Das Blaue vom Himmel - John Friedmann - E-Book

Das Blaue vom Himmel E-Book

John Friedmann

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Beschreibung

John Friedmann hat in den 90er Jahren in der Kultsendung "Erkan und Stefan" den Menschen aufs Maul geschaut und damit grandiose Comedy gemacht. Seit einigen Jahren hat sich der Schauspieler aus der Comedy zurückgezogen und führt seine treffsicheren Szene-Beobachtungen nicht mehr auf der Bühne vor, sondern setzt sie gekonnt in seinen Büchern ein. "Flaschendrehen furioso", das erste Buch des Münchners, nahm die Leser mit in eine unfreiwillige WG dreier Pärchen am Gardasee. In Friedmanns neuem Buch geht es allerdings nicht um Pärchen, sondern um eine etwas spezielle Singlefrau. Sophie hat sich nach dem Tod ihres Mannes in eine Welt zurückgezogen, die aus Schachspielen, einem Freund aus guten alten Zeiten und ihrem Hund besteht. Ihr eigenwilliger Nachbar allerdings missachtet das große Schild "Betreten verboten", das imaginär über ihrem Leben steht, und löst eine Welle der merkwürdigsten Verwicklungen in Sophies Leben aus. Und so halten Lug und Betrug Einzug in das Leben einer Frau, die eigentlich nichts weiter wollte als einfach nur ihre Ruhe haben …

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2015

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John Friedmann

Das Blaue vom Himmel

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Aufregend kann sich das Leben von Sophie gerade nicht nennen. Was vor allem daran liegt, dass sie sich seit dem Tod ihres Mannes sehr zurückgezogen hat. Ihre Kontakte beschränken sich auf ihren barocken Malerfreund Egon und auf Columbo, ihren Hund. Ihre einzige Leidenschaft ist das Schachspielen. Wer hätte gedacht, dass fehlgeleitete Emails und das rüpelhafte Benehmen ihres »Nachbarn«, des amerikanischen Konsuls, Sophies Leben komplett auf den Kopf stellen würden? Sophie sicher nicht. Aus Spaß wird Ernst: Sophie will dem Nachbarn eine Lehre erteilen und sieht sich plötzlich mit Baubetrügereien, Verschwörungstheorien und Betrug jeglicher Art konfrontiert – und mit einem Mann, mit dem sie nicht gerechnet hatte.

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Für Tini

 

»You know what you know, but you don’t know what you don’t know.«

Taxifahrer in South Beach, 2012

1

Der strömende Regen passte perfekt zu ihrer Stimmung. Alles andere, womöglich einer dieser unverschämt leichtfüßigen Sommertage, für die die Isarmetropole um diese Jahreszeit so bekannt war, wäre wie eine schallende Ohrfeige für sie gewesen. Ihr Blick schweifte ohne Ziel über die mächtigen Baumkronen des Englischen Gartens. Dicke Regentropfen schlugen beinahe waagerecht auf die vertrocknete Pflanzenwelt ein, Hagelkörner mischten sich darunter und zerschossen die müden Blätter.

»Magst eine Holunderschorle mit Schuss?«, fragte Max mit tiefer, fröhlicher Stimme von hinten aus der Küche. »Zur Abkühlung, hmm?«

»Abkühlung? Mir ist eher nach einem Grog«, entgegnete Sophie.

»Schatzl? Wo bleibt die gute Laune?«, rief Max. »Komm, wir setzen uns raus auf die Dachterrasse! Der Regen ist gut, er reinigt die Luft. Es war an der Zeit.«

»Deine Zucchini brauchen das Wasser, ich brauch eine Wolldecke.«

»Mach ma einen Kompromiss, Rotwein und Käse aus der Provence?«

»Max? Bei dem Unwett…«, Sophie sprach den Satz nicht zu Ende. Stattdessen erschrak sie über sich selber, denn sie hatte sich soeben mit einem Toten unterhalten.

Der Tote war ihr Mann, Kommissar Max Marquard. Und heute jährte sich erneut der Tag, an dem ihr die Nachricht überbracht worden war. Erschossen von einem Verdächtigen, mitten ins Herz. Max war sofort tot gewesen, und damit hatte man auch ihr das Leben ausgehaucht.

Den Rest des Jahres verstand sie es einigermaßen, ihre Trauer, ihre tiefsitzende Enttäuschung über das Leben zu verbergen. Nicht an diesem Tag. Heute hatte sie leise geweint. Heute konnte sie kaum stehen. Heute zog sie es vor, mit Max zu reden. Ihr Unterbewusstsein spielte ihr einen Streich und gaukelte ihr vor, dass Max ihr mit seiner liebevollen und lustigen Art wie üblich den Tag verzauberte.

Es wurde nicht besser mit ihr, ganz im Gegenteil. Entgegen allen ach so klugen Vorhersagen heilte die Zeit keine Wunden.

Aus ihrem Arbeitszimmer kam ein kurzes Klingeln. Es dauerte eine Sekunde, bis sie begriff, dass sich ihr Computer zu Wort gemeldet hatte.

Das war ungewöhnlich, denn außer ein paar Schach-Besessenen kannte so gut wie keiner ihre E-Mail-Adresse. Bis auf wenige Menschen hatte sie sich von der Welt abgenabelt. Was sollte nach Max noch kommen? Sie beschloss, ihren Computer wie gewöhnlich zu ignorieren und stattdessen lieber ihrem Wischler Columbo mit einer Scheibe Salami das Leben zu versüßen. Wie von der Tarantel gestochen stand Columbo sofort neben ihr und schüttelte sich vor Freude.

Wieder machte ihr Computer »Pling«, gleichzeitig fing Columbo an zu bellen, was er nur tat, wenn jemand vor der Tür war. Sophie hörte ein Klopfen. Columbo bellte weiter und wedelte erwartungsfroh mit dem Schwanz. Genau in diesem Moment bimmelte obendrein ihr Handy. Die bleierne Ruhe wurde von ungewohnter Hektik ersetzt.

Als sie die Wohnungstür öffnete, standen ihr zwei Männer in identischem Outfit gegenüber. Blaue Baumwollhosen, helle Hemden und zwei Baseballmützen mit einem Erdball und Sternen als Logo aufgenäht.

»Die Hausmeisterin …«, sagte der eine.

»Frau Blazkovic«, sagte der andere.

»Hat gemeint«, wieder der eine.

»Wir können den Schlüssel«, sein Kollege.

»Bei Ihnen abgeben.«

Und noch bevor Sophie antworten konnte, hatte sie einen Schlüsselbund in der Hand, und die beiden Männer verabschiedeten sich wieder, mit diesmal winkenden Baseballmützen.

Selbst Columbo schien über das seltsame Intermezzo erstaunt.

Sie schloss die Tür, und die gewohnte Stille nahm die Wohnung wieder in Besitz. Sophie sah auf ihr Handy. Eine Kurznachricht: »Schwarz oder weiß?«

»So, Columbo, was hast du gesagt?«, fragte Sophie ihren Hund, dessen Schwanz sogleich wie ein wild gewordenes Metronom hin und her schlug. »Ah ja, Salami.« Auf dem Gang zur Küche wich ihr treuer Begleiter keinen Zentimeter von ihrer Seite. Erneut klingelte ihr Computer im Arbeitszimmer und dann gleich noch zweimal hinterher. »Pling! Pling!« Der Kasten fing an, ihr gehörig auf die Nerven zu gehen.

Während Columbo längst dem Salamistück hinterhertrauerte, das er blitzschnell verschlungen hatte, ging Sophie in ihr Arbeitszimmer. Ihre Wohnung im fünften Stock, unter dem Dach des herrschaftlichen Altbaus, war groß, groß genug, damit es noch zweimal »Pling! Pling!« machen konnte, bis Sophie endlich vor ihrem lästigen Computer saß.

Sie legte ihre schwarze Kaschmirstrickjacke ab und strich sich ihr gewelltes Haar etwas glatt. »Mein Goldhaarengel«, so hatte Max sie immer genannt. Wenn sie sich hin und wieder unbewusst ein paar Haare aus der Stirn strich, war Max oftmals verstummt, um anschließend zu summen: »Wie in einem französischen Film.« Was für ein Spinner er manchmal sein konnte! Er war davon überzeugt, dass sie auf irgendeine Weise mit Catherine Deneuve verwandt sei. Die Augen, die Nase. Kein Zweifel, zu frappierend die Ähnlichkeit. Immerhin sei er Kommissar, da habe man ein Auge für so etwas. Außerdem hätte Napoleon lange genug über Bayern geherrscht, und die Franzosen so allerhand hinterlassen, für was man ihnen heute dankbar sei. Wohin sein Stammbaum hingegen eher auf begriffsstutzige Holzfäller aus dem Voralpenland zurückreiche, weshalb er so eine schöne Frau eigentlich gar nicht verdient habe. Er hatte es geliebt, solchen Unsinn zu reden und damit Sophie zum Lachen zu bringen. Sie konnte ihm zuhören, bis in die Ewigkeit.

Dann hatte sie ihn identifizieren müssen. Kalkweiß hatte er vor ihr gelegen, mit toten Augen und einem Loch in der Brust.

Ihr wurde schwindelig. Der Tag war noch lang. Sie musste sich zusammenreißen. Sie atmete dreimal tief durch und versuchte, wieder an die Gegenwart zu denken. Sophie starrte auf den Computer und traute ihren Augen nicht. War das möglich? Hatte sie tatsächlich zehn neue Nachrichten erhalten? Allein in der letzten halben Stunde? So viele bekam sie sonst in einer ganzen Woche nicht. Schnell erkannte sie die Ursache für die vielen Mails. Sie waren gar nicht an sie adressiert.

