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Die Welt der jungen Celia Lambert ist bunt, voller Abenteuer und Spektakel und ganz anders als jene, die das späte 19. Jahrhundert für eine Frau vorgesehen hat: Celias Eltern sind Schausteller und ziehen seit Generationen von Ort zu Ort, um die Menschen mit ihren Künsten und ihren Fahrgeschäften zu erfreuen. Der Jahrmarkt ist Celias Leidenschaft, doch ihre große Liebe gehört seit langem Philipp Merten, Sohn einer der bedeutendsten Familien Bremens. Mit ihm will sie ihre ehrgeizigen Träume verwirklichen und sich in Amerika Anregungen für neue Sensationen holen. Doch dann verlobt sich Philipp mit einer anderen – ausgerechnet ihrer besten Freundin. Tief enttäuscht verlässt Celia das Land – und erlebt in Amerika das Abenteuer ihres Lebens …
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Seitenzahl: 663
Veröffentlichungsjahr: 2013
Karin Engel
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Die Welt der jungen Celia Lambert ist bunt, voller Abenteuer und Spektakel und ganz anders als jene, die das späte 19. Jahrhundert für eine Frau vorgesehen hat: Celias Eltern sind Schausteller und ziehen seit Generationen von Ort zu Ort, um die Menschen mit ihren Künsten und ihren Fahrgeschäften zu erfreuen. Der Jahrmarkt ist Celias Leidenschaft, doch ihre große Liebe gehört seit langem Philipp Merten, Sohn einer der bedeutendsten Familien Bremens. Mit ihm will sie ihre ehrgeizigen Träume verwirklichen und sich in Amerika Anregungen für neue Sensationen holen. Doch dann verlobt sich Philipp mit einer anderen – ausgerechnet ihrer besten Freundin.
Tief enttäuscht verlässt Celia das Land – und erlebt in Amerika das Abenteuer ihres Lebens …
Vorbemerkung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Anmerkung der Verfasserin
Alle Ereignisse und Personen des Romans, mit Ausnahme der historischen Gegebenheiten und Persönlichkeiten, entspringen der Phantasie der Autorin. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Die Morgennebel hoben sich nur langsam, unwillig, so schien es, als wollten sie das Lager an diesem Tag nicht den vielen fremden Blicken preisgeben, die, neugierig und erwartungsfroh die einen, gleichmütig oder herablassend die anderen, die Chiffren einer Welt zu entziffern suchten, die Vergnügen und Magie versprach.
Feingesponnene, durchscheinende Seidenschleier und nach oben gebogene bestickte Pantöffelchen mit keckem, geschwungenem Absatz gehörten zu den Accessoires, die die Blicke zuverlässig einfingen; dem ungekämmten Wesen in derber, viel zu weiter, erdbrauner Wollhose, unförmiger Schafwolljacke und mit nackten Füßen würde dagegen kaum jemand Aufmerksamkeit zollen, es sei denn, es verstünde etwas vom Tanz. Suriann gab sich hin, schmiegte ihren biegsamen Körper in den Nebel, schmeichelte der kühlen Luft mit kleinen Drehungen und endete in einer formvollendeten Arabesque, in der sie einen Moment verharrte, bevor sie sich seufzend löste und unbestimmt in die Weite schaute, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie den Applaus empfing. Sechs Vorstellungen am Tag auf einer vom Vater geerbten Bretterbühne, die mit bunten Bändern an den Pfosten und verschlissenen, sich kreuzenden gelben Stoffbahnen auf arabisches Zelt getrimmt worden war, hatten Surianns Mutter demoralisiert, ihrer natürlichen Grazie beraubt und sie vor Jahren schon in die Flucht getrieben; nicht so ihre Tochter. Suriann liebte, was sie tat und was sie war, und fiel aus diesem Grund auch niemals auf die Männer herein, die ihr ein neues Leben versprachen – sei es als Ehefrau eines heißblütigen Dichters oder als verschwiegene Gefährtin eines angesehenen Kaufmanns. Sie mochte ihr Leben, und der allmorgendliche einsame Tanz war Surianns Art, der Schöpfung ihre Dankbarkeit zu bekunden. Die Einzige, die ihr dabei zusehen durfte, war Celia, und das auch nur deshalb, weil Suriann fest entschlossen war, der Tochter des Karussellbetreibers Gerald Lambert das Tanzen beizubringen.
