Die Bienenhüterin - Sue Monk Kidd - E-Book

Die Bienenhüterin E-Book

Sue Monk Kidd

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Beschreibung

Lilys Mutter ist vor zehn Jahren umgekommen. Ihr Vater herrscht wie ein grausamer Rachegott über die inzwischen 14-jährige. Eines Tages flieht Lily aus der bedrückenden Atmosphäre ihres Elternhauses, wandert über die staubigen Straßen der Südstaaten, um ein neues Zuhause zu finden. Sie begegnet wunderbaren Menschen, rettet mit Mut und Klugheit ein Leben und findet bei drei Frauen Unterschlupf, die, wie im Märchen, in großer Eintracht zusammenwohnen. Die drei Schwestern geben dem Mädchen alles, was es braucht: Liebe, Halt, und Geborgenheit. Sie nehmen Lily in ihre Familie auf und weihen sie in die Geheimnisse weiblichen Wissens ein. Lily lernt alles über die Bienenzucht. Sie erfährt, wer ihre Mutter, die sie so schmerzlich vermisst, wirklich war, und sie verliebt sich. Doch eines Tages steht ihr Vater am Gartentor …



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 492




Inhaltsverzeichnis
 
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
 
NACHWEISE:
DANKSAGUNGEN:
Copyright
Buch
Lily verzehrt sich nach ihrer Mutter, nach ihrer Fürsorge und ihrem Sanftmut. Die Räume waren hell und licht, wenn die Mutter in der Nähe war, das Haus durchflutet von ihrem herzlichen Lachen. Doch seit die Mutter vor zehn Jahren verunglückt ist, hat das Leben für Lily alle Farbe und Wärme verloren. Lilys Vater herrscht wie ein grausamer Rachegott über die inzwischen vierzehnjährige Tochter und vergällt ihr das Leben. Sie wäre schon längst verzweifelt, hätte sie nicht die Bienen, die in der Wand zu ihrem Zimmer leben und Lily manchmal nachts besuchen. Eines Tages flieht das Mädchen aus der bedrückenden Atmosphäre ihres Elternhauses, sie wandert über die staubigen Straßen der Südstaaten, um ein neues Zuhause zu finden. Drei Schwestern nehmen sich des Mädchens an und lehren Lily nicht nur die Bienenzucht …
 
Sue Monk Kidd bei btb
Die Meerfrau. Roman (btb-HC 75163)
Die Königin verkörpert die einigende Kraft der Gemeinschaft. Entfernt man sie aus dem Bienenkorb, spüren die Arbeitsdrohnen ihre Abwesenheit sehr rasch. Schon nach einigen wenigen Stunden zeigt ihr Verhalten eindeutige Anzeichen dafür, dass die Königin fehlt.
KAPITEL 1
Nachts lag ich im Bett und schaute zu, wie die Bienen durch die Spalten in der Wand meines Schlafzimmers schlüpften und in Kreisen durch mein Zimmer flogen, sie machten ein Geräusch wie Propeller, ein ganz hohes Sssssssss, das dicht um mich herum summte. Ich sah ihre Flügel im Dunkeln wie kleine Chromteilchen schimmern und spürte in mir eine unbestimmte Sehnsucht aufsteigen. Dass die Bienen einfach so herumflogen, ohne nach einer einzigen Blume zu suchen, allein, um den Wind unter ihren Flügeln zu spüren, das hat mich bis in die Tiefe meines Herzens berührt.
Tagsüber hörte ich zu, wie sie sich Gänge durch die Wände meines Zimmers bohrten, es klang, als würde im Nebenzimmer ein Radio rauschen, und ich stellte mir vor, wie sie die Wände von innen in Honigwaben verwandelten, aus denen satter Honig tropft, von dem ich dann kosten dürfte.
Die Bienen kamen im Sommer 1964, es war der Sommer, in dem ich vierzehn Jahre alt wurde und von dem an mein Leben eine neue Wendung nahm, und damit meine ich eine völlig neue Wendung. Aus heutiger Sicht kommt es mir vor, als wären mir die Bienen gesandt worden. Ich will damit sagen, sie erschienen mir, so wie der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria heimsuchte. Die Bienen setzten eine Kette von Ereignissen in Gang, von denen ich niemals zu träumen gewagt hätte. Ich weiß, es ist vermessen, mein kleines unbedeutendes Leben mit dem ihren zu vergleichen, aber ich habe guten Grund zu glauben, dass sie nichts dagegen hätten – aber dazu komme ich später. Im Moment will ich nur so viel sagen: Trotz allem, was in diesem Sommer geschehen ist, hege ich für die Bienen nur gute Gefühle.
 
