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Entwicklungshilfe, beschönigend heute auch »Entwicklungszusammenarbeit« genannt, ist eine umstrittene Angelegenheit. Gegner wie Befürworter führen gewichtige Argumente ins Feld, sind sich jedoch darin einig, dass etwas geschehen muss, gerade im subsaharischen Afrika. Nur was und wie? Sollen Veränderungen durch radikale Beschränkung auf humanitäre Hilfe und durch das Hoffen auf Eigeninitiativen aus dem Druck menschenunwürdiger Verhältnisse heraus zustande kommen? Oder durch zusätzliche finanzielle Hilfen und Kooperation in der Erwartung einer allmählichen Veränderung zum Besseren? Und zu welchem Besseren überhaupt? Ruanda gilt heute als Paradebeispiel der Entwicklung in Zentralafrika, die Demokratische Republik Kongo hingegen als Inbegriff von Korruption, Vetternwirtschaft und Staatsversagen. Zwei Extreme in Afrika, die gleichwohl Parallelen aufweisen und uns vor allem zu einem genauen – und selbstkritischen – Blick auf Afrika auffordern: jenseits paternalistischer Attitüden, politischer Blindheit, ökonomischer Gier oder einer Gleichgültigkeit, die oft in bedenkliche Nähe zur Arroganz gerät – trotz des europäischen Wunsches, Hilfe zu leisten. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Gerd Hankel in und über Zentralafrika und blickt auf eine lange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit NGOs zurück. Seine Beobachtungen münden in einem differenzierten Plädoyer für die Entwicklungshilfe, zu der es trotz aller Widrigkeiten und realitätsfernen Erwartungen auf Geber- wie Nehmerseite keine sinnvolle Alternative gibt.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Gerd Hankel
Das Dilemma
»Entwicklungshilfe« in Afrika
Ein Erfahrungsbericht
© 2020 zu Klampen Verlag ∙ Röse 21 ∙ 31832 Springe ∙ zuklampen.de
Umschlaggestaltung: Hildendesign unter Verwendung einer Fotografie von Gerd Hankel ∙ München ∙ hildendesign.deSatz: Germano Wallmann ∙ Gronau ∙ geisterwort.deE-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH ∙ Rudolstadt ∙ geisterwort.de
ISBN 978-3-86674-752-4
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹ http://dnb.dnb.de › abrufbar.
Cover
Titel
Impressum
Eine Eingrenzung
Zwischen Aids, Völkermord und naiven Hilfevorstellungen
Wie man in eine Falle gerät und mühsam wieder herauskommt
Ruanda: ein Leuchtturm der Entwicklung in Afrika?
»Le Congo n’est pas maudit« – wenn Hoffnung auf Wirklichkeit stößt
Hilfe, Zusammenarbeit und Entwicklung. Aspekte einer vermeidbaren Illusion
Wie weiter? Eine Antwort, die gegeben werden muss
Literatur
Endnoten
Der Autor
Afrika ist groß, fast dreimal so groß wie Europa. Mit 1,3 Milliarden leben dort auch fast doppelt so viele Menschen, Menschen unterschiedlicher Hautfarben, Physiognomien und Kulturen. Den Afrikaner gibt es genauso wenig wie den Europäer. Das wissen wir und wissen es doch nicht.
Finnen, Portugiesen, Polen oder Belgier bezeichnen wir als solche, und vor unserem geistigen Auge tauchen Bilder von Finnen, Portugiesen, Polen oder Belgiern auf, wie wir sie uns idealtypisch vorstellen. An Europäer als Gattungsbegriff denken wir dabei nicht. Das käme uns zu pauschalisierend vor.
Sprechen wir über Afrikaner, tun wir jedoch genau das. Wir vereinheitlichen den Kontinent, schlagen Völker und Staaten über einen Leisten, so wir sie denn überhaupt kennen. Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit stehen dahinter, weniger Arroganz. Schließlich sprechen wir auch von Amerikanern, wenn wir die nordamerikanischen US-Amerikaner meinen. Kanadier, Mittel- und Südamerikaner existieren dann einfach nicht.
