Das Erbe der Kaffeeprinzessin - Karin Engel - E-Book
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Das Erbe der Kaffeeprinzessin E-Book

Karin Engel

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Beschreibung

Teresa hat von ihrer Mutter Felicitas, die in Bremen nur die »Kaffeeprinzessin« genannt wird, nicht nur die leuchtend blauen Augen geerbt, sondern auch deren Willensstärke und Durchsetzungsvermögen. Beide Eigenschaften hat sie dringend nötig, als nach dem Krieg die Villa der Familie von den Engländern besetzt wird. Teresa steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, das Erbe der Kaffeedynastie Andreesen weiterzuführen. Manchmal möchte sie schier daran verzweifeln, doch sie lässt sich nicht unterkriegen. Als ihr Weg sie nach Brasilien führt, in jenes Land, für das ihr Herz schon seit jeher schlägt, trifft sie dort ihren Geliebten Pedro wieder, den sie nie vergessen hat …

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Karin Engel

Das Erbeder Kaffeeprinzessin

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Teresa hat von ihrer Mutter Felicitas, die in Bremen nur die »Kaffeeprinzessin« genannt wird, nicht nur die leuchtend blauen Augen geerbt, sondern auch deren Willensstärke und Durchsetzungsvermögen. Beide Eigenschaften hat sie dringend nötig, als nach dem Krieg die Villa der Familie von den Engländern besetzt wird. Teresa steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, das Erbe der Kaffeedynastie Andreesen weiterzuführen. Manchmal möchte sie schier daran verzweifeln, doch sie lässt sich nicht unterkriegen. Als ihr Weg sie nach Brasilien führt, in jenes Land, für das ihr Herz schon seit jeher schlägt, trifft sie dort ihren Geliebten Pedro wieder, den sie nie vergessen hat …

Inhaltsübersicht

Prolog

TEIL I

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

TEIL II

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

Alle Ereignisse, mit Ausnahme [...]

Prolog

1956

Niemand nahm von dem neunjährigen Kind, das an diesem späten Sonntagnachmittag auf einem weißen Pony am Ufer der Weser entlangtrabte, Notiz. Nur hier und da streifte es ein Blick, flogen ihm ein paar stumme Fragen hinterher. Aber an heißen Sommertagen wie diesem, da platinblonde Damen ihre perlmuttfarbenen Königspudel am Osterdeich spazieren führten, halbstarke Jungs im Gras lagen, sich gegenseitig in die Rippen pufften und den Mädchen in den schwingenden Petticoats hinterherpfiffen und Ehepaare im Sonntagsstaat gemessenen Schritts ihren Wohlstand zeigten, galten das Pony und seine Reiterin nur als ein Requisit mehr in dem Reigen der Indizien, die in der Summe den Beweis erbrachten, dass man wieder wer war in Deutschland.

Der Wind kitzelte schwarz schimmernde Locken aus Luizas streng geflochtenen Zöpfen und trocknete die feinen Schweißperlen auf Nase und Stirn. Das hellblaue Samtkleid war völlig ungeeignet für einen Ausritt und viel zu warm für die Jahreszeit, doch sie liebte den leuchtenden Stoff, weil er genau der Farbe ihrer aquamarinblauen Augen entsprach und damit, so meinte sie, von ihren dunklen Haaren und der Haut ablenkte, die gerade noch als gebräunt durchgehen mochte.

Als sie den Hafen erreichte, schlug ihr Herz schneller. Sie zügelte das Pony, saß ab und wartete im Schatten eines Reederei-Gebäudes, dass der Strom der Arbeiter, der zwischen den Schiffen und den Speichern hin und her wogte, abriss. Sachte legte sich die Dämmerung über das geschäftige Treiben, und schließlich läutete eine Schiffsglocke den frühen sonntäglichen Feierabend ein. Nach einer halben Stunde waren auch die letzten Schritte verklungen, und Luiza führte das Pony am Zügel.

»Psst, Komet«, wisperte sie und legte den ausgestreckten Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen. »Wir müssen ganz leise sein.«

Das Pony wackelte mit den Ohren, und Luiza war überzeugt, dass es sie verstanden hatte. Es war ihr einziger Freund, neben den Elfen natürlich, und verstand sie eigentlich immer. Als sie den ersten der Speicher erreichten, die ihrer Mutter gehörten, fingerte sie einen Schlüssel aus einer der Satteltaschen und steckte ihn ins Schloss der Seitentür, die leise aufglitt. Rabenschwarze Dunkelheit schlug Luiza entgegen, und sie biss sich auf die Lippe. Was sollte sie jetzt nur tun? Ihr schöner Plan zerrann mit den Tränen, die ihr über die zarten Wangen liefen. An alles hatte sie gedacht, nur nicht daran, eine Taschenlampe oder wenigstens eine Kerze und Zündhölzer mitzunehmen. Doch ohne einen Funken Helligkeit würde sie oder schlimmer noch Komet zwischen all den Kaffeesäcken stürzen. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als zur Villa zurückzureiten und ihre Schätze vor Maries und Susannes neugierigen Blicken zu verbergen, damit sie sie ihr nicht wegnahmen.

Gerade als sie wieder aufsitzen wollte, fiel ihr Blick auf die Schiffe, deren Ladungen vorhin gelöscht worden waren. Der geschwungene Schriftzug am Bug des einen ließ Luiza wie elektrisiert innehalten – Brasilia. Sie schluckte und schlang die Arme um den Hals des Ponys. Sie würde das Liebste verlassen müssen, das sie hatte. Mit der Ernsthaftigkeit einer Neunjährigen erkannte sie, dass der Preis zwar hoch war, aber nicht zu hoch im Vergleich zu dem, was sie verlieren würde, wenn sie diese Chance nicht ergriff. Und Komet würde sie gewiss verstehen. Sie küsste ihn auf die Nüstern, dann nahm sie die Satteltaschen von seinem Rücken und schlich zur Gangway.

 

Wenn Anita Lindström lächelte, formten sich ihre Wangen zu zwei prallen Bäckchen, die wie aufgepumpt aussahen und Gefahr liefen, die Unterlider ihrer rehbraunen Augen zu zwei Wülsten zu quetschen, wenn sie nicht durch Anitas erstaunliche mimische Disziplin daran gehindert wurden. Schon als Teenager hatte sie durch stundenlanges Training ihr Lächeln in das Format gezwungen, das Gesundheit und süße Unschuld ausstrahlte und ihr heute gutes Geld einbrachte. Sie war blond, fünfundzwanzig Jahre alt, trug die Haare wie Maria Schell und hatte schon in drei Reklamefilmen reüssiert. Genau die Richtige also.

Anita starrte in die Kaffeetasse, nahm vorsichtig einen Schluck und ließ dann dieses Lächeln sich über die ganze Szenerie legen wie ein Sonnenstrahl.

»Dieses Aroma! O Liebling, von heut an gibt es für dich …« – hier senkte sie die Stimme eine Nuance und sah ihrem Schauspielerkollegen Sebastian Lambard kokett in die Augen – »… für uns … nur noch AnKa. Andreesen-Kaffee – der sanfte Genuss.«

»Und Schnitt! Danke schön, ihr beiden. Zehn Minuten Kaffee … Verzeihung, AnKa-Pause.«

Die Beleuchter lachten beifällig über den Kalauer, schalteten auf Pausenlicht und kletterten von ihren Hochsitzen hinunter in die Halle. Die Maskenbildnerin schlenderte zu Anita und Sebastian hinüber und begutachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen das Make-up der beiden. Die Requisiteurin rückte die Kaffeetassen auf dem hellblauen Nierentisch wieder zurecht, pustete ein imaginäres Staubkörnchen von der schimmernden Resopalfläche und zupfte pro forma an den drei rosa Nelken in der schmalen Tütenvase herum. Der Kameramann zündete sich eine Zigarette an und schaute zu Niklas Fischer hinüber.

»Blau ist blöd«, raunte er ihm zu, als der Regisseur an ihm vorbei auf eine Frau in einem gepunkteten dunkelroten Seidenkostüm zuging. »Die Farbe lässt die Gesichter wie Milch und Spucke aussehen.«

»Dann mach was mit dem Licht«, brummte Niklas zurück.

Der Kameramann hob die Hände. »Schon gut, schon gut, man wird doch noch mal was dazu sagen dürfen …«

Niklas ignorierte ihn. »Teresa, wir müssen darüber reden.«

»Wenn es etwas Neues ist, gern. Wenn du mir allerdings nur die üblichen Vorhaltungen machen willst, können wir uns das sparen.«

Niklas ließ sich auf den mit Leinen bespannten Regiestuhl neben ihr fallen. Der Stoff knarzte im Duett mit Niklas’ Knien, und Teresa warf ihm einen besorgten Blick zu. Niklas war nicht mehr der Jüngste, aber er war einer der Besten der Branche. Er beugte sich vor, stützte die Unterarme auf die Oberschenkel und legte die Fingerspitzen wie zu einem lässigen Gebet zusammen.

»Bist du sicher, dass du das so haben willst? Diese klebrige Süße, dieses verlogene Getue? Alle tanzen den Tanz um das Goldene Kalb namens schöne heile Welt. Aber du?«

»Niklas, bitte! Das haben wir doch schon zigmal durchgekaut. Ja, ich will es so. So und nicht anders.«

»Darf ich dich daran erinnern, dass deine Mutter Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet hat? Sie war die Erste, die der Werbung nicht die Authentizität geopfert hat …«

»Ich weiß«, sagte Teresa ungeduldig.

