Das eigene Selbstbild erkennen und entfalten - Daniela Blickhan - E-Book

Das eigene Selbstbild erkennen und entfalten E-Book

Daniela Blickhan

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Beschreibung

»Wer bin ich nicht … oder nicht mehr?« »Wer möchte ich sein oder werden?« Diese Fragen begleiten uns durchs Leben, beginnend mit der Entwicklung unseres Selbstkonzepts. Die erwachsene, reife Identität zeichnet sich durch Individualität und Unabhängigkeit aus. Wenn das Selbstbild Ähnlichkeiten mit biografischen Rollenvorbildern aufweist, sind diese harmonisch in die eigene Persönlichkeit integriert. Das Persönlichkeits-Panorama nimmt das eigene Selbstbild in den Blick und macht Fähigkeiten, Stärken, Überzeugungen und Werte sichtbar und erlebbar. Es ist gleichermaßen Diagnostik und Intervention. Daniela Blickhan stellt methodische Grundlagen und die praktische Gestaltung eines Coachingprozesses mit dem Persönlichkeits-Panorama vor. Sie zeigt, in welchen Bereichen es einsetzbar ist: im Einzelcoaching, in der Psychotherapie, in der Begleitung von Teams, Paaren oder Familien und in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Daniela Blickhan Das eigene Selbstbild erkennen und entfalten Coaching mit dem Persönlichkeits-Panorama

Über dieses Buch

Wer möchte ich sein und werden?

„Wer bin ich? Wer nicht (mehr)?“ „Wer möchte ich sein oder werden?“ Diese Fragen begleiten uns durchs Leben, beginnend mit der Entwicklung unseres Selbstkonzepts. Eine erwachsene, reife Identität zeichnet sich durch Individualität und Unabhängigkeit aus. Ähnlichkeiten mit biografischen Rollenvorbildern sind harmonisch in die eigene Persönlichkeit integriert.

Das Persönlichkeits-Panorama nimmt das eigene Selbstbild in den Blick und macht Fähigkeiten, Stärken, Überzeugungen und Werte sichtbar und erlebbar. Es ist gleichermaßen Diagnostik und Intervention. Daniela Blickhan stellt methodische Grundlagen und die praktische Gestaltung eines Coachingprozesses mit dem Persönlichkeits-Panorama vor. Sie zeigt, in welchen Bereichen es einsetzbar ist: im Einzelcoaching, in der Psychotherapie, in der Begleitung von Teams, Paaren oder Familien und in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Daniela Blickhan, Dr., Dipl.-Psych., M. Sc., Trainerin und Coach, leitet seit 1991 das Inntal Institut. Sie ist als Lehrtrainerin und Lehrcoach von verschiedenen Berufsverbänden akkreditiert (DCV, DACH-PP, DVNLP). Seit 2013 vertritt sie als erste Vorsitzende den Deutschsprachigen Dachverband für Positive Psychologie.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2024

Coverfoto: © Carrie (AdobeStock), kreiert mit KI

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Wir behalten uns eine Benutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vor.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2024

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0587-6

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0588-3 (EPUB), 978-3-7495-0589-0 (PDF).

Vorwort

„Werde, wer du bist.“ Darum geht es in diesem Buch.

Wie können wir verstehen, wer wir sind bzw. geworden sind? Wie können wir uns weiterentwickeln, um unser Potenzial zu entfalten und aufzublühen? Wie wirken sich Erfahrungen, die wir auf unserer Lebensreise machen, auf unseren Selbstwert aus und auf die Ziele, die wir uns stecken? Wie können wir unsere Erfolge feiern? Wie können wir lernen, auch und gerade dann mit uns selbst freundlich und mitfühlend umzugehen, wenn wir Schmerz und Misserfolg erleben?

Diese Fragen sind zentral für die persönliche Entwicklung. Sie stellen sich in den verschiedenen Abschnitten unseres Lebens immer wieder aufs Neue und fordern von uns eine authentische und persönliche Antwort. Entsprechend spielen sie auch in fast jedem Coachingprozess eine Rolle.