»Frauen müssen das können«, beharrte sie, wenn Celia sich wieder einmal lustlos am Tanzen versuchte. »Es hält die Männer in Schach, es hypnotisiert sie und bringt sie dazu, die Dinge für dich zu tun, die dir zu anstrengend oder zu teuer sind. Lieber fünf Minuten getanzt als zwanzig Minuten gebettelt und gefleht.«
Celia hatte ihre Zweifel, ob diese Rechnung immer so glatt aufging, überdies war sie fest entschlossen, niemals auf Mätzchen dieser Art angewiesen zu sein, jedoch schickte sie sich drein und übte jeden Morgen mit Suriann eine Viertelstunde, ihre großen Füße endlosen Schrittkombinationen folgen und die Arme anmutig, die Hüften sinnlich kreisen zu lassen. Celia hatte ein natürliches Rhythmusgefühl und ihr Körper lernte schnell. In den vergangenen zwei Wochen hatte Suriann ihrer Schülerin beigebracht, sich wie eine indische Schlangenbeschwörerin zu winden, Brüste und Bauch nach arabischem Brauch in Schwingung zu versetzen und mit schüchternen Pliés und einfachen Pirouetten die Ballettelevin zu mimen. Hatte Celia sich zu Surianns Zufriedenheit angestellt, holte die Tänzerin endlich das große Buch unter ihrer Schlafmatte im Wohnwagen hervor und begann mit dem Teil des Unterrichts, dem Celia entgegenfieberte.
Einnahmen, Ausgaben stand da in eckigen kleinen Buchstaben über jeder Seite, darunter waren reihenweise eindrucksvolle Zahlenkolonnen. Suriann führte die Bücher mustergültig, wie sie es von einem verzweifelten Verehrer gelernt hatte. Mit einem ausgeprägten Sinn für Sparsamkeit hatte sie aus den wenigen Münzen, die ihr Vater hinterlassen hatte, ein kleines Vermögen erwirtschaftet. Zur nächsten Saison plante sie, eine zweite und dritte Tanzbühne zu gründen, um auf möglichst vielen Jahrmärkten möglichst viel Geld zu verdienen, um sich beizeiten im Süden Europas zur Ruhe setzen zu können.
Celia hatte das Prinzip der Berechnungen schnell begriffen und wusste auch, dass sie unerlässlich waren, wenn es galt, ein Geschäft nach vorn zu bringen. Zahlen waren klar und unbestechlich. Nur dreistellige Summen im Jahr brachten Essen satt, neue Kleidung und eine sichere Zukunft; alles andere bedeutete, den Gürtel enger zu schnallen und zugleich die Tatkraft anzustacheln, was selten gut zusammenging – zumindest in ihrer Familie nicht, die sich auf einen inbrünstigen Fatalismus verließ. Das Schicksal hatte doch immer gut für sie gesorgt, wozu es also herausfordern, indem man ihm zu misstrauen begann? Es stimmte, die Lamberts hatten keinen Grund zur Klage, ihr Tisch war gedeckt, die Dächer ihrer Wagen und ihres winzigen Winterquartiers dicht genug, um Wind und Wetter zu trotzen. Und wenn die Situation sich gelegentlich zuspitzte, war auf die vielen Seelen, die ihr Leben kreuzten, Verlass. »Kein Lambert musste je hungrig die Sterne anheulen!«, wurde Großmutter Elvira nicht müde zu betonen, und auch, wie viele selbst erlegte Hasen und Rebhühner man schon an ungezählten Lagerfeuern geteilt hatte. Doch Celia konnte sich sehr wohl auch an Küchenmeister Schmalhans erinnern, der ihr ein Loch in den Magen gebrannt hatte, das wie ein Wolf knurrte und wütete, bis die Nacht ihn bezähmte und der Morgen wenigstens einen Schluck Tee und manchmal etwas Haferschleim brachte, während drei Wagen weiter, dort, wo besser gewirtschaftet wurde, unter lautem Gejohle ein Schinken aufgeschnitten wurde. Celia hatte nie ein Wort darüber verloren, sondern versucht, die Energie wütender Empörung zu nutzen, um schon in jungen Jahren eine klare Vorstellung von sich, der Familie und ihrem Weg in eine verlässlichere Zukunft herauszubilden, in der Zahlen und Tatsachen mindestens eine so gewichtige Rolle spielen sollten wie Großmutters Karten und geheime Zeichen in Fauna und Flora.
