Schule des Lebens - Sue Monk Kidd - E-Book

Schule des Lebens E-Book

Sue Monk Kidd

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Beschreibung

Ein Lachen ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen

In diesem sehr persönlichen Buch erzählt die Bestsellerautorin Sue Monk Kidd anhand scheinbar kleiner Begebenheiten und Erlebnisse, wie sie sich von ihrem Alltag und den Menschen in ihrer Umgebung inspirieren lässt. Wer mit offenen Augen und Lust am Neuen durchs Leben geht, so ihre Botschaft, wird täglich wundervolle Erfahrungen machen: Lachen mit einer Fremden, einen Baum im Herbst blühen sehen, einem Frierenden einen Schal schenken, Angeln mit dem Großvater, Brotbacken mit den Freundinnen der Kinderzeit. Ein Buch für alle, die den Kontakt zu ihrer spirituellen Seite suchen und eine weise Ratgeberin an ihrer Seite wünschen.

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Seitenzahl: 254

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Buch

In diesem sehr persönlichen Buch erzählt die Bestsellerautorin Sue Monk Kidd anhand scheinbar kleiner Begebenheiten und Erlebnisse, wie sie sich von ihrem Alltag und den Menschen in ihrer Umgebung inspirieren lässt. Wer mit offenen Augen und Lust am Neuen durchs Leben geht, so ihre Botschaft, wird täglich wundervolle Erfahrungen machen: Lachen mit einer Fremden, einen Baum im Herbst blühen sehen, einem Frierenden einen Schal schenken, Angeln mit dem Großvater, Brotbacken mit den Freundinnen der Kinderzeit. Ein Buch für alle, die den Kontakt zu ihrer spirituellen Seite suchen und eine weise Ratgeberin an ihrer Seite wünschen.

Autorin

Sue Monk Kidd hat sich in den USA bereits mit dem Schreiben von Biografien einen Namen gemacht, ehe ihr mit ihrem ersten Roman, dem Bestseller »Die Bienenhüterin«, der Durchbruch gelang. Zwei ihrer Erzählungen wurden in die »Best American Short Stories« auf genommen. »Die Bienenhüterin« war in England für den renommierten Orange Prize nominiert. »Die Meerfrau« stand monatelang auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Sue Monk Kidd lebt mit ihrer Familie in South Carolina.

Besuchen Sie auch die Website der Autorin:

www.suemonkkidd.com

Sue Monk Kidd bei btb

Die Bienenhüterin. Roman (73281)

Die Meerfrau. Roman (73322)

Schmetterlingszeit. Mein Weg zum Glück (73575)

Sue Monk Kidd

Schule des Lebens

Ein spirituelles Lesebuch

Übersetzt von Daniel Schnurrenberger

btb

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Firstlight« bei GuidepostsBooks, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2008, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2006 GuidepostsBooks, a registered trademark of Guideposts, Carmel, New York Copyright

© der deutschsprachigen Ausgabe 2008 btb Verlag

Umschlaggestaltung: Design Team München

Umschlagfoto: Getty Images/Jim Franco

ISBN 978-3-641-27101-5V001

www.btb-verlag.de

Für meine Eltern, Leah und Ridley Monk, meine Schwiegermutter LaVerne Kidd und zur Erinnerung an meinen Schwiegervater Maxey Kidd, in bleibender Liebe.

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

IM SCHMELZTIEGEL DER EIGENEN GESCHICHTE

BEWUSSTHEIT

OFFENHEIT

BARMHERZIGKEIT

ALLEINSEIN

DAS HEILIGE IM ALLTÄGLICHEN

EINFACHHEIT DES GEISTES

EIN ORT DER GÜTE

STRENGE UND GÜTE

EINE KOSTPROBE DER STILLE

STEHVERMÖGEN

LOSLASSEN

IN LIEBE WIEDERGEBOREN

NACHBEMERKUNG

VORWORT

An meinem dreißigsten Geburtstag kam ich in die Küche meines Backsteinhauses in South Carolina und verkündete meinem Mann und meinen zwei Kindern: »Ich werde jetzt Schriftstellerin.« Das war meine erste Verkündigung. In einer Küche. Gegenüber einer Zweijährigen, einem Fünfjährigen und einem Ehemann, der gerade versuchte, sie dazu zu bringen, ihr Müsli zu essen. Mein Plan war ernsthaft, aber höchst unrealistisch. Heute nenne ich ihn liebevoll meine »große Verrücktheit«. Wir alle sollten in unserem Leben eine oder zwei solcher Verrücktheiten haben, die völlig albern und abwegig erscheinen. Ich war gelernte Krankenschwester und hatte zwischen zwanzig und dreißig in Krankenhäusern auf der Chirurgie, in der Kinder- und Geburtsabteilung gearbeitet, einen Sommer lang sogar als Gemeindeschwester. Ich hatte nicht die geringste Ahnung vom Schreiben und ob ich überhaupt das Zeug dazu besaß. Alles, was ich hatte, war der Impuls und die Leidenschaft meines Herzens.