In diesem Buch stelle ich dir eine Methode vor, wie du dich selbst besser kennenlernen und verstehen kannst. Du wirst dein Selbstbild erkunden und verschiedene Facetten deiner Persönlichkeit neu einordnen können. Das hilft dir dabei, Verständnis zu entwickeln für vergangene Erfahrungen und Frieden mit ihnen zu schließen. Es stärkt deine Zuversicht für die weitere Entfaltung deines Potenzials.

Du kannst die Methode als Coach mit deinen Klient*innen einsetzen und findest im Buch auch zahlreiche Beispiele für die verschiedenen Etappen aus Sicht der Coachees. Im Prinzip kannst du die Methode auch im Selbstcoaching nutzen, denn die Anleitung ist so gehalten, dass du sie Schritt für Schritt umsetzen kannst. Trotzdem empfehle ich dir aber, das Format, wenn möglich, mit einem Coach zu machen, denn allein die Anwesenheit einer anderen Person verändert den Rahmen, in dem du Zugang zu dir findest. Wenn die andere Person dich dann auch noch wertschätzend unterstützt und den Prozess professionell begleitet, wird sich dein Nutzen noch deutlich vertiefen.

Ich habe die Methode vor mehr als 20 Jahren entwickelt und im Jahr 2000 bei Junfermann erstmals ein Buch dazu veröffentlicht mit dem Titel Persönlichkeits-Panorama. Es stieß viele Jahre auf gute Resonanz, ist aber seit rund zehn Jahren vergriffen. Das Seminar zum Thema haben wir im INNTAL INSTITUT seit dem Jahr 2000 regelmäßig ein- bis dreimal im Jahr durchgeführt, und die Rückmeldungen der Teilnehmenden waren durchweg positiv, oft regelrecht enthusiastisch, sodass sich das Seminar unter den INNTAL-Teilnehmenden als regelrechter „Geheimtipp“ herumgesprochen hat. Bei jeder Seminareröffnung sage ich, dass bisher alle Teilnehmenden aus diesem Seminar mit einem positiven Ergebnis herausgegangen sind und dass ich gespannt darauf bin, ob das auch diesmal so sein wird. Tatsächlich habe ich nie neutrales oder negatives Feedback nach dem Seminar bekommen, sondern immer – wirklich immer – klare Rückmeldungen darüber, wie sehr das Seminar die Teilnehmenden beflügelt und bereichert hat. Deshalb habe ich das Buch nun nach knapp 25 Jahren neu geschrieben und meine Erfahrungen aus diesem Vierteljahrhundert Coaching und 15 Jahren Positiver Psychologie einfließen lassen. Und etliche Erfahrungsberichte von Klient*innen.

Das Persönlichkeits-Panorama habe ich ursprünglich als reine NLP-Methode entwickelt. Während meines Psychologiestudiums in den 1980er-Jahren begann ich meine NLP-Ausbildung. Mehr als zehn Jahre lang habe ich mich intensiv mit der Methode auseinandergesetzt und von den besten Trainern der 1980er- und 1990er-Jahre gelernt. Ich lernte, Sprache feinfühlig und wirksam einzusetzen, genau hinzuhören und -schauen, Coachingprozesse effektiv zu führen und immer wieder aufs Neue zu staunen, wie Klient*innen innerhalb kurzer Zeit erhebliche persönliche Veränderungen umsetzen konnten. Das Menschenbild des NLP, die entsprechende Grundhaltung als Coach und die wirksamen Veränderungsstrategien prägen bis heute mein Coachingverständnis. Auf dieser Grundlage habe ich Ende der 1990er-Jahre das Format Persönlichkeits-Panorama entwickelt.

Vor etwa 15 Jahren habe ich die Positive Psychologie kennengelernt und sie seitdem zum Fokus meines beruflichen Lebens entwickelt. Auch persönlich hat sie mein Leben stark geprägt und mich durch unterschiedliche Erfahrungen getragen. Mit der Sicht der Positiven Psychologie hat das Persönlichkeits-Panorama für mich noch mehr Tiefe gewonnen und gleichzeitig auch mehr Weite. Die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ beschäftigt viele Menschen auf ihrem Lebensweg immer wieder, zusammen mit den Fragen „Wer bin ich nicht mehr?“ und „Wer möchte ich noch sein oder werden?“. Im „neuen“ Persönlichkeits-Panorama bleibe ich meinen Wurzeln im lösungsorientierten Coaching treu und integriere zusätzlich das wachstumsorientierte Coaching aus dem Welt- und Menschenbild der Positiven Psychologie.