Dies behielt sie jedoch für sich. Der Zeitpunkt, die Eltern mit ihrem neuen Wissen zu überraschen, war noch nicht gekommen, noch lange nicht.
»Kruzitürken, ja, fix nochamal!« Wie ein übergroßer, aufgebrachter Maulwurf schälte sich Francesco aus der Erde und sah sich mit glühenden Augen um.
»Ihr!«, schrie er Suriann und Celia zu, die etwa fünfzig Schritte entfernt waren, und fuchtelte wild mit den Händen, »ihr hättet es hören müssen! Ich habe mir meine gottverdammte Seele aus dem Leib gebrüllt!«
»Das kommt davon, wenn man sich besäuft und seine Leute so mies behandelt, dass sie einen nur zu gerne versehentlich vergessen«, gab Suriann zurück und machte sich daran, ein Feuer zu entfachen. Celia verdrehte die Augen.
Francesco ging allen auf die Nerven. Geronimo, ein Illusionskünstler, der im letzten Jahr seine Abschiedsvorstellung gegeben hatte, um in einem klitzekleinen Dorf im Hunsrück sesshaft zu werden, hatte dem Artisten mit dem italienischen Namen und den bayrischen Wurzeln beigebracht, den lebendig Begrabenen zu spielen. Der Trick bestand darin, vorzugeben, sich in ein ausgehobenes Grab zu legen, tatsächlich aber in einer zwei Klafter tief in den Boden eingelassenen Kiste zu liegen, deren Innenwände täuschend echt mit Erde beklebt waren. Während die als Totengräber verkleideten Gehilfen die »Gruft« zuzuschaufeln begannen, galt es, sacht den als Innenwand getarnten Holzdeckel anzuheben und gemütlich abzuwarten, dass das Publikum sich zerstreute. Zur Sicherheit empfahl Geronimo, ein Bambusrohr zur Luftzufuhr zu benutzen.
Francesco war begeistert, weil er es satthatte, jeden Tag übers Seil zu balancieren, und sich nach einer Tätigkeit sehnte, die ihm weniger abverlangte. Es dauerte zwar eine Weile, bis er den Bogen heraushatte – denn in der ersten Zeit hob er den Deckel entweder zu früh an, so dass die Zuschauer den Trick durchschauten und Francesco ausbuhten, oder zu spät, so dass er Erde schluckte –, doch mittlerweile beherrschte er die Nummer perfekt. Aus Langeweile hatte er begonnen, zu viel zu trinken und seine Gehilfen zu beschimpfen und mit Stockschlägen zu traktieren. Das eine führte dazu, dass er immer häufiger in der Kiste einschlief, das andere, dass Matteo und Jon ihm seine Quälereien heimzahlten. Nach der Abendvorstellung horchten sie an dem Bambusrohr, das einen Fingerbreit über der Erde aufragte und verhinderte, dass Francesco erstickte, und wenn sie regelmäßige Atemzüge hörten, nickten sie sich zu und gingen schlafen.
