Das Blaubartzimmer - Michael Maar - E-Book

Das Blaubartzimmer E-Book

Michael Maar

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Beschreibung

Michael Maar verfolgt eine bis dahin unbeachtete Spur in Thomas Manns Leben und Werk − und zeigt beides in völlig neuem Licht.  In einem Zustand größter Verzweiflung notiert Thomas Mann im April 1933: «Meine Befürchtungen gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschließlich diesem Anschlage gegen die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen.» Er selbst war im Schweizer Exil vorerst in Sicherheit − seine frühen Tagebücher aber waren in die Hände der Nazis gefallen. Von welchen «schweren und tiefen Geheimnissen» spricht Thomas Mann hier? Etwa von seinen homoerotischen Neigungen, die doch längst ein offenes Geheimnis waren? Oder eher von etwas ganz anderem, einer persönlichen Schuld, die dem «Furchtbaren, ja Tötlichen» eine mehr als nur rhetorische, ja tatsächlich lebensgefährliche Bedeutung verleihen würde? Michael Maar verfolgt eine allzu lang übersehene Blutspur von den frühesten Erzählungen bis zu «Doktor Faustus» und dem «Erwählten» − und biografisch zurück bis zu einem traumatischen Erlebnis des jungen Thomas Mann in Neapel, wo das Motiv der Lebensschuld womöglich seinen schmerzlich-realen Ursprung hatte. Dabei erscheint nicht nur dieses gewaltige Werk in neuem Licht – sondern auch sein Schöpfer, für den die Schuld der Urgrund alles Geistigen war.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Michael Maar

Das Blaubartzimmer

Thomas Mann und die Schuld

 

 

 

Über dieses Buch

In einem Zustand größter Verzweiflung notiert Thomas Mann im April 1933: «Meine Befürchtungen gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschließlich diesem Anschlage gegen die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen.»

Er selbst war im Schweizer Exil vorerst in Sicherheit − seine frühen Tagebücher aber waren in die Hände der Nazis gefallen. Von welchen «schweren und tiefen Geheimnissen» spricht Thomas Mann hier? Etwa von seinen homoerotischen Neigungen, die doch längst ein offenes Geheimnis waren? Oder eher von etwas ganz anderem, einer persönlichen Schuld, die dem «Furchtbaren, ja Tötlichen» eine mehr als nur rhetorische, ja tatsächlich lebensgefährliche Bedeutung verleihen würde?

Michael Maar verfolgt die allzu lang übersehene Blutspur von den frühesten Erzählungen bis zu «Doktor Faustus» und dem «Erwählten» − und biographisch zurück bis zu einem traumatischen Erlebnis des jungen Thomas Mann in Neapel, wo das Motiv der Lebensschuld womöglich seinen schmerzlich-realen Ursprung hatte. Dabei erscheint nicht nur dieses gewaltige Werk in neuem Licht – sondern auch sein Schöpfer, für den die Schuld der Urgrund alles Geistigen war.

«Eine brillante Analyse … ein philologisch-detektivisches Meisterstück.» Frankfurter Rundschau

Vita

Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch «Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg» (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Das Buch «Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur» stand lange auf der Spiegel-Bestsellerliste. Zuletzt erschien in einer Neuausgabe «Leoparden im Tempel». Michael Maar hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2000 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2025

Copyright © 2025 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung «Schinkel in Neapel» (Ausschnitt). Gemälde von Franz Ludwig Catel, 1824. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders/PD Mark 1.0 (https://id.smb.museum/object/967257/schinkel-in-neapel)

ISBN 978-3-644-02282-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

I.

