Das Chaospferd - Nika S. Daveron - E-Book

Das Chaospferd E-Book

Nika S. Daveron

0,0
8,99 €

Beschreibung

Zwei Geschenke gibt es für Romi an ihrem zwölften Geburtstag: Ein Tagebuch und ein Pferd. Ihre Freundinnen beneiden sie, und Romi träumt bereits vom ersten Turnier. Doch ihre Stute ist anders als die anderen Pferde – sie ist ein Chaospferd. Spontane Rodeoeinlagen, geöffnete Boxentüren, kaputte Zäune. Kurzum: Zora kann alles, was sie nicht können sollte. So schaut Romi manchmal ziemlich neidisch zu den anderen Pferdebesitzern, bei denen Reiten immer so einfach aussieht und Kleinigkeiten nicht gleich eine Kettenreaktion auslösen, bei der etwa am Ende der Stall brennt. Aber sie nimmt es mit Humor – und erzählt davon in ihrem Tagebuch.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 174




Umschlaggestaltung: Walter Typografie & Grafik, Würzburg

unter Verwendung einer Illustration von Anna-Lena Kühler

Textillustrationen: Anna-Lena Kühler

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele

weitere Informationen zu unseren Büchern,

Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und

Aktivitäten findest du unter kosmos.de

© 2020, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-440-50178-8

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Tagebuch von Romi

23. März

Heute ist mein Geburtstag und das hier ist eins meiner Geschenke: Ein Tagebuch. Das führe ich für mich, um zu sehen, wie ich mich mit Zora entwickeln werde – das war jedenfalls Mamas Idee.

Und Zora ist mein anderes Geburtstagsgeschenk: Ein russisches Warmblut, das sich mindestens für einen Lipizzaner hält. Das behauptet jedenfalls mein Reitlehrer, Herr Albrecht.

Sie ist das tollste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt jemals ein Pferd bekomme. Und jetzt habe ich nicht nur irgendein Pferd, sondern mein absolutes Lieblingspferd.

Eigentlich gehörte Zora Herrn Albrecht, der mit ihr gezüchtet hat. Und weil man sie nicht reiten konnte, habe ich mich um sie gekümmert. Zora ist ein bisschen anders als die anderen Pferde und mag Vieles nicht, was Normalopferde mögen. Streicheln zum Beispiel. Sie ist keine Schmusebacke. Eigentlich ist sie sogar ein bisschen wie Herr Albrecht. Ganz lieb – aber nach außen hin eher grummelig. Ich bin zwar bis jetzt noch nie auf ihr geritten, weil sie ja ein Fohlen hatte, aber das stört mich nicht. Ob man ein Pferd mag, merkt man nicht erst beim Reiten, sondern auch schon vorher. Und Zora mochte ich immer.

Meine Eltern haben echt dichtgehalten und ich war total überrascht, als ich sie dastehen sah. Mit einer roten Schleife um den Hals, wie im Film. Gut, im Film fressen die Pferde nicht die Schleife an und es muss auch nicht der Tierarzt kommen, weil wir nicht sicher waren, ob rote Schleifen schädlich für Pferde sind. Sind sie wohl nicht. Wir sollen uns aber melden, wenn Zora sich irgendwie komisch benimmt. Also komischer als sonst.

Jetzt kann ich endlich anfangen, Zora zu reiten. Also nicht nur, weil sie mir gehört, sondern auch, weil man sie jetzt antrainieren darf. Ich freue mich riesig darauf. MEIN eigenes Pferd reiten. Wie das schon klingt! Ich liebe es jetzt schon. Und Zora natürlich auch. Seitdem ich mich um sie kümmere, liege ich meiner Mutter in den Ohren und habe sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit daran erinnert, dass ich Zora haben möchte. Das war zwar nicht besonders nett von mir, vor allem nicht in der Phase, als ich mich in den Schränken versteckt habe, um sie spontan anzubrüllen: „Ich möchte Zora zum Geburtstag haben und sonst nichts!“ … Aber es hat gewirkt. Das ist die Hauptsache. Ich hatte das mit meiner Freundin Celine geplant, … [aber wer hätte schon gedacht, dass es wirklich klappt?]. Wir haben ein Lied gedichtet, um meine Eltern zu überzeugen, wir haben Schilder an die Haustür geklebt und ein Plakat im Garten aufgehängt. Außerdem habe ich ihnen versichert, dass ich, wenn ich Zora hätte, nur noch gute Noten schreiben würde. Das hat jetzt nicht so gut geklappt, da ich heute meine Englischarbeit mit einer Vier zurückbekommen habe. Aber das zählt ja wohl auch nicht, weil ich Zora noch gar nicht hatte, als wir die Arbeit geschrieben haben. Darum muss ich auch gleich noch ein paar Französischvokabeln lernen, sonst kann ich mein Versprechen niemals halten.

