E-Book Verlag: neobooks Hörbuch Verlag: Hörbuchmanufaktur Berlin Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Hörprobe anhören Zeit: 9 Std. 26 Min. Sprecher: Katharina Koschny

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E-Book-Beschreibung Das Böse in mir - Ana Dee

Existiert das Böse tatsächlich? Und wenn ja, lässt es sich aufhalten? Katharina von Burgstett, eine Frau in den besten Jahren und beruflich sehr erfolgreich, arbeitet als Psychiaterin in einer renommierten Klinik. Eines Tages erhält sie mysteriöse Videos. Patienten scheinen in einer Anstalt in Sibirien regelrecht zu schweben und die düsteren, verstörenden Bilder wecken ihr Interesse. Sie entschließt sich zu einer Forschungsreise nach Russland, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch ihr Aufenthalt verläuft anders als erwartet, überstürzt reist sie ab. Was Katharina jedoch nicht ahnt - sie kehrt nicht allein nach Deutschland zurück.

Meinungen über das E-Book Das Böse in mir - Ana Dee

E-Book-Leseprobe Das Böse in mir - Ana Dee

Ana Dee

Das Böse in mir

Satans Saat

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Anmerkung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Vermächtnis der Schuld

Sommer voller Angst – Teil I

Sommer voller Angst – Teil II

Impressum neobooks

Widmung

Für meinen Mann,der einen Satansbraten geheiratet hat.Danke für deine immerwährende Unterstützung.

Anmerkung

Möge das Gute immer siegen.

Die fiktive Idee zu diesem Buch basiert auf einem Video, welches für einige Zeit in den sozialen Netzwerken kursierte. Die Geschichte dazu, sowie sämtliche Protagonisten, Institutionen und Handlungen sind in diesem Roman allerdings frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wo tatsächlich existierende Orte erwähnt werden, geschieht das im Rahmen fiktiver Ereignisse.

Kapitel 1

Katharina von Burgstett setzte ihre Brille ab und rieb sich die tränenden Augen, bevor sie erschöpft ihren Kopf auf den Schreibtisch bettete.

Der heutige Arbeitstag hatte ihr alles abverlangt, von den zusätzlichen Überstunden ganz zu schweigen. Das war also ihr Leben - ein Alltag zwischen Patienten, Stress, Hektik und ihrem Lehrstuhl an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von ihren Forschungsprojekten ganz zu schweigen.

Sie richtete sich auf und löste den festsitzenden Dutt. Schwarze, lockige Haare flossen wie ein Strom über ihre Schultern und umschmeichelten ihr blasses Gesicht. Ihre strahlend blauen Augen, um die sie sogar Terence Hill beneidet hätte, blickten ernst.

Seufzend erhob sie sich, zog den weißen Kittel aus, schnappte sich ihre Tasche und verließ das Büro. Ihr stand der Sinn nach einem entspannenden Wannenbad. Aber nach dem anstrengenden Dienst reichte es meist nur noch für eine kurze Dusche und anschließend kroch sie sofort ins Bett. An manchen Tagen ließ sie sogar das Essen ausfallen.

Eilig durchschritt sie den langen Flur und eine der Neonleuchten flackerte. Sie würde in der nächsten Schicht dem Hausmeister eine Info zukommen lassen, damit er die Röhren austauschte. An der Tür, welche die Flure voneinander trennte, gab sie den Sicherheitscode ein. Ein leises Summen ertönte und die Tür öffnete sich.

Während sie zum Ausgang hastete, hörte sie das laute Kreischen eines Patienten. Für Katharina gehörte diese Geräuschkulisse zum Alltag, sie nahm die Laute manchmal schon gar nicht mehr wahr. An der Rezeption winkte sie den beiden Damen vom Nachtdienst zu, öffnete die schwere Eingangstür und schlüpfte hinaus.

Die kühle Luft ließ sie tief durchatmen und sie genoss die Stille der Nacht. Der wolkenlose Himmel trumpfte mit einem Meer aus Sternen auf und sie schaute sehnsüchtig nach oben. Dann riss sie sich los und schlenderte zu ihrem BMW.

Die Fahrt zum Villenviertel Meerbusch dauerte nicht lange. Das elektrische Garagentor fuhr lautlos nach oben und der BMW glitt hinein. Laut gähnend schloss sie die Haustür auf und betrat die steril wirkende Villa. Ihre Putzfrau war eine echte Perle, kein Staubkörnchen zierte ein Möbelstück. Aber vielleicht war genau das ihr Problem?

Obwohl eine stadtbekannte Innenarchitektin alles wohnlich und geschmackvoll eingerichtet hatte, wirkten die Räume allesamt unpersönlich. Nie lag etwas herum, von einer fröhlichen Unordnung ganz zu schwiegen.

Pumps und Jacke ließ sie achtlos im Flur liegen und lief barfuß über den kühlen Granitboden im Eingangsbereich. In der Küche schenkte sie sich ein Glas Mineralwasser ein und trank es gierig in einem Zug. Dann schnupperte sie an den Töpfen, verspürte aber nicht die geringste Lust, das vorgekochte Essen aufzuwärmen.

Ein letzter Gang ins Bad, eine kurze Dusche, bevor sie sich in die Kissen kuschelte und das Licht löschte. Da lag sie nun, einsam und verloren in dem riesigen Doppelbett, starrte an die Decke und hörte ihre innere Uhr ticken.

Sie stammte aus einer angesehenen Ärztefamilie und für alle war klar, dass sie in die Fußstapfen ihrer Eltern trat. Das Staatsexamen bewältigte sie in Lichtgeschwindigkeit und zwei Doktortitel nannte sie ihr Eigen. Ja, sie konnte durchaus auf ihre Erfolge zurückblicken: Beruflich saß sie hoch zu Ross, aber ihr Privatleben ließ sehr zu wünschen übrig.

Frustriert rollte sie sich auf die andere Seite. Ja, mit sechsunddreißig Jahren war es nicht mehr so leicht, einen passenden Prinzen zu ergattern. Erotische Abenteuer, gerade bei ihrem schneewittchenhaften Aussehen, waren immer möglich. Aber die meisten ihrer männlichen Kollegen trugen einen Ehering. Männer aus anderen beruflichen Bereichen zeigten wenig Verständnis für ihren aufreibenden Job und fühlten sich bereits nach kurzer Zeit stark vernachlässigt.

Es dauerte meist nicht sehr lange, bis ihre jeweiligen Lebenspartner dazu neigten, sich die fehlende Selbstbestätigung woanders zu holen. Sie konnte die zahlreichen Affären ihrer Exfreunde schon gar nicht mehr zählen.

Dabei sehnte sie sich nach einer Familie, wollte jeden Abend das gemeinsame Kind ins Bett bringen und mit ihrem Ehemann über seine herumliegenden Socken streiten. Sie träumte von ketchupverschmierten Kindershirts, von heißen Nächten, aber auch kühlen Tagen, wo sie Halt in ihrer kleinen Familie fand.

Eine einzelne Träne perlte über ihre Wange und tropfte auf das Kopfkissen. Vielleicht sollte sie doch bei der Singlebörse Akademiker mit Niveau vorbeischauen, dachte sie verbittert. Während die Großstadt langsam zum Leben erwachte, übermannte Katharina der Schlaf.

Kurz vor zwölf holte sie der Wecker aus einer Tiefschlafphase und müde zog sie sich die Bettdecke über ihren Kopf. „Ich will noch nicht aufstehen“, murmelte sie trotzig. Fünf Minuten gönnte sie sich noch, dann schwang sie ihre Beine aus dem Bett und schlurfte ins Bad.

Maria, die Haushälterin grüßte leise und fragte nach Katharinas Wünschen: „Möchten Sie einen starken Kaffee? Dazu Toast oder frische Brötchen?“

„Ich hätte gern Toast und einen starken Kaffee, so wie immer. Danke, Maria.“

Nach der kurzen Morgentoilette, setzte sie sich an den Küchentisch und ließ sich von ihrer Haushälterin bedienen. Maria, eine rundliche Spanierin um die sechzig, bemutterte sie fürsorglich und hatte immer ein offenes Ohr. Beide pflegten eine innige, vertrauensvolle Beziehung zueinander. Katharinas Eltern waren beruflich stark eingespannt und sie hatte sich oft eine herzlichere Mutter an ihre Seite gewünscht.

