Verlag: neobooks Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Kaltes Herz - Ana Dee

Überarbeitete Neufassung Julia, eine junge Studentin, hat sich mit Leib und Seele ihrem Berufswunsch verschrieben. Privat läuft es weniger gut, denn sie beweist bei ihrer Partnerwahl meist kein glückliches Händchen. Durch Zufall lernt sie Christian kennen, einen gestandenen, aber auch ziemlich eigensinnigen Mann, der ein seltsames Interesse an ihr hegt. Anfangs lässt sie sich auf ihn ein, bis sie später eine grausige Entdeckung macht, die sie in Atem hält. Aber damit nicht genug - Julia muss sich auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen … Kriminalroman mit mystischen Elementen

Meinungen über das E-Book Kaltes Herz - Ana Dee

E-Book-Leseprobe Kaltes Herz - Ana Dee

Kaltes Herz

Ana Dee

Widmung

Dieses Buch ist meinen treuen Lesern gewidmet,

denn ohne Sie, würde es meine Bücher nicht geben.

Sie, liebe Leser, sind mein Motor und mein Antrieb.

Inhalt

Anmerkung

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Zweiter Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Nachwort

Weitere Bücher der Autorin

Impressum

Anmerkung

Überarbeitete Neufassung

Sämtliche Protagonisten, Institutionen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wo tatsächlich existierende Orte erwähnt werden, geschieht dies im Rahmen fiktiver Ereignisse.

Erster Teil

Verkauftes Leben

Kapitel 1

Die graue Tristesse des Novembers ließ die Menschenmenge in zusammengesunkener Haltung durch die Fußgängerzone eilen. Die Schaufenster der Geschäfte warfen ein warmes Licht auf die vermummten Passanten, die keinerlei Muße hatten und sich selten von den Angeboten locken ließen.

Heute wehte ein besonders schneidender Wind und Julia schlug den Kragen ihres Mantels hoch. Das Wetter hatte umgeschlagen und Minustemperaturen mit sich gebracht. Gezielt steuerte sie die Geschäfte an und war froh, für einige Minuten die angenehme Wärme zu spüren. Die vom Wind geröteten Wangen kribbelten.

So wie jedes Jahr kaufte sie die Weihnachtsgeschenke am liebsten persönlich, denn in diesen Dingen vertrat sie eine altbackene Ansicht. Gerade an Weihnachten sollten die Geschenke auch von Herzen kommen. Nur war sie gerade in diesem Moment nicht wirklich mit ihrem Herzen dabei.

Florian hatte die Beziehung beendet, ausgerechnet jetzt. Zuhause in ihrem kleinen Apartment fiel ihr ständig die Decke auf den Kopf und so hatte sie sich in ihren kleinen Flitzer geschwungen und war in die Innenstadt gefahren. Nun suchte sie auf Krampf Geschenke, denn was man jetzt an Land gezogen hatte, brauchte man später nicht im Gewühl der Adventszeit besorgen.

Seufzend schüttelte sie eine Schneekugel und stellte diese zurück in das Regal. Sie hätte ins Kino gehen sollen, das wäre wohl die bessere Alternative gewesen. Warme Füße, Popcorn fürs traurige Gemüt und ein anständiger Horrorfilm. Und jedem der Opfer hätte sie Florians Gesicht verpasst, dachte sie erbost.

Wie hatte er ihr das nur antun können, wo er doch genau wusste, wie sehr sie die Vorweihnachtszeit zelebrierte. Angeblich drifteten ihre gemeinsamen Interessen auseinander und er hielt eine Auszeit durchaus für angemessen. Was für ein Blödsinn! Sie wusste doch ganz genau, dass er sie betrogen hatte. Immer wieder wurde sie auf diese Weise abserviert und dieser Zustand hatte sich bei ihr fast schon manifestiert. Frustriert eilte sie durch die Fußgängerzone. Für heute hatte sie genug geshoppt und machte auf dem Absatz kehrt. Sie freute sich auf ihr gemütliches Apartment und beschleunigte ihre Schritte. Mühsam schlängelte sie sich durch das Wirrwarr der Passanten und wurde ruckartig nach hinten gestoßen. Unbeholfen landete sie auf ihrem Allerwertesten.

„Hallo, was soll das?“ Verärgert schaute sie auf.

„Was? Ich?“, fragte der Mann im grauen Parka beinahe empört.

„Natürlich Sie, wer sonst?“, fauchte sie, während sie sich aufrappelte.

„Na hören Sie mal! Wer hetzt denn hier durch die Fußgängerzone, als befände er sich auf der Flucht? Ich ganz bestimmt nicht.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem abfälligen Grinsen.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich das Steißbein. Sie öffnete den Mund, um ihrem Frust Luft zu machen, ließ es dann aber bleiben. Dieser arrogante Typ, locker doppelt so alt wie sie, war es einfach nicht wert. Sie musterte ihn verkniffen und drängte sich dann an ihm vorbei. Plötzlich spürte sie einen Widerstand am rechten Ärmel.

„Ach, nun kommen Sie schon, ich spendiere Ihnen einen Kaffee. Als Wiedergutmachung sozusagen.“

„Hm. Ich weiß nicht so recht ...“ Sie hörte überdeutlich, wie die bequeme Couch nach ihr rief.

„Na los. Worauf warten Sie?“ Er benutzte einen schneidenden Befehlston, obwohl er diesmal freundlich lächelte.

„Warum eigentlich nicht. Wohin gehen wir?“

Ohne eine Erklärung eilte er los und sie stolperte ihm hinterher. Er wartete nicht, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte, sondern lief unbeirrt weiter. Was für ein merkwürdiger Zeitgenosse, dachte sie und begutachtete ihn neugierig von hinten. Für sein Alter war er ein recht knackiges Kerlchen. Breite Schultern, ein forscher Gang und eine vollständige Kopfrasur. Da will wohl jemand mit seinem Testosteronspiegel protzen, lächelte sie belustigt.

Urplötzlich drehte er sich um, als hätte er ihre Gedanken erraten. Sein undefinierbarer Blick ließ Julia erröten.

„Gleich um die Ecke ist ein gemütliches Bistro, dort kehren wir ein.“

Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, lief er weiter, während sie kaum Schritt halten konnte. Schwungvoll riss er die Glastür auf und hatte sofort die komplette Aufmerksamkeit aller Gäste. Betreten sah sie zu Boden und huschte hinter ihm zu einem freien Tisch. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er ihr gentlemanlikeaus der Jacke half, aber er setzte sich sofort. Sie hängte ihre Jacke locker über die Stuhllehne und nahm ebenfalls Platz. Beinahe herrisch winkte er die Bedienung an den Tisch.

„Bitte zwei Kaffee“, gab er mürrisch die Bestellung auf.

Die Servicekraft verkniff sich ein Schmunzeln, ihr Gegenüber schien also kein Unbekannter zu sein.

Kaum war die junge Frau in Richtung Theke verschwunden, raunte er Julia zu: „Das Essen hier schmeckt grauenvoll, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Verstand sie nicht, schließlich hatte er sie nur auf einen Kaffee eingeladen und nicht zum Dinner. „Aha“, lautete ihre knappe Antwort, mit der er sich nicht so recht zufriedengeben wollte.

