Villa Italia - John Friedmann - E-Book
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John Friedmann

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Beschreibung

Was passiert, wenn die Ferienvilla in Italien mehrfach vermietet wurde? Genau: Drei Paare und eine Singlefrau pochen auf ihre Verträge und bilden – aus Sturheit – eine Ferien-WG. Keiner kann den anderen ausstehen. Genießer Carlo, der es versteht, aus jeder Situation das Beste zu machen, zaubert eines Abends ein wunderbares Menü auf den Tisch. Der Wein fließt in Strömen, die Stimmung ist gut – bis jemand ein Spiel vorschlägt, bei dem eine unschöne Wahrheit nach der anderen ausgepackt wird. Und am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war.

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2012

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John Friedmann

Villa Italia

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Was passiert, wenn die Ferienvilla in der Toskana mehrfach vermietet wurde? Genau: Drei Paare und eine Singlefrau pochen auf ihre Verträge und bilden – aus Sturheit – eine Ferien-WG. Keiner kann den anderen ausstehen. Genießer Carlo, der es versteht, aus jeder Situation das Beste zu machen, zaubert eines Abends ein wunderbares Menü auf den Tisch. Der Wein fließt in Strömen, die Stimmung ist gut – bis jemand ein Spiel vorschlägt, bei dem eine unschöne Wahrheit nach der anderen ausgepackt wird. Und am nächsten Morgen ist nichts mehr, wie es war.

Inhaltsübersicht

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Für meinen Vater

1. Kapitel

Schon am smaragdgrünen Chiemsee war der verlockend warme Duft des Südens zu spüren. Trocken, leicht süß und so verführerisch sinnlich.

Carlo jubelte innerlich, endlich! Selbst, wenn man aus dem in vielerlei Hinsicht so verwöhnten München kam, und dann noch dazu aus dem selbstverliebten Schwabing, wo es fast an jeder Ecke einen cremigen Cappuccino gibt, meinte er mit jedem Kilometer, den sie sich dem Brenner näherten, den dampfenden Kaffee in der Luft schon schmecken zu können.

Und dann dieses einzigartige Licht! Die heiße Luft vibrierte. Millionenfach brachen die von der sommerlichen Trockenheit aufgewirbelten Staubteilchen die Sonnenstrahlen in satte Lichtschwerter und färbten so die Strahlen noch rötlicher ein.

Schon am frühen Nachmittag legte sich über die gesamte Szenerie ein zarter, geradezu erotischer Lichtmantel, als würde die Sonne sanft durch einen dünnen orangefarbenen Vorhang scheinen. Nur ein nackter Frauenkörper ist noch schöner, dachte er kurz.

Die Felder, die neben der Autobahn an ihnen vorbeiflogen, Weizen, Mais und viele hohe Wiesen, fügten sich zu einem verspielten Muster, entlang einer Farbpalette von Dutzenden Rottönen.

Die Bäume links und rechts setzten wie genial geschwungene Taktstöcke zu einer Symphonie des Südens ein.

Und selbst all die banalen Autos vor wie neben ihnen verschmolzen in diesem Licht-und-Schatten-Spiel mit allem anderen zu einem rötlich schimmernden Landschaftsbild. Die Natur war mehr als gnädig und zeigte sich von ihrer großzügigen Seite.

Carlo blickte sehnsüchtig aus dem offenen Autofenster und schnaufte erleichtert durch. Er wollte diese befreiende Luft atmen, bis in die letzte Pore seiner Lunge aufsaugen und sie dort konservieren für all die anderen verflixten Tage, die ein Jahr sonst so zu bieten hatte.

»Carlo! Das Fenster! Anna und mir fliegen ja die Haare weg!« Von der Rückbank beschwerte sich seine geliebte Schwester.

»Bitte Carlo!« Anna war von dem Fahrtwind ebenso wenig begeistert.

»Das ist der Duft des Südens«, sagte Carlo.

»Sieht mir eher nach dem Auspuff von nem alten Volvo aus«, bereicherte Elli das Bild auf ihre Art.

Und sie hatte recht, denn vor ihnen dieselte ein Volvo aus den späten Achtzigern mit seinem Anhänger ebenfalls dem Süden entgegen.

»Schon gut. Your wish is my command, die Damen.«

Der Föhn streifte alle Wolken vom Himmel ab und klatschte einem die mächtigen Alpen vor die staunende Nase, dass Carlo schlicht die Spucke wegblieb. Mächtig reihte sich ein stolzer Berggipfel neben den anderen, und zusammen rümpften sie ihre felsigen Nasen über die kleinen dummen Menschen in ihren Blechkisten.

Sie schienen zum Greifen nah, Carlo hatte gute Lust, sich in eine der sonnengesättigten Almwiesen zu legen oder sich kurz im Schatten einer silbergrünen Bergkiefer abzukühlen.

Wie konnte man nur woanders leben als in München, wo man schon nach einer halben Stunde dieses herrliche Gefühl von Reisen erleben konnte, fragte sich Carlo. Wo man schneller am Fuß der Alpen war als so manch anderer in seinem Büro. Gemütlich ließ er sich noch tiefer in den Beifahrersitz seines BMW-Oldies sinken, dankbar, vor über dreißig Jahren am richtigen Fleckchen Erde das Licht der Welt erblickt zu haben. Das weiche, durchgesessene Leder ächzte gefällig unter seinem massigen Körper. Das war Musik in seinen Ohren. Gute alte Polstersitze.

Mit einem genüsslichen Grinsen, gerade so, als hätte er eben schon die erste Piccata Milanese und eine unverschämt gute Flasche Rotwein – vielleicht einen leichten Bardolino? – getrunken, streckte er seine Hand noch einmal hinaus, um die warme Luft und den Windwiderstand bis in seine Fingerspitzen zu spüren. Wie das kitzelte! Herrlich!

»Erde an Carlo!«, schallte es ihm von hinten wieder in die Ohren.

Elli hatte es sich mit ihren Tageszeitungen auf der großzügigen Rückbank gemütlich gemacht. Carlo erinnerte sich, dass seine Schwester die SZ schon mit absoluter Hingabe gelesen hatte, als er gerade seine ersten Fußballschuhe schnürte. Von ihren vielen Büchern ganz zu schweigen. Nein, dieses Gen hatten die Eltern ihm vorenthalten. Mochten Elli und er sonst auch einige Gemeinsamkeiten haben, die stattliche Statur, die bayerisch barocken Ohrläppchen, das energische Kinn und das auffallend symmetrische Gesicht – was besonders Elli eine aristokratische Schönheit verlieh –, beim Lesen, da schieden sich ihre Geister.

Obwohl Elli ihre Zeitung geschickt gefaltet hatte, flatterten ihr die neusten Nachrichten laut um die Ohren. Also kurbelte er sein Fenster hoch. Halb so schlimm, denn dort, wo sie hinfuhren, war es noch viel heißer und roch es noch sommerlicher.

Sein Magen meldete sich zu Wort. Zeit für einen kleinen Snack. Carlo wusste, er sollte eigentlich ein paar Pfunde zum Teufel jagen. Aber jedes dieser Pfunde hatte mindestens einen, wenn nicht gar zwei Sterne verdient. Im Gegensatz zu den meisten seiner bedauernswerten Mitmenschen hatte Carlo in seinem ganzen Leben nicht ein Gramm Fast Food zu sich genommen. Alles seelenloses Zeug. Sollten sich andere freiwillig foltern lassen. Auf seinen Tisch kamen stets nur die allerbesten Zutaten, um als beglückende Gaumenfreuden zu enden. Kochen, das war für ihn pure Leidenschaft. Das war für ihn Musik.

»Na danke schön!« Anna klopfte mit beiden Händen auf das Lenkrad. »Wär ja auch ein Wunder gewesen, so ganz ohne Stau!«

Nach der letzten Kurve war der Verkehr plötzlich ins Stocken geraten, und vor ihnen verwandelte sich die Autobahn nun in einen riesigen Parkplatz.

»Diese ganzen unverbesserlichen Idioten!«, schimpfte Anna weiter. Selbst wenn sie sauer war, hatte sie dieses kompetente, energische Profil. Sie hätte jederzeit in einem dieser Heile-Welt-Werbespots mitspielen können, in denen schlanke, attraktive Frauen in Anzügen oder maßgeschneiderten Businesskostümen um die Welt flogen, maximal einen Salat ohne Dressing aßen und einfach alles im Griff hatten. Und dabei hätte sie nur sie selbst sein müssen, ohne sich groß zu verstellen. Sie war eine erfolgreiche Powerfrau. Ihr stechend grüner Blick kannte keine Ruhe, ihre schnurgerade, vielleicht etwas zu lange Nase bezeugte ihr hohes Durchsetzungsvermögen, und selbst ihr nahezu perfekter Mund stand ständig unter Spannung.

»Wir hätten fliegen sollen!«

Mit der rechten Hand strich sie ihre zu einem strengen Zopf gebundenen dunklen Haare glatt, um sich so etwas zu beruhigen. Die Haare saßen wie immer perfekt. Warum nur konnte die Welt nicht wenigstens die gleichen Maßstäbe erfüllen, die sie sich setzte? War das denn zu viel verlangt?

»Mein Spatzl, wir können da aber nicht hinfliegen«, besänftigte sie Carlo.

Dann lief gar nichts mehr. Stillstand. Von einer Sekunde auf die andere waren sie gefangen, eingekeilt zwischen all den anderen Autos.

»Freie Fahrt für freie Bürger!«, bemerkte Elli sarkastisch.

Überall öffneten sich die Autotüren, und man nutzte die Gelegenheit, um sich die Beine zu vertreten. Auch die drei Münchner stiegen aus.