Es war mir eine wirkliche Freude, dieses Buch neu zu schreiben und dabei die Erfahrungen der vielen Seminare und Coachings mit einfließen zu lassen. Es ist wirklich ein neu geschriebenes Buch geworden; nur im Kapitel 3.5 zu den „Modellen“ habe ich einige der frühen Texte – stilistisch überarbeitet – übernommen. Ich danke allen Teilnehmenden, die explizit (als Fallbeispiel) oder implizit etwas zu der Vielfalt beigetragen haben, die dich in diesem Buch erwartet. Meinen Coaching-Vorbildern danke ich für die Inspirationen, die sie mir mitgegeben haben, und den Forschenden der Psychologie und Positiven Psychologie für die wertvollen Erkenntnisse, die ich für die Anwendung „übersetzen“ durfte. Und meiner langjährigen Lektorin Heike Carstensen und dem ganzen Team des Junfermann Verlags danke ich für 30 Jahre vertrauensvoller Zusammenarbeit. Es war mir eine Freude!

Dir wünsche ich nun beim Lesen ganz viel Freude, und vor allem beim späteren Anwenden!

Daniela Blickhan

März 2024

Ein Hinweis zur Sprache in diesem Buch

Ich spreche dich als Leser*in in diesem Buch mit „du“ an – so als wären wir gemeinsam in einem Seminar. Ich bin seit vielen Jahren gewöhnt, Teilnehmende per du anzusprechen und kann es mir nicht mehr anders vorstellen. Mit der Du-Anrede möchte ich eine persönliche und direkte Verbindung zu dir als Leser*in herstellen.

Außerdem ist mir gendergerechte Sprache wichtig, um alle Menschen gleichermaßen anzusprechen. Sprache ist lebendig und entwickelt sich ständig weiter. Mein Ziel war eine inklusive und respektvolle Ausdrucksweise. Sollte dir aber eine Formulierung auffallen, die nicht alle Menschen gleichermaßen berücksichtigt, bitte ich um Nachsicht und freue mich über konstruktives Feedback.

Den englischen Begriff Coach verwende ich immer in dieser Form, da es für mich sehr seltsam klingt, wenn ein explizit englisches Wort deutsch gegendert wird („Coachin“).

1. Persönlichkeits-Panorama: Zugang zum eigenen Selbstbild

1.1 Das Selbstbild

1.1.1 Das Selbstbild und seine Entwicklung

„Wer bin ich?“ „Wer bin ich nicht … oder nicht mehr?“ „Wer möchte ich sein oder werden?“ Diese Fragen begleiten uns durch unser Leben, beginnend ab der Entwicklungsphase, in der sich unser Selbstkonzept zu formen beginnt.

Kinder im Vorschulalter schlüpfen gerne und häufig in Rollen anderer Menschen – meist solcher, die sie gut kennen oder bewundern – und ahmen deren Verhalten nach. Sie spielen „Familie“, „Prinz“ oder „Prinzessin“ und schlüpfen in die Rolle von Märchengestalten oder Figuren, die sie aus Büchern oder Filmen kennen. Sie erweitern so ihr eigenes Verhaltensrepertoire und üben spielerisch das Erleben verschiedener „Ichs“. In der Schulzeit treten weitere Rollenmodelle in den Fokus – zum Beispiel eine beliebte Klassenlehrerin oder der Sporttrainer. Außerdem gewinnt die Peergroup der Gleichaltrigen zunehmend an Bedeutung. Um dazuzugehören und sich als „ein Selbst in der Gruppe“ zu erleben, gleichen Kinder ihr Verhalten eher an das der Gruppe an. In der Pubertät entwickeln Jugendliche ihr eigenes Ich dann eher wieder in Abgrenzung von bisher vertrauten (oft familiär geprägten) Rollenmodellen: „Ich bin doch ganz anders als du!“ „So wie du möchte ich nicht sein!“

