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Lüneburg 1895: Schon immer hat man die Begeisterung der jungen Eliana für Tee belächelt. Doch dann verschwindet ihr brutaler Mann John auf einmal von einem Tag auf den anderen – für Eliana die Chance ihres Lebens, denn ihre Cousine lädt sie auf eine abenteuerliche Reise nach China, in die Heimat des Tees ein – wo sie auf ein lang gehütetes Familiengeheimnis stößt …
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2011
Karin Engel
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Lüneburg 1895: Schon immer hat man die Begeisterung der jungen Eliana für Tee belächelt. Doch dann verschwindet ihr brutaler Mann John auf einmal von einem Tag auf den anderen – für Eliana die Chance ihres Lebens, denn ihre Cousine lädt sie auf eine abenteuerliche Reise nach China, in die Heimat des Tees, ein – wo sie auf ein lang gehütetes Familiengeheimnis stößt …
[Zwischenblatt]
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Epilog
Alle Ereignisse und Personen des Romans, mit Ausnahme der historischen Gegebenheiten und Persönlichkeiten, entspringen der Phantasie der Autorin. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Behutsam, fast zärtlich zupfte Tallulah in dem Moment, da Luise, das neue Mädchen, hochrot im Gesicht die Frage herauspresste, ob die gnädige Frau grünen oder chinesischen Tee serviert wissen wollte, und daher aller Aufmerksamkeit auf sie gerichtet war, eins der Gurken-Sandwichs von den auf der Kredenz angerichteten Porzellanplatten. Die Platten waren mit einem blaugrundigen, einen Bären und ein Pferd zeigenden Phantasie-Wappen verziert und goldgerandet, die Sandwichs oblatendünn und die weiche Hundeschnauze mit der violetten Zunge und den kräftigen Zähnen geübt, Diebstähle dieser Art manierlich, schnell und unbemerkt auszuführen. Doch dieser misslang. Mit einem leisen Klatsch landete ein Teil des ersten Gangs des Nachmittagstees auf den gewachsten Eichenholzdielen. Sechs Augenpaare richteten sich auf das Tier, das die grünliche Bescherung seelenruhig vom Boden zu lecken begann.
»Augusta von der Hohenweide! Nein!« Adeline Kaysers rauher Sopran zerschnitt die Luft. An das Mädchen gerichtet und im selben Ton stieß Adeline die Worte »Grün ist chinesisch!« hervor, und fügte mit einem Blick in die Runde freundlich erklärend hinzu, man dürfe »niemals!« den Rufnamen eines Tieres wie eine Rüge aussprechen, »weil es auf diese Weise lernt, dem Klang zu misstrauen, was in der Folge dazu führt, dass es das Zutrauen zu seinen Menschen verliert«; besser sei es, in solchen Fällen den Zuchtnamen zu verwenden. Der Besuch aus Lüneburg, dankbar für ein Gesprächsthema, verfolgte den Weg der Gescholtenen vom nunmehr blankgeputzten Tatort in den rückwärtigen Teil des Salons und merkte an, dass Tallulah besser zu dem aufgeweckten Tier passe als das sperrige Von-und-Zu, unterstelle die Vokalmelodie doch eine gewisse Eigensinnigkeit. In der Tat ignorierte Tallulah Befehle konsequent, legte eine divaeske Launenhaftigkeit an den Tag – gestern wurden Post, Zeitung, Hauspantoffeln brav apportiert, heute unauffindbar versteckt und morgen vollständig zerstört – und hätte daher eigentlich eine Quelle beständigen Ärgers für Adeline Kayser sein müssen. Aber die Herrin des Hauses, von den Dienstboten wegen ihrer humorlosen Strenge gefürchtet, liebte sie zärtlich. Ein sanfter Schimmer trat in ihre blassblauen Augen, sobald sie auf der dreijährigen goldfarbenen Hovawart-Hündin ruhten, die den nachfolgenden Ereignissen zu guter Letzt und ums Haar eine ganz andere Wendung gegeben hätte. Doch davon ahnte Adeline Kayser natürlich nichts, andernfalls hätte sie das Tier bei aller Liebe vermutlich zum Teufel geschickt und den Besuch aus Lüneburg, Ursel und Walter Jürgensen und ihre Tochter Eliana, gleich hinterher.
Die drei saßen auf dem blaugestreiften Kanapee der Kaysers in Bremen, ihren angeblich sehr weit entfernten Verwandten, so weit entfernt, dass die Bande genealogisch nahezu bedeutungslos waren, aber Adeline, eine stolze hanseatische Dame, war der Meinung, Blut sei dicker als Wasser, ganz gleich, in welcher Verdünnung, und so packten die Jürgensens zweimal im Jahr, in der Adventszeit und im Sommer, die wenige gute Kleidung, die sie besaßen, in einen Pappkoffer und reisten von der Ilmenau an die Weser, um sich zwei Tage lang in Atmosphäre und Ambiente des gehobenen Bürgertums minderbemittelt, unzulänglich und deplaziert zu fühlen.
Wie immer war auch dieses Treffen eine steife Angelegenheit, doch dieses war überstürzt zustande gekommen, ganz und gar außerplanmäßig, und zudem lag die Ahnung von etwas Feierlichem, Besonderem in der Luft.
Elianas Blick aus taubenblausanften Augen mit schweren, langbewimperten Lidern flog von ihrer Tante, wie Adeline sich trotz des undefinierbaren Verwandtschaftsgrades »der Einfachheit halber« nennen ließ, zu ihrer »Cousine« Josephine – kräftige, flachbrüstige Jugend von zwanzig Jahren, krauses schwarzes Haar um ebenmäßige ovale Züge, ein spöttischer Ausdruck in den Augen, eine frische Ausgabe ihrer Mutter, die in den letzten Jahren etwas molliger um die Taille geworden war. Die Kayserinnen, wie Ursel die beiden mitunter nannte, wenn sie glaubte, Eliana bekäme es nicht mit, hatten sich seit ihrem letzten Besuch nicht verändert. Dennoch, die Locken der Tante schienen noch akkurater gedreht und gesteckt, der Geruch der Brennschere und des Haaröls durchdringender als sonst, und überdies wurde ein veritabler »Afternoon-Tea« mit drei Gängen serviert.
Irgendetwas geht hier vor, dachte Eliana. Dann fiel ihr ein, dass ihre Mutter sie ermahnt hatte, nicht ständig die Flöhe husten zu hören, und so richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Mädchen, das die entweihte Platte inzwischen abgeräumt hatte und nun damit beschäftigt war, Kuchenteller, Teetassen und Silberzeug für Kandiszucker, braunen Zucker, Sahne und Milch auf den Tischchen vor und neben dem Kanapee zu arrangieren.
Josephine zog die Nase kraus; sie hatte für das prätentiöse Getue nur Spott übrig. »Liebste Duchess«, flötete sie, wenn sie und Eliana nach dem offiziellen Teil der Zusammenkünfte hinausgeschickt wurden, und ließ der Mutter Lieblingsgeschichte folgen, nach der die Erfindung des englischen Teerituals allen Historikern zum Trotz niemals! auf die Portugiesin Katharina von Braganza zurückzuführen sein könne, ganz gleich, ob mit dem englischen König Charles II. verheiratet oder nicht und ob das Teetrinken in Portugal im 17. Jahrhundert bereits sehr verbreitet gewesen sei oder nicht (während auf der Insel vornehmlich Bier getrunken wurde, was so manche blutrünstige Fehde erklärte). Nein, nein, diese Ehre gebühre einzig und allein der Duchess von Bedford, Hofdame Königin Victorias, die eines Tages damit begann, die hohen Damen täglich nach der Mittagsruhe zum Tee zu laden. Das war zwar hundert Jahre nach der Portugiesin, aber Josephines Mutter fand diese Version aus unerfindlichen Gründen ungleich nobler. Dass diese akademische Frage überhaupt Gegenstand tiefschürfender Überlegungen war, amüsierte Josephine; sie wurde nicht müde, über ihrer Mutter Neigung zum Royalen zu lästern – obwohl eben diese aus der Familiengeschichte gespeist wurde. Hätte das Schicksal die Schritte von Adelines Vater Gunter einst anders gelenkt, hätte Adeline einer Kaiserin huldigen dürfen, die diamantene Sterne im Haar trug und ihrem Land jenen Glanz schenkte, den das deutsche Kaiserpaar so schmerzlich vermissen ließ. Josephine war überzeugt, dass ihre Mutter viel, wenn nicht alles darum gegeben hätte, wenn das Y in ihrem Namen ein I gewesen wäre.
Die komische Vehemenz, mit der sie aus ihrer Mutter eine Witzfigur machte, war ziemlich übertrieben und vor allem nicht recht für eine Tochter, fand Eliana. Andererseits setzte die Vorstellung, dass diese Frau, der sie eine gewisse Beklommenheit entgegenbrachte, romantische Sehnsüchte hegte, sie in ein milderes Licht.
Jetzt suchte Josephine Elianas Blick, spreizte geziert den kleinen Finger ab und zuckte mit den Mundwinkeln. Eliana verbiss sich das Lachen und sah schnell weg Richtung Kredenz, wo die Köstlichkeiten britischer Manier versammelt waren – Sandwichs, angerichtet mit zu Röschen gedrehten Salatblättern, weiche Teebrötchen, ungesüßte Schlagsahne, Orangenmarmelade mit kleinen Stücken Orangenschale darin, Malzbrot mit Rosinen, warme, mit weicher Butter bestrichene Gewürzkuchen, kandierte Früchte und mit Marzipan ummantelte Schokoladenpralinen.
