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Als vor etwa 100 Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die Welt in Trümmern lag, waren es einige jüdisch-christliche Denker, die versuchten, einen Weg aus der unvorstellbaren Verrohung des Menschlichen aufzuzeigen. Sie besannen sich auf die Würde des Menschen als Person und stellten das wahrhaftige Vertrauen dem Grundgefühl der Angst und des Misstrauens, die ehrliche offene Beziehung der sich abschottenden Ich-Zentrierung und das echte Gespräch den vielen Formen des Scheindialogs entgegen. Die Beiträge erhellen die Bedingungen eines echten Dialogs und legen dar, wie heute angesichts der vorherrschenden Umgangsformen in Politik und Gesellschaft eine neue dialogische Begegnungskultur, geprägt von Authentizität, gegenseitiger Wertschätzung und wahrhaftiger Zuwendung, in der konkreten Wirklichkeit von Politik, Religion, neuen Medien und verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten gelingen und zu einem respektvollen, friedlichen Miteinander beitragen kann.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2020
Emmanuel J. Bauer (Hg.)
Herausgegeben im Auftrag des Fachbereichs Philosophie/KTH der Universität Salzburg undder Internationalen Ferdinand Ebner-Gesellschaft
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ISBN 978-3-534-40018-8
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): ISBN 978-3-534-40019-5eBook (epub): ISBN 978-3-534-40020-1
EMMANUEL J. BAUERHinführung
KARLHEINZ TÖCHTERLEZu den Anfängen des Dialogs in der antiken Literatur,seinem Fortwirken und seinem Ende in der aktuellen Politik
CHRISTA DÜRSCHEIDDie personale Kommunikation im Internet – (k)ein Dialog?
GÜNTER FIGALDie Möglichkeit der Dialogphilosophie.Theunissen, Buber und die Phänomenologie des Zwischen
EMMANUEL J. BAUERDas Dialogische Prinzip in der Psychotherapie
ALEIDA ASSMANNIndividuelle und kollektive Grundlagen des dialogischen Prinzips
KARL-JOSEF KUSCHELInterreligiöser Dialog als bleibende Herausforderung der Religionen
Die Autoren
Als vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkrieges die europäische Welt in Trümmern lag, waren es einige jüdisch-christliche Denker, die versuchten, mit ihrem personal-dialogischen Ansatz der unvorstellbaren Verrohung des Menschlichen einen Weg zu einer neuen Humanität aufzuzeigen. Sie konnten die dramatischen Auswirkungen dieses Krieges, der letztlich die anderen großen Tragödien des letzten Jahrhunderts (Stalinismus, Faschismus, Nationalsozialismus, Holocaust, Zweiter Weltkrieg) evozierte, nicht kennen, aber vermutlich erahnen. Brutalität, Zerstörungswut und Misstrauen waren in einem Ausmaß zu Tage getreten, wie man es nicht für möglich gehalten hatte. Eine Besinnung auf die Würde des Menschen als Person tat not.
Die Bedeutung des Miteinander und der gegenseitigen Anerkennung als Personen wurde schon früher erkannt und von der Philosophie ins Bewusstsein gehoben. Es sei an Georg W. F. Hegel, Johann G. Hamann, Johann G. von Herder oder Friedrich H. Jacobi erinnert. In Abgrenzung zum Deutschen Idealismus strich Ludwig Feuerbach die Bedeutung des leibhaften Ich-Du-Verhältnisses hervor, wenn er betont: „Die wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du.“1 Den wahren Durchbruch erlangte das Dialogische Prinzip jedoch durch Franz Rosenzweig, Ferdinand Ebner und Martin Buber, die in etwa zur gleichen Zeit ihre Gedanken formulierten und der Öffentlichkeit präsentierten. Sie stellen das mutige Vertrauen dem Grundgefühl der Angst und des Misstrauens, die wirkliche, offene Beziehung der sich abschottenden Ich-Einsamkeit und das echte Gespräch den vielen Formen des als Monolog verkleideten Scheindialogs gegenüber. Echtes Gespräch setzt gegenseitige rückhaltlose Offenheit, Innewerden der Person-Ganzheit des Anderen, Authentizität und gegenseitige Achtung und Wertschätzung voraus.2 Im Unterschied zu den vielen oberfläch-lichen Formen des Miteinanderredens geht es hierbei um eine Art der Begegnung zwischen Ich und Du, die von den Gesprächspartnern verlangt, den Anderen radikal ernst zu nehmen und sich von dessen Eigenart und wahren Anliegen wirklich berühren zu lassen. Mutatis mutandis ist die das echten Gespräch bedingende existentielle Grundhaltung auch eine der Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander von Menschen und Völkern. Der gegenwärtige politische Stil, dem es in erschreckendem Ausmaß an Verlässlichkeit, Behutsamkeit der Worte und Ehrlichkeit mangelt, aber auch die zum Teil Besorgnis erregenden Veränderungen der Kommunikation aufgrund der neuen Medien und die zunehmenden Probleme mit Extremismen machen uns bewusst, welch große Aktualität dieses sogenannte Dialogische Prinzip heute von Neuem für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft angesichts der Herausforderungen in Politik, Religion und Gesellschaft hat.