Sie kannte all die Geschichten, die sich um Felicitas Andreesens sensationellen Dokumentarfilm rankten, den sie mit Niklas und Steffen Hoffmann, Teresas Stiefvater, in Brasilien auf der Plantage von Terra Roxa gedreht hatte. Felicitas hatte damals, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, den Weg der Kaffeekirsche vom Baum in der Hochebene von São Paulo über ihre Metamorphose zur gerösteten Bohne bis in die deutsche Kaffeekanne verfolgt und darauf bestanden, alles zu zeigen und kaum etwas zu beschönigen – die Hitze, die über den Feldern lag wie irisierendes Gold, und den Schweiß, der die Blusen der Frauen tränkte und die Rücken der Männer glänzen ließ, flinke dunkelbraune Hände, die mit traumwandlerischer Sicherheit die reifen roten Kaffeekirschen pflückten und die grünen verschonten, muskulöse Arme, die mit hölzernen Rechen die in der Sonne ausgelegten Früchte wendeten und sie zur Nacht mit Planen bedeckten, damit kein Tautropfen sie erneut benetzte. Felicitas hatte selbst durch den Film geführt, der in vielen deutschen Kinos als Vorprogramm gelaufen war und ihr und Andreesen-Kaffee ungeheure Popularität geschenkt hatte.

»Meine Stiftung …«

»Damit wirbst du aber nicht.«

»Und du scheinst vergessen zu haben, dass Mutter auch andere Reklame betrieben hat. Glamouröse Auftritte von Schauspielerinnen …«

»Durchaus nicht«, unterbrach Niklas sie, »aber erinnere dich, dass ihr Text ›Andreesen-Kaffee – genießen mit gutem Gewissen‹ lautete und darauf hinwies, dass Felicitas sich für die faire Entlohnung der Plantagenarbeiter eingesetzt hat. Das hier«, er lehnte sich zurück und breitete resigniert die Arme aus, »hätte sie nicht gutgeheißen.«

»Doch, das hätte sie«, beharrte Teresa und blitzte Niklas aus aquamarinblauen Augen an. »Die Zeiten haben sich geändert, und dieser Tatsache hätte Mutter sich gewiss nicht verschlossen. Und selbst wenn – ich leite jetzt das Werk, und ich entscheide. Du weißt ebenso gut wie ich, dass man heute keinen Blumentopf gewinnen kann, wenn man die Dinge zeigt, wie sie sind. Sollen wir Anita Lindström etwa sagen lassen, dass ein Pfund Bohnenkaffee dreizehn Mark fünfzig kostet und Otto Normalverbraucher dafür elf Stunden arbeiten muss? Sollen wir zeigen, wie die brasilianische Regierung Tausende Tonnen Kaffeebohnen bei Santos ins Meer schütten lässt, nur um den Preis stabil zu halten?« Niklas schwieg, und Teresa fügte hinzu: »Der Fernseher trägt das gute Leben in die Wohnstuben, eines, wo es kein Gestern gibt, dessen man sich schämen müsste. Statt Kaffee zu trinken und sich zu unterhalten und dabei zu riskieren, auf Abgründe zu stoßen, wollen die Menschen sehen, wie andere Kaffee trinken und sich unterhalten und das Wirtschaftswunder genießen.« Sie machte eine Pause. »Wenn du aussteigen willst …«

Niklas schüttelte den Kopf. »Nein, keine Sorge. Ich habe dir mein Wort gegeben, aus alter Verbundenheit.«

Teresa sprang auf und küsste ihn leicht auf die Wange. »Danke dir. Wir sehen uns morgen. Und grüß Diana Landauer von mir«, sagte sie lächelnd.

Anerkennende Blicke folgten ihrer grazilen Gestalt, die schnellen Schrittes die Halle durchquerte, gerade so, dass es beschäftigt und nicht nach Flucht aussah. Teresa winkte den Beleuchtern und den Schauspielern zu und brachte ein gelassenes Lächeln zustande, während sie innerlich bebte.

Brasilien, immer und immer wieder Brasilien. Konnte Niklas nicht einfach den Mund halten?

 

Die Uhr schlug zehn, als Teresa die weiße Villa an der Parkallee erreichte. Sie stellte ihren schwarzen Karmann Ghia neben Doras Mercedes, überlegte kurz, ob sie das Verdeck schließen sollte, ließ es aber bleiben. Die Nacht würde keinen Regen bringen, nur diamantene Sterne, mit denen der Himmel sich schmückte. Am Fuß der Marmortreppe, deren Stufen durch jahrzehntelanges Kommen und Gehen glatte Mulden in der Mitte aufwiesen, blieb Teresa einen Moment stehen und sog den Duft der späten Stunde ein, die nach Hitze und verblühenden Rosen roch. Die geschwungenen Bürgermeisterlampen ergossen ihr fahles Licht über Hainbuche und Lebensbaum, die das siebzehntausend Quadratmeter große Grundstück umfriedeten, und den samtgrünen Rasen, der sich den englischen Rosen zu Füßen legte. Teresa liebte das Haus, auch wenn es nur den wenigsten Menschen, die dort gelebt hatten, Glück gebracht hatte.

Kaum hatte sie die schwere Eingangstür geöffnet, stürzte Marie ihr entgegen, Susanne im Schlepptau.

»Teresa«, stieß Marie atemlos aus und fasste sich an die wogende Brust, »es ist … etwas passiert!«

»Beruhige dich doch, Marie«, entgegnete Teresa, ließ ihre Tasche fallen und nahm die alte Frau sanft bei den Schultern. Marie, seit einem halben Jahrhundert in Diensten der Andreesens und mittlerweile fast siebzig, durfte sich nicht aufregen. Das Herz wollte nach Auskunft des Arztes nicht mehr so recht. »So schlimm wird es doch nicht sein.«

»Doch«, sagte Susanne mit kaum verhohlener Sensationslust in den Augen. »Luiza ist fort.«

»O mein Gott!« Teresa erbleichte. »Habt ihr auch überall nachgesehen? In den Abseiten, im Keller, in den Ställen?«

»Natürlich, gnädige Frau«, antwortete Susanne mit einem Unterton von Gereiztheit.

Marie sah sie scharf an und ergänzte: »Nachmittags hat sie in ihrem Zimmer gespielt, später wollte sie Komet striegeln. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Doch als sie zum Abendessen nicht erschienen ist, haben wir das ganze Haus und den Garten auf den Kopf gestellt. Nichts. Dann haben wir versucht, Dora bei Christian zu erreichen, aber da hat niemand abgenommen. Schließlich haben wir die Polizei benachrichtigt …«

»Warum habt ihr mich nicht angerufen, um Himmels willen?«

»Haben wir«, sagte Marie gepresst. »Aber in diesem Filmstudio haben sie offensichtlich andere Dinge zu tun, als ans Telefon zu gehen.«

Teresa seufzte. Wäre sie nach dem Gespräch mit Niklas nur gleich nach Hause gekommen. Stattdessen war sie ziellos durch Bremen gefahren, um den Kopf freizukriegen. Sie schloss die Augen und versuchte, die Beklemmung, die sich um ihre Brust legte, zu ignorieren.

»Was sagt die Polizei?«

Marie blickte betreten zu Boden. »Dass sie nichts machen können. Noch nicht. Und dass es sich gewiss nur um einen Dumme-Mädchen-Streich handelt. Vielleicht hat sie ja auch nur Angst vor den Zeugnissen, meinte der Beamte. Wenn sie bis morgen früh nicht wieder aufgetaucht ist, sollen wir uns wieder melden. Der hat Nerven!«

»Hoffentlich ist sie mit niemandem mitgegangen«, raunte Susanne und schrie auf, als Marie ihr eine Kopfnuss verpasste. »Ist doch wahr!«, beharrte sie trotzig. »So ein kleines hübsches Ding ist doch leichte Beute für …«

»Du hältst jetzt besser den Mund!«, fuhr Teresa das Mädchen an. »Macht bitte Kaffee. Stark, mit viel heißer Milch. Ich muss nachdenken.« Sie wandte sich zum Wintergarten, überlegte es sich aber anders. Luizas Zimmer lag im ersten Stock. Einst hatte Felicitas es bewohnt und mit allerlei Theaterrequisiten aus dem Fundus des Schauspielhauses zu einer exotischen, aber gemütlichen Kulisse ausgestattet, in der sie das strenge Reglement, das früher in der Villa geherrscht hatte, vergessen konnte. Teresa hatte den ebenholzschwarzen Elefanten aus Tschaikowskys Ballett Der Nussknacker ebenso an seinem Platz gelassen wie die bunten Decken und die reich verzierte Truhe einer werkgetreuen Inszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail, doch mit einem weißen Bettchen, Mobiles mit Kasperlefiguren und weißen Phantasiepferdchen sowie einer Tapete mit rosa Röschen für ein mädchengerechtes Ambiente gesorgt.

Teresa stöhnte auf. Jagende Angst lähmte jeden klaren Gedanken, und mühsam versuchte sie, sich an die Hoffnung zu klammern, dass das Schicksal nicht so grausam sein konnte, ihr noch ein Opfer abzuverlangen. Ihr geliebtes Kind. Nein, es musste eine andere Erklärung geben.

Forschend blickte sie sich um. Nichts deutete darauf hin, dass etwas in ihrer Tochter vorgegangen war, das ihr, Teresa, verborgen geblieben war. Die Puppe, die sie so liebte, saß brav in ihrem mit kariertem Stoff bezogenen Kinderwagen, der Kaufmannsladen sah wie immer picobello aus, der kleine rote Arztkoffer mit dem weißen Kreuz auf der Vorderseite lehnte sorgsam verschlossen an Luizas Nachttisch, weil sie ihn stets griffbereit haben wollte, falls ihre Mutter, Komet oder Marie des Nachts krank werden sollten und ihrer Hilfe bedurften. Teresa lächelte wehmütig in sich hinein. Ihre kleine Tochter besaß das Herz einer Samariterin; keine Wespe durfte in ihrer Gegenwart getötet werden.