1. Juli 1964, ich liege im Bett und warte darauf, dass die Bienen kommen, und denke an das, was Rosaleen gesagt hatte, als ich ihr von den nächtlichen Besuchen erzählt hatte.
»Bienen schwärmen, bevor jemand stirbt«, hatte sie gesagt.
Rosaleen arbeitete für uns, seit meine Mutter gestorben war. Mein Daddy – den ich T. Ray nannte, weil »Daddy« einfach nicht zu ihm passte – hatte sie aus der Pfirsichplantage geholt, in der sie als Pflückerin gearbeitet hatte. Sie hatte ein großes, rundes Gesicht, und ihr Körper sah aus wie ein Zelt, das sackartig von ihrem Hals herabhing, und sie war schwarz wie die Nacht. Sie lebte ganz alleine in einem kleinen Haus, das tief im Wald kauerte, gar nicht so weit weg von uns. Sie kam jeden Tag, um zu kochen, zu waschen und um meine Ersatzmutter zu sein. Rosaleen hatte nie ein eigenes Kind gehabt, und so war ich in den letzten zehn Jahren ihr Versuchskaninchen gewesen.
Bienen schwärmen, bevor jemand stirbt. Sie hatte immer jede Menge verrückter Ideen im Kopf, denen ich sonst nicht groß Beachtung schenkte, aber jetzt lag ich doch wach und dachte über diesen Satz nach und fragte mich, ob die Bienen gekommen waren, um mich zu töten. Dieser Gedanke machte mir gar nichts aus, ehrlich nicht. Die Bienen hätten sich alle auf mir nieder lassen können, jede dabei so sanft wie ein Engel, und mich totstechen können, und es wäre nicht einmal das Schlimmste gewesen. Die Leute, die glauben, dass der Tod das Schrecklichste ist, haben keine Ahnung vom Leben.
Meine Mutter starb, als ich vier Jahre alt war. Das war nun mal so, aber immer, wenn ich auf das Thema kam, interessierten sich die Leute plötzlich für ihre eingewachsenen Nägel oder ihre Nagelhaut, oder aber sie starrten einfach in die Luft. Mich schienen sie überhaupt nicht zu hören. Nur dann und wann sagte eine mitfühlende Seele: »Denk nicht weiter darüber nach, Lily. Es war doch ein Unfall. Du hast es ja nicht mit Absicht getan.«
In jener Nacht lag ich also im Bett und dachte über das Sterben nach und dass ich zu meiner Mutter ins Paradies kommen würde. Ich würde zu ihr gehen und sagen: »Mutter, verzeih mir. Bitte verzeih mir.« Und sie würde meine Haut so lange küssen, bis sie unter ihren Küssen ganz rau würde, und sie würde mir sagen, dass mich keine Schuld trifft. Das würde sie mir während der ersten zehntausend Jahre immer wieder sagen.
In den nächsten zehntausend Jahren würde sie mir dann mein Haar zurechtmachen. Sie würde es bürsten, und es würde so schön sein, dass alle Leute im Himmel ihre Harfen weglegen würden, nur um mein Haar zu bewundern. An den Haaren eines Mädchens kann man sehen, ob es noch eine Mutter hat. Mein Haar stand immer vom Kopf ab, in alle Himmelsrichtungen, und natürlich weigerte sich T. Ray, mir Lockenwickler zu kaufen. Ein ganzes Jahr lang musste ich mir leere Saftdosen ins Haar wickeln, weshalb ich unter ständiger Schlaflosigkeit litt. Ich hatte immer nur die Wahl zwischen einer halbwegs akzeptablen Frisur bei Tage oder ungestörtem Nachtschlaf.
Ich beschloss, dass ich mir vier oder fünf Jahrhunderte lang Zeit nehmen würde, um ihr zu erzählen, wie entsetzlich es wirklich war, bei T. Ray zu leben. Missmutig war er ja das ganze Jahr über, aber im Sommer, wenn er von morgens bis abends in der Pfirsichplantage arbeitete, wurde es besonders schlimm. Ich ging ihm meistens aus dem Weg. Nett war er nur zu Snout, seinem Spürhund, der in seinem Bett schlafen durfte und dem er immer den Bauch kraulte, sobald sich der Hund auf seinen drahtigen Rücken rollte. Einmal habe ich sogar gesehen, wie Snout auf T. Rays Stiefel pinkelte, und er hat noch nicht einmal mit der Wimper gezuckt!
Ich habe Gott immer wieder gebeten, etwas wegen T. Ray zu unternehmen. Vierzig Jahre lang ist er zur Kirche gegangen, aber er wurde nur noch schlimmer. Ich finde, das sollte Gott doch eigentlich zu denken geben.
Ich schlug die Laken zurück. Im Zimmer war es vollkommen ruhig, nicht eine einzige Biene, nirgendwo. Jede Minute sah ich auf die Uhr an meinem Nachttisch und fragte mich, wo sie wohl blieben.
Endlich, kurz vor Mitternacht, als mir vor lauter Anstrengung die Augenlider beinahe zugefallen wären, setzte drüben in der Ecke ein schnurrendes Geräusch ein, dunkel und vibrierend, es klang fast, als käme es von einer Katze. Wenige Momente später huschten Schatten über die Wand. Wenn sie am Fenster vorbeikamen, fiel Licht auf sie, und ich konnte die Umrisse ihrer Flügel sehen. Das Geräusch schwoll im Dunkel an, bis das ganze Zimmer pulsierte, bis die Luft bebte und vibrierte, schwer und voll von Bienen. Sie flogen um mich herum, mein Körper lag mitten in dieser wirbelnden Wolke. Ich konnte nicht einmal mehr klar denken, so laut summten die Bienen.
Ich presste die Fingernägel gegen die Handflächen, bis sich auf meiner Haut tiefe Rillen abzeichneten. In einem Raum voller Bienen kann ein Mensch so gut wie zu Tode gestochen werden.
Und dennoch, das war ein unglaublicher Anblick. Auf einmal konnte ich es nicht mehr aushalten, ich musste das jemandem zeigen, selbst wenn der einzige Mensch in meiner Nähe T. Ray war. Und sollte er von Hunderten von Bienen gestochen werden, na ja, das täte mir dann wohl Leid.
Ich schlüpfte aus dem Bett und stürzte zur Tür, mitten durch die Bienen hindurch. Ich weckte ihn auf, indem ich seinen Arm mit einem Finger berührte, erst ganz sachte, dann immer fester, bis ich schließlich meinen Finger in seinen Arm stieß und staunte, wie hart er sich anfühlte.
T. Ray sprang aus dem Bett, er hatte nur seine Unterwäsche an. Ich zerrte ihn zu meinem Zimmer, während er brüllte, wehe, wenn sich das nicht lohnt, wehe, wenn nicht wenigstens das verdammte Haus in Flammen steht, und Snout bellte, als ob wir beim Taubenschießen wären.
»Bienen!«, rief ich, »in meinem Zimmer ist ein Bienenschwarm!«
Aber als wir in mein Zimmer kamen, hatten sie sich wieder in der Wand verkrochen, als ob sie gewusst hätten, dass er kommt, als ob sie ihre Flugkünste nicht an ihn verschwenden wollten.
»Verdammt noch mal, Lily, das find ich nich’ komisch.«
Ich sah an den Wänden auf und ab. Ich kroch unter mein Bett und betete, dass aus dem Staub und den Sprungfedern auch nur eine Biene hervorkäme.
»Sie waren hier, sie sind hier überall herumgeflogen«, sagte ich.
»Ja klar, und so’ne dämliche Büffelherde is’ hier auch noch durchgetrampelt.«
»Hör doch«, sagte ich, »du kannst sie summen hören.«
Er hielt sein Ohr an die Wand. »Ich hör überhaupt nichts summen«, sagte er und zeigte mir dabei einen Vogel. »Die sind wohl aus der Kuckucksuhr da oben rausgeflogen, die du dein Hirn nennst. Wenn du mich noch einmal weckst, Lily, hole ich die Grießflocken raus, ist das klar?«
Das mit den Grießflocken war eine Strafe, die sich nur jemand wie T. Ray ausdenken konnte. Ich machte sofort den Mund zu.
Trotzdem, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen – T. Ray meinte doch jetzt, ich wäre so verzweifelt, dass ich sogar eine Bienen-Invasion erfinden würde, nur um ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Und so kam mir die brillante Idee, ein paar Bienen in einem Glas einzufangen. Das könnte ich dann T. Ray zeigen und sagen: »Wer erfindet hier Geschichten?«
 