Um der großen Bedeutung des richtigen Sprechens Miteinander und der echten Form menschlicher Begegnung nachzuspüren, veranstaltete die Internationale Ferdinand Ebner Gesellschaft gemeinsam mit dem Fachbereich Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg vor einigen Wochen ein Symposion über die ungebrochene Aktualität des Dialogischen Prinzips über 100 Jahre hinweg. Folgende Themen wurden dabei aufgegriffen:
KARLHEINZ TÖCHTERLE geht den Ursprüngen des Dialogs nach und zeigt, dass dieser als ein humanum von Anfang an eine bedeutende Rolle in vielen Gattungen der griechischen Literatur spielte, wie Beispiele aus Homer, Thukydides und Sophokles belegen. Der weithin als Höhepunkt angesehene philosophische Dialog Platons wird schon bei seinem Schüler Aristoteles umgeformt und so von Cicero übernommen, der seinerseits zum Klassiker wird. Er und die großen spätantiken Vertreter der Gattung, Augustinus und Boethius, bleiben Vorbilder bis in die Zeit der Renaissance und des Humanismus, aus der gleich zu Beginn Petrarca herausragt. Nach der Aufklärung nimmt die Bedeutung des literarischen Dialogs stark ab. Die vielleicht etwas übertreibende Rede von seinem „Ende“ in der gegenwärtigen Politik gründet sich in persönlichen Erfahrungen des Autors, wird aber auch von der aktuellen Debatte gestützt.
CHRISTA DÜRSCHEID analysiert zunächst den Terminus Dialog aus sprachlich-struktureller Sicht und die Kriterien eines „echten“ Dialog im Sinne Bubers. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass die personale Kommunikation im Internet zwar dialogischen Charakter hat, sofern sich die Äußerungen aufeinander beziehen, dass sie aber ob des Mangels an gegenseitiger Wertschätzung doch keinen echten Dialog darstellt. Im zweiten Teil legt sie dar, welche sprachlichen Merkmale für die schriftliche Internetkommunikation (z.B. in WhatsApp-Nachrichten und auf Facebook) charakteristisch sind und führt einige Beispiele für ehrverletzende und beleidigende Nachrichten, also für solche Äußerungen an, die gerade nicht von Respekt und Wertschätzung zeugen. So besorgniserregend letztere auch sind, dürfen sie aber doch nicht als typisch für die Internetkommunikation angesehen werden; man dürfe nicht das Auffällige mit dem Typischen gleichsetzen. Vielmehr muss aus linguistischer Sicht der Sprachgebrauch auch dahingehend beurteilt werden, ob er sozial angemessen ist, ob er also den Erwartungen entspricht, die für den jeweiligen zwischenmenschlichen Umgang gelten.
