und wies sie mit einem Nicken an, in den Salon zu treten. Die schweren Samtvorhänge waren fast zur Gänze zugezogen, die Stehlampe in der Ecke neben dem Lehnstuhl warf einen gelblichen Lichtkreis auf die Sitzfläche, in deren Mitte ein aufgeschlagenes Buch lag. Es sei eine Unart, Bücher auf diese Weise abzulegen, hatte die Signorina vor nicht langer Zeit angemahnt. Während Herlinde sich an den Tisch setzte, nahm sie aus dem Augenwinkel heraus wahr, dass die Signorina noch rasch ein Band zwischen die Seiten legte, bevor sie das Buch geschlossen auf dem schmalen Wandschrank neben den Fotos ihrer Eltern abstellte.

„Nun bist du also doch zur Kundgebung gegangen, erzähl mir wenigstens, was du erlebt hast!“ Etwas stockend und unsicher beschrieb Herlinde die Szenerie. Signorina Dina unterbrach sie nicht, nickte und blickte sorgenvoll vor sich hin. „Wir gehen schwierigen Zeiten entgegen, die Menschen sind verblendet.“ Mit leerem Blick sah sie durch Herlinde hindurch. Ihr schien, die Signorina noch nie so müde und resigniert gesehen zu haben. In ihrem Abschlussjahr am Kunstgymnasium, als sie schon vertrauter miteinander umgingen, erzählte ihr Signorina Dina, wie froh ihr Vater gewesen sei, aus dem Staatsdienst ausscheiden zu können. Seine letzten Berufsjahre hatten die Faschisten zur Hölle gemacht. Jahre vorher schon hatte er seine Mitgliedschaft bei der Sozialistischen Partei zurücklegen müssen, er wäre sonst im Gefängnis gelandet oder hätte zumindest die Arbeit verloren. Der Zwang, sich den faschistischen Gepflogenheiten anzupassen, und tägliche kleine Demütigungen durch junge Kerle, die nun seine Vorgesetzten waren, hätten ihm das Genick gebrochen. Die Erzählungen der Signorina und die Entscheidung ihres Vaters, wenige Jahre später daheim im Dorf sein Gewerbe aufzulösen und fortzugehen, sollten Herlinde früh deutlich machen, wie leicht man in die Fänge dieses Systems geraten und zermalmt werden konnte.

Fast alle in der Klasse interessierten sich für Geografie. Es könnten so spannende Schulstunden sein, sich mit den Eigenarten ferner Länder und Kontinente zu beschäftigen! Wenn – ja, wenn dieses Fach von einem anderen Lehrer unterrichtet worden wäre. Gemello aber war unerträglich! Fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn setzte der Druck auf Herlindes Schläfen ein und die Kopfschmerzen begannen. Seine laute, sich überschlagende Stimme, dieser Stakkato-Ton im Vortrag, sein ewig gleicher Marschschritt vor den ersten Bänken und durch den Mittelgang – alles erinnerte an Mussolini. Auch wie er aussah: klein und vierschrötig, dieselbe breite Kinnlade, nach vorne geschobener Unterkiefer, um Strenge und Entschlossenheit zu simulieren. Deshalb hatten sie ihn im Geheimen il gemello – Zwilling – getauft. Die paar Idioten der Klasse haben nicht gemerkt, wie viel Ironie darin mitschwang, sie schwärmten vom Duce und folglich fiel nach deren Ansicht auch ein wenig Glanz durch den Gemello in ihren Schulalltag. Eigentlich wären der afrikanische Kontinent und seine Bodenschätze auf dem Lehrplan gestanden, aber Gemello nutzte jede Gelegenheit, um auf die glorreiche Vergangenheit des Römischen Reiches auszuweichen und somit ungefragt Geschichtsunterricht zu erteilen. Er kam immer wieder auf die Eroberungszüge des römischen Heeres zu sprechen, auf dessen Sieg über die Germanen. Die Römer brachten den Barbaren die Kultur und raubten als Kriegsbeute oft germanische Frauen, um sie dann in die römische Gesellschaft zu verpflanzen. Zumindest aber schmückten die römischen Legionäre ihre Helme mit der blonden oder roten Haartracht der Barbarinnen. Mit einem spöttischen Grinsen pflanzte er sich vor Herlinde auf und meinte:

„Die Schülerin (H)uber ist ja auch gewissermaßen eine Germanin! Angesichts ihrer Kurzhaarfrisur, die sie sich unlängst zugelegt hat, frage ich mich natürlich, welchem Römer ihre roten Zöpfe als Trophäe zufielen …“ Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss, sich alle Augen auf sie richteten, einige feixten:

„Tiglio, wir werden dich nun Germanenmädchen nennen, das ist schöner und zutreffender!“ Ihre Kehle wurde eng, Gemello ließ seinen Blick Zustimmung heischend über die Klasse schweifen. Herlinde erhob, wenn auch gepresst, ihre Stimme:

„Herr Professor, mit Verlaub, wenn ich auf meine Noten schaue, dann habe ich mich als Barbarin doch ganz gut in diesen heiligen Hallen der römischen Kultur zurechtgefunden und mein Zopf ist niemandes Trophäe.“ Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Ermanno, der Klassensprecher, stocksteif und mit gesenktem Kopf dasaß, aber bemerkte auch das Zucken um seine Mundwinkel. Auch sie selbst senkte wieder rasch den Kopf. Was würde sie dieser Triumph gegenüber Gemello wohl kosten – eine mindestens um drei Noten schlechtere Beurteilung? Vielleicht war sie mit ihrer patzigen Antwort zu weit gegangen? Wie konnte sie nur? Allein bei einem Vermerk über ihr Betragen könnte ihre Schulkarriere wackeln, dann würde ihr auch die Signorina nicht helfen können.

„Du hast recht, es hat im Laufe der Geschichte immer wieder talentierte Barbaren gegeben, die Karriere bei den Römern machten, nicht wahr, Ermanno? Befragt den Geschichtelehrer zur Herkunft des Namens Ermanno – dem germanischen Namen Hermann und dem langobardischen Namen Hariman: der Mann des Heeres!“ Damit setzte er seinen Marschschritt fort und kehrte zu Afrika zurück. Ihre Befürchtungen hatten sich also nicht bewahrheitet. Schwindel erfasste das Mädchen, sie starrte auf ihr Heft, die blauen Linien der noch unbeschriebenen Seite schienen Wellenbewegungen zu machen. Ruhig atmen, befahl sie sich selbst, und keinesfalls die Aufmerksamkeit weiter auf sich lenken …

Während Herlinde sich nach diesem Vorfall tiefer über die Bank beugte und versuchte, sich unsichtbar zu machen, sprach Gemello davon, dass die faschistischen Truppen in Abessinien einmarschiert waren, die Zeitungen berichteten ständig davon, man kam nicht umhin, es nicht zu erfahren. Nach einem Jahr des Krieges würde der italienische König Viktor Emanuel III. Eritrea als italienisches Staatsgebiet beanspruchen. Es würde bis nach dem Ende des Faschismus und noch Jahre darüber hinaus dauern, bis auch ganz andere Informationen durchgesickert sein würden. Diese las man nicht auf den ersten Seiten der Zeitungen. Unvorstellbare Gräueltaten und sogar der Einsatz von Giftgas gegenüber wehrlosen Zivilisten gingen auf das Konto der faschistischen Truppen. Davon war jedoch nie die Rede, im Unterricht nicht und nicht in den Zeitungen.