„Ich arbeite ebenfalls in der Gastronomie, ich bin Koch.“ Einige Augenblicke verstrichen, bevor er mit geschwellter Brust hinzufügte: „Chefkoch.“

„Das klingt nach einem spannenden Aufgabenbereich“, heuchelte sie Interesse.

Hoffentlich entlarvte sie nicht ihr gelangweilter Blick, denn sie wünschte sich sehnsüchtig in die eigenen vier Wände zurück. Leider saß sie jetzt mit diesem Chefkoch an einem Tisch und wusste nicht so recht, worüber sie reden sollte. Kochen war definitiv nicht ihre Stärke, aber das wollte sie ihm nicht auf die Nase binden.

„Ich heiße übrigens Christian“, stellte er sich ganz formal vor.

„Und ich bin Julia.“

„Was machst du so beruflich? Auch im Service tätig?“

Sie musste lachen. „Ja, irgendwie schon.“

„Wie darf ich das verstehen? Bist du noch Auszubildende?“

„So könnte man es auch nennen.“ Sie wollte keine persönlichen Dinge preisgeben. Er fragte einfach viel zu viel und das ging ihr gehörig auf die Nerven.

„Service oder Küche?“

„Nichts dergleichen, ich studiere Lehramt, viertes Semester.“ Dieser Koch war ziemlich hartnäckig. Hoffentlich gab er jetzt endlich Ruhe.

„Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

Hallo? Für wen hielt sich dieser Möchtegern-Sternekoch eigentlich? Seine Worte hatten sie verletzt und erbost dachte sie an Florian - Männer waren doch alle gleich.

Endlich standen die Kaffeetassen auf dem Tisch und sie nippte mit kleinen Schlucken am heißen Getränk. Die vielen Leute engten sie ein und sie sehnte sich nach ihren eigenen vier Wänden. Christian seufzte mehrmals hintereinander und höflich, wie sie war, widmete sie ihm wieder ihre volle Aufmerksamkeit.

„Na, wo drückt der Schuh?“

„Frag lieber nicht.“

Er nahm einen großen Schluck, verbrannte sich die Lippen und fluchte einen Tick zu laut. Pikiert drehten sich die Damen vom Nebentisch in seine Richtung, jetzt war er definitiv in Ungnade gefallen. Doch das kümmerte ihn nicht. Unbeeindruckt fuhr er fort und redete sich fest. Schimpfte über das unfähige Personal, seinen schwulen Chef, die unbeholfenen Küchenhilfen und die völlig untalentierten Jungköche. Warum hatte sie ihn bloß ermuntert, sich alles von der Seele zu reden? Hatte sie nicht noch einen dringenden Termin?

Mit Sicherheit!

Demonstrativ warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Oh, das tut mir wirklich sehr leid“, unterbrach sie ihn und schenkte ihm ihren charmantesten Augenaufschlag, „aber ich muss noch ein Rezept zur Apotheke bringen. Meine Großmutter braucht ihre Herztabletten, sie kann unmöglich darauf verzichten.“

Eine unglaublich plumpe Ausrede, aber sie brachte es einfach nicht fertig, geschickt zu lügen. Christian blickte missmutig zu ihr auf, als sie sich erhob.

„Vielen Dank für den Kaffee, man sieht sich …“

Sie verabschiedete sich hastig und eilte nach draußen. Vor der Tür atmete sie erleichtert auf und lief in Richtung Parkplatz. Sie schämte sich ein wenig, ihn einfach sitzen gelassen zu haben, aber sie hätte es keine Sekunde länger ausgehalten.

Christian war schon ein komischer Kauz - selbstverliebt und arrogant. Warum hatte er sie so herabgestuft? Musste man einem Menschen immer genau ansehen, welchen Beruf er ausübte? Sie liebte Kinder und nach dem Abitur war nur das Studium in Frage gekommen.

Außerdem, irgendeine Mahlzeit konnte doch schließlich jeder zaubern? Der ganze Hype um diese trivialen Kochsendungen war ihr einfach suspekt. Da stiefelte ein Team aufgeplusterter Köche in irgendwelche Restaurants und bemängelte die Arbeit der Dilettanten am Herd. Und so, wie Christian über seine Kollegen vom Leder zog, würde er wunderbar in diese Truppe passen.

Endlich hatte Julia ihr Apartment erreicht und schloss die Eingangstür auf. Der aromatische Geruch von Zimt und eine wohlige Wärme strömten ihr entgegen. Wie sehr hatte sie diesen Augenblick herbeigesehnt. Die kärgliche Ausbeute ihrer Shoppingtour verstaute sie im Schlafzimmer, das eher einer winzigen Abstellkammer glich.

In der Küche brühte sie sich einen Tee, denn sie fror noch immer. Anschließend sprang sie unter die Dusche. Während das Wasser auf sie niederprasselte, musste sie unweigerlich an Florian denken. Wie oft hatten sie hier gemeinsam gestanden, das warme Nass und die prickelnde Körpernähe genossen. Zu den Wassertropfen auf ihrem Gesicht gesellten sich salzige Tränen. Ihre Liebesbeziehungen standen unter keinem guten Stern und bei der Partnerwahl bewies sie meist kein glückliches Händchen. Mit Florian, so hatte sie gehofft, würde alles besser werden. Aber dachte sie das nicht jedes Mal?

Nachdem sie ihren Eltern das Trennungsdrama gebeichtet hatte, bemerkte sie den flüchtigen Seitenblick ihrer Mutter. Wie sie zum Vater hinüberschaute, die Augen leicht verdrehte, getreu dem Motto: Hatten wir das nicht vorausgesagt?

Und nun stand sie hier, mutterseelenallein und umschlang mit ihren Armen den Oberkörper. Selbstmitleid hatte ihr noch nie gutgetan. Trotzdem heulte sie wie ein Schlosshund, hatte Sehnsucht nach Florian und wollte ihn wieder zurück. Sie pfiff auf ihren Stolz. Vielleicht sollte sie ihn anrufen? Aber war das wirklich eine Option? Warum konnte sie Florian nicht zum Teufel jagen, anstatt ihm hinterherzutrauern?

In Wahrheit fürchtete sie sich vor dem Alleinsein und diese Angst war tief in ihrem Unterbewusstsein verankert. Mehr als einmal hatte sie sich gefragt, woher diese zwiespältigen Gefühle stammten, die einfach aus dem Nichts auftauchten und über sie hinwegfegten. Wehleidig schluchzend verkroch sie sich im Bett, der Tee blieb unberührt in der Küche zurück.

Am nächsten Morgen hatte sie sich wieder etwas gefangen. Mit einer Tasse Kaffee saß sie vor ihrem Laptop und loggte sich in eines der sozialen Netzwerke ein. An diesem täglichen Ritual hatte sie stets festgehalten. Die witzigen Sprüche, die ihre Kommilitonen fleißig teilten, entlockten ihr oft ein herzhaftes Lachen. Sie war kein Morgenmuffel und liebte es, aktiv in den Tag zu starten.

Kaum im Netz wunderte sie sich über eine gewisse Freundschaftsanfrage. Wie hatte Christian sie bloß ausfindig gemacht und warum eigentlich? Sicherlich war er beinahe doppelt so alt wie sie. Doch warum sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen, die Uni rief. Sie schnappte sich ihre Tasche und eilte aus dem Haus.