Meine erste und gleichzeitig einzige Erinnerung an meine Mutter stammt von dem Tag, an dem sie starb. Ich habe lange Zeit versucht, mir ein früheres Bild von ihr ins Gedächtnis zu rufen, einen Erinnerungsfetzen – wie sie abends meine Bettdecke zurechtzupft, wie sie mir die Abenteuer von »Struwwelpeter« vorliest oder wie sie an einem eiskalten Morgen meine Unterwäsche neben den Ofen hängt. Mir wäre ja selbst eine Erinnerung, in der sie einen Forsythienzweig abbricht und damit meine Beine piekst, lieb gewesen.
Sie starb am 3. Dezember 1954. Der Ofen hatte die Luft so sehr aufgeheizt, dass meine Mutter ihren Pullover ausgezogen hatte und nun kurzärmelig dastand und verzweifelt am Schlafzimmerfenster rüttelte, das völlig verkeilt war.
Schließlich gab sie auf und sagte: »Ach, zur Hölle damit, dann verglühen wir eben hier oben.«
Ihr Haar war schwarz und üppig, dicke Locken kringelten sich um ihr Gesicht, ein Gesicht, das mir niemals wirklich deutlich erscheint, obwohl alles andere so klar ist.
Ich streckte die Arme nach ihr aus, und sie hob mich hoch, sagte, dass ich für so was doch eigentlich schon viel zu groß sei, aber sie nahm mich trotzdem in den Arm. Als sie mich anhob, umgab mich ihr Duft.
Dieser Duft hat sich mir auf immer eingeprägt, es war der deutliche Geruch von Zimt. Ich ging regelmäßig ins Kaufhaus von Sylvan und roch an jeder einzelnen Parfümflasche, um diesen Duft wiederzufinden. Jedes Mal, wenn ich dort erschien, spielte die Parfümverkäuferin die Überraschte und sagte: »Sieh mal einer an, wen haben wir denn da.« Als wäre ich nicht erst letzte Woche auch schon da gewesen und hätte die Flaschen der Reihe nach durchprobiert. Shalimar, Chanel No 5, White Shoulders.
Ich sagte dann jedes Mal: »Haben Sie etwas Neues?«
Sie hatte nie etwas Neues.
Es war ein echter Schock, als ich den Geruch an meiner Lehrerin aus der fünften Klasse entdeckte, die mir sagte, es sei einfach nur gewöhnliche Ponds Creme.
An dem Nachmittag, als meine Mutter starb, lag ein offener Koffer auf dem Boden, dicht bei dem verkeilten Fenster. Sie lief ständig hin und her, in die Kleiderkammer hinein und wieder heraus, warf das eine oder andere achtlos in den Koffer, ohne es zusammenzufalten.
Ich folgte ihr in die Kammer, kroch unter Kleidersäume und Hosenbeine, ins Dunkle, über Staubfäden und kleine tote Motten, bis ganz nach hinten zu T. Rays Stiefeln, die den Matsch von Obstwiesen und den modrigen Geruch von Pfirsichen an sich hatten. Ich steckte die Hände in ein Paar weißer Stöckelschuhe und schlug sie zusammen.
Der Boden der Kammer vibrierte immer, wenn jemand unten die Treppen hoch stieg, und so wusste ich, dass T. Ray kam. Ich hörte über meinem Kopf, wie meine Mutter Sachen von Bügeln zog, Kleider raschelten, Metall klimperte. Beeil dich, sagte sie.
Als seine Schuhe ins Zimmer trampelten, seufzte sie tief, der Atem entwich ihr, als ob ihre Lungen sich plötzlich verkrampft hätten. Das ist das Letzte, an das ich mich ganz deutlich erinnere – ihr Atem, der zu mir herabsank wie ein kleiner Fallschirm, der spurlos zwischen Stapeln von Schuhen in sich zusammenfiel.
Ich erinnere mich nicht daran, was sie gesagt haben, nur an die Wut in ihren Worten, daran, dass die Luft rau wurde und Striemen hatte. Später musste ich dabei immer an Vögel denken, die in einem Zimmer gefangen sind und blindlings gegen Fenster, Wände und gegeneinander klatschen. Ich kroch rückwärts, immer tiefer in die Kammer, spürte die Finger in meinem Mund, den Geschmack von Schuhen, von Füßen.
Als ich herausgezerrt wurde, war mir erst gar nicht klar, wessen Hände mich zogen, dann fand ich mich in Mutters Armen und atmete ihren Geruch ein. Sie strich mein Haar glatt und sagte: »Hab keine Angst«, aber T. Ray rupfte mich von ihr los. Er trug mich zur Tür und setzte mich unten im Flur ab. »Geh in dein Zimmer«, sagte er.
»Ich will aber nicht«, weinte ich und versuchte, mich an ihm vorbeizudrängen, zurück ins Zimmer, zurück zu ihr.
»Geh in dein verdammtes Zimmer«, brüllte er und schubste mich hart zur Seite. Ich stieß gegen die Wand, fiel auf Hände und Knie. Als ich den Kopf hob und an ihm vorbeiblickte, sah ich sie im Zimmer herumlaufen. Sie stürmte auf ihn zu und schrie: »Lass sie in Ruhe!«
Ich kauerte mich auf den Boden neben der Tür und sah durch Luft hindurch, die man mit dem Messer hätte schneiden können. Ich sah, wie er sie an der Schulter packte und schüttelte, ihr Kopf fiel vor und zurück. Ich sah das Weiß seiner Lippen.
Und dann – aber von jetzt an verschwimmt in meiner Erinnerung alles – riss sie sich von ihm los, los von den Händen, die nach ihr griffen, floh in die Kammer und suchte irgendetwas oben auf dem Bord.
Als ich die Waffe in ihrer Hand sah, rannte ich auf sie zu, tollpatschig, stolpernd, ich wollte sie retten, ich wollte uns alle retten.
Danach fiel die Zeit in sich zusammen. Der Rest liegt in klaren, aber völlig unzusammenhängenden Bruchstücken in meinem Gedächtnis. Die Waffe in ihrer Hand, glänzend wie ein Spielzeug, er nimmt sie ihr weg, fuchtelt damit herum. Die Waffe auf dem Boden. Bücken, um sie aufzuheben. Das Geräusch, das um uns herum explodiert.
Was ich von mir weiß, ist das: Ich wollte nur sie. Und jetzt ist sie weg, und es ist meine Schuld.
T. Ray und ich lebten direkt außerhalb von Sylvan, South Carolina, 3100 Einwohner. Pfirsichstände und Baptistenkirchen, das ist alles, was es hier gab.
Am Eingang zu unserer Farm war ein großes Holzschild, auf dem OWENS PFIRSICHFARM in dem scheußlichsten Orange geschrieben stand, das man sich überhaupt vorstellen kann. Ich hasste das Schild. Aber das Schild war noch gar nichts, verglichen mit dem riesigen Pfirsich, der auf einem fast zwanzig Meter hohen Pfahl neben dem Tor prangte. In der Schule sprachen sie davon nur als dem Riesenarsch – und das war noch das Harmloseste. Mit seiner fleischigen Farbe, ganz zu schweigen von der Rille in der Mitte, sah er eindeutig aus wie ein Hintern. Rosaleen sagte, das wäre eben T. Rays Art, der Welt den Hintern rauszustrecken. So war T. Ray.
Er hielt absolut nichts von Pyjama-Parties oder Schulbällen, was nicht weiter schlimm war, denn zu so etwas wurde ich sowieso nie eingeladen, aber er weigerte sich auch, mich zu den Footballspielen in die Stadt zu fahren oder zu den Aufmärschen der Cheerleader oder zum Autowaschen, das die Jungen vom Beta Club immer am Samstag veranstalteten. Es kümmerte ihn auch nicht, dass ich Kleider trug, die ich in der Hauswirtschaftsklasse genäht hatte, Hemdblusen aus bedruckter Baumwolle mit schiefen Reißverschlüssen und Röcke, die viel zu lang waren. So etwas trugen nun wirklich nur die Mädchen aus der Pfingstgemeinde. Ich hätte mir auch gleich ein Schild umhängen können: ICH BIN NICHT BELIEBT UND WERDE ES AUCH NIE SEIN.
Ich hätte wirklich alle Hilfe brauchen können, die einem die Mode bieten kann, denn niemand, nicht ein einziger Mensch, hatte je zu mir gesagt: »Lily, was bist du für ein hübsches Kind.« Außer Miss Jennings in der Kirche, aber die war blind.
Ich betrachtete mich immer und überall. Ich suchte mein Spiegelbild in Schaufensterscheiben und im schwarzen Bildschirm des Fernsehers, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie ich eigentlich aussah. Mein Haar war zwar so schwarz wie das meiner Mutter, aber es sah aus wie Kraut und Rüben, und mich störte, dass ich kaum Kinn hatte. Ich hatte immer gehofft, wenn meine Brüste wachsen, würde mir auch ein Kinn wachsen, aber das hat so nicht geklappt. Ich hatte wohl sehr schöne Augen, meine Augen waren wie die von Sophia Loren, aber selbst die Jungs, die ihr Haar zu Pomade-triefenden Entenschwänzen frisierten und Kämme in ihre Hemdtaschen steckten, schienen sich nicht für mich zu interessieren, und die galten wirklich als das Letzte.
Vom Hals an abwärts hatten sich die Dinge gut entwickelt, aber das konnte ich natürlich nicht zeigen. Damals waren Kaschmir-Twinsets und kurze Faltenröcke in Mode, aber T. Ray sagte, eher würde die Hölle zufrieren, als dass ich so etwas tragen würde – wollte ich etwa schwanger werden wie Bitsy Johnson, deren Rock kaum über ihren Hintern reichte? Wie er überhaupt von Bitsy wissen konnte, ist mir ein völliges Rätsel, aber das mit den Röcken stimmte und das mit dem Baby war auch wahr. Nur hatte das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.
Rosaleen verstand noch weniger von Mode als T. Ray, und wenn es kalt war – gütiger Himmel -, ließ sie mich in langen Miederhosen unter meinen Nurfürdie-Mädchenausder-Pfingstgemeinde-Kleidern zur Schule gehen.
Nichts hasste ich so sehr wie diese Gruppen tuschelnder Mädchen, die immer plötzlich still wurden, wenn ich vorbeiging. Ich fing an, Schorf von meiner Haut zu kratzen, und wenn ich keinen hatte, knibbelte ich die Haut um meine Fingernägel herum ab, bis ich ein hässliches, blutendes Etwas war. Ich machte mir so viele Gedanken darum, wie ich aussah und ob ich alles richtig machte, dass ich die meiste Zeit das Gefühl hatte, ich tat nur, als sei ich ein Mädchen, ohne eins zu sein.
Ich hatte gehofft, die Dinge würden endlich besser werden, als vergangenes Frühjahr ein paar Wochen lang freitagnachmittags im Frauenclub ein Benimmkurs abgehalten wurde.
Aber ich wurde gleich ausgeschlossen, weil ich keine Mutter hatte, keine Großmutter, noch nicht einmal eine mickrige Tante, die mich bei der offiziellen Abschlusszeremonie mit einer weißen Rose hätte vorstellen können. Rosaleen konnte das nicht für mich tun, es war gegen die Regeln. Ich weinte, bis mir so schlecht wurde, dass ich mich ins Waschbecken übergeben musste.
»Du hast doch wohl genug Charme und Manieren«, sagte Rosaleen und spülte das Erbrochene aus dem Waschbecken. »Du brauchst nich’ zu irgend so’nem hochgestochenen Kurs zu gehen, um’ne Lady zu werden.«
»Doch«, sagte ich, »sie bringen einem da alles bei. Wie man geht und knickst, wie man sich auf einen Stuhl setzt, die Beine richtig übereinander schlägt, wie man in ein Auto einsteigt, Tee eingießt, sich die Handschuhe auszieht...«
Rosaleen stieß einen Seufzer aus. »Große Güte«, sagte sie.
»... wie man Blumen in einer Vase arrangiert, mit Jungen spricht, sich die Augenbrauen zupft, die Beine rasiert, Lippenstift benutzt...«
»Und was is’ mit in Waschbecken kotzen? Bringen’se einem da vielleicht auch bei, wie man richtig kotzt?«
Manchmal hasste ich sie einfach.
 