Eigentlich wollte sie es besser machen, mit ihrer eigenen Familie. Wollte den Beruf hintenanstellen, wenn es um die Erziehung ihrer Kinder ging. Wollte für sie da sein, sie trösten, umsorgen und lieben. Stattdessen hatte sie es noch nicht einmal geschafft, eine Familie zu gründen.

Ständig erschien vor ihrem geistigen Auge eine überdimensionale Vierzig, die bedrohlich auf sie zuraste. Besorgt registrierte sie die ersten tieferen Fältchen um die Augenpartie und vereinzelte graue Haare im Schläfenbereich. Nein, sie war keine eitle Person, ganz im Gegenteil. Aber dieses verdammt laute Ticken der verflixten inneren Uhr.

Maria setzte sich ihr gegenüber. „Oh, Sie sehen so traurig aus. Zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf?“, fragte sie mit ehrlicher Anteilnahme in ihrer Stimme.

„Ach Maria, Sie können sich mit ihren drei Enkeln wirklich glücklich schätzen und Sie haben meinen aufrichtigen Neid. Sie wissen ja, die innere Uhr.“

„Wenn Sie rund um die Uhr arbeiten, finden Sie nie einen passenden Mann. Sie müssen kürzer treten oder sich eine längere Pause gönnen. Sie haben genug Geld und sind nicht auf das Gehalt angewiesen. Fahren Sie in den Urlaub oder machen Sie eine Kreuzfahrt, vielleicht finden Sie dort die große Liebe.“

„Danke für Ihren Zuspruch, Maria, ich werde darüber nachdenken.“ Sie biss herzhaft in den knusprigen Toast und auch der starke Kaffee weckte ihre verschollen geglaubten Lebensgeister.

Maria hantierte inzwischen eifrig mit dem Wischmopp, obwohl der Fußboden glänzte. In ihrer Fantasie sah Katharina Spielzeug auf dem Boden herumliegen und schmutzige Fußabdrücke von Kinderschuhen. Bevor diese Gedanken sie seelisch noch tiefer herunterzogen, stoppte sie die Flut der Bilder in ihrem Kopf. Ihr Ego konnte in Sachen Beziehung keine weiteren Tiefschläge mehr verkraften.

„Ich bin jetzt im Arbeitszimmer“, rief sie Maria zu und lief die Treppe nach oben. Der heimische, lichtdurchflutete Arbeitsplatz war modern ausgestattet und ließ keine Wünsche offen. Sie ließ sich auf den Bürostuhl fallen und streckte ihre Beine unter dem Schreibtisch aus.

Dann fuhr sie den Rechner hoch und checkte die Emails. Werbung, Werbung und kein Ende. Pharmareferenten und Firmen bombardierten sie auch privat mit Angeboten. Genervt drückte sie auf Löschen und hätte beinahe eine Mail mit einem russischen Absender im Nirwana versenkt.

Neugierig öffnete sie die Nachricht und übersetzte das fehlerhafte Englisch. Zwei Videos befanden sich im Anhang. Sie speicherte die Mail in einem Ordner ab und beschloss, sich an ihrem freien Wochenende darum zu kümmern. Hin und wieder zog man sie bei schwierigen Patienten zu Rate. Ihren guten Ruf allerdings, den hatte sie sich hart erarbeiten müssen.

Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie sich so langsam auf den Weg ins St. Josefs Hospital begeben sollte. Erneut lag eine zwölfstündige Schicht vor ihr, aber es nützte ja nichts.

Maria klopfte leise an den Türrahmen. „Ich bin fertig, Frau von Burgstett. Eine warme Mahlzeit befindet sich auf dem Herd und das Haus ist geputzt. Ihnen einen angenehmen Arbeitstag.“

„Vielen Dank Maria, ich weiß Ihre Arbeit sehr zu schätzen.“

Sie hörte die Haustür ins Schloss fallen und war nun wieder mutterseelenallein in einer viel zu großen Villa. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie die Villa nach dem Tod ihrer Tante übernahm. Mehrmals startete er den Versuch, sie mit dem Architekten, der für den Umbau angeheuert wurde, zu verkuppeln.

Okay, sie war mit diesem gutaussehenden Charmeur im Bett gelandet, doch der wollte alles andere, nur keine Familie gründen. Diese reichen Sonnyboys hatten ein unberechenbares Gemüt und sie konnte schon froh sein, dass er sich überhaupt für eine alternde Sechsunddreißigjährige entschieden hatte - Abenteuer hin oder her.

Die meisten Püppchen dieser ewigen Junggesellen waren blond, besaßen eine voluminöse Oberweite, aufgespritzte Lippen und waren vom geistigen Niveau ziemlich einfach gestrickt: Geld und Ansehen, das reichte fürs Erste.

Jetzt sollte sie aber … Hastig griff sie nach einem Ordner und eilte die Treppe hinunter in den Flur. Schuhe, Jacke, Aktentasche, ab in die Garage und den Motor gestartet. Das Garagentor glitt nach oben und sie trat aufs Gas.

Ein herrlicher Sommertag offenbarte sich ihr und sie hätte nur zu gern dessen Vorzüge genossen. Leider verhinderte ihr täglicher Dienst, dass sie den Luxus eines Sonnenbades auf der großzügig angelegten Terrasse genießen konnte. Schichtdienst, Lehrstuhl, Forschung - alles zwängte sie ein und nahm ihr die Luft zum Atmen. Marias Worte schwirrten in ihrem Hinterkopf: Nehmen Sie sich eine Auszeit.

Eine Fahrt ans Meer wäre geradezu himmlisch - den feuchten Sand unter den nackten Sohlen zu spüren, die endlose Weite genießen und den tosenden Wellen zu lauschen. Warum, in Gottes Namen, gönnte sie sich eigentlich keine Auszeit? Weil ihr Leben bis obenhin mit Arbeit vollgestopft war?

Geschickt manövrierte sie ihren BMW auf den engen Stellplatz des St. Josefs Hospitals und eilte mit schnellen Schritten in ihr Büro. Der diensthabende Stationsleiter scharrte bereits mit den Hufen.

„Der kleine Tim möchte seinen Spaziergang nicht antreten. Er will unbedingt, dass Sie ihn begleiten.“

„Das ist doch aber nicht mein Aufgabenbereich, Andreas. Ich kann doch nicht auf sämtliche Sonderwünsche aller Patienten eingehen. Nachher muss ich auch noch in die Forensik. Das Gutachten für die drogenabhängige Frau Wagner muss in Kürze beim Staatsanwalt vorliegen.“

„Machen Sie eine Ausnahme, bitte.“ Andreas warf ihr einen treuherzigen Blick zu.

„Wo finde ich Tim?“

„Er schläft im Aufenthaltsraum am Tisch.“

Sie schnalzte kurz mit der Zunge, machte auf dem Absatz kehrt und lief den Flur entlang. Tim hatte seinen Oberkörper auf den Tisch gelegt und schlief tatsächlich tief und fest. Ihm wurden vor zwei Tagen Beruhigungsmittel verabreicht, da sich sein Zustand verschlimmert hatte.

Der zehnjährige, autistische Junge war ihr sehr ans Herz gewachsen. Obwohl er in seiner eigenen Welt lebte, ließ er Katharina manchmal hinein und öffnete sich. Sein dunkelblonder Strubbelkopf und die zierliche Gestalt weckten ihre Mutterinstinkte. Am liebsten hätte sie den Jungen vom Fleck weg adoptiert.

Seine Mutter war mit dem verschlossenen Jungen total überfordert. Ihr fiel es schwer zu begreifen, warum Tim nicht mit ihr kommunizieren wollte oder konnte. Sie hielt ihn für einen verstockten, bösartigen Jungen und ihr rutschte mehr als einmal die Hand aus. Den Vater schien das Ganze wenig zu interessieren.

Das Jugendamt sorgte mit dem Einverständnis der Eltern dafür, dass Tim in das Hospital eingewiesen wurde und er lebte jetzt in einer gemischten Gruppe mit verschiedenen Altersstufen. Wenn ihm der Stress auf der Station zu viel wurde, dann schlug sich dieser äußerst sensible Junge ununterbrochen auf sein rechtes Ohr. Innerhalb kürzester Zeit fing es dann an zu bluten und Tim wurden ruhigstellende Mittel verabreicht.