Aus der Masse an Verkehrsteilnehmern, die eben noch angenehm anonym an ihnen vorbeigehuscht waren, wurden nun plötzlich unfreiwillige Nachbarn und Leidensgenossen. Anna massierte sich mit dem Daumen die Handinnenflächen und beäugte die anderen Menschen wie unerwünschte Wesen von einem anderen Stern. Dem überflüssigen Stern der deutschen Durchschnittsmenschen. Neben ihnen stand ein bronzener Mittelklasse-Mercedes mit einem Frührentnerpärchen. Der Mann trug eine Art Schirmmütze mit durchsichtigem, gelblichem Visier verkehrt herum auf seinem fast kahlen Schädel, und an seinem Hosengürtel waren mindestens fünf verschiedene elektronische Utensilien befestigt. Fast schien sich der Mann über den Stau zu freuen, denn das war die Gelegenheit, sein ausgefeiltes Überlebensspielzeug zum lang ersehnten Einsatz zu bringen.

»Bis jetzt liegen wir noch zwölf Minuten unter meiner kalkulierten Ankunftszeit. Wenn mir mein GPS keinen Streich spielt, können wir, Reservekanister eingerechnet, mindestens acht Stunden im Stau stehen«, hörte Anna den Mann, der sicher Reinhold oder Günther hieß, sagen. Solange es in Deutschland diesen Schlag von Hobbyingenieuren gab, konnte dieses Land nicht untergehen, da waren sich Anna und Elli sicher.

»Gut, Günther, ich hab uns Stullen gemacht«, lobte ihn seine Frau, die eher ein dickes Mütterchen war.

Anna und Elli schmunzelten.

Carlo stand am Kühler und befreite ihn von einer Armada an Käfern und Fliegen, denen noch keiner gesagt hatte, dass ein Überflug über die Autobahn schnell tödlich enden konnte. Er wunderte sich, wie hartnäckig die Schmierage war, als ein Ball vor seine Füße rollte. Er gehörte anscheinend einem Jungen, der nun zwei Autos weiter vorne ganz alleine dastand und Carlo unsicher anschaute.

Carlo grinste den kleinen Beckenbauer an, man wusste ja nie, welches noch unentdeckte Talent man da vor sich hatte, und trippelte den Ball an, um ihn dem Jungen zurückzuschießen. Dank seiner Erfahrung als Jahreskartenbesitzer des FC Bayern traf Carlo den Ball wie ein alter Beckenbauer, doch der Ball flog schlapp wie ein ausgelatschter Turnschuh über die Straße. Alle Luft war entwichen, und jetzt sah Carlo auch, warum. Die ganze Straße war voller Scherben. Sofort fing der Kleine an zu plärren, und es hätte sicherlich eine endlose Diskussion mit der Mutter gegeben, hätte sich nicht genau in dem Moment die Wagenkolonne wieder langsam in Bewegung gesetzt.

»Was war denn mit dem Jungen?«, fragte Anna nur mit halbem Interesse.

»Ich hab ihm seinen Ball kaputt geschossen.«

»Wieso das denn?«

»Eure armen, armen Kinder«, stichelte Elli von hinten.

»Noch haben wir keine!«

»Von mir aus sofort.« Das meinte Carlo ernst.

»Carlo«, ermahnte ihn Anna, als wäre der Gedanke, Kinder zu haben, völlig absurd. »Und du, Elli, lies doch einfach deine Zeitung weiter! Hm?« Anna war auf das Thema Kinder überhaupt nicht gut zu sprechen. Das war wirklich das Letzte, was sie jetzt brauchte.

»Wer jetzt geboren wird, hat eine Lebenserwartung von fast hundert Jahren.« Carlo fand das erstaunlich.

»Und muss auf einem Planeten ums Überleben kämpfen, der fünf Grad wärmer ist und neun Milliarden Menschen ernähren soll. Viel Spaß!«

»Schaun wir mal. Das kommt eh immer alles anders.«

»Anna hat schon recht, es wird heiß und eng in Zukunft«, sprach Elli in ihre Zeitung vertieft. »Auch in Schwabing.« Manchmal vergaß ihr Bruder, dass es außerhalb seines Kokons noch eine andere Welt gab.

»Arschloch!«, rief Anna plötzlich und setzte gereizt nach: »Typisch Audi TT! Ha! Entschuldigung, aber dieser Halbstarke, also wirklich.«

Schon war Anna ihre rüde Wortwahl etwas peinlich.

Carlo grinste und sah sich seine Anna genauer an. Was für eine schöne Frau sie doch war, besonders, wenn sie sauer war. Dann bekam ihr Gesicht eine Strenge, der man sich nicht entziehen konnte. Sie war mit Abstand die schönste Frau, mit der er jemals zusammen gewesen war. Er beobachtete sie dabei, wie sie ihre dezente Schminke im breiten, alten Rückspiegel kontrollierte. Sie sah natürlich perfekt aus. Anna sah zu jeder Zeit perfekt aus. Doch anders als Carlo war sie nicht entspannt.

»Vorsicht Freundchen!« Sie konnte sich immer noch nicht beruhigen. Jetzt war das Kennzeichen des penetranten Dränglers, der ihr trotz des zähen Verkehrs ständig an der Stoßstange hing, zu erkennen.

»Typisch Ossi! Leipzig? Pah, der hat doch noch aufm Trabant gelernt«, schimpfte sie weiter und zupfte nervös an ihrem grün schimmernden, seidenen Hermes-Tuch, das sie sich um ihren schlanken Hals gebunden hatte und ihre Augen so geschickt betonte. »Erst holpern sie mit Kartons aus Plaste und Elaste an der Mauer entlang, und dann dürfen sie sich plötzlich 200PS unter ihren planwirtschaftlichen Hintern klemmen.«

Ohne von ihrer Zeitung aufzublicken, sagte Elli: »Ich dachte, wir sind ein Volk?«

»Ja, klar doch. Aber wir auch!« Anna war heute besonders gereizt.

Carlo brachte nichts aus der Ruhe, er war längst woanders.

»Wenn wir da sind, geh ich gleich was einkaufen und mach uns zur Feier des Tages eine …«

»Bitte, wenn es dich nicht stört, dass dir jemand deinen alten Wagen zu Schrott fährt?«, unterbrach ihn Anna.

»Der merkt das bestimmt gar nicht. Ist wahrscheinlich genauso gestresst und urlaubsreif wie …«

»Wie wer? Ich? Was soll das heißen?« Sie umfasste das schneeweiße Lenkrad fest mit ihren schlanken Fingern, gerade so, als drohte es ihr sonst zu entgleiten. Carlo hatte mal wieder den falschen Ton getroffen.

Elli blickte zur Abwechslung von ihrer Zeitung auf. Sie drehte sich um und sah durch das bauchige Heckfenster auf den nervösen Audi. »Was für ein lächerliches Design. Spaßauto. Erinnert mich einfach ständig an ein Stück geschmolzene Butter. Wie so ein lackierter Pudding, nur mit Lichtern und vier Rädern. Schade, das andere Volk hat auch keinen besseren Geschmack.«

Carlo konnte seiner Schwester nur beipflichten. »Bevor dieses Flaggschiff der bayerischen Motorenwerke aus dem Jahre zweiundsechzig auch nur einen Kratzer hat, da wird dieses Blendwerk von einem Auto hinter uns schon wieder zu einem Verkehrsschild recycelt. Das schwör ich euch.«

»Gut gebrüllt, Löwe!«, sagte Elli.

Anna sah das anders. »Wir könnten uns auch mal einen neuen Wagen kaufen. Was Schnelles, mit Navi und vor allem mal ohne Macken!«

Doch Carlo liebte seinen seltenen alten 502er, dunkelblau mit blinkenden Felgen. Davon gab es nur noch wenige, noch dazu in solch einem perfekten Zustand.

»Und dann?«, fragte er sie. »Sitzen wir wie alle anderen frustriert hinter zweihundert PS, ohne Gefühl dafür, was um einen herum passiert? Gleichgeschaltet vom neusten idiotischen Marketing-Furz?«

Carlo schaute aus dem Fenster auf die Berge, die ebenso unerschütterlich waren wie er. »Außerdem is der Wagen noch nie liegen geblieben. Auf den war immer Verlass.«

Anna musste lachen. »Marketing-Furz? Klingt gut! Muss ich mir merken.«

Erneut sah Elli auf, sie war eigentlich schon längst wieder in einen Artikel über die Architektur-Biennale in Venedig versunken, und fragte: »Was? Hat der Carlo etwa einen Witz gemacht?«

Auch Carlo grinste, wobei er seine warmen braunen Augen so stark zukniff, dass sie kaum noch zu sehen waren. Etwas behäbig lehnte er sich über die breite Mittelkonsole aus poliertem Wurzelholz zu seiner Anna, um ihr einen Kuss zu geben.

»Wir machen uns zwei wunderschöne Wochen! Das wird eine Schau.«

Anna fuhr ihm mit ihren perfekt manikürten Fingern über die Wange. Sie waren weich und rund. Er war zwar nur wenige Jahre älter als sie, aber er hatte bereits tiefe Lachfalten, und an seinen Augenrändern zeichnete sich deutlich eine Reihe von weiteren kleinen Fältchen ab. All das verlieh seinem warmherzigen Gesicht nur noch mehr Charakter.

Anna sah ihn sich eine Sekunde länger an als sonst. Schlechtes Gewissen überkam sie. »Wunderschöne Wochen …«, dachte sie etwas traurig bei sich. »Na ja, wir werden sehen.«

»Jetzt knutschen die auch noch rum da vorne!« Heiko rutschte nervös auf seinem ledernen Sportsitz hin und her. Er war außer sich. Schon liefen ihm die ersten Schweißperlen über sein glattrasiertes, manchmal noch jungenhaftes Gesicht. Er war gerade erst dreißig geworden. Doch nach einer peniblen Nassrasur konnte er locker das unschuldige Gesicht eines Mitte Zwanzigjährigen aufsetzen und damit den perfekten Schwiegersohn spielen. Das konnte manchmal sehr nützlich sein, vor allem, wenn man ahnungslosen Hausfrauen oder alten Damen eine nutzlose Versicherung verkaufen wollte. Was Heiko beinahe täglich tat, mit der knabenhaften Vertrauenswürdigkeit eines Messdieners.