Zimmer mit toter Katze

Nur einmal haben seine Kinder ihn im Zustand der Verzweiflung erlebt. Als sich im Frühjahr 1933 die Ereignisse überstürzen und Thomas Mann bei einer längeren Vortragsreise im Ausland zu ahnen beginnt, daß ihm die Heimkehr abgeschnitten ist, gelten seine ersten Ängste einer Anzahl von Wachstuchheften, die in seinem Münchener Schließschrank verschlossen sind. Es handelt sich um seine alten Tagebücher, die nicht in die falschen Hände fallen dürfen. Nach Wochen der wachsenden Beunruhigung schickt er seinem Sohn Golo, der in München ausharrt, die Schlüssel für die Schubladen und Schränke und erklärt ihm, er solle die Hefte in einem Handkoffer als Frachtgut nach Lugano expedieren.[1] Golo erinnert sich an die zusätzliche Anweisung:

«Ich rechne auf Deine Diskretion, daß Du nichts von diesen Dingen lesen wirst.» Eine Ermahnung, die ich so ernst nahm, daß ich mich in seinem Zimmer einschloß, während ich die Papiere verpackte. Als ich mit dem Koffer heraustrat, um ihn zum Bahnhof zu bringen, stand da der treue Hans: gerne werde er mir diese lästige Arbeit abnehmen. Desto besser; warum nicht?[2]

Wie sich herausstellen sollte, war es gerade Golos Übersorgfalt, die seinem Vater fast zum Verhängnis wurde. Erst dadurch, daß er sich im Arbeitszimmer einschloß, wurde der Chauffeur Hans Holzner, ein Nazispitzel, darauf aufmerksam, daß Geheimzuhaltendes vor sich ging. Er brachte den Koffer zwar auf die Bahn, erstattete aber Meldung bei der Politischen Polizei.[3]

Für Thomas Mann begann eine quälende Wartezeit. Am 24. April vermerkt er seine Unruhe wegen des langen Ausbleibens des Handkoffers; die Angst streckt ihre ersten Fühler aus. Drei Tage später ist ihm das Ausbleiben des Koffers schon «unheimlich». Langsam begreift er, daß es nicht mit rechten Dingen zugeht. Einen Tag darauf erhärtet sich der Verdacht: «Der Chauffeur Hans, allmählich als Judas erkannt.» Am 30. April erwacht er um fünf Uhr früh, von dem sofort einsetzenden Schreckensgedanken an den Handkoffer mit den Tagebüchern erfaßt. Daß er auch äußerlich die Façon zu verlieren beginnt, wissen wir aus Berichten seiner Kinder. Golo überliefert, daß sein Vater «in wachsende Ungeduld, zuletzt geradezu in Verzweiflung geriet».[4] Auch Erika schreibt von dem «unpräzedierten Erregungs-, ja, Verzweiflungszustand», in dem er sich befunden habe.

Endlich, am 2. Mai, erreicht ihn die Entwarnung: der Koffer befindet sich auf Schweizer Boden, wahrscheinlich in Lugano.

Bedeutende u. tiefe Erleichterung. Das Gefühl, einer großen, ja unaussprechlichen Gefahr entgangen zu sein, die vielleicht keinen Augenblick bestanden hat. –

Ein gewichtiges Wort, dies «unaussprechlich», für einen Mann, der seine Worte zu wägen weiß. Auch in der Nacherzählung, die seine Tochter von den verdüsterten Wochen gibt, fällt so ein schweres Wort:

Es ging, wie schließlich erhellte, vor allem um die Tagebücher, die er nicht nur endgültig verloren, sondern dem Todfeind in die Hände gefallen glaubte. In seiner unerforschlichen Dummheit gab dieser den völlig intakten Koffer sehr bald wieder frei, und T. M., von nun an fluchtbereit und nicht gewillt, Ähnliches erneut zu riskieren, verbrannte bei erster Gelegenheit eine Menge Papier.[5] […]

Waren sie ‹kompromittant›, diese braven Schulhefte? Mag immerhin sein. Kein Lebensbau ohne ‹Blaubartzimmer›.

