Das Buch Ana - Sue Monk Kidd - E-Book

Das Buch Ana E-Book

Sue Monk Kidd

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9,99 €

Beschreibung

Im Jahr 16 nach Christus, im von den Römern besetzten Galiläa: Ana wächst in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Sie ist ein kluges Mädchen mit rebellischem Geist und messerscharfem Verstand. Sie lernt Lesen und beginnt, heimlich Geschichten zu schreiben. Als sie vierzehn ist, soll sie an einen alten Witwer verheiratet werden. Auf dem Markt wird sie ihm vorgeführt und ist entsetzt. Ein junger Mann mit dunklen Locken und sanften Augen erkennt ihre Verzweiflung und hilft Ana. Ihre Begegnung wird alles verändern.

Wie keine andere Autorin versteht es Sue Monk Kidd, Frauen eine Stimme zu geben, die sich dem Rollenverständnis ihrer Zeit widersetzen. »Das Buch Ana« ist eine spannende Geschichte weiblicher Selbstfindung in einer Zeit, in der Frauen Lernen und Schreiben verboten war. Ana folgt ihrer Sehnsucht, sie kämpft für ihre Freiheit, und sie schreibt die Geschichte, die wir alle zu kennen glauben, neu.

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Seitenzahl: 788

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Zum Buch

Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus aus Nazareth.

So beginnt der lange erwartete neue Roman von Bestsellerautorin Sue Monk Kidd. Es ist die fiktive Lebensgeschichte von Ana, der Gefährtin Jesu. Die Erzählung setzt im Jahr 16 nach Christus ein, im von den Römern besetzten Galiläa. Dort wächst Ana in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Sie ist ein kluges Mädchen mit rebellischem Geist und messerscharfem Verstand. Ana lernt Lesen und Schreiben, studiert die Thora und beginnt heimlich die Geschichten der vergessenen Frauen der Heiligen Schrift aufzuzeichnen: Eva, Sarah, Rebecca, Rachel und Ruth. Als Ana vierzehn ist, soll sie an einen alten Witwer verheiratet werden, doch sie lernt auf dem Markt einen jungen Mann mit dunklen Locken und einer großen Sehnsucht in den Augen kennen, der ihre wahre Bestimmung wird.

Sue Monk Kidd wollte Jesus als Menschen zeigen und hat ihm eine Frau zur Seite gestellt, die ihm auf Augenhöhe begegnet. Beide ergänzen sich in ihrem spirituellen Sehnen und in ihrer Liebe und Weitsicht. Ihr gelingt ein Roman, der von der ersten Seite an fesselt, der berührt und rührt. Wie keine andere Autorin versteht es Sue Monk Kidd, Frauen eine Stimme zu geben, die sich dem Rollenverständnis ihrer Zeit widersetzen. Ihre Heldin Ana erschreibt sich ihre Freiheit, und sie schreibt die Geschichte, die wir alle zu kennen glauben, neu.

Zur Autorin

SUE MONK KIDDS Debütroman »Die Bienenhüterin« avancierte vom Geheimtipp zum Bestseller. Der Roman wurde allein in den USA über sechs Millionen Mal verkauft, er wurde in sechsunddreißig Sprachen übersetzt. Millionen LeserInnen haben ihre berührenden Geschichten wie »Die Meerfrau« oder »Die Erfindung der Flügel« verschlungen. »Das Buch Ana« ist Sue Monk Kidds vierter Roman, der in den USA sofort auf der Bestsellerliste stand und von der Presse begeistert aufgenommen wurde. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in South Carolina.

Sue Monk Kidd

DAS BUCH ANA

Roman

Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab

Die amerikanische Ausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The book of Longings« bei Viking, an imprint of Random House LLC, New York.Dank an Springer Nature für die Abdruckgenehmigung von Taussig, H., Calaway, J., Kotrosits, M., Lillie, C.,Lasser, J., The Thunder: Perfect Mind. A New Translation and Introduction, published in 2010 by Palgrave Macmillan US, reproduced with permission of SNCSC. Deutsche Übertragung von Martina Janßen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2020 by Sue Monk Kidd Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: Semper Smile nach einem Entwurf von Sara Wood

Covermotiv: Shutterstock/Upsidedowncake; Shutterstock/aesah kongsue; Gettyimages/R.Tsubin

Karte: Peter Palm

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26588-5V002www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Für meine Tochter Annmit all meiner Liebe

Denn ich bin die Erste und die Letzte.Ich bin die Geehrte und die Verachtete.Ich bin die Hure und die Heilige.Ich bin die Frau und die Jungfrau.Ich bin die Mutter und die Tochter.Ich bin sie …Fürchtet euch nicht vor meiner Kraft …Ich bin das Wissen meines Namens.Ich bin der Name der Stimme und die Stimme des Namens.

Donner: Vollkommener Verstand(Gnostischer Text aus den Nag-Hammadi-Schriften, entdeckt 1945 in Ägypten)

Klopfe an dich wie an eine Tür, Und laufe auf dir wie auf einer geraden Straße.Denn wenn du auf der Straße läufst, Kannst du nicht in die Irre gehen.Und wenn du bei dieser Weisheit anklopfst,Klopfst du an verborgene Schätze.

Die Lehren des Silvanus

1.

Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus ben Joseph aus Nazareth. Ich nannte ihn Liebster, und er nannte mich lachend Kleiner Donner. Er sagte, wenn ich schliefe, höre er manchmal ein Grollen in mir, ein Geräusch wie ferner Donner über dem Zippori-Tal oder sogar von noch weiter her, jenseits des Jordans. Ich bezweifele nicht, dass er etwas hörte. Mein ganzes Leben lang war ich von Sehnsüchten ergriffen, die des Nachts in mir aufstiegen, um bis zum Morgengrauen zu wehklagen und zu singen. Dass mein Ehemann sich über mich beugte, dort auf unserer dünnen Strohmatte, und meinem Herzen lauschte, sprach für die Güte, die ich am allermeisten an ihm liebte. Was er hörte, war mein Leben, das darum flehte, das Licht der Welt zu erblicken.

2.

Mein Vermächtnis beginnt im vierzehnten Jahr meines Lebens, der Nacht, in der meine Tante mich auf das flache Dach des Hauses meines Vaters in Sepphoris führte. Sie hatte einen unförmigen, in Leinen gewickelten Gegenstand dabei.

Ich folgte ihr die Leiter hinauf und beäugte neugierig das geheimnisvolle Bündel, das sie sich wie ein Neugeborenes auf den Rücken gebunden hatte, konnte jedoch nicht erraten, was sich darin verbarg. Sie summte ein Lied auf Hebräisch, in dem es um die Jakobsleiter ging, und zwar so laut, dass ich Sorge hatte, ihr Geträller könne durch die Fensterschlitze des Hauses dringen und meine Mutter wecken. Sie hatte uns verboten, zusammen aufs Dach zu steigen, denn sie fürchtete, Yaltha könnte mir allzu kühne Gedanken einflüstern.

Anders als meine Mutter, anders als jedes weibliche Wesen, das ich kannte, war meine Tante eine gebildete Frau. Ihr Verstand war wie ein riesiges, wildes Land, das keine Grenzen kannte. Sie ließ sich durch nichts aufhalten. Vier Monate zuvor war sie aus Gründen, über die niemand sprach, zu uns gekommen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass mein Vater überhaupt eine Schwester hatte, bis sie eines Tages vor uns stand, in einem schlichten, ungefärbten Gewand, mit finster funkelnden Augen, der schmale Körper kerzengerade und stolz. Mein Vater schloss sie nicht in die Arme, und meine Mutter auch nicht. Sie gaben ihr eine Dienstbotenkammer am oberen Hof und wollten auf keine meiner Fragen antworten. Auch Yaltha wich mir aus. »Dein Vater hat mich schwören lassen, nicht über meine Vergangenheit zu sprechen. Ihm wäre es lieber, du würdest glauben, ich sei vom Himmel gefallen wie Vogelmist.«

Mutter sagte, Yaltha habe ein Schandmaul. Hier waren wir uns ausnahmsweise einig. Der Mund meiner Tante war ein wahrer Quell von aufregenden und unvorhersehbaren Äußerungen. Das war es, was ich am meisten an ihr liebte.

Heute Nacht war nicht das erste Mal, dass wir uns nach Einbruch der Dunkelheit aufs Dach hochschlichen, damit uns niemand belauschte. Unter dem Sternenhimmel aneinandergeschmiegt, hatte mir meine Tante von jüdischen Mädchen in Alexandria erzählt, die auf Holztafeln mit mehreren Wachsschichten schrieben, wundersame Dinge, wie ich sie mir kaum vorstellen konnte. Sie hatte mir von Jüdinnen erzählt, die dort Synagogen leiteten, die zusammen mit Philosophen studierten, Gedichte schrieben und ihre eigenen Häuser besaßen. Von ägyptischen Königinnen. Pharaoinnen. Großen Göttinnen.

Wenn die Jakobsleiter bis ganz in den Himmel reichte, so tat es die unsere auch.

Yaltha zählte nicht mehr als viereinhalb Jahrzehnte, doch ihre Hände wurden bereits krumm und knotig. Die Haut auf ihren Wangen war zerknittert, und ihr rechtes Auge hing wie eine verwelkte Blume schlaff in seiner Höhle. Trotzdem stieg sie flink und geschickt die Treppe hoch, wie eine anmutige Spinne. Ich sah ihr dabei zu, wie sie schwungvoll über die oberste Sprosse auf das Dach kletterte; das Bündel auf ihrem Rücken schwang hin und her.