Das Essen (bis auf die etwas bittere Marmelade, die Eliana nicht mochte) würde ein Genuss sein, der Tee hingegen nicht. Adeline konnte keinen anständigen Tee kochen. Sie tat den getrockneten Blättern, die nichts anderes wollten, als ihr Aroma bestens zu entfalten, Gewalt an. Eliana versuchte unbeteiligt dreinzublicken, während ihre Tante feierlich drei gehäufte Teelöffel Oolong in die Kanne schaufelte und mit kochendem Wasser überbrühte. Sofort roch es nach gegerbter Schafshaut, nach fünf Minuten würde es gallig schmecken und einen ledernen Nachgeschmack auf der Zunge hinterlassen.
Ursel schoss Eliana einen warnenden Blick zu und setzte sogleich wieder die freundlich-ausdruckslose Miene auf, die, wie sie fand, famos in das Haus eines angesehenen Kaufmanns und seiner Familie passte. Walter hatte mit der Assimilation sichtlich mehr Probleme; er knetete seine Hände, stellte die Hacke des rechten Fußes auf den Spann des linken und wippte mit den Ballen auf und ab, bereit, sich abzustoßen. Das Signal ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Alle Anwesenden meinten zu wissen, warum Walter zum Davonlaufen zumute war, tatsächlich kannten aber nur drei von ihnen die richtige Antwort.
»Ist das eine Neuerwerbung?«, fragte Ursel und deutete auf ein mäßig appetitanregendes Stillleben mit ausblutendem Wildbret und Weintrauben kurz vor Einsetzen des Gärungsprozesses, das linker Hand des lauschigen familiären Beisammenseins über dem Kamin hing.
»Gefällt es euch?«, erwiderte Adeline freudig überrascht. »Ein Werk dieses begabten Menschen, dem wir die Nachtwache im Flur verdanken. Ich musste es einfach haben.«
Ursel lächelte gequält.
Die Reproduktion des Rembrandt-Gemäldes dominierte den Eingangsbereich des Kayser’schen Heims und machte jeden Besucher blind für den Rest. Adeline, die die Dinge mit preußischer Gründlichkeit anging, hatte in Erfahrung gebracht, dass das Original, nachdem es 1715 ins Amsterdamer Rathaus geschafft, um die Hälfte des rechtsseitigen Trommlers beraubt und zudem zwei Jahrhunderte vom Kaminfeuer bis zur Unkenntlichkeit zugerußt worden war. Adeline wünschte den Trommler und die Farben zurück, damit man erkennen konnte, wo das legendäre Ganze überhaupt stattfand, aber weil sich das beim Original des Meisters auch bestenfalls erahnen ließ, hatte der wackere Bremer Kopist kurzerhand einen Dom, eine Flussmündung und einige Tiere, Esel, Hund, Katze und Hahn, im Hintergrund angedeutet. Hendrik Kayser fand es ulkig, Adeline war wütend und die Mehrheit ihrer Besucher überrascht von der Nonchalance, mit der die Kaysers eine noble Geste an die niederländische Konkurrenz, deren Urururahnen einst den Tee von China nach Europa geholt hatten, mit dem Hinweis konterkarierten, wo jetzt, 1895, die Musik gespielt wurde – in Bremen, bei Kaysers. Niemand fand es geschmacklos. Es war durchaus üblich, sich Originärem zu bedienen und nach eigenem Gutdünken zu ergänzen, zu korrigieren und zu funktionalisieren. Was scherte einen die Intention eines längst zu Grabe getragenen Künstlers?
So fett die Jahre seit der Gründung des Deutschen Reichs auch sein mochten, so ängstlich hielt die Oberschicht am Althergebrachten fest. Während Gauguin, Klimt, Kraus um Farben, Formen und Worte rangen, um dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein eigenes kulturelles Gesicht zu verleihen, schleppten Kaufleute wie Bildungsbürger fleißig Requisiten aus vergangener Zeit in ihren Bau. Rokoko-Sesselchen im Salon, minoische Säulen an der Haustür aus Eichenholz – die Kaysers wie ihresgleichen lebten in einer historisierenden Inszenierung und merkten es nicht, weil der Plüsch klare Gedanken erstickte. Aber es sah halt nach was aus. »Fehlt nur noch, dass wir gepuderte Perücken tragen«, hatte Josephine einmal zu Eliana gesagt, die pflichtschuldig gelächelt hatte über das Bemühen ihrer Cousine, ihr wieder einmal das Gefühl vermitteln zu wollen, Reichtum sei eigentlich etwas Blödes. Das war nett gemeint und typisch Josephine, aber es war reiner Unfug. Nur ein Bruchteil dessen, was die Bremer besaßen, würde Eliana und ihre Eltern zufriedener schlafen lassen.
Sie zuckte zusammen, als Adeline ihr eine Tasse Tee und einen mit Köstlichkeiten angehäuften Teller hinhielt.
»Meine Lieben, wie schön, euch wohlbehalten anzutreffen!« Mit einem leutseligen Lächeln segelte Hendrik Kayser in den Salon, am Arm seine Schwiegermutter Victoria Franzini-Magyary, einer bleichen, ätherischen Erscheinung in schwarzer Seide, die er fürsorglich zu einem Sessel führte. Sofort sprang Walter auf, stand stramm und wartete. Victoria nahm auf eine Weise Platz, als würde es sich bei dem Möbel um ein gefährliches Ding aus einer anderen Welt handeln. Auf die Begrüßungen reagierte sie mit einem irritierten Blick.
Hendrik klopfte Walter jovial auf die Schulter. »Walter, altes Haus, setz dich.« Er selbst ließ sich lässig in einen Sessel fallen. »Verzeiht meine Verspätung, aber ich musste mich noch rasch mit Kapitän Pommorenke unterhalten. Er ist gerade aus Shanghai zurückgekehrt und hat neben allerbester erster Ernte ein paar Gewächse dabei.« Er zwinkerte Walter zu. »Magere Dinger, diese Orchideen, wenn du mich fragst, aber wenn du später einen Blick darauf werfen möchtest, Walter …«
Walters Miene hellte sich auf. »Danke, das ist sehr nett von dir, Hendrik.«
»Keine Ursache«, wehrte Hendrik ab und wandte sich Ursel und Eliana zu. »Prächtig sehen die Damen aus.«
Während Ursel ihm verhalten zulächelte, etwas überfordert von seiner raumgreifenden Präsenz, strahlte Eliana ihren Onkel unverhohlen an. Er zeigte sich stets zugänglich, gab sich jovial und fröhlich und konnte wunderbare Geschichten erzählen, wenn seine Frau ihn ließ. Oft genügte jedoch ein mattblauer Blick, und manches, was poetisch begonnen hatte, fand ein prosaisch schnelles Ende.
Wie es ihrer Tante gelungen war, diesen Mann, hochgewachsen, mit breitem Mund, flacher Nase, leicht hervorspringenden Augen und grauen, nach hinten gekämmten Wellen, einem alten Löwen nicht ganz unähnlich, zu zähmen, war Eliana ein Rätsel. Aber um die seltsame Dynamik in mancher Ehe, die die Verheirateten ihrer persönlichen Wahrhaftigkeit verlustig gehen lässt, wusste Eliana zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
»Möchten Sie Orangen?« Die Worte schwebten durch den Raum wie zarteste Seifenblasen, und den Moment, den es brauchte, da sie niedersanken und vergingen, hielten alle die Luft an.
»Nein, danke, Mutter, nachher vielleicht«, sagte Adeline, die sich als Erste gefasst hatte und ihrer Mutter nun resolut eine Teetasse in die Hand drückte.
Folgsam nahm Victoria einen Schluck Oolong. Ihre Augen weiteten sich. Sie murmelte etwas und drückte ein Spitzentaschentuch an ihren Mund. Überzeugt, dass Victoria den Tee mindestens so scheußlich fand wie sie, Eliana, und nur zu höflich war, ihre Tochter zu blamieren, lächelte Eliana ihre (nun ja, was? Niemand wusste es schließlich so genau, und man hatte sich geeinigt auf:) Großtante an.
Zwei senkrechte Falten auf der Stirn, starrte Victoria zurück. »Denk ja nicht, ich hätte sie nicht alle beisammen, mein Kind. Die Orangen hat Gunter mitgebracht. Oder Hendrik. Einer von beiden. Sie sind in meinem Zimmer. Ich werde sie holen.« Scheppernd wurde die Teetasse auf den Tisch gestellt. Victoria erhob sich und verließ den Salon.
Adeline seufzte schwer und eilte hinterher. Der strenge Ton, mit dem sie das Mädchen anwies, ihrer Mutter nachzugehen und sich um sie zu kümmern, hallte durchs Treppenhaus. Eine trotzige Erwiderung folgte. Dann ein zischendes »Luise!«, ein Klatschen und eilige Schritte die Stufen hinauf. Walter und Ursel taten, als hätten sie nichts gehört. Eliana senkte den Blick, und Josephine atmete vernehmlich.