Erika schwächt das später etwas ab und erklärt, eigentlich Anstößiges müsse nicht vorgelegen haben. Aber die Metapher des Blaubartzimmers hallt nach. Wenig anheimelnd auch die kleine Anekdote, die sie ihr folgen läßt:

Hofmannsthal, als er den noch jungen T. M. kennen gelernt hatte, soll geäußert haben, der ganze Mensch mache einen ungemein gepflegten, großbürgerlich-soliden, diskret-eleganten Eindruck. Auch sein Haus stelle man sich so vor: sehr fein und reichhaltig, mit kostbaren Tapisserien, dunkelnden Ölgemälden, Clubsesseln, hellen Schlafräumen etc. pp. «Nur», fügte der Dichter hinzu, indem er auf seine Nägel blickte, – «in irgend so einem Nebenzimmerl liegt dann plötzlich – eine tote Katze…»

Es sei also denkbar, beschließt sie diese Erinnerung, «daß es ein oder die andere ‹tote Katze› war, die da verheizt wurde».[6]

Was Erika nicht kannte und worüber sie bei aller Ahnung erschrocken wäre, war die Eintragung im Tagebuch ihres Vaters, die auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung entstand:

Meine Befürchtungen gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschließlich diesem Anschlage gegen die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen. (30.4.1933)

Das ist eine Stelle, über die man etwas länger ins Grübeln geraten darf, als es die Forschung bislang getan hat. Der Sinn scheint klar, auch wenn es verschiedene Möglichkeiten der Deutung gibt. Was meint nur schon das «Sie», die Befürchtungen oder die Geheimnisse?[7] Bei Thomas Manns nach vorne drängendem und die hinteren Satzglieder im Fluß der Gedanken zurücklassendem Tagebuchduktus würde man sagen: die Geheimnisse, obwohl die Adjektive auf beides passen – wenn auch das «tiefe Geheimnis» stehende Rede und fest geprägte Wendung ist. Die schweren und tiefen Geheimnisse würden das «Tötliche» im Nachsatz auch sachlich begründen, denn nur wenn sie schwer und tief sind, kann ihre Aufdeckung die schwerste und tiefste aller Folgen haben.

Geht es bei der Aufdeckung dieser Geheimnisse überhaupt um ihn? Theoretisch könnten die Befürchtungen auch einer anderen Person gelten, die in Deutschland der Rachsucht der Nazis ausgeliefert und durch ihre Nennung in seinen Aufzeichnungen dringend gefährdet wäre. Aber das ist weit hergeholt und nicht der in die Augen springende Sinn, der uns von anderer Seite bestätigt wird. In seiner Autobiographie zitiert Golo aus dem Tagebuch, das er damals führte. Im Kreis der Familie hatte Thomas Mann sich über seine Ängste ausgesprochen:

Sie werden daraus im Völkischen Beobachter veröffentlichen. Sie ruinieren alles, sie werden mich auch ruinieren. Mein Leben kann nicht mehr in Ordnung kommen.[8]

Der Selbstmord, wenn seine Geheimnisse ans Licht der Welt gezerrt würden – das ist stark, auch wenn man in Rechnung stellt, daß die Nerven des Geängstigten in dieser Zeit äußerst angespannt waren.[9] Wenn die Nazis einen Giftsud aus den Tagebüchern gebraut hätten, der nicht mehr enthalten hätte als die Bestandteile dessen, was wir aus den überlieferten Bänden kennen, es hätte gewiß genügt, um ihm das Leben zur Qual zu machen. In München hätte man es nicht ganz so natürlich gefunden, daß er sich in den eigenen Sohn verliebt;[10] man hätte seinen Nutzen gezogen aus den Haßausbrüchen gegen den Bruder, man wäre orientiert gewesen über den jungen Klaus Heuser, über das persönliche Gefühlsabenteuer, dem der Tod in Venedig entsprang, und über die zentrale Herzenserfahrung seiner fünfundzwanzig Jahre, die Jugendliebe für Paul Ehrenberg.[11] Das alles einer höhnischen Presse eingeträufelt, die durch keine zivile Hemmung behindert war – man kann sich vorstellen, daß eine solche Kampagne auch einen Gefestigteren erschüttert hätte; und wie also nicht ihn, der schon unter kleineren Beleidigungen jahrzehntelang litt.