Katharina hockte sich neben Tim und streichelte liebevoll über sein kurzes Haar. „Aufwachen, mein Kleiner. Dort draußen scheint die Sonne und du möchtest doch bestimmt im Park die Schmetterlinge beobachten. Hab ich Recht?“

Tim grunzte leise und stieß sie weg. „Komm schon, lass mich nicht warten.“ Sie erhob sich, griff Tim behutsam unter die Arme und richtete ihn auf. Dann ließ sie den Jungen sofort los, denn er mochte keinerlei Berührungen.

Gestresst fing Tim sofort damit an, mit der flachen Hand mehrmals auf sein Ohr zu schlagen. Ihre Finger schnellten nach vorn, umfassten sanft Tims Unterarm und bewusst lenkte sie seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.

„Hast du am Fenster den großen Schmetterling gesehen? Lass uns schnell nach draußen gehen, vielleicht entdecken wir ihn auf einer Blume.“

Beharrlich schob sie Tim zur Tür hinaus und bugsierte ihn zu einer Bank neben einer Blumenrabatte. Dort flatterten Kohlweißlinge um die blauen Lavendelblüten und fasziniert beobachte der Junge die Insekten.

„Du bist ein Schatz, Tim, aber ich muss wieder an die Arbeit.“ Mit wehendem Kittel hastete sie zurück in ihr Büro.

Familie Schulze wartete bereits ungeduldig, das konnte sie deutlich von den Mienen der Eltern ablesen. Deren Tochter Jessica, ihre Patientin, hockte auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch, schnaufte wie ein Walross und wiegte ihren Oberkörper vor und zurück.

Die geistige und körperliche Förderung ihres einzigen Kindes lag dem Ehepaar sehr am Herzen. Für die Eltern stand Außerfrage, ihr geliebtes Mädchen einfach abzuschieben und mit tiefem Bedauern dachte Katharina an Tim.

Kurz und knapp schilderte Katharina weitere Möglichkeiten für Jessica und das Ehepaar saugte die Informationen auf wie ein Schwamm. Jessica hingegen war mit der Situation völlig überfordert. Die lauten Schreie der Patienten im Flurbereich irritierten und verunsicherten sie zutiefst. Hektisch sprang sie auf, hüpfte durch den engen Raum und drehte sich Kreis.

Nach etwa fünf Minuten hatte das siebzehnjährige, mollige Mädchen ihre überschüssige Energie abgebaut, setzte sich wieder auf den Stuhl und wiegte sich im gewohnten Rhythmus. Katharina bewunderte Jessicas Eltern, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie die Tochter gewähren ließen. Da hatte sie schon ganz andere Fälle erlebt. Nach einer halben Stunde war das Gespräch beendet und alle Beteiligten atmeten auf.

Jetzt stand der Termin mit Frau Wagner in der Forensik auf dem Programm. Obwohl Katharinas Fach- und Forschungsgebiet sämtliche Formen des Autismus beinhaltete, betreute sie auch andere Fachbereiche. Die Psychologie hatte sie schon immer fasziniert, vor allen Dingen, welche Wirrungen ein menschlicher Geist nehmen konnte.

Während sie sich rasch eine Tasse Kaffee gönnte, dachte sie mit Unbehagen daran zurück, unter welch Grausamkeiten diesen kranken Menschen teilweise zu leiden hatten: Im dritten Reich ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos euthanasiert, verstörenden Elektroschocktherapien ausgesetzt und vom Exorzismus ganz zu schweigen. In vielen Heimen wie Vieh gehalten, vegetierten diese armen Seelen bis zum Lebensende vor sich hin. Die Rechte und Bedürfnisse dieser Menschen wurden mit Füßen getreten, teilweise auch heute noch.

So, jetzt musste sie sich aber sputen. Erneut eilte sie über die Flure, schloss Türen auf und wieder zu. Obwohl die staatlichen Gelder an allen Ecken und Enden fehlten, waren die Patienten trotzdem gut untergebracht. Helle, recht freundliche Zimmer, warmes Essen und eine Betreuung rund um die Uhr, soweit möglich. Einzig die Gitter vor den Fenstern störten die Idylle und nahmen den Räumen das Heimelige.

Der Fachkräftemangel machte allen zu schaffen, aber das stand auf einem anderen Blatt.

Sie schloss die Tür zur Forensik auf und schritt auch hier an den Einzelzimmern mit den Monitoren vorbei. Hier befanden sich Patienten, die als besonders aggressiv galten. Rund um die Uhr wurden sie überwacht und die Zimmertüren blieben verschlossen.

Frau Wagner saß schon vor dem Sprechzimmer und wirkte sehr nervös. Im Drogenrausch hatte sie auf ihren Lebensgefährten eingestochen und sollte nach einer langen Therapie entlassen werden. Täglich machte sie von ihrem Freigang Gebrauch, um sich wieder an die Welt vor den Toren der Psychiatrie zu gewöhnen.

Katharina führte mit ihr ein längeres Abschlussgespräch. Es war gar nicht so leicht, für diese Patienten. Für die erste Zeit mussten sie bei Freuden oder der Familie unterkommen, um sich dann eine Wohnung und später auch Arbeit zu suchen. Es würde schwer werden und die meisten Patienten griffen bereits während dieser Zeit erneut zu den Drogen.

Nach erfolgtem Gespräch eilte sie zurück in ihren Fachbereich. Zwei Neuaufnahmen, weitere Gespräche und Untersuchungen standen auf dem Programm. Nur mit einem straffen Zeitplan war die tägliche Arbeit zu bewältigen. Ausgebildete Pflegekräfte fehlten an allen Stellen. Viele Mitarbeiter hielten der psychische Belastung nicht stand und wanderten ab.

Auf allen Stationen herrschte eine ziemlich hohe Fluktuation, sehr zum Leidwesen der meisten Insassen, die feste Bezugspersonen benötigten. Hier war eindeutig Vater Staat gefragt …

Endlich war ihr Spätdienst vorüber und total übermüdet überquerte sie den Parkplatz. Ihre Schritte hallten durch die milde Nacht und sie freute sich auf die zwei freien Tage. Wie üblich hatte sie sich viel vorgenommen: Sauna, Joggen, Treffen mit Freunden, aber meist scheiterte es an der Umsetzung.

Abgespannt und überarbeitet lümmelte sie fast den ganzen Tag auf der Couch, las viel oder surfte im Internet. Manchmal schaffte sie es auch bis zur Terrasse und sonnte sich. Aber mehr war einfach nicht drin. Sie hasste ihren inneren Schweinehund, der seinen Trotzkopf immer wieder durchsetzte. Glücklicherweise blieb das ihren Patienten verborgen, denen sie ganz andere Dinge predigte.

Ihre Eltern hatten sie außerdem zu einer zünftigen Grillparty eingeladen, natürlich mit einem großen Anteil potentieller Junggesellen. Schon bei dem Gedanken an die gekünstelte Konversation bekam sie Magengrummeln. Immerhin konnte sie sich als Ärztin selbst krankschreiben, na wenn das kein Vorteil war.

Gähnend lenkte sie den Wagen in die Garage und lief erschöpft ins Haus. Aktentasche, Jacke und Schuhe ließ sie achtlos im Flur liegen und steuerte die Küche an. Das kalte Essen klatschte sie lieblos auf einen Teller und aß einige Bissen.

Dieser ewige Schichtdienst zehrte an ihren Kräften. Früher hatte ihr das wenig Sorgen bereitet, aber mit zunehmendem Alter … Verdammt, nicht schon wieder dieses Thema! Verärgert kniff sie ihre Lippen zusammen und stellte den halbvollen Teller auf den Tresen.

Seufzend trottete sie ins Badezimmer und putzte sich die Zähne. Morgen würde sie sich ein Bad gönnen, mit Rosenöl und ganz viel Zeit. Im Schlafzimmer ließ sie ihre Kleidung auf dem Boden liegen und kroch unter die Bettdecke. Wohlig grummelnd streckte sie sich aus und es dauerte nur wenige Minuten, bis sie eingeschlafen war.