Wir ließen uns auf Grasmatten nieder, einander zugewandt. Es war der erste Tag des Monats Tishri, doch die kalten Regenfälle des Herbstes hatten noch nicht eingesetzt. Der Mond loderte wie ein kleines Feuer in den Hügeln. Der Himmel war schwarz, wolkenlos, voller Glut. Von den Kochfeuern zog der Geruch von Pitabrot und Rauch über die Stadt. Ich konnte es kaum erwarten, zu erfahren, was sich in dem Bündel verbarg, doch sie ließ den Blick wortlos in die Ferne schweifen, und ich übte mich in Geduld.

DIE ZEICHEN MEINER EIGENEN KÜHNHEIT lagen in einer Truhe aus Zedernholz in einer Ecke meines Zimmers: Papyrusrollen, Pergament und Streifen aus Seide, allesamt mit meiner Schrift bedeckt. Außerdem Rohrfedern, ein Messer zum Spitzen, eine Schreibtafel aus Zypressenholz, Phiolen mit Tinte, eine Elfenbeinpalette und ein paar kostbare Farbpigmente, die mein Vater aus dem Palast mitgebracht hatte. Die meisten der Pigmente waren aufgebraucht, doch an dem Tag, als ich den Deckel der Truhe für Yaltha öffnete, leuchteten sie noch.

Meine Tante und ich standen da und schauten auf jene Pracht hinab. Uns fehlten die Worte.

Yaltha griff in die Truhe und hob die Pergamentrollen heraus. Erst kurz vor ihrer Ankunft hatte ich damit begonnen, die Geschichten der Stammmütter aus der Heiligen Schrift aufzuzeichnen. Wenn man die Rabbis hörte, hätte man denken können, die einzigen Gestalten in der Geschichte, die eine Erwähnung wert wären, seien Abraham, Isaak, Jakob und Joseph … David, Saul, Salomon … und immer wieder Moses, Moses, Moses. Doch als ich endlich selbst die Heilige Schrift lesen konnte, hatte ich entdeckt, dass (siehe da!) auch Frauen darin vorkamen.

Unbeachtet zu bleiben und vergessen zu werden, das war die größte Schmach überhaupt. Ich schwor mir, die Leistungen dieser Frauen niederzuschreiben und ihre Errungenschaften zu lobpreisen, so gering sie auch sein mochten. Ich würde die Chronistin vergessener Geschichten sein. Das war genau die Art von Kühnheit, die meine Mutter verabscheute.

An dem Tag, als ich die Truhe für Yaltha öffnete, hatte ich bereits die Viten von Eva, Sarah, Rebekka, Rachel, Leah, Silpa, Bilha und Esther aufgezeichnet. Doch es blieb noch so viel zu schreiben – Judith, Dinah, Tamar, Miriam, Deborah, Ruth, Hannah, Batseba, Isebel.

Voller Spannung und atemlos schaute ich meiner Tante dabei zu, wie sie mein Werk betrachtete.

»Es ist so, wie ich dachte«, sagte sie mit glühendem Blick. »Du bist wahrlich von Gott gesegnet.«

Welch große Worte.

Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich gedacht, ich sei einfach nur ein wenig sonderbar – eine Laune der Natur. Eine Außenseiterin. Ein Fluch. Lesen und schreiben konnte ich schon lange, und ich besaß die ungewöhnliche Fähigkeit, aus Worten Geschichten zu formen, Sprachen und Geschriebenes zu entziffern, verborgene Bedeutungen zu erspüren oder Ideen in meinem Kopf wie kleine Armeen gegeneinander antreten zu lassen.

Mein Vater Matthias, der bei unserem Tetrarchen Herodes Antipas Oberster Schriftgelehrter und sein Berater war, sagte, meine Talente geziemten sich eher für Propheten und Heilsbringer, für Männer, die Meere teilten und Tempel bauten, die auf Bergen standen und mit Gott Zwiesprache hielten; oder schlicht und ergreifend für jeden beschnittenen Mann in Galiläa. Erst nachdem ich mir selbst Hebräisch beigebracht hatte und ihn lange umgarnt und beschwatzt hatte, erlaubte er mir, die Tora zu lesen. Seit meinem achten Lebensjahr hatte ich ihn angefleht, einen Hauslehrer für mich einzustellen, der mich unterrichtete, hatte ihn um Schriftrollen zum Lesen und um Papyrus zum Schreiben gebeten, um Farbpigmente, aus denen ich mir meine eigene Tinte mischen konnte, und er hatte oft nachgegeben – ob aus Anerkennung, aus Schwäche oder aus Liebe, vermag ich nicht zu sagen. Meine Bestrebungen waren ihm peinlich. Wenn er sie nicht unterbinden konnte, spielte er sie herunter. Oft sagte er, der einzige Junge in der Familie sei ein Mädchen.

Er glaubte, sich für ein derart eigensinniges Kind, wie ich es war, rechtfertigen zu müssen. Und so sagte mein Vater gerne, dass Gott, während er damit beschäftigt war, mich im Leib meiner Mutter zusammenzustricken, mich in einem unbedachten Moment versehentlich mit den Gaben ausgestattet habe, die eigentlich für einen armen kleinen Jungen vorgesehen waren. Ich weiß nicht, ob ihm bewusst war, wie beleidigend es für Gott gewesen sein muss, dass Vater damit ihm die Schuld in die Schuhe schob.

Meine Mutter war davon überzeugt, die Wurzel allen Übels sei Lilith, eine Dämonin mit den Krallen einer Eule und den Schwingen eines Aasgeiers, die sich Neugeborene suchte, um sie zu ermorden, oder, in meinem Fall, mit widernatürlichen Veranlagungen zu besudeln. Auf die Welt gekommen war ich während eines Wintersturms, der so heftig war, dass sich die alten Frauen, die sonst einer Geburt beiwohnten, weigerten, das Haus zu verlassen, obwohl mein hochwohlgeborener Vater nach ihnen geschickt hatte. Meine Mutter saß verzweifelt auf ihrem Geburtsstuhl, ohne jemanden, der ihre Schmerzen lindern oder uns mit den entsprechenden Gebeten und Amuletten vor Lilith schützen konnte, und so war es ihrer Dienerin Shipra überlassen, mich in Wein, Wasser, Salz und Olivenöl zu baden, fest zu wickeln und in eine Wiege zu stecken, wo Lilith mich fand.

Die Erzählungen meiner Eltern bahnten sich ihren Weg in das Innerste meines Körpers, gruben sich ein in mein Fleisch und Blut. Mir war der Gedanke noch nicht gekommen, dass meine Fähigkeiten gewollt waren und Gott mir diese Segnungen bewusst hatte zuteilwerden lassen – mir, Ana, einem Mädchen mit stürmischen schwarzen Locken und regenwolkendunklen Augen.

STIMMEN WEHTEN VON DEN NAHE GELEGENEN DÄCHERN zu uns herüber. Ein Kind weinte, eine Ziege meckerte. Dann endlich griff Yaltha nach hinten, holte das Bündel hervor und wickelte es aus. Schicht um Schicht entfernte sie das Leinen. Ihre Augen leuchteten, immer wieder warf sie mir kurze Blicke zu.

Als sie die Hände hob, lag eine Schale aus Kalkstein darin, schimmernd und rund wie ein Vollmond. »Die habe ich aus Alexandria mitgebracht. Ich möchte, dass du sie bekommst.«

Als sie die Schale in meine Hände legte, ging ein Schauder durch meinen ganzen Körper. Ich strich mit den Händen über die glatte Oberfläche, die weite Öffnung, über die milchigen Wirbel im Stein.

»Weißt du, was eine Zauberschale ist?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste nur, dass es etwas von großer Bedeutung und Tragweite sein musste, etwas, das zu gefährlich und zu wundersam war, um woanders enthüllt zu werden als auf einem dunklen Dach.

»In Alexandria beten wir Frauen mit diesen Schalen. Wir schreiben unser geheimstes Gebet hinein.« Yaltha legte ihren Finger in die Schale und ließ ihn spiralförmig darin kreisen. »Dieses Gebet singen wir jeden Tag, und dabei drehen wir die Schale langsam, bis die Worte darin zum Leben erwachen und gen Himmel aufsteigen.«

Ich starrte die Schale an und brachte kein Wort heraus. Was für ein prachtvolles, von geheimen Kräften erfülltes Ding!

Sie sagte: »Am Boden der Schale zeichnen wir ein Bild von uns selbst, damit Gott auch sicher weiß, von wem die Bitte kommt.«

Mir blieb der Mund offen stehen. Ganz gewiss wusste auch meine Tante, dass ein frommer Jude niemals ein Abbild, ob von menschlicher oder tierischer Gestalt, betrachten würde, geschweige denn eines erschaffen. Das untersagte uns das zweite Gebot. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.

»Du musst dein Gebet in die Schale schreiben«, sagte meine Tante zu mir. »Doch bedenke gut, was du dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen.«

Ich starrte in die Rundung der Schale, und einen Moment lang erschien sie mir wie das Firmament selbst, eine umgestülpte Kuppel voller Sterne.