»Ach, nun reg dich nicht auf, du lebst doch noch!« Buffalo ließ seine Rechte, kräftig wie eine Bärentatze, auf Francescos Schulter fallen, was den Mann Mitte dreißig, der sich müder und resignierter fühlte, als die schwarzen Locken und der immer noch sehnige Körper vermuten ließen, zu besänftigen schien. Er hielt den Blick gesenkt, schüttelte Buffalos Hand ab und trottete zu seinem Wagen hinüber, wo Matteo ihm mit undurchdringlicher Miene einen Becher Kaffee anbot.
»Lächeln!«, rief Suriann ihm hinterher, zwinkerte Celia zu und begann, die Wäsche von der Leine zu nehmen, energisch glattzustreichen und Kniff auf Kniff zusammenzulegen, um den Anschein von Geschäftigkeit zu erwecken. Doch Buffalo stakste selbstbewusst und über das ganze kantige Gesicht strahlend über die taunasse Wiese auf sie zu, breitbeinig in seinen mit Fransen besetzten Lederhosen, als befinde sich immer noch ein Pferderücken darunter. Eigentlich hieß er Heinz und stammte aus Köln, doch war er mittlerweile so sehr in seiner Rolle als Held der Prärie aufgegangen, dass er überzeugt war, allein er könne Streit schlichten und Familienfehden befrieden und damit die Schausteller zusammenhalten. Seine Großmannssucht war gepaart mit Gutmütigkeit und Humor und einem rustikalen Charme, was ihn bei vielen Frauen beliebt machte. Besonders mochten ihn jene, deren Ziel ein Ehering war, dem er wiederum beharrlich auswich, weil er den goldenen Reif, so zart er auch sein mochte, für ein Fangeisen hielt, das den Mann erst seiner Freiheit beraubte und dann seiner Kraft.
Sein Fluchtinstinkt machte Buffalo noch attraktiver, selbst für Suriann, deren scheinbares Desinteresse nur ein Zug in ihrem Spiel war, das sie vorhatte zu gewinnen. Ein ebenso zurückhaltendes wie sinnliches Bühnenlächeln auf den vollen Lippen, das wenig Zähne sehen ließ, weil Suriann wusste, dass unkontrollierte Heiterkeit sie wie ein wieherndes Pferd wirken ließ, drehte sie sich um und betrachtete Heinz aus opalschwarzen Augen wie ein Dämon sein nächstes Opfer.
Celia stand auf und klopfte den Staub von ihrem Rock. »Ich lege dein Buch zurück in den Wagen, ja?«, sagte sie, erhielt aber keine Antwort. Mit Suriann war jetzt nichts mehr anzufangen. Celia lächelte. Wer hier wohl wen hypnotisierte?
Gonzales warf dem Paar einen verächtlichen Blick zu, dann fuhr er fort, ein Fallbeil aus Holz aus der Halterung zu lösen, das mit Asche geschwärzt und so poliert worden war, dass es gefährlich schimmerte. Celia schlenderte dicht an seinem Wagen vorbei und erntete wie alle, die das wagten, ein unmissverständliches Knurren. Celia lächelte ihn unschuldig an und ging ungerührt weiter. Armer Gonzales! Hastig, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her, schraubte er die Guillotine auseinander und wickelte jedes Teil in derben Drillich. Er fürchtete sich so sehr davor, ausspioniert zu werden, dass er Auf- und Abbau von Gonzales’ gnadenloser Guillotine stets allein bewältigte, was ihm mit zunehmendem Alter und Bauchumfang immer schwerer fiel. Die Kraft holte er sich auf der Bühne zurück, jeder Lacher, jeder Pfiff, jedes »Bravo!« fuhr ihm wie ein Stromstoß durch den Körper und schenkte ihm für die Dauer der Vorstellung jugendlichen Elan. Gonzales stolzierte umher wie ein Pfau und kündigte die Enthauptungen wortreich und mit amüsierter Noblesse oder abgründiger Bosheit an, je nachdem, wie ihm gerade zumute war. Während das Publikum seine Conférence beschrie und begeistert beklatschte, wurden seine Delinquentinnen auf die Bühne geführt und flehten vorschriftsgemäß um Gnade, die Gonzales aber niemals gewährte, weil die Menschen für Blut bezahlten, das die eigene Mordlust befriedigte, nicht für Barmherzigkeit, die sie beschämte. Fast jeden Tag stellte sich Gonzales die Frage, wessen täuschend echt nachgemachten Kopf er am liebsten rollen sah – den seiner Schwiegermutter, weil sie eine Xanthippe war, den seiner Frau, die ihn im Bett nicht mehr zum Zuge kommen ließ, seitdem sich ein Nachzügler angekündigt hatte, oder die Köpfe seiner dunkelbezopften Töchter, die Söhne hätten werden und das Erbe antreten sollen eines fernen Tages.