Die Sonne stand bereits hoch am Horizont, als sie blinzelnd die Augen öffnete. Ihr Rücken tat zwar vom langen Liegen weh, aber es war einfach himmlisch, wieder einmal so richtig auszuschlafen. Das einzig Unfaire daran - ein halber freier Tag war inzwischen verstrichen.

Maria hatte ebenfalls frei und so bereitete sie sich selbst das Frühstück zu. Die Reste der gestrigen Mahlzeit warf sie weg und steckte den Teller in den Geschirrspüler. Die Kaffeemaschine summte leise vor sich hin, während sie das Rührei in der Pfanne wendete. Mit dem vollen Tablett balancierte sie ins Arbeitszimmer hinauf und stellte es neben dem Laptop ab. Während das Gerät hochfuhr, nippte sie am heißen Kaffee und löffelte das Rührei.

Bis auf reichlich Werbung blieb ihr Mailpostfach leer, sehr zu ihrem Bedauern. Ihre beste Freundin war seit kurzem frisch verliebt und meldete sich kaum noch. Sie gönnte Laura das Glück von Herzen, fühlte sich aber dadurch noch einsamer. Der anstrengende Job ließ leider wenig Freiraum und sie zog sich eindeutig zu sehr zurück. Wie sollte sie neue Bekanntschaften schließen, wenn sie sich in ihrer Villa verschanzte?

Sie erinnerte sich an die gestrige Mail aus Russland und öffnete diese erneut. Kopfschüttelnd las sie sich die Zeilen noch einmal durch und warf dann einen Blick auf das Video. Verstörende Bilder reihten sich aneinander und sie stoppte die Aufzeichnung. Der Appetit war ihr restlos vergangen, aber ein Schluck heißer Kaffee kam gerade recht.

Widerholt klickte sie auf Play und starrte die Aufnahme an. Das Video dauerte nur eine knappe Minute. Ein Kollege musste sie hier gehörig zum Narren halten, anders konnte sie sich die Umstände in nicht erklären.

In einer dunklen Zelle, bestückt mit einer Toilettenschüssel und einem Metallbett samt Matratze, hockte ein magerer Mann. Nur mit einem dünnen OP-Hemdchen bekleidet, sprang er durch den Raum, trommelte an die Wände und schrie wie besessen. Seltsamerweise störten die Schreie des Mannes die Aufnahmequalität der Kamera.

Hin und wieder wuchtete er das Bett durch den Raum, obwohl sie manchmal das Gefühl hatte, es bewegte sich von allein. Zwischendrin hockte sich der Patient auf den Boden, um zu urinieren oder lag auf dem Bett und krampfte. Seine Stimme wechselte in verschiedene, ja fast dämonenhafte Tonlagen und verursachte mehrere unangenehme Schauer, die ihr über den Rücken jagten.

Kurz bevor das Video endete, wurde die Aufzeichnung erneut gestört. Danach schwebte der Mann schluchzend und verwirrt stammelnd in der Luft. Was für ein kranker Fake, dachte sie verärgert. Wenn diese Bilder echt wären, müsste man das Hospital auf der Stelle schließen.

Wütend tippte sie eine gepfefferte Antwort, schickte sie ab und löschte die Mail. Um auf andere Gedanken zu kommen, surfte sie noch eine Weile im Internet und überlegte tatsächlich, sich in einem Portal für Singles anzumelden. Aber der Gedanke, sich mit fremden Männern zu treffen, schreckte letztlich sie ab.

Sie dachte an unzählige Gespräche, bei denen man auf keinen gemeinsamen Nenner kam und die sich quälend in die Länge zogen. Vielleicht sollte sie doch auf der Grillparty ihrer Eltern aufkreuzen. Immerhin waren dort auch einige ihrer Kollegen anwesend und nicht nur die übriggebliebenen Junggesellen.

Sie erhob sich und schritt zur Tür. Ein leises Pling machte sie auf eine weitere Mail aufmerksam. Bestimmt wieder Werbung, dachte sie, aber die Neugier siegte. Zwei Klicks und die Seite öffnete sich. Oha, wieder Post aus Russland. Diesmal waren zwei weitere Videos angehängt.

Sollte sie sich das antun oder besser die Terrasse aufsuchen? Doch wissbegierig, wie sie nun einmal war, las sie die Zeilen und sah sich auch die Aufzeichnungen an. Verschiedene Patienten, aber ähnliche Inhalte. Kreischen, Toben, Krampfen, Schweben und Betten, die wie von Geisterhand bewegt, laut über den Boden polterten.

Magere Gestalten, unter unwürdigsten Bedingungen gehalten, versuchten diesem Grauen zu entkommen. Verzweifelt trommelten sie mit ihren Fäusten an Türen und Wände. In Einzelhaft vegetierten sie dahin und niemand kümmerte sich um sie.

Hin und hergerissen, versuchte sie die Videos zu analysieren und bezweifelte deren Echtheit. Der Text allerdings war eindringlich. Sie wurde um Hilfe gebeten, das stand außer Frage. Wollte man auf diese Weise um Hilfe und um Spendengelder bitten?

Eine zweite Meinung wäre mit Sicherheit nicht schlecht, denn bis jetzt hatte sie noch nie einen Insassen schweben sehen. Auch ihr Gewissen meldete sich zu Wort, diesen hilflosen Patienten musste geholfen werden. Vielleicht konnte sie auf der Grillparty den einen oder anderen Gönner aufspüren.

Das Videomaterial zog sie auf ihr Handy und speicherte es. David, ihren besten Freund, konnte sie vorab um Sichtung des Materials bitten, bevor sie sich zum Gespött aller machte.

Dann fischte sie ein paar Papiere aus dem Regal und verzog sich auf die Terrasse, um die nächste Vorlesung an der Uni vorzubereiten. Wohlig räkelte sie sich auf der Liege, setzte die Sonnenbrille auf und blätterte in den Unterlagen. Die Sonne und ein leichter Wind streichelten über ihre blasse Haut und schläfrig legte sie die Blätter zur Seite. Es dauerte keine fünf Minuten und sie döste ein.

Kapitel 2

Ein heftiger Windstoß wirbelte ihre Unterlagen durch die Luft und erschrocken riss sie die Augen auf. Mist, sie hatte tatsächlich zwei Stunden am Stück geschlafen.

Hastig sprang sie auf, sammelte die losen Blätter wieder ein und schlüpfte ins Haus. Den Himmel bedeckten inzwischen dicke Regenwolken und die drückende Luft kündigte ein Gewitter an. Hoffentlich hielt das Wetter bis zum Ende der Grillparty durch. Obwohl, wenn sich der Regen mittendrin entlud, konnte sie schon eher nach Hause.

Für ein entspannendes Wannenbad war es bereits zu spät, also hüpfte sie nur kurz unter die Dusche. Im Schlafzimmer legte sie eine helle Leinenhose und eine leichte Bluse auf das Bett. Dann föhnte sie ihr widerspenstiges Haar, bis es in weichen Wellen über ihre Schultern fiel und legte ein dezentes Make-up auf. Nach dem Umkleiden warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Passt.

Sie schnappte sich ihre Handtasche, griff nach dem Schlüsselbund und machte sich zu Fuß auf den Weg. Ihre Eltern wohnten nicht weit von ihr entfernt und die Parkplatzsuche würde sich schwierig gestalten, bei all den protzigen Schlitten vor der elterlichen Jungendstilvilla.

Der Wind hatte aufgefrischt und wirbelte die sorgsam frisierten Haare durcheinander. Ein strenger Blick ihrer Mutter war ihr gewiss. Obwohl es ein lockerer Grillabend werden sollte, bestand ihre Mutter immer auf einem entsprechenden Dresscode ihrer Gäste. Für Katharinas Geschmack lief alles viel zu steif und zu bieder ab, aber seine Eltern konnte man sich nun einmal nicht aussuchen.

Ihr Vater war ein angesehener Chirurg, die Mutter Zahnärztin und Geld stand in einem äußerst gesunden Maß zur Verfügung. Nur diese unterkühlte Distanz, die zwischen ihnen herrschte, machte es bisweilen schwer im zwischenmenschlichen Bereich. Schon mehr als einmal hatte sie darüber nachgedacht, ob das vielleicht der Grund dafür war, warum sie sich einem Mann gegenüber so selten öffnen konnte.