GÜNTER FIGAL schließt an Michael Theunissens Interpretation der Dialogphilosophie als einer starken philosophischen Alternative zur Phänomenologie der Intersubjektivität an, wie sie von Husserl, Heidegger und Sartre ausgearbeitet worden ist, und versucht, die von Theunissen monierte begriffliche Schwäche der Dialogphilosophie zu kompensieren. Da ihm mit den begrifflichen Mitteln der ‚klassischen‘, auf Husserl zurückgehenden Phänomenologie eine solche Kompensation nicht möglich erscheint, wenn die Dialogphilosophie zu ihr eine Alternative bieten soll, nimmt er den Begriff des ‚Zwischen‘ auf, mit dem Buber das Wesen der Ich-Du-Beziehung bestimmt, und interpretiert diesen Begriff im Rahmen einer Phänomenologie des Raumes (vgl. sein Werk „Unscheinbarkeit. Der Raum der Phänomenologie“, 2015). Personen, so wird gezeigt, sind nicht nur räumlich, sondern sie leben Raum. Entsprechend kann die Begegnung von Personen, wie Buber sie beschreibt, als personale Erfahrung geteilten Raums verstanden werden.
EMMANUEL J. BAUER weist auf, dass Psychotherapie, wenn man sich zum einen vor Augen führt, dass sie die Heilung des psychisch erkrankten Menschen oder zumindest die Stabilisierung seiner ganzmenschlichen Verfassung zur Aufgabe hat, und zum anderen die zentrale Rolle des personalen Dialogs für das Selbst-Sein und Selbst-Werden des Menschen bedenkt, letztlich nicht umhin kommt, dem Dialogischen Prinzip in irgendeiner Weise gerecht zu werden. Am Beispiel von drei Psychotherapie-Schulen, nämlich der Gestalttherapie, der Personen- oder Klientenzentrierten Gesprächstherapie und der Existenzanalyse wird untersucht, welche Bedeutung das Dialogische in der theoretischen Grundlegung des therapeutischen Handelns jeweils hat. In allen drei genannten Richtungen wird Martin Bubers Gedanken der Ich-Du-Begegnung eine prominente Rolle zuerkannt, in der Existenzanalyse darüber hinaus auch dem Zwiegespräch mit sich selbst – als Ort der inneren Abstimmung dessen, was für den Einzelnen das Richtige und Wahre in der je konkreten Situation ist. Allerdings müssen auch die Grenzen der Anwendbarkeit des echten Dialogs auf das psychotherapeutische Setting sowie der sekundäre Charakter des inneren Dialogs berücksichtigt werden.
ALEIDA ASSMANN unterscheidet in Anschluss an Paul Ricoeur eine „idem“-Identität, die die Selbigkeit einer Person über die Zeit hinweg betont, von einer „ipse“-Identität, die das Selbstverhältnis zum Gegenstand der Reflexion macht. Die Herstellung eines solchen Selbstverhältnisses ist ohne den Aufbau einer sozialen Beziehung zwischen dem Ich und dem Anderen unmöglich: Das Selbstgespräch ebenso wie das Erinnern festigen immer auch soziale Bindungen. Der Prozess des Erinnerns ist aber nicht auf das Individuum beschränkt, es gibt auch ein kollektives Erinnern. In diesem Falle wird das gemeinsame Gedächtnis durch einen gesellschaftlichen Rahmen zusammengehalten. Dessen Struktur entscheidet über Ausgrenzung oder Integration. Die Geschichte zeigt, dass das nationale Gedächtnis dazu tendiert, die Ereignisse auf Archetypen zu reduzieren, etwa auf die Rolle des Siegers, Opfers oder Widerstandskämpfers, um die nationale Identität zu stützen. Doch auf diesem Weg sei nur ein Dialog unter Schwerhörigen möglich. Es geht darum, die monologische Form des Erinnerns, die das Augenmerk nur auf das eigene Leiden richtet, in eine dialogische Erinnerungskultur zu verwandeln, in der auch das Leid des anderen Volkes mit in den Blick kommt und bleibt.