Als ich aufschaute, ruhte Yalthas Blick auf mir. Sie sagte: »Das Allerheiligste eines Mannes beinhaltet Gottes Gesetze, doch im Allerheiligsten einer Frau wohnen nur Sehnsüchte.« Dann stupste sie mit dem Zeigefinger den flachen Knochen über meinem Herzen an und sprach die Worte, bei denen etwas in mir aufloderte wie eine Flamme: »Schreib, was da drin ist, in deinem Allerheiligsten.«

Ich hob die Hand, berührte den Knochen, den meine Tante soeben zum Leben erweckt hatte, und musste blinzeln, so groß war der Aufruhr der Gefühle in mir.

Unser einer Gott, der wahre Gott, lebte im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem, und ich war mir sicher, es war Frevel, zu behaupten, es könnte einen solchen Platz auch in uns Menschen geben; noch schlimmer jedoch war die Vorstellung, die Sehnsüchte eines jungen Mädchens wie mir besäßen auch nur die Andeutung von Göttlichkeit. Es war die allerschönste und allerböseste Blasphemie, die ich je gehört hatte. Sie versetzte mich so sehr in Verzückung, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte.

Meine Bettstatt stand auf bronzenen Füßen, darauf Kissen, leuchtend bunt gefärbt in Karmesin und Sonnengelb, gefüllt mit geplättetem Stroh, Federn, Koriander und Minze, und ich lag bis weit nach Mitternacht in der weichen, duftenden Pracht, dachte über mein Gebet nach und versuchte, die unendlichen Weiten dessen, was ich fühlte, in Worte zu fassen.

Noch vor Morgengrauen war ich wieder auf, schlich mich die schmale Veranda entlang, die über dem Hauptstockwerk lag, stahl mich barfuß und ohne Lampe an den Räumen vorbei, in denen meine Familie schlief. Die Steintreppe hinab. Durch den Portikus der Eingangshalle. Ich durchquerte den oberen Hof und dämpfte meine Schritte, als ginge ich über ein Bett aus Kieselsteinen, voller Angst, die Diener zu wecken, die gleich in der Nähe schliefen.

Die Mikwe, wo wir laut den Reinheitsregeln unser Bad nahmen, lag in einem feuchten Raum unter dem Haus und war nur vom unteren Hof aus zugänglich. Ich stieg hinab, tastete mich im Dunkeln die Treppe entlang. Während das Tropfen des Wassers in der Zisterne immer lauter wurde und meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich langsam die Umrisse des Beckens erkennen. Ich war geschickt darin, meine rituellen Waschungen im Dunkeln zu vollziehen – seit meiner ersten Blutung besuchte ich die Mikwe, wie es unser Glaube verlangte, doch ich tat es nachts, ganz für mich allein, denn ich hatte meiner Mutter noch nicht gestanden, dass ich zur Frau geworden war. Seit mittlerweile mehreren Monaten verbrannte ich die benutzten Stoffbinden im Kräutergarten.

Diesmal jedoch war ich nicht aus Gründen, die mein Frausein betrafen, dort unten, sondern um mich auf die Inschrift in meine Zauberschale vorzubereiten. Ein Gebet niederzuschreiben – das war eine ernste und heilige Angelegenheit. Der Akt des Schreibens selbst rief oft göttliche, manchmal aber auch unstete Mächte auf den Plan, die in die Buchstaben eindrangen und eine geheimnisvoll beseelende Kraft schickten, die sich wie eine Welle durch die Tinte bewegte. Oder war es etwa nicht so, dass ein Segen, der in einen Talisman eingraviert war, ein Neugeborenes beschützte, und ein Fluch auf einer Grabinschrift vor Plünderung bewahrte?

Ich schlüpfte aus meinem Gewand und stand, wie mich Gott erschaffen hatte, auf der obersten Stufe der Treppe, obwohl man gewöhnlich das Unterkleid anbehalten durfte. Doch ich wünschte, mich ganz und gar zu offenbaren; nichts sollte zwischen mir und dem Wasser sein. Ich flehte Gott an, mich zu reinigen, damit ich mein Gebet mit der ganzen Aufrichtigkeit meines Herzens und Geistes schreiben konnte. Dann stieg ich in die Mikwe, tauchte unter, schlängelte mich durchs Wasser wie ein Fisch und kam prustend wieder nach oben.

Zurück in meinem Zimmer hüllte ich mich in eine saubere Tunika, nahm die Zauberschale und meine Schreibutensilien zur Hand und entzündete die Öllampen. Der Morgen dämmerte. Ein verschwommenes blaues Licht erfüllte das Zimmer. Mein Herz war ein Kelch, der überfloss.

3.

Ich saß im Schneidersitz auf dem Boden und zeichnete mit einer frisch gespitzten Rohrfeder und schwarzer Tinte, die ich mir selbst aus Asche, Baumsaft und Wasser gemischt hatte, winzige Buchstaben in die Schale. Ich hatte ein ganzes Jahr lang an der richtigen Zusammensetzung der Tinte gearbeitet, hatte ausprobiert, wie lange das Holz brennen musste, um die richtige Asche hervorzubringen, hatte nach dem passenden Harz gesucht, damit die Tinte nicht verklumpte, und da war sie jetzt. Ohne zu verlaufen oder zu verschmieren, haftete sie an dem Kalkstein und schimmerte wie Onyx. Der beißend-rauchige Geruch der Tinte erfüllte den Raum, brannte in meiner Nase. Meine Augen tränten, doch ich atmete die Dämpfe ein wie Weihrauch.

Es gab viele geheime Gebete, die ich hätte schreiben können. Ich hätte darum beten können, an den Ort in Ägypten zu reisen, den meine Tante in meiner Vorstellungskraft erweckt hatte. Ich hätte darum beten können, dass mein Bruder wieder zu uns nach Hause käme. Dass Yaltha bei mir bliebe, bis ans Ende meiner Tage. Dass ich dereinst mit einem Mann vermählt würde, der mich so liebte, wie ich war. Stattdessen jedoch schrieb ich das Gebet, das am Grunde meines Herzens ruhte.

Mit langsamen, feierlichen Bewegungen formte ich die griechischen Buchstaben, als bauten meine Hände kleine Tempel aus Tinte, in denen Gott wohnen konnte. In die Schale zu schreiben, war mühsamer, als ich gedacht hatte, doch ich ließ nicht locker und schmückte das Geschriebene sogar noch mit meinen ganz eigenen Schnörkeln aus – dünne Aufstriche, dicke Abstriche, Spiralen und Zacken an jedem Satzende, Punkte und Kringel zwischen den Wörtern.

Draußen im Hof hörte ich Lavi, unseren sechzehnjährigen Diener, Oliven pressen. Das rhythmische Knirschen des Mahlsteins hallte vom Steinboden wider, und als es aufhörte, gurrte leise eine Taube auf dem Dach. Der kleine Vogel machte mir Mut.

Die Sonne schien warm vom Himmel, der von rosigem Gold zu Weißgold verblasste. Im Haus rührte sich nichts. Yaltha wachte nur selten vor Mittag auf, doch bis dahin würde mir Shipra einen Teller mit warmem Fladenbrot und Feigen bringen. Irgendwann würde Mutter in meinem Zimmer auftauchen, weil sie es kaum erwarten konnte, mich herumzuscheuchen. Wenn sie meine Tinten entdeckte, würde sie mich finster ansehen, mich dafür tadeln, dass ich eine solch kühne Gabe angenommen hatte, und Yaltha rügen, dass sie sie mir ohne ihre Erlaubnis geschenkt hatte. Was Mutter heute davon abhielt, endlich mit ihrer täglichen Runde der Heimsuchung zu beginnen, war mir unklar.

Als ich fast mit meinem Gebet fertig war, spitzte ich die Ohren; das eine wegen meiner Mutter, das andere wegen der Rückkehr meines Bruders Judas. Ich hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Er war zwanzig, und eigentlich wäre es seine Pflicht gewesen, sesshaft zu werden und sich eine Frau zu suchen, doch er zog es vor, Vater gegen sich aufzubringen, indem er sich mit Eiferern zusammentat, die gegen Rom aufbegehrten. Er war schon öfters mit den Zeloten unterwegs gewesen, doch noch nie so lange wie diesmal. Jeden Morgen hoffte ich, ihn endlich durchs Vestibül stapfen zu hören, hungrig und müde und zerknirscht darüber, dass er uns solche Sorgen bereitet hatte. Doch zerknirscht zu sein war nicht Judas’ Art. Außerdem war diesmal alles anders – wir alle wussten es, sprachen aber nicht darüber. Mutter fürchtete ebenso wie ich, Judas habe sich endgültig Schimon bar Giora angeschlossen, dem flammendsten Fanatiker von allen. Es hieß, seine Leute überfielen kleine Gruppen von Herodes Antipas’ Söldnern und römische Soldaten, die unter General Varus dienten, und schnitten ihnen die Kehle durch. Auch wohlhabende Reisende auf der Straße nach Kanaan waren bereits überfallen worden; ihnen knöpfte man das Geld ab, um es den Armen zu geben, doch ihre Hälse blieben zumindest verschont.