Alle diese Phasen der Entwicklung des eigenen Ichs, so schmerzhaft und konfliktreich sie auch im Einzelfall sein können, sind notwendige Schritte auf dem Weg zum eigenen, reifen Selbstkonzept. Erwachsenwerden bedeutet, ein Bewusstsein der eigenen Identität zu entwickeln. Dieser Prozess basiert auf persönlichen, biografischen Erfahrungen und wird durch zentrale Vorbilder geprägt. Eine erwachsene, reife Identität zeichnet sich dadurch aus, dass sie weder eine Kopie der Rollenvorbilder ist („Ich bin genauso wie du bzw. ihr.“), noch eine „Anti-Kopie“ („Niemals will ich so sein / werden wie du bzw. ihr! Ich bin ganz anders!“). Die erwachsene Identität zeichnet sich durch Unabhängigkeit aus. Das Selbstbild wird als „das eigene“ erlebt. Es kann Ähnlichkeiten mit Rollenvorbildern aufweisen, doch diese sind harmonisch in die eigene Persönlichkeit integriert: Inspiration statt Kopie, echte Unabhängigkeit statt Kampf oder Verstricktsein. Die eingangs genannten Fragen wirken in diesem Prozess der Selbstwerdung als Motor der Entwicklung: „Wer bin ich?“ „Wer bin ich nicht?“ oder „Wer bin ich nicht mehr?“ „Wer möchte ich sein?“ oder „Wer möchte ich werden?“

1.1.2 Das Selbstbild in unserer Aufmerksamkeit

Interessant ist die Tatsache, dass das eigene Selbstbild normalerweise im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit bleibt. Wir gehen schließlich nicht durch unser Leben und fragen uns dabei ständig, wer wir sind, ob wir gut genug sind oder uns gerade ändern sollten. Im normalen Alltag sind wir darauf fokussiert, was wir tun oder erleben, und nicht auf die Frage, wer bzw. wie wir sind. Erst wenn es eine Diskrepanz zwischen Selbstbild und aktuellem Erleben gibt, tritt unser Selbstbild in den Vordergrund der Aufmerksamkeit – und das womöglich plötzlich und stark. Diese Diskrepanz kann entweder durch eine eigene Bewertung entstehen oder durch eine Beurteilung von außen. Diskrepanzbewertungen im Innen entstehen durch ein situatives Erleben von Misserfolg, Unzulänglichkeit, „nicht gut genug zu sein“ oder „es nicht gut genug gemacht zu haben“. Von außen kann Diskrepanzerleben durch kritisches, unerwartetes, abwertendes Feedback ausgelöst werden. In beiden Fällen fokussiert sich unsere Aufmerksamkeit dann direkt auf das eigene Selbstbild, vergleichbar mit einer Situation im Straßenverkehr, in der während der Fahrt plötzlich ein Reiz auftaucht, der uns unmittelbar reagieren lässt. Auch hier kann der Reiz von innen kommen – wir fühlen uns in der Verkehrssituation unsicher oder gefährdet und gehen deshalb vom Gas – oder von außen, zum Beispiel, wenn uns ein anderer Verkehrsteilnehmer die Vorfahrt nimmt und wir abrupt bremsen, um eine Kollision zu vermeiden.

Die Tatsache, dass unser Selbstbild normalerweise im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit bleibt und uns von dort aus begleitet, ist psychologisch betrachtet eine sehr sinnvolle Entwicklung der Psyche. Hätten wir nämlich bei allem, was wir tun oder erleben, stets unser Selbstbild im Blick, wäre unsere Aufmerksamkeit sehr schnell überlastet, und wir wären nicht mehr in der Lage, unser Verhalten sinnvoll zu steuern. Dass unsere Aufmerksamkeit begrenzt ist, hängt damit zusammen, dass das Gehirn darauf ausgelegt ist, möglichst viel Energie zu sparen. Das im Verhältnis zu seiner Größe „energiehungrigste“ Organ unseres Körpers hat im Rahmen unserer „Werkseinstellung“ die Tendenz mitbekommen, überlebensrelevante Reize zu priorisieren. Was sich nicht direkt auf unsere Sicherheit auswirkt, wird nachgeordnet verarbeitet: später und langsamer. Da entwicklungsgeschichtlich betrachtet die überwiegende Anzahl von Bedrohungen von außen kam, nicht von innen, werden äußere Reize in unserer Wahrnehmung und Verarbeitung priorisiert.

