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Sascha Rickhoff wächst in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Osnabrück auf. Seine Kindheit verläuft relativ normal, bis an seinem 10. Geburtstag sein Vater plötzlich ein anderer Mensch wird. Mehr und mehr beginnt dieser, mit seiner Macht und Gewalt den Rest der Familie zu tyrannisieren. Vor allem Sascha ist Opfer seiner Dominanz. In dieser ungleichen Auseinandersetzung entwickelt der Junge erstaunlichen Widerstand. Sein großes Ziel ist es, das 18. Lebensjahr und somit die Volljährigkeit zu erreichen, um sich dem verhängnisvollen Einfluss seines Vaters entziehen zu können.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Rolf Rötgers schreibt, malt, singt, musiziert und gestaltet seit seiner Jugendzeit. Er publizierte und illustrierte Bücher in den Genres Belletristik, Kinderbuch, Lyrik / Poesie, war Mitbegründer verschiedener Start-ups und entwickelte Spiele und neue Sportarten. In der Kultur- und Medienwerkstatt sowie im Musiclabel indigoteam veröffentlichte er eine Reihe von Alben in den Genres Chanson, Jazz, Experimental und Weltmusik, die er im eigenen Studio aufnahm.
Das Ende des Vaterlandes ist sein vierter Roman.
Mehr zum Autor finden Sie im Internet unter www.rolf-roetgers.net
Ich danke
Martina Mänz-Rötgers,
Oliver Bolten und Hubert Vorwerk
für Impulse, Korrekturen, konstruktive Kritik
und persönliche Meinungen.
Fehl am Platz
Paul
Geburtstage
Positionskämpfe
Kellerduell
Durchhalten
Übungen mit Gitarre und Beil
Die Ausbildung
Geheimnisse und Wunder
Besuch
Friedliche Zeiten
Heimkehr
Nur nicht wanken
Acht Jahre nach dem 10. Geburtstag
Neues Leben
Sterbenswörtchen
Gen Süden
Die Bucht
Auf der RE
Der Sprung über den eigenen Schatten
Aufgewachsen bin ich in Nemden, einem Ortsteil der Gemeinde Bissendorf im Landkreis Osnabrück. Das Dorf ist eigentlich ganz schön gelegen zwischen Wiehengebirge und Teutoburger Wald, wenn man es geographisch betrachtet. Aus psychologischer Sicht allerdings unheilvoll platziert mitten im Vaterland, also im Einflussbereich meines Erzeugers. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich genau aus diesem Grund nicht in Nemden gewohnt, sondern weit weg von meinem Vater, der an meinem 10. Geburtstag plötzlich ein anderer Mensch wurde. Ich wünschte mir damals oft magische Kräfte, mit deren Hilfe ich mir einen anderen Vater oder einen anderen Lebensort hätte herzaubern können. Schade, dass es solche Art von Magie nur in Büchern, Filmen und in der Phantasie gibt, obwohl mir die Magie an sich durchaus begegnet ist.
Ich heiße Sascha Rickhoff und wurde am 09. Juli 1960 in Osnabrück geboren. Als meine Mutter heiratete, war sie gerade einmal 18 Jahre alt und mit mir schwanger. Mein Vater war 10 Jahre älter und natürlich erfahrener. Ich nehme an, er hat sie mit Schmeicheleien und dem Vorspielen nicht vorhandener Charaktereigenschaften herumgekriegt. Er war ein Meister des Blendens, körperlich kräftig und von stattlicher Größe. Solange er seine Ziele noch nicht erreicht hatte, zeigte er sein wahres Gesicht ungern. War er sich jedoch sicher, dass man ihm nichts mehr anhaben konnte, ließ er seine Maske fallen. Diese Erkenntnis erlangte meine Mutter leider zu spät, also erst, nachdem wir bereits die Familie Ewald, Iris und Sascha Rickhoff bildeten.