In diesem Moment allerdings erweckte er wenig Vertrauen. Danach war ihm auch nicht zumute. Nein, er war kurz davor auszurasten. Erst der verdammte Stau, und nun tuckerte sein Vordermann gemütlich vor sich hin, so als wären sie auf einer zerschlagenen Landstraße in der tiefsten Uckermark. »Hallo? Das ist eine Autobahn! Formel-1-tauglich!«, rief er. Was war das überhaupt für eine uralte Kiste, mit der diese Ignoranten alle anderen seriösen Autofahrer gefährdeten?

Zwar glänzte auf dem buckeligen Heck ein BMW-Emblem, aber dass die jemals solche müden Kisten gebaut haben sollen, das konnte Heiko sich beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn Heiko seit der Wende eines gelernt hatte, dann war es, dass Zeit Geld war, auch im Urlaub. Immerhin war das heute die erste Gelegenheit, seinen neuen TT auszufahren. Er hupte erneut nervös, natürlich nicht ohne wieder vor sich hin zu fluchen. »Faule Wessis! Ignoranten!«

Dann geschah das Wunder. Heikos Puls fuhr Karussell. Endlich bequemte sich der seltsame Münchner BMW dahin, wo er hingehörte: auf die rechte Spur. Na bitte! Obwohl der Standstreifen für so einen Kübelwagen noch besser gewesen wäre. Wie konnte man nur mit so einem alten Karren die Luft verpesten, wenn man zwischen so vielen PS und Hightech-Wundern wählen konnte?

»Gemeingefährlich ist das«, schimpfte er erneut vor sich hin.

Sofort drückte er das stählerne, frisch polierte Gaspedal durch und zog endlich an Carlos BMW vorbei. Jetzt erst konnte er durchatmen. Freiheit!

Kurz sah er in den BMW. Ha! Frau am Steuer. Na, was für eine Überraschung! Der offensichtlich geisteskranken Fahrerin warf er kurz einen vernichtenden Blick zu.

Erleichtert sah er zu seiner bezaubernden Freundin Sandra hinüber. Wie sie einfach nur so dasaß! Eine Wucht! Jung, schlank, blond und unter Garantie unsterblich in ihn verliebt. Er beneidete sich selbst und legte seine Hand auf die Innenseite ihrer so wunderbar kühlen, nackten Oberschenkel. Heiko lächelte sie an. Miniröcke! Was für eine geniale Erfindung. Dieser Designer hätte eigentlich einen Nobelpreis verdient. Eine Welt ohne Miniröcke konnte er sich nur schwer vorstellen. Und Sandra hatte Beine, dafür würde jede andere Frau mehrfach töten, mit Sicherheit! Die weiche Haut der Innenseiten ihrer unwiderstehlichen Schenkel elektrisierte jeden einzelnen seiner gespreizten Finger. Jedes Mal, wenn er seine rauhe Männerhand auf ihrem Körper sah, schoss sein Blut aus dem Kopf in das eigentliche Epizentrum seines Körpers.

Kurz wollte er die Augen schließen und sich ausmalen, wie er sie sich packte und sich seine Fingerspitzen in ihre blanken Pobacken gruben, als er merkte, dass er kurz davor war, mit 180 Sachen auf einen holländischen Wohnwagen zu knallen, der gerade den nächsten, noch lahmeren Hollanski samt Anhänger überholte. Heiko bremste schärfer, als er wollte, so dass er und Sandra beinahe mit den Köpfen gegen das schwarze Armaturenbrett geknallt wären.

»Hups! Tut mir leid, Kleines.«

Sandra grinste ihn mit einem leicht strafenden Blick an und legte seine Hand wieder auf das Lenkrad.

»Ich war grad ganz woanders«, entschuldigte er sich. Wohl oder übel konzentrierte Heiko sich wieder auf den Straßenverkehr. Zwei holländische Wohnwagenfahrer lieferten sich gerade ein atemberaubendes Rennen mit geschätzten 1,5 Kilometer Tempounterschied. In circa zwanzig Minuten dürfte das rasante Überholmanöver vollzogen sein. Ging es eigentlich noch langsamer? Wieso waren die Holländer eigentlich so verrückt nach diesen bescheuerten Wohnwagen? Schon mal von dem Konzept Hotel gehört?

Erst gewinnend, dann ganz der sanfte, romantische Verführer, der er nun einmal war, lächelte er Sandra ungewollt etwas dämlich an.

Sie grinste zurück. Dann senkte sie spielerisch ihren Blick wie ein böses Schulmädchen, das etwas angestellt hatte, und klimperte mit den Wimpern. Ihre neckische Verführung gipfelte gleich darauf in einem fordernden Griff zwischen Heikos Beine. Sie liebte es, mit ihm zu spielen.

Heikos Blick wechselte nervös zwischen der Straße und Sandra hin und her. Ach, dachte er sich, er konnte es kaum erwarten, sich für zwei Wochen mit ihr in der Villa einzusperren. Schon seit Tagen hatte er nichts anderes im Kopf, stellte sich vor, wie er ihr in jedem der vielen Zimmer aufs Neue beweisen würde, dass sie sich für das beste Pferd im Stall entschieden hatte. Die fünfzig Viagra-Tabletten, die er sich, natürlich unter falschem Namen, bestellt hatte, würden ihm dabei ein guter Freund und Helfer sein. Sicher ist sicher. Sandra sollte ihm zu Füßen liegen und auch im Bett wieder an ihn glauben. Endlich! Es war an der Zeit, sein kleines Formtief zu überwinden. Wer weiß, womöglich würde sie nach dem Urlaub sogar ihren vielen hübschen Freundinnen von seiner unbeugsamen Liebe zu ihr vorschwärmen und davon, wie er sie in die sexuelle Abhängigkeit getrieben hatte. Bis auf diese eine dumme Emanze, Nina, waren die Damen ja alle durchaus eine Sünde wert. Er begann sich ein kleines, versautes nachmittägliches Abenteuer mit jeder einzelnen auszumalen.

Aber halt! Ab jetzt war absolute Treue angesagt, denn so ein Schnäppchen wie Sandra, das machte man so schnell nicht wieder, das war Heiko klar. Auch wenn er ihr ebenfalls einiges zu bieten hatte: Charme, gutes Aussehen, von seinem lukrativen Job bei der Versicherung ganz zu schweigen! Keine Frage, sie beide waren ein Traumpaar. Und das wollte er sich nicht mehr nehmen lassen.

Ein bisschen unfair war es vielleicht, diese kleinen blauen Wunderpillen heimlich mit an Bord zu nehmen, aber genauso unfair war auch, dass er seit neustem selbst beim Sex diese verflixten Zahlenreihen nicht mehr aus dem Kopf bekam. Zwar machte sein Talent für Zahlen jeden neu abgeschlossenen Versicherungsvertrag für ihn zur Goldgrube. Aber wieso, verdammt noch mal, musste er an doppelte Risikoschutzpauschalen bei außerordentlichen Wertanschaffungen denken, wenn Sandra unter ihm lag und nur eines wollte: mindestens einen Orgasmus, und zwar sofort!

»Haben die auch Euro?«, fragte Sandra und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

Heiko verstand nicht. »Wie? Was? Wer?«

»Na, die Italiener! Ob die auch Euro haben? Ich hab nämlich nich gewechselt.«

Dafür liebte Heiko seine Kleine sofort noch mehr. Diese fast kindliche Sorglosigkeit. Liebevoll versicherte er ihr: »Mach dir wegen dem Geld mal keinen Kopf.«

»Ich war ja noch nie in Italien«, gestand ihm Sandra.

Heiko auch nicht, aber jedes Mal, wenn er nach seiner Lieblingspizza »due espressi« bestellte, versicherte ihm die knackige Kellnerin aus dem »Palermo« in Leipzig, er klinge wie ein waschechter Sizilianer. Dass sie selbst Polin war, tat ihrer Expertise dabei keinen Abbruch. Tja, vielleicht hatte er ja irgendeinen römischen Feldherrn unter seinen Vorfahren oder einen charmanten Mafioso? Das würde auch erklären, warum ihm italienische Anzüge einfach besser standen als jedem anderen. Passten immer wie angegossen.

Er gab Sandra einen Kuss auf die Wange. »Deswegen zeig ich dir ja jetzt mein Italien, Schatz!«

Der spritzige Audi TT beschleunigte, und Heiko hatte, wie immer, alles im Griff.

 

Weiter hinten auf der Autobahn stellte sich eine ganz andere Frage.

»Bärlauchpesto und getrocknete Tomaten oder lieber Serranoschinken mit Oliven?«

Selbstverständlich hatte Carlo am Morgen ein paar unwiderstehliche Tramezzini für sie alle zubereitet. Stolz hielt er sie nun Anna und Elli unter die Nase.

Anna blickte nur kurz auf die Gourmet-Snacks, dann wieder auf die Straße. »Danke, nein. Aber wie wär’s mit ner Zigarette für mich?«

Anna rauchte lieber, als zu snacken.

Elli hingegen freute sich. »Oh, Picknick von meinem Lieblings-Sternekoch! Gibt’s auch Kekse?«

»Wie Kekse?«

»Na Kekse! Zum Knabbern.«

»Ich dachte, so was ist Gift? Unnötige Kohlenhydrate oder so was?«

»Ach Bruderherz, das war gestern. Ab sofort lass ich mich nicht mehr verrückt machen. Ende der Diskussion!«

»Das sind ja ganz neue Töne?« Anna war nicht weniger erstaunt als Carlo.