Am anderen Morgen, nachdem ich T. Ray aufgeweckt hatte, stand Rosaleen in der Tür zu meinem Zimmer und sah zu, wie ich eine Biene mit einem Weckglas jagte. Sie hatte ihre Lippen so weit nach außen gestülpt, dass ich das zarte rosa Fleisch in ihrem Mund sehen konnte.
»Was machste denn mit dem Glas?«, fragte sie.
»Ich fange Bienen, um sie T. Ray zu zeigen. Er glaubt doch, ich hätte sie erfunden.«
»Lieber Gott, gib mir Kraft.« Sie hatte auf der Veranda Butterbohnen geschält, Schweiß glänzte auf den kringeligen Locken schwarzen Haars, das ihre Stirn umspielte. Sie zupfte an ihrem Kleid herum und machte ihr Vorderteil ein wenig auf, worunter ihr Busen hervorkam, der so groß und weich war wie ein Sofakissen.
Die Biene landete auf der Landkarte, die ich an die Wand geheftet hatte. Ich beobachtete, wie sie entlang der Küste von South Carolina über den Highway 17 krabbelte. Ich schlug das Glas mit der Öffnung gegen die Wand und fing die Biene zwischen Charleston und Georgetown ein. Als ich den Deckel aufsetzte, begann sie, wie verrückt im Kreis herumzufliegen, und es machte jedes Mal »plop« und »klick«, wenn sie gegen das Glas knallte – wie der Klang von Hagel, der ans Fenster schlägt.
Ich hatte das Glas so behaglich wie möglich hergerichtet, mit pelzigen Blütenblättern voller Pollen, hatte viele kleine Löcher in den Deckel gestochen, damit die Biene überleben konnte, denn ich wusste wohl, dass man, wenn man ein Tier getötet hatte, zur Strafe als genau das Wesen wieder auf die Welt zurückkommen konnte.
Ich hob das Glas auf Augenhöhe. »Komm und sieh dir an, wie das arme Ding kämpft«, sagte ich zu Rosaleen.
Als sie ins Zimmer trat, hüllte mich ihr Geruch ein, dunkel und würzig wie der Kautabak, den sie sich in die Backen stopfte. In der Hand hielt sie ihr kleines Kännchen mit dem münzgroßen Ausguss und einem Henkel, der so klein war, dass sie gerade ihren Finger hindurchstecken konnte. Ich beobachtete, wie sie es unter ihr Kinn hielt, die Lippen zu einem Kelch spitzte und dann einen Kringel aus schwarzem Saft hineinspuckte.
Sie starrte die Biene an und schüttelte den Kopf. »Wenn de gestochen wirst, komm nich’ zu mir gerannt«, sagte sie, »weil, mich kümmert’s nicht.«
Das war natürlich gelogen.
Ich war die Einzige, die wusste, dass sie bei ihrer ruppigen Art ein Herz hatte, das sanfter war als Blütenblätter, und dass sie mich wahnsinnig lieb hatte.
Ich hatte es nicht gewusst bis zu dem Tag – ich war damals acht Jahre alt -, an dem sie mir ein gefärbtes Osterküken aus dem Kaufhaus mitgebracht hatte. Als sie es mir gab, saß es zitternd in einer Ecke seines Verschlages, in der Farbe tiefroter Trauben, mit kleinen, traurigen Augen, die nach seiner Mutter Ausschau hielten. Rosaleen erlaubte mir, das Küken ins Haus zu bringen, ins Wohnzimmer, wo ich ein paar Grießflocken auf den Boden streute, damit es etwas zu picken hatte, und Rosaleen erhob nicht ein Wort des Einwands.
Das kleine Hühnchen hinterließ Häufchen violett gemusterter Kleckse im ganzen Zimmer, vermutlich, weil die Farbe allmählich durch die Haut in seinen empfindlichen Körper drang. Wir hatten gerade angefangen, den Dreck wegzuwischen, als T. Ray reinplatzte und damit drohte, das Küken zu kochen und Rosaleen zu feuern, weil sie eine dumme Kuh sei. Er fing schon an, mit seinen von Traktoröl verschmierten Händen nach dem Vögelchen zu grabschen, als sich Rosaleen der Länge nach vor ihm aufbaute. »In diesem Haus gibt’s weiß Gott Schlimmeres als Hühnerscheiße«, sagte sie und musterte ihn von allen Seiten. »Sie rühren mir das Küken nich’ an.«
 