Aber so schwer erschüttert, daß er den Tod ins Auge faßt? Irgend etwas Handfestes hätten auch die neuen Herrscher gebraucht, bei denen es keineswegs ausgemacht war, wie der Nobelpreisträger zu behandeln sein sollte, der sich mit öffentlichen Bekundungen gegen das Regime bislang zurückgehalten hatte und dessen Werk immer noch in den Buchhandlungen zu kaufen war. Es gab eine Gruppe, die ihn in jedem Fall loswerden wollte, aber vor dem Brief an den Rektor der Bonner Universität bestand die vage Möglichkeit, daß er zurückkehren konnte, was dem Regime die Hände band. Etwas Schweres und Tiefes mußten die Geheimnisse also in der Tat haben, wenn sie den Feinden zur tödlichen Waffe gereichen sollten, die ihr Opfer selbst im neutralen Ausland treffen würde.

Genau als dies Schwere und Tiefe wurden sie auch empfunden, wenn man den jüngsten Deutern und Biographen glaubt. Sie alle, soweit sie sich die Frage vorgelegt haben, sind sich darin einig: das Hauptgeheimnis, dessen Aufdeckung Thomas Mann in den Selbstmord hätte treiben können, war seine Invertiertheit,[12] die Knabenliebe, die als schuldhaft empfundene, hinter der Bürgerlichkeit verborgene Homosexualität.[13] Lange genug hatte man über das werkprägende Faktum hinweggespielt, von dem die ältere Mann-Biographik noch nicht viel hatte wissen wollen. Seit man sich aber der Prüderie entledigt hat und seit man die Tagebücher kennt, glaubt man, einen Generalschlüssel für Leben und Werk gefunden zu haben: Die Knaben waren’s, und sie werden es auch in jenem April gewesen sein, in dem ihr Verehrer den Freitod erwog.

Die Lesart hat auf den ersten Blick fast alles für sich. Sie scheint gestützt zu werden durch einen anderen Eintrag des dramatischen Tages, an dem Thomas Mann an Selbstmord denkt. Entnervt und von Sorgen gequält in Basel angekommen, notiert er abends ein anrührendes Detail: «K. u. ich saßen viel Hand in Hand.» Er fügt hinzu: «Sie versteht halb und halb meine Furcht wegen des Koffer-Inhalts.» (30.4.1933) Das ist die einzige Stelle, bei der ein Lichtchen von außen auf sein Inneres fällt, der einzige Moment, in dem wir aus seiner Hirnkammer schlüpfen dürfen, in der ihn die Ängste foltern, um ihn aus fremden Pupillen zu sehen. «Halb und halb» versteht seine Frau Katia ihn – das läßt sich zwanglos auf die jungen Männer beziehen, über die sie ungefähr im Bilde ist, auch wenn nicht bei jedem Frühstück darüber gesprochen wird. Die Stelle paßt ohne weiteres zur traditionellen Lesart; eindeutig freilich ist auch sie nur halb und halb. «Völlig darf ich mich ihr ja doch nicht mittheilen», vertraute der Jungverlobte 1904 seinem Notizbuch an: «Meinem Gram, meinen Qualen ist sie nicht gewachsen.»[14] Wieviel wußte sie nach dreißig Jahren Ehe? Das wissen wir so wenig, wie wir ahnen können, auf welche Weise die im Plural erscheinenden Geheimnisse ineinander übergehen. Eines allerdings können wir sicher sagen: über die erotischen Leiden und Neigungen ihres Gatten wußte Katia wahrscheinlich sehr früh, spätestens aber 1927 nach der Klaus Heuser-Affaire Bescheid. Es kann in dem «halb und halb» ihres Verständnisses also noch eine Hälfte bleiben, die im Dunkeln liegt.