»Luise ist aus einer Besserungsanstalt in der Vorstadt«, erklärte Hendrik ohne Umschweife und mit einem Kopfnicken in östlicher Richtung. »Wir können froh sein, dass wir sie haben.«
Zum ehrlichen Bedauern wohlhabender Bremer hatte es sich auf dem Land herumgesprochen, dass die Flucht von der Scholle in die Stadt nicht unbedingt das erhoffte bessere Leben brachte. Im Gegenteil, so manche Bauersmaid war unter die Räder gekommen, hauste hungrig, schwanger und grottenelend in irgendeinem Loch in Hafennähe. Da blieb man doch lieber daheim, in Syke, Bassum oder Scheeßel. Die Töchter der Kleinbürger dienten eine Weile als Ersatz, bis deren Eltern begriffen, dass es sinnvoller war, sie einen Beruf erlernen zu lassen, statt unausgebildet zu Herrschaften in den Dienst zu schicken. So war man von der Parkallee bis zur Bismarckstraße gezwungen, sich anderer Quellen zu bedienen. Die Besserungsanstalt war eine davon. Wer seine weiblichen Angestellten hier rekrutierte, galt überdies als sozial erleuchtet. Leider verlief das Verhältnis zwischen Wohltäter und den erwählten jungen Frauen selten ungetrübt. Weil manche mit Trotz auf die Selbstverständlichkeit reagierten, mit der das Großbürgertum sich das Recht herausnahm, sie zu erwählen, ohne zu fragen, ob sie erwählt werden wollten; weil die meisten von der Pike auf angelernt werden mussten, was Hygiene und Dienstleistung zu bedeuten hatten, andere wiederum sich übelster Gossensprache bedienten, keine Manieren besaßen und gleichermaßen große Scheu und Aufsässigkeit an den Tag legten. Ob etwas davon auf Luise zutraf, ließ Hendrik taktvollerweise offen. »Sie muss sich auch um Victoria kümmern, bis wir eine geeignete Pflegerin gefunden haben, und ich schätze, das ist ein wenig zu viel für das arme Ding.« Als niemand etwas erwiderte, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu: »Ihre Vorgängerin hat nach einem Monat gekündigt. Sie hat, so erklärte sie es uns, einen Ruf aus Afrika erhört. Gottes Ruf natürlich. Dagegen konnten wir schlecht etwas einwenden, obwohl es offensichtlich war, dass sie flunkerte. Ehrlich gesagt fanden wir es wenig ermutigend, dass sie glaubte, mit wilden Tieren sei besser umzugehen als mit Victoria …« Sogleich ging ihm auf, dass seine Bemerkung als Zynismus aufgefasst werden könnte, und genervt verdrehte Hendrik die Augen. »Malfalda will uns demnächst besuchen«, sagte er mit Hoffnung in der Stimme, ob nicht, wenn schon die Quacksalber von Ärzten mit ihrem Latein am Ende waren, vielleicht die resolute Schwester seiner Schwiegermutter ein Licht entzünden könnte im zunehmenden Dunkel des Vergessens, unter dem Victoria litt.
»Das ist ja wunderbar«, rief Josephine und suchte Elianas Blick. Beide mochten die Großtante aus Wien von Herzen gut leiden. Niemand war wie Malfalda, eine Galionsfigur des unbedingten Willens zur Individualität.
Energische Schritte kündigten Adelines Rückkehr an. Mit großer Geste öffnete sie die zur Hälfte verglasten Flügeltüren. Es war so weit. »Ihr Mädchen solltet nun ein wenig spazieren gehen. Die Luft wird euch guttun.«
Vom Fenster des Salons aus beobachtete Adeline, wie die beiden schmalen Gestalten in den pastellfarbenen, von einem leichten Wind gebauschten Sommerkleidern die Emmastraße entlangschlenderten, während ihr Mann seinerseits seine Frau betrachtete.
»Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?«, fragte er belustigt. »Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gewisse konspirative Stimmung in der Luft liegt.«
Adeline drehte sich um. Den Einwurf ihres Mannes ignorierend, sagte sie gedehnt: »Wenn ich deine Zeilen richtig verstanden habe, Ursel, ist John van Steen nunmehr vorstellig geworden.«
»Wer ist das?«
»Aber geh, Hendrik, ich habe dir doch von ihm erzählt!«, versetzte sie mit tadelndem Unterton. »Erfreulicherweise hat sich in Lüneburg eine entfernte Verbindung zu Torge offenbart, die die Frage nach einer angemessenen Versorgung unserer lieben Eliana aufs eleganteste löst. John ist nicht mehr ganz jung, aber strebsam, und seine Mittel sind ausreichend. Er ist im Begriff, einen kleinen Kurbetrieb aufzubauen.«
»Ja, richtig, jetzt entsinne ich mich …« Hendrik warf Ursel und Walter einen entschuldigenden Blick zu. »Der Handel nimmt mich zurzeit über Gebühr in Anspruch. Die Amerikaner drängen äußerst aggressiv auf die Märkte, und alle Kaufleute im alten, behäbigen Europa, nicht nur ich, haben Mühe, sie in Schach zu halten.« Er machte eine kurze Pause. »Seid ihr sicher, dass er die richtige Wahl ist?«
Walter nickte. »Nun, er wird gut zu Eliana sein, ganz bestimmt. Er versteht nichts von Pflanzen, aber er achtet sie.«
Hendrik unterdrückte ein Grinsen.
»Er ist höflich«, ergänzte Ursel schnell. »So einer wie er findet sich in der Heide kein zweites Mal. Es ist ein großes Glück für Eliana, dass er sich für sie interessiert.«
»Auch scheint er mir zwar freundlich, jedoch nicht zu gutmütig zu sein«, meinte Adeline, »und damit erfüllt er eine wesentliche Voraussetzung zum Gelingen dieser Ehe. Denn, wie wir uns alle gewiss einig sind, gilt es, Eliana gegenüber die goldene Mitte zwischen Nachsicht und Strenge zu bewahren.«
»Ach, ich glaube nicht, dass die Dinge noch einmal aus dem Ruder laufen«, warf Hendrik ein.
»Mein Lieber, dein Optimismus in allen Ehren, sollten wir doch wachsam bleiben. Dazu gehört auch, dass wir uns nicht aus dem Rahmen bewegen, den wir uns nun einmal gesteckt haben.«
Ursel begriff. »Du meinst, ihr werdet an der Hochzeit nicht teilnehmen.« Als Adeline nickte, erhob sie zum ersten Mal die Stimme. »Eliana ist munter und schlägt weder zur einen noch zur anderen Seite aus, über ihre kleinen Kümmernisse kommt sie schnell hinweg, sie ist tapfer und verständig. Ich kann mir nicht denken, dass ein Risiko darin liegt, dass ihr an der Hochzeit teilnehmt. Eher liegt ein Risiko in der Heirat an sich …«
»Das müssen wir eingehen«, unterbrach Adeline sie barsch. »Eliana muss ein normales Leben führen. Alles andere wäre dazu angetan, sie in Grübeleien zu versenken. Aber wir können das Risiko mindern, indem wir unsererseits kein großes Aufhebens von der Sache machen.«
Ursel zuckte mit den Schultern und schaute bekümmert zu Boden. Walter zupfte einen nicht vorhandenen Krümel von seiner dunkelgrauen Tuchhose. Hendrik betrachtete seine Frau. Seine Miene verriet nicht, was er dachte. Als Adeline begriff, dass ihr niemand widersprach, entspannten sich zum ersten Mal an diesem Nachmittag ihre Züge, und ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Es ist also beschlossene Sache.«
Mild und wispernd setzte der Regen ein. Binnen fünf Minuten hingen die Kleider wie unförmige Säcke an ihren Körpern herunter und offenbarten jede nennenswerte Kurve. Sie begannen zu rennen, übersprangen Pfützen auf der menschenleeren Parkallee und stürzten atemlos kichernd die Treppen zum Hintereingang des Kayserhauses hinunter. Auf Zehenspitzen schlichen sie durchs Souterrain und an der auf einem Holzstuhl zusammengesunkenen und leise schnarchenden Köchin Margarethe vorbei durch die Küche. Drei Hasen lagen ihres Fells beraubt, ausgeweidet und lang ausgestreckt neben der Spüle, daneben ein Bund notdürftig gesäuberter Möhren und drei dicke Zwiebeln. Es roch nach Blut und nach Eingeweide. Eliana verzog das Gesicht.
Hinter der Küche ging ein schmaler Flur zu einer steilen Stiege, die nur von den Dienstboten benutzt wurde und in die oberen Stockwerke des Hauses führte. Josephine zerrte die knöchelhohen geknöpften Stiefel von ihren Füßen, ließ sie nass und sandig liegen, wo Newtons Gesetz es wollte, und bedeutete Eliana, es ihr nachzutun. Auf Strümpfen tappten sie die Stiege hinauf in den ersten Stock.
Kurz darauf hingen ihre Röcke, die Hemdchen und pumpigen Unterhosen feucht und zerknittert über einem eilends vor den Kamin gerückten Birnbaum-Sekretär. Die Beine nackt, die Haut rosig vom Trockenrubbeln mit dem weichsten Handtuch, das jemals Elianas Haut berührt hatte, die Brust notdürftig mit einem von Josephine geliehenen Hemdchen bedeckt, kuschelte sie sich unter deren weiche Bettdecke und sah sich in ihrem Zimmer um. Ein weißlackierter Kleiderschrank mit silberglänzenden Intarsien, eine schmale Matratze in einem filigranen Eisengestell, daneben ein weißlackierter Nachtschrank, der Sekretär, das war’s. Kein Gemälde, keine Porzellanfigürchen, keine Vitrine mit aufgespießten Schmetterlingen, keine Chaiselongue mit dicken Samtkissen, keine Seidenfächer und Pfauenfedern, nichts, was den Geist träge machte und die Sonne hinderte, durch den großzügigen Raum zu fluten. »Der Schlichtheit verpflichtet und dem Licht gewidmet« stand in Josephines eckigen, nach rechts geneigten Buchstaben auf einer schneeweißen Karte, die an eine Petroleumlampe gelehnt war.