In den Monaten, bevor ich dreißig wurde, begann meine Kreativität zu erwachen. Ich spürte, dass etwas Wichtiges und Notwendiges herausdrängte, geboren werden wollte. Ich glaube, es hatte viel mit Mertons Buch zu tun und mit der Entdeckung jener tiefen Quelle in mir, aus der ich entsprang: des inneren Reichs der Seele. Meine Kreativität scheint daher zu rühren, dass ich Tore in dieses unergründliche Land öffne. Für mich bedeutet Kreativität eine fundamental spirituelle Erfahrung, ein Dialog zwischen meiner Seele und mir. Wohl kaum zufällig fiel der Beginn meines Schreibens praktisch mit der Aufnahme dieses inneren Dialogs zusammen.

Am Tag nach meinem Geburtstag schrieb ich mich für einen Schreibkurs ein, in dem uns der Lehrer folgende Aufgabe stellte: Schreib einen Artikel über eine persönliche Erfahrung und schicke ihn an eine Zeitschrift. Ich schrieb eine ganz einfache Story über das erste Erntedankfest nach meiner Heirat und nahm damit an einem Schreibwettbewerb teil, der von einer Zeitschrift gesponsert war, die schon in meinem Elternhaus immer herumgelegen hatte. Es war eine ökumenische, spirituelle Zeitschrift namens Guideposts, die 1945 von Dr. Norman Vincent Peale und seiner Frau Ruth Stafford Peale gegründet worden war und inzwischen Millionen von Abonnenten hatte. Überraschenderweise gehörte ich zu den fünfzehn Gewinnern und wurde nach New York zu einem Schreib-Workshop eingeladen. Fragen Sie irgendeinen der Teilnehmer, und er wird Ihnen bestätigen, dass ich den ganzen Kurs hindurch kaum je den Mund aufgemacht habe. Ich glaube, die Leute von Guideposts hielten mich für schüchtern, aber in Wahrheit kam es mir vor, als sei ich auf einem neuen, unbekannten Planeten abgeworfen worden. Die Leute benutzten eine geheimnisvolle literarische Sprache – redeten von »in medias res«, »Dénouement«, aber auch von selbstadressierten Umschlägen und Take-Aways. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die einzige anwesende Schriftstellerin war, die diese Sprache nicht beherrschte, die keine einzige Veröffentlichung herzeigen konnte und deren gesammelte Werke gerade mal eine Geschichte umfassten. Mein Schweigen war jedoch vor allem das eines Schwammes, der alles in sich aufsaugt.

Das war 1978. Die nächsten zwölf Jahre lang schrieb ich für Guideposts.

Bei Guideposts begann meine Lehre im erzählenden Schreiben. Ich lernte nicht bloß, Geschichten zu schreiben, sondern sie zu lieben, ja, sie zu verehren. Ich entdeckte die Kraft des ehrlichen, persönlichen, intimen Schreibens. Wir Menschen brauchen Geschichten wie Luft zum Atmen.

Die meisten der in diesem Buch versammelten Texte entstammen meiner Arbeit für Guideposts während jener zwölf Jahre. Als mir der Verlag den Stapel sandte, den man für diesen Band ausgewählt hatte, war ich verblüfft, wie breit die Palette, wie kunterbunt die Mischung war. Ich entdeckte meinen ersten je veröffentlichten Artikel wieder, eine Geschichte über eine ungewöhnliche Begegnung mit Tod und Vergebung, die ich gehabt hatte, als ich in meinen frühen Zwanzigern als Krankenschwester gearbeitet hatte. (Sie steht im letzten Kapitel.) Tatsächlich waren mehrere Erzählungen aus meinen Jahren als Krankenschwester darunter, aber auch unzählige Geschichten über meine Jahre als Mutter und über meine Kinder (die inzwischen selbst Kinder haben). Ich entdeckte meine Erinnerungen an das Jahr, das ich in Afrika verbracht hatte, Gedanken über meine Kindheit und meine Großeltern, Betrachtungen über meine Ehe und über einen Haufen unspektakulärer Augenblicke: Wie ich einen Vogelliebhaber beobachte, einen Obdachlosen, ein Golfturnier. Es fanden sich zahlreiche detaillierte Beschreibungen von Reisen ans Meer und in die Berge, zum Garten des Chalice Well in England und zum Garten Gethsemane in Israel. Ich las Texte über Krisen- und Übergangsphasen, auch kurze Gleichnisse – Anekdoten, aus denen ich eine Botschaft gewonnen hatte.

Material aus anderen Quellen ist hier ebenfalls enthalten, vor allem eine Serie längerer Essays, die in Weavings: A Journal of the Christian Spiritual Life veröffentlicht wurden, als ich in meinen Vierzigern war, und die meine spirituelle Erfahrung auf vielschichtigere Weise ausdrücken.

Diese versammelten Aufsätze sind nicht chronologisch geordnet, sondern in loser Form um dreizehn Motive gruppiert. Wie Sie sehen werden, folgt auf einen Text, den ich 1995 für Weavings schrieb, ein Gleichnis, das ich 1983 schrieb. In beiden geht es ums Alleinsein.

