Schattenwärts - Vera Zwerger Bonell - E-Book

Schattenwärts E-Book

Vera Zwerger Bonell

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Beschreibung

Nein, es ist keine Familienchronik, die in diesem Buch erzählt wird, es sind einzelne Episoden, spotlichtartig herausgeleuchtet aus einer Abfolge von Generationen einer Südtiroler Familie. Ereignisse tauchen auf und werden erst allmählich im Laufe der Geschehnisse von den Lesenden den Personen und Zeitabschnitten zugeordnet. In diesen Bildern zeigt sich eine vergangene Welt, karg und eng.. Sie alle beginnen jung und hoffnungsfroh mit einem erwartungsvollen Blick in die Zukunft - aber dann brechen Katastrophen über sie herein, Kriege, gescheiterte Auswanderungspläne, Spielschulden, Krankheiten. Und wie so oft sind es die Frauen, die die Hauptlasten zu tragen haben, die zurückbleiben müssen und die versuchen die Familie zu erhalten. Aber allmählich werden sie müde, versuchen sich zurechtzufinden und bewegen sich doch langsam und unaufhaltsam schattenwärts um dann zu den Vorangegangenen hinüberzugleiten ...

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Vera Zwerger Bonell ist Lehrerin und Psychologin: sie war als Mittel- und Oberschullehrerin tätig, arbeitete als Schulentwicklungsberaterin in der Begleitung von Projekt- und Leitungsteams, sowie in der Lehrer*innenfortbildung, auch als Therapeutin und Coach in der Arbeit mit Einzelpersonen.

Hat im beruflichen Rahmen als Herausgeberin und Mitautorin von Fachliteratur aus dem Bereich der Schulentwicklung publiziert, der vorliegende Band ist ihr literarisches Erstlingswerk.

Sie lebt mit ihrer Familie in Südtirol und widmet sich seit ihrer Pensionierung verstärkt den eigenen kreativen Seiten: Dem Schreiben und Modellieren.

FÜR NOEMI UND ELIAS

Inhalt

Theres oder Der Steffel

Imma

Adele

Nachwort

Theres oder Der Steffel

Sie saß auf der obersten Stufe der steinernen Treppe, kleine Kieselsteine auf der flachen Hand. Mit der anderen pickte sie wie ein Vogel einzelne Steine heraus und warf sie die Treppenstufen hinunter. Die meisten sprangen über die wenigen Stufen und blieben im Kies des Hofes liegen, nicht mehr unterscheidbar von denen, die schon dort lagen. Sie drehte nicht einmal den Kopf, als Agnes, ihre Schwester, hinter sie trat und eine Weile schweigend stehenblieb. Ohne sich umzuwenden, sagte sie, Wut in der Stimme:

»Da ist sie wieder mit ihrer braunen Tasche, und Mutter ist so müde und krank und jetzt bringt sie noch so ein schreiendes Bündel, wie im letzten Jahr und vor zwei Jahren! Wenn sie das nächste Mal kommt, schmeiß ich sie samt ihrer Tasche die Stiegen hinunter!«

Unbeweglich saß sie da, ihr magerer Körper drückte Spannung und Abwehr aus, sie blickte starr geradeaus. Die Schwester legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter: »Aber was! Die alte Stina mit ihrer Tasche bringt nicht das Kind, sondern Medizin, sie hilft der Mutter, das Kind auf die Welt zu bringen!«

Und aufmunternd, nach kleiner Pause: »Komm! Du musst mir helfen noch einen Topf Wasser auf den Herd zu stellen, die Stina braucht viel heißes Wasser.«

Wenn sie alle um den Tisch saßen, waren sie zehn ohne die Gesellen, die hatte der Vater nicht mehr, seit die älteren Buben groß genug waren, in der Mühle zu helfen. Die dampfende Schüssel mit Kraut und Knödeln stand in der Mitte des Tisches, der Vater nahm zuerst, dann die Söhne ihrem Alter nach, dann die Mutter und dann die Mädchen.

»Du hast wieder einmal nicht zugehört, du sollst noch einen Krug Wasser holen, hat die Mutter gesagt«, sagte Agnes und gab ihr einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.