KARL-JOSEF KUSCHEL versucht in seinem Beitrag im Anschluss an Martin Buber zu klären, was „echte Religionsgespräche“ sind und diese abzugrenzen von einem „technischen Dialog“, der auf dem Austausch bloßer Sachinformationen beruht, sowie von einem „dialogisch verkleideten Monolog“, bei dem man nicht zu einem Gegenüber spricht, sondern nur zu sich selbst und sich seines eigenen Glaubens vergewissert. Echte Religionsgespräche dagegen sind etwas anderes. Sie haben nicht das Ziel, die Differenzen zwischen den Religionen zu überspielen oder die Wahrheitsfrage auszuklammern oder zu bagatellisieren. Echtem Dialog ist aufgegeben, aus der Perspektive des jeweils eigenen legitimen Glaubenszeugnisses heraus die Existenz des anderen vor Gott mit zu bedenken. Zur Identitätsgewinnung kommt es von daher nicht durch Ausgrenzung oder Verwerfung anderer, sondern in Relationalität zum Anderen, also im Zuge von Beziehungsdenken. Interreligiöses Lernen beginnt nach der Überzeugung des Verfassers mit der Umkehr des Sehens. Die jeweils Anderen dürfen nicht mehr als bloße Objekte für die Durchsetzung eigener Überzeugungen, sondern müssen mit dem ‚dritten Auge‘, mit den Augen des Glaubens, wahrgenommen werden. Werden Menschen aus der Tiefe des Glaubens betrachtet, geben sie sich als jeweils unverwechselbar-einmalige Geschöpfe Gottes zu erkennen. Die Anders-Gläubigen sind als Anders-Gläubige zu entdecken. Für diese Denkform eine theologische Begründungsstruktur aufzuzeigen und zu verantworten, ist Anliegen des Beitrags.
Am Ende dieser geistigen Hinführung erlauben Sie mir noch einige Dankesworte. In besonderer Weise danke ich den Kollegen Rektor Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, dem Präsidenten der Internationalen Ferdinand Ebner Gesellschaft, Dr. Krzysztof Skorulski und Univ.-Prof. Dr. Michael Zichy, die zusammen mit mir für die Initiierung, Konzeption und Durchführung der Internationalen wissenschaftlichen Tagung Sorge trugen. Zudem danke ich Herrn Dr. Jens Seeling für die gute Kooperation mit der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft und schließlich Frau Dorit Wolf-Schwarz für die Erstellung des Satzes.
1Feuerbach, Ludwig, Grundsätze der Philosophie, in: Ders., Entwürfe zu einer neuen Philosophie. Hrsg. von Walter Jaeschke und Werner Schuffenhauer (Philosophische Bibliothek, Bd. 447), Hamburg: Meiner 1996, § 64.
2Vgl. Bauer, Emmanuel J., Personal-existentieller Dialog als Bedingung authentischen Selbst-Seins bzw. Selbst-Werdens, in: Salzburger Jahrbuch für Philosophie 62 (2017) 9–29.
Zu den Anfängen des Dialogs in der antiken Literatur, seinem Fortwirken und seinem Ende in der aktuellen Politik
Der Titel des Vortrags könnte inhomogen und auch hyperbolisch wirken. Seine Inhomogenität ist dem Wunsch der Veranstalter, die Hyperbolik dem Vortragenden selbst zuzuschreiben. Gewünscht wurde ein Vortrag, der zur Einleitung in die Tagung einerseits die Grundlegung des dialogischen Prinzips in der antiken Philosophie und sein Weiterwirken in der humanistischen Tradition beleuchtet, andererseits einen Blick auf das realpolitische Geschehen wirft und die Chancen des Dialogs auf diesem Feld einschätzt. Dem ersten Teil des Wunsches komme ich als klassischer Philologe gerne nach, als solcher weite ich den Blick allerdings über die Philosophie hinaus auf die antike Literatur insgesamt aus. Auch den zweiten Teil kann ich erfüllen, und auch hier kommt unweigerlich und noch stärker meine Perspektive ins Spiel, und sie ist es auch, wie sich zeigen wird, die mich zur eingangs zugestandenen Hyperbolik drängt.
Platons Dialoge gelten gemeinhin als der Gipfel antiker, für nicht wenige als Höhepunkt jeglicher Dialogliteratur überhaupt. Wir treffen hier auf ein Phänomen, das die antike griechische Literatur auch in anderen Gattungen zeigt: Schon die ersten Vertreter einer Gattung gelten zugleich als ihre besten, Homer in der Epik, Hesiod beim Lehrgedicht, die Lesbier Alkaios und Sappho in der Lyrik, Archilochos im Jambus, die attischen Dramatiker des fünften Jahrhunderts in Tragödie und Komödie. Zum Teil ist das wohl auch der Überlieferung geschuldet, die eben nur kanonische, zu Klassikern gewordene Autoren tradiert hat. Gleichwohl besteht das Phänomen auch für sich und ohne diese Relativierung.