Im Hinblick auf die Veröffentlichung in diesem Band habe ich die Texte minimalen Korrekturen unterzogen. Es ging vor allem darum, Sätze zu straffen, gewisse Gedanken klarer auszudrücken und hier und da ein paar Wörter zu ändern. Abgesehen davon sind die Aufsätze jedoch unverändert geblieben.

Natürlich zeichnet dieser Band kein vollständiges Bild meines damaligen Lebens, sondern bietet nur ein paar wenige Ausschnitte daraus. Trotzdem gebe ich als Erste zu, dass hier eine Menge über mich selbst enthüllt wird. Im Kern persönlichen Schreibens über Spiritualität steckt ein Hunger nach Ganzheit, nach dem wahren Selbst, nach Sinn. Die Frage »Wer bin ich?« schwingt still durch diese Seiten, zusammen mit der Bereitschaft, mich zu zeigen. Manchmal frage ich mich, warum ich meine spirituellen Betrachtungen sichtbar machen wollte. Ich hoffe, es liegt vor allem daran, dass diese Bereitschaft, verletzlich zu sein, eine »beseelte Intimität« zwischen der Leserin und der Autorin ermöglicht. Eine Art Kommunion, die entsteht, wenn Verletzlichkeit und Identifikation sich begegnen. Genau in dieser zarten Kommunion verschenken Bücher ihre kleinen Verwandlungen.

Mir sind die Worte des französischen Nobelpreisträgers Albert Camus sehr ans Herz gewachsen, die sinngemäß lauten, das Leben eines Menschen sei nichts anderes als der Versuch, auf den Wegen der Kunst, der Liebe oder der leidenschaftlichen Arbeit jene ein oder zwei Bilder wiederzuentdecken, in deren Gegenwart sein Herz sich zum ersten Mal öffnete.

Wo öffnete sich Ihr Herz zum ersten Mal? Und wie finden Sie Ihren Weg zurück zu jenem ersten Aufflammen?

Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch seinen bescheidenen Beitrag dazu leisten kann, Ihnen eine Richtung zu weisen. Zu jenem Ort, wo sich Ihr Anfang verbirgt. Zu jenen Augenblicken, als das Licht erstrahlte und Ihr Herz sich öffnete.

IM SCHMELZTIEGEL DER EIGENEN GESCHICHTE

Es war kurz vor Weihnachten. Ich huschte die Leiter hinauf, um den Kamin mit Reisig zu schmücken. Als ich die oberste Sprosse erreichte, durchzuckte ein Schmerz meinen Brustkorb. Eine Stunde später war ich an ein EKG angeschlossen, starrte auf die zittrigen Linien und versuchte zu verstehen, wie so etwas Unerklärliches passieren konnte. »Der Schmerz in Ihrem Brustkasten ist wohl durch Stress ausgelöst worden«, sagte der Arzt. Diese Worte gaben mir einen Stich.

Nun würde ich wohl nicht darum herumkommen, über mein Leben nachzudenken. Über das schwindelerregende Tempo, in dem ich lebte, die erdrückende Last an Aktivitäten. Ich würde herausfinden müssen, warum ich nicht Nein sagen konnte, warum meine Tage diesen zittrigen Linien auf der Papierrolle glichen. Das Grübeln brachte einen vertrauten Schmerz der Leere zum Vorschein, jenen Hunger, der immer hinter meiner Geschäftigkeit lauerte, jene unterschwellige Sehnsucht nach etwas, wofür ich keinen Namen hatte.

Verwirrt und besorgt kehrte ich aus dem Krankenhaus nach Hause zurück. Mein Leben schien sich plötzlich von seinem festen Halt zu lösen. Es fiel auseinander. In meiner Verzweiflung schlug ich die Bibel auf. Ich las bis zu jener Stelle über die Lahmen und Kranken, die in den Hallen am Teich von Betesda lagen. »Denn ein Engel fuhr herab zu seiner Zeit in den Teich und bewegte das Wasser. Welcher nun der erste, nachdem das Wasser beweget war, hineinstieg, der ward gesund, mit welcherlei Seuche er behaftet war.«

Dieses Bild berührte mich zutiefst. Ich fragte mich, ob das Wasser von Betesda ein Mysterium war, das nun auch in meinem Innern vor sich ging. Wer war der Engel, der das Wasser meiner Seele bewegte und aufwühlte? Sollte ich zu meinen eigenen bewegten Tiefen hinabsteigen?

Ich hatte jahrelang in den Hallen meines Lebens gelegen. Nun schien »meine Zeit« gekommen zu sein, der heilige Moment, in dem ich in den wortlosen Hunger waten musste, der unter der Oberfläche meines Lebens wirbelte. Ich wusste, ich würde keine Ganzheit erlangen, ohne mich dort in meiner Dunkelheit dem Engel zu stellen, der mein Inneres aufwühlte.

Wochenlang saß ich in quälender Stille. Ich dachte nach und betete. Ich fuhr weg und zog mich zurück. Ich brach meine Seele auf und begegnete dem aufwühlenden Engel.