Nachdem sie den Wagen auf dem Universitätsgelände abgestellt hatte, lief sie die Flure zum Hörsaal entlang und ihre gute Laune verebbte schlagartig. Florian stand mit seiner neuen Flamme in einer Nische und küsste sie zärtlich auf die Stirn.

Julia versuchte sich nichts anmerken zu lassen, straffte die Schultern und schritt hoch erhobenen Hauptes an den Turteltauben vorbei. Es kostete sie einiges an Überwindung und am liebsten wäre sie umgekehrt, aber sie konnte nicht ewig davonlaufen. Der Ausspruch ihres Vaters, was Liebesbeziehung betraf, fiel ihr wieder ein. „Tauche deinen Füller niemals in Firmentinte.“ Tja, nun musste sie Florian ertragen, bis zum Ende ihres Studiums. Aber suchte man sich denn aus, in wen man sich verliebte?

Frustriert fischte sie ihr Smartphone aus dem Rucksack, nahm Christians Freundschaftsanfrage an und ließ es in die Jackentasche gleiten. Basta.

Vor dem Hörsaal wartete bereits ihre beste Freundin Emily auf sie.

„Guten Morgen Julia, hast du gut geschlafen?“

„Eigentlich schon. Aber kaum bin ich hier, läuft mir Florian über den Weg und reißt die alten Wunden wieder auf.“

„Du kommst darüber hinweg, glaube es mir. Ich mochte ihn sowieso nie besonders leiden.“

„Ich dafür umso mehr …“ Julia schniefte leise.

„Ach was. Vergiss diesen Kerl und lass uns reingehen.“

Die Vorlesung zog sich wie Gummi in die Länge. Von der eigenen Neugierde angestachelt, angelte Julia vorsichtig das Smartphone aus der Jacke und legte es auf ihre Knie. Mit wem Christian wohl alles befreundet war? Sein Beziehungsstatus interessierte sie besonders. Vergeben. Na ja, einen Versuch war es wert gewesen. Außerdem redete er zu viel über Gott und die Welt.

„Fräulein Lange, könnten Sie Ihre gesamte Aufmerksamkeit wieder meinem Vortrag widmen?“

Der grauhaarige Professor blickte streng über den Rand seiner Brille und Julia schoss die Röte ins Gesicht. Sie schaute wieder nach vorn, um den Ausführungen des Professors zu folgen, während Emily wissend grinste. Ja, das war auch so eines dieser Dinge, die sie ziemlich schlecht beherrschte. Sie konnte niemandem etwas vormachen und schon beim Abschreiben in der Grundschule hatte sie sich äußerst ungeschickt angestellt. Sie hegte sogar die heimliche Befürchtung, dass ihre zukünftigen Schüler sie mit Cleverness um Längen schlugen.

Zurück in ihrem kleinen Reich kickte sie die Schuhe von den Füßen und warf die Tasche auf das Sofa. Lustlos schob sie eine Lasagne in den Backofen. Eigentlich sollte sie sich auf eine anstehende Klausur vorbereiten, doch schon gestern hatte sie sich kurzfristig für die Shoppingtour entschieden und das Lernen sausen lassen. Auch heute fehlte ihr die nötige Muße und sie surfte stattdessen im Internet. Irgendwann blieb sie an Christians Profil kleben und studierte, was er von sich preisgab.

Er besaß nicht wirklich viele Freunde, im Vergleich zu ihrer ansehnlichen Sammlung. Außerdem war er nicht gerade aktiv im Social Network unterwegs und zu ihrem Leidwesen fand sie nicht heraus, mit wem er liiert war. Sie wollte ja nur einen klitzekleinen Blick auf die Dame des Hauses werfen, um ihren eigenen Voyeurismus zu befriedigen.

Enttäuscht klappte sie den Laptop zu und zog sich die Laufschuhe über. Dick vermummt joggte sie durch die Straßen, um ihren Kopf freizubekommen. Ohne es zu bemerken, war sie in die Richtung des Bistros gelaufen, in dem sie Florian zum ersten Mal begegnet war. Sehnsüchtig starrte sie durch die Scheibe und ließ ihrem Herzschmerz freien Lauf.

Oh nein, wie peinlich. Ihr Ex saß an einem der Tische und hielt mit seiner Neuen Händchen. Kopfschüttelnd blickte er Julia an. Wie konnte er nur! Florian hatte diesen Ort entweiht, für immer und ewig. Am meisten störte sie jedoch, dass er wahrscheinlich dachte, sie würde ihm hinterherspionieren. Wütend tippte sie sich mit dem Zeigefinger an die Stirn und trabte mit hängenden Schultern nach Hause.

Um den restlichen Nachmittag nicht sinnlos verstreichen zu lassen, breitete sie auf dem Schreibtisch die Lehrbücher aus und versuchte mit der nötigen Konzentration den Lernprozess zu beschleunigen. Das klappte genau zwanzig Minuten, dann zeigte das Smartphone akustisch eine Nachricht an. Wie hypnotisiert las sie die Zeilen, Christian lud sie zu einem Abendessen ein.

Obwohl, das stimmte nicht so ganz, denn er hatte eher im Alleingang beschlossen, mit ihr zu dinieren. Ort und Zeit standen bereits fest, fehlte nur noch, dass er ihr einen bestimmten Dresscode vorschrieben hätte. Sie war schon drauf und dran ihm eine Absage zu erteilen, als sie sich an die Begegnung mit Florian erinnerte.

Schien dieses Abendessen nicht geradezu dafür geschaffen, ihrem Ex auf diese Weise unter die Nase zu reiben, dass auch sie vergeben war? Sie brauchte ja nur ein Foto von Christian und dem opulenten Mahl zu posten. Immerhin waren Florian und sie noch befreundet, zumindest in den sozialen Netzwerken.

Ein reifer Mann interessierte sich für sie und alle Welt sollte es wissen. Und so schlecht sah Christian nun wirklich nicht aus, er war auf eine gewisse Weise durchaus vorzeigbar. Sie tippte ihm ihre Zusage und wühlte sich durch die Outfits im Kleiderschrank. In einem luftigen Sommerkleid hätte sie vielleicht mit ihren wohlgeformten Beinen punkten können, aber in Wollpullover und Jeans sah die Sache schon ganz anders aus.

Von der Figur her war sie eher der schlanke, sportliche Typ. Noch heute kam es manchmal vor, dass sie ihren Ausweis vorzeigen musste. Kritisch beäugte sie sich im Spiegel und wünschte sich ein wenig mehr Kaminholz vor der Hütten, mit dem das Weib locken konnte. Stattdessen wirkte sie zerbrechlich, ja beinahe kindlich …

Das warf natürlich einige Fragen auf. Warum interessierte sich Christian überhaupt für sie? Und was hielt seine Partnerin eigentlich davon, dass er sich mit anderen Frauen verabredete? Oder wollte der Chefkoch sie persönlich mit seinen Kochkünsten aufpäppeln? Vielleicht war es besser, sie zerbrach sich darüber nicht den Kopf. Hauptsache, es ergab sich eine passende Gelegenheit, um dieses Foto zu posten, und danach konnte die Welt untergehen.