Judas war mein adoptierter Bruder, der Sohn der Kusine meiner Mutter, doch zu ihm empfand ich eine viel stärkere seelische Verbindung als zu meinen Eltern. Weil er spürte, wie einsam und verlassen ich mich als Kind fühlte, hatte er mich oft mitgenommen, wenn er in den terrassierten Hügeln vor der Stadt umherstreifte, und dann kletterten wir über die Steinmauern, die die Felder voneinander trennten, erschreckten die Mädchen, die Schafe hüteten, oder stibitzten Trauben und Oliven. Überall in den Hängen gab es verzweigte Höhlen, wie Bienenstöcke, und wir erkundeten sie, riefen unsere Namen in ihre klaffenden Münder und lauschten dem Echo, das sie zurückwarfen.

Häufig gelangten wir bei unseren Streifzügen zum römischen Aquädukt, das Wasser in die Stadt brachte, und machten uns ein Spiel daraus, mit Steinen auf die Säulen zwischen den Bögen zu zielen. Eines Tages, als wir im Schatten dieses gewaltigen römischen Bauwerks standen – Judas war damals sechzehn, ich zehn –, erzählte er mir zum ersten Mal von dem Aufstand in Sepphoris, bei dem seine Eltern ums Leben gekommen waren. Römische Soldaten hatten zweitausend Aufständische einschließlich seines Vaters festgenommen und gekreuzigt; die Kreuze standen in einer langen Reihe am Straßenrand. Seine Mutter war zusammen mit den übrigen Bewohnern der Stadt in die Sklaverei verkauft worden. Judas, der damals erst zwei Jahre alt war, kam in Kanaan unter, bis ihn meine Eltern zu sich holten.

Sie hatten ihn mit Brief und Siegel adoptiert, doch Judas war niemals der Sohn meines Vaters gewesen, nur der meiner Mutter. Wie jeder gottesliebende Jude verabscheute mein Bruder Herodes Antipas, weil dieser mit den Römern kollaborierte, und es erfüllte ihn mit Zorn, dass unser Vater zum engsten Berater von Antipas geworden war. In Galiläa schwelte schon lange der Unmut, man sehnte sich nach einem Messias, der das Land von Rom befreien würde, und ausgerechnet meinem Vater fiel die Aufgabe zu, Antipas zu beraten, wie er die Galiläer besänftigen und zugleich ihrem römischen Unterdrücker die Treue halten könnte. Das wäre für jeden eine undankbare Aufgabe gewesen, doch besonders für meinen Vater, der in seinem jüdischen Glauben ein wenig unstet war. Er hielt die Sabbatruhe ein, nahm es damit aber nicht besonders genau. Er besuchte die Synagoge, verließ sie jedoch wieder, bevor der Rabbi begann, aus den Schriften zu lesen. Er machte an Pessach und Sukkot lange Pilgerfahrten nach Jerusalem, doch eigentlich graute ihm davor. Er hielt sich an die Speisevorschriften, betrat die Mikwe jedoch nur, wenn er einen Toten oder einen Menschen mit einer Hautkrankheit berührt hatte, und nahm sogar auf einem Stuhl Platz, auf dem zuvor meine menstruierende Mutter gesessen hatte.

Ich fürchtete um Vaters Sicherheit. An diesem Morgen hatte er das Haus in Begleitung von zwei Soldaten des Herodes Antipas verlassen, idumäischen Söldnern, deren Helme und Schwerter im Sonnenlicht blitzten. Sie bildeten seine Eskorte, seit er in der vergangenen Woche auf der Straße von einem der Zeloten Schimon bar Gioras angespuckt worden war. Der beleidigende Angriff hatte einen heftigen Streit zwischen Vater und Judas entfacht, einen wahren Gewittersturm des Zorns, der vom Vestibül bis in die oberen Räume drang. Genau in jener Nacht war mein Bruder verschwunden.

Weil ich mit all diesen Sorgen um Mutter, Vater und Judas beschäftigt war, füllte ich zu viel Tinte in meine Feder, sodass ein Tropfen in die Schale fiel und einen schwarzen Klecks darin hinterließ. Ich war entsetzt.

Vorsichtig tupfte ich die Stelle mit einem Wischtuch ab, doch ein hässlicher grauer Fleck blieb zurück. Ich hatte es nur noch schlimmer gemacht. Ich schloss die Augen, um zur Ruhe zu kommen. Dann endlich gelang es mir, meine Konzentration wieder auf das Gebet zu lenken, und ich schrieb mit übervollem Herzen und Verstand weiter.

Damit die Tinte schneller trocken wurde, wedelte ich mit einem Federwisch darüber. Dann zeichnete ich, so wie Yaltha mich angewiesen hatte, die Gestalt eines Mädchens unten in die Schale. Es wurde ein groß gewachsenes Mädchen mit langen Beinen, einem schmalen Oberkörper, kleinen Brüsten, einem ovalen Gesicht, großen Augen, Haaren wie Brombeergestrüpp, dicken Brauen und einer kleinen Traube als Mund. Sie hob die Arme, als würde sie bitte, bitte sagen. Jeder würde erkennen, dass ich dieses Mädchen war.

Der Tintenfleck schwebte direkt über dem Kopf des Mädchens wie eine dunkle, kleine Wolke. Stirnrunzelnd schaute ich ihn an, versuchte, mir einzureden, dass er nichts zu bedeuten hatte. Das war kein böses Omen, nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, das war alles, doch ich war trotzdem beunruhigt. Schließlich zeichnete ich eine Taube über den Kopf des Mädchens, direkt unter dem Klecks. Ihre Flügel waren geschwungen wie ein Tabernakel.

Ich stand auf und trug die Schale zu dem schmalen, hohen Fenster, durch das gebündeltes Licht fiel. Hier drehte ich die Schale um die eigene Achse, sah den Worten zu, die darin kreisten wie eine Flüssigkeit, die sich hoch zum Rand schaukelt.

Herr, unser Gott, erhöre mein Gebet, das Gebet meines Herzens. Segne die Weite in mir, ganz gleich, wie sehr ich sie fürchte. Segne meine Rohrfedern und meine Tinten. Segne die Worte, die ich schreibe. Mögen sie in deinen Augen schön sein. Mögen sie sichtbar sein für die Augen derer, die noch nicht geboren sind. Wenn ich dereinst zu Staub geworden bin, sprich diese Worte über meiner sterblichen Hülle: Sie war eine Stimme.

Ich blickte auf das Gebet und das Mädchen und die Taube hinab, und Jubel wallte in meiner Brust auf, wie eine Schar Vögel, die sich alle zur gleichen Zeit aus den Bäumen erheben.

Ich wünschte mir so sehr, dass Gott bemerkte, was ich getan hatte, und dass er zu mir aus dem Wirbelwind spräche. Ich wünschte, er würde sagen: Ana, ich sehe dich. Und ich sehe dich mit Wohlgefallen. Doch es herrschte nur Stille.

Erst als ich dabei war, mein Schreibwerkzeug wegzupacken, kam mir das zweite Gebot in den Sinn, als hätte Gott am Ende doch zu mir gesprochen. Doch es war nicht das, was ich hören wollte. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Gott selbst hatte dieses Gebot auf eine Steintafel geschrieben und diese Moses gegeben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er von uns verlangte, das Gebot bis in die letzte Konsequenz zu befolgen, doch es hatte schon lange eine zusätzliche Bedeutung erlangt und galt als Anweisung, Israel rein und unabhängig von Rom zu halten. Es war zum Maßstab unserer Loyalität geworden.

Ich wurde still. Eine eisige Kälte machte sich in mir breit. Es sind schon Menschen für schlichtere Bildnisse als das, was ich angefertigt habe, zu Tode gesteinigt worden. Ich ließ mich zu Boden sinken, lehnte mich an die Truhe aus Zedernholz. Zwar war mir das Bilderverbot auch am gestrigen Abend, als meine Tante mich angewiesen hatte, mich selbst in der Schale zu verewigen, kurz in den Sinn gekommen, doch ich hatte es wieder verdrängt, wie geblendet durch Yalthas selbstsichere Art. Jetzt jedoch war mir ganz flau zumute, weil ich nicht wirklich über die Konsequenzen nachgedacht hatte.

Ich fürchtete nicht, dass man mich steinigen könnte; so weit würde es nicht kommen. Sicher gab es in Galiläa und sogar in Sepphoris Steinigungen, doch nicht hier im Haushalt meines Vaters, eines Liebhabers des Griechischen, wo es nicht etwa darum ging, die jüdischen Gesetze zu befolgen, sondern nur so zu tun, als ob. Nein, was ich fürchtete, wenn man das Bild entdeckte, war, dass meine Schale zerstört wurde. Ich befürchtete, man würde mir den gesamten Inhalt meiner Truhe wegnehmen, und dass mein Vater sich schließlich dem Willen meiner Mutter fügen und mir verbieten würde zu schreiben. Und dass er seinen Zorn an Yaltha ausließ, sie vielleicht sogar des Hauses verwies.

Ich presste meine Hände an die Brust, um wieder zu der Person zu werden, die ich in der vergangenen Nacht gewesen war. Wo war das Ich, das ein Gebet geschrieben hatte, ein Gebet, das ein Mädchen niemals wagen würde zu sprechen? Wo war das Ich, das in die Mikwe gestiegen war? Das die Lampen angezündet hatte? Das Ich, das glaubte?

Aus Sorge, dass auch sie verloren gehen könnten, hatte ich die Geschichten aufgeschrieben, die meine Tante mir von den Mädchen und Frauen in Alexandria erzählt hatte, und jetzt kramte ich in meinen Schriftrollen, bis ich sie gefunden hatte. Ich strich sie glatt und las. Sie machten mir Mut.

