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Der Maler Spielmann, ein abgeschieden lebender Stadtflüchtling, sieht sich von Veränderungen überrollt: Sein geliebtes Dorf muss dem Braunkohletagebau weichen. Im Versuch, sich den unabwendbaren Umständen anzupassen, entdeckt er sogar positive Seiten, die ihn hoffnungsvoll für die Zukunft stimmen. Jedoch wird durch die Vernichtung seiner Heimat und deren Geschichte nicht nur das Gestern ausgelöscht, auch die Aussicht auf ein neues, optimistisches Morgen scheint plötzlich zweifelhaft.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Spielmann war vor fünfzehn Jahren ins Dorf gekommen, als er es überraschend geschafft hatte, jene Belastung und Belästigung, die sich Arbeit nennt, mittels eines angenehmen Betrags ererbten Geldes hinter sich zu lassen, und sich stattdessen seiner Leidenschaft, der Malerei, zu widmen, verbunden mit der langersehnten Flucht aus der großen Stadt, weg von Menschenmengen und Verkehrsströmen, hin an einen Endpunkt auf der Landkarte, hinein in Stille, Grün und Langsamkeit, darüber hinaus Abgeschiedenheit und seinetwegen auch – so wie es jene verächtlich nannten, die geteerte Straßen, Autobahnanschlüsse und reichlich Parkplätze für den letzten Stand des Glücks hielten – Rückständigkeit.
Alt war das Dorf: Die Aufzeichnungen sprachen von einer Gründung vor über eintausend Jahren, und es war seither kaum gewachsen, denn immer noch wohnten an der in Ost-West-Richtung verlaufenden Hauptstraße und den wenigen Seitenstraßen nur ein paar Hundert Einwohner. Und es war nicht nur alt, sondern auch einsam gelegen: Die Nachbardörfer lagen weit verstreut, das nächste ließ sich mit dem Wagen zwar in immerhin knapp zehn Minuten erreichen, aber Spielmann besaß gar keinen Wagen, er hatte, als er angekommen war, nur ein altersschwaches Fahrrad sein Eigen genannt, das sich nach ein paar Jahren aufgrund der ausgiebigen Nutzung als zu ausgeleiert für eine Wiederinstandsetzung herausstellte, und hatte sich daraufhin von einem großen Versandhaus ein neues mit großem Gepäckkorb zwischen den beiden Hinterrädern bestellt, mit dem man ihn seither durch das Dorf und, zwischen Mooren und Moosen, auch ins nahegelegenste Nachbardorf treten sah, denn dieses verfügte über einen reichhaltigen Supermarkt, das Dorf hingegen nur über einen traurigen Krämerladen für die kleinsten Ansprüche.
Das Ehepaar, welches das Haus, das jetzt Spielmanns war, drei Jahre nach dem Krieg gebaut hatte, war nach weiteren fünf Jahren weitergezogen, oder vielmehr, nicht weiter, sondern wieder zurück in die Stadt, weil es ihm hier draußen zu ruhig geworden war und man Heimweh nach städtischem Getriebe, nach dem vertrauten Geräuschhintergrund, nach der breiten Ringstraße, der Straßenbahn, der Oper und den Filmtheatern verspürte, und dies war Spielmanns Glück und Gelegenheit gewesen, und er hatte den Kauf sofort zugesagt und daheim seine Spuren verwischt. Das Haus hatte seinen abgeschiedenen Platz am Ende einer von der Hauptstraße nach Norden abzweigenden unbefestigten Seitenstraße, welche fast ausschließlich dem landwirtschaftlichen Verkehr diente, und nur zur Sommerzeit kam es ab und an vor, dass sich durchreisende Urlauber bis hierher ans offene Feld verfuhren, ihren Wagen dann nach kurzer Ratlosigkeit und prüfender Inansichtnahme der Landkarte wendeten und zurück Richtung Hauptstraße steuerten; Spielmann hatte dies des Öfteren beobachtet. Für ihn war dies kleine Haus genau jenes Gehäuse, nach dem er sich immer gesehnt hatte, bot es ihm doch nicht üppig, aber ausreichend Platz, sicherte ihm dazu die Ruhe, die er schätzte und brauchte, und gewährte ihm den von ihm so geliebten Blick über freies, flaches Land.