»Ich ess nur noch, was ich will, basta!«

Carlo steckte seiner Anna wie gewünscht eine Zigarette in den Mund. »Soso. Auch die böse, böse Pasta?«

»Von mir aus gerne. Her damit, am besten gleich mit einer satten Soße. Carbonara oder Lachs und Sahne.«

Carlo war richtig happy. Endlich war Elli vernünftig geworden.

»Mir gefällt meine neue Schwester viel besser. Ich werd euch Pasta kochen, dass ihr mit den Ohren schlackert.«

»Ohne mich! Hab eh schon zwei Kilo zu viel.« Anna war da weniger begeistert. Eine Top-Figur war in ihrem Job eine Grundvoraussetzung, und sie war stolz darauf, so gut in Form zu sein.

»Spatzl!« Carlo versuchte ihr zu schmeicheln, Liebe ginge doch durch den Magen.

»Zum Glück nicht durch meinen«, entgegnete Anna trocken.

Elli pflichtete ihr bei. »Glaub mir, Carlo, uns schmeckt es manchmal auch ohne Männer und Liebe.«

»Aber die Damen! Ich bin doch harmlos. Ich möchte euch doch nur mit meinem Kochlöffel verführen.«

»Deine eigene Schwester?«, frotzelte Elli.

Anna ließ derweil den Blick nicht von der Straße und kramte gleichzeitig in ihrer raffiniert geschnittenen Designerhandtasche herum. Das gute Stück, weiß, mit dem richtigen Logo, dezent an der Seite unter das Leder gestickt, so dass es sich nur leicht abzeichnete, anstatt wie bei anderen Prunkstücken einem sofort ins Gesicht zu springen, nahm ihren ganzen Schoß ein und war randvoll gefüllt mit Notizzetteln, Lippenstiften, Kulis, Markern, Timern, Pillen und weiß Gott was noch allem. Aber eines fehlte mal wieder, wie bei jedem Raucher.

»Hast du bitte Feuer für mich?«, fragte sie Carlo leicht nervös.

Carlo schluckte den letzten Happen seines zweiten Tramezzini, lächelte, »Klar!«, und drückte feierlich den silbern schimmernden Knopf des Zigarettenanzünders. Das war ihm die größte Freude, dieses satte Klicken des handschmeichlerischen Chromknopfes beim Einrasten. Dieser Wagen hatte einfach noch eine Seele. Das spürte man an jedem Detail. An jedem Knopf, an all den elegant verlaufenden Metallleisten, dem edlen Wurzelholz, dem satten Leder, überall hatte sich vor über vierzig Jahren jemand verewigt. Der Designer und der Ingenieur ebenso wie der mit Sicherheit stolze Arbeiter am Montageband. Das war damals keine seelenlose Massenware, die einfach so vom Band rollte wie heutzutage irgendein Flachbildschirm oder eine Waschmaschine in irgendeinem gerade aufstrebenden asiatischen Land, das kurz davor war, vor lauter hysterischem Wachstum zu explodieren.

Wie hatte er seinen Vater damals bewundert, als der, so wie ein Kapitän einen Ozeanriesen, den 502er mit ihm und seiner Mutter zu Ausflügen an den Starnberger See oder an den Tegernsee gesteuert hatte. Mit der Würde einer Queen Mary liefen sie ab ihrer großbürgerlichen Wohnung in der Schwabinger Franz-Joseph-Straße vom Stapel. Vor ihnen teilte sich alsbald bereitwillig ein Meer von kleinen unbedeutenden Autos, um seinem Vater und dem BMW den nötigen Respekt zu gebieten.

Zu dieser Zeit war es für Carlo schier unvorstellbar gewesen, auch einmal so groß wie sein übermächtiger Vater zu werden. Mit Panamahut, beigem Mantel und diesen starken, unbeugsamen Händen am Steuer, die er an seinem Vater so bewundert hatte.

Und jetzt saß er vorne in genau demselben Wagen, den er geerbt hatte und seitdem wie seinen Augapfel hütete. Fast wie damals. Eines wäre damals allerdings undenkbar gewesen: eine Frau hinter dem Lenkrad einer solchen Staatskarosse! Nicht bei seinem Vater. Aber der war schon lange tot. Carlo vermisste ihn, jeden Tag.

Elli riss ihn aus seinen Gedanken. »Bärlauchpesto mit Oliven, bitte.«

»Wie?«

»Ach, gib mir einfach beide.«

Elli schien es ernst zu meinen. Die Ernährungsphilosophien hatten sich bei Elli, die etwas fester gebaut war, im Rhythmus von sechs Monaten abgewechselt. Bis Ende ihrer Studienzeit hatte sie nicht ein Gramm Fett am Körper gehabt. Damals hatte sie noch täglich Zeit für Sport gehabt. Doch jedes einzelne Bürojahr hatte sich mit einem neuen Kilo manifestiert. Nun, eine Frau in den Vierzigern musste auch nicht unbedingt den Verdacht erwecken, an Bulimie zu leiden, oder? Endlich hatte Elli das eingesehen.

Der Zigarettenanzünder glühte auf und klickte. Doch Anna hatte ihr Feuerzeug schon längst gefunden und war nun dabei, sich ihre Marlboro selbst anzuzünden. Carlo war das von Anna gewohnt. Mit einem Schulterzucken reichte Carlo seiner Schwester zwei Tramezzini.

Halb abwesend, streckte Elli ihre rechte Hand nach vorne. »Pah, dämliches Schloss!«

»Wo? Welches Schloss?«, wunderte sich Carlo.

»Na, in Berlin, unserer Hauptstadtmetropole. Was für ein potemkinsches, armseliges Provinzdörfchen!«, schäumte Elli.

Weder Anna noch Carlo wunderten sich noch. Das war typisch für Elli, zu lesen und dabei hin und wieder Kommentare abzugeben. Meist waren es eher Selbstgespräche, nur ab und zu für Zuhörer bestimmt. Elli schüttelte den Kopf, sie war in Fahrt. Sie lehnte sich vor und fragte: »Wieso bitte etwas wieder aufbauen, was architektonisch nie von Bedeutung war? Maximal Mittelmaß! Und dann sowieso nur die Fassade? Innen alles banaler Schuhkarton. Wie bei einer Schießbude!«

»Mei, Berlin halt«, sagte Carlo mehr oder weniger treffend.

»Was könnte man an so einem Ort alles bauen!«

»Ja was denn, Elli?«, fragte er.

Da musste sie nicht lange überlegen. »Eine begehbare Skulptur! Lebendige Architektur, keinen Sarg. Ein Juwel für die Zukunft!«

»Elli hat recht. Da gehört was Kontroverses hin. Eine Art Guggenheim, wie in New York«, schaltete sich Anna ein.

»Ganz genau!« Elli ließ sich wieder in die Sitze fallen und breitete ihre Arme aus. »Ein Museumsgebäude, das weit über die ganze Stadt strahlt.«

Berlin sei nun mal nicht New York, gab Carlo den Damen zu bedenken.

»Die hinken der Zeit hinterher, nicht nur architektonisch«, stellte Elli trocken fest. »Und München ist von der Avantgarde so weit entfernt wie ein Schweinebraten von der Molekularküche.«

»Nix gegen einen guten Schweinebraten, Schwesterherz.«

New York. Annas Gedanken fingen an zu wandern. »Wie, verdammt noch mal, bringe ich es ihm nur bei?«, dachte sie bei sich. Sollte sie es ihm in einfachen, klaren Worten, ganz sachlich und direkt, ins Gesicht sagen? War das der bessere, der ehrlichere Weg? Besser als eine Wahrheit beziehungsweise ein Schock in vielen kleinen Dosen? Geradeheraus, etwa so: Carlo, es ist aus!

Oder wäre er bereit, mit ihr nach London zu gehen? Ganz weg aus seinem, ach so geliebten Schwabing, wo er fast jeden Tag in einem anderen Biergarten oder Café saß?

Selbst wenn er mitkommen würde, was würde passieren? Mit ihr, mit ihm, mit ihnen beiden? Sicher, früher hatte sie seine unerschütterliche Gemütlichkeit und seine unbeirrbare Zuversicht besonders geliebt. Irgendwo tat sie das immer noch.

So dankbar war sie damals gewesen, endlich einen Mann zu treffen, der ihr nicht spätestens nach zehn Sekunden klarmachen wollte, dass er der eigentliche Mittelpunkt der Welt war und sie sich glücklich schätzen durfte, wenn sie bald seine Kinder austragen, seine Anzüge abholen und dann seine Geliebte trösten durfte.

Da hatte dieser Fels von einem Mann gesessen, gemütlich auf der Bank hinter ihr im Biergarten am Seehaus. Die Sonne schien und küsste alle Münchner. Nur hin und wieder wagte es eine von diesen typischen bayerischen Wattewolken, sich davorzuschieben. Es war später Nachmittag gewesen, und über den vielen halbgefüllten Bierkrügen, gegrillten Hendln, Schnittlauchbroten und sonstige Köstlichkeiten summte das Gelächter der vielen Gäste.

Und Carlo? Er hatte einfach nur die großen Kastanienbäume angeschaut, die gerade mit ihren neongrünen Blättern den Frühling einläuteten. Während ihre drei glattgebügelten Kollegen ihr wieder von dem neusten Megamerger, einer amerikanischen Lawfirm oder Riesenkanzlei vorgeschwärmt hatten. Da hatte dieser warmherzige, zufriedene Bär einfach nur vor seiner Brotzeit gesessen und mit blinzelnden Augen die zarten Sonnenstrahlen genossen. So, als hätte es in diesem Moment nichts Wichtigeres in der Welt gegeben.