Nichts war anders als sonst. Zum ersten Mal jedoch fiel Teresa auf, wie aufgeräumt es aussah, vielleicht zu aufgeräumt für eine Neunjährige. Entsprach diese Ordnung Luizas Charakter, oder hielt man sie in der Schule dazu an? Teresa musste sich eingestehen, dass sie es nicht zu sagen vermochte.

Sie öffnete die Schreibtischschublade. Die Buntstifte lagen in Reih und Glied, daneben eine rote Mappe, in der Luiza ihre Zeichnungen aufbewahrte. Teresa schlug die Mappe auf und blätterte die farbenfrohen Seiten durch – braune Ponys mit zu kurzen Beinen und zu großen Ohren, eine Blumenwiese, in deren Mitte ein schiefes rotes Haus stand, mächtige Bäume mit wackligen Zweigen, an denen rote Früchte baumelten, ein lachender Mann, der mit ausgebreiteten Armen auf einem braunen Ballon saß, auf den mit ungelenken Buchstaben das Wort »Kaffee« geschrieben worden war, und schließlich ein Schiff mit roten Segeln, zwei Frauen an Bord, die größere mit gelbem, die kleinere mit schwarzem Haar, die einem Mann an Land zuwinkten.

Unschlüssig blieb Teresa stehen und starrte in den Raum, als würde ihr aus irgendeiner Ecke die Antwort auf ihre Frage entgegenwispern und sie hätte sie bislang nur überhört. Schließlich löschte sie das Licht.

Auf dem Weg in die Halle fiel ihr Blick auf den Stapel Post vom Sonnabend, den zu sichten ihr keine Zeit geblieben war, ebenso wenig wie für die zuoberst liegende Zeitung. Geistesabwesend nahm sie die Briefe und die Zeitung und wandte sich zum Wintergarten. Kaffeeduft erfüllte den mit Palmen, Kakteen und Peddigrohrmöbeln im Kolonialstil ausgestatteten Raum. Zu angespannt, um sich zu setzen, blieb Teresa stehen und nahm einen Schluck von dem starken Kaffee. Halb elf. Sie würde der Polizei jetzt Beine machen, und wenn sie den Polizeipräsidenten selbst aus dem Schlaf klingeln musste. Sie zog das Telefon näher zu sich heran, während ihr Blick über die erste Seite der Weser Nachrichten wanderte. In der Meldungsspalte ganz unten leuchteten ihr die schwarzen Buchstaben entgegen. »Willkommen in der Hansestadt« hieß die Rubrik, und darunter standen die Namen der Schiffe, die im Bremer Hafen festgemacht hatten – Señorita, ein Schoner aus Spanien, Annika, eine Viermastbark aus Dänemark, Brasilia, ein Kreuzfahrtschiff aus Brasilien …

Teresa hielt den Atem an. Eine Idee durchzuckte sie. Luizas Zeichnung … Konnte es sein …? Aber wieso …? Intuitiv wusste sie, dass ihre Ahnung sie nicht trog, und sie griff zum Telefon.

»Polizei Bremen!«, nuschelte eine Stimme desinteressiert in ihr Ohr.

»Teresa Andreesen«, sagte sie so ruhig wie möglich. »Verbinden Sie mich bitte mit dem zuständigen Beamten für … nun ja, ausgebüxte Kinder.«

Eine Stunde später klingelte es an der Haustür. Ein Polizist tippte sich an die Mütze und begrüßte Teresa lächelnd. Hinter ihm stand ein kräftiger braun gebrannter Mann in dunkelblauer Uniform und Kapitänsmütze, eine kleinlaute Luiza an der Hand. Grenzenlose Erleichterung durchflutete Teresa.

»Gott sei Dank«, murmelte sie, sank in die Knie und umarmte ihre Tochter. »Tu das bitte nie wieder, hörst du?«

»Guten Abend, gnädige Frau«, sagte der Mann mit der Kapitänsmütze mit hartem Akzent. »Mein Name ist Octavio da Silva, ich bin der Kapitän der Brasilia. Wir haben ihre Tochter unversehrt in einem der Rettungsboote gefunden. Weiß der Himmel, wie sie es geschafft hat, an den Wachen vorbeizukommen.«

»Ihr Tipp war goldrichtig«, sagte der Polizist. »Das nenne ich Mutterinstinkt. Das Pony gehört vermutlich auch der jungen Dame.« Lässig wies er auf seinen Kollegen, der Komet führte, die Satteltaschen über die Schulter geworfen hatte und die Villa abschätzig betrachtete.

Teresa nickte. »Marie, Susanne, schickt nach dem Stalljungen, er soll sich um Komet kümmern«, sagte Teresa leise und zu Kapitän da Silva gewandt: »Möchten Sie einen Moment hereinkommen?«

»Vielen Dank, das ist sehr freundlich, aber ich denke, Ihnen steht der Sinn jetzt nicht nach fremder Gesellschaft. Sie erreichen mich bis übermorgen im Hafen, falls Sie sich den Ort des Geschehens anschauen möchten.« Er zog eine Karte aus der Innentasche seiner Uniform. »Sie erreichen das Schiff unter dieser Nummer. Rufen Sie vorher kurz an, dann stehe ich Ihnen zur Verfügung.« Da Silva lächelte unergründlich, und tausend Fältchen legten sich um seine schwarzen Augen, die wie Onyx schimmerten. »Gute Nacht, Frau Andreesen.«

Der Kies knirschte, als die drei Männer die Auffahrt hinuntergingen. Der Stalljunge, mit offenem Hemd und barfuß, tauchte aus der Dunkelheit auf und stürzte auf Komet zu. »Das ist vielleicht ’n Ding«, rief er strahlend. »Und ich hatte schon Angst, dass ich das Gatter offen gelassen hab.« Er streichelte das Pony. »Jetzt gibt’s erst einmal eine Portion Hafer, hm? Hast Hunger, nicht wahr?« Leise auf das Tier einredend, verschwand der Junge mit ihm in Richtung der Stallungen.

Energisch wies Marie Susanne an, trotz der Wärme heiße Milch mit Honig zuzubereiten, falls das Kind sich eine Erkältung eingefangen hatte.

»Oder sonst was«, meinte Susanne. »Man weiß ja nie, was die aus dem Ausland hier einschleppen.«

»Susanne, rede keinen Blödsinn!« Teresa hatte es schon mehr als einmal bedauert, dass sie sich hatte breitschlagen lassen, Maries Nichte als Hilfe einzustellen. Susanne hielt sich für etwas Besseres und die Arbeit als Hausangestellte für unter ihrer Würde. Aber dieses Problem musste sie ein andermal lösen. Jetzt ging es einzig und allein um Luiza. Was mochte sie nur dazu getrieben haben, ihr geliebtes Pony allein zu lassen und sich auf ein Schiff zu stehlen? Wollte sie allen Ernstes nach Brasilien durchbrennen, um ihren Vater zu finden, von dessen Existenz sie nichts, absolut gar nichts wissen konnte? Und wenn ja, warum?

»Bist du böse, Mama?«, fragte Luiza und setzte sich auf den Rand ihres Bettes, als wollte sie gleich wieder flüchten.

»Nein. Ich möchte nur wissen, warum du fortgelaufen bist.«

Luiza seufzte und begann zu weinen. »Ich weiß nicht … Es hat mich so gezogen …«

Teresa nickte. »Was hast du denn alles mitgenommen auf deine große Reise?« Sicher war es klüger, sich auf Umwegen an Luizas Beweggründe heranzutasten.

Luiza schluckte und wischte sich die Tränen ab. »Die Elfen in den Kaffeetassen«, murmelte sie.

»Die Elfen?«

»Ja. Wenn du und Marie und Susanne Kaffee getrunken habt, dann sind sie unten am Boden, manchmal auch am Rand. Sie sehen ganz braun aus, aber das ist nur, damit sie nicht jeder sieht. Aber ich kann sie sehen, und sie erzählen mir Geschichten.«

»Ich verstehe«, sagte Teresa, die nichts verstand, aber spürte, wie wichtig die Elfen für ihre Tochter waren. »Was erzählen sie denn so?«

»Oh, das ist ganz verschieden. Lustige und traurige Sachen. Dass Susanne drei Kinder haben wird, aber keinen Mann. Dass Marie noch lange bei uns bleibt …«

»Und was noch?«

Luiza stockte. »Einmal haben sie mir gesagt, dass du Papa lieb hast und dass er gar nicht tot ist …«, flüsterte sie, den Blick gesenkt, »… und in Brasilien lebt. Und auf uns wartet … Und dass Esperanza heilen kann wie Anaiza …« Sie kletterte vom Bett, öffnete ihre Satteltaschen und wickelte zwei goldgefasste Kaffeetassen aus einem Handtuch. »Schau, das sind die Tassen …«

»Aber Kind, die sucht Marie doch schon seit Weihnachten!«

»Ich weiß«, entgegnete Luiza zerknirscht. »Aber in diesen Tassen waren die Elfen, die von Papa erzählt haben. Ich musste sie einfach behalten. Schau nur.« Sie hielt Teresa die beiden Tassen hin, in denen eine dunkelbraune Masse klebte. »Und Omas Talisman hab ich auch mitgenommen. Wenn ich ihn ans Ohr halte, spricht er zu mir. Aber ich verstehe die Sprache nicht.« Sie hielt Teresa die hölzerne Figur hin, die Felicitas vor fast fünfzig Jahren von Anaiza bekommen hatte. Anaiza … Manuel … Teresa hielt den Atem an. Was ging hier vor? Sie zwang sich, ruhig zu bleiben.

»Was meinst du, wollen wir erst einmal schlafen gehen? Die Elfen möchten bestimmt auch, dass das kleine Mädchen jetzt die Äuglein schließt und etwas Schönes träumt, nicht wahr?«

Luiza setzte sich auf, den Ausdruck einer geduldigen Erwachsenen in den aquamarinblauen Augen. »Mama, das sind keine Kindermärchen. Das sind meine Freunde. Sie hänseln mich nicht wegen meiner dunklen Haut. Sie verstehen mich. Ich suchte einen Ort, an dem sie sich wohl fühlen würden, und dachte, die Kaffeeschuppen im Hafen … Aber dann sah ich das Schiff …« Sie brach ab.