Seit Spielmann keiner regelmäßigen Arbeit mehr nachging, horchte er nur noch auf seine innere Uhr und jenen natürlichen Takt, mit dem sie ihn steuerte, was dazu führte, dass er oft, wie viele schöpferisch tätige Menschen, nachts den unruhigen Hausgeist gab und dafür tagsüber das Bett aufsuchte. Zwar konnte er abends im Schein der Lampe mit dem Bleistift Entwürfe zeichnen, für das Malen in Öl jedoch brauchte er das gleichmäßige Tageslicht von Norden durch das von Grünpflanzen halb zugestellte Sprossenfenster seiner Malstube, und so blieb ihm oft nichts anderes übrig, als sich über mehrere Tage hinweg mühsam ‚zurückzurunden‘, so wie er es nannte, sich also an Tätigkeit bei Tageslicht und Ruhe bei Nacht zu gewöhnen. Gelang ihm dies und fand er frühmorgens aus dem Bett, gönnte er sich von Zeit zu Zeit eine kleine Belohnung in Form eines Mittagessens im Gasthaus, und dies war auch für den heutigen Tag sein fest eingeplantes Vorhaben, so ging er zur gegebenen Zeit die Straße hinunter und besetzte, einmal angekommen, seinen angestammten Fensterplatz. Von hinter dem Tresen, Gläser spülend, grüßte ihn der Wirt mit einer flüchtigen Geste, rief etwas nach hinten, und die Bedienung kam an den Tisch. Spielmann bestellte sein Essen und griff dann nach der bereitliegenden Zeitung. Als der Wirt dies sah, rief er ihm zu, er solle zunächst die Seite drei lesen. Spielmann sah kurz hoch, blätterte dann zur gewünschten Seite, fand anhand der dicken Überschrift, in welcher der Name des Dorfes genannt war, den betreffenden Bericht und las. Als die Bedienung ihm das Essen brachte, deutete er darauf und fragte, ob sie die Neuigkeiten schon erfahren hätte, und sie nickte mit leidvollem Gesichtsausdruck und sagte, es sei eine Schande, aus der Zeitung erfahren zu müssen, dass man seine Heimat verliere, und sie wisse jetzt nicht, wohin. Spielmann las beim Essen den Bericht noch einmal, auf der Suche nach etwas, das er vielleicht übersehen hatte, fand aber nichts Neues mehr, und legte die Zeitung beiseite. Jetzt ist es also aus, dachte er.
Unter dem Dorf lag Braunkohle. Schon seit Jahren war bekannt, dass die Stromgesellschaft des Landkreises längst in Verhandlungen mit Politik und Verwaltung stand, um die Vorkommen endlich ausbeuten zu können, und jetzt war alles genehmigt, gesichert, unterschrieben und beschlossen: Die Gesellschaft würde ihre Braunkohle bekommen, und dafür musste das Dorf weg – man würde zunächst die Bewohner umsiedeln, dann alle Häuser abbrechen, die Landschaft im und ums Dorf einebnen, und dann würden die Kohlebagger kommen und sich tief in die braune Erde fressen.
Dass mir das noch passieren muss, dachte Spielmann. Er war sich sicher gewesen, dass der Umzug hierher sein letzter gewesen war, dass er hier zur Ruhe kommen, die zweite Hälfte seines Lebens genießen und auch hier sterben würde. Aber die Stromgesellschaft wollte nicht, dass er hier sein Leben weiterhin genießen konnte, sie wollte ihn verpflanzen und woanders sterben lassen. Jeder Hausbesitzer würde ausbezahlt, um sich ein neues Heim im gleichen Wert leisten zu können, sagte die Zeitung, und binnen drei Jahren musste der letzte Mensch das Dorf verlassen haben. Alles war längst geplant, und jetzt würde das, was geplant war, Punkt für Punkt umgesetzt.
Als Spielmann die Rechnung beglich, kam ihm etwas anderes in den Sinn, und er fand, es wäre eine gute Möglichkeit, die Bedienung aufzuheitern, so fragte er sie, ob sie sich mittlerweile entschlossen habe, sich von ihm malen zu lassen, und sicherte ihr noch eine angemessene Entlohnung für jede Sitzung zu. Seine Absicht beförderte die gewünschte Wirkung, denn in das Gesicht der Frau kehrte die Helligkeit zurück, die es aufgrund der schlechten Nachrichten verloren hatte, und er konnte hinter ihren Augen die Gedanken eifrig hin und her wandern sehen.
„Ich komm“, sagte sie schließlich mit entschlossenem Ton in der Stimme.