Nach einer kurzen Dusche traf Julia die letzten Vorbereitungen für ihr Date mit Christian. Sie schminkte sich viel zu selten und nervös wie sie war, zitterten ihre Hände beim Auftragen der Mascara. Anschließend musste sie sich die schwarzen Tupfen sogar von ihrer Augenbraue wischen.

Damals, für das erste Treffen mit Florian, hatte Emily sie zurechtgemacht. Sie war das klassische Weibchen, mit Sommersprossen und Stupsnase weckte sie in jedem Mann den Beschützerinstinkt. Und mehr als einen einzigen Augenaufschlag brauchte es meist nicht, um das männliche Geschlecht davon zu überzeugen.

Emily ging unglaublich geschickt mit den Schminkutensilien um und das Ergebnis war hinterher stets perfekt. Julia staunte immer wieder über die eigene Verwandlung. Aber dieses Mal traute sie sich nicht, die Dienste ihrer besten Freundin in Anspruch zu nehmen. Emily würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Erst über die Idee mit dem Foto und dann wahrscheinlich über das Alter von Christian. Mit Sicherheit war es besser, Emily nicht einzuweihen.

Ein letztes Mal musterte sich Julia im Spiegel. Das flachsblonde Haar fiel in leichten Wellen auf ihre Schultern. Die Farbe des Shirts ließ sie ein wenig zu blass und die enge Jeans etwas zu dünn wirken. Aber mit dem Gesamtpaket konnte sie sich arrangieren. Sie zwängte sich in die dicke Winterjacke, griff nach dem Autoschlüssel und lief nach unten.

Kalte Winterluft strömte ihr entgegen, als sie die Haustür öffnete. War es wirklich die richtige Entscheidung, sich mit Christian zu treffen? Sie spürte förmlich, wie es sie zurück in ihre gemütlichen vier Wände zog. Die Kälte und die Dunkelheit wirkten wenig einladend.

Dann dachte sie an die händchenhaltende Szene im Bistro, verfluchte Florian und stieg in den Wagen. Ihre eiskalten Hände umklammerten das Lenkrad, während die Heizung auf Hochtouren lief. In Sekundenschnelle beschlugen die Scheiben von innen. Julia zockelte im Schneckentempo durch den Feierabendverkehr, während sich ihre Laune im Tiefflug befand.

Vor dem Restaurant musste sie einige Runden drehen, um einen Parkplatz zu ergattern. Mit raschen Schritten strebte sie zum Eingang und entdeckte Christian sofort. Er saß direkt vor dem Fenster und flirtete ganz ungeniert mit der Dame vom Nebentisch. Julias Enthusiasmus löste sich vollends auf.

Sie beschloss kurzerhand zurückzufahren, die Sache mit dem Foto war sowieso eine dumme Idee gewesen. Kaum hatte sie eine Kehrtwendung vollführt, klopfte Christian an die Scheibe. Wie ärgerlich. Enttäuscht drehte sie sich um und sah, wie er ihr zuwinkte. Warum hatte sie nur so lange gezögert?

Sie trat durch die große Glastür und steuerte den Tisch an. Christian nickte ihr zur Begrüßung zu, blieb aber sitzen. Ein Mann ohne Manieren, dachte Julia verärgert. Es wäre doch das Mindeste gewesen, ihr aus der Jacke zu helfen. Sobald sich eine günstige Gelegenheit ergab, würde sie sich unter einem Vorwand davonmachen.

Mühsam pellte sie sich aus ihrer Winterjacke und hängte sie an einen Haken.

„Ich habe bis vor einem Jahr in diesem Restaurant gearbeitet. Der gesamten Mannschaft musste ich das Kochen und den Service beibringen“, fügte er nicht ohne Stolz hinzu.

Bitte nicht schon wieder. Julia senkte ihren Blick und atmete tief durch. Am liebsten hätte sie ihm die Speisekarte um seine Ohren gehauen, aber diese Blöße wollte sie sich in aller Öffentlichkeit nicht geben.

„Na, dann bin ich aber gespannt, ob sich dein Einsatz auch gelohnt hat“, erwiderte sie mit einem Hauch von Sarkasmus.

Christians Blick verfinsterte sich. „Wie darf ich denn das bitte verstehen?“

„Ich freue mich auf das Essen, deinen Empfehlungen nach zu urteilen“, wich sie ihm aus.

„Ach so. Ich dachte schon, ich hätte dich falsch verstanden.“

„Aber nein, keine Sorge“, versicherte sie ihm mit einem aufgesetzten Lächeln. Der Appetit war ihr vergangen und sie wählte nur eine Kleinigkeit. Der enttäuschte Blick von Christian ließ sie kalt. Er konnte ja anschließend die Dame vom Nebentisch einladen.

„Du scheinst nicht auf deftige Hausmannskost zu stehen?“, fragte er, während sein Blick ihren Oberkörper streifte.

„Was willst du damit sagen? Dass du mehr auf Rundungen stehst und ich dir zu mager bin?“

Ihre Augen funkelten zornig. Dieser Mann brachte sie völlig aus dem Konzept, er musste ein Dauer-Abo für egomanes Verhalten abgeschlossen haben. Wie konnte er sie nur so verletzen, gleich beim ersten Treffen?

Selbstgefällig lehnte er sich zurück. „Nein, ich stehe nicht auf dicke Frauen.“

Jeder Satz aus seinem Mund klang in einem gewissen Maße abwertend. Versuchte er sich auf diese Weise zu schützen? War das eine Abwehrreaktion?

Mach schnell das Foto und sieh zu, dass du Land gewinnst, flüsterte ihre innere Stimme. Verkorkster konnte der Abend wirklich nicht mehr werden. Oder etwa doch?

„Na, das ist aber eine Überraschung“, ertönte eine bekannte Stimme vom Nebentisch.

Beatrice. Das Böse hatte gesiegt.

„Schwesterherz, was machst du denn hier?“, rief sie erstaunt.

Ihre eigene Schwester war also die Flirtpartie von Christian gewesen. Julia hatte krampfhaft versucht, die Frau vom Nebentisch zu ignorieren und sich mit dem Rücken zu ihr gesetzt. Diesen Fehler würde sie kein weiteres Mal begehen.

„Ich wurde leider versetzt und warte schon seit einer Stunde hier.“

„Warum bist du nicht gegangen?“

Genau, warum löste sich Beatrice nicht einfach in Luft auf und verschwand? Und dieser ganze Ärger nur, um es Florian mit einem Foto heimzuzahlen.

„Tja, ich glaube eben an das Gute im Menschen.“

Ihre Schwester warf einen koketten Blick in Christians Richtung. Wenn sich Beatrice zu ihnen gesellte, konnte sie das Foto vergessen, dann war der gesamte Abend ruiniert. Und prompt passierte das Unvermeidliche.

„Dann setzen Sie sich doch zu uns“, forderte Christian ihre Schwester auf.

Julia schnappte empört nach Luft, so hatte sie ihn noch nie säuseln hören. Während er sich ihr gegenüber wie ein grober Klotz aufführte, versprühte er in Anwesenheit von Beatrice einen nie gekannten Charme. In ihr brodelte es gewaltig.

„Vielen Dank.“

Beatrice blickte ihm tief in die Augen, bevor sie sich setzte. Julia überlegte derweil, ob sie ihrer Schwester fix den Stuhl wegzog, damit diese hintenüber kippte. Bei diesem Herumgeturtel wäre das sicher keinem der beiden aufgefallen.