Ganz ähnlich ist es bei einem zweiten Detail, das die traditionelle Lesart zu stützen scheint. Es ist das Wort «Geheimnis» selbst, das an mindestens zwei Stellen der späten Tagebücher eindeutig das der Männerliebe meint. Fünf Jahre vor seinem Tod schreibt Thomas Mann über seine letzte Liebe, den Hotelpagen Franz Westermeier: «Banale Aktivität, Aggressivität, die Erprobung, wie weit er willens wäre, gehört nicht zu meinem Leben, das Geheimnis gebietet.» (10.7.1950) Der «Zwang, das Geheimnis zu wahren», hält ihn davon ab, Begegnungen mit Franz auf der Hotelterrasse zu suchen. (11.7.1950) Wenn er den Anschlag auf die Geheimnisse seines Lebens fürchtet, wird eines dieser Geheimnisse also jenes gewesen sein? Das dürfte man schließen, wenn es damit nicht wäre wie mit dem «halb und halb». Die eine Hälfte liegt offen, die andere aber verdeckt. Es sind Andeutungen, auf die wir stoßen werden, in denen ein Geheimnis zwar auch auf den verbotenen Eros zielt; der aber umschlingt sich mit Schlimmerem.

Bitte sehr!

Vom Dämonischen, stellt Thomas Mann in seiner Einführung zu Dostojewski fest, solle man dichten; ihm kritische Essays zu widmen erscheine ihm, gelinde gesagt, indiskret. Dem Vorwurf, höchst indiskret zu sein, könnte sich auch diese Untersuchung ausgesetzt sehen, wenn sie der Frage nachgeht, was in den frühen Tagebüchern denn Handfestes über homosexuelle Kontakte hätte vermerkt sein können. Nun wird über diese Frage gerätselt, seit die späten Tagebücher veröffentlicht sind, die Thomas Mann der Nachwelt ausdrücklich anheimgegeben hat, mit allen «heitere[n] Entdeckungen», die er ihr dabei trokken in Aussicht stellt. (13.10.1950) Und gerade in den späten Tagebüchern finden sich verstreute Hinweise zum Kern dieser Frage, die es erlauben, die Vermutungen der jüngsten Biographen in zweierlei Hinsicht zu korrigieren.

Man wisse es zwar nicht, schreibt der beste unter ihnen, Hermann Kurzke, aber wahrscheinlich habe es in früher Zeit irgendeine Art körperlichen Kontakt gegeben, der als «erniedrigend, demütigend und beschmutzend erfahren wurde und ein lebenslanges Trauma hinterlassen hat. Es mochten die Strichjungen in Neapel gewesen sein.»[15]

Er ist nicht der einzige Biograph, an dessen Horizontlinie die Strichjungen spazieren, mit denen der junge Thomas Mann in Italien in Berührung gekommen sein kann; eine Linie, auf die der Neapelreisende selber weist, wenn er 1896 dem eingeweihten Freund Otto Grautoff schreibt, auf dem Toledo gebe es unter tausend anderen Verkäufern auch schlau zischelnde Händler, «die einen auffordern, sie zu angeblich ‹sehr schönen› Mädchen zu begleiten, und nicht nur zu Mädchen …»[16] Grautoff wußte, was die drei Pünktchen bedeuten sollten, zumal derselbe Brief ein Portrait der Stadt Neapel enthält, «eine Physiognomie mit etwas aufgestülpter Nase und etwas aufgeworfenen Lippen, aber sehr schönen, dunklen Augen …», das mehr dem eines jungen Neapolitaners glich. Der Klage über die nicht abzuschüttelnden Händler, die ihre Ware anpriesen, bis man grob werde, schließt Thomas Mann das Bekenntnis an, daß er schon beinahe zum Reisessen entschlossen sei, nur um von der Geschlechtlichkeit loszukommen.

Einmal unterstellt, es sei ihm dies mit oder ohne Diät nicht gelungen, und weiter unterstellt, er sei doch einmal einem jener zischelnden Zuhälter gefolgt – was spricht dagegen, daß der junge Thomas Mann ein homosexuelles Rencontre gehabt haben könnte, und was spricht dagegen, daß der fast sechzigjährige weltberühmte Autor eben diese Erfahrung als so belastend und kompromittierend empfand, daß er ihre Enthüllung als tödliche Gefahr ansah, als Ruin seines Rufs, dem er im Zweifelsfall den Freitod vorziehen würde?