Ich suchte bei meinen Wischlappen nach einem Stück Flachs, legte es über die Schale, als handelte es sich um einen Topf für Unrat, und schob ihn unters Bett. Meine Mutter würde niemals dort nachsehen. Es war ihre Dienerin und Vertraute Shipra, vor der ich auf der Hut sein musste.

4.

Der Name meiner Mutter, Hadar, bedeutet Pracht, ein Name, dem sie mit allen Mitteln versuchte, gerecht zu werden. An diesem Morgen betrat sie mein Zimmer in einem smaragdgrünen Gewand und ihrer schönsten Karneolhalskette, gefolgt von Shipra, die mit einem Stapel der herrlichsten Roben sowie einer Reihe von Schatullen beladen war, die allerlei Geschmeide, Kämme und Schminkutensilien beinhalteten. Ganz oben auf dem Stapel stand ein Paar honigfarbene Sandalen mit kleinen Glöckchen an den Riemen. Selbst Shipra, eine einfache Dienerin, trug ihren besten Mantel und ein Armband aus geschnitztem Bein.

»Wir brechen gleich zum Markt auf«, verkündete Mutter. »Und du wirst uns begleiten.«

Wäre sie nicht in so dringender Mission gekommen, hätte sie vielleicht bemerkt, wie ich noch rasch einen Blick auf die Schale unter dem Bett warf, und sich gefragt, was es denn damit auf sich hatte. Doch ihre Neugier war nicht geweckt worden, und im ersten Moment war ich so erleichtert, dass mir die Frage gar nicht in den Sinn kam, warum man in solch pompösem Aufzug auf den Markt gehen sollte.

Shipra half mir aus meinem Morgenmantel und ersetzte ihn durch eine Tunika aus weißem Leinen, die mit einer breiten Borte aus Silberbrokat eingefasst war. Sie schlang mir einen indigoblauen Gürtel um die Hüften, befestigte die Glöckchensandalen an meinen Füßen und ermahnte mich stillzuhalten, während sie mein dunkles Gesicht mit Kreide und Gerstenmehl bepuderte, um es heller wirken zu lassen. Ihr Atem roch nach Linsen und Lauch, und als ich das Gesicht abwandte, zwickte sie mir ins Ohr. Ich stampfte trotzig mit dem Fuß auf und brachte die Glöckchen zum Klingeln.

»Halt still jetzt, wir dürfen uns nicht verspäten«, sagte Mutter, reichte Shipra ein Stück Kohl und sah zu, wie sie damit meine Augen schminkte und meine Hände mit Öl massierte.

Ich konnte meine Zunge nicht im Zaum halten. »Müssen wir uns eigentlich so aufputzen, um auf den Markt zu gehen?«

Die beiden Frauen wechselten einen Blick. Ein roter Fleck erblühte auf Mutters Kinn und breitete sich bis auf den Hals aus; das passierte oft, wenn sie sich bei etwas ertappt fühlte. Sie beachtete mich nicht.

Ich sagte mir, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab. Mutters Hang zur Opulenz war nicht ungewöhnlich, auch wenn sich derlei Prunk meistens auf die Festbankette beschränkte, die sie im Empfangssaal abhielt und bei denen es nur das Allerbeste gab – Variationen von gegrilltem Lamm, in Honig eingelegte Feigen, Oliven, Hummus, Fladenbrot, Wein, schimmernde Öllampen, Musikanten, Akrobaten, einen Wahrsager. Mit Spaziergängen zum Markt im Festtagsgewand hatte sie bislang jedoch noch nicht geglänzt.

Arme Mutter. Sie schien immer irgendetwas beweisen zu wollen, obwohl ich nie gewusst hatte, was genau, bis Yaltha zu uns kam. Während eines unserer Gespräche auf dem Dach hatte meine Tante mir verraten, der Vater meiner Mutter habe sich als Trödler in den Straßen Jerusalems durchs Leben geschlagen, wo er Kleider – und nicht gerade die feinsten – verkaufte. Vater und Yaltha hingegen waren von vornehmer Herkunft und stammten von griechisch sprechenden Juden in Alexandria ab, die über Verbindungen bis in höchste römische Kreise verfügten. Natürlich galt eine Heirat zwischen zwei Familien, bei denen sich gesellschaftlich solche Abgründe auftaten, als unmöglich, wäre nicht entweder die Braut von außergewöhnlicher Schönheit, oder der Bräutigam litte unter einer körperlichen Einschränkung. Und beides war der Fall, denn die Anmut meiner Mutter galt als vortrefflich, und der eine Oberschenkelknochen meines Vaters war kürzer als der andere, sodass er ganz leicht hinkte.

Die Erkenntnis, dass die Zurschaustellung von Prunk bei meiner Mutter nicht etwa nur Dünkel entsprang, sondern auch dem Versuch, ihre niedere Herkunft zu verschleiern, erfüllte mich mit Erleichterung. Sie tat mir leid.

Shipra knüpfte Bänder in mein Haar und beschwerte meine Stirn mit einem Schmuckband aus Silbermünzen. Dann legte sie mir einen kratzenden scharlachroten Wollumhang über die Schultern, der nicht etwa mit billigem Krapprot, sondern einem kostbaren, von Läusen gewonnenen Farbstoff gefärbt war. Die letzte Tortur erlitt mein Hals, den meine Mutter in ein Joch aus Lapis-Perlen zwängte.

»Dein Vater wird begeistert sein«, sagte sie.

»Vater? Kommt er auch?«

Sie nickte, legte sich einen safranfarbenen Mantel um Schultern und Kopf und zog den Saum tief über ihren Haarschmuck.

Wann war Vater jemals auf den Markt gegangen?

Ich konnte nicht verstehen, was vorging, nur dass es sich offenbar um mich drehte, und das war kein gutes Zeichen. Wäre Judas hier gewesen, hätte er meine Partei ergriffen; er ergriff immer meine Partei. Oft sagte er zu Mutter, man solle mich mit Spindel, Webstuhl und Lyra verschonen und meinen Studien überlassen. Weil ich als Mädchen in der Synagoge das Wort nicht ergreifen durfte, stellte oft er dem Rabbi die Fragen, die mir auf den Nägeln brannten. In diesem Moment hätte ich alles darum gegeben, ihn an meiner Seite zu haben.

»Was ist mit Judas?«, fragte ich. »Ist er wieder da?«

Mutter schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab.

Judas war immer ihr Liebling und der einzige Kelch gewesen, in den sie ihre mütterliche Verehrung gießen konnte. Ich wollte gerne glauben, dies liege daran, dass er ihren Status als Mutter eines Sohnes erhöhte, oder weil ihm als Kind so schlimme Dinge widerfahren waren, dass er eine Extraportion Liebe brauchte. Doch vielleicht lag es auch an Judas selbst, denn er war ein umgänglicher Mensch von angenehmem Äußeren, in gleichem Maße mit Prinzipientreue wie mit Freundlichkeit gesegnet, was eine äußerst seltene Kombination darstellte, während ich selbst dickköpfig und aufbrausend war, eine Mischung aus sonderbaren Hoffnungen und widerspenstigem Eigensinn. Es muss ihr sehr schwergefallen sein, mich zu lieben.

»Und Yaltha?«, fragte ich, weil ich mich auf einmal dringend nach einer Verbündeten sehnte.

»Yaltha …«, fauchte sie. »Yaltha bleibt hier.«

5.

Wir durchpflügten die menschlichen Wogen auf der säulenbestandenen Hauptstraße von Sepphoris wie eine kaiserliche Barkasse, über das Pflaster aus schimmerndem, bröseligem Kalkstein – Vater ging voraus, dann kamen Mutter, Shipra und ich, flankiert von zwei Soldaten, die barsch den Passanten befahlen, Platz zu machen. Ich sah Vaters gedrungene Gestalt, wie sie mit dem für ihn typischen winzigen Hinken einherschritt. Er trug wie ich einen roten Mantel und dazu einen passenden Hut, der sich wie ein Brotlaib über seinem Kopf erhob. Seine großen Ohren ragten rechts und links unter der Krempe hervor wie die Henkel einer Tasse, während sein großer kahler Kopf, den er als Strafe Gottes betrachtete, darunter verborgen blieb.

Als er mich kurz zuvor erblickt und meiner Mutter in stillschweigendem Einverständnis zugenickt hatte, verweilte sein Blick noch einen Moment auf mir. Dann sagte er: »Schau nicht so finster, Ana.«

»Nennt mir den Anlass unseres Ausfluges, Vater, dann werde ich gewiss eine freundlichere Miene aufsetzen.«

Er gab mir keine Antwort, und ich wiederholte meine Frage. Doch er strafte mich mit Missachtung, so wie auch Mutter es getan hatte. Es war nichts Ungewöhnliches daran, dass meine Eltern mich ignorierten – nichts anderes taten sie Tag für Tag –, doch dass sie nun meine Fragen nicht beantworteten, beunruhigte mich. Auf einmal wurde mir bewusst, dass der Markt in derselben großen römischen Basilika abgehalten wurde, in dem sich auch der Gerichtshof befand, ebenso wie die öffentliche Versammlungshalle, die wir als Synagoge für unsere Gottesdienste benutzten, und ich begann mich bange zu fragen, ob wir vielleicht gar nicht zum Markt unterwegs waren, sondern zu einer Gerichtsverhandlung, bei der man Judas des Banditentums anklagen würde; möglicherweise sollte die Zurschaustellung unseres Reichtums dazu dienen, seine Bestrafung abzuwenden. Ja, so verhielt es sich ganz bestimmt, und die Angst um meinen Bruder war ebenso groß wie die Angst um mich selbst.