Allmählich lichtete sich der Nebel und das Lager erwachte. Tau perlte von buntbemalten Wohnwagen und in ewiger Glückseligkeit erstarrten Wesen, die von den Dächern der Karussells und aus Schießbuden äugten. Die morgendliche Stille wurde durchbrochen von Hammerschlägen und wütendem Geschrei, Gelächter und lauten Flüchen. Holzpfosten schlugen auf dem harten Boden auf, Metallverstrebungen wurden auseinandergerissen, Feuer zischend gelöscht, ein sanfter Wind hob Planen an und ließ sie sacht wieder fallen. Ein Junge in kurzer Hose und löchrigem Pullover versuchte fünf braungesprenkelte Hühner in ihre Transportkiste zu scheuchen; laut gackernd verweigerten die Tiere jedoch jede Kooperation und stoben auseinander, einige unter schützende Wohnwagen, zwei vorwitzige nach nebenan, zu den Ponys von Jungemüller, die nervös wieherten.
Die Geräusche des Abschieds. Valentina Lambert, Celias Mutter, war der unromantischen Ansicht, Abschied wie Ankunft klängen völlig gleich, weil die Arbeit ja auch immer dieselbe sei, aber Großmutter Elvira behauptete, den Unterschied der Klangfarben zu hören und zu spüren. Wehmut und ein Hauch von Moll, wenn die Buden und Bauten verpackt und verladen, Freude und Frische und helles Dur, sobald sie auf dem nächsten Festplatz wieder aufgebaut wurden. Celia wusste nicht, wem sie recht geben sollte.
Sie legte den Kopf in den Nacken und beobachtete zwei Falken, deren Kreise sich über der Theresienwiese kreuzten. Ihre hellgrau gefiederten Schwingen malten Achten und Schleifen in einen zartblauen Himmel, der einen sonnigen, wenngleich kühlen Septembertag versprach. Wie auf ein geheimes Kommando wandte sich der eine nach einer Weile Richtung Norden und flog davon, allein, wie es sich für einen seiner Art gehört.
Ein Zeichen, gewiss, dachte Celia, aber keins, das sie zu deuten wusste.
»Könnte Prinzessin vielleicht mal mit anfassen?«, rief Kester seiner Cousine von weitem zu, doch Celia, der sein ironischer Ton nicht passte, behielt ihr geruhsames Tempo bei. Im Gehen schlang sie ihr langes, rötlich blondes Haar zu einem Knoten und kniff ihre grüngrauen Augen so zusammen, wie sie es vorhin bei Suriann gesehen hatte. Sie bewunderte die kühle Entschlossenheit, mit der die fünf Jahre ältere Tänzerin das Erbe ihres Vaters gegen alle Übergriffe verteidigte. Es konnte nicht schaden, sich deren eine oder andere Attitüde zu eigen zu machen, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass Celia sich ihrer zukünftigen Rolle sehr wohl bewusst war. Vor allem Kester, fünfzehn Jahre und schwer begeistert von seiner gerade erwachten Männlichkeit, musste diese Tatsache gelegentlich deutlich vor Augen geführt werden. Florian, drei Jahre jünger, lockenköpfig und zurückhaltend, waren die prahlerischen und unverschämten Anflüge seines Bruders unangenehm. Auch jetzt hielt er den Kopf gesenkt, als er seinem Bruder und ihrer Mutter Anka, einer hageren, grobknochigen Frau, half, die Schießbude, die Celias Vater aus zweiter Hand gekauft hatte, zu zerlegen.