Ich freu mich schon auf morgen! Wenn ich dann nämlich mit dem Fahrrad in den Stall fahre, bin ich kein einfaches Reitschulmädchen mehr, nein, dann habe ich ein Pferd. Hallo, liebe Leute, habt ihr das gehört? Die Romi hat jetzt ein Pferd. Nicht irgendein Pferd, sie hat Zora! Das beste Pferd der Welt (das weiß ich einfach, auch wenn ich vielleicht nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten habe). Wir werden das beste Team überhaupt. Hundertpro. Wir werden so eng miteinander sein, dass die Leute denken, wir wären ein Zentaur. Und wenn das erst mal so ist, dann reiten wir Turniere und gewinnen Preise. Also nicht, dass ein Pokal jetzt superwichtig wäre. Aber die glänzen schon recht schön. Morgen soll erst einmal der Sattler kommen und ich darf mir einen Sattel aussuchen, der Zora gut passt. Sie hatte jetzt länger keinen Sattel mehr, weil sie ja eine Zuchtstute war. Ob sie überhaupt noch Lust auf einen Sattel und eine Reiterin hat? Herr Albrecht unterstützt mich auf jeden Fall, indem er mir weiterhin Reitunterricht gibt und Zora am Anfang auch ein bisschen selbst reitet, um mit ihr zu üben.

Celine war vorhin auch im Stall und hat sich sehr für mich gefreut. Sie sagt, sie hätte mir gerne etwas fürs Pferd geschenkt, aber sie wusste ja nicht, ob unser Plan aufgeht und ich wirklich eins bekomme. Außerdem meinte sie, dass wir schon mal für ihren Geburtstag im Dezember planen müssen, weil sie ja auch ein Pferd haben möchte. Leider passt unser Lied nicht mehr, weil Celine mehr Silben als Romi hat. Cälinäää. Es wäre so cool, wenn sie auch ein eigenes Pferd hätte und ich dann mit ihr ausreiten könnte. Denn sie hat zwar eine Reitbeteiligung an Snoopy, einem Dülmener, aber mit dem darf sie nicht ins Gelände, weil er da sehr schnell wild wird.

Zora hat sich, glaube ich, auch ziemlich darüber gefreut, dass sie jetzt mir gehört. Sie wirkt zwar oft etwas unfreundlich, aber sie stand mit gespitzten Ohren da, als meine Eltern und Opa (sehr schief) „Happy Birthday“ gesungen haben.

Ich finde, wir passen perfekt zusammen. Wir haben die gleiche Frisur (kurz), die gleiche Haarfarbe (rotbraun) und die gleiche Augenfarbe (dunkelbraun). Ob sie Sommersprossen hat, kann ich nicht sagen, weil das Fell die wahrscheinlich verdeckt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie welche hat. Außerdem hat sie noch eine schmale Blesse, die sehr lustig aussieht. Als hätte sie jemand mit Wasserfarben bemalt. Zora steckte die ganze Zeit ihren Kopf in meine Arme und ließ mich sie sogar ein bisschen streicheln, obwohl sie das ja normalerweise nicht mag. Als würde sie es nur für mich tun. Ich war stolz wie Oskar. Ein paar andere Mädchen im Stall haben getuschelt, weil ich ausgerechnet Zora geschenkt bekommen habe. Zora sei ein komisches Pferd. Ich finde sie aber nicht komischer, als manch andere Pferde. Sie guckt eben nur ab und zu etwas böse. Okay … und sie klaut Essen aus Putzkoffern, die sollte man also weit wegstellen. Letztens hat sie mir einfach so ein Salamibrot weggesnackt.

Langsam muss ich aber wirklich mit Schreiben aufhören, weil meine Mutter schon zum fünften Mal ruft, dass ich meine Französischvokabeln lernen soll.

Je suis Romi, ich habe ein Pferd! Endlich!