Das Selbstbild bleibt also im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit, und zwar, wie gesagt, so lange, bis wir eine Diskrepanz erleben, die von unangenehmen Gefühlen begleitet wird oder unser Selbstbild bedroht. Diese „Werkseinstellung des Gehirns“ kann auch gut illustrieren, warum viele Menschen positive Erfahrungen nicht unmittelbar und spontan in ihr Selbstbild aufnehmen, sondern „durchrauschen lassen“: Was überlebensrelevant und potenziell bedrohlich ist, wird priorisiert wahrgenommen. Und das Signal für diesen Prozess sind unangenehme Gefühle.

Positive Erfahrungen hingegen werden von angenehmen Gefühlen begleitet. Die Emotionsforschung kann überzeugend belegen, dass angenehme Gefühle im Vergleich zu den unangenehmen langsamer und schwächer in unserer Aufmerksamkeit ankommen1. Ist ein positiver Reiz also nicht außergewöhnlich und stark, sodass er sich in der laufenden Reizverarbeitung quasi „vordrängelt“, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir den positiven Impuls einfach vorbeiziehen lassen, dabei möglicherweise diffus ein angenehmes Gefühl erleben, den Inhalt aber nicht direkt in unser Selbstbild integrieren. Negative Informationen finden dagegen schnell und direkt einen Platz im Selbstbild.

1.2 Das Persönlichkeits-Panorama als anschaulicher Zugang zum Selbstbild

Das Persönlichkeits-Panorama bietet eine Möglichkeit, unser Selbstbild buchstäblich in den Blick zu holen. Wir können damit unsere Fähigkeiten, Stärken, Überzeugungen und Werte sichtbar und erlebbar machen. Wir bringen das nach außen, was normalerweise im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit bleibt, unser Verhalten aber dennoch maßgeblich beeinflusst und steuert. Und das holen wir jetzt aktiv in den Vordergrund unserer Aufmerksamkeit.

Wir betrachten im Persönlichkeits-Panorama das Selbstkonzept, persönliche Qualitäten, Stärken, Werte und innere und äußere Ressourcen. Anders als im Alltag geschieht das aber nicht unter dem Eindruck einer Diskrepanz und den entsprechend unangenehmen Gefühlen, sondern in einem geschützten, unterstützenden Coachingrahmen, der durch Interesse und Wertschätzung geprägt ist. Dieser Prozess entwickelt sich in verschiedenen Phasen, und die Klient*innen werden auf dieser Reise von einem Coach begleitet.

1.3 Wie Persönlichkeits-Panoramen aussehen können

Bevor wir das Vorgehen im „Panorama-Coaching“ genauer betrachten, möchte ich gerne einen Einblick in den Facettenreichtum und die Individualität dieser „Selbstbilder“ geben. So bekommst du eine Vorstellung davon, wie unterschiedlich Persönlichkeitspanoramen aussehen können. Das Prinzip im Persönlichkeits-Panorama lässt sich sehr treffend mit einem Zitat veranschaulichen, das mich seit langem begleitet: „Werde, wer du bist.“ Und das ist nicht zu verwechseln mit: „Werde, wer du sein kannst.“

Am besten lässt du die Bilder einfach auf dich wirken und schaust eher auf das große Ganze, weniger auf einzelne Details. Diese kommen später.

Abbildung 1.1: Beispiel zur Frage „Wer bin ich?“

Hier siehst du das Ergebnis eines Coachingprozesses, in dem eine Klientin ihre Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ für sich greifbar und spürbar gemacht hat. Genau das ist bei der Arbeit mit dem Persönlichkeits-Panorama zentral. Es geht nicht um die Fragen „Wer wäre ich denn gern?“, „Wer möchte ich sein?“ oder „Wer möchte ich noch werden?“, sondern um eine ehrliche Bestandsaufnahme, sozusagen eine Inventur. Die Klientin in ihrer aktuellen Lebensphase schaut darauf, was ist – nicht auf das, was sein sollte. „Wer bin ich? Und was ist alles in mir?“ Und das bringen wir gemeinsam nach außen, damit es sichtbar und spürbar wird.