Es war die Perfektionistin in mir, die unerbittliche Powerfrau, die sich Liebe und Anerkennung durch Mühe und Leistung sicherte. Sie glaubte hartnäckig daran, dass ich mich durch all die Herkulesaufgaben und -rollen definierte, die mein Leben beherrschten. »Wenn du geliebt werden willst, mach dich liebenswert«, trug sie mir auf. »Dein Wert bestimmt sich durch das, was du tust, nicht durch das, was du bist.« Hin und wieder nahm ihre Stimme den frommen Ton der Heiligen Schrift an. »Gehe hin und sei hinfort vollkommen, wie auch dein Vater im Himmel vollkommen ist.« In unzähligen Erinnerungen begegnete ich ihr wieder: Wie oft hatte ich mich dazu gezwungen, in der Kirche zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, wie oft hatte ich mich nach Kräften bemüht, es anderen Menschen – und vor allem Gott – recht zu machen. Die Liebe Gottes musste ich mir nicht verdienen, das wusste ich in meinem Kopf. Aber meinem Herzen fehlte dieses Wissen. Jetzt hingegen hatte mich meine innere Getriebenheit patt gesetzt. Ich war von blauen Beruhigungspillen abhängig, um durch den Tag zu kommen, und erkannte, dass hinter meinem hektischen Treiben ein Hunger nach Gottes unmittelbarer Liebe lag, nach seiner Gegenwart, die ich in all meiner Geschäftigkeit zu wenig gepflegt hatte.

Mich dem Engel, der die Wasser meiner Seele bewegte, zu stellen, war der Anfang meiner Reise zu innerer Ganzheit, einer Reise, die mich in die heftige Zärtlichkeit von Gottes Liebe trug. Durch Alleinsein und Stille fand ich eine innere Musik, ein Liebeslied, das in den Weiten meines eigenen Herzens erklang. Durch das Mysterium besinnlichen Betens lernte ich, Zugang zu Gottes Gegenwart in mir zu finden und eine Liebe zu erfahren, die den Verstand übersteigt. Nach und nach wurde meine Perfektionistin von ihrem verzweifelten Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung erlöst und konnte sich verwandeln.

Der Schmerz, der mich an Weihnachten auf jener Leiter erfasst hatte, wurde zum Angelpunkt meines Lebens, zu einer Schlüsselerfahrung. Ich stieg von der Leiter herab und zu einer neuen Lebensweise und einem neuen Verhältnis zu Gott hinauf. Ich erkannte, dass es unmöglich war, in einem Feuerwerk von Leistungen meinen Weg zu Gottes Höhen zu finden. Vielmehr musste ich in meine eigenen Tiefen dringen, um dort unten Gott in dunklen, aufgewühlten Wassern zu begegnen. Das ist die Geschichte, wie ich in ein funkelnagelneues spirituelles Leben eintrat.

Die Geschichten zu erkennen, die unser Leben prägen, ist eine spirituelle Entdeckungsreise. Ohne solche Geschichten werden wir nie ganz Mensch sein, denn ohne sie sind wir unfähig, unsere tiefsten Erfahrungen auszudrücken, geschweige denn, sie zu verstehen.

Die Eigenschaft, das Leben durch Geschichten zu erfahren, haben viele von uns an den Fenstern ihrer Kinderzimmer zurückgelassen. Sie haben die Schwelle zum Erwachsensein überschritten und sich logischere, didaktischere Methoden, die Welt zu begreifen, angeeignet. In einer Kultur, die auf Vernunft, Wissenschaft und Abstraktion beruht, haben wir die Verbindung zu den intuitiven, imaginativen und konkreten Qualitäten von Geschichten verloren. Und da auch die Kirchen Theologie und Doktrin zum Herzstück religiösen Ausdrucks gemacht haben, sind uns in der Spiritualität die Geschichten ebenfalls abhandengekommen. Wir haben die Fähigkeit verloren, die Seele zu erforschen und deren Erfahrungen zu erkennen und zu veredeln.

Ich bat einmal ein paar Leute, Geschichten von ihrer spirituellen Suche zu erzählen. Die meisten erzählten aber keine Geschichte, sondern taten kund, woran sie glaubten – Dogmen, Lehrsätze. Sie waren aus ihren Geschichten und aus Kreisen, wo Geschichten erzählt werden, vertrieben worden und hatten den erzählerischen Draht zu ihrer Spiritualität verloren. Sie besaßen keinen Zugang mehr zur Kraft der Metaphern, der Symbole, der Gleichnisse, um ihren Glauben auszudrücken. Wer sich zu wenig um seine inneren Geschichten kümmert, läuft Gefahr, dass sich zwischen Glaube und Leben eine große Kluft öffnet.

Indem ich an meiner eigenen inneren Geschichte arbeitete und anderen half, dasselbe zu tun, wurde mir klar, dass dies auf mehrere Weisen zu einer Transformation und Bekehrung führen kann.