Spielmann ging nach Hause, langsam, die Hände in den Jackentaschen, zu Boden blickend. Von irgendwoher vernahm er ein klapperndes Geräusch, und der Maler sah auf. Auf einem Stuhl vor dem Haus des Waldarbeiters Krull saß der Bauer Modersohn, an einem Apfel kauend, der Waldarbeiter stand hinter ihm und schnitt ihm das Haar, das in dünnen grauen Büscheln herabrieselte, welche umgehend Opfer eines flüchtigen Windstoßes wurden, der sie zunächst über das Erdreich und dann hinein in eine Hecke blies. Der Bauer rief Spielmann zu, ob er schon die Neuigkeiten vernommen habe, und dieser nickte. Mit vollem Mund ließ der Bauer ein paar undeutliche Schimpfworte hören und drohte dabei mit dem Apfel in der Faust einem unsichtbaren Gegner. Spielmann nickte ihm halbherzig zu und beeilte sich weiterzugehen, denn er hielt es für Zeitverschwendung, sich nun mit jedem Dorfbewohner über das Unvermeidliche, dem man nicht entrinnen konnte, unterhalten zu müssen, und er fand, es sei viel angebrachter, schnell Maßnahmen zu ergreifen und das eigene Geschick in die Hand zu nehmen.
Als er sein Haus erreichte, kam vom Feldweg das Postauto, das wohl, wie schon öfter in dringenden Fällen, zum Bauern Fenk hinaus aufs Feld gefahren war. Spielmann ahnte, was passieren würde, so blieb er stehen und wartete, bis das gelbe Fahrzeug neben ihm hielt. Der Postmann kurbelte die Scheibe runter, grüßte und hielt ihm einen Umschlag hin. Spielmann nahm den Brief, dessen Absender die Gemeindeverwaltung war, entgegen, und das Postauto entschwand in einer kleinen Staubwolke. Nachdem Spielmann ihm einige Augenblicke lang gedankenlos nachgesehen hatte, drehte und wendete er den Umschlag einige Male, ging dann ins Haus und legte ihn ungeöffnet neben die Obstschale auf den Küchentisch. Ein schönes Bild, dachte er dabei, ein schönes Stillleben: Obstschale mit Nerobefehl.
Spielmann suchte seine Malstube auf, trat vor die Staffelei und betrachtete das Bildnis der Bäuerin Modersohn, an welchem er über die letzten zwei Wochen hinweg gearbeitet hatte. Er blickte dem stummen Antlitz in die Augen, so als ob er hoffte, darin lesen zu können, was ihm an dieser Arbeit noch nicht gefiel. Das Gesicht an sich schien ihm gelungen, es gab sich voll und glänzend und apfelrot wie jenes der Bäuerin selbst, auch zeigten die Augen wirklichkeitsnah und überzeugend deren so kindlich wirkende Arglosigkeit, und die dörfliche Tracht leuchtete farbkräftig, aber ein Verdacht ließ den Maler nicht los, nämlich dass er die Arme der rundlichen Frau viel zu lange gestaltet hatte, und dass zudem ihre Hände zu groß seien. Er trat ein paar Schritte zurück, kniff das linke Auge halb zu, näherte sich mal von der einen, mal von der anderen Seite dem Gemälde, aber von welchem Blickwinkel er es auch betrachtete, die Arme der Bäuerin Modersohn wurden nicht von selbst kürzer, und auch ihre Hände behielten ihre Übergröße, und nun wurde dem Maler klar, dass die ganze untere Hälfte des Bildes misslungen und nicht zu gebrauchen war. Der erste Gedanke war jener der vollständigen Zerstörung, aber er sann nach Ersatzmöglichkeiten, und der nächste gegebene Weg, wenn es schon keine vollständige Zerstörung sein sollte, schien ihm eine Teilzerstörung, um zu retten, was noch zu retten war. Das scharfe Messer war schnell bei der Hand, doch bevor es sein Werk verrichten konnte, löste Spielmann die Leinwand vom Rahmen, breitete diese auf dem Boden aus, maß um das pausbäckige Gesicht der Bäuerin ein großes Viereck aus und schnitzte endlich mit der blitzenden Klinge die überschüssigen Anteile weg. So lag die Bäuerin nun da, ihrer Arme und Hände beraubt, als Trachtenoberkörper in Hut und