Wenn du das Bild genauer betrachtest, fallen dir einzelne Karten im Persönlichkeits-Panorama auf. Das sind sozusagen Mosaiksteine, aus denen sich das Bild (also die Visualisierung des Selbstbilds) zusammensetzt. Mit diesen Karten kann man arbeiten, man kann sie verschieben, man kann damit sogar Brücken bauen. In diesem Bild wurde dafür eine dritte, räumliche Dimension benutzt und es wurden Verbindungen geschaffen, die an japanische, bogenförmige Brücken erinnern. In der Mitte gibt es eine Karte „Ich bin ich“. Sie erscheint gleich dreifach! Außerdem erkennst du noch eine Blanko-Karte, den sogenannten Joker, der noch eine wichtige Funktion übernehmen kann. Dazu kommen wir später, wenn ich das Vorgehen im Coaching beschreibe.

Die Anzahl an Karten variiert und ist kein Kriterium für die Qualität eines Coachingprozesses oder für die Einordnung eines Panoramas. Es gibt Panoramen, die mit wenigen Karten auskommen, und es gibt solche, da holen sich Coaches im Seminar Karten-Nachschub, weil die ursprünglich vorhandenen nicht ausreichen.

1.3.1 Vorher-Nachher-Veränderungen

Im Folgenden siehst du Fotos von Panoramen, die im Seminarkontext entstanden sind2. Lass die Sprache dieser Bilder einfach auf dich wirken.

Abbildung 1.2: Beispiel 1 für „vorher“

Nach der Bearbeitung mit dem Coach im Seminar sah das Schlussbild völlig anders aus.

Abbildung 1.3: Beispiel 1 für „nachher“

Aus dem kompakten Block wurde ein luftiger Stern, der der Klientin Raum zum Atmen lässt (so ihre Erklärung) und Bewegung ermöglicht. Auf den „Strahlen“ kann sie flexibel entlanggehen und den jeweils passenden Weg wählen.3

Eine ähnliche Veränderung sehen wir im nächsten Beispiel: Das Startbild zeigt fünf kompakte Bereiche, in der Mitte liegt die Jokerkarte.

Abbildung 1.4: Beispiel 2 für „vorher“

Abbildung 1.5: Beispiel 2 für „nachher“

Im Schlussbild zeigte sich ein starkes Zentrum, eingerahmt von zentralen Werten. In die Mitte stellte die Klientin auf ihre Jokerkarte einen kleinen Elefanten als Symbol dafür, dass sie künftig ihr „System 1“ mehr in den Vordergrund holen möchte und das analytische Denken (den „Reiter“) öfter mal in den Hintergrund treten lässt (mehr zu System 1 und System 2 sowie zu „Elefant und Reiter“ auf S. 33 ff.). Aus diesem Zentrum heraus kann sie dann entscheiden, welchen Bereich sie betrachten will und ist dabei in alle Richtungen beweglich, symbolisiert durch die vier Pfeile im Zentrum, die jeweils in eines der umgebenden Felder weisen.

1.3.2 „Panorama-Metaphern“

Das nächste Panorama, das wir uns kurz anschauen, entstand im Seminar. Zu Beginn stellte das Bild für die Teilnehmerin viele unterschiedliche Gefühle dar. Zwar waren Kraftquellen vorhanden, doch ihre Wirkung wurde durch Probleme und Überlastung überschattet.

Abbildung 1.6: Beispiel 3 für „vorher“

Nach der Bearbeitung hatte sich das Bild deutlich verändert. Als Metapher wählte die Teilnehmerin eine Wanderung in Richtung Sonne. Der Weg beginnt links unten mit den gepackten „Rucksäcken“. Die „Füße“ der Teilnehmerin symbolisieren die Startposition an einem „Wegweiser“. Er steht für die Möglichkeit, sich immer wieder aufs Neue entscheiden zu können, in welche Richtung es heute gehen soll. Der Weg führt dann in Richtung der Sonne, deren Strahlen mit kraftvollen Ressourcen bestückt sind. Bilder und persönliche Symbole runden das Panorama ab.

Abbildung 1.7: Beispiel 3 für „nachher“

Die Sonne als Ziel der Wanderung.