»Ja ja, unser Steffel stinkt nach Adel, die ist zur Arbeit nicht zu gebrauchen!«

Heute muss der Vater wohl ein gutes Geschäft gemacht haben, sonst hätte sie sicher die Rute zu spüren bekommen, dachte sie, während sie aufsprang und mit dem blauen Steingutkrug ans Fenster ging. Nun war sie groß genug, um mit Leichtigkeit den Krug in das vorbeischießende Wasser des Mühlbachs zu halten, sie wusste auch, wie sie den Krug neigen musste, damit das Wasser nicht wieder herausschoss. Als sie mit dem Krug zu ihrem Platz am Tisch zurückkam, saßen schon alle schweigend über ihre Teller gebeugt. Sie begann zögerlich den Knödel auf ihrem Teller zu zerteilen, führte einen Bissen zum Mund. Sie hoffte, dass es auch heute so wäre wie an vielen anderen Tagen. Die anderen würden ihr Mal rasch beendet haben.

Es war ihre Aufgabe und die ihrer Schwester, den Tisch abzuräumen und den Abwasch zu machen, so fiel es kaum auf, dass ihre Schwester den Teller für sie leer aß, denn: „Weggeworfen wird nichts in diesem Haus!“, bestimmte der Vater. Seit sie denken konnte, verspürte sie Widerwillen gegen das eintönige und derbe Essen. Sie fühlte den besorgten Blick der Mutter, aber die sagte nichts, sie war mit den beiden Jüngsten beschäftigt, die wie Vogeljunge ihre kleinen Schnäbel aufhielten und vergnügt zwischen dem einen und anderen Löffel Milchbrei quietschten.

Als der richtige Doktor, nicht der fürs Vieh, vor wenigen Monaten vom Vater gerufen worden war, weil einer der Brüder mit einem schweren Getreidesack auf dem Rücken von der Leiter, die auf den Getreidespeicher führt, gestürzt war, hatte der Doktor ihm einen Verband angelegt und dem Bruder für gute zwei Wochen das Arbeiten verboten. Das hatte der Vater gar nicht gern gehört. Danach saß der Doktor noch eine Weile bei der Mutter in der Küche. Als sie ihm im Auftrag der Mutter einen Schnaps servierte, meinte der Doktor lächelnd: »Wo habt ihr denn dieses schöne Kind her?« »Ja«, meinte die Mutter, »unser Steffel schlägt ganz aus der Art. Sie spricht nicht viel, sie isst fast nichts, für die Arbeit hat sie zwei linke Hände, aber in der Schule hat sie bis heut immer nur die besten Noten bekommen!« »Dann werdet ihr die Stefanie wohl studieren lassen müssen, wenn sie gar so begabt ist!« »Eine Müllerstochter und studieren, das geht wohl nicht zusammen. Sie heißt Theres, Steffl nennen wir sie, seit sie so aufgeschossen ist. Über ihrem Bett hat sie eine Ansichtskarte vom Stephansdom in Wien aufgesteckt, die uns einmal ein Vetter schrieb.« »Ach so ist das mit dem Steffl«, meinte der Arzt während er sich lachend erhob und nach seiner Tasche griff.

Während dieses Gesprächs war sie abwartend in der Küche gestanden, ganz in der Nähe der Tür, so dass sie hätte hinausschlüpfen können, aber das wollte sie doch nicht. Dass der Doktor sich für sie interessierte, erfüllte sie mit Stolz.

Er war schon beinahe an ihr vorbei, als er stehenblieb und nochmals die Tasche abstellte, seine kühle, trockene Hand um ihr Kinn legte und sie vorsichtig ans Fenster dirigierte. Mit einer kurzen Bewegung zog er an ihrem Unterlid und sagte über die Schulter zur Mutter: »Blutarm ist das Kind, schauen Sie, Müllerin, dass sie öfters Fleisch und Eier zu essen bekommt!« Dann zwinkerte er ihr aufmunternd zu, kniff sie leicht in die Wange und wandte sich zum Gehen. Als sich die Tür hinter ihm schloss, meinte die Mutter halblaut: »Fleisch und Eier, so leicht haben wir es auch nicht herzunehmen …« Es klang müde und resiginiert.