24. März

Mein Vokabeltest war grauenhaft. Wer kann sich denn bitte so viele Wörter merken?

Ich hab es meiner Mutter mal vorsichtshalber gesagt, aber nett verpackt. „Der Vokabeltest war so lala.“ Das habe ich französisch betont, dann klingt es positiver. Nach den Hausaufgaben bin ich in den Stall gefahren, wo Celine schon auf mich wartete. Sie hatte eine Kühltasche mit Wassereis dabei und reichte mir direkt eins. Es ist nämlich ganz schön warm für Ende März.

„Gehen wir zusammen in die Halle?“, fragte sie.

„Kann nicht. Ich muss doch auf den Sattler warten.“ Das klang so professionell und erwachsen, dass ich mich gleich zwei Köpfe größer fühlte. Also holten wir Zora aus ihrer Paddockbox und führten sie zum Putzplatz. Dort fraß sie mit einem großen Happs mein Wassereis. Da fühlte ich mich gleich wieder zwei Köpfe kleiner und saublöd. Dürfen Pferde Eis? Muss ich nachher unbedingt googeln.

„Ähm …“, machte Celine.

Ja, „Ähm …“ traf es ziemlich genau. Zora schleckte sich jedenfalls zufrieden die Lippen und scharrte mit dem rechten Huf. Klare Sache, sie wollte mehr Eis. „Nee, nee. Kein Wassereis mehr für dich.“

Drei Mädchen mit einem sehr schönen Rappen kamen herbei und gingen in die letzte Ecke am Putzplatz. So weit weg von uns wie möglich. „Die reden schlecht über Zora“, sagte Celine leise.

„Wieso?“

„Weil die schlimm sind.“ Das schlimm betonte sie ganz merkwürdig. „Ich würd da ja nichts drauf geben. Die sind nur neidisch, weil du ein Pferd zum Geburtstag bekommen hast und die nicht.“

„Sollen sie sich halt auch eins wünschen“, antwortete ich.

Celine setzte sich auf meine Putzkiste, schob die Kühltasche beiseite, damit Zora sie nicht auch noch plünderte, und ich begann damit, mein Pferd (ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das wirklich schreiben kann) zu putzen.

Die Mädchen, die bei dem schwarzen Wallach standen, guckten die ganze Zeit so komisch zu uns rüber.

Schließlich ließ ich die Kardätsche sinken und fragte das Mädchen mit den blonden Haaren: „Was ist denn?“

Kichernd flitzte sie hinter den Rappen.

„Ich glaub, die schind nich ganz richig im Kopf“, nuschelte Celine, mit einem halben Wassereis im Mund, und tippte sich mit der anderen Hand gegen die Stirn.

„Wieso hast’n du DIE gekauft?“, fragte eines der Mädchen mit einem blauen Pullover und stellte sich direkt neben das Hinterteil des Wallachs.

„Wieso soll man DIE denn nicht kaufen?“, fragte ich genervt.

„Na, die ist doch total bescheuert im Kopf. Und schon mal gar nichts für Anfänger.“

Wie bitte? Anfänger? Ich reite schon vier Jahre!

„Und das kannst du beurteilen? So als Anfänger?“, stichelte ich zurück.

„Hä? Wieso bin ich denn ein Anfänger?“

„Na ja, du musst einer sein. Nur Anfänger stehen hinter dem Pferd und fuchteln mit den Händen.“ Die mit dem blauen Pullover schnitt eine blöde Fratze und Celine fiel vor Lachen fast von meiner Putzbox. „Denen hast du es aber gegeben.“

„Ist doch so“, murmelte ich. „Was wollen die von mir? Kann denen doch egal sein, was ich für ein Pferd habe.“ Selbst wenn ich auf einem Esel reiten würde, würde die das nichts angehen!

Genau in dem Moment als ich das sagte, fand Zora, dass sie jetzt lange genug am Putzplatz gestanden hatte. Sie stemmte die Vorderhufe in den Asphalt und zog an ihrem Strick.

„Hey!“, rief ich und versuchte, nach dem Panikhaken zu greifen, den man aufschnappen lassen kann, um das Pferd sofort loszumachen. Doch Zora zerrte nur noch doller und riss ihren Kopf hoch.