„Was grinst du denn so, Schwesterchen?“

„Ach nichts.“

Ja, die liebe Beatrice, das war schon ein Kapitel für sich. Sie besaß die körperlichen Vorzüge, um die Julia sie oft beneidet hatte. Große Brüste, an denen sich so mancher Mann gerne ausgeweint hätte und wohlgeformte Hüften, die sie aufreizend schwang.

Beatrice verführte reihenweise das männliche Geschlecht, so als müsse sie sich etwas beweisen. Und sie hatte auch nicht vor den Männern Halt gemacht, mit denen Julia liiert gewesen war. Eine Frau, die alles haben konnte, brach in intakte Beziehungen ein, um sie zu zerstören. Und nun saß sie ihnen gegenüber und flirtete ziemlich unverschämt mit Christian. Das erzürnte Julia.

Es war schwer vorstellbar, dass sie tatsächlich dieselben Gene in sich trugen, und mehr als einmal hatte sich Julia gefragt, ob sie als Babys vielleicht vertauscht worden waren? Ständig hielten die Eltern zu Beatrice und egal, um welche Angelegenheit es sich drehte, sie bekam immer Recht. Das hatte zu einem tiefen Riss innerhalb der Familie geführt.

Bei Julia verhielt es sich anders, sie fühlte sich oft ausgenutzt. Jeder Einladung zu Familienfeiern folgte die unweigerliche Aufforderung zur Bewirtung der Gäste und der Beseitigung des Abwaschs, während sich die Herrschaften im Wohnzimmer amüsierten. War das der Preis der Erstgeborenen, sich um alles kümmern zu müssen? Ein vorbestimmtes Schicksal – Julia, die Unscheinbare, und Beatrice, der Vamp?

Frustriert beobachtete sie Christian und Beatrice. Wie witzig und geistreich er in Gegenwart ihrer Schwester doch sein konnte, kannte sie bisher nur seine plumpen Töne. Also auf in den Kampf, bevor das Essen serviert wurde!

„Erzähl mal Christian, was sagt eigentlich deine Partnerin dazu, dass du dich mit anderen Frauen triffst?“

Dieser Seitenhieb hatte gesessen, seine Kinnlade folgte der Erdanziehungskraft.

„Wieso interessiert dich das ausgerechnet jetzt?“

Drei Mal darfst du raten, dachte sie schadenfroh. „Ich habe mir deinen Beziehungsstatus angesehen und war ein wenig überrascht, wenn du verstehst, was ich meine.“

Sofort zog sich Beatrice zurück. Jetzt, wo feststand, dass es sich nicht um Julias Neuen handelte, musste sie ihre Flirtstrategie neu überdenken.

„Ich habe ein paar Probleme mit den Servicekräften. Die Mädels dackeln mir ständig hinterher und ich blocke die Annäherungsversuche lieber von vornherein ab.“

Oh. Mein. Gott. Beziehungsweise musste sich Christian für einen halten. Dieser Mann neigte zum Größenwahn und selbst Beatrice hatte ein großes Fragezeichen im Gesicht.

„Dann bist du ja sehr gefragt.“ Julia lächelte scheinheilig.

„Könnte man so sagen …“

Wie jetzt? Hatte er ihren Zynismus kein bisschen bemerkt? Julia musste sich auf die Zunge beißen, bevor ihr noch etwas herausrutschte, das sie anschließend bereute.

Endlich wurden die Menüs serviert und die Situation entspannte sich. Julia konzentrierte sich auf ihren Teller, während das Interesse ihrer Schwester angesichts der Konkurrenz neu entflammte. Nach dem Essen plauderten Christian und Beatrice ganz unverfänglich über belanglose Dinge. Gelangweilt blickte Julia von einem zum anderen und unterdrückte ein Gähnen.

„So, ihr Lieben, ich werde euch jetzt verlassen. Ich schreibe morgen eine wichtige Klausur und muss früh raus.“ Na also, das mit dem Lügen klappt immer besser. Sie erhob sich und holte ihre Jacke.

„Julia, nimmst du mich ein Stück mit?“

„Wo steht denn dein Auto?“

„Vor meinem Haus, ich bin mit dem Bus gekommen.“

„Tja, dann habe ich wohl gar keine andere Wahl.“ Julia ärgerte sich, weil sie einen Umweg fahren musste.

„Danke, du bist immer so liebenswürdig.“ Beatrice bedachte sie mit einem undefinierbaren Blick.

„Christian, man sieht sich.“

Julia klopfte zum Abschied kurz auf die Tischplatte und eilte zum Ausgang, während Beatrice ihm förmlich die Hand reichte. Nein, sie konnten unmöglich Schwestern sein. Nachdem sie beide in den Wagen gestiegen waren, startete Julia den Motor und scherte aus der Parklücke.

„Ist dieser ältere Herr deine neue Eroberung?“ Beatrice wollte es anscheinend genauer wissen.

„Warum? Wetzt du jetzt schon die Krallen, um ihn dir zu schnappen?“, konterte Julia.

Beatrice schüttelte verständnislos den Kopf. „Ich frage aus reiner Neugier.“

„Eben.“ Julia setzte den Blinker. „Christian ist eine reine Zufallsbekanntschaft und wie du vielleicht schon bemerkt hast, ist mein Interesse gleich null.“

„Aha. Und warum bist du dann so schlecht gelaunt?“

„Weil ich dich jetzt nach Hause fahren darf.“

Beleidigt sah Beatrice aus dem Seitenfenster und sagte keinen Mucks mehr. Vor ihrem Wohnhaus stieg sie aus und stürmte grußlos davon. Was für ein theatralischer Abgang, dachte Julia. Sie sehnte sich zurück ins Apartment und trat aufs Gaspedal.

Kapitel 2

Eine Woche war seit dem Treffen mit Christian vergangen und er hatte sich rar gemacht - soll heißen, es herrschte absolute Funkstille. Zuerst schien Julia darüber hocherfreut, aber letztendlich war ihr Ego angekratzt. Wenn nicht einmal ein Mann dieser Altersklasse etwas von ihr wissen wollte, wer dann?

Den ersten Advent hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester bei den Eltern verbracht. Beatrice schmollte noch immer, was Julia erneut Minuspunkte bei ihrer Mutter einbrachte. Der Vater stand wie immer auf dem Schlauch und schien nichts zu bemerken. Freudlos hatte Julia die trockenen Lebkuchen hinuntergewürgt und selbst das warme Licht der Kerzen konnte sie nicht in eine weihnachtliche Stimmung versetzen.

Inzwischen saß sie wieder vor dem Laptop und ärgerte sich über das aktive Leben ihrer Kommilitonen. Küsschen hier und Küsschen da, strahlende Gesichter und Glühweintassen, die mit roten Wangen in die Kamera gehalten wurden, um die Ausflüge auf die Weihnachtsmärkte zu dokumentieren.

Natürlich wollte auch ihre Clique zum Kölner Weihnachtsmarkt und keiner ahnte, wie sehr Julia davor graute. Sie wäre nämlich der einzige Single an Bord und verspürte keine Lust, den händchenhaltenden Pärchen hinterherzutraben. Schon jetzt bastelte sie an einer Ausrede, obwohl sie als Initiatorin die Reise angezettelt hatte. Zumindest damals, als ihre Welt mit Florian noch in Ordnung gewesen war.