Wenn ich auf den folgenden Seiten über Afrika spreche, geht es nur um einen kleinen Teil des Kontinents, meist sogar um den sehr kleinen, den die Demokratische Republik Kongo und das im Vergleich dazu winzige Land Ruanda einnehmen. Mit 26.338 Quadratkilometern nur wenig größer als das deutsche Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, ist es 1994 zum Inbegriff völkermörderischer Gewalt geworden, die nicht nur nicht hätte passieren dürfen, sondern die auch vermeidbar gewesen wäre. In dieses Land bin ich mehrere dutzend Male gereist, von dort aus auch in die Nachbarstaaten Burundi, Kenia, Uganda, Tansania. Und immer wieder in die Demokratische Republik Kongo, 2.344.856 Quadratkilometer groß, das zweitgrößte Land Afrikas, fast neunzig Mal größer als Ruanda. Gerade von dort aus kommend, wo sich nach dem Völkermord in rasantem Tempo ein staatlicher Neuaufbau vollzog, war der zunehmende Staatszerfall im Kongo unübersehbar. Ein Volk wurde zur Geisel einer korrupten Clique, was, ersetzt man finanzielle Korruption durch politische, auch von Ruanda gesagt werden kann, dort aber völlig andere Auswirkungen hatte.
Das also ist mein Afrika. Das kleine Ruanda und die so viel größere Demokratische Republik Kongo. Beide gewissermaßen ein Modellfall für die internationale Entwicklungspolitik. Liebling der Gebergemeinschaft versus Paria derselben, weil Erwartungen vorbildlich erfüllt oder eben unter Anhäufung typischer Fehler nicht erfüllt werden. Trotzdem gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen beiden Staaten, die, entgegen vordergründiger Erwartung, die Frage nach Sinn und Unsinn von Entwicklungspolitik aufwerfen. Und das schließt auch Chinas Rolle in beiden Ländern mit ein.
Abschließend noch ein Hinweis: Zahlungen »außer der Reihe«, von denen im Buch die Rede ist, wurden zwar zunächst aus dem Vermögen des deutschen Vereins bestritten, diesem später jedoch dank der Großzügigkeit Dritter ersetzt.
Mindestens 500.000 Tutsi sind von April bis Juli 1994 in Ruanda umgebracht worden. Die Täter waren Hutu, Angehörige der Mehrheitsbevölkerung, die, nach mehr als drei Jahren Bürgerkrieg, die Existenz von Tutsi auslöschen wollten. Vor allem die fanatisierten Interahamwe, die dem Namen ihrer Miliz gemäß »gemeinsam arbeiteten«, hatten sich diesem fürchterlichen Ziel verschrieben. »Unkraut« musste »gerupft und entsorgt, Äste, die den Baumwuchs behinderten, abgeschlagen werden«. An Metaphern, die dem von Alkohol- und Drogenkonsum zusätzlich beflügelten mörderischen Tun einen Sinn geben sollten, herrschte kein Mangel. Auch nicht an Werkzeug, das das brutale Treiben möglich machte. Wenige Monate vor Beginn des Völkermords waren noch Hunderttausende Macheten aus China importiert worden, und wenn auch außer Pistolen und Gewehren noch nägelgespickte Keulen oder Feldhacken als Tötungsinstrumente genutzt wurden – die Machete mit ihrer langen Schneide wurde das Symbol des Massenmords schlechthin.
Eine offizielle Zählung hat später ergeben, dass 308.000 Tutsi den Völkermord überlebt haben. Ein sehr großer Teil von ihnen – Schätzungen belaufen sich auf achtzig Prozent – hat überlebt, weil er von Hutu gerettet worden ist, Nachbarn oder Zufallsbekannten. Gewöhnliche Hutu haben Tutsi bei sich aufgenommen, haben sie anderswo versteckt oder ihnen sichere Fluchtwege ins benachbarte Ausland gezeigt. Doch gewöhnliche Hutu haben auch in großer Zahl am Völkermord teilgenommen, fanatisch wie die Interahamwe, als auf ihren Vorteil hoffende Mitläufer oder in Befolgung von Befehlen, die sie von Bürgermeistern oder anderen Autoritätspersonen erhalten hatten. Bisweilen haben sie sogar, Gipfel des Wahnsinns in einer Situation landesweiter Massengewalt, zugleich gerettet und getötet. Letzteres um Ersteres nicht zu gefährden, um bei Mittätern keinen Verdacht zu erregen und Zweifel am persönlichen Einsatz für ein Ruanda ohne Tutsi aufkommen zu lassen.