Höchstwahrscheinlich Spam. Hin und wieder bot man ihr Potenzpillen oder sogar die Verlängerung ihres männlichen Geschlechtsorgans an. Geniales Marketing. Dumme Computerwelt.

Dies hier war auf den ersten Blick allerdings alles andere als Werbung. Nur wie konnten private Mails einer fremden Person in ihrem Posteingang landen?

Ihrem ersten Impuls, sie zu lesen, widerstand Sophie. Immerhin gab es auch heute noch so etwas wie ein Briefgeheimnis. Außerdem fand sie es unanständig, in anderer Menschen Privatleben herumzuschnüffeln. Dann jedoch fragte sie sich, was passieren würde, wenn sie die Nachrichten einfach löschen würde? Womöglich würde der eigentliche Adressat seine Post nie bekommen? Eine wichtige Mitteilung würde verlorengehen und damit sonst was auslösen. Sie stand in der Verantwortung, ob sie wollte oder nicht.

Die Adresse des Empfängers half ihr kaum weiter. Es gab nur die Initialen »J. S.«, dazwischen ein Strich und das Ganze bei Yahoo. Sie musste also die Nachrichten lesen, um einen Hinweis darauf zu bekommen, wessen Post sie da auf ihrem Bildschirm hatte. Nur so konnte sie den wahren Empfänger verständigen. Vielleicht war ein klein wenig Neugierde mit dabei. Klitzeklein.

Zuerst überflog sie zwei englische Nachrichten. Ein gewisser Kirk klagte dem Adressaten, den er Hemingway nannte, sein Handicap werde peinlicher, je mehr Golf er spielte. Deswegen überlege er ernsthaft, mit dem Fischen anzufangen. Auf dem Meer ließen sich dazu doch sicher wunderbar weite Abschläge üben? Wie auch immer, er hoffe seinen alten Freund bald wiederzusehen, denn der Krieg gegen den Terror sei zurzeit mehr als einschläfernd.

Sophie schmunzelte. Wie war das zu verstehen?

Die zweite Mail war im Telegrammstil gehalten. Die Verträge seien verbrieft, das Geld angekommen und somit könne nun die kritische Phase beginnen. Weiterhin unbedingt höchste Geheimhaltung! Keine Anrede, kein Abschied.

Merkwürdig, dachte Sophie. Bis jetzt war sie kaum klüger als zuvor. Die nächsten Nachrichten, alle drei in Deutsch verfasst, waren offenkundig von Frauen. Diese frohlockten entweder im romantischen Singsang oder in sehr eindeutiger erotischer Sprache über vergangene sowie anstehende Liebesabenteuer. Stets voll des Lobes über den Mann, der mal »mein Held«, dann »Tiger« und schließlich »mein leidenschaftlicher Spence« genannt wurde. Es handelte sich also um einen begehrten und vielbeschäftigten Frauenheld. Glückwunsch. Sophie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ob die wohl alle voneinander wissen?«, fragte sie Columbo. Doch der hatte die Augen halb geschlossen. Er war in der Welt der gebratenen Hühnerherzen.

Spence? Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? Es lag ihr auf der Zunge, aber ihr Gehirn streikte. Sophie sah aus dem Fenster.

Ausblicke hatte sie aus dem fünften Stock genug. Während der eine Teil ihres Wohnzimmers sich zum Englischen Garten hin öffnete, blickte man vom anderen Teil sowie von ihrem Arbeitszimmer aus nach Süden, auf einen aufgeständerten Büroblock aus den Fünfzigern.

Sophie erschrak: Spence. Die E-Mail-adresse: J.S. Nein, sie musste sich irren. War das möglich? Kurz hielt sie die Luft an. War es möglich, dass es sich bei diesem Spence, dem Frauenheld und charmanten Tiger, um keinen Geringeren als ihren Nachbarn Joshua Spencer, den amerikanischen Generalkonsul handelte. Donnerwetter!

 

 

Der liebestolle Konsul hatte Sophie bis in die späten Abendstunden beschäftigt. Der Hinweiston ihres Computers war längst abgestellt, doch das hinderte die neusten fehlgeleiteten Nachrichten nicht daran, weiter im munteren Zehnminutenrhythmus auf Sophies Desktop einzutrudeln. Natürlich war ihr von Anfang an klar, dass sie die Korrespondenz ihres angesehenen Nachbarn nun wirklich nichts anging, zumal nicht die private, aber ihre allzu menschliche Neugierde entpuppte sich als ausdauernder und gewissenloser als ihre Zweifel und ihr Schamgefühl. Sie gestattete sich ihr Benehmen, unter der Bedingung, dass sie gleich am Montag alles aufklären würde. Das Versprechen hatte sie sich gegeben, vor Columbos Augen. Er war ihr Zeuge.

Der besondere Inhalt des digitalen Briefverkehrs machte es ihr aber fast unmöglich, sich nicht unter ihrem eigenen moralischen Zeigefinger hinwegzuducken. Egal, ob fadenscheinige Entschuldigung oder Rechtfertigung, dieser seltene Blick durchs Schlüsselloch hatte einen erstaunlichen Unterhaltungswert. Und genau diese Ablenkung an diesem traurigen Tag, der alles wieder aufgewirbelt hatte, war ihre Rettung. Offensichtlich wollte sie eine schützende Hand am Todestag ihres Max auf raffinierte Weise davor bewahren, in haltlose Depression zu verfallen. Und das war gut so, denn Sophie ging allmählich die Kraft aus.

Wer wollte es ihr da verdenken, dass sie sich für einen Abend von der Privatsphäre eines Generalkonsuls verführen ließ? Und Verführung war das treffende Wort, denn weit mehr als für die Interessen seines Landes schien sich der fleißige Herr Konsul für die ureigenen Interessen seiner Libido aufzuopfern.

Mit aller Kraft wohlgemerkt. Seine Ehe stand ihm dabei nicht im Weg. Joshua Spencer war offensichtlich ein Mann mit vielen Gesichtern und jemand, der es geschickt verstand, seine vielen delikaten Geheimnisse und Affären im Dunklen zu halten. Jedenfalls bis heute. Die nicht wenigen zwei- bis eindeutigen erotischen Zeilen aus der Korrespondenz des hohen Diplomaten hatten es in sich. Nicht nur die Boulevardpresse würde einen Freudentanz veranstalten, wenn sie davon Wind bekäme. Auch für die restlichen Medien wären die Seitensprünge des Vorzeigediplomaten ein willkommenes Kanonenfutter, um auf die Doppelmoral der bigotten Amerikaner zu feuern. Die Informationen wären Zündstoff für einen handfesten Skandal. Sophie war etwas in den Schoß gefallen, dessen Wert und Brisanz einer kleinen Packung Dynamit gleichkam. Nur, was sollte sie damit anfangen? Sie war versehentlich zur Mitwisserin geworden, und das war es auch schon.

All das ließen sie nicht los. Auch nicht, als sie mit Columbo im Park eine Runde drehte, was ihr normalerweise dabei half, die Dinge klarer zu sehen.

War es denn nicht ihre moralische Pflicht zumindest Spencers Ehefrau gegenüber, dem Liebesrodeo dieses Wildwestcasanovas ein Ende zu bereiten? Mussten Frauen nicht zusammenhalten?

Sophie nahm Columbo einen verschmierten Tennisball, den er extra für sie gefunden hatte, aus dem Maul und warf diesen quer über die tropfnasse Wiese. In der nächsten Sekunde spurtete ihr Vischler einem Torpedo gleich durchs knöchelhohe Gras. Man ließ die Wiesen wachsen, bis zum letzten Schnitt vor dem unausweichlichen Winter.

Ach, Unsinn, weibliche Solidarität, dachte sie. Was ging sie die ganze Angelegenheit überhaupt an? Was kümmerte sie die verkorkste Ehe ihrer Nachbarn, ganz gleich, wie bekannt sie waren und wie bunt sie es trieben? Sophie schüttelte den Kopf. Sie öffnete einen weiteren Knopf ihrer dünnen blauen Kaschmirweste, denn die Morgensonne legte sich bereits mächtig ins Zeug. Noch gab sich der Sommer nicht geschlagen. War es also jetzt so weit mit ihr? Gaffte sie wie eine gelangweilte Hausfrau bei anderen durchs Schlüsselloch, nur weil sich in ihrem Leben nichts mehr tat? Wo bitte war ihr Stolz geblieben? Max würde ihr ordentlich die Leviten lesen.

Nein, sie würde am Montagmorgen dem Konsulat einen nett gemeinten nachbarschaftlichen Besuch abstatten und die Herren freundlich darauf hinweisen, dass ihr ach so geschätztes Internet sich einen kleinen Spaß mit ihnen erlaubt hatte.

So würde sie die Sache abhaken, mit Stil, als nette kleine Anekdote. Und sollte sie Tarzan, so hatte ihn tatsächlich eine Verehrerin genannt, zufällig einmal persönlich gegenüberstehen dürfen, dann würde sie ihn mit einem Augenzwinkern die Hölle heißmachen.

Columbo rannte wild im Kreis, er drehte fast durch vor Freude. Das war sein tägliches Ritual, fünf durchgedrehte Minuten, an denen er wie auf Speed durch den Park fetzte, berauscht von seiner irren Schnelligkeit und der Freiheit.