Er gab sich geschlagen und schlich in seinen Stiefeln den Flur hinunter. Ich dachte, sie liebt mich, und das war das allererste Mal, dass mir dieser Gedanke überhaupt gekommen war, so unvorstellbar erschien er mir.
Sie hatte keine Ahnung, wie alt sie war, denn sie besaß keine Geburtsurkunde. Sie hatte mir gelegentlich gesagt, dass sie 1909 oder 1919 geboren war, aber das hing immer davon ab, wie sie sich gerade fühlte. Aber wo sie geboren war, das wusste sie: McClellanville, South Carolina, wo ihre Mutter Körbe aus Süßgras geflochten und am Straßenrand verkauft hatte.
»Genau wie ich, wenn ich Pfirsiche verkaufe«, sagte ich zu ihr.
»Gar nich’ wie du und deine Pfirsiche«, antwortete sie mir. »Du musst davon nich’ sieben Kinder satt kriegen.«
»Du hast sechs Geschwister?« Ich hatte mir immer vorgestellt, sie sei ganz alleine auf dieser Welt, dass sie niemanden hatte, außer mir natürlich.
»Hatte schon, aber ich weiß nich’, wo die stecken.«
Sie hatte ihren Mann nach drei Jahren Ehe aus dem Haus geworfen, weil er trank. »Sein Gehirn im Kopf eines Vogels, und der Vogel würde rückwärts fliegen«, sagte sie gerne. Ich fragte mich, was wohl ein Vogel machen würde, der Rosaleens Hirn im Kopf hätte. Entweder, so stellte ich mir vor, würde der Vogel seine Häufchen anderen Leuten auf den Kopf fallen lassen, oder aber er würde auf einem verlassenen Nest sitzen, mit weit ausgebreiteten Flügeln.
In meinen Tagträumen war Rosaleen weiß und mit T. Ray verheiratet, und sie war meine richtige Mutter. Manchmal malte ich mir aus, ich wäre ein Negerwaisenkind, das sie in einem Maisfeld fand und adoptierte. Dann wieder träumte ich, wir würden in einem fremden Land wie New York leben, wo sie mich adoptieren dürfte und wir beide unsere Hautfarbe behalten könnten.
 