Am Ende des Völkermords waren 3,2 Millionen Menschen, fast die Hälfte der Einwohner Ruandas, vor der vorrückenden Befreiungsarmee in die Nachbarstaaten Burundi, Tansania und Zaire geflüchtet, oft nach Gemeinden (communes) geordnet und unter Mitnahme öffentlicher Gelder, administrativer Unterlagen und Waffen. Hinter sich gelassen hatten sie ein Land im Schockzustand, ein Land, in dem bapfuye bahagazi, wandelnde Tote, umherirrten und Ansammlungen von Geiern und Hunden auf die unzähligen Leichenfelder früherer Massaker hinwiesen. Der Staat Ruanda und mit ihm ein Großteil seiner Bewohner war verschwunden. Ihn wieder herzustellen und bescheiden funktionsfähig zu halten, würde einen Einsatz von Menschen, Kapital und Material erfordern, der 1994 in Ruanda nicht im Entferntesten zur Verfügung stand.
Das Ausland war gefordert, und es reagierte. In großer Zahl kamen Entwicklungshelfer und technische Experten ins Land, von ihren Regierungen geschickt und bezahlt. Für die einheimische Restbevölkerung war das ein befremdliches Bild. Nur wenige Monate vorher hatten die in der Regel weißen Helfer Hals über Kopf das Land verlassen, waren unter Mitnahme ihrer Haustiere und unter dem Schutz von Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen zum Flughafen oder an eine Grenze gebracht worden, während einheimische Kollegen und Bedienstete zurückgelassen und, sofern Tutsi, dem sicheren Tod preisgegeben wurden. Ihr verzweifeltes Flehen beim Anblick der Hutu-Killer, die ostentativ ihre Macheten schärften, kollidierte hoffnungslos unterlegen mit der Überlebenspanik derer, die aufgrund ihrer Hautfarbe auf der sicheren Seite standen. Die Blauhelme hatten nur ein Mandat für den Eigenschutz, die Bevölkerung zu retten, gehörte nicht zu ihren Aufgaben. Bis auf ein jämmerliches Restkontingent von 250 Soldaten (von vormals gut 2500) sollten sie bald darauf auch das Weite suchten.
Jetzt waren die Helfer wieder zurück, in stetig steigender Zahl. Ihre Expertise wurde für den Staatsaufbau gebraucht, an Geld herrschte kein Mangel. Großzügige Geldspenden einflussreicher Staaten sollten vergessen machen, dass diese nichts unternommen hatten, um den Völkermord zu verhindern oder zumindest zu beenden. Kredite in jährlich dreistelliger Millionenhöhe flossen in das Land, mehrfach gefolgt von Schuldenerlassen, nicht nur weil eine Rückzahlung illusorisch war, sondern ebenso sehr in Anerkennung der ruandischen Bemühungen, die Geldbeträge effizient zu verwenden. Korruptionsbekämpfung war ein vorrangiges Ziel. Das neue Ruanda sollte nicht nur hier anders sein als das Vorgängerregime. Beflügelt von einer großen Idee wachten Offizielle des Staates mit Eifer darüber, dass die Millionenbeträge für den Gesundheitsbereich, die Landwirtschaft, die Dezentralisierung, die Armutsbekämpfung und für den Neuaufbau von Verwaltung und Justiz dort ankamen, wo sie ankommen sollten und ihre Wirkung entfalten konnten.
An dieser Unternehmung mitzuwirken, war für die Helfer eine durchaus sinnstiftende Tätigkeit. So wie Staaten ihr früheres Versagen in Ruanda mit Großzügigkeit zu kaschieren versuchten und sich als eigentlich zutiefst menschenrechtsbewegt präsentieren wollten, so verstanden sich auch die vielen Helfer als Gegenbild zu ihren Vorgängern, die es offensichtlich nicht vermocht hatten, das Land vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Dank der neuen Helfer sollte endlich der Beweis dafür erbracht werden, dass es möglich wäre, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und – indem auf den Modellcharakter ihrer Aktivitäten für andere Konfliktorte verwiesen wurde – die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen.