Doch gleich darauf beschlich mich eine andere Vorstellung: Ich sah uns in der Synagoge vor mir, wo mich meine Eltern, die mein ständiges Betteln darum, wie ein Junge lernen und studieren zu können, leid waren, bezichtigten, ihnen mit meinem Ehrgeiz und meiner Selbstherrlichkeit Schande zu bereiten. Der Rabbi – der besonders Hochmütige unter ihnen – würde eine Verwünschung schreiben und mich dazu verdonnern, die Tinte zu trinken, mit der sie verfasst war. Sollte ich ohne Sünde sein, wäre die Verwünschung ohne Folge, war ich jedoch schuldig, würden meine Hände verkrüppeln, sodass ich nicht mehr schreiben konnte, meine Augen würden so schwach werden, dass ich nicht mehr lesen konnte, oder vielleicht würden sie mir ganz aus dem Kopf fallen. Hatte man sich kürzlich nicht genau eine solche Prüfung für eine Frau ausgedacht, die man des Ehebruches bezichtigte? Und hieß es nicht, ihre Schenkel seien dahingeschwunden und ihr Bauch habe sich aufgebläht, genau so, wie es in der Heiligen Schrift stand? Nun, dann könnte ich schon an diesem Abend ohne Hände dastehen und blind sein! Sollte jedoch die Synagoge nicht unser Ziel sein, so sagte ich mir, würden wir ja vielleicht doch zum Markt gehen, wo man mich an einen arabischen Prinzen oder einen Gewürzhändler verschachern würde, der mich auf dem Rücken eines Kamels in die Wüste entführte, und meine Eltern wären mich ein für alle Mal los.

Ich holte tief Luft. Dann noch ein Atemzug, um meine kreisenden, sinnlosen Gedanken zu beruhigen.

Ich schaute zur Sonne, erkannte, dass es bereits kurz vor Mittag war, stellte mir vor, wie Yaltha aufwachte und das Haus leer vorfand, und wie Lavi ihr mitteilte, dass wir alle in Glanz und Gloria auf den Markt gegangen waren. Ich wünschte mir mit aller Kraft, sie käme uns suchen. Verfehlen würde sie uns wohl kaum – schließlich mangelte es unserer Prozession an nichts, außer vielleicht noch Zimbeln und Trompeten. Ich schaute mich um, in der Hoffnung sie zu sehen, und stellte mir vor, wie sie auftauchte – atemlos, in ihrem schlichten Flachsgewand, irgendwie wissend, dass ich in Gefahr schwebte. Sie würde an meiner Seite einherschreiten, die Schultern auf ihre typisch stolze Art gereckt, würde meine Hand nehmen und sagen: Ich bin hier, deine Tante ist hier.

Die Stadt war von Sepphoris’ wohlhabenden Bewohnern ebenso verstopft wie von Zugereisten aus dem ganzen Imperium – ich schnappte allerlei Sprachfetzen auf, Latein ebenso wie Phrygisch, aber auch Aramäisch, Hebräisch und Griechisch –, und wie gewohnt drängten sich hier auch Trauben von Tagelöhnern aus Nazareth: die Steinmetze, Zimmerleute und Steinbrecher, die jeden Tag den beschwerlichen Marsch quer durch das Zippori-Tal auf sich nahmen, um sich bei einem von Herodes Antipas’ Bauvorhaben zu verdingen. Wie sie mitsamt ihren Karren durch die Straßen zogen, verursachten sie mit ihren Rufen und dem Gebrüll ihrer Esel einen Mordslärm und übertönten so das Klimpern der Münzen an meiner Stirn, ebenso wie das Klingeln der Glöckchen an meinen Sandalen und den Tumult in meiner Brust.

Während wir uns der Münzanstalt der Stadt näherten, rief jemand in der Menge im aramäischen Dialekt der Nabatäer: »Habt acht, da kommen Herodes Antipas’ Hunde!«, und ich sah, wie Vater zusammenzuckte. Andere nahmen den Ruf auf, und der Wachsoldat, der die Nachhut bildete, machte ein paar Schritte in die Menge, schwenkte seinen Schild, und das Gelächter verstummte.

Beschämt über unseren protzigen Aufzug, jedoch nur gelinde überrascht von dem Hass, den uns die Bauern entgegenbrachten, senkte ich den Kopf, denn ich wollte den Blicken dieser Menschen nicht begegnen. Sie erinnerten mich an den Tag, an dem Judas verschwunden war, und an die Begebenheit, die ich am liebsten vergessen wollte.

***

AN JENEM MORGEN HATTE ER MICH auf den Markt begleitet, wo ich hoffte, etwas Papyrus auftreiben zu können. Gewöhnlich war es Lavis Aufgabe, mich wie ein Schatten zu begleiten, doch als Judas sich angeboten hatte, stimmte ich freudestrahlend zu. Wir legten denselben Weg zurück wie jetzt und kamen an einer umgestürzten Schubkarre vorbei. Daneben lag ein Arbeiter, dessen Arm unter eine schwere Marmorplatte geraten war. Blut kroch in einem feinen Rinnsal unter dem Stein hervor.

Ich versuchte, Judas zurückzuhalten, der dem Mann sogleich zu Hilfe eilen wollte. »Er ist unrein!«, schrie ich und packte ihn am Arm. »Lass ihn.«

Judas machte sich frei und sah mich angewidert an. »Ana! Was weißt du schon von seiner Mühsal – du, ein verwöhntes Mädchen, das noch keinen einzigen Tag in seinem Leben geschuftet oder gehungert hat! Bist du also doch die Tochter deines Vaters?«

Seine Worte waren erdrückend, ganz wie die blutige Steinplatte vor uns. Ich verharrte stocksteif und voller Scham, während er die Platte von dem Mann hob und seine Wunde mit einem Stoffstreifen verband, den er aus seiner eigenen Tunika gerissen hatte.

Als er zu mir zurückkehrte, sagte er: »Gib mir deinen Armreif.«

»Wie bitte?«

»Gib mir deinen Armreif.«

Der Reif war aus purem Gold, mit einem verschlungenen Weinblattmuster. Ich zog meinen Arm zurück.

Sein Gesicht kam ganz nah. »Dieser Mann hier« – er unterbrach sich und zeigte auf die Schar von zerlumpten, schweißüberströmten Tagelöhnern, die stehen geblieben waren, um zu gaffen – »all diese Männer haben dein Erbarmen verdient. Sie kennen nichts außer Ablässen und Schulden. Wenn sie nicht zahlen können, nimmt Herodes Antipas ihnen ihr Land ab, und ihnen bleibt nichts anderes übrig, als auf diese Weise ihr Leben zu fristen. Wenn dieser Mann nicht mehr arbeiten kann, wird er als Bettler enden.«

Ich zog den Reif von meinem Handgelenk und sah, wie Judas ihn dem verletzten Mann in die Hand drückte.

Später, am selben Abend, waren Judas und Vater aneinandergeraten, während Mutter, Yaltha und ich an der Brüstung über dem Empfangssaal standen und, ins Dunkel gepresst, ihrem Streit lauschten.

»Es tut mir leid, dass ein Anhänger von Schimon bar Giora Euch bespuckt hat, Vater«, sagte Judas. »Doch Ihr könnt ihn nicht verdammen. Allein diese Männer kämpfen für die Armen und Entrechteten.«

»Und doch verdamme ich ihn!«, rief Vater. »Ich verdamme sie alle, weil sie Banditen und Aufrührer sind! Und was die Armen und Entrechteten angeht, so gilt: Wer säet, der erntet.«

Diese Verurteilung der Armen, geäußert mit solcher Ungeniertheit, solcher Bosheit, erzürnte Judas erst recht, der zurückbrüllte: »Die Armen haben nur die Unmenschlichkeit des Antipas geerntet, sonst nichts! Wovon sollen sie die Steuern zahlen, zusätzlich zu dem Tribut an Rom, und auch nochden Zehnten, den sie an den Tempel zu entrichten haben? Sie werden zu Staub zerrieben, und Ihr und Antipas seid der Mörser.«

Einen Moment lang herrschte Totenstille. Dann Vaters Stimme, kaum mehr als ein Zischen: »Raus hier. Raus aus meinem Haus.«

Mutter hielt den Atem an. So gleichgültig Vater Judas gegenüber in all den Jahren gewesen war – des Hauses verwiesen hatte er ihn noch nie. Wäre Judas auch so heftig geworden, wenn ich an diesem Morgen nicht mit meinen eigenen gemeinen Worten seine Abscheu hervorgerufen hätte? Mir wurde schwindelig.

Die Schritte meines Bruders hallten im schummrigen Licht des Hofes wider und verstummten.