Der pausenlose Regen der vergangenen Nacht hatte die Stadt reingewaschen. All der Staub und der Dreck der letzten zwei Wochen war weggespült worden, nur ein kleiner Rest sammelte sich noch in großen Pfützen, in denen der eine oder andere Spatz sein morgendliches Bad nahm. Auch für Columbo gab es wohl nichts Phantastischeres als die braune Brühe, die sich überall auf den Gehwegen im Englischen Garten sammelte. Denn entweder sprang er von einer Pfütze zur nächsten, patschte darin herum wie ein Braunbär beim Lachsfischen, oder er trank sie mit seiner großen Zunge halb leer. Es war noch früh am Morgen. Die beste Zeit, denn die meisten Münchner schliefen noch, einige wenige schälten sich vielleicht gerade mühsam aus ihrem Bett.

Sophie und Columbo hatten den riesigen Stadtpark fast für sich allein. Sie mussten ihn nur vereinzelt mit gleichgesinnten Hundefreunden und gelegentlichen nimmermüden Joggern teilen. Dazu gesellten sich an schönen Wochenenden das ein oder andere übrig gebliebene Party-Animal und oder abenteuerlustige Liebespärchen. Alles harmlos im Vergleich zum wilden Trubel, der in wenigen Stunden herrschen würde.

Party-Animal, das passte ganz gut auf den angesehenen Herrn Generalkonsul und liebenden Ehemann. Obwohl sich Joshua Spencer sehr geschickt anstellte, das musste man ihm lassen.

»Eine Nacht mit dir, und man ist süchtig! Du bist eine gefährliche Droge.« So ungefähr lautete das Fazit der E-Mail einer Bankiersgattin aus Frankfurt. Oder wie wär’s mit: »Wenn du mich berührst, bebt mein ganzer Körper.« Etwas kitschig, wenn es aber wirklich stimmte, dann Hut ab, Herr Konsul! Sophies Favorit war: »Du bist besser als hundert Männer zusammen.« Sie schmunzelte und ertappte sich bei dem Gedanken, dem heimlichen Verkehr der Liebesbriefe doch noch ein wenig länger lauschen zu wollen.

Als Generalkonsul, noch dazu einer Weltmacht, sollte man selbst im beschaulichen München mehr zu tun haben, als sich ein Netzwerk an verbotenen Liebschaften aufzubauen, dessen Fäden sich quer durch die Betten der ganzen Republik spannten.

Sophie fragte sich, ob Spencers Kollegen auch so fleißig waren? Womöglich war dies ein Kapitel der Völkerverständigung, das ihr bis dato schlicht und einfach entgangen war? Immerhin konnte die Liebe bekanntlich alle Schranken überwinden. Vielleicht sollte sie Spencers amouröse Korrespondenz einfach weiterleiten, damit die Öffentlichkeit Spencer und all den anderen Botschaftern der Liebe die Dankbarkeit entgegenbringen konnte, die sie verdient hatten?

Andere Länder abzuhören war eine Sache, aber selbst vor den Schlafzimmern der Freunde nicht haltzumachen und sich dort auszutoben, eine andere. Sie strich sich amüsiert durch das halblange Haar, das so kräftig war wie vor zwanzig Jahren. Es lag in ihrer Hand, für ein diplomatisches Sommertheater, wenn nicht gar Donnerwetter zu sorgen, das sich gewaschen hatte. Das war ein neues Gefühl, das Sophie noch nicht kannte, das war besser als Schachspielen. Dann wurde ihr klar, welchen Schaden sie anrichten konnte. Spencers italienischem Kollegen hätte das vielleicht imponiert, allen anderen sicher nicht.

Nein, Sophie musste unbedingt am Montag Klarschiff machen, bevor sie sich die Finger verbrannte. Sie war weder die neue Emma Peel noch irgendein Bond-Girl oder Sophie Snowden. Sie war die einsame, traurige, verbitterte Witwe eines Kommissars. Was ging sie der Rest der Welt an?

Plötzlich traf Sophie ein heftiger Schlag. War sie in der einen Sekunde noch in ihre Überlegungen versunken, so lag sie in der nächsten auf dem Boden, halb im Matsch, halb in einer dreckigen Pfütze. Sophie begriff gar nicht, was ihr geschehen war. Ihr Ellbogen schmerzte, und ihre Handflächen fingen an zu brennen. Zwischen den Zähnen hatte sie Erde, die sie ausspuckte. Erst als sie sich den nassen Schmutz aus den Augen rieb, konnte sie erkennen, wem sie das elegante Bodycheck zu verdanken hatte. Drei Männern in Sporthosen, die munter weiter joggten, als wäre Sophie nichts als pure Luft. Nicht einmal der Hauch einer Entschuldigung.

 

 

Zehn Minuten später schmerzte ihr Ellbogen mehr als zuvor. Zumindest war das Blut an ihren aufgeschürften Händen getrocknet. Sophie verstand die Welt nicht mehr. Sie sah aus wie eine Schlamm-Catcherin und fühlte sich auch so. Seit zig Jahren drehte sie in diesem Park ihre Runden. Er war einer der friedlichsten Orte, den sie kannte. Hin und wieder kassierte sie einen bösen Blick oder einen genuschelten Kommentar von einem notorischen Motzer. Aber das war das Maximum an Feindseligkeit, das einem hier ins Gesicht schlug. Niederträchtig angerempelt oder gar zu Boden geschubst zu werden, das war bis vor wenigen Minuten unvorstellbar gewesen. Dass man sie eben regelrecht in den Dreck geworfen hatte, das konnte Sophie einfach nicht fassen. Selbst Columbo war so perplex gewesen, dass er es für ein neues lustiges Spiel gehalten hatte. Hätte er ihr nicht vor Freude hechelnd übers Gesicht geleckt, dann hätte sie vor Wut mit der Faust auf den Boden geschlagen. Oder sie hätte geweint. Wahrscheinlich beides zugleich.

Alles war so schnell gegangen! Sie war nicht einmal dazu gekommen, zu protestieren, die Männer zur Rede zu stellen oder ihnen wenigstens hinterherzurufen, was für unverschämte, was für verfluchte Halbstarke sie waren.

Eines wiederum war ihr nicht entgangen. Einen der drei Männer hatte sie erkannt. Persönlich waren sie sich noch nie begegnet, dennoch waren ihr sein Gesicht und seine Bewegungen nicht fremd. Sie kannte beides aus Zeitungen und aus dem Fernsehen.

Und als ihr vollends klar war, wer sie da eben zusammen mit zwei Bodyguards in den Matsch befördert hatte, da hätte es Sophie beinahe ein zweites Mal umgehauen. Denn der Gentleman, der so bedingungslos von seinen beiden Muskelpaketen vor Sophie beschützt wurde, war tatsächlich der honorige Generalkonsul Joshua Spencer selbst. Ausgerechnet ihr Herr Nachbar, der Mann, dessen erotische Achillesferse sich über ihren Schreibtisch spannte. Der Mann, der sie seit gestern nicht zur Ruhe kommen ließ.

»Welly well, my friend, dann lass dich mal überraschen«, sagte Sophie leise. Von diesem Moment an war sie fest entschlossen, dem kleinen diplomatischen Zwischenfall von eben eine angemessene Antwort folgen zu lassen.

 

 

Die Augustsonne schnitt durch das dichte Blattwerk rund um den Biergarten am Chinesischen Turm. Ein letztes Sommerwochenende schickte sich an, die Stadt an der Isar erneut zu verzaubern.

Egon stellte die beiden zapffrischen vollen Maßkrüge vor Sophie auf den Tisch. »Selbst die Liebe, die nicht käuflich ist, kostet viel Geld«, verkündete er laut und ungefragt.

»Bitte wie?« Sophie, in Gedanken wieder bei ihrem Rambo-Nachbarn, blinzelte mit den Augen, weil die Sonne zu stark war. Keine Spur mehr von der regnerischen Nacht, die Wärme war zurück.

Es war typisch für Egon, aus dem Nichts heraus mit einer so sensationellen Lebensweisheit zu brillieren. »Davon, dass Frauen immer so viel Geld kosten. Davon red ich. Anwesende natürlich ausgenommen.«

Ständig stießen an den vielen Nachbartischen um sie herum Bierkrüge zusammen, mal begleitet von sattem, bräsigem Gelächter, mal von künstlich überdrehter Heiterkeit. Beides störte Sophie. »Bist schon ein echter Konfuzius«, lobte sie Egon.

Egon seinerseits machte einen weiteren Knopf an seinem ausgewaschenen hellblauen Hemd aus den Siebzigern auf, das er so liebte und deswegen dreimal besaß. »Sauber dampfig heut«, stöhnte er.

Eine Gruppe junger Amerikaner konnte ihr Glück kaum fassen, grölend einen ganzen Liter Bier in den Händen halten zu dürfen. Und das ohne ihren Ausweis fälschen zu müssen. »Yeah! German beer!«, jauchzten sie.

Sophie zuckte mit den Achseln. »Käufliche Liebe? Kommt dir doch wunderbar entgegen.«

»Aber Cherie, man wird ja wohl den Verlust der Romantik beklagen dürfen, hm?« Egon klimperte mit seinen großen Waschbäraugen. »Der bedingungslosen, wahren Liebe nachtrauern?« Dann machte er seinen Zug. »Schach und Prost.«

Schlawiner! Mit seinem Springer hatte Egon sie völlig unerwartet in die Ecke getrieben. Das liebevoll aus Nussholz gefertigte Schachbrett mochte genauso unschuldig wie zuvor zwischen ihnen stehen, aber das täuschte. Es sah nicht mehr gut aus für Sophie. Wollte sie die Partie noch zu ihren Gunsten drehen, dann musste sie ab jetzt sehr auf der Hut sein, denn Egon war mit allen Wassern gewaschen. Beim Schachspiel kannte er kein Pardon. Wahrscheinlich wollte er sie mit seinem Gefasel über die Liebe nur ablenken. Ein Mistkerl war er. Aber das konnte ihm so passen!