Im Vordergrund stand hier vor allem der Bereich der künftigen Entwicklung, der sich jenseits des Materiellen mit den ideellen Aspekten der Zukunftsgestaltung befasste. Aufarbeitung der Vergangenheit, Herstellung eines innergesellschaftlichen Friedens, Schaffung der nationalen Einheit als Garant für eine erfolgreiche Völkermordprävention waren die Schlüsselbegriffe, die die verschiedenen Etappen markieren sollten. Ihr verbindendes Element war die Justiz, genauer gesagt die Strafjustiz. Alle Parteien der Übergangsregierung und des Übergangsparlaments, die beide bereits Mitte Juli 1994 gebildet worden waren, stimmten darin überein, dass die für den Völkermord Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden müssten – »to end impunity«, wie die Zielvorgabe in Anspielung auf die Straflosigkeit ethnisch motivierter Straftaten in der ruandischen Vergangenheit lautete.
Dass es seit November 1994 einen Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda gab, war in diesem Zusammenhang weniger von Bedeutung. Seine Existenz wurde in Ruanda belächelt, er galt als ein unpassendes, hastig zusammengeschnittenes Trostpflaster der internationalen Staatengemeinschaft. Wichtiger war die ruandische Strafgerichtsbarkeit selbst, die mit eigenen Richtern und in kultureller Vertrautheit mit dem Land ab 1996 begann, Verfahren gegen verdächtige Völkermörder durchzuführen. Etwa tausend Angeklagte wurden jährlich abgeurteilt, viel zu wenig, wie sich schnell herausstellte. Weil die Zahl der Häftlinge in den Gefängnissen Ende der 1990er Jahre rapide gestiegen war und dort Verhältnisse herrschten, die als unmenschlich zu bezeichnen eine äußerst unzureichende Beschreibung gewesen wäre, musste eine Lösung zur Beschleunigung der Gerichtsverfahren gefunden werden. Man fand sie in Gacaca (sprich: »Gatschatscha«), einer traditionellen Justiz, die in vorkolonialer Zeit in Ruanda verbreitet war, danach aber an Bedeutung verloren hatte. Ihre Besonderheit war, dass es nicht in erster Linie um die Bestrafung des Täters ging. Das vorrangige Ziel von Gacaca war die Wiederherstellung des gesellschaftlichen Friedens in der (dörflichen) Gemeinschaft (ubuntu). Ein Rechtsverstoß, der das Zusammenleben in der Dorfgemeinschaft bedrohte, war begangen worden. Dieser Rechtsverstoß musste geheilt werden. In einem Hin und Her aus Rede und Gegenrede versuchte der Inyagamugayo, ein zum Richter ernannter ehrbarer und von allen geschätzter Mann, die Streitparteien zu einer Lösung zu bewegen. War das nicht möglich, fällte er ein Urteil, das aber ebenfalls dem Gedanken der Aussöhnung verpflichtet war. Gemeinsame Rituale besiegelten den wiedergefundenen Frieden. Bisweilen konnte sogar eine Ehe zwischen zwei infolge einer Bluttat verfeindeten Familien angeordnet werden. Neues Leben als Ersatz für zuvor zerstörtes.
Die Übertragung von Gacaca auf Völkermordverbrechen würde eine große Herausforderung sein. Das war allen Beteiligten klar. Mord und Massenmord sollten jetzt regelmäßig zur Verhandlung stehen, nicht wie früher nur in seltenen Ausnahmefällen. Wie darüber hinaus noch der innere Frieden in Ruanda wiederhergestellt oder auch nur die ernsthafte Voraussetzung dafür geschaffen werden sollte, war eine weitere große Unbekannte. In dieser Herausforderung lag wohl auch das große Interesse des Auslands begründet. Ein Verbrechen, das in der Hierarchie der Verbrechen ganz oben stand und darum im internationalen Maßstab als »crime of all crimes«, als Verbrechen aller Verbrechen galt, und der Gedanke einer landesweiten Versöhnung waren augenscheinlich von einer großen Attraktivität. Meist weiße Journalisten und Wissenschaftler gaben sich auf den Behörden, die für die Erlaubnis zum Besuch der Gacaca-Verhandlungen zuständig waren, die Klinke in die Hand. Auf Afrikaner, ohnehin weit mehr als Europäer oder Amerikaner in einer Kultur des Redens als Modell der Konfliktlösung Zuhause, machte Gacaca längst nicht so einen spektakulären Eindruck. Weiße hingegen schienen beinahe angerührt von dem Gedanken, das Gute gegen das Böse gewinnen zu sehen, und dann auch noch dort, wo nach jahrhundertealter westlicher Überzeugung das Unzivilisierte, Wilde und Unberechenbare zum Naturell des Menschen gehörte.