Eliana schüttelte den Kopf, zugleich amüsiert und bewundernd, dann drehte sie sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lauschte auf die Geräusche von nebenan. Außer Malfalda, die sie leider nur wenige Male zu Gesicht bekommen hatte, besaß niemand, den sie kannte, auch nur annähernd so viel Spaß an der Kultivierung ihrer Extravaganzen. Josephine weigerte sich, Korsetts zu tragen und ihr Hinterteil auszupolstern, als beides noch in Mode war, vollführte zum Entsetzen ihrer Mutter Turnübungen im Garten und hatte hinter dem Rücken ihrer Eltern ein Fahrrad erworben, ein brandneues Modell mit Luftreifen und Stahlrohrrahmen, das sie im rückwärtigen Teil des Gartens unter Tannen verborgen hielt, um, sobald die Eltern außer Haus waren und die Luft rein war, mit fliegenden Röcken in den Bürgerpark zu strampeln.
»Nicht einschlafen«, neckte Josephine sie, als sie, in einen Morgenmantel gehüllt, aus dem angrenzenden Bad kam, jener hochmodernen Einrichtung mit Porzellanklosett und Waschbecken, die ihr Vater vor kurzem hatte einbauen lassen und deren Vorzüge Josephine bei aller Neigung zur Schlichtheit überzeugt hatten. »Ich will dir etwas zeigen!« Mit einer schnellen Bewegung langte sie unters Bett und förderte – »Tata!« – eine Art Skalp hervor, ein struppiges Ding von undefinierbarer Farbe. »Ponyhaar«, sagte Josephine mit Genugtuung, drehte ihre drahtigen langen Strähnen zu einem flachen Knoten und setzte das Ungetüm wie einen Hut auf. »Und – wie sehe ich aus?« Ihre mattblauen Augen, die Augen aller Franzini-Magyarys, blitzten mutwillig.
»Nun ja«, erwiderte Eliana, unsicher, ob Josephine sie auf den Arm nahm oder eine ernstgemeinte Antwort erwartete. Schließlich entschied sie sich, aufrichtig zu sein. »Wie ein halbwüchsiger Junge, bloß ohne Flaum am Kinn.«
»Gute Antwort«, meinte Josephine zufrieden. »Genauso soll es sein. Mein Name ist Jo, und dies wird meine Frisur sein, wenn ich auf Reisen gehe. Wer braucht schon eine Brennschere am Nanga Parbat?«
»Jo. Hm.« Eliana schürzte die Lippen. »Deine Mutter wird von diesem netten Einfall gewiss sehr angetan sein.«
»Das ist mir wurscht, hätte sie mir halt nicht einen so unsäglich albernen Vornamen geben sollen. Josephine Kayser. Ich bitte dich, da hört man doch gleich heraus, was sie mit mir im Sinn hat. Aber sie hat sich geschnitten.«
Einen kurzen Moment versank sie in Schweigen. Eliana wusste, dass Josephine auf ihr Stichwort wartete und tat ihr gern den Gefallen. »Los, zeig schon her!«, rief sie. »Zeig einem unbedarften Landmädel deine Schätze!«
»Na schön, du hast es so gewollt.« Josephine wuchtete einen mit Riemen verschlossenen ledernen Koffer unter dem Bett hervor und öffnete ihn feierlich. Ein kaum wahrnehmbarer Geruch nach Parfum, Leder und Leim mit einem Hauch von Moder stieg Eliana in die Nase.
Zärtlich glitt Josephines Blick über den Inhalt – Bücher, kleine, dicke, dünne, mit Goldschnitt und ohne, mit Lederrücken, in Halbleinen gefasst, einige unversehrt, die meisten deutlich gebraucht, wenige zerfleddert. Ein paar Bände von insgesamt dreißig, die Alexander von Humboldt seinen Aufenthalten in Übersee gewidmet hatte, ein paar rot eingebundene Baedeker, verfasst, weil immer mehr Menschen in ferne Länder drängten und neben den Angaben zu Kultur und Klima das Gefühl vermittelt bekommen wollten, das Wissen um die Gegebenheiten schütze vor den Risiken; Marco Polos Aufzeichnungen über seine im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts unternommenen Reisen in die Mongolei und nach China, in denen der Welt berühmteste Reisende Dichtung und Wahrheit so verwoben hatte, dass später erhebliche Zweifel aufkommen sollten, ob er überhaupt je einen Fuß auf asiatisches Gebiet gesetzt hatte. Daniel Defoes RobinsonCrusoe fehlte ebenso wenig in Josephines Sammlung wie Homers Odyssee und Karl Mays Blutsbrüder-Saga, die die Grenzen einer rassistischen Gesellschaft konsequent pathetisch überwanden. Pfeil und Bogen und edle Profile auf billigem Pappeinband.
Reiseliteratur war das Schönste für Josephine, aber strikt verboten, seitdem sie siebenjährig eine reichillustrierte Ausgabe des indischen Kamasutra in Vaters Kleiderschrank gefunden, ausgiebig studiert und den Eltern beim Abendessen pikante Fragen über indische Sitten und Gebräuche gestellt hatte; in der Folge bestand ihre Mutter darauf, dass jegliche Lektüre aus dem Ausland indiziert wurde. Aber wie alle Verbote war auch dieses vor allem dazu angetan, den Ehrgeiz des Kindes zu wecken, es zu umgehen. Die kleine Josephine entwickelte eine geradezu kriminelle Energie, um an Reiseberichte, ganz gleich welcher literarischen Qualität, heranzukommen. Sie borgte sich Geld vom Dienstmädchen und zahlte es mit Gestohlenem aus Mutters Portemonnaie zurück, pumpte ihre Großmutter an, schickte die Köchin mit einer Liste in die Buchhandlung am Dom und erkaufte sich das Schweigen der jungen Frau mit dem Versprechen, über die häufigen nächtlichen Besuche eines groben Burschen mit fleischigen Lippen, der nach Fisch roch, zu schweigen. Jo las unablässig, und war der Koffer voll, wanderte ein Teil ihrer Schätze in die Kammer unterm Dach, wo ihre Mutter die ausgedienten Kleider, Krinolinen, Hinterpolster und Gott weiß was noch aufbewahrte. Das Kamasutra-Erlebnis zeitigte also in der Tat, obschon ganz anders, als Adeline es befürchtet hatte, einen einschneidenden Einfluss auf Josephine.
»Ich werde Zitronen von damaszenischen Bäumen pflücken«, sagte sie träumerisch, den Rücken an das Bett gelehnt, »die Wasser des Ganges um meine nackten Füße streicheln sehen, den Schnee des Kilimandscharo riechen und mich an japanischen Kirschblüten berauschen. Das wollte ich, seitdem ich lesen kann.«
»Ich weiß«, erwiderte Eliana geduldig. »Schon als Kind hast du mit den Seidenschals deiner Mutter dieses Zimmer in einen orientalischen Palast verwandelt, weil du die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht in zwei Tagen aufgesogen hast.«
»Hast du denn wirklich niemals Scheherezade gespielt?«
»Nein«, erwiderte Eliana nachdrücklich, aber immer noch geduldig, obwohl Josephine ihr jedes Mal dieselbe Frage stellte. Dort, wo und wie sie, Eliana, lebte, konnten die Menschen nicht auf solch blumige Erinnerungen zurückgreifen. Erwachsene wie Kinder mussten täglich hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Gleichwohl meinte Eliana gelegentlich, ein Bild von irgendwoher, fremd und exotisch, wollte sich vor ihrem inneren Auge formen, aber ehe es Kontur annehmen konnte, flog es zurück in den Nebel. Aus Angst, in ihrem Kopf könnte irgendetwas nicht stimmen, hatte Eliana vor Jahren ihrer Mutter davon erzählt, und die beschied ihr überraschend trocken, sie solle sich bloß nicht von den Kapriolen ihrer Cousine kirremachen lassen; nie und nimmer hätte Adeline dem unsachgemäßen Gebrauch ihrer teuren französischen Seidenschals zugestimmt, Josephine besitze einfach zu viel Phantasie.
»Entschuldige«, murmelte Josephine. »Ich bin eine Nervensäge.« Verlegen zog sie einige Bücher aus dem Koffer und breitete sie aufgeschlagen vor Eliana auf dem Bett aus. »Hier, sieh dir das an. Die Pyramide von Chichén Itzá. Die Maya haben sie der gefiederten Schlange gewidmet, die eine Art Gott der Auferstehung ist. Zweimal im Jahr soll ihr Schatten die Treppen hoch- und runtersteigen und so den Beginn des Frühlings und des Herbstes ankünden.« Ein entrückter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
Eliana gab ihre bequeme Rückenlage auf, setzte sich auf und betrachtete die bunten Illustrationen flüchtig. »Glaubst du an solche Legenden?«
»Ich weiß nicht«, entgegnete Josephine. »Ich weiß nur, dass ich eines Tages dort oben stehen werde.«
»Lesen ist eine Sache, aber so verrückt kannst du nicht sein, ernsthaft so eine Reise in Erwägung zu ziehen. Das ist viel zu gefährlich!«
»Für eine Frau, meinst du?«, versetzte Josephine ironisch. »Du solltest einmal lesen, was Ida Pfeiffer vor fünfzig Jahren schon erlebt hat, dir würden die Augen übergehen. Sie hat die Kordilleren bestiegen und Madagaskar durchquert, sie war in Südamerika, China, Ostindien, Persien und Kleinasien! Stell dir nur vor, sie ist auf einem Dampfer den Tigris hinunter nach Basra geschippert und mit einer Karawane weiter Richtung Russland und von dort nach China gelangt.«
»Das muss ja ewig dauern!«
»Von London nach Peking sollte man mindestens fünfzig Tage einplanen, also von Bremen vermutlich ebenso viel, wenn man den Landweg über Moskau wählt«, entgegnete Jo lässig, als säße sie bereits auf gepackten Koffern.