Ich glaube, meine frühen Lebensjahre verliefen relativ normal. Wir wohnten in einem alleinstehenden Haus mit Garten und mein Vater besaß etwa vier Kilometer entfernt einen holzverarbeitenden Betrieb auf einem gepachteten ehemaligen Bauernhof. Er nannte seine Firma eine Tischlerei, obwohl dort keine Fenster, Türen, Treppen oder ähnliche Dinge gebaut wurden, sondern Zoobedarfsartikel wie Nistkästen für Papageien und Sittiche oder Vogelfutterhäuser für entsprechende Einzelhandelsgeschäfte. Mein Vater war auch nicht wirklich ein Tischler, wie man sich ihn vorstellt. Genau genommen war Holzverarbeitung gar nicht seine Passion. Er beherrschte zwar dieses Metier, aber eigentlich schlug in ihm ein Verkäuferherz. Er verfügte über ein angeborenes Vertretertalent und er konnte mit dieser Begabung fast jedem alles unterjubeln. Wenn er mich als Kind hin und wieder auf eine Geschäftsreise mitnahm, war ich tatsächlich beeindruckt von seinen Smalltalkfähigkeiten, mit denen er die Leute um den Finger wickelte. Er wurde in keinerlei Hinsicht von Hemmungen geplagt und bewegte sich souverän auf jedem erdenklichen Parkett, in der Dorfkneipe genauso selbstverständlich wie in der gehobenen Unternehmergesellschaft oder bei Behörden. Zuhause allerdings praktizierte er niemals Konversation. Dort verhielt er sich eher distanziert, behandelte meine Mutter und mich sachlich und setzte die allgemeinen Richtlinien innerhalb der Familie.
Unser Verhältnis war zwar nicht erwärmend, aber ich konnte mit den Gegebenheiten umgehen. Außerdem war er kein Dummkopf und in der Lage, auf hohem Niveau zu diskutieren. Solchen Zwiegesprächen war ich bereits in jungen Jahren zugetan. Die Gelegenheiten dazu werden später vermehrt auftreten, meine Begeisterung darüber wird jedoch gleichzeitig in dramatischer Weise abnehmen. Und es werden Fragen auftauchen, die ich nicht zu beantworten weiß. Unverständnis wird mein Leben durchziehen und ich werde für eine bestimmte Zeit all meine Unbeschwertheit verlieren. Aber so soll die Geschichte weder anfangen noch enden. Also lasse ich sie mit meiner Einschulung beginnen, einem durchaus wichtigen Tag, an dem sich entscheiden sollte, wer neben mir am Zweiertisch sitzt.
Als Paul mich fragte, ob ich mit ihm an einem Tisch sitzen wolle, antwortete ich mit einem unzweifelhaft einladenden "Ja!".
Ich mochte ihn, obwohl wir uns bis dahin nur ein paar Mal begegnet waren, entweder beim Schwimmen in der alten Sandkuhle oder während unsere Mütter einen kleinen Klönschnack im Dorfladen hielten. Paul kam vom Bauernhof Horstmann, der gerade einmal einen Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag. Er war genauso alt wie ich, aber deutlich kräftiger und größer, nicht aufdringlich, nicht frech, sondern auf eine natürliche Weise freundlich, respektvoll und achtsam. Auch seine Schwester Anna, die nur ein Jahr jünger war und die ich bald kennenlernen sollte, mochte ich von Anfang an. Später verliebte ich mich sogar in sie. Im Grunde gefiel mir die ganze Familie besser als meine eigene.
Seit dem Tag unserer Einschulung bin ich mit Paul befreundet. Wir spielten fast täglich zusammen draußen in den Wäldern, tobten bei ihm über dem Kuhstall auf dem Heuboden, halfen die Tiere zu füttern oder machten gemeinsam Hausaufgaben. Paul war schon als Kind voller Engagement Landwirt. Natürlich würde er einmal den Hof seiner Eltern übernehmen, daran gab es von keiner Seite Zweifel. Er wusste bereits mit sieben Jahren, welchen Beruf er ausüben und wie seine Zukunft aussehen sollte. Und diese Aussicht gefiel ihm. Dafür brauchte er kein Abitur. Es genügten die Erfahrungen, die er vor Ort machte, die tägliche Arbeit mit den Tieren, auf den Feldern und Wiesen, und das Wissen, das ihm seine Eltern vermittelten. Unsere gemeinsame Schulzeit beschränkte sich deshalb auch auf die vier Grundschuljahre, denn danach wechselte ich zum Gymnasium nach Osnabrück, während Paul die Mittelpunktschule in Bissendorf besuchte. An unserer Freundschaft änderte das nichts.
Paul tat sich schwer in der Schule. Theoretisches Lernen war nichts für ihn, Fächer wie Mathematik zu abstrakt. Sich Dinge in der Phantasie vorzustellen, die in der Realität nicht greifbar erschienen, das war ihm nicht gegeben. Die Verhaltensweisen von Schweinen zu beobachten, die Entwicklung des Wetters vorherzusagen oder das Wachsen des Getreides zu deuten, das war seine Welt. Darin war er gut.