Schmuck, ein vollendetes Opfer ihres Schöpfers und anschließenden Verstümmlers. Spielmann saß eine Weile bei ihr am Boden, die Hände um die Knie geschlungen, und besah mit schief hängendem Kopf sein Werk an seinem Werk, so als ob er darauf wartete, dass die Hingemarterte zu ihm sprechen und ihre Meinung über diese Meuchelei kundtun würde. Aber die Bäuerin Modersohn schwieg und sagte nichts über ihre zu langen Arme und zu großen Hände, die jetzt als ein in eckige Einzelstücke zerteiltes Rätselbild verstreut auf dem Boden neben ihr lagen. So musste Spielmann seine Entscheidung allein treffen, und er traf sie, in dem er aufsprang, den Kopf der geschundenen Frau auf der Staffelei abstellte, dann nach einem Holzrahmen, dessen staubiger Goldlack nur noch müde schimmerte, griff, und die Bäuerin hindurchschauen ließ. Sie sieht aus wie geköpft, dachte er, oder nein, dachte er weiter, sie sieht aus, als hätte ihr jemand die Arme abgeschnitten. Er trottete auf dem knappen Raum seiner Malstube von einer Ecke in die andere, sah zum Fenster hinaus, als könne er von den Feldern und dem Waldrand eine bessere Lösung ablesen, sagte „Hm hm“, und niemand kam ihm zu Hilfe. Schließlich beschloss er, die Spuren der Hinrichtung zu beseitigen, legte Kopf und Hände und Arme der Bäuerin im Wandschrank ab und säuberte hinterher ein wenig das Zimmer, auf dass niemand ihm diese Gewalttat je würde nachweisen können.
Spielmann ging zurück in die Küche, naschte von den Weintrauben der Obstschale, betrachtete dabei den Brief der Gemeindeverwaltung, von dem er ohnehin wusste, was darin stand, und als die letzte Beere vertilgt war, schlitzte er den Umschlag mit Hilfe eines Kugelschreibers auf, entnahm einen dicken Packen an Papieren und überflog nur mit halbem Auge die erste Seite, sparte sich die restlichen Blätter, legte danach alles wieder in den Umschlag zurück und diesen auf den Küchentisch. Nach frischer Luft ward ihm dann, nach Durchatmen und Befreiung, so verließ er das Haus und schritt auf dem Feldweg nordwärts, die Hände wieder in den Jackentaschen, den Kopf vielleicht etwas zu tief hängend, denn Spielmann war im Grunde niemand, der zurückschaute und um Vergangenes trauerte, manchmal jedoch um Vergehendes. Ich kann überall glücklich werden, dachte er, und die Stromgesellschaft wird mir als Mittel zum Zweck dienen, es noch schöner zu haben als hier. Zwar schätzte Spielmann die einfache Schönheit seiner unmittelbaren Umgebung – das üppige Waldstück, den jahreszeitlichen Wechsel der Felder, die unbefestigten Wege, den endlosen Himmel –, dennoch gab es bis hinauf zur großen Stadt und auch darüber hinaus noch viel unverbautes, natürliches Land, und es wäre vermutlich am sinnvollsten, so dachte er weiter, wenn man sofort mit der Stromgesellschaft und der Gemeinde in Verbindung träte und so schnell wie möglich, nachdem alles, was mit Geld zu tun hatte, geklärt war, mit dem Auffinden einer neuen Heimat beginnen würde. Geplant war, das wusste Spielmann jetzt, in einigen Kilometern Entfernung, außerhalb der Reichweite der Braunkohlebagger, auf Brachland eine neue Siedlung entstehen zu lassen, ein Gedanke, der ihn jedoch nicht beruhigte, weil er dabei an rechtwinklige Wohngebiete, an breite Straßen und Parkplätze, an öde Häuser mit Einscheibenfenstern und Flachdächern dachte, und er auf keinen Fall gewillt war, sich dort ruhigstellen und ablegen zu lassen. Aber man würde sehen, was die Stromgesellschaft bereit war, anzubieten, und Spielmann war entschlossen, ihr das bekannte Messer auf die Brust zu setzen und sich dann mit ebenjenem Messer das beste Stück aus einem hoffentlich üppigen Kuchen herauszuschneiden.