Als kleines Mädchen hatte Katharina von einer Mutter geträumt, die am Herd stand und extra für sie Spagetti kochte, wenn sie aus der Schule nach Hause kam. Die das blutende Knie verarztete, auf Hausfrauenart und mit einem Küsschen natürlich, und ihr dabei zärtlich über die Locken strich.

Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Der Vater arbeitete im Schichtdienst und ihre Mutter kehrte am Abend abgespannt aus der eigenen Praxis zurück. Hin und wieder gab es zwar eine Gutenachtgeschichte, aber die hatte Seltenheitswert. Nur die Urlaube wurden gemeinsam verbracht, wobei sie deutlich spürte, dass ihre Eltern in dieser Zeit hauptsächlich die eigene Ruhe für sich beanspruchten.

Neidisch hatte sie am Strand zu den anderen Familien geschielt und beobachtet, wie ausgelassen die Väter mit ihren Kindern Ball spielten oder Sandburgen bauten. Und beim Neid war es bis heute geblieben. Wann immer ihr eine schwangere Frau begegnete, versetzte es ihr einen tiefen Stich im Herzen und die Sehnsucht nach einer intakten Familie reifte in Sekundenschnelle.

Manchmal hatte sie auch über eine künstliche Befruchtung nachgedacht oder Adoption, aber letztlich verwarf sie diesen Gedanken wieder. Ihre Eltern hätten so eine Entscheidung wahrscheinlich niemals akzeptiert.

Und wieder spürte sie das innere Aufbegehren, die Fesseln des Alltags abzustreifen und zu fliehen. Weg von hier, einfach nur weg.

Nach einigen Minuten hatte sie ihr Ziel erreicht und drückte auf die Klingel. Ein Summen ertönte und das schmiedeeiserne Tor öffnete sich.

„Kathi, du bist aber spät dran!“

Ihre Mutter, Evelin, eilte ihr entgegen, küsste sie flüchtig rechts und links auf die Wange und musterte ihr Outfit. „Hast du wirklich nichts Besseres auftreiben können? Die Bluse macht dich älter, als du tatsächlich bist, wir haben schließlich einige Junggesellen an Bord. Und warum versteckst du deine schlanken Beine hinter so viel Stoff? Wenn du dir einen Mann angeln möchtest, solltest du schon etwas aufreizender wirken. Köpfchen und Stil, so lautet die Devise.“

„Mutter, jetzt ist aber gut. Ich fühle mich ausgesprochen wohl, in der Kleidung. Wie geht es euch?“

Ein erneuter, missbilligender Blick verweilte auf Katharinas Haarpracht. „Liebes, wenn du kein Geld für einen Frisörbesuch aufbringen kannst, dann ich leihe dir gern etwas. Du siehst heut alles andere als bezaubernd aus.“

„Danke für die Blumen. Wo finde ich eigentlich Papa?“

„Er hat sich mit zwei seiner Kollegen in den Salon zurückgezogen. Dein Vater kann die Fachsimpelei einfach nicht lassen.“ Frustriert rollte Evelin die Augen.

„Auch gut. Dann schaue ich mich erst einmal um, wer alles unter den Gästen zu finden ist.“

„Dein Studienfreund und Kollege nebst Gattin ist bereits hier. Die Dame ist unter seinem Niveau, aber wem sage ich das. Katharina, ich werde an der Front gebraucht. Du kommst doch klar?“

„Aber sicher, Mutter.“

Evelin eilte davon und ließ ihre Tochter einfach so stehen. Katharina zuckte nur mit den Schultern und schlenderte durch den üppig blühenden Garten. Ein Hoch auf den engagierten und gut bezahlten Gärtner. Hier und da ergatterte sie ein freundliches Nicken, aber die Gäste unterbrachen selten ihre Gespräche, um sie persönlich zu begrüßen.

Angestrengt hielt sie nach David, ihrem Kollegen, Ausschau, denn sie wollte ihm unbedingt das Videomaterial zeigen. Er war ihr Vertrauter und bester Freund, schon seit dem Studium. David hatte nie einen Hehl daraus gemacht, sich unsterblich in Katharina verliebt zu haben. Aber sie ließ ihn abblitzen. In ihren Augen war er definitiv zu brav und zu lieb, um sich eine erotische Beziehung mit ihm vorstellen zu können.

Enttäuscht darüber, heiratete er sehr jung, doch seine erste Ehe scheiterte. Nach seiner Scheidung ging Katharina ein paar Mal mit ihm aus. Aber es fühlte sich irgendwie falsch an, diese innige Freundschaft wegen eines Liebesaktes zu zerstören. Okay, sie waren bereits kurz davor, sich einander hinzugeben, aber sie hatte gerade noch rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Wenig später heiratete David in aller Stille eine Patientin. Das galt unter Kollegen als verpönt, aber Katharina konnte es David nicht verübeln. Sie hatte ihn zurückgewiesen, ein weiteres Mal, und ihn damit zutiefst verletzt. Hin und wieder fing sie einen seiner sehnsüchtigen Blicke ein. Ja, er liebte sie noch immer und zeigte offen seine Schwäche für sie. Vielleicht war David doch die Liebe ihres Lebens und sie hatte die vielen Chancen, eine eigene Familie zu gründen, sinnlos verstreichen lassen.

Endlich hatte sie David gefunden. Verloren stand er unter dem Dach des Pavillons im hinteren Teil des großzügig angelegten Gartens. Glücklicherweise war von seiner Gattin weit und breit nichts zu sehen, also pirschte sie sich an ihn heran.

„Na du, auch hier?“ Lächelnd blickte sie zu ihm auf. Sein müder Blick streifte ihr Gesicht und hellte sich augenblicklich auf. David sah genauso abgearbeitet aus wie sie selbst.

„Eigentlich würde ich viel lieber auf der eigenen Couch liegen, Psychiater hin oder her, aber Vanessa wollte unbedingt wieder einmal unter Menschen. Sie muss im Mittelpunkt stehen, muss unablässig bewundert werden … na du weißt ja, wie sie ist. Dir hätte die Couch auch besser gestanden, so erschöpft, wie du ausschaust.“

„Danke für das Kompliment, David.“ Katharina lachte. „Du kannst es wunderbar umschreiben, wenn selbst das Make-up die Augenringe nicht mehr verbergen kann.“

„Trotzdem bist du noch immer eine Augenweide.“

„Lass das bloß nicht deine Gattin hören. Aber ich möchte dich etwas fragen.“

„Deine Frage kommt zu spät. Ich bin leider schon vergeben, wie dir sicher aufgefallen ist.“

Sie knuffte ihn in die Seite. „Das ist mir in der Tat schon aufgefallen. Aber jetzt Spaß beiseite. Ich habe eine Mail aus Russland bekommen, jemand bittet um meine Hilfe. Es geht um seltsame Vorfälle innerhalb eines Hospitals und ich denke, es handelt sich um ein gefaktes Video. Vorher möchte ich dennoch deine Meinung einholen.“

Sie fischte das Handy aus ihrer Tasche, tippte auf dem Display herum und hielt David das Video unter die Nase. „Und, was sagst du?“

Er neigte seinen Kopf und sah sie an. „Kaum vorstellbar, welche Zustände dort herrschen. Sollst du Spenden sammeln?“

„Keine Ahnung, aber was denkst du über diesen Patienten?“

„Wenn er nicht schon vorher wahnsinnig war, so hat er spätestens in diesen vier Wänden seinen Verstand verloren.“

„Da stimme ich dir zu, aber wieso kann er schweben?“

„Wie … schweben?“

„Hast du das denn nicht gesehen?“ Erneut spielte sie das Video ab.