Natürlich hätten die Weißen diesen Verdacht mit Empörung von sich gewiesen. Ich bin auch sicher, dass die allermeisten von ihnen tatsächlich überzeugt waren, eins mit ihrem Anliegen zu sein, gewissermaßen Verkörperungen eines Friedensverständnisses, das um die Bedeutung von Menschenrechten weiß und sie lebt. Dennoch gab es Szenen, die man in der tiefsten Kolonialzeit verortet hätte. Ein Journalist einer deutschen Tageszeitung, die sich als alternativ versteht und aus unerfindlichen Gründen als links gilt, will seinen Rückflug umbuchen. Die Angestellte im Büro der Fluggesellschaft, eine Ruanderin von Mitte fünfzig und um einiges älter als der Journalist, versteht nicht gleich, was von ihr erwartet wird. Das Französisch des Journalisten ist nicht gut und die Frage nicht wie eine Bitte formuliert. Sie klingt eher wie ein Befehl, dessen Ausführung erwartet wird. Und so ist es auch. Die eingeschüchterte Angestellte beugt sich der Lautstärke und dem Druck. Hinweise auf einen vielleicht ausgebuchten Rückflug werden vom Tisch gewischt. Ein Sitzplatz muss her, ohne Wenn und Aber. Weiß befiehlt, Schwarz gehorcht.
Das Selbstbewusstsein verschwindet in einer Situation, die zu einer konfrontativen hochgeschimpft wird. Vielleicht war die afrikanische Angestellte auch nur überrascht und peinlich berührt von dem abrupten Stimmungsumschwung beim deutschen Weißen und versuchte darum, den unangenehmen Kunden schnell wieder loszuwerden. So jedenfalls verhielt es sich bei einem ruandischen Staatsekretär, der sich plötzlich einer herrisch auftretenden deutschen (ja ja, schon wieder) Journalistin gegenüber sah. Vor seiner Bürotür warten wie die Ruander wollte sie nicht. Als die Sekretärin herauskam, schlüpfte sie hinein, den Protest beiseite schiebend wie ein Fernsehkommissar, der sich im Bewusstsein, die Staatsmacht zu verkörpern, wichtigtuerisch Einlass erzwingt. Nach zehn Minuten war sie wieder zurück im Warteraum, breit lächelnd, die Bescheinigungen über die Erlaubnis zum Besuch von Gacaca-Verfahren und über die Befreiung vom Fotografierverbot in der Hand. Offensichtlich war auch der Staatssekretär daran interessiert, kein Hindernis für die Gacaca-Berichterstattung in westlichen Medien zu sein. Für den Aufbau des »neuen Ruanda« fiel eine kleine Demütigung nicht weiter ins Gewicht.