Und er hatte alles gehalten, was er ihr ja eigentlich nie wirklich versprochen hatte. Musste er gar nicht. Sie war fortan seine Prinzessin, ach was, seine Königin. Auf ihn konnte sie sich immer verlassen.

Aber in London gab es nun mal keine Biergärten. In New York, wo sie wahrscheinlich die Hälfte der Zeit auch hinmüsste, erst recht nicht. Dieser neue Job, das war die Chance ihres Lebens. Und die wollte sie nicht verpassen. Es war nicht nur das pervers viele Geld, das auf sie wartete. Mit der Zeit war ihr klargeworden, dass sie nicht einfach nur herumsitzen konnte, auf Bierbänken, Kaffeehausstühlen oder auf den großen Steinstufen der Münchner Residenz und dort dem Fluss der Zeit zusehen. Nein, sie war ein Teil dieses Flusses. Sie musste weiter voranschwimmen, ganz vorne. Als Erste, und zwar in Rekordzeit!

»Nach dem Brenner trinken wir erst mal einen Cappuccino, was meint ihr?«, fragte Carlo.

»Nur einen?« Da musste man Elli nicht zweimal fragen.

Anna dachte: Es ist Schluss. Ich muss allein weiter. Und sagte: »Klar, Carlo.«

 

»Wenn ein Liter Benzin doch bitte endlich über drei Euro kosten würde!«

»Wie meinste das jetzt?«, wunderte sich Sandra und lutschte an ihrem knallroten Lolli.

»Na, dann würde nicht mehr jeder Hanswurst einfach mal so mit’m Auto in Urlaub fahren!«, ärgerte sich Heiko.

Erst zweimal konnte er sich mit 240 Sachen in die Kurve legen. Gleich danach musste er wieder voll abbremsen, weil beide Male ein lahmer Laster zu blöd gewesen war, einen anderen zu überholen.

»Sollen sie von mir aus fliegen!«, tat er gönnerhaft kund. »Oder noch besser, zu Hause bleiben, wer es sich nicht leisten kann. Urlaub auf Balkonien. Is besser für die Umwelt.«

Andererseits, allein die ganzen Unfälle, die bei diesem Verkehr ständig passierten, waren Musik in den Ohren eines jeden Versicherungsprofis. Und er war schließlich der Profi der Profis!

Wie oft schon hatte er seinen zukünftigen Kunden von den Reichelts, jener unglücklichen Familie aus Dresden, erzählt. Er hatte sie ja vorher noch lang und ausführlich beraten und gewarnt. Das konnte er gar nicht genug betonen. Das ganze Paket hatte er ihnen angeboten. Rundumschutz aus einer Hand. Hausrat-, Unfall-, Reiseversicherung und noch ein paar weitere besonders teure Feinheiten.

Sicher, nicht jeder baute innerhalb von einer Woche zwei Autounfälle, beide Totalschaden, bekam gleichzeitig ungebetenen Besuch von vermummten Rumänen mit einer Vorliebe für Flachbildschirme und musste dann auch noch zusehen, wie ein Kurzschluss die nagelneuen vier Wände samt Dachstuhl in Schutt und Asche legte. Die Reichelts hatten wirklich seltenes Pech gehabt. Aber wären sie versichert gewesen … Na ja, dann hätte die juristische Abteilung trotzdem einen Weg gefunden, nicht zu zahlen. Die Jungs konnten was!

Jaja, das Schicksal hatte manchmal einen ganz eigenen Humor. Aber Mitleid konnten sie nicht erwarten. Schließlich warnte er sie alle, immer wieder. Und er wünschte auch keinem Unglück. Man musste einfach nur auf ihn hören. Für alles hatte er eine Versicherung, und nur mit seinen Policen hatte man eine faire Chance gegen das Schicksal.

»Dann sind eben die Flughäfen voll«, sagte Sandra.

»Wer ist voll?«

»Na, wenn alle fliegen, dann sind die Flughäfen voll.«

»Ja is doch wunderbar! Hauptsache, die Autobahnen sind frei.«

»Aber wir wollen doch bald nach Thailand?«

Also, aufgeweckt war seine Kleine, das musste Heiko ihr lassen. Sie tat zwar manchmal naiv, aber das war sie nicht, das hatte er mit der Zeit schon kapiert.

»Na ja, bis jetzt ist das Benzin noch zu billig. Sonst wär ja kein Stau, oder?«

Sandra zog den leeren Stiel aus ihrem Mund. »Ich hab Hunger.«

»Gut, muss eh tanken. Unser Baby ist durstig.«

 

»Verdammt, ist das hell hier!«, beschwerte sich Lutz, der hinter dem wagenradgroßen Steuer des alten VW-Busses saß.

Das sei ganz normales Tageslicht, klärte ihn seine Freundin Tina auf und zog dabei den dünnen Träger ihres blumigen Sommerkleids zurecht, denn ihr niedlicher rechter Busen war mal wieder ziemlich neugierig und wollte kurz sehen, was da draußen so vor sich ging.

»Ne, das is hier heller, ganz sicher«, beharrte er und setzte nach. »Typisch Bayern! Damit ihnen ja nix entgeht.«

Leicht nervös kratzte er sich an seiner rechten Geheimratsecke. Nächstes Jahr würde er dreißig werden, aber von einer Nacht auf die andere hatte seine ehemals lockige Haarpracht zu einem großangelegten Rückzug geblasen. Eitelkeit kannte er nicht, er war Realist. Nicht ganz egal dagegen war ihm, dass sie im Moment durchs reaktionäre Bayern fuhren. Ein übler Überwachungsstaat sei das, schimpfte Lutz. Er sei froh, bald wieder in Berlin zu sein, das könne sie ihm glauben! Alles nur undankbare Milchbarone und Gebirgsamigos!

»Jetzt fahren wir erst mal nach Italien«, sagte Tina und rieb sich ihre olivbraunen Arme mit einem Liter Creme ein. Sie schimmerte wie Palmöl. Seine Wahnanfälle nahm sie schon lange nicht mehr ernst. Hinter allem und jedem witterte ihr Freund mindestens eine Weltverschwörung. Für ihn war es deswegen nur noch eine Frage der Zeit, bis sie alle wieder in einer Diktatur lebten. Das versuchte er ihr ständig weiszumachen.

Und jetzt hatte natürlich der hinterhältige bayerische Polizeistaat all seine Augen nur auf ihn gerichtet. Klar, die hatten ja bestimmt nichts Besseres zu tun.

»Oh Gott, wenn die rauskriegen, dass wir einfach so zum Spaß nach Italien fahren!«

Ob sie vielleicht gerne in einem bayerischen Gefängnis den Urlaub verbringen wolle, fragte er sie.

»Mit Weißwürsten, süßem Senf und Brezeln?«, fragte Tina.

»Pah! Dann lieber nur Wasser und Brot!«

»Sag mal, wegen einem Kilo Gras kommt man doch nich gleich in den Knast, oder?«

»WAS! Spinnst du?« Er war geschockt.

Sie fing an, Gefallen daran zu finden, ihn zu verunsichern. Na, er habe ihr doch selbst gesagt, das Haus sei ziemlich abgelegen? Sie spielte die Verblüffte. Da müsse man ja wohl einen gewissen Vorrat mitbringen. Oder kenne er etwa einen guten Dealer in Italien? Habe er gar geheime Mafia-Kontakte? Oh, oh, wenn das die bayerischen Cops herausbekämen!

Er sah sie an. »Sehr witzig.«

Derweil massierte sie sich die Creme in ihre athletischen Yogabeine.

Wo war nur sein Humor geblieben? Früher hatten sie doch immer so viel zusammen gelacht. Ja, Lutz hatte mal Humor! Richtig guten sogar. Nur deswegen hatte sie sich in ihn verknallt. Aber der Humor schien sich mit der Haarpracht verabschiedet zu haben.

Sie blickte auf die vielen Glücksbringer, die vor ihr an der Windschutzscheibe und am verkratzten Rückspiegel baumelten. Ein kleiner rosa Buddha, eine bunte Glasperlenkette mit einer blauen Lilie am Ende, ein ausgeblichener, dumm grinsender Affe aus Stoff und ein dünnes Lederbändchen mit einer Muschel von ihrem Marokkotrip vor ein paar Jahren.

»Buon giorno, una Graaaas e Haschisch per favore?«, foppte sie ihn weiter.

»Was heißt eigentlich Gras auf Italienisch?«, fragte Lutz.

Na also, endlich grinste er mal wieder. Tina zupfte ihr Kleidchen erneut zurecht und streckte ihre kleinen Brüste nach vorne. Sie nahm eine Pose ein, gerade so, als wäre sie die junge Ornella Muti höchstpersönlich und würde ihm einen Teller Pasta servieren. Mit ihren vollen Lippen formte sie einen noch volleren Schmollmund.

»Prego, Signore! La Maariuaaaana!« Mit ausgestreckter Hand parlierte sie in stolzestem Italienisch.

»Ah, grazie! Con pomodoro e formaggio?«, fragte Lutz.

Ornella Muti antwortete: »No, con pesto di funghi.«

»Ah capisco, Marihuana alla Mamma?«

Sie nickte und gab ihm einen Kuss. So mochte sie ihn. So machte Reisen Spaß. Überhaupt, sie sollten viel öfter wegfahren. Das hatte sie sich schon länger vorgenommen. Diesmal war Italien dran. Das Land hatte für sie einen beinahe mystischen Klang. Ihre Mutter hatte ihr als Kind oft davon vorgeschwärmt. Mit leuchtenden Augen hatte sie Tina immer von der kurzen Zeit erzählt, die sie sich dort hatte treiben lassen. »Das waren so leichte, so unbeschwerte Jahre gewesen, mein Tinchen.« Auf Details allerdings war sie nie eingegangen. Aber Tina wusste, dass ihre Mutter damals über beide Ohren verliebt gewesen war, bis, ja bis der Mann, dessen Namen nie erwähnt worden war, ihrer Mutter das Herz gebrochen hatte.