Ganz aufrecht saß sie auf ihrem Sitz im Zugabteil, neben dem Fenster, vorerst der einzige Fahrgast im Abteil. Der Zug ratterte aus dem Provinzbahnhof hinaus. Ihre erste längere Reise. Der Bruder hatte sie zum Bahnhof gebracht und auch ihren Koffer in die Gepäcksablage gehievt, für ihn eine Kleinigkeit, der Koffer wog nicht halb so viel wie ein voller Getreidesack.

„Wenn ich aber ankomme und Hans nicht am Bahnhof ist, es könnte ja sein, dass er im letzten Moment in der Kaserne zurückgehalten wird, wie soll ich dann mit meinem Gepäck zurechtkommen?“ Es gibt Dienstmänner, das wusste sie, aber sie hatte keine Erfahrung im Umgang mit fremden Dienstboten.

„Tief durchatmen, den Blick geradeaus, mit deinem besonnenen Kopf meisterst du jede noch so schwierige Situation, dass weiß ich, Theres!“, hörte sie die Stimme des Oberlehrers, und ein zuversichtliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Sie war schon seit einigen Jahren ausgeschult, aber der Lehrer hat so lange auf ihre Eltern eingeredet, bis der Vater zustimmte, sie durfte einmal in der Woche für zwei Stunden zum Herrn Lehrer, der führte sie in die Arithmetik und Geometrie ein und gab ihr Bücher zum Lesen, über die er dann in der nächsten Stunde mit ihr sprach. Die Mutter gab ihr jedes Mal ein Säckchen mit bestem Weißmehl mit. Gut zwei Jahre ging das so, dann fand der Lehrer, er habe ihr genug beigebracht, dass sie als Kassierin in jedem besseren Geschäft in der Stadt eine Anstellung finden könne. Und so war es auch.

Die Chefin verhielt sich allen Angestellten gegenüber freundlich, doch sachlich distanziert, aber ihr gegenüber war sie eine Spur herzlicher, grad so viel, dass es die anderen nicht merkten, es zu keinen Eifersüchteleien kam. Aber Theres spürte es und war glücklich. Ihre Chefin war es, die in kleinen aufmunternden Nebensätzen sie auf ihr Äußeres ansprach, sie anhand locker drapierter Stoffbahnen darauf aufmerksam machte, welche Farben ihrem durchsichtig blassen Gesicht mit den grauen Augen schmeichelten. Es war wie eine Befreiung, sie fühlte sich glücklich. Als sie um die Weihnachtszeit nach vielen Monaten zum ersten Mal zurück ins Dorf kam, wählte sie wieder ihr schlichtes Kleid, sie wollte den Eltern gegenüber nicht putzsüchtig erscheinen, nur auf den kleinen Steckkamm aus Perlmutt wollte sie nicht verzichten, der war ein Geschenk der Chefin, die meinte, ihr schweres kastanienbraunes Haar würde mit diesem Kamm noch mehr leuchten.

Eigentlich fühlte sie sich in der Stadt immer noch fremd und ein wenig verloren. Aber heute ist es anders, ihr ist so leicht zu Mute, am liebsten würde sie die Arme ausbreiten und mit geschlossenen Augen einfach losrennen, so wie als Kind, in der Überzeugung, ihre Füße müssten sich vom Boden lösen und sie könnte den Schwalben gleich durch die Luft segeln. Ein Lächeln trägt sie durch die Straßen, zwei Herren, die ihr entgegenkommen, haben mit eleganter Geste den Hut gelüftet, so als würden sie sie kennen, aber diese überraschende Ehrerbietung gilt wohl dem strahlenden Lächeln.

Katharina, die junge Kollegin aus dem Geschäft, mit der sie am Sonntag manchmal auf dem Corso den Fluss entlang spazieren geht, meinte ein wenig neidisch, Theres wirke so städtisch, die Herkunft vom Lande würde man ihr nicht anmerken.

Wie schon oft, erwiderte Theres nicht viel auf dieses leichthin eingeworfene Wort, lächelte und dachte an Hans. Er kam ja so selten für ein paar Stunden aus der Kaserne, aber erst kürzlich hatte er zwei Karten besorgt für das Konzerthaus.