Ein Bub brach in einen lauten Weinkrampf aus, weil ein Labrador vor ihm ordentlich Sitz gemacht hatte und um ein Stück Bratwurst bettelte. Columbo, der zwischen den Schachspielern auf dem Boden lag, schlug nur kurz und sichtlich gelangweilt die Augen auf. Er wusste, dass für ihn im Biergarten nichts zu holen war, dazu war er leider zu gut erzogen. Also wozu die ganze Aufregung?

Sophie versuchte sich auf ihren nächsten Zug zu konzentrieren, aber bitte wie? Bei diesem Lärm? Es waren zu viele Menschen um sie herum. Außerdem wollte ihr Handknöchel einfach keine Ruhe geben, und der beißende Schmerz im Ellbogen war in ein ständiges Pochen und Ziehen übergegangen. Danke noch mal, Herr Generalkonsul!

Der Einzige, dem der Trubel überhaupt nichts auszumachen schien, war Egon. Trotz seiner vierundvierzig Jahre gluckste er fröhlich wie ein kleiner Junge vor sich hin und genoss es sichtlich, seine beste Freundin schwitzen zu sehen. Von ihrem kleinen Unfall hatte sie ihm nichts erzählt. Auf die Schürfwunden am Handballen angesprochen, hatte Sophie nur abgewunken, nicht der Rede wert. Das musste Egon genügen.

Bis in die Schulzeit ging ihre Freundschaft zurück. Egon war damals zwar drei Stufen über Sophie gewesen, zu dieser Zeit ein schier unüberwindbarer Klassenunterschied, aber ihre Faszination für Schach hatte sie beide damals schnell zusammengeführt. Immerhin war die Kleine aus der Unterstufe, die Einzige gewesen, die den verrückten Frauenschwarm mit ihren ausgebufften Zügen hatte schlagen können. Dabei war es seitdem geblieben. Einzig Sophie, so schien es, konnte bis heute diesem lebenshungrigen Dampfkessel von einem Mann ernsthaft Paroli bieten. Für Egon gab es nur Extreme, bei allem, was er anfasste. War es das Essen, das Trinken, die Frauen oder seine größte Leidenschaft, die Malerei. Sein massiger Körper kannte keinen Ruhepuls. Der Mann war ein wandelnder Schiffsmotor, ständig in Bewegung und mit einem genauso kraftstrotzenden wie großen Herzen. Dafür liebte Sophie ihren besten Freund, und deswegen verzieh sie ihm fast alles. Auch diese hinterhältige Attacke mit dem Springer. »Ich weiß genau, was du vorhast! Du Mistkerl!«

»Tschörmän Bieeerrrrr!«, sang der Chor der College-Studenten aus Oklahoma enthusiastisch aus voller Brust, aber leider mit wenig Talent.

»Schön, dass sich die jungen Amerikaner schon in diesem zarten Alter so an unsere Kultur berauschen können«, sagte Egon grinsend.

»Tja, drüben müssten sie dafür eine Nacht ins Gefängnis«, merkte Sophie trocken an. Natürlich musste sie unweigerlich an Joshua Spencer denken. Ihr Racheplan war noch nicht zu Ende geschmiedet.

Egon kam ins Grübeln. »Zum Glück bin ich in Europa groß geworden.«

Damit brachte er sie wieder mal zum Lachen. Egon war ein Riesenbaby, ein Bär, man musste ihn einfach liebhaben. Mehr als eine tiefe Freundschaft allerdings war von keiner Seite aus jemals zur Debatte gestanden. Nein, Egon und Sophie gingen tatsächlich für immer gemeinsam durchs Leben, als Freunde. Vom ersten bis zum letzten Schachmatt.

Sie konzentrierte sich auf ihren nächsten, vielleicht alles entscheidenden Zug. »Angenehm ruhig hier heute.«

Wie auf ein Stichwort hatten sie plötzlich eine laut schwäbelnde Kleinfamilie als neue Tischnachbarn. Der bebrillte, junge Lehrertyp dirigierte die beiden Kinder und seine Frau, die ihn zum Verwechseln ähnlich sah, mit einer wirklich bemitleidenswerten Stimmbruchstimme auf ihre Plätze. Während sich die vier umständlich ihrer bunt gesprenkelten Fahrradhelme, reflektierenden Rucksäcke und leuchtenden Warnwesten entledigten, kam sich Sophie langsam vor wie bei einem Schachturnier im Legoland. Wie sollten ihr dabei die richtigen Züge einfallen?

Mürrisch beäugte Egon den vierköpfigen Rennstall in Schutzausrüstung. »Des Fahrradfahren, des scheint ja saugefährlich geworden zu sein, heutzutage«, kommentierte er.

Es war eine Ausnahme, dass sie beide ihre Figuren hier bei alldem Trubel aufeinanderhetzten. Vor allem an einem solchen Tag, an dem die vielen Tische, die sich um den Chinesischen Turm, eine mehrstöckige alte Holzpagode, aufreihten, von komplett Süddeutschland samt seinen Gästen aus aller Welt in Beschlag genommen wurden.

»Tschöööörmän Biiiieeerrrrr!«, jaulten zur Abwechslung jetzt nur die Collegegirls und präsentierten dabei stolz ihre neuen T-Shirts, auf die großbusige Dirndl-Dekolletés gedruckt waren.

Wie viel lieber wäre Sophie jetzt in ihrer Dachgeschosswohnung, hoch über den Baumwipfeln des Englischen Gartens, hoch über dem Geplapper und Gewusel seiner Besucher. Sie hätte ihnen beiden einen Eiskaffee oder ein Glas kühlen Weißwein serviert, und das Durcheinander der vielen Menschen hätte sich zu einem sanften Rauschen reduziert.

Aber Egon hatte darauf bestanden. Er könne einfach nicht mehr mit ansehen, wie sie sich von Tag zu Tag mehr und mehr in ihrer Wohnung einigle, verschanze wie eine Nachteule. »Hör endlich auf, vor der Welt davonzulaufen!«, hatte er sie wohlwollend getadelt. Und sie hatte nachgegeben, was sie längst bereute.

Mit einem derartigen Ansturm auf die Münchner Biergärten hatten sie beide nicht gerechnet. »Müssen die alle nix arbeiten?«

»Es ist Sonntag, Egon.«

»Da schau her, schon wieder.«

Die schwäbische Musterfamilie türmte nun mehrere Dutzend Tupperware-Dosen auf dem Tisch auf und zauberte beinahe jeden Exportschlager der Schwabenküche hervor, der sich in Plastikdosen verpacken ließ. Als Krönung der fürstlichen Sparsamkeit teilte man sich zu viert eine Radlerhalbe, natürlich alkoholfrei. Die lassen es krachen, dachte Sophie.

Ganz anders eine dünne bis magersüchtige Partymaus, die einer Art Edelrocker laut hinterherschrie: »Ey, Goran, ey, mach mal langsamer!«, während sie gleichzeitig eine Handtasche, ein Handy, zwei Krüge Prosecco, eine Riesenbrezen sowie zwei Steckerlfische und sich selber auf Stilettos balancierte.

Egon meldete sich wieder mit einer Weisheit zu Wort. »Noch schlimmer: Liebe machen? Was für ein verlogenes Oxymoron. Da find ich Bumsen einfach ehrlicher. Bumsen!« Laut ließ er sich das Wort wie ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen.

Die Tupperware-Party hörte in der Sekunde auf zu kauen. Der Familienvorstand, der als Einziger weiter seinen Helm trug, lief hochrot an.

Was sein Umfeld von ihm dachte, das war Egon seit jeher wurscht. Vielmehr machte er sich gern einen Spaß daraus, andere vor den Kopf zu stoßen.

»Mami, was ist bumsen?«, hakte der wissbegierige kleine Lehrersohn nach. Und Mama mit dem Meckischnitt hatte prompt die perfekte pädagogische Antwort parat: »Äh, also ein Geräusch, wenn etwas auf den Boden fällt. Dann macht es Bums! Kennst du doch, Albert.«

Sophie sah sich die kluge Frau genauer an. Ob ihr wohl bewusst war, dass der kleine Albert Einstein spätestens in der 1.Klasse von seinen Klassenkameraden auf dem Pausenhof die ganze nackte Wahrheit präsentiert bekommen würde, in Farbe, per bewegtem Handybild?

»Lass dir ruhig Zeit. Nur nicht hetzen«, sagte Egon gönnerhaft, denn …

Sophie wollte der rettende Zug offenbar nicht einfallen. Angestrengt runzelte sie die Stirn.

Zwei eingefleischte Fußballfans in voller Spielermontur torkelten gerade, jeder mit fünf Bierkrügen in der Hand, zum Rest ihrer Fan-Mannschaft. »BAAAYERN!« Die ebenso überraschende wie stimmgewaltige Antwort kam sofort, im Chor versteht sich. »BAAAAAYERN!«

Dann fiel der geschulte Blick der beiden Rekordmeister auf Sophies König, der im hinterhältigen Schach stand. »Ui, schau da, die spielen Mühle!«

»Quatsch! Du Idiot! Des is Backgammon!«, korrigierte ihn umgehend sein Mannschaftskollege.