»Meine Mutter kann Italienisch«, sagte Tina in Gedanken.

»Aber sie raucht kein Gras, oder?«

Erneut sah Tina auf die baumelnden Anhänger und dachte auf einmal an Indien. Da würde sie als Nächstes hinfahren. Verrückt, seit kurzer Zeit hatte sie einen eigenen Indienshop, aber war sie noch nie in dem Land. Wie peinlich. Wenn ihre Kunden das wüssten!

»Oh ja, Mumbay ist der absolute Wahnsinn!«, hörte sie sich ständig den bunten Subkontinent bejubeln. Aber was hatte sie bis jetzt wirklich von Indien gesehen? Ein Satellitenbild im Internet, von Mumbay, mehr nicht. Das hielt sie nicht davon ab, in den höchsten Tönen von Indien zu schwärmen. Denn genau das wollten ihre Kunden hören. Ach, ja, und dann das atemberaubende Rajastan oder der Ganges! Dazu diese über allem schwebenden Düfte! Schier unbeschreiblich sei das alles!

Keiner hatte je auch nur vermutet, dass sie in Wahrheit nicht die geringste Ahnung hatte, wovon sie da redete. Das Einzige, was sie bis dato vom Duft Indiens mitbekommen hatte, war der graue Staub der vielen Kartons, in denen Tausende Räucherstäbchen und Seidenschals verstaut gewesen waren, die sich bald schneller verkauften, als man sie überhaupt hatte auspacken können.

All das war fast wie von selbst passiert. Plötzlich war sie Besitzerin von »Pure India« geworden, der angesagten Adresse für Indienfreaks aus ganz Kreuzberg. Sie hatte gerade erst zwei Wochen dort gejobbt und sich mit Ulla, der Besitzerin und Althippiefrau der ersten Stunde, sofort prima verstanden, als Ulla einen neuen Guru kennenlernte und diesem folgen wollte, irgendwohin an den Fuß des Himalaja.

»Ich hau ab. Den Laden schenk ich dir«, hatte sie nur gesagt.

Dann hatte sie Tina die Schlüssel in die Hand gedrückt und sich ins Land der heiligen Kühe verabschiedet. Namaste!

Tina konnte ihr Glück zuerst kaum fassen und suchte täglich den Haken an der Sache, aber es gab keinen. Ab dem ersten Tag verdiente sie bestes Geld damit. Es war ihr einfach alles in den Schoß gefallen. Vielleicht, weil sie einerseits täglich meditierte und so ihr Karma flugbereit hielt, und andererseits, weil sie, wie sich herausstellte, die perfekte Verkäuferin war. Endlich hatte sie ihr wahres Talent entdeckt. Und die Gewinnspanne war nahezu unverschämt: zwanzig Räucherstäbchen zum Warenwert von fünf Cent mal locker für das Hundertfache verkauft.

Doch genauso unverschämt war es gewesen, dass sie fünf Jahre Theaterwissenschaften studiert, mit den besten Noten abgeschlossen und ihr Professor sie dann mit der netten Frage in die Welt verabschiedet hatte, wie man nur so doof und naiv sein könne, so viel Zeit ausgerechnet in dieses völlig nutzlose Studium zu investieren? Unverschämt war auch, dass sie bis vor kurzem drei Jobs hatte, nur um halbwegs über die Runden zu kommen.

Diese Tage waren nun vorbei. Danke an den Guru im Himalaja. Danke an Ulla, die sich lieber mit einem Punkt auf der Stirn und im Schneidersitz in die nächste Bewusstseinsebene vögelte. Ommm! Ommm! Um deren Karma machte sie sich keine Sorgen.

Aber was hatte ihr der liebe Lutz schon Vorträge gehalten, wenn sie abends über der Abrechnung gesessen oder neue Bestellungen aufgeschrieben hatte. Sie habe die Seiten gewechselt, sei nun selbst zur Ausbeuterin und Preistreiberin degeneriert. Gierige Unternehmerin, Kapitalistin! Als hätte sie eine ansteckende Krankheit befallen. Ob er jetzt für sie ein BWL-Studium anfangen müsse, hatte er sie doch tatsächlich gefragt. Wenn es wenigstens als Witz gemeint gewesen wäre. Manchmal hatte er echt einen Knall.

Dabei hatte er gar keine Ahnung, wie gut ihr Geschäft wirklich lief. Und das war nur der Anfang. Gestern Mittag erst hatte sie den Mietvertrag für den neuen, noch größeren Laden unterschrieben. Ja, und was für eine Unternehmerin sie war! Gerne, her mit der Kohle!

Lutz! Zum plötzlich prall gefüllten Kühlschrank hatte er nie »Nein« gesagt oder zu dem neuen Computer, auf dem er seine Magisterarbeit parkte, an der er schon seit knapp zweihundert Jahren schrieb.

Aber sie würde ihn schon noch aufwecken, den Herrn Weltverschwörer. Diesen Urlaub gönnte sie ihm noch, damit er sein sensationelles Opus, mit dem er die Welt wachrütteln wollte, entweder zu Ende bringen oder zu Grabe tragen konnte: »Der Turbokapitalismus aus der Sicht von Sigmund Freud«. Gab es eigentlich einen dämlicheren Titel? Wie wäre es denn mit »Das Über-Ich und der Börsencrash« oder »Pränatale Phase und Rendite«?

Ab jetzt wird Geld verdient! Das stand fest. Mit oder ohne den alten Sigi Freud. Ihre pränatale Rendite-Phase hatte gerade erst angefangen. Wie hieß noch dieser schöne Werbespruch? »Incredible India!« Ganz genau! So sah sie das auch.

 

Sandra hatte jetzt alles, was sie brauchte, um die nächsten Stunden glücklich zu sein. Cola, Pommes mit Ketchup und ein Eis, dazu vier Frauenzeitschriften, die irgendwie alle fast das gleiche Titelbilder hatten, knutschende Promipärchen aus Hollywood beim Urlaub mit Baby am Strand oder andere grinsende Pärchen, getrennt schwanger knutschend frisch verliebt beim Shoppen.

Außerdem hatte Sandra eine Hörspiel-CD der Drei Fragezeichen, einer Krimireihe für Kinder, gefunden. Sie sang die Musik: »Justus Jonas, Peter Shaw … Bob Andreeeews!« Sie hatte eine der wenigen Folgen gefunden, die sie noch nicht kannte.

Auch gab es einen neuen knallroten Lutscher, diesmal mit Kaugummi in der Mitte und neongrünem Brausepulver, das auf der Zunge prickelte und kitzelte.

»Die haben hier so tolle Sachen!«, jubelte Sandra im überfüllten, dampfigen Tankstellenshop kurz vor Innsbruck.

Mit auf die Reise ging des Weiteren ein dickes Kreuzworträtselbuch und ein seltsames kleines Stofftierchen namens Gipfelpoldi, das ihnen ab jetzt Glück bringen sollte.

»Der is sooo süß, kuck ma!«, sagte sie und stupste dem schrumpeligen Etwas, Made in China, die Plastiknase ein.

Heiko bezahlte die unüberschaubare Wundertütensammlung seiner Traumfrau, während die Augen des Kassierers nur zwischen der Kasse, den einzelnen Sachen und den vielen anderen Kunden in dem belebten Tankshop hin und her zuckten, ohne dabei auch nur einmal jemandem in die Augen zu sehen. Der Mann war ein Roboter und Heiko nur das Glied einer endlosen Kette von Kunden. Alle waren gleich, dumme Kühe am selben Futtertrog, kurz bevor ihnen die Milch abgezapft wurde, dachte sich Heiko. Ja, er konnte nicht anders, manchmal hatte er was Philosophisches.

»Von wegen Benzinwut und Krise, was? Sind ja doch wieder alle von zu Hause abgehauen«, sprach Heiko den Kassierer kumpelhaft an.

Heiko war anders, besonders. Er stach heraus aus der bemitleidenswerten Masse. Er reiste schließlich im teuren Anzug. Nicht so wie alle anderen Männer hier, ohne jeglichen Stil, komplett im Trainingsanzug. Dazu ihre dicken Frauen und Mütter. Manche der Frauen setzten selbst die flexibelsten Sporthosen einer harten Belastungsprobe aus.

Ohne auch nur im Ansatz auf Heiko einzugehen, fragte der Kassierer, vom steif gebügelten Shirt seines Arbeitgebers in Form gezwängt, stoisch nach der PIN-Nummer und ob Heiko irgendwelche Punkte sammle?

Heiko gab den Kassierer auf und musterte weiter unangenehm berührt das Volk um sich herum.

Wo stand eigentlich geschrieben, dass Ehefrauen in Deutschland alle die gleichen kurzen, abgefressenen Haare tragen mussten? Überall dieser »flippige« verfranste Topfschnitt. Oft wusste man von hinten gar nicht, wer die Frau und wer der Mann war. Aber da gab es einen Trick, meistens war der größere Hintern ganz klar die Frau.

Nein, wenn er und Sandra mal heirateten, dann würden sie jung und sexy bleiben, ein Leben lang. Sandra würde ihr Haar immer lang tragen und ihr Hintern immer knackig bleiben, zwei kugelrunde Wassermelonen. Am besten, er würde das in den Ehevertrag schreiben lassen.