Erstens stiftet eine innere Geschichte Identität und verwandelt unsere Vorstellung von uns. Die eigene Geschichte in Worte zu fassen, ist ein Akt der Selbsterkenntnis. Durch die Linse des Erzählens sehen wir das Geheimnis, das wir sind, mit größerer Klarheit. Um zu wissen, wer ich bin, ist es von entscheidender Bedeutung, mich daran zu erinnern, wer ich früher war, und darauf zu hoffen, wer ich in Zukunft sein kann. Eine Geschichte erlaubt mir, mich in die Spannung zwischen Erinnern und Hoffen hineinzuwagen.

Wenn wir unsere eigene Geschichte betreten, beginnen wir eine Odyssee der Versöhnung und der Rückeroberung derer, die wir wirklich sind, unserer dunklen und hellen, unserer erlösten und unerlösten Ichs.

Die Selbsterkenntnis, die ich aus der Geschichte meiner inneren Perfektionistin gewann, ermöglichte es mir, die Arbeit der Transformation aufzunehmen. Den Höhepunkt erreichte dieser Prozess während einer Klausur im Kloster St. Meinrad, als ich daran herumnagte, wie sehr ich meine Identität auf Leistung und Erfolg gebaut hatte. Da machte ich die Erfahrung, dass ich ganz einfach Gottes geliebtes Kind bin und mein wahres Selbst von nichts anderem abhängt.

Zweitens ermöglicht die innere Geschichte eine Verwandlung und Bekehrung, indem sie uns inmitten von Leid stärkt. Oft habe ich erlebt, wie eine Geschichte zu einem heiligen Raum wurde, in welchem der Mensch seinem Schmerz und seiner Angst ins Auge sieht und sie überwindet.

Jene Zeit, als ich den Schmerz in meiner Brust erlebte und Gottes kruder Abwesenheit in meiner Mitte begegnete, war für mich voller Dunkelheit und Verletzlichkeit. Aber als ich begann, meine Geschichte zu erschaffen – im Nachdenken, Schreiben, Erzählen – stellte ich fest, dass die Geschichte mich unterstützte, wie zwei Arme. Gerade jener Prozess, in die Ereignisse einen Sinn zu kneten, wurde zu einem nährenden Ritual. Meine Geschichte wurde zu Brot, durch das Gott seine Gnade vermittelte.

Ich lernte einmal eine Frau kennen, die als Obdachlose auf den Straßen bittere Erfahrungen gemacht hatte. Sie erzählte mir ihre Geschichte immer und immer wieder. Jedes Mal, wenn sie sie erneut durchlebte, gelang es ihr, mit dem darin begrabenen Schmerz fertig zu werden, ihn zu bewältigen und zu akzeptieren. Aus unserem Schmerz eine innere Geschichte zu erschaffen, führt uns in dessen Herz, und genau dort findet unweigerlich eine Wiedergeburt statt. Unsere Geschichte zu erzählen, setzt uns mit unserem Leid an einen Tisch und ermöglicht uns, das Gespräch mit ihm aufzunehmen. Wir fangen an, unsere Schwierigkeiten in neuem Zusammenhang zu betrachten, und finden dadurch den Trost und den Mut, sie zu durchleben.

Drittens verwandelt uns die innere Geschichte, indem sie uns auf eine neue Wahrheit und ein neues Wissen ausrichtet – indem sie das verborgene Heilige herausschält, das unserer Erfahrung innewohnt. Das lateinische Wort für »Geschichte«, historia, bedeutete auch »Wissen«. Eine Geschichte zu erschaffen, beinhaltet immer auch, neues Wissen zu finden. Gott überrascht uns mit Einsichten und Wahrheiten, die wir erst dann erfassen, wenn wir die Geschichte zu erzählen versuchen. Während wir der Erfahrung eine Form geben, kommt es zu einem Aha-Erlebnis, einer Offenbarung.

Beim Ausgraben meiner Geschichte trat eine Wahrheit nach der anderen zutage. Ausgehend von Brustschmerz und Stress stieß ich auf mein Muster der Getriebenheit, von da aus auf meinen Hang zum Perfektionismus und dann auf meinen tiefen, unbändigen Seelenhunger. Am Ende führte mich meine Geschichte zum unermesslichen Herzen Gottes.

Das Aufdecken meiner inneren Geschichte macht Gott in Raum und Zeit sichtbarer, in meinem Raum und meiner Zeit. Es macht Gottes Stimme dort hörbarer, wo sie sonst oft untergeht – zwischen den Lebenslinien gewissermaßen. Plötzlich, im Dickicht unseres Alltags, kriegen wir Gott zu fassen. In Offenbarungen, die aus dem Banalen hervortreten. Ein solches Bewusstsein verwandelt das Leben aus einer Abfolge zufälliger Ereignisse in das poetische Reich einer geheiligten Geschichte. Wenn wir unsere inneren Geschichten anderen erzählen, gestatten wir ihnen einen Zugang zu unserem Leben und eine Teilnahme an unseren tiefsten Wahrheiten. Wir stellen fest, dass wir dieselben Freuden und Sorgen teilen, dieselben Zweifel und Kämpfe. Am Ende sind wir alle eine einzige Geschichte. Meine eigene Geschichte des aufwühlenden Engels widerhallt in Herzen rundherum. Denn hat nicht schon jeder von uns Zeiten durchgemacht, in denen das Wasser seiner Seele aufgewühlt war? Und zeigt sich Gott uns allen nicht genau dann, wenn wir auf unserer Suche nach Ganzheit der wirbelnden Dunkelheit trotzen?