Sophie war beeindruckt. Konnte man wirklich so blöd sein? Egon zuckte nur belustigt mit den Schultern, während er in seinem beigen Sakko, das neben ihm lag, nach seinen Zigaretten kramte.

In dieser Sekunde ließ der aufgeweckte kleine Albert den Glaskrug mit dem Rest der Familienlimo auf den Boden knallen. Das viel zu kurze Klirren beim Aufprall hatte ihn sehr enttäuscht, also vertonte er kurzerhand selber nach und schrie aus voller Brust: »Bums! Bumsen! Bums!«, und schlug dazu synchron mit den Fäusten auf den Tisch, dass die Schachfiguren tanzten.

Womit er seine antiautoritären Eltern vor die nächste große pädagogische Herausforderung stellte. Sie baten ihr Genie, sich bitte zu beruhigen, sie könnten das nicht gutheißen, er solle bitte über sein Verhalten nachdenken. »Mit deinem Habitus sind wir nicht einverstanden!«, betonten die Eltern fast gleichzeitig.

Hatte Sophie da richtig gehört? Habitus?

Albert war selbstverständlich schwer beeindruckt und kam so richtig in Fahrt: »Buuuuumsen! Bumsen!«

Das Lehrerpaar belegte ihren uneinsichtigen Sohn daraufhin mit der höchsten vorstellbaren Strafe: Sie beschlossen, ihn zu ignorieren.

»Bums! Bums! Bumsssssssen!« Albert genoss es sichtlich, seine Eltern zu ärgern.

»Da sehen Sie mal, was Sie angerichtet haben!«, schimpfte der Lehrervater Egon.

Doch Egon hielt sich vor Lachen den Bauch und antwortete: »Jetzt versteh ich, warum du den Helm aufhast. Nix für ungut, Bürscherl.«

»Also Ihr Verhalten! Damit bin ich nicht einverstanden!«, mischte sich nun auch die Lehrer-Mami ein.

Daraufhin tat Sophie, die für ihre Geduld und ihr Nachsehen berüchtigt war, etwas, was man bei Sophie Marquard früher nie gesehen hätte. Sie nahm ihren König und legte ihn matt auf das Spielbrett. Das war’s. Sie gab auf. Entnervt massierte sie ihren pochenden Ellbogen. »Ich bin auch nicht einverstanden.« Sie stand auf. »Mit dem Habitus nicht. Und nicht mit diesem ganzen verdammten Tag!«

Egon war völlig perplex. So dünnhäutig hatte er sie seit langem nicht mehr erlebt. Er musterte seine Sophie eingehend und machte sich noch mehr Sorgen als sowieso all die Tage zuvor. So ging es nicht mehr lange gut mit ihr. Er folgte ihr, aber nicht ohne sich von Albert zu verabschieden: »Gut so, Kleiner, weiter so! Du wirst einmal ein ganz, ein Großer!«

2

Ordnung. Immer wieder Ordnung. Ordnung und Sauberkeit. Würde man ihn fragen, was ihm beim Gedanken an die Deutschen als Erstes in den Sinn käme, so wären es diese beiden Begriffe. Mochten in Singapur Kaugummis verboten und im Zwergenstaat Monaco selbst Müllmänner glückliche Millionäre sein, Josh Spencer fiel kein Land ein, in dem es sauberer und ordentlicher zuging als hier. Sicher, auch die Schweizer waren sauber und ordentlich, aber wer bitte nahm die Schweiz noch ernst? Außerdem, sprachen die nicht auch Deutsch? Die deutsche Sprache! Selbst da war alles »in Ordnung«. Wie geht’s dir? Alles in Ordnung? Josh Spencer fragte sich, wie man sich nur um Himmels willen »in Ordnung« fühlen konnte. Die Welt schien für jeden Deutschen ein Chaos zu sein, und das galt es in Ordnung zu bringen. Man musste sich ordentlich benehmen, ein Leben in Ordnung halten, untergeordnet, abgeheftet in Ordnern.

Seit fünf Jahren lebte er nun schon hier, dazu die zwei Jahre als Austauschstudent, damals in den Siebzigern. Ohne Frage, die Menschen und das Land waren immer gut zu ihm gewesen, freundlich, aufgeschlossen, gebildet und manchmal, leider nur in den seltensten Fällen, sogar humorvoll. Trotzdem, genug war genug. Jetzt war es Zeit zu gehen. Josh Spencer hatte seine Pflicht erfüllt, mehr als »ordentlich«.

Es warteten höhere Aufgaben auf den Generalkonsul der USA. Von Anfang an war klar gewesen, dass München nur ein netter kleiner Zwischenstopp sein sollte. Ein Start. Er musterte sich in der Spiegelung des raumhohen Fensters in seinem Büro und sah einen Mann, der sofort Vertrauen erweckte, einen charmanten Anführer, auf den die hohe Politik wartete. Der samtgraue Dreiteiler war perfekt auf ihn zugeschneidert. Keine einzige Falte warf er. Wie auch? Schließlich war Josh Spencer in Toppform, und dafür tat er auch einiges. Jeden zweiten Morgen gingen er und Pete laufen. Dazu Krafttraining, wenig Kohlenhydrate, Vitaminpillen, viel Wasser, wenn Alkohol, dann nur den besten.

Die silbergrauen Strähnen in seinem tadellos getrimmten, dichten Haar gehörten einem Dressman, seine stahlblauen Augen schienen selbstbewusst in eine goldene Zukunft zu sehen. Zugegeben nicht mehr ganz so jugendlich wie bei einem Helden auf einem Kinoplakat, eher leicht visionär wie, er überlegte, wie ein ergrauter Kennedy. Er lachte über sich, über seinen kleinen Anflug von Größenwahn. Aber den erlaubte er sich hin und wieder. Denn anders, so schien es, wurde es immer schwerer, in der sich ständig wandelnden verrückten Welt sein Ziel vor Augen zu behalten.

Der da oben hatte es gut mit ihm gemeint. Dafür war er ihm dankbar. Sanft spitzte er die Lippen und prostete mit einem halbvollen Glas Bourbon dem Mann zu, dem sie vor zwanzig Jahren niemals zugetraut hätten, auch nur einen Hauch von Verantwortung zu übernehmen, geschweige denn, dass er es einmal in die hohe Welt der Diplomatie schaffen würde. Der Whiskey wärmte seinen Körper und gab ihm zusätzlich Kraft. Er dachte an seine junge Frau, eine Göttin, zumindest äußerlich. April Spencer zwar war erst achtundzwanzig, über zwanzig Jahre jünger als er, aber allen anderen in ihrer Generation, allen voran den naiven männlichen Grünschnäbeln ihres Alters, haushoch überlegen. Mit ihrem perfekten Gesicht, ihrem wachen Köpfchen und, nicht zu vergessen, ihrem atemberaubenden Körper war sie eine wahre Wunderwaffe der Natur. Er verstand nur zu gut, dass April mit dem bescheidenen gesellschaftlichen Leben, das München zu bieten hatte, komplett unterfordert war.

Sicherlich mochte es für sie schmeichelhaft gewesen sein, als die wunderschöne Frau des US-Generalkonsuls tagsüber in den Boutiquen und abends bei den wenigen Galadiners wie ein kleiner Weltstar hofiert zu werden. Nur, was bedeutete das schon? Einer Frau ihres Kalibers standen in New York oder Washington ganz andere Türen offen. Weltmetropolen sollten ihre Bühne sein. Wen kümmerte dieses verschlafene Nest an der Isar, das nur für sein Oktoberfest bekannt war? Er musste ihr weit mehr bieten, das war ihm klar.

Wenige Monate noch, dann war es so weit. Dann würden sich die Spencers von München, von Deutschland verabschieden und als neues Power-Couple zu Hause in den USA für Furore sorgen. Die amerikanischen Society-Blätter durften sich auf etwas gefasst machen. Und dann würde er in Florida kandidieren! Er sah alles genau vor sich. Als Kongressabgeordneter oder besser gleich als Gouverneur?

In diesem Moment klopfte es an der schweren Bürotür. Ohne auf eine Antwort zu warten, trat Pete Delray ein. »Haben sie eine Minute?«

Keine Spur von Emotion in seiner Stimme. Delray, Sicherheitschef, Vertrauter, Assistent und Freund in einem. Die US-Marines vermissten ihren jungen Aussteiger bis heute, obwohl es einige Jahre her war, dass sich Delray für einen Job an der Seite eines Politikers entschieden hatte. Den strammen Gang eines Offiziers allerdings hatte er beibehalten. In seinen Augen verlieh ihm das eine bemerkenswerte Autorität. Sein Anzug hatte seine Mühe, die bullige Kraft des schlanken Ex-Marines zu bändigen. Delray bemerkte missbilligend den Drink in der Hand seines Chefs. Der kleine Barschrank öffnete seine Türen immer früher.

»Hi, Pete, auch einen?«, fragte Josh Spencer, gerade eben, weil er wusste, dass Delray keinen Tropfen Alkohol trank. Niemals.

»Danke, Josh, ein anderes Mal. Wir haben heute zwei Memos aus DC, später das Essen mit dem BMW-Vorstand. Und ich soll Sie erinnern, an die Charity-Sache. Die Spencer-Kids? Ist das wirklich nötig? Lauter verzogene deutsche Bengel auf Ihre Kosten in die USA zu schicken?« Delray legte einen Stapel dünner Akten auf den Schreibtisch.