»Ist ja gut, meine Kleine. Jetzt schlaf ein wenig, einverstanden?«

Luiza nickte und schlüpfte unter die Daunendecke. Sie schlief ein, noch bevor Teresa das Licht gelöscht hatte. Marie kam ihr entgegen, die dampfende Milch auf einem Tablett, daneben zwei Kekse.

»Sie schläft schon«, sagte Teresa müde.

»Soll ich trotzdem …?«, fragte Marie und betrachtete die Milch zweifelnd.

»Ist schon recht. Gute Nacht, Marie.«

Langsam ging Teresa die Treppe hinunter, aufgewühlt und voller Schuldgefühle.

Was immer Luiza dazu befähigte, Dinge zu sehen und zu hören, die sie nicht wissen konnte, ängstigte sie nicht so sehr wie die Erkenntnis, dass sie, Teresa, ihrer Tochter einen Teil ihrer selbst vorenthalten hatte. Sie hatte sie mit Geschenken überhäuft, ihr das Wichtigste aber verweigert – die Wahrheit. Doch das Leben lässt sich nicht aussperren, es macht sich bemerkbar, irgendwie und irgendwann. Wenn sie ihrer Tochter helfen wollte, musste sie eine Entscheidung treffen.

TEIL I

1934–1939

 

1

Da vorn!« Der Pilot wies mit dem Kopf nach rechts, und Felicitas Hoffmann blickte von ihren Akten hoch in das unendliche Blau dieses Septembertages, das am Horizont schon in das elfenbeinerne Grau der sich ankündigenden Dämmerung sank.

Sie rutschte auf ihrem Sitz ein wenig nach vorn. Ganz gleich, wie oft sie diesen Anblick schon hatte erleben dürfen, genoss sie ihn doch jedes Mal aufs Neue.

Der Pilot grinste, und Felicitas lächelte zurück. Sie wusste, dass der junge Mann sie bewunderte. Nach ihrem ersten Flug hatte er anerkennend durch die Zähne gepfiffen und gemeint, die meisten Frauen würden sich zimperlich geben und kleine spitze Schreie ausstoßen, sobald er die Motoren startete. Doch Felicitas hatte sich weder von dem ohrenbetäubenden Lärm noch von der schwindelerregenden Höhe, die die zweimotorige Ju 50 erreichte, je ins Bockshorn jagen lassen. Zweimal im Monat flog sie morgens nach Hamburg oder Leipzig, nahm ihre geschäftlichen Termine wahr und kehrte abends wieder zurück.

Elegant glitt die kleine Maschine übers Blockland und das schwarzbunte Vieh auf den Wiesen, das gleichmütig weiterkaute, flog über die Vorstadt, in der die Arbeiter und Angestellten Bremens, auch die ihres Unternehmens, in engen Häusern mit akkurat gepflegten Vorgärten wohnten, über Schwachhausen, den Bürgerpark, die prächtige Parkallee, wo Felicitas und ihre Familie wohnten, und schließlich über den Kunstpark, der in ganz Deutschland berühmt war für seine architektonische Kühnheit und die Einzigartigkeit seines Konzepts, das ausschließlich Frauen ein Forum für ihre Kunst bot. Seit seiner Eröffnung vor fünf Jahren erfreute sich der Park zunehmender Beliebtheit bei den Bremern, vor allem aber bei Gästen aus dem ganzen Reich und dem angrenzenden Ausland. Hingerissen betrachtete Felicitas die Schauspielschule mit dem pagodenförmigen blauen Dach, das in der Sonne glänzte wie Lapislazuli, den Kreis der Ahornbäume, die ein Yin-Yang-Motiv bildeten, das man nur aus der Luft erkennen konnte, die anmutig fließenden Spazierwege, die die Ateliers der Künstlerinnen miteinander verbanden, und das mit Palmblättern gedeckte Plantagenhaus, in dem der Dokumentarfilm über die Herstellung von Kaffee gezeigt wurde, den Felicitas, Steffen und Niklas in Brasilien gedreht hatten. Nun gut, er passte nicht wirklich ins Konzept des Parks, aber Felicitas hatte nicht widerstehen können, ihrer originären künstlerischen Idee einen Platz zu geben, den ihr niemand streitig machen konnte. Bis auf das Reichskulturministerium. Um ihr Lebenswerk zu retten, hatte sie Zugeständnisse machen und einige Künstlerinnen vor die Tür setzen müssen, deren Exponate zu wild, zu fremd, zu abstrakt waren. Auch der verbliebene Rest konnte nicht unbedingt als vom »völkischen Geist« beseelt bezeichnet werden, alle schrammten sie haarscharf an dem Verdikt vorbei, das Goebbels für Kunst ersonnen hatte, die er nicht verstand – entartete Kunst. Wenn Felicitas an die vielen geflohenen deutschen Künstler dachte, wurde ihr übel vor Hass und Abscheu gegen das, was in Deutschland vorging. Sie verscheuchte den Gedanken und konzentrierte sich auf das Bild, das ihr zu Füßen lag.

Heinrich wäre so stolz auf sie. Damals, vor zwanzig Jahren, als die Vorstellung für dieses kühne Unternehmen sie wie eine Vision überfallen hatte, hatte er, der älteste Sohn der reichen Kaffee-Andreesens, nicht wirklich daran geglaubt, dass seine Frau, ein junges Ding, so einen Plan in die Tat umzusetzen imstande sein könnte. Sie war das verhätschelte Kind zweier Schauspieler, war zwischen Kulissen, Requisiten und abgegriffenen Rollenbüchern aufgewachsen und hatte ihren eigenen Traum von der Bühne für die Liebe zu Heinrich begraben. Um zur Überraschung aller ganz erstaunliche andere Talente zum Leben zu erwecken – Tatkraft und Entschlossenheit, taktisches Kalkül und die Härte, die es braucht, um ein Unternehmen dieser Größe im Griff zu haben.

Felicitas lächelte in sich hinein. Der Kaiser hatte nicht schlecht gestaunt, als sie ihm, hochschwanger, beim Festbankett im Bremer Rathaus vor der Toilette aufgelauert hatte, um ihm ihre Idee nahezubringen und sich seiner Unterstützung zu vergewissern. Ihre Schwiegermutter wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, aber Heinrich hatte sie bewundernd und verliebt angeschaut. 1913 … das Leben hatte seine strahlende, scheinbar unbesiegbare Pracht noch vor ihr ausgebreitet. So lange her …

Sanft setzte die kleine Maschine auf.

»Das war leider unser letzter Rundflug«, sagte der Pilot bedauernd auf dem Weg zu Felicitas’ Wagen. »In Zukunft dürfen wir nur noch von Norden einfliegen. Befehl von ganz oben.«

Felicitas nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Es tat nicht gut, Unabänderliches zu bedauern.

 

Als Felicitas in die Villa Andreesen zurückkehrte, zog ein verführerischer Duft durch die Halle – Kükenragout. Marie verstand sich eher auf die deftigen Bremer Gerichte als auf die französische Küche, die Felicitas bevorzugte, und nachdem die Haushälterin zur letzten Dinnereinladung das Trüffelsoufflé als traurige undefinierbare Masse aus dem Ofen gezogen hatte, hatte Felicitas beschlossen, zukünftig auf sämtliche kulinarischen Raffinessen zu verzichten. Wurden ihr in anderen Bremer Häusern auch Filetspitzen in Weißwein vorgesetzt, mussten die Gäste bei Andreesens mit gepflegter Hausmannskost vorliebnehmen. Was günstiger war, weniger an Felicitas’ Nerven zerrte und zudem den Vorteil hatte, dass die Familie in Kaufmannskreisen als bodenständig galt, allen Eigenwilligkeiten, die Felicitas sich leistete, zum Trotz.

Sie schaute auf ihre Taschenuhr, ein Geschenk von Heinrich, die sie stets bei sich trug. Die Papiere in ihrer Aktenmappe mussten warten. In einer Stunde würden die Gäste eintreffen. Sie musste sich noch umziehen und die Anforderungen des Tages mit Rouge und Lidstrich von ihren Zügen tilgen, was heute eindeutig länger dauerte als noch vor fünf Jahren. Leichtfüßig nahm sie zwei Treppenstufen auf einmal und lächelte, als sie ihrer in dem großen goldgerahmten Spiegel gewahr wurde. Nein, eigentlich konnte sie sich nicht beklagen. Gewiss, die Wangenpartie ließ ein wenig an Festigkeit zu wünschen übrig, und die steilen Falten über der Nasenwurzel gaben ihrer Miene einen etwas strengen Ausdruck, aber die aquamarinblauen Augen funkelten herausfordernd wie eh und je, und ihre Figur hatte, obwohl sie vier Kinder geboren hatte, nichts Matronenhaftes an sich. Nur um die Taille hatte sie ein wenig zugelegt, doch das war nichts, woran Felicitas einen Gedanken verschwendete, solange sie eine Schneiderin hatte, deren geschickte Schnittkunst ein Nilpferd auf Stromlinie bringen würde.

Sie stürzte ins Schlafzimmer, riss die Spiegeltür ihres Kleiderschranks auf und nahm nach kurzem Zögern das dunkelrote Kleid aus chinesischer Seide vom Bügel. Der tiefe Ausschnitt war zwar gewagt, aber die züchtigen langen Ärmel stellten die Balance zwischen Provokation und Noblesse wieder her.