„Ach das meinst du. Ja, es sieht tatsächlich so aus, als ob der Mann in der Luft levitiert. Aber ich bezweifle die Echtheit. Für Kameras reicht das Geld, aber nicht für anständige Zimmer und Betten? Wirklich seltsam.“

„Also bist du auch der Meinung, dass diese Leute sich dort nur wichtigmachen wollen und es geht dabei um etwas ganz anderes?“

„Mit Sicherheit. Lass uns doch das Material gemeinsam in der Klinik noch einmal sichten, dort steht uns zumindest ein größerer Monitor zur Verfügung. Du hast zwar morgen frei, aber wenn du eine halbe Stunde dafür opfern würdest, wäre das klasse. Du kannst mir ja während meiner Mittagspause einen Besuch abstatten.“

„Kann ich machen, der Tag ist sowieso nicht verplant. Mich interessieren vor allen Dingen die Beweggründe, weshalb ausgerechnet mir diese Mail zugeschickt wurde.“

„Tja, dein guter Ruf eilt dir voraus und du brauchst deine Doktortitel nicht zu verstecken.“

„Danke für die Ehre. Du, mir knurrt mein Magen und ich werde mich mal an die Front vorarbeiten. Wir sehen uns morgen.“

„Ja, bis morgen.“

Katharina wandte sich ab und tauchte in der Menge unter. Sie war froh darüber, Davids Frau nicht begegnet zu sein. Die hätte mit Sicherheit wieder eine Szene gemacht. Vanessa litt unter dem Borderline Syndrom und machte David inzwischen das Leben zur Hölle. Gegen diese psychische Störung war kein Kraut gewachsen, selten half eine Therapie auf Dauer.

Vanessa wirkte charismatisch und sehr weiblich. Dieser Umstand ließ Männerherzen höher schlagen, besonders das von David. Er hatte wohl gehofft, sie heilen zu können oder sie zumindest seelisch zu stabilisieren. Doch das ging mächtig nach hinten los. Nur seine tiefen Schuldgefühle ihr gegenüber, hielten ihn von einer Trennung ab.

Er hatte sich, genau wie Katharina, eine große Familie gewünscht. Doch auch für ihn schien dieser Traum ausgeträumt. Sie wusste, dass er seine selbstsüchtige Frau niemals auf eigene Kinder loslassen würde. Vielleicht hatte Katharina, mit ihrer Hinhaltetaktik, zwei Menschen unglücklich gemacht.

David war durchaus ein attraktiver Mann, mit seinen grauen Schläfen, der stattlichen Figur und seiner sympathisch warmen Ausstrahlung. Die Patentinnen lagen ihm reihenweise zu Füßen. Trotz aller Versuchungen war er nur bei Vanessa schwach geworden und hielt treu zu ihr, auch wenn es ihm immer schwerer fiel.

„Lass gefälligst die Finger von meinen Mann“, fauchte eine Stimme hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um und starrte verständnislos in Vanessas zorniges Gesicht.

„Du brauchst gar nicht so dumm aus der Wäsche zu gucken, du weißt genau, was ich meine … Der Zug ist für dich abgefahren, du hast deine Chance verpasst. Halte dich in Zukunft von David fern!“, drohte sie leise.

„Liebe Vanessa, ich hatte rein beruflich mit ihm zu tun. Bitte unterstelle mir nicht ständig, deinen Mann anzugraben. Ich weiß, was sich gehört.“

„Ach ja? Kaum auf der Party und schon tauchst du bei ihm auf. Komisch, nicht?“

„Ich verspüre keine Lust auf dieses Theater, Vanessa, lass es gut sein. Warum bist du nicht bei ihm, wenn es dich stört, dass er sich mit mir unterhält?“

„Soll ich ihn rund um die Uhr bewachen?“

„Tust du ja bereits.“

„Halte dich von ihm fern, okay!“

„Vanessa, ich wiederhole es noch einmal: Es war rein beruflich. Ich habe ihm nur ein Video gezeigt.“„Soso und wo hast du deinen Laptop versteckt?“

„Hier schau, das Video befindet sich auf meinem Handy.“

Neugierig verfolgte Vanessa das Geschehen auf dem winzigen Display und wich plötzlich verstört zurück. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte davon. Verwundert blickte Katharina ihr hinterher. Aus dieser Frau wurde sie einfach nicht schlau.

Endlich hatte sie das Zelt erreicht, in welchem sich das gut bestückte Buffet befand. Ihr war schon ganz flau im Magen und sie belud den Teller mit einer ordentlichen Portion lecker zubereiteter Salate. Am Grill holte sie sich noch ein Steak ab und suchte nach einem freien Platz. Abseits des Trubels ließ sie sich das Essen schmecken.

Ihr Blick wanderte über das illustre Häufchen und sie langweilte sich. Auf Smalltalk verspürte sie keine Lust und als in der Ferne der erste Donner grollte, atmete sie auf. Höflicherweise wartete sie noch, bis das Gewitter näher zog und brach dann erst mit den anderen Gästen auf. Besser konnte es gar nicht laufen.

Hastig verabschiedete sie sich von ihren Eltern, die damit beschäftigt waren, das Essen und die Sitzauflagen vor dem Regen zu retten. Der Wind fegte Blätter und Staubwolken vor sich her und auch das Donnergrollen wurde zunehmend lauter. Gutgelaunt eilte sie durch die Straßen und freute sich auf ihr Bett.

Die ersten schweren Tropfen klatschten auf das Pflaster, als sie hastig die Eingangsstür aufschloss und ins Innere flüchtete. Geschafft. Satt und zufrieden verzog sie sich ins Schlafzimmer und öffnete das Fenster. So ein Gewitter hatte auch etwas Reinigendes. Am liebsten lag sie unter der Bettdecke, während es draußen stürmte und regnete.

Die Blitze zuckten hell am Horizont und der Regen rauschte. Doch dieses Mal fühlte sie sich eigenartiger Weise unwohl und spürte eine negative Energie. Barfuß tappte sie zum Fenster, um es zu schließen. Ein kleiner Spalt stand noch offen, als sie einen hohen Klagelaut vernahm.

Was war das? Das lautstarke Gewitter verschluckte die meisten Geräusche und obwohl sie angestrengt lauschte, hörte sie keinen Mucks. Die Luft hatte sich stark abgekühlt und ein Schauer jagte über ihren Rücken. Zurück ins Bett - eine wirklich gute Option. Genau in dem Moment, bevor der Fensterflügel endgültig zuschlug, erklang das Wimmern erneut. Irgendetwas Kleines dort draußen, befand sich in Not.

Hin- und hergerissen, zwischen dem weichen Bett und dem jämmerlichen Fiepen, entschloss sie sich, doch im Garten nachzuschauen. Sie brachte es einfach nicht übers Herz, sich abzuwenden. Mit Taschenlampe und Regenjacke bewaffnet, stromerte sie in Nachtwäsche über das Grundstück. Es fiel ihr schwer, den Ursprung des Klagens zu orten, denn noch immer tobte das Gewitter über der Stadt.

Stopp, jetzt war sie dem Jammern ganz nah. Der mächtige Rhododendron hinderte sie allerdings am Weiterkommen. Ächzend ging sie in die Hocke und leuchtete mit der Lampe in das dichte Blattwerk hinein. Ein leises Rascheln schärfte ihre Sinne. Hatte sich dort eben etwas bewegt?

Auf allen Vieren kroch sie über den glitschigen Boden, bis der Strahl der Taschenlampe von einem aufleuchtenden Augenpaar reflektiert wurde. Klatschnass saß ein verängstigt zitterndes Häufchen Elend vor ihr auf dem Boden. Ihre freie Hand schnellte nach vor und sie griff beherzt in das winzige Fellbündel.

Das fellige Etwas setzte zur Gegenwehr an, fauchte, biss und kratzte, aber Katharinas Griff lockere sich nicht. Behutsam zog sie das Tierchen hervor, presste es an ihre Brust und stolperte durch den dunklen Garten zurück ins Haus. In der Küche setzte sie das kleine Kätzchen ab und lief ins Bad. Völlig durchnässt entledigte sie sich ihrer Nachtwäsche und schlüpfte in den Frotteemantel.

Mit einem Handtuch kehrte sie in die Küche zurück und rubbelte den Neuzugang vorsichtig trocken. Verstört fauchte der kleine Wicht, beruhigte sich aber schnell. Anschließend verarztete sie ihr Handgelenk und tupfte die tiefen Kratzer mit einem Desinfektionsmittel sauber. Dieser Winzling hatte ganze Arbeit geleistet. Bestimmt hatte dieses Fellbündel Hunger. Was fraßen Katzen eigentlich?