Auch auf Platon scheint dieses Phänomen zuzutreffen. Zwar soll es Vorläufer im Verfassen von philosophischen und speziell auch von sokratischen Dialogen gegeben haben, aber davon ist nichts erhalten und sie selbst und ihre Texte bleiben insgesamt ganz schattenhaft. Zudem kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sie nicht annähernd an die platonische Meisterschaft herangereicht haben. Die Form seiner Dialoge ist, wie man seit langem gesehen hat, zudem stark von anderen Gattungen beeinflusst, von der Tragödie, in der sich Platon selbst versucht hat, von der Komödie und von den Mimen des Sophron, die er (so der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios 3,18) sehr geschätzt haben soll. Man kann zwar derlei Quellenstudien betreiben, allein es genügte, auf die griechische Debattierlust im Allgemeinen hinzuweisen, die sich im Vor- und Umfeld von Platon vor allem im politischen Bereich der athenischen Demokratie und im kulturell-philosophischen der Sophistik besonders profilieren konnte. Ja, man müsste nicht einmal auf spezifische zeitnahe Phänomene verweisen, da der Dialog an sich von Anfang einen wichtigen Bestandteil der griechischen Literatur insgesamt darstellt. Dies wiederum liegt im Eigentlichen, im Wesen des Dialogs begründet, dass er nämlich zu den zentralen Kennzeichen des Menschen gehört. Dieser ist eben auch ein zóon dialegómenon, ein animal colloquens, und deswegen muss Literatur, als genuines Produkt menschlicher Kreativität und mimetischen Bemühens, dieses Kennzeichen von Anfang an und ständig an sich haben, als ein anthrópeion, ein humanum.
Dialogisches ist daher von Beginn an in vielen Gattungen der griechischen Literatur vorzufinden, natürlich auch im poetischen Kosmos der homerischen Gesänge, die weit über die Epik hinaus Vorbild und Anregung für nachfolgende Zeiten wurden.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel findet sich im letzten, dem 24. Gesang der „Ilias“, „Lytra“ genannt, weil der trojanische König Priamos sich zu Achill begibt, um die Leiche seines Sohnes Hektor auszulösen (tò l ýtron bedeutet „Lösegeld“). Wir haben hier, gleich an ihrem Anfang, wohl einen der bewegendsten Dialoge der Weltliteratur vor uns, der eine Fülle von Merkmalen und Kriterien aufweist, die man zur Einschätzung der Qualität von Dialogen an sie anlegt.
Schon die Gesprächssituation ist von höchster Brisanz, hat doch Priamos mit Hektor seinen Erstgeborenen und den größten Helden der Trojaner verloren, Achill hingegen mit ihm den ihm verhassten Mörder seines Freundes Patroklos getötet und dann täglich dreimal um dessen Grab geschleift. Nun also begibt sich der greise König der Trojaner in das Lager von deren erbittertstem Feind, begleitet von Hermes, den Zeus zu seinem Schutz entsandt hat, und ausgerüstet mit einem Maultiergespann, das die Schätze zur Auslösung der Leiche mit sich führt. Priamos trifft Achill nach dem Abendessen in Gesellschaft zweier Freunde, umfängt dessen Knie und küsst dessen „schreckliche männertötenden Hände“. Die Anwesenden hören gebannt auf seine ersten Worte: Achill möge an seinen eigenen greisen Vater denken, der in Bedrängnis auf die Hilfe seines starken Sohnes hoffen könnte. Ihm sei solche Hoffnung nun verwehrt.
Die Gesprächsführung setzt sich psychologisch fein gezeichnet fort, mit schön verteilten Strichen indirekter Charakterisierung der beiden Gesprächspartner (Achill reizbar und leicht zu seinem das ganze Epos treibenden Zorn bereit, Priamos leidgeprüft und doch selbstbewusst als Herrscher), tiefen Einsichten in die von den Göttern verhängte condition humaine (Achill weiß von seinem frühen Ende), aber auch mit Phasen der Entspannung der so heiklen Situation, wenn sich etwa beide der gegenseitigen Wertschätzung versichern oder über die Geldgier der Griechen und ihres von Achill durchgehend ja sehr ambivalent gesehenen Anführers Agamemnon spotten.