Er verließ den Tankshop und fasste sich kurz ans glattgebügelte Revers seines bequemen blauen Sakkos. Die kleine Schatulle war noch da, er konnte sie spüren. Bei der richtigen Gelegenheit würde er Sandra in dem Ferienhaus ein Candlelight-Dinner zaubern, vor ihr auf die Knie gehen und ihr die Ringe zeigen. Sie würde sprachlos vor Rührung weinen und dann, natürlich völlig überwältigt, »Ja« sagen. Er hatte alles genau geplant. Heiko bewunderte sich.

Sandra war schon beim Wagen, und er öffnete von weitem mit dem Sensor lässig die Verriegelung. Er liebte diese Dinger.

Sein zufriedenes Grinsen gefror, denn plötzlich sah er, wie der alte BMW von zuvor auf eine Zapfsäule zurollte. Es würde ihn nicht wundern, wenn der träge Oldtimer schlappgemacht hätte.

Heiko ging weiter zu seinem Wagen, sehr darauf bedacht, möglichst unbekümmert zu wirken. Kaum jedoch war er an seinem vollgetankten Audi angekommen, als der BMW ausgerechnet an der Zapfsäule direkt neben ihm zum Stehen kam.

Die Frau stieg aus, und jetzt klingelte es auch bei ihr.

Sie war schlank, groß gewachsen und schick, vielleicht etwas spießig gekleidet. Mit gut sitzender Jeans, grüner Bluse, dunkelgrünem Cardigan und einem Seidentuch um ihren schlanken Hals gewickelt, an dem sich die Sehnen elegant abzeichneten. Schönes langes Haar, so wie er es mochte. Anfang dreißig, nicht viel älter, schätzte er. Sie war hübsch, hatte stechend grüne Augen und eine hohe Stirn, hatte ein toll geschnittenes Gesicht, das musste er ihr lassen. Nur die Nase war vielleicht etwas zu lang oder vielmehr streng.

Während er gekonnt lässig seine Autotür öffnete und langsam einstieg, musterte sie nun auch ihn. Ihre Blicke trafen sich, wie die zweier Boxer kurz vor dem großen Kampf. Keiner durfte auch nur eine Spur von Schwäche zeigen.

Konzentriert cool setzte Heiko sich in seinen Wagen und warf den Motor an. Er lächelte Sandra an, die gerade dabei war, die Hörspiel-CD auszupacken, und schon freudig die Titelmelodie vor sich hin summte.

»Bob Andreeeews!«

Er fuhr sportlich los, natürlich nicht ohne dabei in den Rückspiegel zu sehen. Die Frau sah ihm hinterher. Na klar. Er kraulte Sandra am Nacken und sagte sanft: »Ich liebe dich, Kleines.«

 

Anna steckte den Tankstutzen in die Tanköffnung. »Was für ein Armleuchter!«, dachte sie. Wie groß war eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass man sich so wieder begegnete?

»Soll ich dir was mitbringen?« Carlo war auf dem Weg zum Tankshop.

»Nein, danke!« Sie überlegte kurz. »Doch, Zigaretten und ein paar Wirtschaftszeitungen!«, rief sie ihm hinterher.

»Cappuccino!«, murmelte Elli, weiterhin vertieft in die SZ.

Eigentlich wollte Anna tatsächlich mal abschalten in Italien. Aber ein bisschen in den Eitelkeitsgazetten der Manager blättern konnte nie schaden und war immer wieder äußerst amüsant. Mit jeder Ausgabe präsentierten sich andere Gesichter als die neuen Heilsbringer mit dem großen Durchblick und der unerschütterlichen Kompetenz, auch jetzt noch nach der großen Krise. Kein Hauch von Selbstkritik oder gar schlechtem Gewissen. Es ging munter weiter wie eh und je. Zumindest nach außen. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Sie kannte einige von ihnen nur zu gut. Mit manchen hatte sie sogar studiert. Andere wiederum hatten schon das eine oder andere Mal mit ihr in einem Konferenzraum gesessen. Die Glücklichen neben ihr, diejenigen aber, die Pech hatten, saßen ihr gegenüber und hatten fast immer verloren, oder es kam sie sehr teuer zu stehen.

Sie sah auf die Zapfsäule. Unglaublich, was der alte Wagen schluckte.

Wieder schaute sie dorthin, wo gerade der halbstarke Audi-Fahrer beschleunigt hatte, durch eine Gasse von blassen, sonnenhungrigen Familienkutschen und Wohnwagen hindurch. Wie lächerlich! Wenn tatsächlich jeder zweite Sportwagen eine Penisverlängerung war, dann gab es aber verdammt viele Männer, denen Mutter Natur übel mitgespielt hatte.

Das arme junge Ding, das neben ihm gesessen hatte. Sie verstand die Frauen nicht, die sich mit Profilneurotikern einließen. Selbst im Bett versuchten diese vermeintlichen Hengste ihre eingebildeten Pferdestärken voll auszuspielen, wobei das meistens in einem einschläfernden Springreiten auf dem Ponyhof endete.

Carlo kam freudestrahlend zurück. Er war vollbepackt. Im Mund hatte er jetzt eine Zigarre.

»Tiroler Salami und Schüttelbrot. Dazu ein hervorragender Grüner Veltliner, hier aus der Region. Außerdem eine Melange to go und Manner mit Zitronenfüllung für mein Schwesterherz.«

Man hätte ihn glatt für den Weihnachtsmann halten können, so verteilte er seine Gaben.

»Du bist, glaube ich, der Einzige, der Wein nach Italien mitnimmt«, amüsierte sich Elli.

»Ich weiß schon, das ist wie mit dem Schnitzel zum Metzger.«

Es hätte Elli auch sehr gewundert, hätte Carlo nicht wieder irgendwelche Spezialitäten gefunden.

»Na, falls mia a Jausen machen woiln!«

Carlo spielte den Tiroler, das konnte er gut.

Anna schmunzelte und fragte dann mit gespielter Überraschung:

»Was hast du denn da für ein Buch?«

Es klemmte unter seinem Arm.

»Der Alpenhauptkamm, eine kulinarische Panoramareise für Genießer«, las er ihnen stolz vor. »Und für dich ein halbes Dutzend Wirtschaftsbibeln. Aber wehe, du liest auch nur eine davon!«

Schließlich war das ihr Urlaub.

Im Grunde hatte er völlig recht. Sie hatte zuletzt so viel gearbeitet wie vielleicht noch nie in ihrem Leben. Wenigstens die nächsten zwei Wochen musste sie abschalten, komplett, und sich endlich für sich Zeit nehmen. Da gab es nämlich einiges zu klären in ihrem Kopf. Nicht nur die bevorstehende Trennung.

Sie blickte auf ihr Handy: achtzehn neue E-Mails.

 

»Geil, die Alpen, oder?« Tina war beeindruckt.

Mittlerweile war ihr fast vierzig Jahre alter VW-Bus dabei, sich den Brennerpass hochzukämpfen. Das arme Ding. Der klapprige Wagen hatte so seine Mühe und vibrierte bis in die letzte Schraube vor Anstrengung.

»Diese Aussicht«, jubelte Tina, »phantastisch!« Klar und deutlich reckten sich vor ihren Augen, zum Greifen nah, Millionen Jahre alte Berggipfel empor, einer neben dem anderen. Die Autobahn verlief knapp unter der Baumgrenze. Nur wenige Meter höher gab es nur noch blanken, blitzenden Fels und geduckte Latschenkiefern. An manchen Stellen glaubte Tina sogar noch Schnee vom letzten Winter zu sehen. Wie eine Spielzeugbahn schlängelte sich die niedrigste Verbindung zwischen Nord- und Südalpen vorsichtig zwischen den monströsen Bergen durch.

Lutz hatte mit der Schaltung und dem großen Lenkrad zu kämpfen, während Tina lässig einen Joint rollte. Das musste man ihr schon lassen, darin war sie flott. Ohne auch nur eine Sekunde auf ihre Hände zu achten, konnte sie fast blind, wie von Zauberhand, den Tabak zerbröseln, alles vermengen und zwei identische Dinger rollen, die so perfekt aussahen, als kämen sie vom Chef der American Tobacco Company höchstpersönlich.

»Hitler hat die Autobahn damals extra so legen lassen, dass die Deutschen auch sehen konnten, wie schön ihr Land ist. Umwege waren da völlig egal«, erklärte Lutz ungefragt.

»Wir sind doch schon längst in Österreich?«

»Ich mein vorher, beim Chiemsee.«

»Na, da hätte er sich doch selber wunderbar mit drunter planieren lassen können?«

»Ja, das wär in der Tat das Beste gewesen.«

Jetzt fuhren sie über die Europabrücke. Vielleicht hundert Meter oder mehr unter ihnen ein Tal. Die alte Brennerstraße.

Tina fand das irre, dass man mittlerweile so einfach nach Lust und Laune über die Alpen fahren konnte, was früher ja ein brutaler Kraftakt gewesen sein musste. »So vorm Auto, oder nich?«

Sie zog genüsslich an ihrem Joint und ließ ihre Gedanken weiter schweifen.

Lutz gab ihr recht. Hannibal sei damals sogar mit Elefanten angerückt, erklärte er ihr.

Ja, erklären, manche würden auch sagen klugscheißen, das tat er gerne.

»Ick höre hier nur Elefanten? Wo hat er die denn hergehabt?«

»Ganz einfach aus Indien.«

»Na, die ham bestimmt gekuckt, als sie den Schnee gesehen haben!«

»Und erst beim Anblick der Deutschen!«

»Der arme Ötzi is im Schnee steckengeblieben«, sagte Tina, deren Joint wieder mal äußerst schnell zur Neige ging.

»Außerdem war es ja damals das Gleiche.«

»Ötzi und Hannibal?«, wunderte sich Tina.