Theres war aufgeregt und gespannt, sie konnte sich nicht viel unter einem Schubertabend vorstellen, nur so viel wusste sie, dass einer der hiesigen Opernsänger einen Liederzyklus von Franz Schubert singen würde. Die festliche Atmosphäre im Konzertsaal, die schönen Kleider der Damen und die warme, ausdrucksstarke Stimme des Sängers verzauberten sie.

Ein einziges Mal hatte sie vor vielen Jahren ihren Vater begleitet, als er in der Kurstadt Geschäftliches zu erledigen hatte. Damals hatten sie sich noch vor Tagesanbruch auf den Weg gemacht, um rechtzeitig zur Bahn zu kommen, die sie in die Stadt brachte. Der Vater musste wohl ein gutes Geschäft abgeschlossen haben, selten sah sie ihn so sicher und gut gelaunt auftreten. Er hatte sie gerade der Hotelbesitzerin vorgestellt, als er mit einem gelösten Lachen sich zu Frau S. neigte und stolz verkündete: „Nun werde ich mit meiner Theres zum Konzert des Kurorchesters gehen, das wird ihr erstes Konzert sein, sie soll sich immer daran erinnern!“

Und genau daran dachte sie, als sie glücklich am Arm von Hans das hell erleuchtete Foyer des Konzerthauses betrat. Damals in der Kurstadt am Arm ihres Vaters hatte sie auch jenes wohlwollende Lächeln gespürt – von Herrschaften, die sie gar nicht kannte, das aber ihr galt! Auch damals war sie strahlend und voller Vorfreude auf den Musikgenuss in Begleitung des Vaters dem Musikpavillon entgegeneilte.

Für den Schubertabend trug sie eine cremefarbene, hochgeschlossene Spitzenbluse und das eisgraue Kostüm aus schwerem Taft. Sie wusste, Katharina hatte sie immer wieder halb neidisch und halb bewundernd darauf hingewiesen, wie ihr schweres kastanienfarbenes Haar, ihr blasser Teint und der matte Glanz des kühlen Grau eine Noblesse verliehen, die ein interessiertes Aufleuchten in den Augen der Herren bewirkte. Die Stimme der Mutter hatte sie noch im Ohr, es schwang Verwunderung, Fremdheit und auch ein bisschen Stolz mit: „Ja, ja, unsere Theres stinkt nach Adel …“

Hans durchschritt, leichthin nach allen Seiten grüßend, mit ihr den langen, hell erleuchteten Raum des Foyers. Er genoss es, hinter dem Lächeln der Herrschaften die Frage zu sehen: „Wer ist diese bezaubernde Frau, wer ist seine Begleitung?“

Es würden noch einige Monate vergehen, bis er sie den Eltern vorgestellt und nach und nach in seinen gesellschaftlichen Kreis – Bürger der Stadt, Geschäftsinhaber wie er, oder Beamte – eingeführt hatte. Einstweilen noch mussten sie die kostbaren gemeinsamen Stunden, mit niemandem teilen. Noch gab es kein offizielles Gesellschaftsleben, sondern nur ihre Welt zu zweit.

Kurz genug waren die Stunden, die Hans außerhalb der Kaserne verbringen konnte. Wenn sie nun zurückdachte, so war eigentlich dieser Schubertabend jener Augenblick, den Hans vielleicht sogar mit Bedacht gewählt hatte, sie sozusagen sichtbar werden zu lassen. Mit dem süßen Mädel amüsiert man sich im Café und beim Tanz, im Konzerthaus zeigt man sich mit der Dame seines Herzens. Das war seine Art, mit Leichtigkeit und Nonchalance eine Botschaft in den Raum zu stellen, „Seht her, das ist die Frau, die ich liebe!“

Von ihrem Logenplatz aus war sie gebannt dem Vortrag des Sängers gefolgt, sie hatte sogar darauf vergessen, den neuen Fächer zu öffnen. Elfenbeinstäbe und blassrosa Seide, das rhythmische Klicken beim Öffnen bezauberte sie immer wieder, weil es so ein delikater, eleganter Ton war, der einen Augenblick verheißungsvoll zögerte, ein rosa Bogen, Kulisse für ihr Augenspiel. All das vergaß sie und folgte wie im Traum der warmen Baritonstimme, den schmerzlich schönen Tönen des Klaviers.