Eliana schüttelte den Kopf. »Warum willst du eigentlich so unbedingt fort aus Bremen? Man könnte meinen, du würdest deiner Heimat lieber heute als morgen den Rücken kehren. Und das alles nur wegen ein paar Büchern.«
Josephine dachte einen Moment nach. Dann sagte sie: »Es hat nichts mit der Stadt zu tun. Es ist wegen Mutter. Sie ist immer so damit beschäftigt, ihren Stand zu wahren, dass sie für den Rest der Welt keinen Blick hat. Gesundes Volksempfinden nennen sie und die Andreesens und wie sie alle heißen das, aber für mich bedeutet es eine widernatürliche Abgrenzung gegen andere Menschen. Ich ersticke fast daran.«
»Ist das nicht das Gleiche in Grün?«, erwiderte Eliana lakonisch. »Sie stellt ihr Wohnzimmer voll und achtet auf Etikette wie ein Schießhund, und du willst in den mexikanischen Dschungel fliehen. Abgrenzung kann man das eine wie das andere nennen.«
»Du!« Josephine stieß einen Schrei aus und begann Eliana zu kitzeln. Die rollte sich behende zur Seite, schnappte sich ein Kopfkissen und schlug damit auf Josephine ein, die es ihr entriss und sich auf sie stürzte. Atemlos, kichernd und ineinander verschlungen blieben sie kurz darauf liegen.
»Es wird nicht einfach werden«, murmelte Josephine in Elianas dunkelhonigblondes Haar. »Ich glaube, Ida Pfeiffer ist unterwegs überfallen und einmal sogar als Spionin verdächtigt worden.«
»Prima Aussichten«, gab Eliana zurück. »Aber wahrscheinlich wird deine Mutter schwieriger zu überwinden sein als der Geheimdienst Ihrer Majestät.«
»Da hast du wohl recht«, räumte Josephine kichernd ein. »Wenn Vater ein berühmter Afrikaforscher wäre wie der Hagedorn … Aber was machen seine Kinder? Püppi hechelt den Männern hinterher, und Hubertus säuft wie ein Loch. Zum Glück hat Mutter mir den Umgang mit ihnen verboten. Sie befürchtet, der Hagedorn’sche Einfluss könnte mich auf Gedanken bringen. Sie scheint wirklich nicht zu ahnen, dass ich mich seit Jahren darauf vorbereite, in Idas Fußstapfen zu treten.«
»Na ja, vielleicht weiß sie es durchaus, meint aber, das verwachse sich wie Babyspeck.«
Beide schwiegen einen Augenblick. Eliana löste sich aus der Umarmung und rollte sich wieder auf den Rücken.
Josephine tat es ihr nach. Nach einer Weile sagte sie: »Manchmal denke ich, das Schicksal stellt uns absichtlich in eine andere Ecke, als es unseren Neigungen und Sehnsüchten entspricht. Um uns zu prüfen, um uns zu härten und darüber zu befinden, ob wir es wert sind.«
»Und, bist du es?«, fragte Eliana ironisch.
»Nun, ich büffle Sprachen, trainiere meine Muskeln und stelle mir jeden Abend, wenn ich schlafen gehe, ganz genau vor, wie es sein wird. Ich schmecke den Wüstenwind und rieche den Kebab in Bagdad. Ich tue so, als wäre ich bereits unterwegs. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, was der Traum und was die Wirklichkeit ist.«
»Wozu soll das gut sein?«
»Das bringt mir den Traum näher.«
Ein Schatten flog über Elianas Züge. »Ich halte mich lieber an das, was ich sehe«, entgegnete sie in einem Ton, der Josephine verstummen ließ.
Der Hof nordwestlich von Lüneburg lag fernab von den Nachbargehöften in einer leichten Senke in komfortablem Abstand zum Lüner Holz. Dort, in den Reihen duftender Kiefern hatte Eliana von klein auf jeden Tag Zweige und Äste für den Küchenofen gesammelt. Sie war stolz darauf, dass man ihr diese wichtige Aufgabe anvertraut hatte, und sie war glücklich darüber, dass alles, was die Familie brauchte, sich in unmittelbarer Nähe ihres Hauses oder unter ihrem Dach befand. Das gepökelte Hammelfleisch brachte sie über den Winter, die Schafwolldecken schützten vor der Kälte, die gekochte Seife säuberte sie, und die Marmelade aus den Beeren hinter dem Haus erinnerten sie an die Süße des Lebens, die sie über all der Arbeit hin und wieder vergaßen. Bis auf die seltenen Besuche in Bremen oder auf dem Markt in Lüneburg, wenn Mehl gekauft werden musste, Schnurbänder fehlten oder Salz und Gewürze, die sie nicht selbst herstellen konnten, brauchten sie ihre Senke nicht zu verlassen.
Nach Sonnenuntergang fanden sie sich um den Esstisch versammelt, um einen Teller Kohleintopf oder Graupensuppe mit Würsten aus Lammfleisch zu sich zu nehmen. War das Geschirr abgeräumt und abgewaschen, nahm Ursel die Lektüre des Monats zur Hand und las ein oder zwei Gedichte, ein, zwei Psalmen aus der Bibel oder ein oder zwei Szenen eines Theaterstücks vor, sie las von Eichendorff, Goethe, Aristophanes, um, wie sie sagte, sich selbst, Mann und Kindern eine Welt voller Wunder und Zeichen, Phantasie und Kunst nahezubringen, die jenseits der Senke existierte. Während Walter, Fraukes Kopf an seiner Schulter, meistens dabei einnickte, fiel Ursels Bemühen bei Eliana auf fruchtbaren Boden. Eliana genoss das klingende Spiel der Laute und Silben und gewöhnte sich mit der Zeit daran, sich ihrer so selbstverständlich und elegant zu bedienen wie die, die mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen waren.
Der Friede war fast mit Händen zu greifen, da unterlief ihrem Vater vor einigen Jahren ein kapitaler Fehler. Einem zwielichtigen Händler namens Balthasar, der betörende Worte fand, sie drehte und wendete und Walter damit ganz irremachte, war es gelungen, eine Handvoll Karakullämmer für Heidschnucken auszugeben. Das gelockte Fell? »Eine Laune der Natur, die sich alsbald wieder legt – haha, im wahrsten Sinn des Wortes, nicht wahr!« Die schmalen Köpfchen mit den im Ansatz breiten, langen Hängeöhrchen? »Der schweren Geburt der bedauernswerten Mütterkreaturen geschuldet«, die früh verschieden waren und die Kleinen einem bösherzigen Schäfer ausgeliefert hatten, der sie hätte verhungern lassen, wenn nicht er, Balthasar, sich ihrer angenommen hätte. Walter erkannte die Chance und ergriff sie. Es konnte nicht schaden, ihre im Entstehen begriffene Herde um fünf gesunde Lämmer aufzustocken. Auf dem Markt hätten sie den doppelten Preis bezahlen müssen. Als Ursel, die nach ihrer Rückkehr von einem Besuch auf dem Nachbargehöft den putzigen Zuwachs erblickt und von Anfang an nichts Gutes geahnt hatte (»Seit wann hat ein Hausierer Geld zu verschenken?«), gewahr wurde, dass das Fell der Lämmer schwarz und gelockt blieb – gerade so wie die Mäntel reicher Damen –, witterte sie eine weitaus interessantere Einkommensquelle, als die Heidschnucken je hätten sein können. So machte sie sich, eins der Lämmer als Anschauungsobjekt auf dem Karren, auf die Suche nach Züchtern, um ein paar Muttertiere und einen Bock dieser ihr noch unbekannten Rasse zu erstehen. Misstrauen und Verachtung schlugen ihr entgegen, wann immer sie einen Heidschnucken-Schäfer darauf ansprach. Immerhin konnte Ursel in Erfahrung bringen, dass es sich bei dem gelockten Corpus Delicti auf ihrem Karren um ein Karakullamm handelte, dessen Verwandte in Arabien beheimatet waren. In Lüneburg und Umgebung gab es jedoch niemanden, so die niederschmetternde Erkenntnis, der mit diesen Steppentieren Handel trieb. Was selten vorkam, geschah. Ursel geriet in maßlose Wut – auf ihren Mann, dem man jedes X für ein U vormachen konnte, auf sich selbst und ihre törichte Begeisterung, am meisten aber auf den abgebrühten Hausierer, der gewiss schlau genug war, sich nicht mehr in die Nähe ihrer Senke zu wagen.
Die Lämmer wuchsen zu flauschigen, kräftigen Jungtieren heran. Etliche Male hatte Ursel das Schlachtbeil in der Hand, legte es jedoch wieder hin. Eines Tages drang ein Scheppern und Klappern von Kochtöpfen, Besenstielen und Nachtgeschirr durch den Wald hinunter in ihre Senke, und wenig später stand Balthasars Wagen vor ihrem Haus. »Du bist das also«, sagte Ursel beherrscht, nachdem der Hausierer seinen Namen genannt und sich nach dem Befinden »der lieben Kleinen, haha!« erkundigte. Das »haha« machte das Maß voll. Ursel holte aus und ohrfeigte den Mann. Blut schoss aus seiner Nase, und er begann zu kreischen, was ihr einfalle.
»Wo hast du die verdammten Karakullämmer her?«, schrie Ursel.