»Pete, wir hätten uns bei der Frau heute Morgen ordentlich entschuldigen sollen!«

»Es war ihr Fehler.«

»Wie bitte?«

»Zur falschen Zeit am falschen Ort. Sicherheit geht vor.« Delray stellte sich neben seinen Chef ans Fenster und klopfte mit dem Finger an die Scheibe. »Zu viel Glas!« Er schüttelte verächtlich den Kopf. »Das wäre heutzutage undenkbar.«

Seltsamer Vogel, dachte sich der Generalkonsul. Delray konnte nicht lockerlassen, er war immer in Alarmbereitschaft. »Ich darf dich daran erinnern, die bärtigen Jungs, die sich in fensterlosen Höhlen verkriechen, das sind die anderen.« Spencer schenkte sich nach. »Und außerdem, ja, die Spencer-Kids sind mir wichtig«, sagte er. »Sie fliegen ja nicht an Floridas Strände, sondern in ein Ghetto von Washington, um zu sehen, wo der falsche Weg sie hinführen kann.«

Delray hörte nicht wirklich zu. »Ein guter Sniperschütze, ein Wärmesucher, dazu ein anständiges Gewehr und dann …« Delray stubste sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. »Paff!«

»Bis jetzt hab ich es überlebt. Wir sind hier in Bayern und nicht am Hindukusch.«

Delray verzog keine Miene. »Das heißt gar nichts.«

»Die Frauen hier tragen einladende Dirndl und keine Burka. Außerdem haben wir ja dich und deine Jungs. Dafür, dass mir keiner mit seinem Wärmesucher mein Büro ruiniert.«

Delray drehte sich um und runzelte die Stirn. »Es liegt was in der Luft, das spüre ich!«

»Ja, unser Flug in die Heimat«, frohlockte Joshua Spencer. »Aber vorher sollten wir der Frau ein paar Blumen schicken, als Entschuldigung. Immerhin haben wir einen Ruf zu verlieren.«

»Dafür ist es zu spät.«

Der Generalkonsul war etwas verunsichert. »Wie meinst du das?«

»Wir kennen sie nicht. Eine namenlose Passantin. Punkt.«

Keiner der beiden ahnte, dass sich dies sehr bald ändern würde.

 

 

Kaum war Maria, ihre Putzfrau, gegangen, da war es endlich still. Ruhe. Keine Stimmen mehr. Ihr war kalt. Sie hatte Angst vor dem, was kam. Angst vor jedem neuen Tag, weil ohne Max nichts mehr einen Sinn hatte. Die Momente, in denen sie in das große dunkle Loch zu fallen drohte, kamen immer häufiger. Sie erkannte sich selbst nicht mehr wieder. Was war aus ihr geworden? Vor jemandem wie sie hätte sie früher keinen Respekt gehabt. Trotzdem ließ sie sich wieder davontragen. Schloss die Augen und ließ sich treiben.

Erst Columbos tiefes Schnaufen holte Sophie in die Realität zurück. Sie war wieder bei Max gewesen.

»Ich weiß ja, der Herr wünscht zu speisen.«

Und als könnte Columbo sie tatsächlich verstehen, riss er die Augen auf und hechelte aufgeregt.

Heute gab es endlich Hühnerherzen. Sophie gönnte sich einen Kaffee. Sie wusste, ohne ihren Wischler hätte sie schon längst aufgegeben. Er war ihre Brücke in die Vergangenheit. Manchmal bildete sie sich ein, es hätte den schrecklichen Tag nie gegeben und Max würde im nächsten Moment die Tür aufsperren. Er würde seinem Spatzl wie jeden Abend einen Kuss geben und ihr kurz darauf Tratsch und Geschichten aus dem Präsidium anvertrauen. Vermutlich würden sie die neueste Entwicklung in einem aktuellen Fall besprechen. Er hatte sie immer so behandelt, als wäre auch sie eine Kommissarin. Eine Kollegin, mit der er Verdächtige abklopfte, Hinweise analysierte und mögliche Motive ergründete. Streng genommen hätte er sie natürlich nie einweihen dürfen. Amtsgeheimnisse, die ein Hauptkommissar für sich zu behalten hatte. Aber daran hatte er sich nie gehalten, denn die Einsichten seiner Frau waren ihm viel zu wertvoll und manchmal sogar hilfreich gewesen. Unter keinen Umständen wollte er auf die messerscharfen Analysen seiner klugen Schachspielerin verzichten. »Du kannst so wunderbar verwinkelt denken«, hatte er sie gelobt. »Deine mysteriösen dunklen Rehaugen sehen Dinge, die mir entgehen.« Kaum ein Tag, an dem er sie nicht mit einem übertriebenen Kompliment in Verlegenheit gebracht hatte, um sie gleich darauf fest in die Arme zu nehmen.

Längst war auch das letzte Hühnerherz verschlungen, Columbo hätte sich am liebsten noch über eine ganze Hühnerfarm hergemacht, aber das musste warten. Wie um sich zu bedanken, schleckte er jetzt Sophies Hand. Oder er wollte sie trösten, denn er schien immer genau zu wissen, wie sich sein Frauchen gerade fühlte.

Es machte wieder »Pling«. Ihr Computer verkündete mit sachlicher Begeisterung: Es gab Neuigkeiten.

Sophie ballte die Faust. Ein Fehler, denn der darauffolgende Stich ging diesmal von der Handwurzel über das Armgelenk bis zur Schulter hinauf. Widerwillig, nur angetrieben von ihrer Wut, nahm sie an ihrem Schreibtisch Platz.

Sophie und das Internet, das war eine Art Hassliebe. Seit der Einführung des Computers in die Arbeitswelt war nicht eine einzige Minute eingespart worden. Alles wurde durch die vielen Stunden für Wartung, Aktualisierung, Konvertierung, Virenschutz und, wer weiß nicht was, wieder aufgehoben. Der Mensch wurde zunehmend digitalisiert, durchsichtig, versklavt, war aber gleichzeitig geradezu entzückt darüber, jeden Preis dafür zu zahlen. Komplette Überwachung for free. Algorithmen waren längst die wahren Herrscher. Sie konnten vorhersagen, was man kaufen wollte, bevor man es überhaupt selber wusste. Sie wussten, wann man krank wurde, was toll war für Versicherungen, wann man höchstwahrscheinlich verstarb, wer wann einen Seitensprung plante oder ein Verbrechen begehen würde. Wahrsager mit Turban und Kristallkugel durften in Rente gehen. Die Menschen, ab sofort degradiert zum dankbaren Platzhalter in einem gigantischen, universellen Zahlenspiel. Eigentlich überflüssig.

Andererseits konnte auch Sophie sich der Verlockung kaum entziehen, sich nur die Nachrichten herauszusuchen, die sie wirklich interessierten, gleichzeitig zu beobachten, wie alles und jeder zunehmend manipuliert wurde, oder sich einfach mit Schachliebhabern auf der ganzen Welt auszutauschen und komplette Turniere Zug um Zug zu verfolgen. Sie war ebenfalls gefangen im Netz. Immerhin versuchte sie die Maschen möglichst groß zu halten.

Das Spiel der Könige und das Internet ergänzten sich perfekt. Aus der kleinen täglichen Schachseite in der Zeitung war ein schier unendliches Spielfeld an Zügen und Möglichkeiten geworden. Die Welt war ihr Schachbrett. Umgekehrt bestand die Gefahr ebenso. Schnell wurde man zur kleinen Figur in einem viel größeren Spiel.

War Sophie im echten Leben immer menschenscheuer geworden, in der virtuellen Welt war sie Teil einer großen Schach-Community. Sie hatte Freunde oder, besser gesagt, Bekannte rund um den ganzen Globus. Keinen einzigen davon hat sie jemals wirklich zu Gesicht bekommen. Besser so. Gesichter konnten viel zu sehr ablenken. Das Spiel eines Menschen, seine Züge, seine Strategie verrieten weit mehr über ihn als hundert Sätze. Sophie konnte im Spiel eines Menschen lesen. Nur so war es ihr möglich, ihre Gegner immer wieder zu schlagen. Nur in der anonymen Netzwelt wagte Sophie, wieder eine Art Beziehung zu anderen Menschen aufzubauen.

Allerdings ahnte Sophie, dass das »Pling«, das sie gerade vernommen hatte, nicht ihr galt, sondern ihrem netten Nachbarn.

»Sehen wir uns heute Nacht?«, schrieb Valerie.

Pling! »Muss mich heute um meine Frau kümmern.«

Prompte Antwort, dachte sich Sophie. Ganz schön ehrlich, der treusorgende Ehemann, vorbildlich geradezu. Sie wollte aufstehen, denn ihr war nach einem Kaffee. Ein erneutes »Pling« hielt sie davon ab.

»Und wer kümmert sich um mich?« Das Turteltäubchen blieb hartnäckig. Pling! »Wie soll ich mich denn kümmern?«

Sofort: Pling! »Lang, Cheri!« Pling! »Und …« Pling! »… feste!«

»Oh, là,là!«, rief Sophie aus. Wurde sie jetzt etwa rot? Plötzlich kam ihr eine Idee. Konnte sie in den Dialog eingreifen? Sollte sie eine kleine Gemeinheit zurückschreiben? Für Verwirrung sorgen? Monsieur Konsul die Tour vermasseln? Wie wär’s mit: Lang und feste ist bereits ausgebucht. Oder: Meine Frau war schneller. Und: Du kannst gern vorbeikommen?

Ihr war nach Rache, aber sie zögerte. Ihre Finger schwebten über der Tastatur, vorsichtig, fast so, als könnte sie sich buchstäblich die Spitzen verbrennen.