Gott, der erhabene Geschichtenerzähler, entfacht in uns den Drang, unsere Geschichte zu erzählen. Unsere eigene spirituelle Geschichte zu erschaffen und damit unsere Seele zu formen, geschieht jedoch nicht einfach von selbst. Sondern nur, wenn wir es wagen, dem Chaos unseres Lebens zu begegnen und die Engel zu benennen, die in den Schatten hausen. Es geschieht, wenn wir unserem Kampf um persönlichen Sinn, um Identität und Wahrheit Ausdruck geben, wenn wir mit dunklen und hellen Engeln ringen, wenn wir jene Orte feiern, an denen Gott spürbar wird. Im Schmelztiegel unserer Geschichte verwandeln wir uns zu Sinn-Künstlern. Dort begegnen wir Gott mit höchster Sicherheit.

Heiligabend, spät nachts. Das Feuer ist zu Asche heruntergebrannt, die Kinder schlafen. Mein Mann baut einen Puppenkinderwagen zusammen. Ich reiche ihm einen Schraubenzieher, und als ich mich auf dem Teppich zurücklehne, fällt mein Blick auf ein winziges silberblaues Schaukelpferd, das am Weihnachtsbaum hängt – ein Überbleibsel aus meiner Kindheit. Während ich es betrachte, lösen sich Erinnerungen aus der Vergangenheit …

Ich bin ein Kind, und es ist kurz vor Weihnachten. Ich stehe auf einem Küchenstuhl und dresche mit dem Nudelholz auf einen Batzen Keksteig ein. Dabei fege ich aus Versehen die Mehltüte vom Tisch, die in einer weißen Staubwolke explodiert. Ich erstarre und warte auf die Reaktion meiner Mutter. »Welche Ausstechform magst du am liebsten?«, fragt sie. Ich finde meine Stimme wieder. »Den Stern.« Mit einem Lächeln reicht sie mir die kleine Form. »Dann mach ganz viele Sterne, während ich aufwische«, sagt sie …

… Mein Vater hebt mich aus dem Sitz seines Pickups und trägt mich tief in den kalten Wald hinein auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum. Er zeigt mir über ein Dutzend, doch ich stapfe an allen vorbei. Immer weiter. Schließlich treffe ich meine Wahl. Er sagt: »Nun, gnädige Frau, ich glaube, es hat sich gelohnt, auf diesen hier zu warten.« Er fällt ihn, lädt ihn sich auf die Schulter und hält meine Hand, bis wir wieder beim Wagen sind …

Zu Hause bestaune ich den frisch geschmückten Baum – und ein silberblaues Schaukelpferdchen ganz weit oben. Mutter ruft mich ans Fenster und zeigt mir einen Stern. Er ist ungewöhnlich groß und Bethlehem-hell. Aufs Fensterbrett gestützt erinnern wir uns an die Heilige Nacht – in einem Schweigen, das tiefer und reicher als Worte ist.

Dieses Zeittürchen schließt sich so leise, wie es sich geöffnet hatte. Ich starre den Weihnachtsschmuck an und denke, wie wertvoll Erinnerungen sind. Sie leben in unseren Köpfen und Herzen und warten nur darauf, uns etwas zuzuflüstern. Manchmal kommen sie in schwierigen Zeiten und geben uns Kraft und Hoffnung. Oder sie kommen einfach, um uns liebevoll zu berühren.

Vielleicht fallen gerade diejenigen Erinnerungen, die lange nachhallen, nicht ganz zufällig in unser Leben. Sie sind geschaffen worden. Ein Blech voller Kekssterne in einer warmen Küche. Ein Händehalten im Wald.

Sandy hat den Puppenkinderwagen fertig; eine neue Puppe liegt unter der Decke. Stille jetzt. Dann das Rascheln eines Nachthemdchens an der Tür. »Mama!«, ruft Ann, als sie den Kinderwagen erblickt. Sie nimmt die Puppe in den Arm. Ich blinzle sie an. Was nun? Die Überraschung ist geplatzt.

»Trägst du deine neue Puppe ins Bett?«, frage ich.

Sie nickt. Die beiden werden am Weihnachtsmorgen bereits als gute Freundinnen aufwachen. Und ebenso wichtig ist wohl, dass Ann sich später einmal, vielleicht an einem Heiligabend, auch wieder daran erinnern wird.