Doch ein gewöhnlicher »weißer« Beobachter musste sich unwohl in seiner Haut fühlen. Die Eilfertigkeit und Beflissenheit der Ruander zu sehen, mit der sie das Land im besten Licht erscheinen lassen wollten, hatte nicht nur etwas Anrührendes. Oft war es nachgerade peinlich. Denn es stieß auf ein Pseudointeresse, in dem unbestimmte Freundlichkeit nur notdürftig Egoismus und Indifferenz überdeckte. Inbegriff dieser Arroganz waren Trommelkurse, in denen sich weiße Entwicklungshelferinnen oder Besucherinnen ihre Sorgen und Nöte aus dem Leben trommeln wollten. Gerne gesehen waren dabei einheimische Trommler, die, augenscheinlich immer gut gelaunt, die Weißen bei ihrem Ausflug in den Rhythmus der afrikanischen Folklore anleiteten. Und weil die Schwarzen ihre Arbeit so perfekt erledigten, was lag da näher, als auch Trommelkurse für Völkermordüberlebende anzubieten. Für weibliche natürlich, mit deren Verfassung glaubten sich die Organisatorinnen schließlich auszukennen. Und es gab diese Kurse tatsächlich. Mit welchem Ergebnis, ist mir unbekannt. Mir blieb ebenfalls ein großes Geheimnis, wie auf einer Welle zugemuteter gleichgeschlechtlicher Solidarität Frauen die Ermordung ihrer Ehemänner und Kinder in irgendeiner Weise verarbeiten sollten. Selbst wenn ich eine übergroße Hilfsbereitschaft unterstelle, ist das Ausmaß an Ignoranz erschreckend. Wie ist es überhaupt möglich, aus dem in jeder Hinsicht abgesicherten Lebensmodus Nordeuropas mit Kranken- und Rentenversicherung oder Pensionsanspruch heraus das Wissen zu beanspruchen, wie mit zutiefst traumatisierten Menschen einer völlig anderen Kultur umzugehen ist? Und diese Menschen dann noch diesem vermeintlichen Wissen auszusetzen und sich dabei gut zu fühlen?
»Ein Bier ist ein Primus, ein Auto ist ein Mercedes und eine Frau ist eine Tutsi« lautete ein bekannter Spruch in Ruanda vor dem Völkermord. Objekte alle drei. Kein Wunder, dass sich zu Wut und Hass auch noch die abscheulichsten Fantasien auf Tutsi-Frauen und -Mädchen richteten. Hunderttausende wurden während des Völkermords vergewaltigt, gefoltert und getötet. Wer überlebt hatte, hatte eben nur das: überlebt, oft HIV-positiv, immer in einem Zustand, der Hilfe dringend nötig machte. Diese Hilfe gab es, doch mangels einheimischer Expertise (psychotherapeutisch ausgebildete Hutu-Frauen, so sie in Ruanda waren, kamen verständlicherweise nicht in Betracht) musste sie vom Ausland geleistet werden. Helferinnen schwärmten aus, mit besten Absichten, doch ohne sprachlichen und kulturellen Zugang zu den Frauen. Erneut beglaubigte die Zugehörigkeit zum gleichen Geschlecht augenscheinlich Einfühlungsvermögen und Fachkenntnis. Das Verteilen von Lebensmitteln, Hühnern oder Ziegen erleichterte die ersten Schritte, die nicht selten auch die letzten waren. Wie sollten einem Wesen aus einer anderen Welt auch die erlittenen psychischen Zerstörungen erklärt werden? »Fragen, immer nur Fragen. Ich weiß nicht, wie oft ich schon geantwortet habe. Mir reicht’s. Ich sage gar nichts mehr.« Daran änderte auch die in Aussicht gestellte weitere materielle Hilfe nichts.
Ja, wie ist es möglich, in dieser Selbstüberschätzung zu agieren und daraus noch berufliche Zufriedenheit zu beziehen? Eine erste Antwort ist im Zusammenleben von »Weiß« und »Schwarz« zu finden. Allein der Gedanke einer Gleichrangigkeit ist vollkommen abwegig. Dem weißen Europäer tritt der schwarze Afrikaner in der Position des Unterlegenen gegenüber. Der Entwicklungshelfer bezieht am Ort seines künftigen Wirkens ein Haus, der für die Sicherheit zuständige Wächter ist schwarz, Fahrer und Köchin ebenfalls. Der eine bewegt sich künftig in der dreifachen Zahl an Zimmern als noch zuhause, die anderen hausen in Nebenzimmern oder Verschlägen, die als überdimensionierte Hundehütte zu bezeichnen nicht übertrieben ist. So begegnen sie sich, und so bleibt es. Der Schwarze ein Diener, der Weiße ein Herr. Sicherlich, die lokalen Angestellten (wie sie politisch korrekt von den Beteiligten genannt werden) verdienen ihr Geld, haben eine Arbeit, um die sie viele ihrer Landsleute beneiden. Gleichwohl ist das, was sich abspielt, einer Fortsetzung kolonialer Verhältnisse nicht unähnlich.