Hans hatte der Gesang wohl auch gefallen, aber mehr noch als über die Musik freute er sich an ihrer Verzauberung. Seither begrüßte sie Hans immer mit der halblaut ins Ohr gesungenen Zeile: „Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!“ Sie spürte, dass er hinter diesem verliebten Werben, spielerisch ins Ohr gesummt, auch noch jene Verbindung beschwor, die durch ihre schwärmerische Verzauberung durch die Musik tief in ihr besiegelt worden war.

Sie werden sie mir wegnehmen, die Weißkittel haben miteinander geflüstert, sie sagen es mir nicht, aber ich spür es, sie wollen es nicht, dass sie bei mir ist. Der Schwager war ganz verlegen, er konnte mir gar nicht in die Augen schauen. Und meine Kleine, sie ist doch meine Kleine, warum sagt sie nichts mehr, sie schaut mich so ängstlich an, dann sucht sie nach seiner Hand, warum nicht nach meiner? Der Schwager war hier, warum nicht meine Schwester? Sie kommt dich das nächste Mal besuchen, das sagt er immer. Wann ist das nächste Mal? Und wirst du meine Kleine wieder mitbringen?

»Sie ist nicht deine Kleine …«, sagt er und seine Stimme wird düster und er bleibt nur mehr kurz stehen, mitten im Raum.

Eigentlich will er mir noch was sagen, ich spür es. Aber er sagt nichts, er hebt nur ganz kurz die Hand, zum Gruß, dann zieht er meine Kleine mit sich fort. Sie schaut zurück zu mir, aber sie sagt nichts, die Weißkittel warten an der Tür. Ich hab es ihr doch versprochen, wenn ich hier endlich fortkomme, dann werden wir wieder in dem großen Haus mit den bunten Glasfenstern wohnen, dann werde ich ihr eine Puppe kaufen, mit echten Haaren, so groß wie sie selbst. Ich habe es ihr versprochen, warum hört mir keiner zu? – Mein Schwager ist ein guter Mann, er war immer freundlich zu mir, aber warum hört er mir nicht zu, warum vertröstet er mich immer? Das nächste Mal, auch die Weißkittel sagen „Signora, abbia pazienza, la prossima volta …“

Warum sollte sie nicht meine Tochter sein, sie ist genau so wie Hans sie beschrieben hat, damals nach unserer Hochzeit. Wir werden eine Tochter haben, eine kleine Müllerin, weiß wie Schnee die Haut und kupferrot das Haar. Sie halten mich für verrückt, sie glauben, ich merke es nicht, wenn sie hinter meinem Rücken flüstern, warum glaubt mein Schwager den Weißkitteln und nicht mir? Wenn Hans wüsste, was hier vorgeht, er würde mit seiner Kompanie das Haus stürmen, ihm würden die Weißkittel schon glauben! Aber mein Schwager ist zu schwach. Ich bin müde. Ich bin allein …

Die Ärzte sagen, sie sei nach unserem Besuch noch Tage aufgewühlt und unruhig, wir sollten die Kleine zu Hause lassen. Aber sie liebt sie doch, warum sollen wir ihr das antun? Sie hat ja nur mehr uns, der letzte Brief von Hans kam vor drei Jahren, wenn er schon so lange nichts mehr von sich hören ließ, wer weiß, ob er noch am Leben ist, oder ob er einfach alle Last abschütteln wollte, wundern tät es mich nicht! Ich weiß, wie du leidest, aber du musst das nächste Mal mitkommen, deine Schwester fragt jedes Mal nach dir!

Müde bin ich. Aber ich darf mich nicht ins Bett legen, haben die Weißkittel gesagt. Wer sich ins Bett legt ist krank, wer krank ist, darf nicht heim. So einfach ist das. Wenn es mir nur nicht so schwer fiele, dieser große Raum macht mir Angst. Und der Geruch erst, dieser süßlich faulige Geruch nach Kleister und nach Menschen, die aufgegeben haben, die nur mehr einen ekligen Dunst nach Verwesung ausströmen. Ich kann mich vor diesem Geruch nicht verschließen, sobald ich durch die Tür in den Raum trete, hebt sich mein Magen und Wellen des Ekels durchlaufen mich und machen mich würgen. Die Schergen der Weißkittel schimpfen mich ein faules Luder.