Er litt zudem an einer Lese-Rechtschreibstörung, also einer Krankheit, die man zur Zeit unserer Kindheit nicht als solche wahrnahm. Deshalb wurden die betroffenen Schüler gerne als faul und dumm gebrandmarkt. Heute vielleicht auch noch an den Orten, wo die Welt einfältig geblieben ist, wo die Menschen verständnislos sind, weil es ihnen an Verstand mangelt. Dabei könnten es mittlerweile alle besser wissen, wenn sie es nur wollten.
Ich kann mich noch an unser erstes kleines Diktat erinnern, das wir schreiben mussten und am nächsten Tag von unserem Klassenlehrer Herrn Schulze zurückbekamen. Er lobte die guten Schüler und ermahnte die schwächeren zu mehr Fleiß. Pauls Arbeit hielt er als letzte in den Händen, schaute überheblich auf ihn herab und sagte: "Und nun zu dir, Paul. - Habe ich wirklich so undeutlich diktiert? Hast du vielleicht Dreck in deinen Ohren und kannst mich deshalb nicht verstehen? Oder bist du einfach nur viel dümmer als all die anderen?"
Ich bekam eine Gänsehaut und konnte mir nicht erklären, was plötzlich in unseren Lehrer gefahren war. Warum verhielt er sich so unfreundlich Paul gegenüber? Was hatte der verbrochen? - Herr Schulze klärte uns auf.
"Paul, stell dich bitte einmal hin."
Paul erhob sich.
"Seht euch diesen großen Jungen an. Kräftiger als alle hier in seinem Alter, aber dumm wie Stroh. Ich lese euch jetzt sein Diktat vor, damit ihr wisst, was dieser Bursche mir zumutet. Also aufgepasst! - ch bn Schü lla ds er Schuh leh. U sa leerer eiß rr Schults. M in naa me st Paul."
Herr Schulze las den Text genau so vor, wie Paul ihn geschrieben hatte. Einige Schüler kicherten. Paul stand da, regungslos, die Augen starr auf seinen Lehrer gerichtet.
"Na, Paul, was sagst du zu deiner Arbeit?"
Er sagte nichts. Er weinte, ohne eine Träne zu vergießen. Ich sah das. Herrn Schulze war es egal. Er fühlte sich erhaben.
"Paul redet nicht mehr mit mir. Schreiben kann er nicht, und nun hat er auch noch das Reden verlernt. - Was du hier aufs Papier gebracht hast, das ist nicht das, was ich dich gelehrt habe. Das ist kein Deutsch. Das ist Entenplatt. Bist du eine Ente, Paul?"
Er schwieg. Hielt den Kopf nun gesenkt.
"Es gibt nur ein einziges Wort, das du richtig geschrieben hast. Deinen eigenen Namen. Meinen dagegen hast du falsch geschrieben. - War das Absicht? Willst du mich beleidigen? Ich werde dir solch ein Verhalten nicht durchgehen lassen. Du stellst dich jetzt zur Strafe 15 Minuten in die Ecke. Mit dem Gesicht zur Wand. Und beim nächsten Diktat wirst du dich mehr anstrengen. Ich bin ein guter Lehrer und ich erwarte gute Schüler. Hast du mich verstanden!?"
Paul schlich ohne zu antworten in die Ecke des Klassenzimmers. Und dann sprach Herr Schulze mich an.
"Sascha, möchtest du weiterhin neben Paul sitzen? Du hattest keinen Fehler in deinem Diktat."
Ich verstand den Zusammenhang nicht und sah fragend zu ihm hoch.
"Ich möchte nur verhindern, dass Pauls Dummheit abfärbt und du auch irgendwann Entenplatt schreibst."
Diese Gefahr sah ich überhaupt nicht und anwortete: "Ich möchte neben Paul sitzen."
"Na, meinetwegen! Wir werden sehen, wie sich das auswirkt."
Ich mochte die Situation so nicht stehen lassen und wollte unbedingt noch etwas Gutes über Paul sagen. Mir fiel in der Aufregung jedoch nur folgender Satz ein: "Paul kennt sich super aus mit Schweinen."
Der Lehrer glotzte einen Moment irritiert, bevor er erwiderte: "Dann ist er vielleicht im Schweinestall besser aufgehoben als in der Schule."