Ich wandte mich meiner Mutter zu. Verachtung schimmerte in ihren Augen. So lange ich zurückdenken konnte, hatte sie nichts als Geringschätzung für meinen Vater übrig. Er hatte sich geweigert, Judas in das enge Verlies seines Herzens vorzulassen, und die Rache meiner Mutter war ebenso durchdacht wie wirksam gewesen – sie gab vor, unfruchtbar zu sein. In Wirklichkeit jedoch nahm sie bitteren Beifuß, wilde Raute, ja sogar Mönchspfeffer ein, der selten und kostspielig war; all diese verhütenden Mittelchen hatte ich in der Kräutertruhe gefunden, die Shipra in dem Lagerraum unter dem Hof versteckte. Mit eigenen Ohren hatte ich die beiden über die Wollbäusche beratschlagen hören, die Mutter in Leinöl tränkte und sich einführte, bevor mein Vater sie besuchte, und über die Harztinktur, mit der sie sich hinterher säuberte.

Man sagte, Frauen hätten zwei Aufgaben: schön zu sein und Kinder auf die Welt zu bringen. Ihre Schönheit hatte Mutter meinem Vater geschenkt, doch Fortpflanzung verwehrte sie ihm, indem sie sich weigerte, nach mir ein weiteres Kind zu bekommen. In all diesen Jahren hatte er die Täuschung niemals bemerkt.

Manchmal kam mir der Gedanke, es könnte nicht nur Rache sein, die meine Mutter antrieb, sondern eine ganz spezielle weibliche Eigenart – nicht unbändiger Ehrgeiz wie bei mir, sondern eine Abneigung Kindern gegenüber. Vielleicht fürchtete sie ja den Schmerz und die tödlichen Gefahren, die mit einer Geburt einhergingen, oder sie schreckte vor den verheerenden Auswirkungen einer Schwangerschaft auf den weiblichen Körper zurück; möglicherweise scheute sie auch die Mühen, die das Aufziehen von Kindern mit sich brachte. Vielleicht aber mochte sie sie einfach nicht. All dies konnte ich ihr nicht zum Vorwurf machen. Doch wenn sie aus diesen Gründen eine Unfähigkeit, Leben zu schenken, vorgab, warum hatte sie dann mich zur Welt gebracht? Warum war ich überhaupt da? Hatte etwa der Mönchspfeffer bei mir versagt?

Diese Frage hatte mich umgetrieben, bis ich im Alter von dreizehn den Rabbi eines Tages von einem Gesetz sprechen hörte, nach dem ein Mann sich von seiner Frau scheiden lassen kann, wenn sie ihm nicht innerhalb von zehn Jahren ein Kind schenkt. Jener Moment in der Synagoge fühlte sich an, als hätte sich der Himmel geteilt, und der Grund für meine Existenz auf Erden wäre von Gottes Thron gestürzt und mir direkt vor die Füße gefallen. Ich war die feste Burg, die meiner Mutter Sicherheit schenkte. Ich war auf die Welt gekommen, um sie davor zu bewahren, verstoßen zu werden.

***

JETZT SCHRITT MUTTER HINTER VATER HER, kerzengerade, mit erhobenem Kopf und ohne nach rechts oder links zu schauen. Im Sonnenlicht leuchtete ihr goldener Mantel, als stünde er in Flammen. Selbst die Luft um sie herum schien heller zu sein als bei uns, wie durchtränkt mit Hochmut und Schönheit und dem Duft nach Sandelholz. Ich suchte die belebten Straßen noch einmal nach Yaltha und Judas ab und begann stumm mein geheimes Gebet zu sprechen. Herr, unser Gott, erhöre mein Gebet, das Gebet meines Herzens. Segne die Weite in mir, ganz gleich, wie sehr ich sie fürchte …

Die Worte beruhigten mich, während die Stadt an mir vorbeiströmte, prachtvolle Bauten, die mich jedes Mal, wenn ich hierherkam, mit Ehrfurcht erfüllten. Antipas hatte Sepphoris mit imposanten öffentlichen Gebäuden ausgestattet, mit einer königlichen Schatzkammer, freskengeschmückten Basiliken, einem Badehaus, Abwasserkanälen, mit überdachten Gehwegen und gepflasterten Straßen, die ein Raster nach römischem Vorbild bildeten. Große Herrenhäuser wie das meines Vaters gehörten zum Stadtbild, und Antipas’ Palast wäre mit seiner Pracht eines Königs würdig gewesen. Der Tetrarch hatte die Stadt wiederaufgebaut, nachdem Rom sie anlässlich des Aufruhrs vor vielen Jahren, bei dem Judas seine Eltern verlor, dem Erdboden gleichgemacht hatte. Wie Phoenix aus der Asche war eine wohlhabende Metropole erwachsen, die Jerusalem in nichts nachstand.

Kürzlich hatte Antipas mit dem Bau eines römischen Amphitheaters am Nordhang der Stadt begonnen, in dem dereinst Platz für viertausend Zuschauer sein würde. Vater selbst hatte die Idee aufgebracht, damit Antipas Eindruck bei Kaiser Tiberius schinden konnte. Judas meinte, es sei nur ein weiterer Schritt, damit wir die hässliche Kröte Rom endlich schluckten, doch Vaters List endete keineswegs hier. Er hatte Antipas geraten, seine eigenen Münzen prägen zu lassen, allerdings entgegen römischer Sitte nicht sein eigenes Antlitz darauf zu zeigen, sondern eine Menorah, einen siebenarmigen Leuchter. Ein raffinierter Schachzug, denn damit wurde der Eindruck vermittelt, Antipas befolge genau das Gebot Moses’, das ich an ebendiesem Morgen gebrochen hatte. Die Leute nannten Herodes Antipas einen Fuchs, doch mein Vater war allemal abgefeimter.

Stimmte das, was Judas angedeutet hatte, und ich war wie er?

Während jetzt der Markt in Sicht kam, wurde das Gedränge immer größer. Wir bahnten uns einen Weg an Männern vorbei – Höflingen, Schriftgelehrten, Beamten, Priestern. Kinder schleppten bündelweise Kräuter, Garben von Gerste und Weizen, ganze Arme voll Zwiebeln, Tauben in Käfigen. Als könnte sie nichts aus dem Gleichgewicht bringen, trugen Frauen Waren auf ihren Köpfen – Ölkrüge, riesige Körbe mit den Oliven der letzten Ernte, Stoffballen, Steinkannen, sogar dreibeinige Tische, was immer man eben feilbieten konnte, und grüßten einander fröhlich: »Shelama, shelama!« Ich beneidete diese Frauen von ganzem Herzen, wann immer ich sie sah, denn sie konnten sich frei bewegen, ohne von einem Begleiter an der Leine geführt zu werden. Gewiss war das Leben als Bäuerin doch nicht ganz so schlecht.

In der Basilika wurde das Gedränge immer schlimmer und die Luft stickiger. Langsam begann ich unter meinem kostbar bestickten Mantel zu schwitzen. Ich ließ den Blick durch den höhlenartigen Raum schweifen, erblickte Reihen um Reihen von Marktständen und Karren, über denen eine Geruchswolke aus Schweiß, Kohle, am Spieß gegrilltem Fleisch und dem fauligen Pökelfisch aus Magdala hing. Ich hielt mir den Handrücken vor die Nase, um den Gestank abzumildern, und spürte, wie der Soldat, der hinter uns herstapfte, mich weiterdrängte.

Vor uns blieb meine Mutter mitten auf dem Weg vor einer Reihe von Marktständen stehen, die Waren von der Seidenstraße feilboten – chinesisches Papier, Seide, Gewürze. Lustlos befingerte sie ein himmelblaues Stück Stoff, während mein Vater bis zum Ende der Reihe weiterging, wo auch er innehielt und den Blick über die Menge schweifen ließ, als suchte er nach jemandem.

Schon von dem Moment an, als wir aufgebrochen waren, hatte ich das Gefühl gehabt, wir seien in unheilvoller Mission unterwegs, was ich nicht nur an den ungewöhnlichen Umständen unseres Ausfluges, sondern auch an den winzigsten Regungen in den Gesichtern meiner Eltern erspürte, und doch stand da vorne meine Mutter und feilschte um ein Stück Seide, während mein Vater seelenruhig in die Menge blickte. War sie vielleicht wirklich nur zum Einkaufen hierhergekommen? Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Den kleinen Mann, der auf meinen Vater zutrat, bemerkte ich erst, als die Menge sich ein wenig teilte und ich sah, wie er einen Schritt vorwärts machte und sich vor Vater verbeugte. Der Mann trug einen kostbaren, purpurroten Mantel und einen hohen, spitz zulaufenden Hut, vielleicht den höchsten Hut, den ich jemals erblickt hatte; ein Turm aus Stoff, der sogleich die Aufmerksamkeit auf die außergewöhnlich kleine Statur des Mannes lenkte.

Meine Mutter legte die hellblaue Seide beiseite, blickte zurück und winkte mich zu sich.

»Wer ist das an Vaters Seite?«, fragte ich.

»Das ist Nathaniel ben Hananiah, ein Bekannter deines Vaters.«

Der Mann hätte ebenso gut ein Junge von zwölf Jahren sein können, wäre da nicht der gewaltige Bart gewesen, der ihm in gezwirbelten Flechten bis weit über die Brust fiel. Er zupfte daran herum, seine Frettchenaugen huschten wie auf Krallenfüßen über mich hinweg.