Der Vorname meiner Mutter war Deborah. Das war der schönste Name, den ich je gehört hatte, dabei nahm T. Ray ihn niemals in den Mund. Wenn ich Deborah sagte, benahm er sich immer, als würde er jeden Moment losstürmen, um irgendetwas – gleich was – zu erstechen. Einmal habe ich ihn gefragt, wann ihr Geburtstag war und welche Sorte Zuckerguss sie am liebsten auf ihrer Torte hatte, aber er sagte nur, ich solle die Klappe halten, und als ich ihn noch einmal gefragt habe, hat er ein Glas Johannisbeergelee genommen und gegen den Küchenschrank geknallt. Die roten Flecken sieht man heute noch.
Es gelang mir aber doch, ein paar Sachen aus ihm herauszuholen, und so wusste ich, dass meine Mutter in Virginia, woher ihre Familie stammte, beerdigt worden war. Ich wurde damals ganz aufgeregt, weil ich glaubte, ich hätte eine Großmutter gefunden. Aber nein. Er sagte, meine Mutter wäre ein Einzelkind gewesen und ihre Mutter schon vor Ewigkeiten gestorben. Und einmal, als er auf eine Küchenschabe trat, erzählte er mir, meine Mutter hätte Stunden damit verbracht, die Schaben mit ganz klein zerbröselten Marshmellows und winzigen Kekskrümeln aus dem Haus zu locken. Sie habe sich wie eine Irre aufgeführt, wenn es darum ging, ihre blöden Schaben zu retten.
Es waren die seltsamsten Anlässe und Dinge, bei denen ich sie vermisste. Der erste Büstenhalter. Wen sollte ich bei diesem Thema um Rat fragen? Und wer außer meiner Mutter hätte verstanden, wie wunderbar es gewesen wäre, zu den Proben der Junior Cheerleader gefahren zu werden? T. Ray jedenfalls begriff es nicht. Aber, soll ich sagen, in welchem Moment ich sie am allermeisten vermisste? Das war an dem Tag, ich war zwölf, als ich wach wurde und einen rosigroten Flecken in meiner Unterhose hatte. Ich war so stolz, dass ich endlich zur Frau erblühen würde, und hatte niemanden, dem ich den Fleck hätte zeigen können.
Bald darauf fand ich ganz hinten auf dem Speicher eine Papiertüte. Darin befanden sich die letzten Spuren meiner Mutter.
Da war die Fotografie einer Frau vor einem alten Auto. Sie hatte ein breites Grinsen im Gesicht und trug ein helles Sommerkleid mit Schulterpolstern. Ihr Gesichtsausdruck sagte: »Wag ja nicht, mich zu fotografieren«, dabei wollte sie aufs Bild, das sah man ganz deutlich. Niemand kann sich vorstellen, was für Geschichten ich in diesem Bild las, wie sie da an diesem Kotflügel lehnte und darauf wartete, der Liebe ihres Lebens zu begegnen, sie schien es verdammt eilig zu haben.
Ich legte die Fotografie neben mein Schulfoto aus der achten Klasse und suchte, ob es Ähnlichkeiten zwischen uns gab. Sie hatte kaum Kinn, so wie ich, aber trotzdem war sie überdurchschnittlich hübsch, was mich für später hoffen ließ.
Die Tüte enthielt ein Paar weißer Baumwollhandschuhe, vom Alter fleckig geworden. Als ich sie herausnahm, ging mir durch den Kopf: Sie hat sie an IHREN Händen getragen. Heute erscheint mir das albern, aber damals stopfte ich die Handschuhe mit Watte aus und hielt sie eine ganze Nacht lang fest.
Aber das größte Rätsel, das die Tüte barg, war ein kleines hölzernes Bild Mariens, der Mutter Jesu. Ich erkannte sie, obwohl ihre Hautfarbe schwarz war, ein wenig heller nur als Rosaleens. Es sah aus, als ob jemand das Bild der schwarzen Maria aus einem Buch herausgeschnitten, auf ein Stück Holz von etwa fünf Zentimetern geklebt und dann überlackiert hätte. Auf der Rückseite stand geschrieben »Tiburon, S. C.«.
Seit zwei Jahren schon bewahrte ich diese Dinge in einer Blechdose auf, die ich im Obstgarten vergraben hatte. Ich hatte meinen ganz besonderen Platz inmitten der langen, dichten Baumreihen, von dem niemand etwas wusste, nicht einmal Rosaleen. Ich ging schon dorthin, noch ehe ich mir selber die Schuhe zuschnüren konnte. Ganz am Anfang war es nur ein Versteck vor T. Ray und seinen Gemeinheiten gewesen und auch vor der Erinnerung an den Nachmittag, an dem die Pistole losgegangen war, aber später stahl ich mich oft dorthin, wenn T. Ray ins Bett gegangen war, ich wollte nur unter den Bäumen liegen und einfach meine Ruhe haben. Es war mein Stück Erde, meine Höhle.
Ich hatte ihre Sachen in die Blechdose gelegt und sie dort draußen eines Nachts im Schein meiner Taschenlampe vergraben, weil ich viel zu viel Angst hatte, sie in meinem Zimmer zu lassen, selbst wenn ich sie ganz hinten in einer Schublade verstecken würde. Ich hatte Angst, T. Ray würde auf den Speicher gehen und merken, dass ihre Sachen fehlten, und dann würde er mein Zimmer auf den Kopf stellen. Ich wollte gar nicht erst darüber nachdenken, was er wohl mit mir machen würde, wenn er ihre Sachen zwischen den meinen finden würde.
Hin und wieder ging ich zu meinem Platz und grub die Dose aus. Ich legte mich auf die Erde, und die Bäume hielten schützend ihre Äste über mich. Ich schlüpfte in ihre Handschuhe und lächelte ihr Foto an. Ich begutachtete den Schriftzug »Tiburon, S. C.« hinten auf dem Bild der schwarzen Maria, die komische Neigung der Buchstaben, und fragte mich, was für ein Ort das wohl sei. Ich hatte auf meiner Landkarte nachgesehen – Tiburon war kaum zwei Stunden entfernt. War meine Mutter da gewesen, hatte sie da das Bild gekauft? Ich nahm mir vor, eines Tages, wenn ich alt genug wäre, würde ich mit dem Bus dorthin fahren. Ich wollte überall hinfahren, wo sie gewesen war.
 