An einem heißen, schwülen Sommertag schaukeln mein Sohn Bob und sein bester Freund Michael, beide neun, unter dem Blätterdach einer Eiche in einer Schaukel, die an Seilen in den Ästen hängt. Am frühen Nachmittag hatten sie sich die Westernserie »Lone Ranger« angeschaut. Nun schaukeln sie wie wild – ein Cowboy und ein tapferer Indianer – und rufen: »Vorwärts, Silver! Hü!« Sie gehen ganz in der fabelhaften Zauberwelt auf, die wie ein Springbrunnen ihrer Fantasie entsprudelt.

Aber während ich ihnen aus dem Küchenfenster zusehe, zerbricht der Zauber. Michael rutscht aus der Schaukel und fällt auf eine Baumwurzel. Er rappelt sich hoch und starrt seine Handfläche an, von der eine dünne Blutspur in Richtung Handgelenk läuft. Ich schüttle den Kopf beim Gedanken an all die Schrammen und Kratzer eines Sommers. Schon am selben Morgen hatte sich Bob den Daumen an einer Blechdose aufgeschnitten, die er am Straßenrand ausgegraben hatte, und ich hatte die Wunde gesäubert und verbunden.

Ich schnappe mein treues Erste-Hilfe-Kästchen und eile ins Freie. Doch als ich mich der Eiche nähere, sehe ich, wie die beiden die Köpfe zusammenstecken und flüstern. Mein Sohn reißt das Heftpflaster weg und zeigt Michael seine Blechdosen-Wunde. Und da, in diesem geheimen Augenblick unter dem Baum, gewinnt der kurz zuvor zerbrochene Zauber wieder seine ganze Kraft. Die beiden Jungs halten ihre Wunden aneinander, genau wie der Lone Ranger und sein indianischer Freund Tonto dies auch getan hatten – sie schwören sich feierlich Blutsbruderschaft. Und am Ende ist der Schmerz aus Michaels Gesicht verschwunden.

Ich verbinde die Wunde und mache mich wieder aus dem Staub, im Bewusstsein, dass im Reich dieses gewöhnlichen Sommernachmittags etwas Besonderes geschehen ist.

Meine siebenjährige Tochter saß auf dem Schoß meiner Großmutter und fuhr mit ihren Fingern über die Falten in Omas Gesicht.

»Das sind meine Runzeln«, sagte ihre Urgroßmutter. »An ihnen sieht man, dass ich alt werde.«

Später fragt mich Ann, ob Runzeln weh tun. Ich ziehe den Kinderbuch-Klassiker Der kleine Kuschelhase von Margery Williams aus dem Regal und lese ihn ihr vor.

Es ist die Geschichte eines neuen Kuschelhasen, der ins Kinderzimmer eines kleinen Jungen einzog. Nach nichts sehnte sich der Hase mehr, als hinter das Geheimnis zu kommen, »lebendig« zu werden. Eines Tages fragte er seinen Freund Skin Horse, der so alt war, dass sein braunes Fell ganz durchgescheuert war, wie man lebendig werden könne. »Du bist zwar nicht als lebendiges Wesen gemacht worden«, sagte er, »doch es kann passieren: Wenn ein Kind dich ganz, ganz lange lieb hat – dann wirst du lebendig.« Darauf fragte der Hase: »Tut es weh?«

»Manchmal«, antwortete Skin Horse. »Bis du lebendig wirst, ist dein Pelz meistens schon weggekuschelt, und deine Augen fallen raus, und du bist schlapp in den Gelenken und überhaupt ziemlich abgewetzt. Aber das macht alles gar nichts, denn wenn du einmal lebendig bist, findet dich niemand mehr hässlich – außer vielleicht jene Leute, die eh nichts kapieren.«

»Siehst du, Ann, Oma wird einfach lebendig. Sonst nichts.«

Ann sprang davon, doch ich saß noch da und dachte zum ersten Mal, dass Altwerden eine wundersame Reise sein konnte. Auf die Äußerlichkeiten kam es überhaupt nicht an – außer jenen Leuten, die eh nichts kapierten. Wichtig war, lebendig zu werden. Wichtig war, ganz, ganz lange zu lieben und geliebt zu werden.

Die folgende Geschichte klingt sehr sonderbar. Aber sie ist wahr.

Mein Schwiegervater starb an einem zehnten September. Ein plötzlicher Tod im Alter von sechzig Jahren.

Meine Schwiegermutter war am Boden zerstört und trug ihren Kummer den ganzen Herbst hindurch und in den Winter hinein, durch all jene kargen, toten Wochen. Als der Frühling kam und die Welt weckte, war ihr Schmerz noch immer in ihr gefangen. Wie Atemzüge neuen Lebens reckten die Narzissen ihre Köpfe aus der Erde, und der einsame Hartriegel im Vorgarten erwachte und öffnete seine zarten, rosafarbenen Blüten. Mama betrachtete den Baum vom Fenster aus – es war immer ihr und meines Schwiegervaters Lieblingsbaum gewesen –, aber sie schöpfte nicht viel Trost daraus.

Der Sommer welkte dahin, die Kinder fingen ein neues Schuljahr an, und ein, zwei Blätter segelten schon von den Bäumen in den Garten hinunter.