Plötzlich schnitt ein Schmerz wie ein langsamer Messerstich durch ihren Unterarm. Ihre Hand wollte keine Ruhe geben. Verfluchter Spencer! Nein, nur ein kleines Durcheinander, das war zu wenig. Sophie wollte mit ansehen können, wie der selbstherrliche Herr Konsul litt. Sie wollte live dabei sein. Doch dazu brauchte es einen Schlachtplan.

 

 

»Diese Handtasche, meine Liebe, diese eine Handtasche wurde nur für Sie gemacht.«

»Ach, das sagen Sie doch jeder Kundin!«

»Nein, glauben Sie mir, wenn ich Sie Ihnen nicht verkaufen darf, dann, dann verbrenne ich sie! Hier und jetzt!« Der androgyne Verkäufer meinte das todernst, trotz des Singsangs in seiner Stimme.

»Na gut, Fabrizio, packen Sie das Zauberstück ein. Verbrennen? Das kann ich nicht verantworten.« April Spencer liebte solche Verkaufsgespräche. Sie gaben ihr das Gefühl von Kultiviertheit, von Klasse, ja, es hatte sogar etwas Erotisches. Auch wenn ihr klar war, dass Fabrizios lüsterne Blicke nur knackigen Männerpopos galten. An ihr interessierte ihn einzig die Kreditkarte, und selbst die gehörte genau genommen einem Mann, nämlich ihrem.

Ansonsten konnte sich April über mangelndes Interesse von Männern wirklich nicht beklagen. Fabrizio war eine seltene Ausnahme, denn sonst drehten sich sogar die schwulen Männer nach ihr um. Sie war eine Erscheinung, ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Kein Zweifel, April hatte besonders großes Glück gehabt, nicht nur was ihr Äußeres betraf. Allerdings, Glück war eine Sache, harte Arbeit und Disziplin dagegen waren etwas ganz anderes. Und darin lag der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Die richtigen Cremes, Massagen, ein begabter Friseur, viel Schlaf, Bewegung, frische Luft, noch mal viel Schlaf, und natürlich die richtige Mischung aus Magersucht, Bulimie und reinstem Koks. Darauf kam es an.

Ihr Aussehen betrachtete April Spencer als ihren Job, und diesen nahm sie verdammt ernst. Dass dazu auch die richtige Ausstattung notwendig war, das erklärte sich wohl von selbst. Diese Handtasche hier, die das Monatsgehalt einer gehobenen Angestellten locker übertraf, gehörte genauso zu ihrem Job wie die anderen kostbaren Fundstücke in ihren aufwendig bedruckten Einkaufstüten. Schließlich war sie die Frau des Generalkonsuls! Er repräsentierte eine Supermacht, genau genommen die einzige. Und sie unterstützte ihn dabei, pausenlos, auf ihre Art.

Niemand wagte zu leugnen, dass sie eine Art First Lady war, so wie ihre großen Vorbilder. Wie Jackie Kennedy, Nancy Reagan oder Michelle Obama. Sie war First Class. Oder meinten die Münchner etwa, sie bekämen jemals mehr geboten? Die Menschen hier konnten ihr weiß Gott mehr als dankbar sein für den Glamour und den Glanz, den sie in dieses unbedeutende Nest abseits vom Weltgeschehen brachte. Da war ja der letzte Vorort von Denver spannender. Und die Frauen? Keine inspirierende Konkurrenz, weit und breit. Selbst das Botox, an das sich manche klammerten, hatte irgendwas von Gestern. Worüber sollte sie sich mit denen unterhalten? Das perfekte Dirndl? Den Stau nach Kitzbühel? Die neusten Modetrends aus Grünwald? Die meisten von ihnen kannten die Fifth Avenue doch allenfalls von Monopoly oder so. Sweet Jesus, zum Glück hatte ihr Gastspiel in diesem Kaff bald ein Ende.

Mit sich und ihrem Universum im Reinen wandelte die natürlich perfekt gestylte Mrs. Joshua Spencer die Maximilianstraße entlang. Von links und rechts wurde sie anerkennend, nicht selten gar bewundernd, gegrüßt. Es verstand sich von selbst, dass sie in der Isarmetropole eine kleine Berühmtheit war. Wann immer sie eine Gala oder ein Konzert mit ihrer Anwesenheit krönte, konnte man davon ausgehen, dass sich am nächsten Morgen die Gesellschaftsseiten der lokalen und auch der bundesweiten Presse mit Lobeshymnen überschlugen und diese mit einem großen Foto von der »schönen Botschafterin« perfekt abrundeten. Jedes Foto von April Spencer hatte das Zeug zur Titelseite. Sie lehrte gut bezahlten Topmodels das Fürchten. »Der atemberaubendste Export der USA« titelte erst letzten Monat das wichtigste deutsche Frauenmagazin.

Natürlich färbte einiges von diesem Scheinwerferlicht auf ihren Mann ab. Der US-Botschafter in Berlin hatte sich angeblich schon in Washington beschwert, dass ihn in der Hauptstadt keiner mehr ernst nähme, weil alle nur nach München schauten. Alle redeten allein von Joshua Spencer und seiner umwerfenden Gattin mit diesem jugendlichen Charme.

Joshua hatte wahrlich allen Grund, ihr dankbar zu sein. So viele Handtaschen konnte er ihr gar nicht kaufen. Ehrlich gesagt, kam er mit ein bisschen Gucci, Prada und Cartier viel zu billig davon. Joshua hatte sich zwar gut gehalten, aber erst sie, April, die viel jüngere Schönheit an seiner Seite, machte ihn zum wahren Helden. Nicht wenige mochten ihn um seinen Posten im Amt beneiden, ausnahmslos jeder beneidete ihn um seinen Posten im Schlafzimmer. Der Neid der anderen, das war Balsam für ihre Seele.

Von seinem mickrigen Konsulgehalt hätte Josh sich seinen Engel natürlich nicht leisten können. Was waren schon die paar Dollar aus Washington.

Da traf es sich gut, dass Joshua von Haus aus ein vermögender Mann war, um nicht zu sagen stinkreich, Alleinerbe, alter Geldadel aus Florida, hochangesehene Familie und so weiter. Sie zog ihren kurzen Rock zurecht und blinzelte fröhlich in die Sonne. Ach, sie war ja noch soooo jung. April kicherte in sich hinein.

Aber Geld war nicht alles, das wusste jedes Kind. Was zählte, waren Beziehungen. Nur wenige wussten, dass Joshua Spencer seinen Job als Konsul nur einer sehr großzügigen Wahlkampfspende an den Präsidenten zu verdanken hatte. Früh hatte er auf das richtige Pferd gesetzt und dann alles gewonnen. Ein Geben und Nehmen, so war das ganze Leben.

Sie und Joshua waren ein perfektes Team. Er hatte Geld und Beziehungen, sie ein unwiderstehliches Spiegelbild, das jeden schwach werden ließ.

Deutschland war nur ein Test gewesen. Vor ihnen standen große, viel bedeutendere Aufgaben. Sie fühlte sich herrlich! Einfach großartig! Und das, obwohl sie heute noch gar keine Line gezogen hatte.

3

Ein Mann ist immer nur so stark wie die Frau an seiner Seite. Das wurde einem alljährlich bei der Oscar-Verleihung von den Preisträgern mit gekonnten Gefühlsausbrüchen vorgespielt. Sophie schnippte mit den Fingern. »Oder so schwach wie die vielen Frauen, mit denen er sie betrügt.«

Schläfrig wie eh und je, aber seit ein paar Jahren beschützt wie ein Außenposten in Feindesland, lag vor ihrem Fenster das Konsulatsgebäude. Sophie fühlte sich jedes Mal an einen Schuhkarton auf Krücken erinnert. Ursprünglich war es die Absicht des Architekten Sep Ruf gewesen, ein modernes, durchlässiges Haus zu errichten, das beinahe schwebend schwerelos in eine bessere Welt einlud. In den fünfziger oder sechziger Jahren war dies für so ein zerbombtes Grundstück sicher eine fortschrittliche und löbliche Idee gewesen. Keine einschüchternden Protzbauten mehr, stattdessen demokratischer Neuanfang.

Heute allerdings schwebte nichts mehr. Im Gegenteil, der Kasten wurde von diversen scharfen Mauern und Zäunen aufgespießt. Kameras und Wachleute erstickten jede Durchlässigkeit im Keim. Sicherheit war das Gebot der Stunde. Die gläserne Utopie hat sich in eine mittelalterliche Burg verwandelt, die sich gegen alles und jeden zur Wehr setzte. Jeder darin musste sich unweigerlich wie in einem Gefängnis fühlen. War deswegen doch eher Mitleid angebracht?

Sophies Blick fiel auf den Computer, und in ihrem Kopf brodelte sich etwas zusammen. Über Nacht war ihr Unterarm noch mehr angeschwollen. Das ständige Pochen hatte ihr sehr wirre Träume beschert. Zeit für eine Lektion in Sachen Benehmen.

Es piepste, ihr Handy. Eine Kurznachricht von Egon: »d4«. Der Mann war wirklich nicht zu stoppen. Sie bezweifelte, dass er schon so früh wach war. Viel wahrscheinlicher war es eine lange, nicht enden wollende Nacht gewesen. Wie auch immer, er meldete sich mit dem Eröffnungszug zu einem Spiel. Weißer Bauer, zwei Felder vor auf d4. Das hieß, egal in welchem Zustand Egon auch war, Sophie musste sich keine Sorgen um ihn machen. Er war unter den Lebenden, zumindest geistig.