Der Maler trottete weiter voran, den Kopf jetzt wieder selbstbewusst erhoben und den Blick ohne Scheu dorthin gerichtet, wo Himmel und Erde zusammentreffen, stets im sicheren, festen Tritt des geübten Landmannes, bis er schließlich eines ihm Entgegenkommenden gewahr wurde, und auch, dass dieser Entgegenkommende einen Hund bei sich führte, was Spielmann, der unter einem ausgesprochenen Ungefühl für alles bellend Vierbeinige litt, ein spürbares Unbehagen bereitete, denn auch im Weggang der Zeit im Dorf hatte er sich nie an die Gegenwart der dort zahlreich vorhandenen Hunde aller Arten und Größen gewöhnen können. Bald konnte er zu seiner Erleichterung ausmachen, dass der Hund an der Leine gehalten wurde, und dann erkannte er auch dessen Besitzer, es war der wohlhabende Vetter des Bauern Modersohn in voller Jagdausrüstung, auf seiner Brust das umgehängte Fernglas, auf seiner Schulter die Jagdwaffe, deren Rohr in den dünnen Sonnenstrahlen achtungsvermittelnd blitzend. Als Spielmann sah, dass der Hundebesitzer seinen Besitz mit aller Kraft zügeln musste, um diesen vor einem zähnefletschenden Angriff oder zumindest von einem Ausbruchsversuch abzuhalten, hätte er, das Herz ihm im Hals wütend, am liebsten kehrtgemacht oder wäre gern querfeldein geflohen, aber es war zu spät, der Jäger hatte ihn längst erkannt, zog jetzt mit beiden Händen noch fester und würgender an der Leine, um seinen besten Freund zu bändigen, und nun standen sich die beiden Männer gegenüber, grüßten einander, kamen aber zunächst nicht weiter, denn der Jäger musste zunächst ausgiebig auf das Tier einschreien, bis es sich beruhigte und widerwillig zuckend neben diesem Platz machte. Man sprach dann über die derzeitige Witterung und nicht etwa über die bevorstehenden Ereignisse, welche die Zukunft des Dorfes betrafen, und Spielmann hatte den Eindruck, dass sein jagdgrün eingekleidetes Gegenüber von den neuesten Entwicklungen noch gar nichts wusste, und dies war ihm durchaus recht. Der Waidmann erzählte, er sei in der Absicht unterwegs, die Begabung seines Hundes auf dem Gebiet des Aufspürens von Jagdbeute zu erproben und zu schulen, aber dieser hätte zu seinem Leidwesen darin umfangreich versagt. Spielmann fühlte sich genötigt, höflichkeitshalber nach den näheren Umständen des genannten Unterfangens zu fragen und bekam erklärt, dass der Jäger den kleinen Sohn seines Nachbarn – er selbst verfügte über keine Kinder – als Beuteersatz eingesetzt habe, indem er den Hund zunächst reichlich an dem Kind hätte schnüffeln lassen, dieses sich dann in einem Waldstück versteckt und er wiederum mit dem treuen Tier sich aufgemacht habe, den Jungen mittels der empfindlichen Nase des Hundes zu finden. Jedoch, erklärte der Jäger bitter, das Tier sei nicht bei der Sache und unaufmerksam gewesen, sei zu viel hin und her und in die falsche Himmelsrichtung gestürmt, habe wohl allerlei Düfte in der Nase gehabt, nur nicht den gewünschten, so dass die Beute nicht aufgespürt werden konnte, und dass es noch ein steiniger Weg würde, in dem kostbaren Vierbeiner mehr Verständnis für diese schwierige Kunst zu wecken. Spielmann pflichtete ihm wortkarg und angedeutet nickend bei, so als ob er viel von der Jagd verstünde, nickte auch einmal dem Hund zu, so als ob er auch was von Hunden verstünde. Dann lenkte der Jäger mit einem Mal das Gespräch in eine ganz andere Richtung: Ob Spielmann bemerkt habe, dass heute am östlichen Ortsausgang mit dem Bau eines kleinen Holzhauses begonnen wurde, und ob er denn wisse, von wem und zu welchem Zweck? Spielmann wusste es nicht, er hatte davon noch nichts gehört, ahnte jedoch schon, in welchem Zusammenhang dies geschehen war, sagte aber dem Jäger nichts. Der Jäger kündigte dann an, er wolle noch einmal in den Wald hinüber, ob Spielmann nicht geneigt sei, ihn zu begleiten, aber dieser lehnte bedauernd ab, und so gingen die beiden Männer