»Ihm gehören nicht ein, sondern gleich zwei Landgüter«, teilte Mutter mir mit. »Auf dem einen baut er Datteln an, auf dem anderen Oliven.«

Dann geschah etwas – einer dieser winzigen, namenlosen Momente, dessen große Bedeutung man erst viel später erkannte. Farben, wie mit dem Pinsel gemalt, am Rande meines Gesichtsfeldes. Als ich mich umdrehte, erblickte ich einen jungen Bauersmann, der mit hoch erhobenen Händen dastand, zwischen den gespreizten Fingern lange Garnstränge in allen Farben – Rot, Grün, Lila, Gelb, Blau. Das Garn ergoss sich bis zu seinen Knien wie ein leuchtender Wasserfall. Erst später würde mir der Vergleich mit einem Regenbogen in den Sinn kommen, und ich würde mich fragen, ob Gott ihn mir wie bei Noah als Zeichen der Hoffnung geschickt hatte, etwas, an das ich mich klammern konnte, während um mich herum die Welt unterging, doch in jenem Moment war der Anblick nicht mehr als eine hübsche Ablenkung.

Ein Mädchen, das nicht viel älter war als ich, stand vor dem jungen Mann und versuchte, die Garnstränge zu säuberlichen Knäueln aufzuwickeln, um sie zu verkaufen. Ich sah sofort, dass das Garn mit billigem pflanzlichen Farbstoff gefärbt war. Der junge Mann lachte, ein tiefes, dröhnendes Lachen, und ich sah, wie er mit den Fingern wackelte und die Garnstränge in Unruhe versetzte, sodass es unmöglich war, sie aufzurollen. Auch das Mädchen lachte, obwohl es sich so sehr bemühte, ernst zu bleiben.

Da war so viel Unerwartetes an der Szene, so viel pure Freude, dass ich den Blick einfach nicht abwenden konnte. Frauen hatte ich oft gesehen, wie sie einander beim Aufwickeln von Garn oder Wolle halfen, doch niemals einen Mann. Was ist das für ein Mann, der einer Frau beim Garnaufwickeln hilft?

Wie es schien, war er ein paar Jahre älter als ich, zwanzig vielleicht. Er trug einen kurzen, schwarzen Bart und hatte dickes Haar, das ihm, wie es Brauch war, bis zum Kinn reichte. Ich sah, wie er sich eine Locke hinters Ohr strich, wo diese jedoch nicht lange liegen blieb und wieder zurück ins Gesicht fiel. Seine Nase war lang, die Wangenknochen breit, und seine Haut hatte die Farbe von Mandeln. Er trug eine grobe, locker gewebte Tunika und darüber eine Art Leibchen mit blauen, geflochtenen und geknoteten Fäden, die Zizit genannt wurden und ihn als frommen Menschen kennzeichneten, der Gottes Gesetze befolgte. Ich fragte mich, ob es sich vielleicht um einen Pharisäer der fanatischen Sorte handelte, einen jener unnachgiebigen Jünger Schammais, von denen es hieß, sie würden zehn Klafter Umweg auf sich nehmen, um die Begegnung mit einer einzigen verworfenen Seele zu vermeiden.

Ich schaute zu Mutter zurück, weil ich mich sorgte, sie könne mich beim Gaffen ertappen, doch sie folgte gebannt der Begegnung meines Vaters mit seinem Bekannten. Als das Feilschen auf dem Markt kurz verstummte, hörte ich deutlich meines Vater Stimme, der mitten in dem Trubel rief: »Eintausend Denar und einen Anteil an Eurem Dattelhain.« Offenbar hatte das Gespräch den erregten Charakter von geschäftlichen Verhandlungen angenommen.

Das Mädchen am Garnstand war mit dem Aufwickeln fertig und legte das letzte Knäuel auf ein Brett, das als Verkaufstresen diente. Zuerst hatte ich sie für die Ehefrau des jungen Mannes gehalten, doch als ich jetzt die Ähnlichkeit zwischen beiden bemerkte, wurde mir klar, dass es sich um Geschwister handeln musste.

Als hätte er die Intensität meines Blickes gespürt, sah sich der Mann plötzlich um, und seine Augen streiften mich, wie ein Schleier, der meine Schultern, den Hals, die Wangen zum Glühen brachte. Ich hätte wegschauen sollen, doch ich konnte es nicht. Seine Augen waren das Bemerkenswerteste an ihm, nicht etwa wegen ihrer Schönheit – obwohl sie in der Tat wunderschön waren: weit auseinanderstehend und schwarz wie meine schwärzeste Tinte –, doch das war es nicht. Es brannte ein winziges Feuer in ihnen, eine Ausdrucksstärke, die ich selbst aus der Ferne deutlich erkennen konnte. Es war, als schwebten seine Gedanken in dem feuchten, dunklen Glanz und strebten danach, gelesen zu werden. Ich sah Belustigung. Neugier. Ein unverhohlenes Interesse. Und keinerlei Verachtung für meinen Reichtum. Keine Verurteilung. Keine frömmelnde Selbstgefälligkeit. Ich sah Großzügigkeit und Herzenswärme. Und noch etwas, das weniger offensichtlich war, vielleicht ein alter Schmerz.

Obwohl ich mich durchaus für fähig hielt, in den Gesichtern anderer Menschen zu lesen wie in einem Buch, wusste ich in jenem Moment nicht, ob ich all diese Dinge wirklich gesehen hatte oder mir dies nur wünschte. Der Moment dehnte sich, überschritt die Grenzen der Schicklichkeit. Der Mann lächelte ganz leicht, kaum mehr als ein Anheben der Mundwinkel, und wandte sich dann dem Mädchen zu, von dem ich mittlerweile überzeugt war, es sei seine Schwester.

»Ana!«, hörte ich Mutter sagen, und ihre Augen lenkten mich von den jungen Bauersleuten ab. »Dein Vater hat nach dir verlangt.«

»Was will er denn von mir?«, fragte ich. Doch im selben Moment brach die Erkenntnis bereits über mich herein – der Grund, warum ich wirklich hier war, der Zwerg in Purpurrot, die Geschäftsverhandlungen.

»Dein Vater möchte dir Nathaniel ben Hananiah vorstellen«, sagte meine Mutter. »Und der möchte dich näher betrachten.«

Ich sah den Mann an, und etwas in mir, dort unter dem flachen Knochen meiner Brust, ging entzwei.

Sie wollen mich verheiraten.

Wieder stieg Panik in mir auf, diesmal wie eine Woge in meinem Bauch. Meine Hände begannen zu zittern, dann mein Kinn. »Ihr könnt mich nicht verheiraten!«, rief ich. »Ich bin noch gar nicht heiratsfähig!«

Sie packte mich am Arm und zog mich weg, damit Nathaniel ben Hananiah meine Einwände nicht hören und das Entsetzen auf meinem Gesicht nicht sehen konnte. »Du kannst mit dem Lügen aufhören. Shipra hat deine Stoffbinden gefunden. Hast du denn geglaubt, du könntest das vor mir verbergen? Ich bin nicht dumm. Es macht mich nur wütend, dass du mich auf so verachtenswerte Weise getäuscht hast.«

Am liebsten hätte ich sie angeschrien, hätte ihr die Worte entgegengeschleudert wie Steine: Was glaubt Ihr denn, wo ich das Täuschen gelernt habe? Bei Euch, Mutter, die Ihr Mönchspfeffer und wilde Raute in der Speisekammer versteckt.

Ich sah mir den Mann, den sie für mich ausgesucht hatten, genauer an. Sein Bart war mehr grau als schwarz. Tiefe Falten lagen unter seinen Augen. Aus seinem Gebaren sprach Überdruss, eine Art Verbitterung. Sie wollten mich ihm geben. Töte mich, o Gott. Man würde von mir erwarten, dass ich ihm gehorchte, ihm den Haushalt führte, dass ich seinen Stummelleib auf mir ertrug, dass ich seine Kinder zur Welt brachte, und meine Federn und Schriftrollen würde man mir auch abnehmen. Bei dem Gedanken durchfuhr mich ein Zorn, der so heftig war, dass ich die Fäuste vor meinem Leib ballen musste, um nicht auf Mutter loszugehen.

»Er ist alt!«, gelang es mir schließlich hervorzustoßen, was man ihm womöglich am allerwenigsten zum Vorwurf machen konnte.

»Er ist Witwer, ja, und hat zwei Töchter. Und er …«

»… er will einen Sohn«, sprach ich ihren Satz zu Ende.

Dort standen wir nun, mitten auf dem Markt, und ich achtete nicht mehr auf die Menschen, die uns auswichen, durchgewinkt vom Soldaten meines Vaters, und es war mir gleichgültig, was für ein Spektakel wir abgaben. »Ihr hättet mir wenigstens sagen können, was mich hier erwartet«, fauchte ich.

»Und du, hast du mich etwa nicht hinters Licht geführt? Allein das war schon Grund genug, dieses Treffen vor dir geheim zu halten – Auge um Auge, so heißt es doch.« Sie strich das Revers ihres Mantels glatt und warf Vater einen nervösen Blick zu. »Wir haben es dir nicht gesagt, weil wir keine Lust auf deine Schimpftiraden hatten. Schlimm genug, dass du jetzt in der Öffentlichkeit eine solche Szene machst.«

Auf einmal schlug sie einen versöhnlicheren Ton an; offenbar hatte sie vor, meinen Aufruhr endgültig im Keim zu ersticken. »Reiß dich zusammen. Nathaniel wartet. Tu deine Pflicht; es steht viel auf dem Spiel.«