»Mutter, bist du da? Kann ich hereinkommen?«

Clemens. Wie immer im unpassendsten Moment und voller Zuversicht, dass ihm die Aufmerksamkeit seiner Mutter gewiss war. Sein Charme bestand zu einem Gutteil aus dieser entwaffnenden Unverfrorenheit und seinem burlesken Gehabe, mit dem er aus jeder Begegnung einen Auftritt machte. Er war seinem Großvater Max Wessels wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte zweifelsohne dessen großes Talent geerbt. Während Felicitas ungerührt vor ihrer Frisiertoilette sitzen blieb und Make-up ins Gesicht klopfte, marschierte ihr Sohn mit großen Schritten, die Hände in den Hosentaschen, durch das Schlafzimmer, von der Tür zum Balkonfenster und wieder zurück, hin und her, bis er schließlich in der Mitte stehen blieb und theatralisch die Arme ausbreitete.

»Ich bin außerstande, eine Entscheidung zu treffen.«

»Wenn ich wüsste, worum es geht, könnte ich vielleicht etwas dazu sagen«, gab Felicitas amüsiert zurück und verteilte mit einem Gänsequast großzügig losen Puder auf Wangen, Stirn, Kinn und Dekolleté.

Clemens strich sich eine widerspenstige braune Locke aus dem Gesicht und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den fragilen Spiegel.

»Was bist du für eine schöne Frau! Welch ein Jammer, dass du deine Bühnenkarriere wegen Papa aufgegeben hast.«

»Noch ein Wort«, sagte Felicitas kühl, »und du fliegst raus.«

»Entschuldige«, erwiderte Clemens zerknirscht. »Nun, es ist so: Der neue Intendant, dieser Stange, hat mir ein Engagement angeboten. Dreimal Komödie, zwei Klassiker, einen Liebhaber – und mit etwas Glück und wenn Klaus Marmann nach München geht, den Mephisto.«

»O Clemens, was für eine gute Nachricht!« Felicitas strahlte. Bis zu diesem Moment hätte sie keinen Pfifferling für Clemens’ Laufbahn gegeben, denn Max Wessels hatte bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nichts Besseres zu tun gehabt, als öffentlich gegen Hitler zu wettern, bis man ihm die Intendantur des Schauspielhauses entzogen hatte. Max hatte sich um Kopf und Kragen geredet ohne Rücksicht auf seinen Enkel, und das konnte ihm Felicitas über das Grab hinaus nicht verzeihen, denn an diesem Erbe hatte Clemens schwer getragen. Der Ruf seines Großvaters eilte ihm voraus, ganz gleich, an welchen Bühnen er vorsprach, und überdies neigte Clemens selbst dazu, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wie oft hatte Felicitas ihm einzuschärfen versucht, etwas mehr Fingerspitzengefühl walten zu lassen, das man brauchte, um das künstlerisch Wünschenswerte mit dem politisch Machbaren unter einen Hut zu bringen. Aber wenn Stange den jungen Hitzkopf tatsächlich engagieren wollte, zählte Talent offensichtlich heute doch noch etwas, nicht nur die rechte Gesinnung.

»Ich freue mich sehr für dich«, sagte sie.

Abrupt wandte er seinen Blick von ihr und setzte seinen Dauerlauf durch das Zimmer fort. »Wie kann ich das Angebot annehmen? Du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, aber welcher Mensch von Herz und Verstand kann mit Barbaren kooperieren, die das hohe Gut des eigenen Volkes, seine Bücher, auf den Scheiterhaufen werfen!« Die »Aktion wider den undeutschen Geist«, die der Nationalsozialistische Studentenbund ausgerechnet auf dem Spielplatz an der Nordstraße, dem traditionellen Versammlungsplatz der Bremer Arbeiterbewegung, im Beisein der SA, der Hitlerjugend und einer johlenden Menschenmenge durchgeführt hatte, hatte Clemens zugesetzt. »Gesa hat damit wohl kein Problem«, fügte er ironisch hinzu.

»Lass deine Schwester aus dem Spiel. Sie versucht, ihren Weg zu finden, gerade so, wie du es tust«, erwiderte Felicitas und erhob sich.

Resigniert winkte Clemens ab. »Ich sehe keinen Weg vor mir, absolut keinen.«

»Vielleicht denkst du einmal darüber nach, dass Stange mit dem Angebot ein nicht unerhebliches Risiko auf sich nimmt«, sagte Felicitas schneidend. Wenn sie eines hasste, dann dieses gottverdammte Selbstmitleid. »Die Zeiten sind nicht einfach, aber es nützt niemandem, am wenigsten dir, wenn du dich hängen lässt. Du hast genau zwei Möglichkeiten. Entweder du nimmst es an und zeigst allen Skeptikern, was du kannst, oder du lässt es sausen. Du hast die Wahl.« Sie küsste Clemens flüchtig auf die Wange und hob die Augen gen Himmel. »Im Übrigen muss ich mich jetzt um meine Gäste kümmern …«

»Tststs«, neckte Clemens seine Mutter. »Das wird doch bestimmt wieder eine puppenlustige Angelegenheit! Wen erwartest du denn?«

»Van der Laakens, den Baumwollhändler Berger und seine Mutter, Frank Middeldorf …«

»Brrr.« Clemens machte ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, und schnarrte: »Darf ich Ihnen, verehrte Frau Hoffmann, als kleines Zeichen meiner Bewunderung diese Vanilleschote überreichen?«

Felicitas verkniff sich das Lachen. Clemens hatte das enervierende Timbre des Gewürzgroßhändlers Middeldorf gar zu gut getroffen.

»Ich verstehe nicht, wie du dich mit diesem Typen abgeben kannst«, beharrte Clemens. »Er ist geizig, über die Maßen langweilig und sitzt im Dickdarm des Gauleiters von Weser-Ems …«

»Nun ist es aber genug«, sagte Felicitas ärgerlich. »Wenn du dich benimmst, kannst du gern zum Essen bleiben, andernfalls …«

»Gott steh mir bei«, erwiderte Clemens mit unwiderstehlichem Grinsen, küsste seine Mutter auf die Wange und verließ feixend das Schlafzimmer.

Felicitas schüttelte nachsichtig den Kopf. Wurde der Junge denn nie erwachsen? Was er vorne mit Charme und Geist aufbaute, stieß er, wenn er seinem Werk den Rücken wandte, mit dem Hintern wieder um. Andererseits, war es nicht natürlicher für einen jungen Menschen, gegen eine von oben diktierte Gleichmacherei zu opponieren, als sie, wie die Mehrheit es tat, kritiklos, Lemmingen gleich, zu inhalieren und ihr widerstandslos zu folgen? Im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder Christian, der mehr nach Heinrich schlug, hatte Clemens die rebellische Ader der Wessels geerbt, die Max auf den Intendantenstuhl gehievt und danach in Teufels Küche gebracht, seine Frau und Felicitas’ Mutter, Helen Wessels, aus der Ehe fort in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu einem ostpreußischen Gutsverwalter und Felicitas an die Spitze eines der größten Bremer Unternehmen getrieben hatte.

Mit List, Mut und einer Portion Härte hatte sie es verstanden, aus dem wenigen, was der Börsenkrach 1929 an Vermögen übrig gelassen hatte, kraftvoll einen neuen Anfang zu gestalten – Heinrichs Patent für den magenschonenden Kaffee verschaffte ihr eine unangefochtene Marktstellung. Während andere Kaffeeröster und die Baumwoll- und Tabakhändler noch unter der Rezession und der scharfen Devisenbewirtschaftung und den damit verbundenen Einfuhrkontrollen litten, hatte Felicitas nicht nur das Bremer Werk ausgebaut, sondern auch eine Niederlassung in Ostpreußen gegründet und damit den mächtigen Leipziger Kaffeeunternehmern schlaflose Nächte bereitet.

Zugegeben, dieser Charakterzug hatte ihr und ihren Eltern nicht immer Glück gebracht, aber ohne eine Portion Dynamit im Blut war es nicht möglich, das Leben bei den Hörnern zu packen und zu bezwingen. Man muss dafür jedoch nicht auf die Barrikaden klettern und Fahnen schwingen, dachte Felicitas. Es gibt elegantere Wege, seine Ziele durchzusetzen.

Felicitas erhob sich und strich die leise knisternde Seide glatt. Die Schläge der Standuhr drangen dumpf durch die Villa – neunzehn Uhr. Wo um Himmels willen blieb Steffen?

 

Beethovens Violinkonzert schwebte über dem Wintergarten und konkurrierte gegen dezentes Geschirrgeklapper und wohltemperiertes Geplauder. Die ärgerlich hohen Kaffee- und Baumwollpreise hatte die gepflegte Gesellschaft nur kurz gestreift, um sich rasch und etwas ausführlicher dem Thema zu widmen, das Bremen seit einigen Wochen beschäftigte – Hitlers in Aussicht gestellter Besuch in der Hansestadt.

»Es wäre ja wohl gelacht«, sagte Wilhelm van der Laaken dröhnend und spießte ein Stückchen von dem saftigen Huhn auf, »wenn wir es nicht schaffen würden, ihn endlich an die Weser zu locken.«

»Die Formulierung ›locken‹ scheint mir doch ein wenig danebengegriffen«, schulmeisterte Frank Middeldorf maliziös. »Der Terminplan des Führers lässt wenig Raum für Unwesentliches.«

»Mein lieber Middeldorf, Sie wollen doch wohl nicht behaupten, die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Bremen und die Eröffnung der Nordischen Kunsthochschule seien Kinkerlitzchen! Zweimal hat der Bürgermeister ihn eingeladen, zweimal hat er abgesagt. Das ist doch, mit Verlaub, ein Schlag ins Gesicht aller … ähm … patriotischen Bürger.« Van der Laakens rundes Gesicht rötete sich vor Empörung, doch bevor der alte Patriarch der Bremer Tabakhändler zu einem seiner gefürchteten verbalen Rundumschläge ansetzen konnte, wandte sich Felicitas ihm lächelnd zu.