Es sind die Briefe und Tagebücher, die leise dagegen sprechen und bei deren genauer Lektüre sich die Horizontlinie verschiebt. Denn es geht zweierlei aus ihnen hervor. Das erste ist, daß Thomas Mann mit den jungen Männern ganz offensichtlich über einen schüchternen Kuß nie hinausgelangt ist. Das soll nicht heißen, daß für sein Abirren ins Malavita-Viertel Neapels oder Roms nicht manches spräche; wie wir sehen werden, spricht dafür sogar einiges. Es heißt nur, daß es dabei nicht zu einer erfüllten homosexuellen Begegnung gekommen sein kann. Die blieb ihm, wie alle privaten Aufzeichnungen nahelegen, ein Leben lang verwehrt.

«Erfüllung» ist dabei gerade das Wort, das er benutzt, als er kein Jahr nach der Koffer-Entwarnung beim Blättern in den geretteten Tagebüchern seine letzte Leidenschaft Revue passieren läßt: die Freundschaft mit Klaus Heuser, der im Herbst 1927 bei ihnen in München zu Gast gewesen war und den er wiederholt in Düsseldorf besucht hatte. «Tief aufgewühlt, gerührt und ergriffen» ist er von dem Rückblick auf dieses Erlebnis,

das mir heute einer anderen, stärkeren Lebensepoche anzugehören scheint, und das ich mit Stolz und Dankbarkeit bewahre, weil es die unverhoffte Erfüllung einer Lebenssehnsucht war, das «Glück», wie es im Buche des Menschen, wenn auch nicht der Gewöhnlichkeit, steht, und weil die Erinnerung daran bedeutet: «Auch ich». (24.1.1934)

Das könnte noch alles mögliche bedeuten und würde die Frage offenhalten, was er unter «Erfüllung» begreift. Ebenso ist es mit einem anderen Wort, das in weniger keuschen Ohren expliziteren Klang genießt:

Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum ersten Mal «den Sprung ins Traumhafte» tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja, – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte, – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe. (20.2.1942)

Was Thomas Mann darunter verstand, ein Liebhaber zu sein, geht aus einem Interview mit dem 77jährigen Klaus Heuser hervor. Es gab nicht mehr als eine Umarmung und einen Kuß, kaum diesen kann der einst Verherrlichte bestätigen; eine bloße Freundlichkeit des gar nicht verliebten Jungen, der von dem Gefühlszauber, den er erregte, fast nichts mitbekam.[17] Von Thomas Mann wiederum wissen wir, daß dieser Kuß der Höhepunkt seines erotischen Lebens war. Klaus Heuser nämlich, so schreibt er am 16.7.1950, als er eine Art Bilanz seiner Amouren zieht, war der Jüngling, der ihm «am meisten Gewährung entgegenbrachte».

Über die tatkräftigeren Homosexuellen äußert er sich voller Indignation. Nach der Lektüre Gore Vidals bemerkt er: «Das Sexuelle, die Affairen mit den diversen Herren mir eben doch unbegreiflich. Wie kann man mit Herren schlafen.» (24.11.1950) Und auch wenn es nicht Herren, sondern Knaben sind, finden die ihnen auf den Leib Rückenden seine gesammelte Antipathie:

Beendete das Buch über oder gegen Gides Journal. Verstimmt gegen ihn durch sein allzu direkt sexuell aggressives Verhalten gegen die Jugend, ohne Achtung, Ehrerbietung vor ihr, ohne sich seines Alters zu schämen, unseelisch, eigentlich lieblos. Ich – und einem geliebten Jungen irgend etwas zumuten! Undenkbar! Seine Verehrung durch Niederträchtigkeiten stören! Befremdung. (6.10.1951)

Wenn es aber neben den geliebten Jungen auch noch die ungeliebten gab, wenn er zwei strikt getrennte Kategorien gehabt hätte, eine, die den göttlichen Jüngling umfaßte, dem nicht zu nahe zu treten war, und eine zweite, in der sich gesichtslose bloße Körper und käufliche warme Fleischpuppen tummelten? «Ich sage, trennen wir den Unterleib von der Liebe!» belehrt der Zwanzigjährige den Freund Grautoff, ganz nach der bürgerlichen Konvention seiner Zeit.[18]