Von diesem Tag an mochte ich Herrn Schulze nicht mehr. Es gab auch keinen Grund, denn nach jedem Diktat wiederholte er die grausame Zeremonie mit Paul. Vier Jahre lang. Und ganz zum Schluss, am Ende der Grundschulzeit, als Herr Schulze uns an die weiterführenden Schulen verabschiedete, da hielt er noch einmal eine große Rede. Dabei sprach er viel über sich selbst. Dann wandte er sich an mich und stellte mir völlig überraschend folgende Frage: "Sascha, du warst der beste Schüler der Klasse und wirst nach den Ferien aufs Gymnasium gehen. Deshalb stelle ich dir zum Abschluss eine letzte Frage, und ich hoffe, du enttäuschst mich nicht. Kannst du uns sagen, was das Wichtigste war, dass du in deiner bisherigen Schulzeit gelernt hast?"
Normalerweise wäre mir so völlig unvorbereitet keine angemessene Antwort eingefallen. Mit anderen Worten: Ich hätte Herrn Schulze also tatsächlich enttäuschen müssen. Aber ein glücklicher Zufall half mir aus der präkeren Lage, denn ein paar Tage zuvor hatte uns unangemeldet mein Großonkel mütterlicherseits besucht, der an der Universität in Münster lehrte. Ich verstand nicht, warum mein Vater über diesen Besuch verärgert war und sich auch demonstrativ so verhielt. An meinem Großonkel Friederich prallte das jedoch einfach ab. Zumindest ließ er sich nichts anmerken. Er war sehr freundlich zu mir. Ein gebildeter Mann, der geduldig zuhören konnte, und der es mir leichtmachte, mich lange und völlig ungezwungen mit ihm zu unterhalten. Ihm hatte ich die Geschichte von Paul anvertraut. Und aus diesem Grund besaß ich jetzt eine passende Antwort für Herrn Schulze.
"Wissen Sie, was Herr Friederich Spiekermann, Professor für Deutsch und Geschichte an der Universität in Münster, mir vor ein paar Tagen erzählt hat?"
Mein Lehrer sah mich mit großen Augen an und gab mir eine Frage zurück: "Du kennst einen Professor?"
"Er ist mein Großonkel. Und er hat mir versichert, dass es das Wort Entenplatt gar nicht gibt. Das ist das Wichtigste, was ich in den vergangenen vier Jahren gelernt habe."
Anschließend stand ich am letzten Tag meiner Grundschulzeit zum ersten Mal selbst in der Ecke des Klassenraums. Allerdings mit einem guten Gefühl. Und ich hörte in meinem Rücken, dass Herr Schulze plötzlich rief: "Paul, du setzt dich sofort wieder hin."
Der tat das anscheinend nicht.
"Paul, geh augenblicklich zurück auf deinen Stuhl."
Doch der stellte sich einfach neben mich. Ich nahm wahr, dass unser Lehrer aufgeregt durch die Reihen preschte, wendete meinen Kopf ein wenig und sah, wie Herr Schulze seine rechte Hand auf Pauls linke Schulter legte und ihn herumriss.
"Du tust auf der Stelle, was ich dir sage!"
Paul war mittlerweile 150 cm groß. Das war sehr ungewöhnlich für einen 10-Jährigen. Und jetzt stand er ganz aufrecht und sprach vollkommen ruhig nach vier Jahren konsequentem Schweigen: "Es gibt gar kein Entenplatt."
Dann drehte er sich wieder um zu mir. Wir grinsten uns an und fixierten zufrieden und erhobenen Hauptes gemeinsam die kahle Wand. Herr Schulze war sprachlos.
Ich entdeckte recht früh ein paar Talente in mir, aus denen dann Neigungen hervorgingen. Vielleicht war es auch umgekehrt, und meine Neigungen förderten die Talente. Solcherlei verstrickte Verhältnisse sind schwer zu differenzieren. Dafür könnte es einen simplen Grund geben, nämlich die Vermutung, dass man bestimmte Dinge gar nicht wissen muss, um mit sich selbst in Einklang zu sein. Es reicht völlig, sie zu fühlen und diesem Gefühl dann zu vertrauen. Auf ähnliche Art und Weise gelangte ich auch zu dieser Erkenntnis ... und zu einem Musikinstrument.