»Klar. Ah, nein, Deutschland und Österreich.«

»Woher kam der eigentlich, der Herr Ötzi?«, fragte sie. Dass man ihn irgendwo in einem Ötztaler Gletscher gefunden hatte, das wusste sie. Aber wer war er, was wollte er da oben? Ski fahren sicher nicht.

»Das weiß keiner so genau. Sicher ein Vorfahr vom Reinhold Messner oder Luis Trenker.«

»Oder beiden zusammen. Deswegen das haarige Gesicht.«

Alpen-Yeti! Beide lachten los.

»Na logisch! Dass da noch keiner drauf gekommen is!« Lutz war ausnahmsweise mal am Leben. Kein Verfolgungswahn.

Er zwang das Getriebe wieder in den zweiten Gang. Es ruckelte ordentlich. Tina wollte ihnen den nächsten Joint anzünden und hätte sich dabei beinahe ihre eh schon kurzen Haare verbrannt. Ihr Gesicht war perfekt geschnitten, geheimnisvolle Rehaugen, über denen lange Wimpern klimperten, ein sehr sinnlicher Mund und dazu ein frecher Schönheitsfleck auf der vollen Oberlippe. Die kurzen Haare standen ihr unverschämt gut. Die Frisur unterstrich ihre flippige Schönheit. Sie lachte.

»Ups! Also, Herr Schumacher, so wird das mal nix mit der Formel 1.«

»Das würd ich gern mal sehen. Schumacher am Steuer von einem VW-Bus.«

Tina grinste weiter. »Quasi der permanente Boxenstopp!«

Genüsslich nahm sie einen entspannten Zug. Sie legte ihre langen, nackten Beine auf das Armaturenbrett, zog das kurze Kleid noch höher und ließ sich noch tiefer in den Sitz sinken. Der Joint wanderte zu Lutz, und sie zündete sich sogleich einen neuen an.

»Keine Macht den Doofen!«, skandierte er.

»Wie übersetzt man eigentlich Cocktail?«

»Was? Wieso?«

Tina ließ ihren Kopf nach hinten fallen. »Na, ne Margarita, eiskalt! Das wär’s jetzt!«

Aber Lutz war in Gedanken versunken.

»Wörtlich eigentlich Schwanzschwanz, oder Hahnenschwanz. Richtig?«, alberte Tina weiter.

»Ja, ja.« Lutz kämpfte mit dem Gangknüppel, mit sich, mit der Welt.

Es war die pure Farce. Alles. Das wusste Lutz mittlerweile todsicher. Immobilienkrise, Bankenkrise, Finanzkrisen, Eurokrise, Dollarkrise, Demokratiekrisen, alle Krisen, ein riesiges Geschäft. Hinter allem steckte Methode. Keine Börse crashte aus purem Zufall. Die Welt war zur Spielbank verkommen, in der Hand von skrupellosen Casinobetreibern. So sah es aus. Ihm konnte niemand mehr was vormachen. Danke an das World Wide Web! Noch stand dort alles zu lesen. Man musste sich eben nur die Mühe machen, es zu suchen. Lutz hatte großen Respekt vor dem Wikileaks-Gründer, Assange. Doch längst gab es weit bessere Foren. Er war auf eine schier unglaubliche Flut an Dokumenten gestoßen, Strategiepapiere, Protokolle, geheime Pläne, Seilschaften, Abkommen, korrupte Geschäfte, es nahm kein Ende. Und es sah leider ganz so aus, als verstünde allein er es, all diese Informationen zu verknüpfen. Nur er verstand den Masterplan, der einige wenige unvorstellbar reich und mächtig und die breite Masse arm und hilflos machen sollte. Marionetten, kinderleicht zu manipulieren.

Anfangs hatte er nur für seine Magisterarbeit recherchiert. Die allerdings war längst fertig. Schon vor vielen Monaten hätte er sie abgeben können. Aber das hatte er nicht getan, denn sie war für ihn das ideale Alibi, sich seiner eigentlichen Arbeit zu widmen, seiner großen Abrechnung, seiner allumfassenden Enthüllung. Im Urlaub würde er sein Werk vollenden.

Aber jetzt drängte die Natur, und zum Glück kündigte ein Schild einen Rastplatz an.

»Ich muss mal pinkeln.«

»Okay, Boxenstopp!«

Sie war einfach immer bester Laune. Sein Ein und Alles. Der einzige Mensch, der ihn verstand und dem er vertrauen konnte.

»Die Zeit läuft, Schumi!«, rief sie ihm hinterher.

Tinas Handy blinkte auf. Als sie auf das Display sah, erkannte sie die Nummer von diesem Pierre, einem aufgehübschten Modedesigner aus Berlin Mitte. Mein Gott, konnte er sie nicht endlich in Ruhe lassen? Nur weil sie einmal mit ihm geschlafen hatte, gab das ihm noch lange nicht das Recht, ihr ständig irgendwelche dämlichen Nachrichten zu schicken.

»Ich kann dich immer noch riechen«, hatte er geschrieben. Na, wie einfallsreich. Und das nach, wie lang war es her? Zehn Tage?

Außerdem war sie im Urlaub. Also, manche Männer kapierten wirklich gar nichts.

2. Kapitel

Ab dem Brenner hatte Elli ihre Artikel zur Seite gelegt und schaute seitdem zwischen Bewunderung und Abscheu pendelnd aus dem Fenster. Es tat ihr weh, zu sehen, wie die behutsam über Jahrhunderte sinnlich geformte Kulturlandschaft von der Idiotie der Gegenwart rücksichtslos zermürbt wurde.

Bei Rovereto hatten sie die Autobahn verlassen, seitdem glitt Anna mit dem BMW über die Landstraßen, über Felder und durch kleine Ortschaften, begleitet von bewundernden Blicken. Sie kurvten bald durch die Berge nördlich des Gardasees, und ein pittoreskes Dorf folgte dem anderen. Elli ging das Herz auf. Man fand sie noch, die unübertroffene, alte italienische Baukunst. Aber sie wurde brutal in die Enge getrieben, von den immer gleichen, unverschämt stupiden industriellen Zweckbauten und immer gleichen plumpen Wohnsilos. Infantil bunte Farben und Formen, wie man sie ebenso in Gütersloh, der ostdeutschen Aufbausteppe oder überall in der modernen Welt finden konnte. Elli empfand Trauer beim Anblick dieser brutalen Gleichgültigkeit gegenüber dem baulichen Erbe und den Menschen an sich. »Verdammte Legoarchitektur«, grummelte sie vor sich hin. »Die gehören alle ins Gefängnis.«

Legoarchitektur war Ellis Überbegriff für all die klobigen Bausünden, die vom kurzsichtigen Profit besoffene Bauherren und ihre sich anbiedernden Architekten in zerstörerischer Allianz überallhin würfelten. Sie alle hatten in ihrer Kindheit offensichtlich zu lange mit den bunten Plastikklötzen aus Dänemark gespielt und fanden das, was sie damals mit ihren Vorschuljahren zusammengesteckt hatten, heute immer noch »schön«. Dabei war »schön« an sich schon so ein jämmerliches, nichtssagendes Wort. Genauso wie »lecker« oder »toll«, dachte Elli. Essen war immer »lecker« und alles andere »schön« oder »toll«. Mehr fiel den Menschen nicht ein.

Diese Ignoranz war es, die ihr das Leben als Architektin von Anfang an manchmal zur unerträglichen Qual gemacht hatte. Elli liebte intelligent und raffiniert geschnittene Gebäude oder harmonisch geschwungene Landschaften. Es verschaffte ihr die höchste Befriedigung, die nahezu perfekte Form in den Dingen zu suchen und glücklicherweise manchmal auch zu finden. Oder einfach nur zu bestaunen, wie andere sich dem gleichen kreativen Abenteuer hingaben und welche Spuren sie dabei hinterließen. Schon seit Tausenden von Jahren.

Heutzutage aber war alles nur noch dummer Einheitsbrei, nivelliert und gleichgeschaltet auf dem beinahe untersten Level. Möglichst leicht verdaulich für die breite Masse. Coca-Cola, Hamburger, H&M, Ikea. Jeder aß und trank das Gleiche, wohnte identisch und hatte das Gleiche an. Mehr Planwirtschaft, als es sich die Sowjets je erträumt hatten.

Doch Elli war in Hochstimmung. Sie war gespannt und neugierig auf das, was vor ihr lag, und fest entschlossen, all die Probleme und Enttäuschungen, die sich in München über die Jahre aufgetürmt hatten, hinter sich zu lassen.

Keine Sekunde hatte Carlo gezögert, als Elli ihm gestanden hatte, dass sie alles hingeschmissen habe, Job und Lebenspartner.

»Dann kommst du eben mit uns mit«, hatte er gesagt. »Ab nach Italien!« Das Haus sei groß genug für sie drei. Anna und sie verstünden sich ja eh bestens.

»Außerdem kann ich dann für drei kochen«, hatte er gejubelt.

Die Zeichen standen gut, denn auch am frühen Abend schien die Sonne immer noch bester Laune zu sein. Satt und breit lachte sie vom Himmel, als Anna, Carlo und Elli endlich an ihrem Ziel ankamen.

Souverän rollte der BMW langsam auf die lange Kieseinfahrt des historischen Anwesens, das sich noch etwas weiter oben auf dem Hügel versteckt hielt. Links und rechts spendeten alte Pinien und Platanen etwas Schatten, doch es fiel immer noch genug Licht für die vielen Oleanderbüsche ab, die in voller Blüte den Weg zum Hügel säumten.

Carlo kaute glücklich auf seinem Zigarrenstumpf herum und grinste frech.

»Signorine, la Villa Duchessa! La mia casa se tu casa!«

Anna schmunzelte. »Dein Italienisch wird ja immer besser.«

»Und das schon nach dreißig Jahren«, sagte Elli.