Ein Blick in den Kühlschrank ließ sie zu einer Packung Kochschinken greifen. Sie würfelte die Scheiben, drapierte sie auf einer Untertasse und stellte eine Schüssel mit Wasser daneben. Gespannt wartete sie darauf, ob die Miez das Angebot annahm.

Ja, das tat sie. In Windeseile war der Schinken verputzt und das Bäuchlein rund. Aus dem Abstellraum angelte Katharina einen Karton, legte ein Sofakissen hinein und packte das Kätzchen obendrauf.

„So, du süßer Wicht, jetzt wird geschlafen.“ Dann löschte sie das Licht und lief ins Schlafzimmer. Im Bett klebten die feuchten Haare unangenehm am Hals, aber sie war einfach schon zu müde, um sie noch trocken zu föhnen. Schläfrig kuschelte sie sich in die Kissen. Das Gewitter war inzwischen weitergezogen, nur der Regen trommelte monoton auf das Dach.

Während sie den Geräuschen der Nacht lauschte, dämmerte sie langsam hinüber in einen tiefen Schlaf.

Lautes Geschrei weckte sie kurz nach sieben. Stöhnend schlug sie die Bettdecke zurück und lief in die Küche. Der Winzling saß mitten im Raum und maunzte in den höchsten Tonlagen. Erst einige Sekunden später stieg ihr ein ekelhafter Geruch in die Nase.

„He, du hast doch nicht wirklich in den Karton …“

Keine Frage, er oder sie hatte! Mit einem Papiertuch beseitigte sie das gröbste Übel und brachte den Karton samt Kissen vor die Tür. Das Fenster weit geöffnete, bekam der Winzling eine weitere Portion Schinken.

Dann kochte sie sich eine Kanne Kaffee und suchte die Nummer des Tierheimes heraus. Hierbleiben konnte die Minisamtpfote auf keinen Fall. Irgendwie meldete sich doch das schlechte Gewissen zu Wort, als sie die Telefonnummer ins Display tippte. Aber da musste sie jetzt durch.

„Tut uns wirklich leid, aber wir sind völlig überfüllt. Momentan gibt es einen Aufnahmestopp für Katzen, es sind einfach zu viele.“ Ja, das war genau die Antwort, die sich erhofft hatte.

Aber Maria! Die hatte doch Enkelkinder, die sich bestimmt über so ein kleines Kätzchen freu … nein, die nächste Absage.

Laura wusste auch keinen Rat. „Behalt sie doch einfach, du bist doch sowieso allein in einem viel zu großen Haus.“ Rums, das hatte wieder einmal gesessen. Es grenzte fast schon an ein Wunder, dass sie ihre beste Freundin überhaupt Zuhause erreicht hatte.

Jeder in ihrem Umfeld hatte ein vernünftiges Liebesleben, nur sie musste sich mit einer Katze begnügen. „Tja, du kleiner Wicht, sieht nicht gut aus, keiner will dich. Wohl oder übel musst du hier bleiben. Ich weiß noch nicht einmal, wo ich zum Sonntag eine Katzentoilette auftreiben soll. Aber ich arbeite daran.“

Den heißen Kaffee schlürfend, saß sie den restlichen Vormittag im Arbeitszimmer und klickte sich durch sämtliche Webseiten über die Haltung von Katzen. Das Zubehör bestellte sie letztlich in einem Shop und ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie sich so langsam sputen musste. Den Laptop verstaute sie in ihrer Aktentasche und eilte nach unten.

Damit der Winzling nicht wieder ein stilles Örtchen suchen musste, beförderte sie einen weiteren Karton in die Küche und befüllte diesen mit Zeitungsschnipseln. In einem der Fachmagazine hatte ihr größter Kontrahent einen unmöglichen Artikel über Autisten verfasst. Und auf diese Zeilen konnte die kleine Katze getrost schei …

Obwohl sie sich mit David nur beruflich in der Klinik traf, hübschte sie sich ein wenig auf und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Alles okay. Kurz darauf glitt der BMW aus der Garage und sie trat aufs Gas.

David wartete schon im Büro auf sie und wie immer strahlten seine Augen, als sie den Raum betrat. „So, dann wollen wir mal.“ Sie fuhr den Laptop hoch und klickte auf Start.

Erneut schüttelte David den Kopf. „Ich kann es nicht fassen, wie die Menschen dort verwahrt werden, eine Szene ist verstörender als die andere.“

„Ja, da stimme ich dir zu. Achtung, jetzt kommt die Stelle, wo er schwebt.“

„Hm, dieser Kerl müsste ein verdammt guter Schauspieler sein. Den Anfall kann man kaum besser darstellen, aber gut, mit der heutigen Technik ist vieles machbar.“

„Ist es echt?“

„Ich bezweifle das. Zeig mir bitte die anderen Videos.“

„Gerne.“

Gebannt beobachtete David das Verhalten der zwei weiteren Patienten. „Mir jagen diese Bilder einen Schauer über den Rücken“, gab David ehrlich zu. „Das ist doch kein Leben, das ist die Hölle. Was mir auffällt, ist der absolut schlechte Gesundheitszustand dieser Menschen, total mager und unterernährt. Sie sind seelisch vollkommen verwahrlost, überall auf dem Boden verteilen sich Fäkalien, obwohl eine Toilette im Raum vorhanden ist. Kein Pfleger wischt den Boden, niemanden kümmert es. Bei uns ist auch nicht alles Gold, was glänzt, aber das?“

„Diese Menschen sind hilflos der Situation ausgeliefert, falls die Videos echt sind.“

„Was ich mich ebenfalls erstaunen lässt: Wer betreibt für so ein kurzes Video einen derart immensen Aufwand? Wo wurden diese Leute gecastet? Mussten die Darsteller hungern? Einerseits überkommt mich das nackte Grauen, je länger ich mir die Videos anschaue. Andererseits wehrt sich mein Innerstes und behauptet, dass diese Bilder einfach nicht der Wahrheit entsprechen können.“

Katharina musterte David skeptisch. „Jetzt sag schon, würde sich eine Reise lohnen?“

„Du bist echt verrückt! Willst du wirklich nach Sibirien reisen?“

„Warum nicht? Vielleicht kann man entsprechendes Material einigen Journalisten zuspielen und so für eine Verbesserung der Lebensbedingungen sorgen. Die Zellen, in denen diese Menschen hausen müssen, existieren zumindest.“

„Aber stell dir doch nur einmal vor, du fährst gutgläubig dorthin und dann handelt es sich nur um eine Fälschung. Von der negativen Presse, die über dich hereinbricht, ganz zu schweigen. Deinen guten Ruf bist du los.“

„Das weiß ich doch. Aber egal, wie sehr mich das Videomaterial auch abstößt, es zieht mich trotzdem magisch an. In zwei Wochen habe ich sowieso für eine längere Zeit frei und wenn ich noch ein paar Urlaubstage anhänge, könnte es klappen.“

„Du meinst das jetzt nicht im Ernst?“

„Doch. Ich muss einfach hier raus, ich habe das Gefühl zu ersticken. Nichts läuft so, wie ich es mir wünsche. Ich bin total frustriert.“

„Ach Katharina … Warum hast du uns bloß nie eine Chance gegeben? Gesteh dir doch endlich ein, dass du genauso unglücklich darüber bist, wie ich. Wir sitzen beide in einem Hamsterrad fest.“

„Bitte, David, nicht schon wieder.“

„Auch wenn du es nicht hören möchtest, ich habe Recht. Diese Tatsache kannst du drehen und wenden wie du möchtest.“

„Lass uns jetzt nicht darüber streiten. Du bist mit Vanessa liiert, also erübrigt sich dieses Gespräch.“

„Danke, dass du mich freundlicherweise daran erinnerst.“

„Was ist jetzt mit dem Videomaterial? Würde sich eine Reise lohnen?“

„Die Forschung ist dein Steckenpferd und die Antwort darauf kennst nur du allein. Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl im Bauch, dich fahren zu lassen.“

„Dann werde ich morgen den Chef um Beistand bitten, mal schauen, was er dazu sagt.“

„Ja, mach das. Ich wünsche dir noch einen entspannten Sonntag.“

„Danke und ich dir raschen Feierabend.“

Sie sah, wie er sich enttäuscht abwandte und geschäftig in seinen Unterlagen kramte. Es tat ihr leid, ihn so verletzt zu haben. Doch sie wollte nicht von einer gemeinsamen Zukunft träumen, die es so für beide nicht geben konnte. Vanessa würde in die Scheidung niemals einwilligen, von einer öffentlichen Schlammschacht ganz zu schweigen. Davids Ruf wäre ruiniert. Für immer.