Mit dem Rücktransport der Leiche nach Troja und ihrer Verbrennung nach einer zehntägigen, im Gespräch vereinbarten Waffenruhe endet die Ilias, sodass dieser Dialog zu einem abschließenden, fulminanten Höhepunkt des ganzen Gedichts gerät.
Ein zweites Beispiel sei der Gattung der Historiographie entnommen, und zwar dem Werk des Thukydides, der als Begründer einer an Tatsachen orientierten „pragmatischen“ Geschichtsschreibung gilt, in der Darstellung von Reden und Gesprächen allerdings, wie er selbst ankündigt (1, 22, 1), nicht eine wörtliche Wiedergabe, sondern eine auf den Gesamtsinn gehende und von der jeweiligen Situation geforderte Paraphrase anstrebt.
In seinem berühmten „Melierdialog“ (5, 84–116) geht es um den Konflikt zwischen der Insel Melos, die im peloponnesischen Krieg neutral bleiben will, und einer Gesandtschaft aus der Stadt Athen, deren Imperialismus solches nicht duldet.
Gleich zu Beginn des Dialogs wird der Dialog selbst zum Thema. Die Athener wollen nämlich ihre Argumente vor der Volksversammlung der Melier vortragen, diese hingegen eine Debatte im Adelsrat. Jene akzeptieren das mit der bemerkenswerten Einsicht, dass die Melier dort bei einer durchgehenden Rede der Athener zurecht eine mögliche Manipulation ihres Volkes befürchteten, und schlagen eine Diskussion kath’ hékaston („Punkt für Punkt“, 5, 85) vor, damit Auffassungsunterschiede sofort zur Sprache kommen können. In schärfstem Gegensatz zu dieser scheinbaren Offenheit machen sie allerdings gleich eingangs klar, dass hier das Recht des Stärkeren und nicht Gerechtigkeit walte, die nur bei Gleichheit der Kräfte zur Geltung käme. Mit der Vorwegnahme seines Ausgangs aber ist dem Dialog seine Offenheit genommen und scheint ihm seine Basis entzogen, und das Ergebnis bestätigt dies. Die Oligarchen von Melos wollen ihre siebenhundertjährige Freiheit nicht aufgeben, sie hoffen auf die Hilfe der Götter und auf Athens Gegner Sparta. Die Athener beginnen ihre Belagerung, die über den Winter andauert und Melos schließlich zur Aufgabe zwingt. Die männlichen Inselbewohner werden hingerichtet, Frauen und Kinder als Sklaven verkauft, die so entleerte Insel erhält eine Kolonie von 500 attischen Bürgern.
Das schreckliche Scheitern dieses Dialogs hat vielfach zur Auffassung geführt, es handle sich hier gar nicht um einen ‚echten‘ Dialog, sondern, wie im Werk des Thukydides insgesamt, vor allem um eine Darstellung der „Physiologie und Pathologie der Macht“.1 Er wird außerhalb der ‚eigentlichen‘ Gattung verortet und der sophistischen „Eristik“ zugerechnet, wo es eben nicht wie in der „Dialektik“ des philosophischen Dialogs um Einigung und damit Belehrung auf höherem Niveau, sondern nur um einen „Schlagabtausch“ als „rhetorisch-technische Übung“ gehe. Die Athener hätten „die Fähigkeit zum konstruktiven dialégesthai im Angesicht imperialer Macht“ verloren.2
Mein Blick auf die Theorie und Praxis des politischen Dialogs der Gegenwart im zweiten Teil dieses Vortrags wird hingegen zeigen, dass Thukydides möglicherweise auch hier einen scharfen und tiefen Blick auf ein anthrópinon (etwas „wesenhaft Menschliches“) getan hat, wie er es für sein Geschichtswerk generell in dem schon erwähnten Methodenkapitel 1, 22 ankündigt.