Der Laptop gab ein leises Geräusch von sich. Jemand hatte ihr eine Nachricht zukommen lassen und voller Neugier drückte sie auf den Button.

Christian.

In gewohnt unterkühltem Ton lud er sie spontan zu einem Dinner ein, um sie zu bekochen. Es schmeichelte ihr, nicht im Abseits gelandet zu sein, und nur sein distanzierter Umgangston ließ sie zögern. Sollte sie oder sollte sie nicht? Sie musste sich sehr einsam fühlen, wenn sie tatsächlich darüber nachdachte.

Letzten Endes siegte ihre Neugier, denn sie wollte unbedingt wissen, wie und wo er wohnte. Ob es in seinen eigenen vier Wänden stylish ebenso unterkühlt einherging? Die Vorstellung passte einfach nicht zu ihm, dass er farbige Wände und eine heimelige Atmosphäre bevorzugte. Obwohl, bei ihr sah es auch nicht besser aus. Einen bunt zusammengewürfelten Mix von Billigmöbeln hatte sie in das enge Apartment gequetscht und jeder Raumausstatter würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Aber als Studentin war sie immer knapp bei Kasse, auch wenn sie nebenher Grafiken designte und sich damit ihren Lebensunterhalt verdiente.

Nach einigem Zögern sagte sie zu. Erneut stand sie vor dem Schrank und überlegte, mit welch nichtssagendem Outfit sie ihn von sich überzeugen konnte. Alles in allem war sie eher der praktisch veranlagte Typ – Jeans, Shirt, Turnschuhe und fertig. Und genauso bekleidet machte sie sich kurze Zeit später auf den Weg.

Julia quälte sich durch den zäh fließenden Verkehr der Vorweihnachtszeit und hatte nach einigem Suchen auch die Adresse gefunden. Er wohnte direkt in der Innenstadt, in einem Haus mit nur sechs Mietparteien. Leider gestaltete sich die Parkplatzsuche sehr schwierig und sie würde garantiert zu spät kommen. Als sie endlich eine winzige Lücke gefunden hatte, brauchte sie mindestens zehn Anläufe, um ihren Kleinwagen hinein zu manövrieren.

Im Eiltempo jagte sie die Stufen hinauf und drückte auf die Klingel. Bereits im Treppenhaus hatte sie ein appetitlicher Duft empfangen und ihr Magen begann zu rumoren. Voller Vorfreude wartete sie darauf, dass Christian die Tür öffnete, doch er ließ sich nicht blicken. Hatte sie sich vielleicht doch in der Hausnummer geirrt? Sie wollte gerade wieder gehen, als die Tür schwungvoll aufgerissen wurde.

„Guten Abend Julia, hast du einmal auf die Uhr geschaut? Du bist eine halbe Stunde zu spät! Das Soufflé ist inzwischen hinüber.“

Erschrocken zuckte sie zusammen, sein barscher Ton verunsicherte sie.

„Du hättest doch sagen können, dass ich erst einen Parkplatz suchen muss. Außerdem bin ich sofort losgefahren“, versuchte sie sich zu verteidigen.

„Was soll’s, komm rein.“

Schulterzuckend folgte sie ihm ins Innere. Sie hatte alles erwartet, nur nicht das. Es lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass er auf Retro stand und prompt bemerkte er ihren verwunderten Blick.

„Ich habe die Wohnung von meiner verstorbenen Mutter übernommen. Meist miete ich mir ein Zimmer in der Nähe meines Arbeitsplatzes.“

„Du arbeitest gar nicht hier in der Stadt?“

„Nein, in einem Schlosshotel etwas außerhalb.“

„Oh, wie nobel.“

„Ja, das Haus hat vier Sterne.“

… die deiner Bude fehlen, vollendete sie in Gedanken diesen Satz. Warum warf er die altbackenen Möbel aus den Achtzigern nicht einfach raus? Was war Christian überhaupt für ein Typ? Hatte er schon immer bei Mutti gewohnt?

„Entschuldige bitte meine Neugier, aber ist deine Mutter hier verstorben?“

„Nein, in einem Pflegeheim. Warum?“

Konnte er sich das nicht denken?

„Das ist doch recht ungewöhnlich. Außerdem, all die Erinnerungen, tut das nicht manchmal weh?“

„Können wir vielleicht das Thema wechseln?“ Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn.

„Selbstverständlich, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Gut, dann setz dich bitte an den Tisch.“

Wie ein braves Lamm nahm sie folgsam Platz. Die dunklen schweren Möbel wirkten bedrückend, von der hässlichen Blümchentapete ganz zu schweigen. Nur Christian, der war total in seinem Element und was er auf den Teller zauberte, sah einfach köstlich aus. Als Koch war er ein unangefochtener Meister. Das Fleisch war zart und auf den Punkt gegart, die Klöße fluffig, das Gemüse knackig und der angeblich misslungene Nachtisch zerschmolz auf ihrer Zunge.

„Das war wirklich lecker“, lobte sie ihn, als sie das Besteck zur Seite legte und sich die Mundwinkel mit einer Serviette abtupfte. Doch von ihm kam keine Reaktion. Was hatte sie denn nun schon wieder falsch gemacht?

„Jetzt weiß ich natürlich, warum du Chefkoch geworden bist. Ich habe selten so gut gegessen“, versuchte sie nachzulegen und tatsächlich ließ er sich zu einem schmallippigen Lächeln hinreißen.

„Talent und Übung sind alles. Ich habe jahrelang einen Partyservice geführt und weiß, wovon ich spreche.“

„Warum arbeitest du dann im Schloss? Was ist passiert?“

Diese Frage hätte sie lieber bleiben lassen, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

„Jede Menge Ärger mit den Angestellten, die kamen und gingen, wie es ihnen passte. Wenn man sich auf seine Leute nicht verlassen kann, dann hat das alles keinen Zweck.“

„War es denn nicht möglich, zuverlässiges Personal zu finden?“

„Nein. Wer will schon am Wochenende rund um die Uhr arbeiten?“

„Stimmt, das ist ein Argument.“

„Sogar meine Ehe ist an den Arbeitszeiten gescheitert.“

„Schade, das tut mir wirklich leid für dich.“

Mit einem Mal regte sich so etwas wie Mitgefühl in ihrer Brust. Wozu sollte er sich ein heimeliges Heim schaffen, wenn sich keine Zeit für die Liebe fand?

„Egal ob an Sonn- oder Feiertagen, immer stehst du in der Küche, meist bis spät in die Nacht hinein. Urlaube fallen aus, wenn sich Kollegen krankschreiben lassen, denn Köche sind Mangelware. Du kannst dir sicher denken, wie sich das auf eine Beziehung auswirkt.“

Darüber hatte sie sich noch nie den Kopf zerbrochen, schließlich wurde sie eher selten von Köchen zum Abendessen eingeladen. Der heutige Abend war quasi ihr Debüt.

„Bist du schon länger allein?“, hakte sie nach.