Warum musste er ausgerechnet heut das leidige Thema wieder ansprechen? Ihre gute Laune war dahin, vom restlichen Sonntag ganz zu schweigen. Verärgert lenkte sie den Wagen durch die Straßen und grübelte darüber nach, ob es sich lohnte, diesen Videos auf den Grund zu gehen. Sie glaubte nicht an derlei Zeugs und schon gar nicht an schwebende Menschen. Auf alle Fälle wollte sie sich um weiteres Material kümmern, damit sie sich auf die vorliegenden Fakten stützen konnte.

Zurück in der Villa, suchte sie den kleinen Wicht und wurde im Arbeitszimmer fündig. Zusammengerollt lag er versteckt zwischen den Kissen und begann sofort zu schnurren, als ihre Finger zärtlich durch das Fell glitten.

„So langsam wird es Zeit, dass ich dir einen Namen gebe, denn auf Dauer wirst du wohl kein Winzling bleiben.“ Behutsam hob sie das Kätzchen hoch. Aha, ein Mädchen. „Wäre es dir recht, wenn ich dich ab heute Minou nenne?“

Zärtlich drückte Katharina das Fellbündel an ihre Brust. Das Kätzchen schnurrte noch immer und kuschelte sich an ihr neues Frauchen. Binnen Sekunden hatte Minou Katharinas Herz im Sturm erobert. Nein, das Kätzchen wegzugeben kam definitiv nicht mehr in Frage.

Unten in der Küche taute sie das teure Fischfilet auf, um den Neuzugang zu verköstigen. Sie selbst bestellte sich ein Menü beim Inder, welches etwas später geliefert wurde. Anschließend forderte sie weiteres Videomaterial an, um eine Entscheidung fällen zu können.

Kapitel 3

Morgen war es also soweit, der Flug war gebucht und die Koffer gepackt. Sechs Tage würde sie in Krasnojarsk bleiben, um den seltsamen Dingen auf den Grund zu gehen.

Ihr Chef hatte zwar den Urlaub genehmigt, aber keinerlei Forschungsgelder zur Verfügung gestellt. Flug und Unterbringung bezahlte sie also aus eigener Tasche. Außerdem hatte sie noch zusätzliches Equipment besorgt, um das dortige Umfeld zu dokumentieren.

David war nach wie vor wenig angetan von ihrer Idee und hatte sie mehrmals darum gebeten, besser nicht zu fahren. Auch Maria vertrat die Meinung, dass ein klassischer Urlaub mehr zu Katharinas Erholung beigetragen hätte. Aber sie war einfach zu neugierig, was es mit den Videos auf sich hatte. Ihr Wissensdurst, einmal entfacht, ließ sich nicht so leicht stillen.

Der Dienst war gleich zu Ende und sie wollte sich von Tim verabschieden. In letzter Zeit wirkte der Junge verlorener als sonst und ihr schlechtes Gewissen flammte hin und wieder auf. Aber es waren doch nur sechs Tage, beruhigte sie sich stets. Danach hatten die Patienten sie wieder.

Tim saß im Aufenthaltsraum am Fenster. Den Oberkörper auf das Fensterbrett gebeugt, schlief er wieder tief und fest. Sie ging in die Hocke und rüttelt sanft an seinem Arm. Verschlafen hob er seinen Blick und blinzelte. Mürrisch, durch die erfolgte Störung und Berührung, presste er seinen Arm dicht an den Oberkörper.

„Hallo, mein Kleiner. Ich wollte mich nur von dir verabschieden, ich verreise für ein paar Tage.“

Blitzschnell umfassten seine Finger ihr Handgelenk. „Nicht fahren, hierbleiben, bitte.“ Beinahe flehend sah er sie an.

Behutsam löste sie seinen Klammergriff. „Tim, was ist denn los? Ich komme wieder zurück, das weißt du doch. Es sind nur ein paar Tage.“

„Alles wird sich ändern … alles wird sich ändern …“ Ununterbrochen schlug er sich im Rhythmus seines Singsangs auf das Ohr.

Erschrocken fixierte sie seinen Arm. „Schhhh … Tim, beruhige dich bitte. Ich bin bald wieder zurück, fest versprochen.“

Doch Tim hörte nicht auf, gegen diese Reise zu protestieren, bis ihn ein Pfleger in seine Obhut nahm und ihm ein Beruhigungsmittel verabreichte. Katharina zerriss es das Herz, den Jungen so leiden zu sehen. Aber das Projekt erschien interessant und vielleicht konnten durch Spenden die Lebensbedingungen dieser bedauernswerten Patienten verbessert werden.

Der bevorstehende Ortswechsel kam ihr wie gerufen, denn in ihrem Leben hatte sich einiges festgefahrenen. Zwar hatte sie von einem Urlaub am Meer geträumt, aber was soll‘s. Den konnte sie später immer noch planen. Immerhin wussten jetzt alle Bescheid.

Der einzige, von dem sie sich noch nicht verabschiedet hatte, war David. Seit diesem Gespräch vor zwei Wochen waren sie sich aus dem Weg gegangen und hatten kein Wort mehr miteinander gewechselt. So, wie es ausschaute, würde wohl auch die Freundschaft an den Gefühlen füreinander zerbrechen. Sie bedauerte diesen Umstand sehr. David würde ihr fehlen, auf privater und beruflicher Ebene.

Um nicht im Streit auseinanderzugehen, begab sie sich in die forensische Abteilung und suchte ihn. Sein einst so strahlender Blick blieb dunkel.

„Hallo David. Ich fliege morgen nach Krasnojarsk und wollte mich von dir verabschieden. Hast du vielleicht noch einen Tipp für mich, worauf ich besonders achten sollte?“

„Nicht das ich wüsste“, erwiderte er kühl. „Wie du bereits weißt, halte ich von deiner Reise nicht viel, aber du musst wissen, was du tust.“

„Dann entschuldige bitte die Störung. Dir noch einen schönen Tag.“

Wütend knallte sie die Tür hinter sich zu. Das war es also, das Ende. Einfach Aus und Vorbei. Sie spürte die Tränen aufsteigen und kämpfte dagegen an. Verstohlen wischte sie sich die Augenwinkel und lief zurück auf ihre Station. Wer nicht will, der hat schon! Sollte David doch mit seiner durchgeknallten Vanessa selig werden.

Die Kollegen auf ihrer Station wünschten ihr eine gute Reise und viel Erfolg. Bevor sie endgültig aufbrach, schaute sie noch bei Tim vorbei. Zusammengerollt wie ein Embryo, lag er im Bett und schlief er tief und fest. Liebevoll streichelte sie über sein dunkelblondes, kurzes Haar. „Mach’s gut mein Kleiner, wir sehen uns bald wieder.“

Leise schlich sie zur Tür hinaus, packte ihre Habseligkeiten in die Tasche und trat den Heimweg an.

In der Villa begrüßte Klein-Minou ihr Frauchen und strich ihr laut schnurrend um die Beine. In den letzten zwei Wochen war sie ordentlich gewachsen und fühlte sich im neuen Zuhause rundum wohl. Maria hatte sich bereit erklärt, das Tierchen während ihrer Abwesenheit zu versorgen.

Katharina konnte nicht genau sagen warum, aber der Zeitpunkt für diese Reise erschien ihr mit einem Mal doch recht unpassend. Diese leisen Zweifel hatten sich erst in letzter Zeit eingeschlichen. Aber was soll’s, jetzt war alles gebucht und bezahlt. Ein Rückzieher wäre irgendwie albern und kam nicht in Frage.

Nach einem entspannenden Wannenbad, checkte sie noch einmal das Gepäck und die Papiere. Alles vollständig. Dann schrieb sie eine lange Liste mit Dingen, die Maria beachten sollte. Unruhig tigerte sie durch die Villa und sah sich noch einmal die verstörenden Videos an. Was würde sie morgen Abend erwarten? Ob sie schon einen Blick auf die Patienten werfen durfte?