»Allerdings muss man doch zugeben, dass fast jedes Dorf im Reich den Führer zum Ehrenbürger ernannt hat. Wenn er alle diese Urkunden persönlich in Empfang nehmen würde und für den Bau der Autobahn und andere zukunftsweisende Projekte keine Zeit mehr aufbringen könnte, würden sich die Bremer doch als Erste darüber ereifern, nicht wahr? Würden Sie mir bitte das Salz reichen, Herr van der Laaken?«

»Selbstverständlich, gnädige Frau«, murmelte van der Laaken und wich dem sanft tadelnden Blick seiner Ehefrau aus, die wie stets in zarte elfenbeinfarbene Spitze gehüllt war, welche ihr blasses Gesicht noch blasser erscheinen ließ.

»Nun, ich denke, den Stapellauf der Scharnhorst auf der AG Weser wird sich Hitler nicht entgehen lassen. Dieser Ostasiendampfer wird alle anderen in den Schatten stellen«, hielt Roland Berger ungeachtet Felicitas’ subtilem Hinweis, das Thema zu wechseln, daran fest. Das Herz des Baumwollhändlers schlug für die Schifffahrt, und nur die Verpflichtung, das Erbe seines früh verstorbenen Vaters anzutreten, hatte ihn davon abgehalten, auf einem der Überseedampfer anzuheuern. Statt die sieben Weltmeere zu bereisen, saß der Fünfundzwanzigjährige nun seit fünf Jahren in Bremen fest, gestrandet im Berger’schen Kontorhaus am Wall, fünf Häuser neben den Büros von Andreesen-Kaffee. Die Enttäuschung, seiner wahren Passion niemals nachgeben zu dürfen, hatte sich in seine Züge gegraben und ließ ihn wie eine gekränkte Ausgabe von Willy Birgel wirken. Genau jener Typ, den bestimmte Frauen gar zu gerne erretten würden, dachte Felicitas und streifte Teresa hin und wieder mit einem prüfenden Blick. Doch ihre sechzehnjährige Tochter machte nicht den Eindruck, als wäre sie von Berger beeindruckt. Manierlich verspeiste sie das Kükenragout und beantwortete die Fragen ihrer Tischnachbarin, Eugenia Berger, die sich mäßig interessiert nach Teresas Reitkünsten erkundigte.

»Für die Olympischen Spiele wird es, fürchte ich, wohl nicht reichen«, sagte Teresa artig. Hochleistungssport interessierte sie überhaupt nicht, aber ganz Felicitas’ Tochter, wusste sie, wie man elegant ein neues Gesprächsthema aufs Tapet brachte, und Eugenia Berger nahm den Faden bereitwillig auf.

»Du meine Güte, in der Tat sind ja schon alle ganz verrückt danach. Ich verstehe zwar so gut wie nichts von Sport, aber sind diese vielen Disziplinen, man spricht ja von hundertsechsundzwanzig, nicht ein wenig zu viel des Guten?«

»O nein, ganz und gar nicht, im Gegenteil«, schaltete sich Frank Middeldorf ein. »Diese Spiele stellen eine historische Chance für unser Land dar, denn endlich werfen wir das Joch des Ersten Weltkriegs ab, indem sie hier in Deutschland ausgerichtet werden.«

»Immerhin, lieber Middeldorf«, sagte Berger, »haben wir diesen Krieg angezettelt. Es war schon ein Wunder, dass wir bereits wieder vor sechs Jahren, 1928, an den Spielen teilhaben durften.«

Felicitas runzelte die Stirn. Dieser Abend zerrte an ihren Nerven. Nicht nur Steffen glänzte durch Abwesenheit, auch Elisabeth hatte es vorgezogen, Reißaus zu nehmen. Sie beneidete ihre greise Schwiegermutter, die gleich nach dem Sherry mit leidendem Gesichtsausdruck auf ihr Alter hingewiesen, sich entschuldigt und zum allgemeinen Bedauern zurückgezogen hatte. In Wirklichkeit gab die Gesundheit der Neunzigjährigen keinen Anlass zur Klage, und Felicitas wusste, dass Elisabeth es sich bei einem Glas Rotwein und leiser Operettenmusik in ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss gemütlich gemacht hatte, während Teresa und sie, Felicitas, hier unten Konversation treiben mussten. Es war so anstrengend und zugleich von quälender Langeweile. Welche Themen auch immer sie anschnitten, Middeldorf und van der Laaken kehrten wie eine hängengebliebene Schallplatte immer wieder zu denselben ermüdenden Sujets zurück. Gleich würde Middeldorf gegen Amerika zu Felde ziehen, wo sich eine breite Basis gegen den Austragungsort Berlin formierte und die Sportler aller teilnehmenden Länder aufforderte, die Spiele zu boykottieren, solange Hitler die deutschen Juden weiter diskriminierte. Daraufhin würde van der Laaken sich ereifern, seine Frau würde ihm die Hand mahnend auf den Unterarm legen und so weiter und so fort. Es brauchte nur einen strammen Nazi wie Frank Middeldorf, um eine Gesellschaft in Ödnis verenden zu lassen. Mochten Einladungen wie diese auch das Schmieröl in den geschäftlichen Beziehungen sein, so war Felicitas doch jedes Mal heilfroh, wenn sie es hinter sich hatte.

»Das IOC und Hitler haben sich längst geeinigt«, hörte sie Middeldorf mit halbem Ohr sagen, »natürlich werden jüdische Sportler starten.«

»Nun ja, die Fechterin Helene Mayer lebt seit zwei Jahren in den USA«, gab Roland Berger zu bedenken. »Sie ist Halbjüdin …«

»Und was ist mit Werner Seelenbinder?«, hielt Middeldorf dagegen. »Immerhin ist unser Deutscher Meister im Ringen ein aktenkundiger Kommunist und darf trotzdem starten.«

»Ich muss um Verzeihung bitten!« Mit einem Ton, der das Gegenteil von dem ausdrückte, was er gesagt hatte, betrat Steffen den Wintergarten. »Wir haben noch eine brandaktuelle Meldung auf Seite eins unterbringen müssen.« Formvollendet küsste er den Damen die Hand und nickte den Herren zu.

»Wie aufregend«, zirpte Eugenia Berger. »Darf man erfahren, um welches Ereignis es sich handelt, oder müssen wir bis morgen früh warten?«

Felicitas sah das Unheil kommen, doch ehe sie etwas dagegen unternehmen konnte, entfaltete Steffen eine druckfrische Zeitungsseite. »Ich ahnte doch, dass es Sie interessieren würde. Hier: ›Wie die AIZ, eine Prager Zeitung, schreibt, ist Hitlers Versicherung, die Nichtarier bei den Olympischen Spielen zu berücksichtigen, angeblich Schall und Rauch. Zum Beweis veröffentlichte die Zeitung eine Chronik der systematischen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung aus dem Sport sowie Fotos von jüdischen Sportlern, die nicht mehr starten dürfen.‹«

Stille. Dann fragte Frank Middeldorf gefährlich leise: »Herr Hoffmann, was wollen Sie damit sagen?«

Steffen hob irritiert die Augenbrauen. »Aber wir müssen doch entlarven, welche Lügen über das Deutsche Reich andernorts verbreitet werden. Die Bewegung gegen die Olympischen Spiele ist breit gefächert, Arbeiter- und Sportverbände in ganz Europa sind der Meinung, dass die nationalsozialistische Idee sich nicht mit dem olympischen Gedanken verträgt. Meinen Sie nicht, dass man seine Feinde kennen sollte, um sie zu bekämpfen?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Middeldorf. »Die Frage ist aber doch, inwieweit unsere deutsche Presse solchen Elementen ein Forum bieten muss.«

»Sofern man ihnen auf diese Weise die Maske der Verführung vom Gesicht reißen kann, spricht wohl kaum etwas dagegen.« Steffens Stimme troff vor Ironie, und Middeldorf hätte ein Idiot sein müssen, um es nicht zu bemerken, doch zu Felicitas’ Erstaunen lenkte der Gewürzhändler ein.

»Nun ja, ich verstehe nichts von der Journaille.«

»Ich auch nicht, und ich bin mit einem Chefredakteur verheiratet!« Felicitas’ Lachen perlte durch den Raum und glättete den Rest der Welle, die zur Woge hätte werden können. Die Gäste stimmten ein, Stühle wurden gerückt, Kragen unauffällig gelockert. Zeit für Kaffee und Cognac.

 

»Bist du wahnsinnig geworden? Wie kannst du Middeldorf derart provozieren?«

»Der kann das vertragen. Du hast doch gesehen, wie er den Schwanz eingezogen hat.« Steffen lächelte und fuhr sacht mit der Hand über Felicitas’ Wange. »Vertrau mir. Ich kann Typen wie ihn ganz gut einschätzen. Außerdem würde ich nichts tun, was dich in Gefahr bringen könnte.«

Felicitas wandte sich ab und ging schweigend in das Ankleidezimmer, das mit dem Schlafzimmer durch einen großzügigen Durchbruch verbunden worden war, die letzte einer Reihe von Baumaßnahmen, mit denen sie dem gesamten Obergeschoss der Villa Andreesen einen anderen Zuschnitt und ein anderes Ambiente verpasst hatte. Sie hatte sich nicht überwinden können, das Bett, in dem Heinrich, ihr verstorbener Mann, und sie leidenschaftliche Stunden verbracht hatten, und die Räume, in denen sie gelebt, gestritten, gelacht und geweint hatten, mit einem anderen Mann zu teilen, auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. Und nachdem Ella, Heinrichs jüngere Schwester, geheiratet hatte und ausgezogen war, und Anton, Heinrichs jüngerer Bruder, und dessen Frau Désireé nicht gedachten, ihr Haus in der Pagentorner Straße wieder aufzugeben und in die Parkallee zurückzukehren, hatte Elisabeth den Plänen ihrer Schwiegertochter zugestimmt. So besetzte eine Kolonne von Handwerkern drei Wochen lang die erste Etage, riss die Innenwände sämtlicher Räume mit Ausnahme der Kinderzimmer nieder, baute Rundbögen und kleine Mauervorsprünge und bemalte Wände mit durchscheinendem goldenem Ocker, wie es dem von Felicitas gewünschten maurischen Stil entsprach. Nur ihr eigenes Zimmer, diese mit Theaterrequisiten und Erinnerungen beladene Sphäre der Vergangenheit, ließ sie, wie es war.