Zum Glück kannte ich das schon von ihr. Zora beschloss einfach hin und wieder, dass sie jetzt an einem Ort (und der konnte überall sein), nicht mehr stehen mochte. Und dann hatte man den Salat. Aber Herr Albrecht hatte mir einen tollen Trick gezeigt, den ich gleich ausprobierte. Ich lief also hinter Zora und warf meinen Metallstriegel auf den Boden, direkt hinter ihre Hinterhufe. Zora sprang nach vorn und schnaubte empört. Aber immerhin hörte sie auf, am Strick zu zerren.

Celine war nun vor Schreck tatsächlich von der Putzbox gefallen. Das hatte wiederum zur Folge, dass der Rappe sich erschrak und total aufregte.

Was genau in diesem Moment passierte, weiß ich nicht mehr, aber nur Sekunden später zischte ein Teil eines Panikhakens an mir vorbei, gefolgt von dem Wallach. Und dann die Mädchen, die versuchten, das hysterische Pferd einzufangen. Das war aber bereits im Galopp auf dem Weg zur Weide.

„Ups“, sagte ich.

„Ich glaube, die werden nicht mehr unsere Freunde“, erwiderte Celine trocken.

„Romi?“, hörte ich plötzlich die Stimme von Herrn Albrecht in der Stallgasse. „Hier, komm nach draußen, der Sattler ist da.“

Herr Albrecht ist immer ein bisschen mufflig, aber im Grunde ganz lieb. Er wirkt, als wäre er sauer auf einen, aber wenn man ihn näher kennt, weiß man, dass er das gar nicht so meint. Eigentlich ist er sogar super hilfsbereit und total freundlich. Auf seine Art. Wenn er „Was soll das?“ fragt, dann klingt das gleich wie eine Anklage. Und wenn er „Mhhmm“ macht, ist es ein Lob. Mama fragt immer, wie ich es nur mit ihm aushalte. Aber ich finde ihn großartig. Und Zora auch.

Ich nahm Zora am Halfter und führte sie durch die Stallgasse zurück in den Innenhof. Aus der Ferne hörte ich noch immer die Mädchen rufen: „Portofiiiiiiiinooooo.“

Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen, auch wenn ich gar nichts dafür konnte.

„Magst du Zora schon mal zu Herrn Albrecht bringen?“, fragte ich Celine, als die Rufe in der Ferne langsam leiser wurden. „Ich helfe denen kurz.“

„Bist du verrückt? Da sind die doch selber schuld dran“, antwortete meine Freundin.

„Ach … na ja … ist trotzdem unfair, oder?“

Als ich dann aber zurück zum Putzplatz kam, hatten die Mädchen Portofino schon wieder eingefangen.

„Was willst du denn jetzt?“, meckerte die eine mit dem blauen Pulli.

„Ich wollte nur gucken, ob ihr Hilfe beim Einfangen braucht.“

„Nee, danke. Von dir nicht.“

Ich zuckte mit den Schultern und kehrte wieder zurück in den Innenhof. Dann eben nicht!

Meine Mutter sagt immer: „Wer nicht will, der hat schon.“ Und die hatten offensichtlich. Was auch immer. Vielleicht einen Sonnenstich oder so was. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum sie so grundlos zickig waren.

Der Sattler war dafür umso netter. Er zeigte mir verschiedene Modelle und als ich mich dann mithilfe von Herrn Albrecht für eines entschied, machte er sogar ein Foto für mich, damit ich selbst auch mal gucken konnte, wie der Sattel mit mir drauf aussah. Das war das zweite Mal, dass ich überhaupt auf Zora saß, und sie war wirklich lieb. Auch wenn ich nicht geritten bin, sondern sie nur dastand.

Abends zeigte ich meiner Mutter das Bild. Sie hat zwar keine Ahnung, sagte aber trotzdem: „Sehr schön, mein Schatz.“ Das ist übrigens auch ein sicheres Indiz dafür, dass sie nichts verstanden hat, aber trotzdem ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen will, dass ich Spaß habe. So reagiert sie nämlich auch, wenn ich ihr erkläre, dass ich zum ersten Mal Schulterherein richtig geritten bin:

„Mama, ich bin Schulterherein geritten.“

„Sehr schön, mein Schatz.“

„Weißt du, was das ist?“

„Nein.“

„Das ist, wenn das Pferd mit den Vorderhufen in der Bahn ist, aber mit den Hinterhufen auf dem Hufschlag.“

„Mhm. Sehr schön, mein Schatz.“

Äh, ja … danke, Mama.