„Nein, so würde ich das nicht sagen. Meine letzte Bekanntschaft war Innenarchitektin, aber wir hatten einfach keine Zeit füreinander.“

„Das ist sehr bedauerlich.“

„Falls du nichts dagegen hast, räume ich jetzt den Tisch ab.“

Er beendete abrupt das Gespräch, stand auf und brachte das Geschirr in die Küche. Julia half ihm und er beobachtete mit Argusaugen, wie ungeschickt sie sich dabei anstellte. Nicht, dass ihr die Übung fehlte, aber sein kontrollierender Blick setzte ihr zu. Wie schon erwähnt, auch ihre Mutter konnte eine Tyrannin in der Küche sein und dieses Verhalten machte Julia stets nervös.

Anschließend entkorkte Christian eine Flasche Wein und stellte zwei Gläser auf den Couchtisch. Julia setzte sich neben ihn, hielt aber einen Sicherheitsabstand von mindestens zwanzig Zentimetern ein. Es machte sie doch verlegen, auf diese Weise seine Nähe zu spüren. Ob er wohl mehr wollte? Und kam das für sie überhaupt infrage?

Christian berichtete, wo er schon überall gearbeitet hatte, selbst bis nach Sylt hatte es ihn verschlagen.

„Du hast ziemlich häufig deine Stelle gewechselt“, stelle sie nüchtern fest und diese Frage schien ihm nicht zu behagen.

„Man muss schließlich auch Erfahrungen sammeln, um sich weiterzuentwickeln.“

So konnte man das auch sehen. Dabei war er es doch gewesen, der seine Crew stets auf Vordermann brachte, oder irrte sie sich da? Immerhin gab sich Christian Mühe, den Abend auf romantische Art und Weise ausklingen zu lassen, auch wenn er nicht gerade der klassische Romeo war.

Julia war inzwischen beim dritten Glas Wein angelangt und als sie auf die Uhr schaute, stellte sie erschrocken fest, dass der letzte Bus bereits abgefahren war. Geld für ein Taxi hatte sie nicht übrig und es würde ein langer Marsch durch die Nacht werden.

„Wir haben uns ganz schön verquatscht“, stellte Christian fest. „Ich will dich natürlich nicht in die kalte Nacht hinausschicken und wenn du möchtest, kannst du hier schlafen. Selbstverständlich in getrennten Betten.“

„Ich weiß nicht so recht …“, zierte sie sich. Der Gedanke, dass seine Mutter vielleicht in einem dieser Betten genächtigt hatte, verursachte ihr Unbehagen.

„Komm, ich zeig dir deine Schlafstätte.“

Er öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer und sie riskierte einen Blick. Der Raum war modern eingerichtet und verfügte tatsächlich über zwei getrennte Betten.

„In Ordnung, ich nehme dein Angebot an“, willigte sie ein.

Insgeheim ärgerte sie sich darüber, dass sie diesem süßen und aromatischen Wein nicht hatte widerstehen können. Aber nun war es sowieso zu spät. Christian lief zum Schrank und reichte ihr ein großes Handtuch.

„Falls du duschen möchtest. Geh du zuerst ins Bad, ich räume noch auf.“

Sie huschte ins Badezimmer und betrachtete ihr gerötetes Gesicht im Spiegel. Ja, sie hatte ihre Lektion gelernt - nie wieder Alkohol in verfänglichen Situationen! Es war sicher von Vorteil, in solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Nach der Dusche fror sie wie ein junger Hund und die Müdigkeit machte sich bemerkbar. Sie trat auf den Flur und hörte Christian in der Küche hantieren. Welche der Türen führte noch einmal zum Schlafzimmer? Rechts oder links? Leise drückte sie die Klinke herunter und schlüpfte in den Raum. Blind wie ein Maulwurf tastete sie nach dem Lichtschalter und schrie erschrocken auf.

„Was ist denn los?“ Christian erschien in der Tür. „Durchsuchst du immer die Zimmer fremder Leute?“, fragte er schroff.

„Tut mir leid, ich habe die Türen verwechselt“, stammelte sie verlegen. „Das liegt wahrscheinlich am Wein.“

„Du hast dich in Mutters Zimmer verirrt, hier geht’s entlang.“ Er schob Julia ins Schlafzimmer. „Ich bin gleich bei dir.“

Seine Mutter schien wohl ein übertriebenes Faible für Puppen gehabt zu haben. Sie hockten in Reih und Glied auf sämtlichen Möbelstücken und glotzten Julia mit ihren ausdruckslosen Knopfaugen an - das reinste Gruselkabinett. Jede der Puppen steckte in einem bunten Kleidchen mit kitschigen Rüschen und das überwiegend blonde Haar war zu zwei Zöpfen geflochten. Natürlich hatte Julia im Kindesalter auch mit Barbies gespielt, aber von jeher einen großen Bogen um diese unheimlich wirkenden Geschöpfe aus Porzellan gemacht.

Nachdem sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, setzte sie sich gähnend auf die Bettkante. Pullover und Slip hatte sie angelassen und nur die Jeans auf den Stuhl gelegt. Das Bettzeug roch stark nach Weichspüler und das machte es um einiges leichter, sich in die fremden Federn zu legen. Der Wein ließ sie schläfrig werden und mit geschlossenen Augen sank sie auf das Kissen.

Christian riss sie polternd aus ihren Träumen. Er war nicht unbedingt ein Leisetreter und nahm keinerlei Rücksicht. Nachdem er das Licht gelöscht hatte, setzte er sich zu ihr.

„Schlaf schön“, murmelte er und strich ihr zärtlich eine Strähne aus der Stirn. Dann näherte er sich ihr behutsam, streichelte ihre Wange und vergrößerte dabei den Radius. Inzwischen war er am Schlüsselbein angekommen. Sie mochte seine Berührungen und gestattete ihm, dass seine warme Hand tiefer glitt. Ihre Brustwarzen richteten sich auf und nur mit Mühe unterdrückte sie ein wohliges Stöhnen. Der Wein. Dieser verdammte Wein.

Nun gab es kein Halten mehr. Hastig zerrte sie ihren Pullover über Schultern und Kopf und hörte das Reißen einer Naht. Christian fummelte inzwischen ungeduldig an ihrem BH und löste die Ösen. Stürmisch fanden sich ihre Lippen und die Hände ertasteten Neuland.

Christian lag bereits auf ihr, als das Desaster passierte. Egal wie sehr er sich auch abmühte, es wollte einfach nicht klappen. Ungehalten stieß er sie weg und legte sich auf den Rücken. Sie ärgerte sich maßlos über seine übertriebene Reaktion, aber das Mitleid überwog.

„Das kann doch mal passieren“, warf sie tröstend ein.

„Ach, was weißt du denn schon …“, zischte er, sprang auf und verschwand im Bad.

Es musste ihn kränken, bei so einer jungen Frau versagt zu haben. Oder sah sie vielleicht doch zu kindlich aus, um einen reifen Mann wie ihn zu beglücken? Aber das war jetzt nicht mehr ihr Problem.

Frustriert zog sie sich die Jeans über, schnappte sich ihre Jacke und schlich aus der Wohnung. Nachdem sie die Haustür leise ins Schloss gezogen hatte, eilte sie die Stufen hinunter und bestellte sich ein Taxi. Christian schien sie nicht zu vermissen und so wartete sie frierend vor dem Haus. Nach zehn Minuten fuhr der Wagen endlich vor und sie stieg erleichtert ein. Hauptsache nur weg von hier. Männer und ihr verdammtes Ego, zum Teufel damit!