Den Nachmittag des Tages, an dem ich morgens die Biene gefangen hatte, verbrachte ich am Straßenstand und verkaufte T. Rays Pfirsiche. Es war von allen Arbeiten, die ein Mädchen während der Sommerferien tun konnte, die einsamste: Ich saß am Straßenrand fest, in einer Bude, die aus drei Wänden und einem Flachdach aus Zinn bestand.
Ich hockte auf einer Colakiste und sah den vorbeisausenden Lieferwagen hinterher, bis ich vor lauter Abgas und Langeweile fast umkam. Donnerstagnachmittag war eigentlich ein guter Pfirsichtag, weil die meisten Frauen ihre sonntägliche Obsttorte vorbereiteten, aber niemand hielt an.
T. Ray erlaubte mir nicht, Bücher mitzunehmen und zu lesen, und wenn ich trotzdem eines unter meiner Bluse raus an den Stand schmuggelte, »Der verlorene Horizont« etwa, sah mich dabei garantiert jemand wie Mrs. Watson von der Farm nebenan, die dann in der Kirche zu meinem Vater sagte: »Ich hab übrigens neulich deine Tochter beobachtet, wie sie am Pfirsichstand arbeitet. Ein ganzes Buch hat sie dabei verschlungen. Du musst ja mächtig stolz auf sie sein.« Worauf er mich dann halb umbrachte.
Wie kann man nur etwas dagegen haben, dass jemand liest? Ich glaube, er befürchtete, Bücher würden in mir den Gedanken ans College wecken, was er bei Mädchen natürlich für völlige Geldverschwendung hielt, selbst wenn sie, wie ich, die allerbeste Note bekamen, die man bei einem mündlichen Eignungstest überhaupt erreichen kann. Mathe ist nun nicht so mein Fall, aber man muss ja nicht in allen Fächern überdurchschnittlich gut sein.
Ich war die einzige Schülerin, die nicht murrte und knurrte, wenn Mrs. Henry noch ein Shakespeare-Drama mit uns las. Ich tat natürlich so, als hätte ich dazu keine Lust, aber im Innern war ich so aufgeregt, als hätte man mich zur Pfirsichkönigin von Sylvan ernannt.
Bis zu dem Tag, an dem Mrs. Henry an unsere Schule gekommen war, hatte ich immer geglaubt, die Kosmetikschule würde die Krönung meiner beruflichen Laufbahn sein. Ich hatte ihr einmal, nachdem ich ihr Gesicht genau betrachtet hatte, gesagt, wenn sie erst einmal meine Kundin wäre, würde ich ihr die Haare zu einer klassischen Banane hochstecken, das würde ihr ganz wunderbar stehen, und sie sagte – wortwörtlich: »Also bitte, Lily, das ist eine Beleidigung deiner Intelligenz. Weißt du überhaupt, wie klug du bist? Du könntest Lehrerin oder Schriftstellerin werden, deine eigenen Bücher könntest du verfassen. Aber die Kosmetikschule. Ich bitte dich.«
Ich habe einen ganzen Monat gebraucht, um den Schock zu verdauen, dass sich mir in meinem Leben so etwas wie Möglichkeiten bieten könnten. Man kennt das ja, die Erwachsenen fragen einen immer: »Na, und was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?« Ich kann überhaupt nicht sagen, wie sehr ich diese Frage immer gehasst habe, aber auf einmal erzählte ich allen, dass ich Lehrerin werden und einmal richtige Bücher schreiben würde – ob sie es hören wollten oder nicht.
Ich sammelte alles, was ich jemals geschrieben hatte. Eine Zeit lang kamen in allem, was ich schrieb, Pferde vor. Nachdem wir in der Schule Ralph Waldo Emerson gelesen hatten, schrieb ich »Meine Lebensphilosophie«. Es sollte der Anfang zu einem Buch werden, aber ich bin nie über die ersten drei Seiten hinausgekommen. Mrs. Henry sagte mir, ich müsste schon noch etwas älter werden als vierzehn, um eine Lebensphilosophie zu haben.
Sie meinte, ein Stipendium wäre meine Chance, und lieh mir über den Sommer ihre Bücher. Jedes Mal, wenn ich eines aufschlug, sagte T. Ray: »Was denkst du eigentlich, wer du bist, Julius Shakespeare?« Er glaubte, das sei Shakespeares Vorname, aber wer jetzt meint, ich hätte ihn korrigieren sollen, der hat keine Ahnung von der Kunst des Überlebens. Er nannte mich auch Fräulein Brontë-Bücherwurm oder Eierkopf-Emily-Diktion. Er meinte natürlich Dickinson, aber, wie gesagt, an manche Dinge sollte man nicht rühren.
Ohne Bücher verbrachte ich die Zeit im Pfirsichstand oft damit, Gedichte zu erfinden, aber an diesem einen, entsetzlich langen Nachmittag war mir nicht nach Reimen zumute. Ich saß einfach nur da und dachte, wie sehr ich den Pfirsichstand hasste, wie abgrundtief ich ihn hasste.
 