26. März

Heute habe ich Zora das erste Mal selbst longiert!

Das hat zur einen Hälfte gut geklappt. Und zur anderen Hälfte hat Zora beschlossen, dass sie longieren blöd findet, und ist spontan durchgestartet. Zora wiegt so circa 650 Kilo und ich noch nicht mal 40. Man kann sich also ausmalen, wer das gewonnen hat: Zora.

Sie schoss davon und Herr Albrecht konnte gerade noch die Hallentür zumachen, bevor sie zur Weide düste.

Die Longe schliff hinter ihr im Dreck her (Danke! Die war neu!) und Zora raste durch die Halle und wieherte.

Herr Albrecht meinte, dass sie wohl etwas zu gut gelaunt wäre, weil die Weidesaison gerade angefangen hat. „Passiert schon mal.“

Irgendwie aber immer nur mir, wenn ich mit Zora arbeite. Das finde ich allerdings nicht so schlimm. Ich finde sie toll, so wie sie ist. Ich kann das gar nicht so genau beschreiben, weil ich ja auch nicht genau weiß, warum ich mich zum Beispiel mit Celine angefreundet habe. Manchmal springt einfach der Funke über. Ist ein bisschen wie Verliebtsein. Auch wenn man in Pferde eher nicht verliebt ist.

Als ich fertig war mit Longieren, wollte ich Zora eigentlich noch ein bisschen im Schritt führen, doch Herr Albrecht kam mit meinem Reithelm um die Ecke.

„Aufsteigen“, brummte er.

„Echt jetzt?“ Meine Augen wurden groß.

„Ja, klar. Wird mal Zeit.“

Und ehe ich mich überhaupt darauf einstellen konnte, saß ich schon in Zoras Sattel und musste schnell meinen Helm schließen. Ich trage immer einen Helm. Habe ich Mama versprochen und daran halte ich mich. Vor allem deswegen, weil meine Mutter mir gedroht hat, dass sie Zora sofort zurückgäbe, wenn ich ohne Helm reiten würde.

Da saß ich also nun in meinem neuen Sattel, auf meinem eigenen Pferd, während Herr Albrecht die Zügel entwirrte und sie mir reichte.

„Wir traben erst einmal ein bisschen.“

Ja, und was soll ich sagen, Zora trabte mit mir. Einfach so. Ganz lieb, ganz ruhig. Ein bisschen hat sie geschnauft, weil ihr noch die Kondition fehlt. Ich habe aus Sympathie etwas mitgeschnauft. Vor allem, weil ich vor Aufregung versehentlich die Luft angehalten habe.

Danach machte Herr Albrecht noch ein Foto von mir auf Zora. Eigentlich wollte ich das an Mama schicken, hab es aber aus Versehen an meinen Klassenlehrer geschickt, weil der mit „Mathelehrer“ eingespeichert ist. Hab’s dann doch nur noch an Celine geschickt und von meinem Mathelehrer ein „Aha?“ zurückbekommen. Wahrscheinlich stellt er mir morgen komische Fragen in der Schule. Muss gleich die Nummer löschen, dass das nicht noch mal passiert. Mann, war das peinlich.

Tante Theas Geburtstag war, wie zu erwarten, sehr blöd. Sie hat einen neuen Freund, der Jasper heißt. Mein Onkel hat sich von ihr scheiden lassen und wenn man mich fragt, dann zu Recht. Tante Thea ist zu allen immer super unfreundlich, nur zu Jasper nicht. Noch nicht.

Mir hat sie auch direkt was „Nettes“ gesagt: Ob ich nicht mal endlich dazu beitragen wolle, dass meine Familie ihr Haus bezahlen könne.

Habe ihr gesagt, dass ich zwölf bin und nirgends arbeiten darf, schließlich leben wir nicht mehr 1850, oder wann auch immer sie geboren worden ist, als es noch Kinderarbeit gab.

Das kam nicht gut an und ich werde wahrscheinlich doch enterbt. Na, soll sie doch.

Aber genug von meiner Familie.

30. März

Heute habe ich mal wieder das Mädchen mit dem blauen Pulli getroffen. Die mit Portofiiiiino. Sie sagt das übrigens immer genau so. Total übertrieben. Celine meinte, wir sollten Zora demnächst auch nur noch „Zooooora“ rufen.