»Ich hab sie einem Perser abgenommen!«, schrie Balthasar zurück. »Der Kerl schuldete mir Geld und wollte es nicht herausrücken. Was weiß denn ich, was das für Viecher sind. Ein Schaf sieht doch aus wie das andere, Himmelherrgott!«
Ursel überlegte einen Augenblick. Ein Perser. Das klang plausibel. Die persischen Händler brachten die Felle aus den arabischen Emiraten auf den europäischen Markt, so viel hatte Ursel bei ihrer vergeblichen Suche nach Züchtern herausgefunden. »Ich will fünf Muttertiere und einen Bock. Ich zahle gut. Und jetzt komm herein, das Blut abwaschen.«
Ein paar Monate später konnte Ursel mit der Zucht beginnen, die sich in der Folge recht passabel ausnahm. Nachdem Ursel die ersten gelockten Felle auf dem Lüneburger Markt angeboten hatte, begannen die Nachbarn jedoch die Familie zu schneiden. Bald galten die Jürgensens nicht mehr als Eigenbrötler in der Senke, sondern als Nestbeschmutzer von auswärts, Verräter an der Scholle, die sich zu Höherem berufen fühlten. Karakulschafe! Da hörte sich doch alles auf! Aber was wollte man schon erwarten von Leuten, die nicht von hier stammten!
Die Familie tat daraufhin, was sie immer getan hatte – sie verbrachte ihre Tage in der Senke, ignorierte tapfer das verletzende Gerede auf dem Markt und begab sich alle drei Monate auf die Reise nach Hamburg, um die Felle an weltoffenerem Ort zu veräußern. Da jeder Druck einen Gegendruck benötigt, um nicht nachzulassen, verlor sich nach einiger Zeit das wütende Interesse der Leute, und sie begannen eine andere Sau durchs Dorf zu treiben.
Eliana war damals acht oder neun und atmete auf. Sie registrierte feinste atmosphärische Störungen mit allen Sinnen, und was sie hörte, schmeckte und roch, wenn Dissonanzen in der Luft hingen, ein lautes Wort fiel oder ein böser Blick sie streifte, verstörte und ängstigte sie zutiefst. Es war nicht normal, den Geruch von Obst in der Nase und auf der Zunge zu haben, sobald gestritten wurde, und umso erleichterter fühlte sie sich nun, da der Gleichklang des Gewohnten sie wieder schützend umfing.
So gingen die Jahre fast unmerklich dahin.
Ihr Leben war einfach, aber nicht arm, beschwerlich, aber nicht zermürbend, ihre Mienen neutral bis heiter, als hätte das Schicksal in ihrem Fall entschieden, keine nennenswerten Ausschläge nach oben oder unten zuzulassen.
Bis zu dem Tag, da es begann.
Eliana mochte zehn oder zwölf gewesen sein, genau konnte sie es nicht sagen. Eines Tages war es da. Aus heiterem Himmel sah Eliana sich in einen dunklen Abgrund gestürzt, wo ein Dickicht von unbestimmten Empfindungen und Erinnerungen, Erwartungen und einer unerklärlichen, jagenden Angst nach ihrem Herzen griff und ihr den Atem benahm, als ob sie in Eiswasser getaucht würde wie damals, da sie kurz vor Weihnachten in den Teich hinter dem Haus gefallen war und sich nicht wehrte und hinabsank auf den Grund, bis Walters Arme sie emportrugen. Manchmal hielt die Angst sie auch in der Nacht gefangen, und dann saß sie am nächsten Morgen stiller und blasser als sonst vor ihrer Hafersuppe, doch die Eltern und Frauke, als sie noch bei ihnen war, merkten nichts oder taten so, als würden sie es nicht bemerken. Manchmal jedoch strich Ursel ihrer Tochter zärtlicher übers Haar als sonst, wies sie auf eine besonders schöne Blüte oder ein verstecktes Vogelnest hin und erklärte ihr auf einfache Weise, wie wichtig es sei, sich an den kleinen Dingen zu freuen. Eliana setzte »mich an den kleinen Dingen freuen« auf ihre gedankliche Liste ihrer täglichen Aufgaben, und tatsächlich gab es Wochen und Monate, da der Alpdruck ausblieb, doch dann kehrte er mit unvermindertem Schrecken zurück. Die kleine Eliana betete, der liebe Gott möge ihr ihre Sünden verzeihen; die junge Frau hingegen war überzeugt, nie Mensch oder Tier etwas zuleide getan zu haben, was Sanktionen überirdischer Art nach sich hätte ziehen können. Sie verlor nicht den Glauben an Gott, misstraute ihm jedoch, was vielleicht auf dasselbe hinauslief.
So sahen ihre Träume aus: dunkle Gespinste, überspannte Nerven, eine schwache seelische Konstitution. Nichts Glamouröses, aber auch nichts Ernstes, einfach nur etwas, was man nicht erzählte, wie wenn jemand unter Verstopfung oder einem nässenden Ausschlag litt.
Josephine riss sie aus ihren Gedanken. »Geht es dir gut, Eliana?« Sie sah besorgt aus.
»Aber ja«, log Eliana. »Ich habe mich nur gefragt, ob Daphnes Auge wieder gut ist und ob das Futter für alle reicht.« Als sie Josephines fragenden Blick auffing, fügte sie hinzu: »Ihr linkes Auge war arg gerötet.«
»Hm.« Kranke Schafe mit ausgefallenen Namen interessierten Josephine nicht. »Sag, würdest du mich Jo nennen, wenigstens, wenn wir allein sind?«
»Von mir aus. Also Jo.«
»Du hast die Franzini-Nase geerbt«, sagte Josephine plötzlich und strich über Elianas stumpfen Nasenrücken. »Deine Augen sind aber dunkler als Mutters und meine, jedenfalls manchmal, wenn die Dämmerung einsetzt, so wie jetzt.« Sie verstummte. Eine Weile ließen sich die beiden jungen Frauen vom Orangerosa einer müden Sonne liebkosen, als es mit einem Mal an der Tür klopfte und die mürrische Aufforderung des Dienstmädchens gedämpft durch die entrückte Stimmung drang. »Sie sollen in den Salon kommen. Beide.«
»Nackt?«, fragte Josephine und hielt sich die Hand vor den Mund.
Luise war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. »Von mir aus.«
Der Tee und die Leckereien waren zu Elianas Enttäuschung abgeräumt, stattdessen wurde bernsteinfarbener Sherry aus einer bauchigen Kristallkaraffe mit Silberverschluss in ebenso bauchige, zum Rand sich verjüngende Stielgläser gefüllt. Mit einem Augenzwinkern und einem verschwörerischen Lächeln reichte Hendrik seiner Tochter und Eliana ebenfalls ein Glas. Das war noch nie vorgekommen. Und niemandem schien es aufzufallen, dass Jo ein anderes Kleid trug als vorhin und sie, Eliana, eins von Jos Kleidern. Das war merkwürdig. Tante Adeline entging kaum je ein Detail, und sie ließ keine Gelegenheit ungenutzt, darauf hinzuweisen, dass es ihr nicht entgangen war.
Elianas Sinne schärften sich. Aufmunternd nickte Ursel ihr zu, was Elianas Alarmbereitschaft jedoch nur erhöhte.
Ihr Vater erhob sich und ergriff das Wort. »Liebe Eliana, wir wollen heute auf dein Wohl anstoßen. Bevor wir das tun, möchte ich dir sagen, dass du selbstverständlich auch nein sagen kannst, wenn das, was wir dir zu sagen haben …«
Adeline räusperte sich.
»… dir nicht zusagen sollte«, setzte Walter seine ungeschickte kleine Ansprache unbeirrt fort. »Also, um es kurz zu machen: John van Steen hat um deine Hand angehalten.«
Eliana vergaß zu atmen. Josephine stieß einen kleinen Schrei aus und schlug die Hand vor den Mund.
»Josephine, benimm dich«, fuhr Adeline ihre Tochter an. »Dies ist ein besonderer Tag für unsere ganze Familie, ein schöner Tag. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute, liebe Eliana. Komm, lass dir einen Kuss geben.« Sie öffnete ihre Arme und wartete, als Hendrik ihr schmunzelnd widersprach.
»Sie hat noch nicht ja gesagt, meine Liebe.«
Mit einem gequälten Lächeln ließ Adeline die Arme sinken. »Verzeih.«
»Sie muss das doch erst einmal verdauen«, meinte Ursel, umfasste die Taille ihrer Tochter und drückte sie liebevoll.
»Sie muss vor allem nachdenken«, murmelte Josephine, was niemand hörte, weil Walter im selben Moment trompetend in sein Taschentuch schneuzte, was er immer tat, um seine Verlegenheit zu überspielen.
Adelines Blick war verheerend. Hendrik sah von ihr zu Walter, gab daraufhin ein glucksendes Geräusch von sich, dann war es mit seiner Beherrschung vorbei, Gelächter brach aus ihm heraus, dröhnend, unpassend und schrecklich ansteckend. Hendriks Gelächter war gefürchtet in der Familie, unter Kaufmannskollegen und Freunden. Wenn Hendrik lachte, blieb kein Auge trocken, ganz gleich, wie ernst oder feierlich die Umstände sein mochten. Nach ein, zwei Sekunden vergeblichen Bemühens um Fassung senkte Ursel den Blick, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, Walter grinste in sein Taschentuch, seine Schultern zuckten, Josephine kicherte ihr Jungmädchen-kichern, das sich alsbald in eine weibliche, hellere, gleichwohl ebenso durchdringende Version von Hendriks Lache weitete.
Nur Adeline verzog keine Miene. Besorgt musterte sie Eliana, die tief in Gedanken versunken schien.