Paul ist drei Wochen vor mir geboren. Er bekam von seiner Familie zu seinem 10. Geburtstag eine Konzertgitarre geschenkt und war so verblüfft, dass er erst einmal schwieg. Seine Eltern, auf ein positives Feedback für ihren ungewöhnlichen Coup hoffend, verbuchten diese Wortlosigkeit voller Optimismus als Überraschungserfolg. Aber es war nur eine falsche Interpretation. Denn als ich meinen Freund an dem Tag besuchte und wir zu zweit in seinem Zimmer saßen, hielt er mir das Instrument hin und sagte: "Ich versteh das nicht."
Ich sah ihn fragend an.
"Was soll ich mit einer Gitarre?", untermauerte er seine Aussage.
Mir fiel nur eine Antwort ein: "Üben!"
"Würde dir das Spaß machen?"
Ich nahm das Instrument in die Hände, noch reichlich ungeschickt und nicht so, wie man eine Gitarre hält, um sie zu spielen. Aber ich sagte voller Überzeugung: "Ja!"
"Dann gehört sie jetzt dir", entgegnete Paul ohne zu zögern.
"Das kannst du nicht machen, Paul. Die werden sich was dabei gedacht haben."
"Ich glaube nicht. Und wenn, dann waren es nicht die richtigen Gedanken."
"Trotzdem! Sehr wahrscheinlich wollten dir deine Eltern damit ein ganz besonderes Geschenk machen."
"Ein Schwein wäre mir lieber gewesen. Oder ein paar neue Hühner", entgegnete er trocken.
"Sie werden enttäuscht sein, wenn du es nicht wenigstens versuchst."
Paul atmete schwer ein und aus.
"Na gut! Ich werde so tun, als würde ich es drei Wochen lang versuchen. Dann hab ich mich bemüht. Und zu deinem Geburtstag schenke ich sie dir. Bis dahin werden sie mich verstehen. Sie mögen dich, Sascha. Wenn du die Gitarre gut findest, werden sie zufrieden sein."
"Ich will die nicht umsonst haben. Die ist viel zu wertvoll. Ich helfe euch auf dem Hof, bis ich sie abgearbeitet habe."
Paul lächelte erleichtert.
"So machen wir das!"
Ich lächelte glücklich. Von einer eigenen Gitarre hatte ich bis dahin nicht einmal zu träumen gewagt.
Und dann kam er, der Tag, der alles veränderte. Ich wurde zehn Jahre alt. Es war ein früher Sonntagmorgen, als Paul an der Tür klingelte und mir die Gitarre brachte. Ich war außer mir vor Freude, während mein Vater die Geschehnisse mit kritischen Blicken verfolgte. Das nahm ich in dem Moment aber nur latent wahr. Erst, als ich ihm später begeistert die Geschichte erzählte, über die das Instrument seinen Weg zu mir gefunden hatte, bemerkte ich seine Missgunst. Heute bin ich mir sicher, dass es noch weitere, ähnlich gelagerte Intentionen gab, aus denen sich eine graue Mischung von unangenehmen Gefühlen zusammenbraute. Ob mein Vater sich seines Zustandes bewusst war oder ob ihn die Emotionen einfach nur übermannten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sein neues Verhalten auf erschreckend schnelle Weise chronisch wurde. Aus irgendeinem Grund machte er mich wohl für seinen seelischen Status verantwortlich, also war ich schlussfolgernd auch das Ziel seiner Kompensationsbemühungen. Das ist zumindest mein Erklärungsversuch für sein Gebaren. Zufriedenstellend auseinandersetzen konnte ich mich mit ihm darüber nie.
Jedenfalls wurde mir ziemlich schnell klar, was er von Pauls Geburtstagsgeschenk hielt: nicht viel! Dass ich für ein bisschen Gitarrengeklimpere freiwillig auf Horstmanns Bauernhof arbeiten wollte, gefiel ihm noch weniger.
"Wenn du unbedingt eine Beschäftigung suchst, kannst du auch bei mir arbeiten!", stellte er fest und hielt anschließend noch einen pathetischen Vortrag darüber, dass materielle Dinge leider in der Gesellschaft völlig überbewertet würden. Deshalb habe er auch ein Geschenk für mich, das nicht gegenständlich sei und mit dessen Hilfe ich etwas lernen würde. Das gebe es aber erst am Abend. So lange müsse ich mich halt gedulden.