Am zehnten September wurde Mamas Kummer sehr groß. Als sie jedoch zum Briefkasten ging, fiel ihr Blick auf den Hartriegel. Mitten im Garten, der schon ziemlich trocken und braun war, und unter der goldenen Frühherbstsonne stand dieser Baum nochmals in voller Blüte. Er war mit neuen rosa Blüten übersät. Frühlingsblüten an der Schwelle zum Herbst. Damit begann Mamas Reise aus dem Kummer.

Später an jenem Tag betrachtete ich den zur Unzeit blühenden Baum mit all den vielen Blüten, die ausgerechnet an diesem Tag zurückgekehrt waren, und verspürte eine große Ehrfurcht vor diesem Rätsel. Vor den unzähligen Wegen, die Gott findet, um Trost zu spenden.

Wir waren eine Gruppe von Leuten, die zusammenkamen, um Geschichten aus unseren Leben zu erzählen. Eine der Teilnehmerinnen hatte kurz vor dem Treffen einen Clown-Workshop besucht und kam mit weiß geschminktem Gesicht und einem riesigen roten Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte, zur Tür herein. Als die Reihe an ihr war, erwartete ich eine fröhliche Geschichte, die zu ihrem Gesicht passte. Doch dann erzählte sie, wie ihr Mann vor sieben Jahren gestorben war, und wie sie seit damals in ihrem Kummer feststeckte.

Der Widerspruch zwischen ihrer Geschichte und ihrem enormen roten Clownlächeln war so groß, dass ich sie auf diese Ironie hinwies.

Sie dachte einen Moment nach. »Weißt du, vielleicht ist das der Grund, weshalb ich in meiner Trauer gefangen bin. Sieben Jahre lang habe ich innerlich geweint und nach außen gelächelt. Einen Anschein von Fröhlichkeit zu geben war einfacher, als mich dem Schmerz zu stellen.«

Wenn mich ein Problem innerlich quält, fällt mir manchmal diese Frau ein und erinnert mich daran, dass Hilfe und Heilung nicht kommen, wenn wir unseren Schmerz verbergen und so tun, als ginge es uns gut, sondern viel eher, wenn wir ehrlich sind und unsere Not zulassen.

Mir fällt eine Geschichte ein, die mir meine Großmutter immer erzählte, als ich klein war.

Ein kleines Mädchen in zerlumpten Kleidern stand auf Zehenspitzen vor einem Schaufenster voller Weihnachtsträume – einem funkelnden roten Dreirad, einer Puppe mit goldenen Locken, einem kuscheligen Pandabär. Ihre Augen wurden immer größer.

In diesem Moment kam eine Freundin von ihr vorbei. »Wie schade, dass du zu Weihnachten nichts kriegen wirst«, sagte sie.

»Aber ich bekomm doch was!«, sagte das Mädchen in den schäbigen Kleidern.

»Du hast selbst gesagt, dass deine Eltern pleite sind, und es keine Geschenke gibt.«

Das Mädchen drückte sein Gesicht ans Glas. »Stimmt. Aber ich habe Gott gebeten, mir etwas zu schicken.«

Die Freundin schüttelte den Kopf und hüpfte davon.

Nach Weihnachten trafen sich die beiden Mädchen wieder. »Hast du dein Geschenk nun bekommen?«, fragte die skeptische Freundin.

Das kleine Mädchen senkte den Kopf. »Nein.«

»Gott hat dein Gebet also nicht erhört«, sagte die Freundin.

»Gott hat bestimmt jemandem gesagt, er soll mir ein Geschenk bringen«, sagte das Mädchen in den Lumpenkleidern. »Aber der hat’s wohl vergessen.«

In Alice im Wunderland übt die Weiße Königin jeden Morgen vor dem Frühstück, an sechs unmögliche Dinge zu glauben. Meine Tochter Ann und ich waren von dieser Idee völlig fasziniert. »Vielleicht sollten wir das auch ausprobieren«, sagte ich.

Am nächsten Morgen, als ich sie weckte, dachten wir uns sechs »unmögliche« Dinge aus, an die wir glauben wollten. »Ich glaube, heute schaffe ich im Mathetest eine Eins«, sagte Ann. Da Mathe ihr schwächstes Fach war, wusste ich, dass sie ihren Glauben gerade auf eine starke Probe stellte.

Die Reihe war an mir. »Ich glaube, ich kann bis morgen zwei Vorträge schreiben«, murmelte ich. Törichterweise hatte ich in letzter Minute eingewilligt, an einer Konferenz für einen Redner einzuspringen, der kurzfristig abgesagt hatte. Inzwischen schien es mir, dass das eigentlich nicht zu bewältigen war.

Am Nachmittag kam Ann aus der Schule zurück und platzte zur Tür herein. »Was hast du in Mathe gekriegt?«, fragte ich.

»Eine Eins!«, rief sie.

Ich blickte auf meinen Schreibtisch, auf dem zwei fertig geschriebene Vorträge lagen. Wie eng wäre unsere Welt, wenn wir uns und Gott immer nur darauf beschränkten, was wir für möglich halten.