Von weitem und ganz zart vernahm Felicitas die ersten Takte von Mozarts Jupiter-Sinfonie und lachte leise auf. Elisabeth besaß wirklich eine bemerkenswerte Konstitution. An einem anderen Abend wäre sie vielleicht noch auf einen Sprung zu ihr in den rechten Flügel gegangen, wie sie es öfter tat, um bei einem Sherry in Elisabeths ungeheuer britischem Salon ein wenig über die Gäste zu lästern oder sich einen von ihren scharfsinnigen Ratschlägen zu holen, wie dieses und jenes Problem in der Firma am besten zu handhaben sei. Aber nicht heute.

Achtlos ließ sie die seidene Robe zu Boden gleiten und schlüpfte in ein weißes Nachthemd, bodenlang und zart wie ein Windhauch. Es verfehlte seine betörende Wirkung selten, doch Felicitas war nicht in der Stimmung für leidenschaftliche Umarmungen. Rasch schlüpfte sie unter die Bettdecke.

»Himmel noch mal, war das anstrengend«, murmelte sie, gab Steffen einen müden Kuss und hoffte, er würde sich damit zufriedengeben.

»Noch böse?«, fragte er leise, und sie schüttelte stumm den Kopf, um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, für die sie zu erschöpft und die ohnehin sinnlos war.

Sie löschte das Licht auf ihrer Seite und schloss die Augen, die Seiten zählend, die Steffen leise umblätterte. Wahrscheinlich las er wieder eins der verbotenen Bücher, die er gerettet und in einer Abseite versteckt hatte.

Wann es begonnen hatte, vermochte Felicitas nicht genau zu sagen, doch mit jedem Tag verlor sich ein Stückchen jener liebevollen Vertrautheit, die ihr gemeinsames Leben so besonders gemacht hatte. Nur fünf Jahre lag es zurück, da Steffen Hoffmann sie behutsam aus der langen, allzu langen Trauer um Heinrich geführt hatte. Sie hatte Geborgenheit gesucht und bei ihm, dem ruhigen, gebildeten, humorvollen Mann, gefunden. Und noch viel mehr – Steffen gab ihr das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurück, die Lust, Neues zu wagen, und den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. In Brasilien auf Don Alfredos Kaffeeplantage in der Hochebene von São Paulo hatte ihre Liebe begonnen, mit jedem Meter Zelluloid, den sie abdrehten, wuchs die Faszination, die beide füreinander empfanden. Drei Jahre später heirateten sie, und nie, niemals hätte Felicitas es für möglich gehalten, dass sie und Steffen einander fremd werden könnten. Daran war nur diese verdammte Zeitung schuld. Seitdem Steffen die Weser Nachrichten leitete, entfaltete er ein seltsames Sendungsbewusstsein. Gewiss, er war nicht so dumm, sich der Gleichschaltung der Presse durch die Nazis offen zu widersetzen, doch er vertraute darauf, dass die Bremer, die traditionell eher zur Sozialdemokratie neigten, zwischen den Zeilen zu lesen fähig waren und die Botschaft eines kritischen Nebensatzes hier und einer ironischen Schlagzeile dort verstünden. Die Rechnung ging auf. Während die Weser Nachrichten siebzigtausend Exemplare täglich verkauften, brachte es die nationalsozialistische Alternative Der Nordstern nur auf eine Auflage von knapp fünfunddreißigtausend. Da nützte es auch nichts, dass das Reichspropagandaministerium eine Woche der NS-Presse in Bremen beging, ein Musikkorps der Schutzpolizei vor dem Rathaus aufspielen ließ, SA- und SS-Leute den Nordstern in jedes Haus trugen, Werbeschilder aufstellten und per Lautsprecher ihre Parolen in allen Straßen verbreiteten. Die Bremer blieben stur und hielten den Weser Nachrichten die Treue. Die Verleger, ein älteres Brüderpaar, das seinen Wohnsitz ins klimatisch freundlichere Zürich verlegt hatte, zeigten sich sehr angetan von Steffens eleganter Art, der braunen Ideologie eine lange Nase zu drehen, und schickten in regelmäßigen Abständen hübsche Postkarten aus der Schweiz und im Herbst letzten Jahres sogar eine nicht unerhebliche Gratifikation. Felicitas hätte stolz auf Steffen sein können, wenn nicht der Erfolg seiner Strategie ihn unvorsichtig und ein wenig hochmütig gemacht hätte. Sein provozierender Auftritt heute Abend war nicht der erste dieser Art und bestimmt nicht der letzte, und wenn Felicitas nicht riskieren wollte, dass die Gestapo morgen vor ihrer Tür stand, musste sie dem Einhalt gebieten. Die Wut verscheuchte ihre Erschöpfung.

»So kann es nicht weitergehen.« Ihre Stimme klang frostiger, als sie es beabsichtigt hatte. Sie wollte ihn nicht abkanzeln, sondern nur zur Vernunft bringen, und deshalb hätte sie gern sanft etwas hinzugefügt, irgendetwas, doch ihr fiel nichts ein. Alles, was sie wollte, war, dass er aufhörte, sich wie Michael Kohlhaas zu benehmen. Steffen schlug das Buch zu und sah sie mit seinen grünen Augen an.

»Verzeih, Liebes, aber diese Bande von Speichelleckern ist einfach unerträglich.«

»Meinst du nicht, dass es klüger wäre, das Beste aus der politischen Situation zu machen? Wir beide tragen einen Haufen Verantwortung – für uns, für die Familie und die Mitarbeiter. Wir sollten sie schützen, statt sie durch blindes Heldentum zu gefährden.«

»Man kann aus dem Nationalsozialismus nicht das Beste machen, weil er nicht einen Funken Gutes enthält. Er wird Tod und Verderben über die Deutschen bringen …«

»Du liebe Zeit, Steffen, wach auf! Die Nazis sind doch nur eine vorübergehende Erscheinung! Schau mal, 1932 haben mehr als 62 Prozent der Bremer gegen die Harzburger Front aus Hitler, von Papen, Hugenberg und Seldte gestimmt, und selbst bei der Reichstagswahl im vergangenen Jahr haben 52,9 Prozent Hitler ihre Stimme verweigert. Die Bremer stehen mit ihrer Meinung gewiss nicht allein da.«

»Felicitas, du machst dir etwas vor«, sagte Steffen gereizt.

Aufgebracht funkelte Felicitas ihn an. »Ich muss mich nicht verteidigen, aber lass dir eins gesagt sein: Andere Unternehmer sind 33 der Partei beigetreten, du kennst doch diesen Elitezirkel, der Himmler direkt in den Hintern kriecht, um Staatsaufträge zu bekommen. Wenn ich an diesen Mehlbaron aus Nürnberg denke, wird mir schlecht. Zu solchen Leuten gehöre ich nicht, und du wirst mir das nicht einreden.«

»Nein, aber du verkehrst mit ihnen. Wo ist der Unterschied?«

»Was soll ich deiner Meinung nach denn tun? Andreesen-Kaffee verkaufen und auswandern?«

»Keine schlechte Idee«, erwiderte er leichthin, wechselte aber sofort den Ton und sah Felicitas eindringlich an. »Ich meine es ernst, Felicitas, wir können nicht dasitzen und abwarten.«

»Doch, genau das können wir!«

Ihre Blicke trafen sich, wütend der ihre, ungläubig und fassungslos, als hätte Felicitas gerade verkündet, in die Partei eingetreten zu sein, der seine. »Wo ist die Frau geblieben, die Don Alfredo für sein Verbrechen zur Rechenschaft gezogen hat? Wo ist dein Sinn für Gerechtigkeit geblieben?«

»Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun!« Resigniert legte Felicitas sich zurück und starrte schweigend an die Decke. Jedes weitere Wort schien sinnlos und trieb sie nur noch mehr voneinander fort.

 

Eine Stunde später lag sie immer noch wach, während Steffens regelmäßige Atemzüge ihr verrieten, dass er tief und fest schlief. Zu aufgewühlt, um Ruhe zu finden, stand sie leise auf, wickelte sich in ihren Morgenrock und huschte aus dem Schlafzimmer über den Flur in ihr kleines Reich, in das sie sich von jeher zurückzog, wenn sie ihre Gedanken ordnen und ihre Gefühle sortieren wollte. Sie machte Licht und betrachtete zufrieden das exotische Interieur mit dem ebenholzschwarzen Elefanten, den asiatischen Wandbehängen, orientalisch geschnitzten Tischchen, den vielen Kerzenleuchtern aus Messing und der Vitrine mit der hölzernen Figur, die ihr einst Anaiza im Dschungel nahe Terra Roxa geschenkt hatte. Hier hatte sie heimlich an ihrem Konzept für den Kunstpark gearbeitet, bevor sie Heinrich eingeweiht und vom Gelingen ihres kühnen Plans überzeugt hatte. Hier hatte sie auch die Idee für den Dokumentarfilm und den sensationellen Reklamefeldzug für Andreesen-Kaffee entwickelt. Irgendetwas in diesem Zimmer verlieh ihr die Kraft, die Probleme des Alltags vor der Tür zu lassen und Raum für aufregende, inspirierende, bahnbrechende Vorhaben zu schaffen. Was immer es war, es war genau das, was sie jetzt brauchte, um den Streit mit Steffen zu vergessen und nicht darüber nachzugrübeln, wie es mit ihnen weitergehen sollte, und in Herz und Hirn Platz zu machen für eine neue, große Idee.