Zu den Vorbildern des Thukydides zählen, und auch das wird vielfach betont, die Dialoge im attischen Drama, in Tragödie und Komödie. Nach Aristoteles sind diese Dramenformen sogar durch die Einführung einer Dialogsituation entstanden. Im vierten Kapitel seiner „Poetik“ deutet er an, dass improvisierte Dialoge der Anführer von Chören mit eben diesen am Anfang gestanden seien. Der berühmte Thespis (dessen sprichwörtlicher Theaterkarren erst viel später bei Horaz erwähnt ist) soll als erster dem Chor in Prolog und Einzelrede gegenübergetreten sein und so die Tragödie erfunden haben.
Der Dialog ist also gleichsam ein Geburtshelfer des Dramas und prägt es dann in dessen gesamter Entwicklung in einer großen Bandbreite, von einem ganz ‚natürlich‘ scheinenden lockeren Sprecherwechsel bis hin zu gesungenen Partien oder bisweilen sehr künstlich wirkenden Stichomythien (Sprecherwechsel mit jedem Vers) und Antilabai (noch raschere Wechsel).
Als ein Beispiel (unter sehr vielen möglichen) sei ein kurzer Blick auf den Dialog geworfen, der im „König Ödipus“ des Sophokles den Protagonisten zur anagnórisis, also zur Erkenntnis seiner Identität, damit aber auch zum Wissen um seine Kapitalverbrechen Vatermord und Mutterehe führt. Ödipus, als König von Theben auf der energischen Suche nach dem Mörder seines Vorgängers (und Vaters!) Laios, presst einem alten Hirten, der ihn einst als Kind in den Bergen hätte aussetzen sollen, aus Mitleid aber einem korinthischen Kollegen übergeben hatte, in gedrängtester Wechselrede die Wahrheit über seine Herkunft heraus. Der rasche Sprecherwechsel in der Stichomythie ab V. 1149 verhindert einen zügigen und ungehinderten Informationsfluss, willkommen für den Hirten, der die schreckliche Wahrheit ja verschweigen, unerträglich für Ödipus, der sie wissen will, aber mit seinen drängenden Einwürfen ihre Kundgabe immer wieder hinausschiebt. Schließlich kann er den Hirten mit der gezielten Frage nach der Identität des Kindes festnageln, doch dieser versucht eine letzte Ausflucht: „O weh, bei mir selbst liegt es nun, das Schreckliche zu sagen“ (V. 1169). Der es nun schon ahnende Ödipus darauf: „Und an mir, es zu hören. Aber gehört werden muss es!“ Nach einem Hinweis des Hirten auf des Königs schon ins Innere des Palastes geflüchtete Gattin (und Mutter!) Iokaste steigert sich die Gesprächsverdichtung nochmals zu Halbversen, in denen die Brutalität der Mutter (und Gattin!) sichtbar und der Ödipus ja schon bekannte Orakelspruch als Ursache ausgemacht werden. Das Weitere ist bekannt: Ödipus blendet sich, und zwar mit einer Fibel vom Kleid Iokastes, die er im Palast erhängt vorgefunden hat.
Dieser Dialog bildet fraglos den Höhepunkt des schon von Aristoteles als musterhaft empfundenen Dramas. Seine besondere Kunst besteht darin, die Zuschauer, denen die Fabel ja bereits zur Zeit des Sophokles geläufig war, trotz ihres Vorwissens bis heute nochmals in atemlose Spannung zu versetzen, die sogar beim schlichten Lesen der Passage noch spürbar wird. Keine andere Form scheint diesem Effekt dienlicher als eben der Dialog.
Auch und gerade bei Platon zeigt sich die Form des Dialogs als angemessenster Träger seiner Inhalte, ja, sie prägt diese mit, wodurch sie erst zu ‚dialektischer‘ Philosophie werden. Diese Dialektik preist Platon selbst als Königsweg an einer Schlüsselstelle für seine Hochschätzung des Gesprächs und dessen Vorrang vor Verschriftlichtem: In den Kapiteln 59 bis 61 seines „Phaidros“ lässt er Sokrates den Mythos vom ägyptischen Gott Theuth erzählen, der nach anderen Wissenschaften die Schrift erfindet und in ihr ein Mittel zur Steigerung von Weisheit und Gedächtnis bei den Menschen sieht. König Thamus widerspricht ihm: Die Schrift werde den Menschen vergesslicher machen, zudem vermittle sie nur Scheinwissen. Geschriebenes, so in der Folge Sokrates selbst, kann keine Antwort auf Nachfragen zu dem von ihm Behaupteten geben und bietet, getrennt von seinem Urheber, keine Hilfe. Das Gespräch hingegen falle in die Seele des Partners wie der Same des Bauern in fruchtbaren Boden und bringe reichen Ertrag.