Was ihre Antwort betraf, so musste er sich ein wenig gedulden. Für Sophie galt es nämlich, eine ganz andere Partie zu eröffnen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und erweckte den Computer aus seinem Tiefschlaf. Zuerst war jedoch Recherche nötig. Wo hatte der hochrangige Schürzenjäger seinen wunden Punkt?

Aber sie kam gar nicht erst dazu, nachzuforschen, denn sofort drängten sich ihr die neusten Nachrichten aus Spencers Privatleben auf.

Eine Katharina kündigte sich für morgen an, sie sei zufällig in der Stadt und fragte ihren »Spency« – auch nicht schlecht, dachte Sophie –, was sie, nach einem Termin bei einem Notar und dem Restaurantbesuch mit ihrer langweiligen Verwandtschaft, nur so ganz allein mit sich anfangen solle? Selbstverständlich würde Spency der einsamen Dame zu Hilfe eilen. Aber nur, wenn sie ihm mit ihrer französischen Unterwäsche nicht wieder »crazy« machen würde!

Sophie schüttelte ungläubig den Kopf. Der Mann schien ja einen regelrechten Traumjob ergattert zu haben. Seine Hauptaufgabe war es wohl, die gelangweilten Ehefrauen seines Gastgeberlandes flachzulegen. Kein Wunder, dass Spency frühmorgens so übermotiviert durch den Park joggte. Bei dem Programm musste man sich fit halten.

Sophie verzichtete auf weitere Recherche. Das Liebesleben ihres Nachbarn war wunder Punkt genug. Hier ließ sich wunderbar ansetzen, um den Mann, der offensichtlich zu viel Energie hatte, ein wenig ins Schwitzen zu bringen. Sophie legte los.

 

 

Sanft und weltmännisch trommelten die acht Zylinder des schwarzen Cadillac im Takt. Elegant bog der Diplomatenwagen um die Kurve. Selbstverständlich waren die Scheiben der Limousine verdunkelt, so konnten nur der Fahrer und der völlig emotionslose Sicherheitsmann an der kindlichen Vorfreude Joshua Spencers teilhaben. Beide wunderten sich nicht allzu sehr darüber, dass ihr Chef dem vermeintlichen Treffen mit einem hohen Manager so entgegenfieberte. Auch nicht darüber, dass er eben ein Glas Whiskey geleert hatte, wobei er sich den letzten Schluck wie ein Parfüm an seinen Hals tröpfelte. Sie waren es gewohnt. Das kam oft vor. Ihr Boss hatte so seine Eigenheiten. Aber er war immer bester Laune, gern zu Scherzen aufgelegt und zum Glück nicht so steif und verkrampft wie sein knorriger Vorgänger. Wer konnte ihm da seine kleinen Extratouren schon verübeln?

Katharina zu Wangenbach, dachte Josh, wie lange hatte er sie schon nicht mehr gesehen? Wenn es eine Frau gab, die wusste, wie man einen Mann verführte, dann war sie es. Zu bedauerlich, dass sie in Hamburg wohnte und noch dazu mit einem wichtigen Politiker verheiratet war. Wobei das Letztere, ehrlich gesagt, das kleinere Problem war. Wie auch immer, die nächsten Stunden würden allein ihnen gehören. Ohne einen Moment des Zögerns oder des schlechten Gewissens hatte er alle Termine abgesagt. Katharina war eine faszinierende, eine einzigartige Frau. Auf ihre kühle norddeutsche Weise einzigartiger als April.

Natürlich war er nicht so naiv, die beiden vergleichen zu wollen. Sinnlos. Sie kamen aus zwei unterschiedlichen Sonnensystemen. Katharina war eine reife, elegante Frau, April ein verwöhntes Kind. Ein Kind, das man lieben musste, dem man seine Fehler verzieh, wie ein Vater. Beschrieb das die Beziehung zu seiner Frau am treffendsten? Er wusste es nicht mehr.

Katharina wiederum konnte gefährlich werden. Denn sie war eine von der seltenen Sorte intelligent einfühlsamer Frauen, die einem mit ihrer Wärme und ihrem Verstand mal so eben das Herz brachen. Spencer hatte als junger Mann ein paar Narben davongetragen. Harte Nackenschläge für einen Anfänger auf dem Tanzparkett der Liebe. Da fiel ihm als Erste Cassandra ein, die leider wenig begabte Malerin aus Toronto, aus seiner Zeit an der Kunstakademie in New York. Einen heißen verrückten Sommer lang hatte sie ihm nach allen Regeln der Kunst den Kopf verdreht. Viel mehr, sie hatte ihm gezeigt, was es hieß, bedingungslos zu lieben. Um dann von einem Tag auf den anderen zu verschwinden, mit seinem damals besten Freund, für immer, einfach so. Natürlich nicht ohne vorher seine gesamte Bude leer geräumt und damit ein kleines Vermögen gemacht zu haben. Das hatte ihn eine Zeitlang aus der Bahn geworfen. Ein dummer kleiner Junge war er gewesen. Wenn es um sein Herz ging, war er zu leicht zu manipulieren. Zumindest früher, als ihn alle für den Sunnyboy mit den reichen Eltern hielten. Deshalb, so hatte er sich geschworen, würde er das nie wieder zulassen.

Katharina durfte ihm nahe kommen, für ein paar Stunden, mehr nicht.

 

 

Pete Delray legte die Füße auf den Schreibtisch und blickte mit der Miene eines Mannes, der eine Entscheidung von großer Tragweite zu fällen hatte, hinaus aus dem Fenster in eine imaginäre Unendlichkeit. Er liebte den Stuhl seines Chefs. Auch wenn der nur harmloser Generalkonsul war, so fühlte sich Delray in dessen Büro, hinter diesem Tisch, vor allem eines: mächtig. Über ihm lehnte das Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika unbesiegt an der Wand, und gegenüber lächelte ihn das Portrait seines obersten Befehlshabers, Präsident Obama, an. In diesen Minuten war Pete Delray nicht der völlig unterschätzte Sicherheitschef des Münchner Generalkonsulates. Nein, er war weit mehr. Er war einer der wenigen Auserwählten aus dem engsten Zirkel der Macht, einer der Macher, der Entscheidungsträger. Er war der Verteidigungsminister der USA, die rechte Hand des Präsidenten, sein engster Vertrauter, der Mann, mit dem der mächtigste Mann der Welt durch dick und dünn gehen konnte. Auf seinen Schultern lastete eine hohe Verantwortung. Verteidigungsminister Peter Archibald Delray. Oh, wie sehr ihm dieser Gedanke gefiel! So unwahrscheinlich es war, dass Delray diesen mächtigen Posten jemals bekleiden würde, so sehr stand es außer Zweifel, dass er der richtige Mann wäre. Ihm war das sonnenklar. Er hatte das Zeug dazu. Er wüsste, wann es Zeit war, die Truppen in den Krieg zu schicken. Er hätte die richtigen Worte für seine Jungs gefunden. Er war einer von ihnen.

Sein Funkgerät piepste. Der Wachmann aus der Eingangshalle erstattete Meldung. Ein Austauschstudent mache Ärger im Foyer, weil er unbedingt heute noch ein Visum brauchte.

»Sag ihm, entweder er bewegt seinen Hintern sofort rückwärts aus unserem Gebäude und ab ins Generalkonsulat nach Frankfurt, oder wir schicken ihn höchstpersönlich als CIA-Gefangenen dorthin, vermummt und mit arabischem Namensschild.« Delray hatte alles im Griff.

Die Stimme im Funkgerät lachte. »Haha! Wird gemacht, Boss!«

Hier in München war Delray mit seinem Wissen aus seiner Zeit als Marine und seinen »besonderen« Begabungen sträflich unterfordert. Seine persönliche Mission bestand darin, den Jungs in Washington endlich klarzumachen, dass sie hier ein seltenes Talent verkümmern ließen. Das Pentagon musste wachgerüttelt werden und Delray dort die Position bekommen, die ihm zustand. Zum Glück hatte Delray schon so ein paar Ideen, wie er das erreichen würde. O yeah, Baby, die Sesselfurzer am Potomac durften sich auf was gefasst machen.

In diesem Moment ging die Tür auf. Delray sprang blitzschnell vom Stuhl auf. Sofort nahm er, mit dem Rücken zum Eingang, eine Stellung ein, als würde er ganz harmlos ein paar Akten für seinen Boss vorbereiten.

Ertappt!

Zwei Arme legten sich von hinten um seinen stahlharten Bauch.

»Entspannen Sie sich, Soldat«, hauchte ihm April Spencer ins Ohr.

April? Mit ihr hatte er nicht gerechnet. Delray war mehr als erleichtert. »Ist das ein Befehl?«, fragte er cool.

Die Frau seines Chefs sagte: »O ja! Und wenn Sie ihn nicht befolgen, dann muss ich Sie leider bestrafen.«

»Soso. Wie darf ich mir die denn vorstellen, diese Strafe?«, fragte Delray, obwohl er die Antwort sehr gut kannte. Denn April knöpfte ihm bereits das Hemd auf. Noch war er kein Verteidigungsminister, somit war es völlig legitim, die Waffen zu strecken.

 

 

Mit Crest, seiner amerikanischen Lieblingszahnpasta, auf seiner amerikanischen Zahnbürste und seinem Lieblingsmundwasser, ebenfalls aus der Heimat eingeflogen, begrüßte Joshua Spencer den Morgen, während seine April noch in Nachthemd und Decke verknotet im Bett lag. Mit ihr war nie vor Mittag zu rechnen. Schönheitsschlaf, wie sie es nannte. »Das mach ich alles für dich, Honey!«, hatte sie ihm einst erklärt.