An dem Tag, bevor ich eingeschult wurde, musste ich am Stand arbeiten, und T. Ray hatte gesehen, wie ich einen Nagel in einen seiner Pfirsiche gesteckt hatte.
Er ging auf mich zu, Daumen in den Hosentaschen, die Augen zusammengekniffen, weil die Sonne so grell war. Ich sah, wie sein Schatten über den Staub und das Unkraut immer näher glitt, und dachte, dass er kam, um mich zu bestrafen, weil ich einen Pfirsich erstochen hatte. Dabei wusste ich noch nicht einmal, warum ich das getan hatte.
Stattdessen sagte er: »Lily, du kommst morgen in die Schule, und es gibt ein paar Dinge, die du wissen musst. Über deine Mutter.«
Einen Augenblick lang war alles so ruhig und still, als ob der Wind aufgehört hätte zu wehen und die Vögel in ihrem Flug innegehalten hätten. Als er sich vor mich hockte, fühlte ich mich von einer heißen Dunkelheit umfangen, aus der ich mich nicht befreien konnte.
»Es ist an der Zeit, dass du weißt, was mit ihr passiert ist, und ich will, dass du es von mir hörst. Nicht von den anderen Leuten.«
Wir hatten niemals darüber gesprochen, und ich spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief. Die Erinnerung an diesen Tag überkam mich in den merkwürdigsten Momenten. Das verkeilte Fenster. Ihr Geruch. Das Klappern der Bügel. Der Koffer. Wie sie gestritten und geschrien haben. Vor allem die Waffe auf dem Boden, ihr Gewicht in meiner Hand, als ich sie aufgehoben habe.
Ich wusste, dass die Explosion, die ich an diesem Tag gehört hatte, sie getötet hatte. Das Geräusch drang in meinen Kopf, ständig überraschte es mich. Manchmal schien es mir dann, als hätte es in dem Moment, als ich die Waffe in den Händen hielt, überhaupt keinen Knall gegeben, als wäre das Geräusch erst sehr viel später gekommen, aber manchmal, wenn ich allein auf der Treppe saß, mich langweilte und nicht wusste, was ich tun sollte, oder wenn ich mich an einem Regentag in meinem Zimmer wie eingesperrt fühlte, dann war mir, als hätte ich es verursacht, als wäre der Knall genau in dem Moment, als ich die Waffe aufgehoben habe, durch das Zimmer hindurchgegangen und hätte uns alle mitten ins Herz getroffen.
Es war eine dunkle Gewissheit, die in diesen Augenblicken in mir hochkam und mich völlig überwältigte, und dann rannte ich jedes Mal – selbst wenn es stark regnete, lief ich hinaus – den Hügel hinunter zu meinem Lieblingsplatz zwischen den Bäumen. Ich legte mich ganz flach auf den Boden, und das beruhigte mich.
T. Ray hatte eine Hand voll Erde aufgehoben und ließ sie aus seinen Händen rieseln. »An dem Tag, als sie starb, räumte sie die Kleiderkammer auf«, sagte er. Ich konnte mir den komischen Tonfall seiner Stimme nicht erklären, er war unnatürlich, beinahe, aber nicht wirklich, sanft.
Die Kleiderkammer aufräumen. Ich hatte nie darüber nachgedacht, was sie in den letzten Minuten ihres Lebens getan hatte, warum sie in der Kammer gewesen war, worüber sie eigentlich gestritten hatten.
»Ich erinnere mich«, sagte ich. Meine Stimme klang kläglich und so leise, als käme sie von weit entfernt aus dem tiefen Gang einer Ameise.
Er zog die Augenbrauen hoch und kam mit seinem Gesicht ganz nahe. Nur seine Augen verrieten, dass er verwirrt war. »Was tust du?«
»Ich erinnere mich«, sagte ich noch einmal. »Ihr habt euch angeschrien.«
In seinem Gesicht zuckte es. »Tatsächlich?«, sagte er. Seine Lippen wurden allmählich blass, darauf achtete ich immer, denn das war das Zeichen. Ich wich einen Schritt zurück.
»Verdammt noch mal, du warst vier Jahre alt«, brüllte er. »Du weißt doch gar nicht, an was du dich erinnerst.«
In der Stille, die dann folgte, erwog ich zu lügen und zu sagen: Ich nehme es zurück. Ich erinnere mich an gar nichts. Erzähl mir, was passiert ist, aber das Verlangen, das sich so lange in mir aufgestaut hatte, endlich darüber zu sprechen, endlich die Worte zu sagen, war stärker.
Ich sah auf meine Schuhe, auf den Nagel, der mir aus der Hand gefallen war, als ich ihn hatte kommen sehen. »Da war eine Waffe.«
»Gütiger Himmel«, sagte er.
Er sah mich lange an, dann ging er zu den Körben, die hinter dem Stand gestapelt waren. Er stand dort eine Minute lang mit geballten Fäusten, ehe er sich umdrehte und wieder zu mir zurückkam.
»Was noch?«, fragte er. »Du sagst mir jetzt, was du weißt.«
»Die Waffe war auf dem Boden...«
»Und du hast sie aufgehoben«, sagte er. »Daran wirst du dich dann ja wohl auch erinnern.«
Das Geräusch der Explosion hallte in meinem Kopf wider. Ich sah zur Seite in Richtung der Plantage, ich wollte losrennen, nur weg.
»Ich erinnere mich, dass ich sie aufgehoben habe«, sagte ich. »Aber an mehr nicht.«
Er beugte sich zu mir herunter, fasste mich bei den Schultern und schüttelte mich. »Erinnerst du dich an sonst nichts? Sicher? Los, denk nach.«
Er beäugte mich misstrauisch..
»Nein, Sir, das ist alles.«
»Hör gut zu«, sagte er, und presste dabei seine Finger in meine Arme. »Wir haben uns gestritten, wie du sagst. Wir haben dich gar nicht gesehen. Aber dann drehten wir uns um, und da standst du, mit der Waffe in der Hand. Du hattest sie vom Boden aufgehoben. Und dann ging sie einfach los.«
Er ließ von mir und rammte seine Hände in die Taschen. Ich hörte, wie er dabei mit seinen Schlüsseln und ein paar Münzen klimperte. Ich wollte mich so gerne an sein Bein klammern und spüren, wie er sich zu mir herabbeugen und mich hochheben, an seine Brust drücken würde, aber ich war wie gelähmt, und er auch. Er starrte über mich hinweg in die Gegend, und das tat er sehr lange und ausgiebig.
»Die Polizei hat’ne ganze Reihe Fragen gestellt, aber es war halt nur eine dieser scheußlichen Geschichten. Du hast es ja nicht absichtlich getan«, sagte er sanft. »Aber wenn jemand fragt, so und nich’ anders war’s.«
Dann ging er zurück zum Haus. Er war erst ein kleines Stück weg, da drehte er sich noch einmal um. »Und steck keine Nägel mehr in meine Pfirsiche.«
 
Es war nach 18.00 Uhr, als ich den Pfirsichstand verließ und zum Haus zurück ging – ich hatte nichts verkauft, nicht einen einzigen Pfirsich -, wo ich Rosaleen im Wohnzimmer vorfand. Um diese Zeit war sie normalerweise längst bei sich zu Hause, aber stattdessen kämpfte sie am Fernseher mit der Antenne, die mich immer an die Ohren von meinem Kaninchen erinnerte, gegen den Schnee auf dem Bildschirm. Präsident Johnson erschien und verschwand gleich wieder irgendwo im Schneegestöber. Ich hatte noch niemals erlebt, dass sich Rosaleen für ein Fernsehprogramm so sehr interessierte, dass sie dafür körperliche Energie aufbringen würde.
»Was ist passiert?«, fragte ich. »Haben sie die Atombombe abgeworfen?«
Seitdem wir an der Schule mit den Übungen für den Ernstfall begonnen hatten, glaubte ich, meine Tage seien gezählt. Alle bauten in ihren Gärten Schutzhütten gegen radioaktiven Niederschlag, legten Wasservorräte an, bereiteten sich auf das Ende aller Zeiten vor. Dreizehn Schüler aus meiner Klasse bauten in ihrem Wissenschaftskurs Modelle für Schutzbunker, was zeigt, dass nicht nur ich mir Sorgen machte. Wir waren von Herrn Chruschtschow und seinen Raketen geradezu besessen.
»Nein, die Bombe ist nich’ losgegangen«, sagte sie. »Komm hier rüber und guck mal, ob du die Glotze hinkriegst.« Sie hatte ihre Fäuste so tief in die Hüften gestemmt, dass sie darin zu verschwinden schienen.
Ich wickelte Aluminiumfolie um die Antenne. Immerhin konnten wir jetzt einigermaßen deutlich sehen, wie Präsident Johnson an einem Schreibtisch Platz nahm, um den herum lauter Leute standen. Ich mochte den Präsidenten nicht besonders, weil er seine Beagles immer an den Ohren festhielt. Aber ich bewunderte seine Frau, Lady Bird, die mir immer vorkam, als ob sie am liebsten ihre Flügel ausbreiten und davonfliegen wollte.
Rosaleen schob den Schemel vor den Fernseher und setzte sich hin. Der Hocker verschwand völlig unter ihr. Sie beugte sich vor, hielt einen Rockzipfel in den Händen und spielte damit herum.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel
»The secret life of bees« bei Viking Penguin inc., New York, N.Y.
Verlagsgruppe Random House
 
 
7. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung April 2005
Copyright © der Originalausgabe 2002 Sue Monk Kidd Ltd.
Published by arrangement with Viking Penguin, a member of Penguin Group (USA) Inc. Copyright © des Anhangs Sue Monk Kidd Ltd. und btb Verlag Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München SR · Herstellung: AW
eISBN : 978-3-641-02473-4
 
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