Am nächsten Morgen quälte sich Julia mit Kopfschmerzen und einem üblen Geschmack auf der Zunge aus dem Bett und verfluchte Christian samt der hohen Taxikosten. Anschließend trank sie zwei Tassen Kaffee, um die Augen überhaupt offen halten zu können.

Der gestrige Abend gehörte zweifelsohne zu den peinlichsten ihres Lebens. Zuerst, weil sie zugelassen hatte, dass er mit ihr schlafen wollte, und später, weil dieser Versuch so kläglich gescheitert war. Christian war schon ein komischer Kauz und vielleicht sollte sie die Geschichte einfach auf sich beruhen lassen. Weihnachten allein zu verbringen, war das denn wirklich so schlimm? Mit Sicherheit würde sie das Fest auch ohne Partner überleben.

Mit einem tiefen Seufzen schnappte sie sich ihre Tasche und die Autoschlüssel und machte sich auf den Weg in die Uni.

„Julia, du siehst gar nicht gut aus.“ Mit diesen Worten empfing Emily sie im Hörsaal.

„Nein, alles in Ordnung, es ist gestern nur sehr spät geworden.“

„Wo warst du denn? Und warum weiß ich nichts davon?“

Sollte sie ihrer Freundin reinen Wein einschenken? Apropos Wein, nur der bloße Gedanke daran verursachte Übelkeit.

„Ich habe zufällig jemanden kennengelernt.“

„Du willst mich auf den Arm nehmen?“ Emily musterte sie skeptisch.

„Nein, ganz und gar nicht. Er ist übrigens Koch.“

„Naja, ein bisschen mehr auf den Rippen könnte dir nicht schaden.“

„Vielen Dank Emily, dass ausgerechnet du mich daran erinnerst.“

Und mit diesem Satz war das Thema von gestern Nacht präsenter denn je. Die ausschlaggebenden Attribute einer Femme fatale fehlten ihr anscheinend gänzlich und beleidigt wandte sie sich ab.

„Entschuldige Julia, so war das nicht gemeint, du reagierst doch sonst eher gelassen auf meine Witzeleien. Nun erzähl schon, was ist wieder schief gelaufen?“

Emily hatte echt ein Händchen dafür, durch ein Minenfeld zu laufen. Schon wieder schief gelaufen, so als würde Julia nie etwas auf die Reihe bekommen. Nein, heute würde sie Emilys Neugier nicht stillen. Stattdessen versuchte sie den Worten des Professors zu folgen, aber ihre Gedanken drifteten ständig in eine andere Richtung.

Nachdem sie die letzte Vorlesung verlassen hatte, fuhr sie mit dem Bus in die Innenstadt und erlöste ihren Kleinwagen aus der winzigen Parklücke. Anschließend fuhr sie auf dem schnellsten Weg in ihr Apartment. Mit einer großen Portion Pommes, die sie sich vom Dönerstand gegenüber mitgebracht hatte, verkroch sie sich in ihrem Nest. So übermüdet wie sie war, brauchte sie sich gar nicht erst an den Schreibtisch zu setzen, um die neuen Entwürfe zu überarbeiten. Stattdessen legte sie sich ins Bett. Ihr Kopf hatte noch nicht das Kissen berührt, da meldete sich ihr Smartphone zu Wort.

„Hallo Julia, ist dein Samstag schon verplant?“

„Nein.“ Dieser Mann verwirrte sie total.

„Hättest du Lust, mich im Schlosshotel zu besuchen? Ich habe nur am Vormittag und am späten Abend Dienst. Zwischendurch würde ich mir Zeit für dich nehmen und wir können sogar kostenlos in einem der Zimmer übernachten. Na, was hältst du davon?“

Momentan hielt sie gar nichts davon, er hatte sie völlig überrumpelt.

„Bist du noch dran?“

„Ja. Ich werde es mir überlegen, einverstanden?“

Ihre Antwort schien ihm nicht ins Konzept zu passen.

„Gut, wie du meinst“, erwiderte er und beendete umgehend das Gespräch.

Christians Idee, ihn im Schloss zu besuchen, war im Nachhinein gar nicht so verkehrt. Aber dort eine Nacht mit ihm zu verbringen, nach diesem Fiasko? Niemals!

Sie stand auf, angelte das Smartphone vom Schreibtisch und schickte ihm eine Textnachricht. Dann schaltete sie das Gerät ab, damit er nicht nochmals auf den Gedanken kam, sich bei ihr zu melden.

Kapitel 3

Am späten Vormittag schlug Julia die Augen auf und drehte sich wohlig grummelnd auf die andere Seite. Es hatte gutgetan, mal wieder so richtig auszuschlafen. Energiegeladen schwang sie ihre Beine aus dem Bett und streckte sich genüsslich. Mit Rührei, Toast und einem starken Kaffee zelebrierte sie das Frühstück an diesem Samstagmorgen. Sie musste sich tatsächlich eingestehen, dass Christian sie auf andere Gedanken brachte, wenn auch auf eine sonderbare Art und Weise. Immerhin lief sie seitdem weniger trübsinnig durchs Leben und der Liebeskummer wegen Florian war fast vergessen.

Sie schaltete das Smartphone wieder ein, um nebenbei die Nachrichten zu lesen. Christian hatte ihr sage und schreibe fünf davon geschickt. Die erste war noch in höflicher Form verfasst.

Schön, dass du kommen kannst, ich freue mich auf dich. Ich erwarte dich um zehn am Schloss, die Adresse hast du ja.

Bin verunsichert, weil du mir nicht antwortest.

Wirst du jetzt kommen? Und warum meldest du dich nicht?

Es ist gleich zehn und noch immer keine Zusage. Ich habe dich bereits bei meinen Arbeitskollegen angekündigt und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp.

Was soll das? Findest du es in Ordnung, mich warten zu lassen?

Er schien ziemlich verärgert zu sein, aber sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass er sie schon so zeitig erwartete. Mit einem ordentlichen Schuss Harmonie war sie in den Tag gestartet, und nun? Am liebsten würde sie das Smartphone wieder abschalten und sich verkriechen. Wiederum, das ganze Wochenende hier zu versauern und nur über den Büchern zu hocken, nein, das kam auch nicht infrage. Also schrieb sie ihm kurzerhand zurück und bat um etwas Geduld.

Mit einem flauen Gefühl im Magen öffnete sie den Kleiderschrank. Warum musste Christian ihren Besuch so aufbauschen? Sie mochte es überhaupt nicht leiden, wenn man sie unter Druck setzte. Jeans, Shirt, Schuhe - die immer gleiche Kombination, egal wie sie es auch drehte. Das einzig schicke Etwas in ihrem Schrank war das Kleid vom Abi-Abschlussball.

Aber wenn sie Christian nicht noch mehr verärgern wollte, musste sie sich beeilen. Hastig schlüpfte sie in ihre Sachen und schnappte sich die Tasche. Gequält röhrte der kalte Motor auf, als sie auf das Gaspedal trat und sich in den Verkehr einfädelte. Hin und wieder kämpfte sich die Sonne durch die dichte Wolkendecke und verdrängte das dominante Grau.