Dieses Eingehen auf Fragen und Einwände des Gesprächspartners lässt diesen am Prozess des Erkennens mitwirken, Sokrates hilft ihm gleichsam, es ‚auf die Welt zu bringen‘, weshalb man von „Maieutik“, „Hebammenkunst“ spricht. Der Prozess kann allerdings auch unvollendet bleiben oder sogar scheitern und in der Aporie enden, was ein Offenhalten der Debatte oder auch eine ironische Brechung ihrer Ergebnisse nach sich ziehen kann.
Viele wichtige Fragen und Probleme, die in diesen Zusammenhang gehörten, müssen hier beiseite bleiben, vor allem jene, wie Platon mit seiner eigenen Schriftlichkeit verfährt. Alle Nachfahren sind ja nicht Teilnehmer, sondern eben nur lesende Nachvollzieher seiner Dialoge. Es gibt einige wenige Indizien, dass er dieses Problem sehr wohl gesehen und seine zentralen Botschaften gar nicht der Schrift anvertraut, sondern nur mündlich verkündet habe.
Die Gattung des Dialogs gilt in der Antike weiterhin als taugliches und damit kennzeichnendes Gefäß philosophischer Inhalte, sosehr, dass z.B. Senecas philosophische Monographien dialogi heißen, obwohl sie, von einer einleitenden Anrede an einen Adressaten abgesehen, gänzlich ohne dialogische Elemente sind.
Das dialogische Element nimmt schon beim ersten bedeutenden Nachfolger Platons, bei Aristoteles, stark ab. Wir haben von den Dialogen, die Aristoteles veröffentlicht hat, allerdings nur Fragmente, seine uns erhaltenen Texte sind Lehrschriften für den internen Gebrauch und waren nicht zur Veröffentlichung gedacht. So wissen wir vor allem aus Cicero, der angibt, seine Dialoge „nach Art des Aristoteles“ (u.a. Ad familiares 1, 9, 23) verfasst zu haben, dass hier der rasche Sprecherwechsel Platons durch längere Lehrvorträge ersetzt wird, die nur kurze Einwürfe von Gesprächspartnern unterbrechen.
Cicero kann als Begründer des literarischen Dialogs in der lateinischen Literatur gelten und, analog zu Platon, zugleich auch als dessen Meister, mit einer gewaltigen Wirkung auf die Dialogliteratur späterer Zeiten. Sein formaler Anschluss an Aristoteles hat im Verein mit der Gräkomanie des Neuhumanismus seinen Rang und seine Bedeutung in dieser Gattung eine Zeit lang verdunkelt. Heute ist seine Wertschätzung wieder im Steigen.
Wir wissen aus Äußerungen in seinen Briefen, dass er zur Szenerie und den Teilnehmern seiner Dialoge ausgiebige Überlegungen angestellt hat, und sehen deren überaus stimmigen Ergebnisse. In „De oratore“ und „De re publica“ zum Beispiel stehen die jeweiligen Hauptunterredner Crassus bzw. Scipio kurz vor ihrem Lebensende, sodass ihre Beiträge zum Thema gleichsam als Vermächtnis an die Nachwelt zusätzliches Gewicht erhalten. Das Gespräch „Über den Redner“ findet unter einer Platane statt, ein Schauplatz, der an Platons „Phaidros“ erinnert, wo es auch um Rhetorik geht. In der Staatsschrift wollte sich Cicero zuerst selbst als Hauptunterredner einführen, entschied sich dann aber für eine Rückverlegung in die Zeit des jüngeren Scipio, als erstmals römische Politik und griechische Philosophie in eine engere Verbindung traten. So thematisiert schon die Szenerie eine zentrale Botschaft dieses Dialogs insgesamt.3