Nicht aber Assunta, die Mütterliche, sie hat die gleichen sanften Augen wie meine Schwester Agnes, sie legt mir die Hand auf die Schulter und führt mich langsam zu meinem Platz am langen Arbeitstisch, wo der zerbeulte Leimtiegel und der Stapel braunes Papier schon bereit stehen. Wenn Assunta mich berührt, dann beruhigt sich mein Magen, dann denke ich an Agnes, sie war meine Beschützerin!

Wie oft war Vater erzürnt, weil ich meinen Teller nicht leer gegessen hatte, weil ich vergessen hatte, Holz für den Küchenherd zu holen, weil er mich wieder einmal über ein Buch gebeugt statt bei einer Näharbeit angetroffen hatte. Agnes hatte eine kurze Erklärung parat oder verstand, ihn sonstwie abzulenken, mit wenigen begütigenden Worten. Sie schaffte es, und er ging, ohne die Hand gegen mich zu erheben, missbilligend, schnaubend wohl auch aus dem Raum. Meistens lächelte sie mich an und sagte:

»Husch, husch mein Küken, an die Arbeit, du machst das schon!«

Die anderen sehen es nicht gerne, deshalb spricht Assunta nicht so mit mir wie Agnes, aber sobald ich mich an den Tisch gesetzt habe, lässt sie ihre Hand langsam von meiner Schulter gleiten, streicht mir leicht über den Rücken und geht langsam weiter, so als ob nichts wäre. Das ist gut, mein Atem ist dann ruhiger und mein Ekel verliert sich.

Wenn ich dann zum braunen, rauen Papier greife, ist es wie damals in der Metzgerei. Ich hätte die blutigen Fleischstücke niemals anfassen können, aber das musste ich auch nicht, das war Arbeit der Lehrbuben und Gesellen.

Wenn ich an der Kassa mit den schönen Silberknöpfen saß und den Geldbetrag eintippte, dann stapelten sich diese verschieden großen, in grobes braunes Papier eingewickelten Pakete vor mir, bevor die Dienstmädchen oder die Hausfrauen sie in ihren geräumigen Einkaufskörben verstauten.

Aber das ist Vergangenheit, hier nennt mich keiner Chefin, keiner fragt nach, wie viele Würste für den Haushalt von Frau F. beiseite zu legen seien, oder ob das vorbereitete, schon ausgelöste Rindfleisch heute noch an die Küche des Stadthotels zu liefern wäre. Sie wissen nichts. Nicht die aufgeblasenen Weißkittel, die selten genug mich in den Untersuchungsraum zitieren und ungeduldig mit knarrenden Stimmen Fragen stellen. Wenn ich nicht rasch antworte, halten sie mich für blöde im Kopf und murmeln Unverständliches, sie verscheuchen mich mit ungeduldigen Handbewegungen. Wenn Assunta mich in den Arbeitsraum zurückbegleitet, flüstert sie in ihrem weichen Italienisch:

»Non preoccuparti, mia cara, vedrai, tutto andrá bene.«

Alle sprechen sie hier diese Sprache, aber bei niemanden klingt es so weich und so zärtlich wie bei Assunta. Ich verstehe alles und spreche auch sehr gut Italienisch, das habe ich in den traurigen Jahren, nachdem Hans fortging, gelernt, damals in der Stadt am See. Es waren graue, bittere Jahre, als meine Kräfte zu schwinden begannen, der Schuldenberg aber immer größer wurde.

Diese weiche, klingende Sprache schmeckt bitter. Viele meinen, ich verstünde ihre Sprache nicht, sie nennen mich la cruca, das macht mir nichts. Es ist mir recht so, ich schweige lieber, ich führe auch keine Selbstgespräche, wie viele von ihnen. Nur nachts in meinen Träumen, wenn Hans bei mir ist, da spreche ich wieder deutsch und ich lache, wenn Hans singt „Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!“