Wer zahlt, bestimmt. Das klingt hässlich gerade in einem Umfeld, wo Hilfeleistung auf Augenhöhe gerne propagiert wird, jedoch läuft es immer wieder darauf hinaus. Über Projekte zu entscheiden, Arbeitsplätze zu schaffen oder nur aufgrund der Hautfarbe zu dem Kreis der Entscheider und Arbeitsbeschaffer zu gehören, vermittelt ein Machtgefühl, dem man sich nur schwer verschließen kann. Es entsteht langsam und setzt sich fest.
Damit wäre ich bei der zweiten Antwort. Sie bezieht sich auf das, was aus dem Machtgefühl entsteht. Es beginnt mit der emotionalen Abgrenzung. Weiße leben unter sich, nur ihr Besitz wird von Schwarzen bewacht. Wer tagsüber Hilfe leistet und sich dabei auf die Adressaten einstellen muss, braucht am Abend und Wochenende Ruhe. Also zieht man sich zurück in sein komfortables Haus, geht in hygienisch unbedenklichen Restaurants essen oder macht Ausflüge, beides begleitet von Ausgaben, die dem Mehrmonats- oder sogar Jahreseinkommen lokaler Mitarbeiter entsprechen. Man lebt in seiner Welt, die weit angenehmer ist als die, die man bisher kannte. Das Wetter ist schön, es ist warm, der Verkehr nicht so dicht, die Menschen freundlich und zuvorkommend, man hat schließlich etwas zu verteilen. Überlegenheit nicht nur im Berufsalltag, sondern auch in der Freizeit.
Trotzdem spürt der weiße Entwicklungshelfer oft eine Verlegenheit. Am Anfang seiner Anwesenheit im Zielland der Entwicklungshilfe stärker, bald schwächer, bis sie irgendwann ganz verschwindet. Irgendwie, so erkennt er, ist es moralisch zweifelhaft, sich aus Lebensverhältnissen in Deutschland mit ihren bekannten Zwängen und Unsicherheiten an einem Ort in Schwarzafrika wiederzufinden, wo all das nicht gilt. Hautfarbe und Stellung machen den Unterschied, materielle Sorgen gehören der Vergangenheit an. Gemildert werden die Zweifel anfangs dadurch, dass unser Entwicklungshelfer den Menschen etwas mitzuteilen hat, was ihnen perspektivisch hilft. Er leistet etwas Gutes, so denkt er, gefördert von seinem Herkunftsland und hochwillkommen in seinem Gastland. Diese Gedanken verdichten sich zu einer Überzeugung, die im Laufe der Zeit perfekte Rechtfertigungsmuster entwickelt. Fragen nach Sinn und Angemessenheit der eigenen Tätigkeit werden mit Zukunftsbildern beantwortet. Irgendwann wird die Lage im Gastland besser werden und man hat seinen Teil dazu beigetragen. Ohne die eigene Anwesenheit, »ohne mich« wäre das nicht geschehen. Das Selbstwertgefühl ist wieder intakt und akzeptiert die eigene Überlegenheit. Wird einem nicht täglich vor Augen geführt, wie sinnvoll die praktizierte Tätigkeit ist? Freuen sich die Einheimischen nicht, wenn man auch mal am Abend oder am Wochenende bei Ihnen zu Gast ist? Man ist wer und bekommt es fortwährend bestätigt.
Wie sieht sich die andere Seite, die einheimische, in diesem Verhältnis? Wer es geschafft hat, für einen Weißen zu arbeiten, fühlt sich wie ein Deutscher, dem es in unsicheren Zeiten gelungen ist, in die höhere Beamtenlaufbahn zu gelangen. Das Gehalt ist ordentlich, es wird regelmäßig gezahlt, und zwar in Euro oder Dollar, so dass das Wechselkursrisiko ausgeschlossen ist. Alles ist in bester Ordnung, beruhigt kann der afrikanische Mitarbeiter in die Zukunft schauen.