Der „Wegweiser“, um sich immer wieder neu entscheiden zu können.

Die „Füße und Beine“, mit denen die Wanderung gelingt.

Abbildung 1.8: Details für den „Weg zur Sonne“

Die Teilnehmerin, die selbst als Coach tätig ist, beschrieb die Wirkung der Arbeit mit ihrem Panorama einige Tage nach dem Seminar so: „Das Persönlichkeits-Panorama kennenlernen zu dürfen, war für mich als Coach eine absolute Bereicherung. Vor allem aber aus der Erfahrung als Klientin, denn einmal selbst ganz in das eigene ICH ‚eintreten‘ zu dürfen, ist unbezahlbar.

Der Prozess lädt zu tiefer, persönlicher Reflexion ein, was teils hoch emotional ist, allerdings auch ein wunderbarer Genussmoment, wenn man kreativ, energetisch wie ein Kleinkind seine eigenen Karten legen, verschieben und zusammenfügen darf. Eine wunderschöne Spielwiese, sich selbst und seine Welt mit allen Aspekten und Stärken kennenzulernen. Das Endergebnis schafft eine unglaubliche Klarheit und der Prozess wirkt noch lange nach, sodass ich auch Tage später noch kleine ‚Wunderzufälle‘, Erinnerungen und Gedankenanstöße finden kann.“

Und noch ein Beispiel für ein Panorama, diesmal in der Form eines Baums. Der Stamm trägt eine volle, verzweigte Krone.

Abbildung 1.9: Lebenspanorama als Baum

1.3.3 Die dritte Dimension

Oft wird in Panoramen auch die dritte Dimension einbezogen. Dann werden aus Karten Brücken gebaut oder es werden vorhandene Gegenstände integriert.

In diesem Panorama erhielt sogar ein Stuhl eine Funktion. Den Armlehnen wurde eine Bedeutung zugeordnet, ebenso der Sitzfläche, der Rückenlehne und natürlich auch dem Boden, auf dem der Stuhl steht. Man kann sich leicht vorstellen, wie es sich für die Klientin anfühlte, sich in ihr Panorama „hineinzusetzen“.

Abbildung 1.10: Ein Stuhl als Beispiel für die dritte Dimension

Abbildung 1.11: Eine Treppe als Beispiel für die dritte Dimension

Im nächsten Beispiel, bei der rosafarbenen Treppe, ging es der Klientin um die Frage „Wer bin ich denn eigentlich? Und was sind meine zentralen Werte?“ Und im Bild hat sie einen Ausdruck dafür gefunden, dass zwei zentrale Werte (einer davon Treue, siehe Abbildung 1.11) das eigene Ich stützen und tragen. Ein solches Bild kann als ein sehr starker Anker wirken und bleibt oft über Monate, oft sogar Jahre präsent.

1.3.4 Welche persönliche Bedeutung haben das Bild und seine Elemente?

Das Persönlichkeits-Panorama ist eine Illustration des Selbstbilds, das wir für einen begrenzten Zeitraum aus dem Hintergrund unserer Aufmerksamkeit in den Vordergrund holen. Ein solches Bild setzt sich aus vielen verschiedenen Facetten zusammen, von denen manche vertraut erscheinen, andere neu und wieder andere vielleicht auch als überholt und „bereit fürs Archiv“. Im Gespräch mit Coachees bietet sich dafür als Metapher das Bild eines Mosaiks an. Als Coach könntest du es deiner Klientin folgendermaßen anbieten:

Das eigene Selbstbild ist wie ein Mosaik. Manche Steine erscheinen vielleicht schimmernder als andere, manche sind rund und glatt, manche haben Ecken und Kanten. Manche Mosaiksteine kommen vielleicht aus Phasen, in denen mein Leben nicht so einfach war. Manche glitzern und funkeln und sind mir im Moment besonders wichtig.

Bei einem Mosaik ist es faszinierend, wie wichtig der eigene Blickwinkel ist: Nah vor dem Bild sehe ich Details, einzelne Elemente, Vielfalt. Und sobald ich etwas zurücktrete, kann ich erkennen, welches größere Bild dargestellt wird. Dieses größere Ganze erschließt sich nicht aus der Betrachtung der Details, sondern aus dem Abstand.

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