Mittlerweile wirkte er wieder sachlich distanziert, so wie ich ihn seit jeher kannte. Von seiner Ansprache hatte ich nicht die Bohne verstanden, schließlich war ich gerade erst zehn Jahre alt geworden. Neugierig war ich allerdings schon, welch ominöses Geschenk sich hinter seinem Geschwafel verbarg. Es wurden meine letzten Stunden kindlicher Unbekümmertheit.
Ich möchte an dieser Stelle ebenfalls erwähnen, dass mein Vater manchmal Akkordeon spielte, genauer gesagt einmal im Jahr am Heiligen Abend nach Überschreiten eines bestimmten Alkoholpegels. Dann griff er zur Quetschkommode und nahm uns als Geiseln. Während wir wortlos und gebannt (zumindest erweckten wir für ihn den Anschein) seinen Sehnsuchtsliedern lauschten, wurde er immer rührseliger, bis er schließlich in Tränen ausbrach. Dann erzählte er von seiner schlesischen Kindheit, der Flucht und dem Krieg. Für mich waren das abstrakte Geschichten. Ich konnte mir weder unter Schlesien noch Flucht oder einem Krieg etwas vorstellen. Aber da es der einzige Tag im Jahr war, an dem mein Vater Gefühle zeigte, besaß das Ereignis eine gewisse Faszination.
Meine Mutter kochte mir zum 10. Geburtstag übrigens mein Lieblingsgericht. Hühnchenfleisch in Tomatenreis. Klingt nicht spektakulär, ist es aber.
Auf der vermeintlich materiellen Ebene ging es bei uns recht bescheiden zu. Was mein Vater mit seinem Betrieb verdiente, war ein großes Geheimnis für den Rest der Familie. Meine Mutter erhielt von ihm sehr verlässlich äußerst knappes Haushaltsgeld und musste damit irgendwie über die Runden kommen. Deshalb arbeitete sie ein paar Stunden pro Woche bei einer wohlhabenderen Familie und ergänzte so ihr mageres Budget.
Erst durch eine spätere Begebenheit wurden diese Umstände einmal zum Thema zwischen meinen Eltern. Dazu sollten Sie wissen, dass die Einrichtung unseres Hauses ausschließlich aus gebrauchten Möbeln bestand, die mein Vater bei obskuren Deals irgendwelchen Leuten abgeschwatzt hatte. Es war ihm egal, ob sie uns gefielen. Er selbst betrachtete Dinge ausschließlich funktionell.
Meine Mutter hätte aber auch gerne mal etwas Neuwertiges gehabt, etwas reell Gekauftes und selbst Erwähltes, dem eigenen Geschmack entsprechend. Also bewahrte sie heimlich von ihrem Zuverdienst immer einen kleinen Anteil auf, fünf Jahre lang. Davon kaufte sie eines Tages fürs Wohnzimmer einen überwiegend in Rot geknüpften Orientteppich, ließ sich den anliefern und hineinlegen. Als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam und das fremde Utensil entdeckte, wollte er unverzüglich wissen, woher es kommt.
Und meine Mutter antwortete: "Den habe ich gekauft."
"Von welchem Geld?"
"Ich habe fünf Jahre lang gespart."
"Mit anderen Worten, du hast jeden Monat etwas übrigbehalten. Dir geht es zu gut, Iris. Ich werde das in Zukunft berücksichtigen und dir das Haushaltsgeld kürzen. - Glückwunsch zu deinem Teppich."
Seitdem kaufte meine Mutter nie wieder neue Einrichtungsgegenstände. Ihrem Mann kamen all die Umstände sehr wahrscheinlich sogar entgegen, weil ihm dadurch von seinen Einnahmen mehr übrigblieb. Die benötigte er nach meiner damaligen Auffassung vorzugsweise für ca. 80 Zigaretten pro Tag sowie für seine Kneipengänge. Öffentliches Saufen war für ihn eine sinnvolle Investition, denn an irgendeinem Ort mussten geschäftliche Kontakte schließlich geknüpft werden.
Als es an meinem 10. Geburtstag Abend wurde, spürte ich eine mich erfassende Erregung. Die Andeutungen meines Vater waren so geheimnisvoll gewesen, dass ich weder eine Ahnung noch eine Vorstellung von dem entwickeln konnte, was er sich für mich ausgedacht hatte. Kurz vor 18 Uhr kam er zu mir, drückte mir zwei Mark in die Hand und überreichte mir eine Aluminium-Milchkanne mit aufsetzbarem Deckel und einem Henkel aus Draht mit Holzgriff.