ihres Weges, der Jäger vom Hund gezerrt hinüber zum Wald, und Spielmann eilenden Schrittes nach Hause, um nicht noch mehr Aufspürhunden zu begegnen. Erst am frühen Abend verließ er noch einmal sein Haus und machte sich auf die Suche nach der vom Jäger behaupteten Baustelle am Ortsrand. Das angefangene Holzbauwerk, das er vorfand, mochte kaum mehr als fünf mal sechs Meter messen und war noch ohne Dach, ebenso fehlten Fensterglas und Türen. Spielmann ging ein-, zweimal um die Hütte herum, fand aber keine Hinweise darauf, von wem und warum diese hier errichtet worden war, und machte sich dann wieder auf den Nachhauseweg, die Hände auf dem Rücken verschränkt, im nachdenklichen Trott, aber den Kopf bereits wieder höher als noch zuvor beim Spaziergang über die Felder. Es überholte ihn ein Traktor, der Bauer Fenk nickte ihm vom Fahrersitz aus zu, Spielmann nickte zurück, und er beobachtete, wie der Bauer sein landwirtschaftliches Gefährt schneidig und in ungezügelter Fahrt in seine Hofeinfahrt lenkte, den Motor abstellte und vom Sitz sprang, während seine Frau zur Tür raustrat, mit ihr der Hofhund, der beim Anblick Spielmanns sogleich mit zornigem Gekläff auf diesen losstürmte, an der Grundstücksgrenze jedoch innehielt, und Spielmann ging weiter, als hätte er das wütende Tier kaum bemerkt, während ihm doch ganz heiß geworden war.
*
Als Helga, die Bedienung aus dem Gasthof, zum vereinbarten Zeitpunkt bei Spielmann erschien, um sich malen zu lassen, schickte sie der Maler zunächst nach oben unters Dach, in seine Schlafkammer, wo sie sich die in einer großen Tasche mitgebrachte Tracht anziehen, ihren Schmuck anlegen und schlussendlich den blumenbesteckten Hut aufsetzen konnte. Spielmann betrachtete dies alles anschließend im natürlichen Licht seiner Malstube sehr genau, er konnte das zu entstehende Bildnis längst fertig in seinem Kopf sehen und legte Wert darauf, dass die echte Helga diesem Abbild so ähnlich wie möglich sein sollte, so war ihm der Sitz der blausamtenen Kopfbedeckung genauso wichtig wie die Lichtpunkte der vielgliedrigen Kette um Helgas Hals sowie der der üppige Glanz der schwersilbernen Kugelohrringe, und er ordnete die dunkelbraunen Lockenwellen seines Modells so lange und mit zärtlich formenden Fingern, bis sich die gewünschte flimmernde Brechung des Lichts auf ihnen einstellte, und opferte danach die meiste Zeit dem mit spitzem Zeigefinger und Daumen vorgenommenen Zurechtzupfen des um ihre Schultern geschlungenen Tuches, um einen möglichst geschmackvollen Faltenwurf zu erzielen. Spielmann war darüber hinaus froh, dass Helga nicht so weit gegangen war, die blassen Flächen und Schwünge ihres Gesichtes mit Schatten, Strichen und Farben aus dem Schminkkasten hervorzuheben, denn für ihn fand es seinen Reiz in der ausgeprägten Natürlichkeit seiner starken Umrisse und harten Kanten, von den blockartigen Augenbrauen und den wie geschnitzt wirkenden Wangen über die Krümmung ihrer scharfgratigen Nase bis hinunter zum fast kastenförmigen, jedoch von einem sanften Grübchen weichgezeichneten Kinn. So war Spielmann es zufrieden, betrachtete das hell glänzende Antlitz der dabei etwas misstrauisch dreinblickenden Frau noch einmal von allen Seiten, machte sich dann an der Staffelei mit Pinsel und Farben zu schaffen und freute sich über das vom kleinen Sprossenfenster einfallende zarte Tageslicht, das Helgas dunkle Augen mit sanftem Glanz erwärmte. Der Pinsel tat auf dem vorher aufgetragenen, sehr dunklen, aber nicht schwarzen Hintergrund den ersten Strich, eine weiche Andeutung der Stirn, der Wange, des Kinns, dann mehr Stirn, Wange, Kinn, mehr Stricheln, mehr Tupfen, mehr gemaltes Licht, das dem Fest der Farben mit seinem Spiel aus Hell und Dunkel Leben und Tiefe verlieh. Spielmann malte mit höchster Genauigkeit, dabei verharrte er jedoch nie unnötig lange an einem Punkt, begann beispielsweise mit den