Olympia! Olympische Spiele und Andreesen-Kaffee! Felicitas schalt sich, nicht längst darauf gekommen zu sein, dass die Athleten mehr brauchten als Sportbekleidung, tägliche Verpflegung und ein Dach über dem Kopf. Middeldorf, der über exzellente Kontakte nach Berlin verfügte, hatte durchblicken lassen, dass der Norddeutsche Lloyd mit der Kantinenbewirtschaftung im Olympischen Dorf beauftragt worden war. Doch der Lloyd war kein Kaffeeröster, also brauchte er, um die Athleten mit Kaffee zu versorgen, einen Kompagnon, und sie, Felicitas, würde alles daransetzen, dass seine Wahl auf sie und Andreesen-Kaffee fallen würde. Vermutlich hatten ihre Konkurrenten aus Hamburg und Leipzig ihre Kooperationsangebote bereits unterbreitet, doch die Tatsache, dass diesbezüglich noch keine Entscheidung gefallen war, ließ Felicitas hoffen. Eine zündende Idee genügte, um alle anderen in den Schatten zu stellen.

Sie nahm einen Skizzenblock und einen dicken roten Buntstift zur Hand und notierte alles, was ihr zu dem Thema einfiel, strich allzu Verrücktes wieder durch und malte rote Kringel um brauchbare Ansätze. Ein zartes Klopfen ließ sie zusammenfahren. Die Tür wurde geöffnet, und Teresa stand auf der Schwelle, hellwach. Mit einem Blick umfasste sie die Situation, schloss leise die Tür und setzte sich zu Felicitas’ Füßen.

»Darf ich dir helfen?«

Felicitas lächelte entwaffnet. Schon als kleines Mädchen hatte Teresa es geliebt, ihrer Mutter bei der Arbeit zuzusehen, mucksmäuschenstill und stundenlang.

»Meinst du nicht, dass es dafür ein bisschen zu spät ist? Du solltest schlafen, mein Kind …«

Teresa schüttelte ihr zerzaustes Haar aus dem Gesicht und wand es zu einem aschblonden Knoten, was ihre strengen Züge unterstrich. Im letzten Jahr hatte sich der Babyspeck endgültig verabschiedet, alles Weiche, Mädchenhafte mitgenommen und eine herbe Schönheit offenbart, die so kühl und unergründlich wirkte, dass selbst Felicitas gelegentlich vergaß, dass Teresa erst sechzehn Jahre alt war. Das Seidenkleid, das sie heute Abend getragen hatte, hatte sie sehr erwachsen aussehen lassen, doch in dem karierten hochgeschlossenen Baumwollnachthemd mit den beiden roten Schleifen auf den Ärmeln steckte unübersehbar ein junges Mädchen, das etwas auf dem Herzen hatte. Und Felicitas wusste sehr genau, was das war. Wie ihr Vater Heinrich Andreesen war Teresa durchdrungen von dem Bedürfnis nach Harmonie. Ihre ausgeprägte Sensibilität ließ sie Unstimmigkeiten schon im Ansatz erkennen und mit diplomatischem Geschick glätten. Misslang ihr das, litt sie mehr unter den Auseinandersetzungen als die Kontrahenten selbst. Es lag auf der Hand, der Abend hatte Teresa zugesetzt, die Spannungen zwischen ihr, Felicitas, und Steffen bedrückten sie. Felicitas zögerte, entschied sich jedoch, nicht darauf einzugehen. Es wurde Zeit, dass Teresa lernte, sich das Leid der anderen nicht zu eigen zu machen. Flüchtig schlich sich der Gedanke in Felicitas’ Bewusstsein, dass sie im Begriff war, so zu handeln wie ihre eigene Mutter, Helen Wessels, deren Unnahbarkeit sie nie verstanden und gehasst hatte, doch ehe der Gedanke zur Erkenntnis reifen konnte, hatte sie ihn auch schon abgeschüttelt.

»Hier«, sagte sie und hielt Teresa den Skizzenblock hin, »ich mache mir Gedanken, wie ich unseren Kaffee am geschicktesten ins Olympische Dorf schmuggeln kann …«

Teresa las mit gerunzelter Stirn. »Du willst Buden rund um das Dorf aufbauen?«

»Warum nicht?«

»Ach, ich weiß nicht, das hat so etwas … so etwas Sesshaftes.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, Kaffee zieht doch um die halbe Welt, bevor wir ihn trinken können.« Teresa sprang auf und ging zu der Vitrine hinüber, in der eine geschnitzte Figur, beleuchtet vom Kerzenschein, schimmerte wie Onyx. »Denk doch nur an Brasilien! Wie lang dauert es allein, bis die Kaffeekirsche geerntet, getrocknet und zum Hafen gebracht wird.«

Felicitas lächelte darüber, wie geschickt Teresa mal wieder auf ihr Lieblingsthema zu sprechen kam. Teresa liebte Kaffee, seinen Duft, sie liebte die Lagerhäuser am Hafen, das gediegene Kaffeehaus am See und das Kontorhaus am Wall, in dem stets frisch gebrühter Kaffee angeboten wurde. Vor allem aber liebte sie es, wenn Felicitas von Brasilien erzählte, von den Kaffeeplantagen auf Terra Roxa, von Anaiza und ihrem Schattenkaffee, und nie wurde sie es müde, die alten Geschichten wieder und wieder zu hören. Wie gern wäre sie einmal dort.

Behutsam öffnete Teresa den kleinen Messinghaken, der die Vitrine verschloss, und nahm die Skulptur in die Hand, die eine lachende, vor Lebensfreude überschäumende Seite zeigte und eine dunkle, traurige, hoffnungslos verzweifelte. Felicitas hatte sich der Faszination dieses kleinen Kunstwerks nie entziehen können und freute sich, dass es Teresa ebenso erging.

»Wie alt warst du, als Anaiza dir die Figur schenkte?«, fragte Teresa, ohne den Blick von der Skulptur zu wenden.

»Das weißt du doch«, entgegnete Felicitas, fuhr aber dennoch fort: »Ich war gerade achtzehn und auf Hochzeitsreise mit deinem Vater.«

»Und da …?«

»Nun ja, Brasilien hatte mir seine zwei Gesichter offenbart, die fast schmerzliche Schönheit der Landschaft, die Gelassenheit der Menschen, aber auch die Schattenseiten einer Gesellschaft, die die Sklaverei offiziell abgeschafft hatte, sie inoffiziell jedoch weiter praktizierte.« Wenn sie an Terra Roxa dachte, zog sich ihr Herz zusammen. Felicitas meinte, das Geräusch der Palmblätter zu hören, die leise rauschend wie ein Fächer hinter ihr zusammenschlugen, als sie in den Dschungel eintauchte. Der Duft der feuchten Hitze stieg ihr in die Nase, sie sah die große Hütte aus Palmwedeln und notdürftigen Bretterwänden, ging hinein und erschrak, als sie das junge Mädchen erblickte, das auf einem Lager aus würzig riechenden Kräutern lag und gegen den Wundbrand, den Tod und die Scham ankämpfte, von weißen Männern vergewaltigt und geschlagen worden zu sein. Sie war mit einem Gast von Don Alfredo zusammengestoßen, und als er sie festhalten wollte, hatte sie ihm in die Hand gebissen. Felicitas hatte ihre Hilfe angeboten, doch Anaiza, die schweigsame, unergründlich wirkende Frau aus dem Dschungel, hatte sie mit ihren kohlschwarz glänzenden Augen durchdringend angesehen und auf Portugiesisch gesagt, dass der Zeitpunkt dafür erst noch komme, »wenn die Zeit der Tränen vorüber ist«. Felicitas erschauerte, als sie darüber nachsann, wie hellsichtig Anaizas Worte gewesen waren, die in einem Halbsatz die grausamen Folgen des Ersten Weltkriegs und Felicitas’ persönliches Schicksal zusammengefasst hatten.

»Und dann hat sie dir die Figur geschenkt?«

»Ja, ohne ein weiteres Wort. Aber ich wusste, ich würde wiederkommen und Anaiza, dem Mädchen und vielleicht auch anderen helfen. Ich wusste nicht genau, wie ich es anstellen sollte, doch mit der Figur hatte Anaiza mir eine Aufgabe mit auf meinen Weg gegeben.«

»Deswegen hast du den Kunstpark gebaut, nicht wahr?«, sagte Teresa eifrig. »Damit Frauen aus aller Welt ein Forum haben, sich und ihre Kunst darzustellen, und sich auf diese Weise mehr Respekt und Achtung erkämpfen.«

Felicitas nickte.

»Und du hast begonnen, mit Anaiza Geschäfte zu machen.«

»Ja, und so bescheiden der Erlös aus dem Schattenkaffee auch ist, so sehr erfüllt es mich mit Genugtuung, ihr und den anderen Frauen zu helfen.« Felicitas blickte Teresa augenzwinkernd an. »Hilfsbereitschaft zu zeigen ist wunderbar, sofern man es sich leisten kann.«

Doch Teresa schüttelte den Kopf. »Du tust immer nur so zynisch, Mama. Du weißt, dass das Wundervollste an der Geschichte Anaizas Geschenk ist. Für mich wäre es das jedenfalls. Eine Vision zu haben, eine Aufgabe …«

»Das kommt noch früh genug«, erwiderte Felicitas leichthin. »Sei froh, dass du unbeschwert erwachsen werden kannst.«

»Du hattest in meinem Alter doch auch schon große Ziele. Du wolltest zur Bühne …«

»Und habe es nicht getan.«

»Aber du hattest wenigstens eine Idee, was du aus deinem Leben machen willst. Ich habe nicht mal den Ansatz einer Ahnung«, schimpfte Teresa.