»Entschuldige bitte, Eliana«, gluckste Hendrik, als er, von abflauenden Salven nur mehr sacht geschüttelt, wieder zu sich kam. »Ich wollte mich gewiss nicht über dich oder deine Heirat lustig machen. Wenn es mit mir durchgeht, kann ich einfach nichts dagegen tun.« Erneut schüttelte es ihn.
»Da an eine vernünftige Unterhaltung wohl nicht mehr zu denken ist, schlage ich vor, nunmehr das Abendessen servieren zu lassen.«
Seufzend und so peinlich berührt, dass sie einem fast leidtun konnte, stand Adeline auf, zog ihr dunkelgrünes Seidenkleid, das ihr Mann so gern leiden mochte, glatt und schickte sich an, nach Luise zu klingeln, als Eliana mit fester Stimme verkündete: »Ich bin einverstanden.« Die Laute hingen im Raum, aber niemand schien sie zu begreifen. Nach der grotesken Szene von eben wirkte die schlichte Klarheit der Worte unwirklich, wie eine Botschaft aus einem Paralleluniversum. Verblüfftes Schweigen. Als das Schweigen anhielt, bekräftigte Eliana lächelnd: »Unter der Voraussetzung, dass John sich bei unserer ersten Begegnung nicht als völliger Idiot entlarvt, wovon ich natürlich nicht ausgehe.«
Das Abendessen verlief unverhältnismäßig früh im Sande. Der Tag der Eheschließung stand fest, das liturgische Prozedere musste mit dem Pastor in Adendorf abgestimmt werden, und die übrigen Einzelheiten – welches Kleid? Myrtenkranz oder Schleier? Ringe? – waren zu intim, als dass sie Gegenstand einer Unterhaltung bei Tisch sein durften. Auch der Zukünftige durfte nicht mehr erwähnt werden, befand Adeline. »Wir wollen doch nicht, dass ihm die Ohren klingeln, nicht wahr?«, meinte sie und lächelte Eliana verschwörerisch zu, die das Lächeln mit einer perfekten Mischung aus Verschämtheit und Koketterie erwiderte.
Victoria gratulierte und fragte, ob Eliana ihre Aussteuer beisammenhabe, als ihre Tochter ihr flüsternd beschied, dieses delikate Thema bitte nicht bei Tisch zu erörtern, woraufhin Victoria ihre Möhrensuppe mit Ingwer auslöffelte, die Serviette an den Mund drückte und mit einem Nicken in die Runde das Esszimmer verließ. Adeline seufzte und schüttelte den Kopf.
Schweigend begann man das Hasenrückenfilet zu verspeisen. Dann und wann streifte ein verstohlener Blick das Gesicht der siebzehnjährigen Eliana, aber kein Schimmer in den taubenblauen Augen oder eine verdächtige Rötung an Hals oder Haaransatz verriet eine innere Erregung, die über das gewöhnliche Maß einer überraschend zur Braut erklärten jungen Frau hinausging. Vorsichtige Erleichterung kroch in die Herzen der fünf, die ängstliche Anspannung wich. Zaghaft begann die Konversation zu plätschern, doch da es so viele Klippen und Fettnäpfchen und Fallstricke zu umgehen galt, strengte sie die Beteiligten außer Eliana, die nur mit halbem Ohr zuhörte, dermaßen an, dass alle ganz erledigt und heilfroh waren, als Adeline die Tafel unmittelbar nach dem Dessert mit einer für sie gänzlich untypischen Offenheit aufhob: »Kinders, ich bin hundemüde.«
Befreiendes Gelächter. Gemurmelte Gutenachtwünsche. Alsbald klappten die Türen der Gästezimmer im Westteil und der im Ostteil des ersten Stocks gelegenen Schlafräume der Kaysers und ihrer Tochter.
Eliana hatte gerade das Licht gelöscht und lag, die Arme hinterm Kopf verschränkt, auf dem Rücken und starrte an die Decke, wo der Schatten einer Flüsterpappel tanzte. Sie war hellwach und wartete auf einen Gedanken, der der plötzlichen, ersehnten Metamorphose vom Mädchen zur Braut dieses Mannes würdig war, aber sie konnte nur an die feiste Margarethe denken, deren kleine breite Hände zuvor die Hasen ausgeweidet hatten, die als Hauptgang dieses denkwürdigen Abendessens ihr Ende gefunden hatten.
Plötzlich ließ das Geräusch von leise tappenden Füßen sie aufhorchen. Vor ihrem Zimmer machten sie halt. Lautlos wurde die Türklinke hinuntergedrückt, und Josephine schlüpfte herein, gefolgt von Tallulah, die sich gern in die Schlafzimmer schlich, was offiziell verboten, inoffiziell jedoch genehmigt werden musste, weil Tallulah keine ge- oder verschlossenen Türen akzeptierte und entweder sich selbst Einlass verschaffte, indem sie auf die Klinke sprang, oder so lange das teure Holz zerkratzte, bis jemand Erbarmen mit ihr und der Tür zeigte. Josephine kroch unter die Bettdecke. Mit einem tiefen Seufzer ließ Tallulah sich vor dem Bett auf die Seite fallen.
»Das ist also dein geheimer Traum, den du mir nicht verraten wolltest.« Als Eliana nichts erwiderte, fügte Josephine hinzu: »Du kennst ihn, und er gefällt dir.« Da Eliana hartnäckig schwieg, puffte Josephine sie in die Seite. »Ach, komm schon, sag es. Du kennst ihn, und du magst ihn.«
Schließlich schüttelte Eliana ganz leicht den Kopf, mehr die Ahnung einer Bewegung als wirklich eine Bewegung. »Beides lässt sich so nicht sagen.«
»Dafür hast du dich aber recht schnell für ihn entschieden«, meinte Josephine trocken.
»Ich werde ihn heiraten, das weiß ich einfach. Mehr nicht.«
Das war jedoch nur die halbe Wahrheit.
Die Dinge begannen sich zu fügen, nachdem ihr Vater die Schafzucht ganz seiner Frau überantwortet hatte und sich nach einer einträglichen Beschäftigung umsah. Nach einigen Umwegen verfiel er der Flora mit Haut und Haar. Niemand, am wenigsten er selbst, hatte geahnt, dass das Potenzial eines begnadeten Gärtners in ihm verborgen lag, aber mit den ersten Wicken, die Walter vor dem Weidezaun ausgesät hatte und die sich bald rot und blau und rosa zum Licht drängten und schlängelten, blühte der Mann, der Eliana stets so knochentrocken wie der Heideboden vorkam, auf.
Für eine fundierte Förderung seiner Fähigkeiten fehlten den Jürgensens freilich die Mittel, so dass es bei einer autodidaktischen, gutgemeinten, aber lückenhaften Ausbildung bleiben musste. Walter war es gleich; er liebte die Pflanzen, und sie liebten ihn. Er zog und pikierte, wässerte und wartete und beschnitt und zupfte, und was dabei herauskam, verkaufte er auf den Märkten der Umgebung. Das Zubrot war zwar bescheiden, aber Walters Hingabe blieb ungebrochen.
Vor einem Jahr hatte Walters Leben – und damit Elianas – eine Wendung erfahren. Auf der Pirsch nach Samenkapseln des leuchtend blauen Rittersporns, die ihn an diesem Sommertag immer weiter von zu Hause fort und auf die nördliche Seite des Waldes getrieben hatte, stellte sich ihm ein kräftig gebauter Mann in den Weg und schnauzte ihn an, er befinde sich auf seinem Grund und Boden und habe dort nichts zu suchen. Walter erschrak und wich zurück, doch der Mann setzte nach, fasste ihn am Ärmel und fragte in freundlicherem Ton, ob er nicht der Händler mit den schönen Blumen sei. Als Walter stumm nickte, stellte sich der Mann als John van Steen vor und entschuldigte sich für seine harschen Worte mit der Erklärung, er müsse sich mit allerlei Gesindel herumschlagen, das um sein Haus streiche und ihn nicht in Ruhe lasse, was Walter veranlasste, seinerseits um Verzeihung zu bitten. Die Aussicht auf üppige Rittersporn-Rabatten im nächsten Sommer habe ihn blind gemacht für anderer Leute Eigentum.
Die lebhafte Unterhaltung, die sich daraufhin entspann, endete damit, dass Walter zusagte, einen Zaun um das ansehnliche Grundstück zu setzen und den völlig verwilderten Garten auf Vordermann zu bringen.
Benommen kehrte Walter zurück in die Senke und wiederholte Wort für Wort, was sich jenseits des Waldes zugetragen hatte. Die Entlohnung, die van Steen ihm in Aussicht gestellt hatte, würde es ihnen gestatten, eins dieser Gewächshäuser aus Glas zu errichten, in denen sich selbst im Winter Blumen und Gemüse ziehen ließen. Am nächsten Tag hatte er seinen Spaten geschultert und mit der schweren Arbeit begonnen. In den ersten Wochen bekam Walter seinen Auftraggeber selten zu Gesicht; manchmal winkte van Steen von der Terrasse der Villa zu ihm herüber, ein anderes Mal erschien er lächelnd und drückte Walter ein Kuvert mit seinem Lohn in die Hand, obwohl der Monat noch gar nicht vorüber war. Dann wieder schien van Steen tagelang wie vom Erdboden verschluckt; die Villa wirkte verlassen und abweisend, die Fenster blieben geschlossen. Einmal hatte der Hausherr auf der Terrassenbrüstung ein aufgeschlagenes Buch liegen lassen, dessen Seiten vom Sommerwind beständig hin und her geblättert wurden. Eine vergessene Teetasse hatte dem Wind nicht standhalten können und lag in Scherben neben dem Gartenstuhl. Walter fand die Szenerie trostlos. Man merkte doch gleich, wenn einem Mann die fürsorgliche Hand einer Frau fehlte, hatte er Ursel eines Abends zugeraunt, als er meinte, Eliana schlafe bereits. Kein Dienstmädchen, geschweige denn eine Mamsell kümmerte sich um die Geschicke des Hauses. Aber gut, dies war der Tatsache geschuldet, dass van Steen Villa und Grundstück erst vor kurzem erworben hatte. Das zumindest hatte Walter auf dem Markt läuten hören, und gewiss, so reimte er sich den Rest zusammen, war van Steen nun damit beschäftigt, die Dinge an seinem bisherigen Wohnsitz zu regeln. Tatsächlich wurden die Abstände zwischen van Steens Reisen größer, der Hausherr schien sich einzurichten, wirkte nicht mehr so angespannt und suchte immer häufiger seinen Gärtner bei der Arbeit auf, um ein wenig mit ihm zu plaudern.