Immerhin weiß ich jetzt, wie das Mädchen heißt – Ramona. Sie hat sich mir aber nicht vorgestellt, nö. Seit der Sache mit dem Panikhaken, der ihr um die Ohren geflogen ist, ignoriert sie mich nämlich. Ich habe aber mitbekommen, wie eine ihrer Freundinnen den Namen gesagt hat. Ramona kommt nämlich nur im Rudel in den Stall, wie Celine so schön sagt.

Manchmal würde ich auch gern im Rudel kommen, aber ich kriege keins voll.

Es ist nicht schön, wenn Ramona da ist:

Ich bewege mich – sie tuscheln.

Ich bewege mich nicht – sie tuscheln auch.

Zora bewegt sich – sie tuscheln lauter.

Haben die nichts zu tun? Sitzen blöd auf den Sprüngen, die Herr Albrecht am Putzplatz verstaut hat, und glotzen. Es nervt mich, aber ich sage lieber mal nichts.

Heute war es besonders nervig.

Um vier Uhr war ich mit Herrn Albrecht zum Reitunterricht verabredet. Und Ramona hatte das wohl irgendwie gehört, jedenfalls sagte sie ganz laut: „Um vier Uhr ist doch die Anfängerstunde.“

Ja, ist es. Ich reite aber nur in der Anfängerstunde mit, weil Zora noch nicht galoppieren darf, denn sie wird ja gerade erst wieder antrainiert, nachdem sie eine Schonzeit nach dem Fohlen hatte. Das finde ich auch nicht toll, aber das Pferd geht ja vor. Sagt Herr Albrecht auch immer und der hat recht. Also gehe ich eben in die Anfängerstunde. Zora zuliebe.

Zora war am Putzplatz ganz lieb, sie ließ sich die Ohren kraulen und mich in Ruhe putzen. Das ist immerhin schon viel für ihre Verhältnisse, denn sie ist ja kein Schmusepferd. Herr Albrecht meint, dass das auch gar nicht schlimm ist: Pferde wären immer noch große, gefährliche Tiere, und wer was zum streicheln brauche, solle sich ein Meerschweinchen zulegen.

Als ich aufsteigen wollte, rappelte Ramona die ganze Zeit an den Sprüngen herum, was Zora nervös machte. Und vor mir gingen die anderen Reitschüler mit den Schulpferden schon in die Halle. Ich musste mich also beeilen, aber Zora war so irritiert von dem Krach, den Ramona veranstaltete, dass sie rückwärts lief und erst mal mit einem anderen Pferd kollidierte, das gerade um die Ecke geführt wurde. Ich hörte Ramona lachen.

„Pass doch auf!“, schimpfte die Besitzerin, deren Pferd nun Zoras Po im Gesicht hatte.

„Ich hab keinen Rückspiegel“, erklärte ich sauer.

Zum Glück entschied sich Zora dann dafür, einfach wieder vorwärts zu gehen, und Ramona hörte auch endlich mal mit dem Krach auf. Vielleicht auch nur, weil die andere Pferdebesitzerin schon ganz böse geguckt hatte. Eigentlich hätte ich ihr auch was sagen müssen, aber Celine meint, dass Ramona dadurch nur schlimmer wird. Wenn die nicht bald aufhört, sich so doof zu benehmen, sage ich aber doch was.

In der Reitstunde konnte ich dann aufatmen. Und Zora reiten. Sie ist einfach toll, auch wenn sie noch ein paar Problemchen damit hat, im Trab zu bleiben. Sie wird dann manchmal schneller und langsamer, aber sie bockte nicht, sie war nicht fies zu den anderen Pferden und ich konnte endlich mal richtig reiten. Sie hat sich wirklich bemüht. Es fällt ihr ja bestimmt auch nicht leicht, sich an alles zu erinnern, was sie vor ewigen Zeiten gelernt hat, und ich bin ja auch noch keine Olympiareiterin, die alles kann. Herr Albrecht sagte am Ende: „Wenn es die nächsten Tage auch so gut klappt, galoppieren wir mal.“

Na, wenn das nichts ist? Viel besser gelaunt ging ich später mit Zora aus der Halle, wo Ramona dann mit ihrem Portofiiiino (ich glaube, ich habe ein paar Is vergessen) stand und mit ihren Freundinnen kicherte.