Angetrieben von der Neugier, die die Erzählungen ihres Vaters über seinen geheimnisvollen Arbeitgeber in ihr geweckt hatten, lungerte Eliana eines Nachmittags am Gartentor herum und gab vor, ihren Vater abholen zu wollen. Als er nicht auftauchte, begann sie das Anwesen zu durchstreifen, bis sie die beiden Männer unter einer mächtigen Platane stehend erblickte, die den rückwärtigen Teil der bescheidenen Villa zur Hälfte beschattete. Wie sie vertraut miteinander redeten, lachten und verständnisinnig nickten, gerade so wie Vater und Sohn, versetzte Eliana in belustigtes Erstaunen; was sie jedoch vollständig verblüffte, war die Wirkung, die John van Steen auf sie ausübte. Selbst auf die Entfernung von vielleicht hundert Metern meinte sie eine hypnotische Kraft zu spüren, die von ihm ausging und ihre Sinne in Schwingung versetzte. Sie glaubte seinen Duft zu schmecken, und wie seine Stimme ihre Haut streichelte, und instinktiv hatte sie Schutz hinter ein paar aufgeschichteten Bündeln abgeschnittener Äste gesucht. Sie wollte nicht entdeckt werden, ihm nicht vorgestellt werden. Dieser Mann würde mit einem Blick erfassen, dass sie wie eine läufige Hündin fühlte, und sie dafür verachten. Eliana lugte über die Zweige. Als die Männer ihr den Rücken zuwandten und in Richtung des Vordereingangs abdrehten, wagte sie sich aus der Deckung und lief nach Hause, verwirrt und ein wenig erschrocken. In der Nacht wichen Verwirrung und Erschrecken einer wundersamen Klarheit. Mit einem Mal lag der Weg, eben noch dunkel und sich im Nirgendwo verlierend, deutlich vor ihr. Sie würde John van Steen heiraten, sollte sie dasselbe empfinden, wenn sie ihm zum ersten Mal die Hand reichen würde.
Seitdem hatte Eliana darüber nachgedacht, wie sie eine Begegnung herbeiführen und ihr den Anschein des Zufalls verleihen könnte, was sie zu John sagen und wie sie ihn in die Tiefe ihrer taubenblausanften Augen locken würde, wie er sich beeindruckt und tief berührt von ihrer zarten Erscheinung, dem üppig geschnittenen Mund und dem mondhellen Teint zeigen würde. Sie wartete ungeduldig auf den perfekten Moment, ihren Plan in die Tat umzusetzen, und hätte darüber beinahe ihren Mut verloren.
Und jetzt spielte das Schicksal ihn ihr direkt in die Arme!
Das war verrückt und ganz und gar wunderbar und hätte Josephine bestimmt gefallen, doch Elianas heftige Gefühle für einen Fremden gingen nur sie allein etwas an, und so beließ sie es bei einem entschuldigenden Schulterzucken und wiederholte: »Ich weiß es einfach.«
»Mensch, Eliana«, flüsterte Josephine mit deutlichem Sarkasmus, »das ist ja wie im Märchen. Der Prinz taucht auf und Päng!«
»Aber das ist doch nichts Ungewöhnliches«, wisperte Eliana zurück. »Wenn deine Eltern es gut meinen, und das tun sie doch, suchen sie dir gewiss jemanden aus, der zu dir passt, und dann macht es auch bei dir … Päng!« Sie kicherte leise.
»Ganz bestimmt nicht«, gab Josephine so laut zurück, dass Eliana zusammenfuhr und den Zeigefinger an ihre Lippen legte. »Ich werde niemals heiraten.«
Eliana lachte leise. »Natürlich wirst du das. Warum solltest du nicht?«
»Ich weiß es einfach«, äffte Josephine ihre Cousine nach. »Männer sind haarige Geschöpfe mit dünnen Beinen und Mittelscheitel, die das Kamasutra für eine südamerikanische Krokodilsart halten.«
»Ach Jo, komm, vermies es mir nicht. Ich freu mich so sehr darauf, eine verheiratete Frau zu sein und meinen eigenen Haushalt zu führen. Ich werde in einer Villa leben, sie wird mir gehören, ganz allein mir und meinem Mann, und nie wird jemand über die Schwelle gelangen, den wir nicht haben wollen, sie wird ein Hort der Sicherheit werden und der Geborgenheit, und erst wenn das getan ist, bin ich bereit, in die Welt zu gehen, meinetwegen sogar auf eine Pyramide zu klettern, aber nicht vorher, erst muss alles … sicher sein … und …« Überrascht von den eigenen Worten verstummte Eliana mitten im Satz.
Nachdenklich sah Josephine sie an, fast ein wenig besorgt, wie Eliana voller Unbehagen feststellte. »Du brauchst kein Nest, alles, was du brauchst, ist hier.« Sie drückte ihre flache Hand auf Elianas Brust. »Du musst dir deiner selbst sicher sein.« Sie zögerte, dann fuhr sie stockend fort. »Bist du das nicht?«
»Ich bin müde.« Brüsk drehte Eliana sich um. Drei, vier, fünf Sekunden später hörte sie, wie Josephine aufstand und leise das Zimmer verließ. Die Hündin rührte sich nicht.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück reisten die Lüneburger ab. Die Erleichterung war Walter, Ursel und Eliana, vor allem jedoch Adeline anzumerken, und um einer Geste willen, die diesen Eindruck zerstreute, winkte Adeline der Droschke, die die drei zum Bahnhof brachte, mit einem weißen Taschentuch hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war. Hendrik und Josephine begleiteten die Verwandten, um ihnen auf dem Bahnsteig behilflich zu sein, den richtigen Zug nach Hamburg zu erreichen; von dort wollte ihr Mann ins Kontor und ihre Tochter zur Schneiderin fahren.
Wahrscheinlicher ist es, dass Josephine eine Buchhandlung besucht, dachte Adeline grimmig. Dann verzogen sich ihre Lippen zu einem leichten Schmunzeln. Sie hatte das eine Problem gelöst, sie würde auch diese Jungmädchenmarotte in den Griff bekommen. Der Plan war gewagt, gesellschaftlich betrachtet, aber Pioniergeist lag schließlich in der Familie.
Den ganzen Tag verbrachte Adeline äußerst zufrieden mit sich. An ihrer Hochstimmung konnten auch dieses strohdumme Dienstmädchen und Victoria, ihre Mutter, nichts ändern, die sie mit scharfen Blicken verfolgte und sich weigerte zu essen. Anfangs hatte Adeline den geistigen Verfall ihrer Mutter kaum ertragen können, doch mittlerweile hatte sie sich an die feindselige Haltung ebenso gewöhnt wie an Victorias weinerliche und verrückte Touren. Das Schlimmste war ihre Unberechenbarkeit; ein, zwei Tage benahm Victoria sich im Lichte vollständiger geistiger Gesundheit, dann fiel sie plötzlich in die Umnachtung, schimpfte wie ein Rohrspatz, schwieg verbissen oder faselte von Orangen. In diesem Zustand wirkte sie noch zerbrechlicher, durchscheinend, geradeso, als wäre sie im Begriff, sich allmählich aufzulösen, doch am nächsten Morgen saß sie wieder heiter am Frühstückstisch. Aber es war ja nichts zu machen, kein Branntwein, kein Elixier, kein Schröpfen und keine Schrothkur halfen, wenn ein Schleier vor den Verstand fällt. Alles, was sie, Adeline, tun konnte, war, inständig zu hoffen, dass ihre Mutter in einem akuten Wahnanfall nichts ausplauderte, was Erklärungen notwendig machen würde.
Am Abend kamen die Kaysers zu einem schlichten Abendbrot mit Resten vom Hasen und einem Kartoffelsalat mit Speck und Zwiebeln zusammen, und sobald Victoria und Josephine sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, stand Hendrik auf, schenkte ihnen beiden einen ordentlichen Malt-Whisky aus dem Schottischen ein, reichte seiner Frau ein Glas und sah sie erwartungsvoll an.
»Und inwiefern hast du deine Finger im Spiel?« Das war eine von Hendriks typischen sizilianischen Eröffnungen, die seine Geschäftspartner regelmäßig überrumpelten, nicht jedoch seine Frau.
»Aber nein, was du dir nur wieder denkst!«, wich sie geschmeidig aus, den rauhen Sopran auf Seide gestimmt. »Es ist ein glücklicher Zufall, weiter nichts.« Sie schwenkte das Glas, so dass der bernsteindunkle Whisky sanft wogte.