Behutsam nahm Celia die Tonpfeifen herunter, die links und rechts von einem Gemälde befestigt waren, und legte sie in eine mit Stroh gefüllte Holzkiste, damit die Pfeifen unterwegs nicht zerbrachen. Allerdings schoss kaum noch jemand auf sie. Die auf dem italienischen Landschaftsidyll (türkisfarbenes Meer, liebliches Gestade, sanft gerundete Hügel) befestigten beweglichen Scheiben waren wesentlich begehrter. Sobald ein Schütze traf, widerfuhr den mit den Scheiben verbundenen Figuren nämlich Entwürdigendes. Ein Soldat verlor seine Uniformhose, ein auf einem Nachttopf sitzender, geradezu unanständig beleibter Mann presste schwitzend gelbe Taler hervor. Etwas derb, hatte Celias Mutter gemeint, als die neuen Figuren im Frühjahr geliefert worden waren, aber die Jahrmarktsbesucher fanden sie überaus lustig. Der Geldscheißer war das beliebteste Ziel.
»Wir schaffen das schon«, sagte Anka gleichmütig, und Celia lief zu ihrem Vater hinüber, der gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Stephan den Venezianischen Traum auseinandermontierte.
»Guten Morgen, Prinzessin«, sagte Gerald Lambert weich. Ganz gleich, wie anstrengend die Arbeit war, niemals hätte Celias Vater seine Tochter so behandelt wie Stephan Lambert es mit seinen Söhnen tat. Ruppig, lieblos, nur der Anrede wert, wenn es galt, sie anzutreiben oder auszuschimpfen. Gerald verstand das Verhalten seines Bruders nicht, mischte sich jedoch nicht in seine Belange ein. Sie waren eine Familie, Gerald war das Oberhaupt, aber was zwischen Stephan und den Seinen vor sich ging, war seine Sache nicht; es sei denn, die Geschicke aller Lamberts würden davon beeinträchtigt.
»Guten Morgen, Pap«, erwiderte Celia und begann die dünnen, mottenzerfressenen Decken um die zwölf Pferdebäuche zu legen und mit Seilen festzubinden, um die mit Spiegelrhomben und Pailletten verzierten Sättel vor Transportschäden zu schützen. Jeder Handgriff saß. Denn sobald die kleine Celia sicher auf einem Schemel hatte stehen können, hatte Gerald ihr beigebracht, diese Arbeit geschickt und schnell auszuführen. An ihrem siebten Geburtstag hatte Gerald seiner Tochter feierlich die Verantwortung für die Unversehrtheit der Pferdesättel übertragen, und seitdem war nicht ein einziger Spiegelstein zerbrochen.
1870 hatte Gerald Lambert das Karussell mit den sechs Holzpferden von seinem Vater übernommen und generalüberholt. Die drehbare Bodenplatte wurde ausgebessert, die Pferde erhielten neue Sättel und einen frischen Anstrich, das pagodenförmige Dach wurde innen wie außen mit venezianischen Motiven – schwarze Gondeln auf blauem Canale – bemalt, die Valentina an ihre Heimat erinnern sollten, mit den Pferden aber in keinerlei Beziehung standen, was außer Valentina niemanden störte. Inzwischen waren die Farben verschossen, die Spiegelsteine fast blind; überhaupt war der Venezianische Traum nicht mehr der allerneueste Schrei, da es jetzt elektrisch angetriebene Karussells gab, sogar doppelstöckige mit dreißig Pferden, eines prächtiger als das andere. Doch obschon Celia die wirtschaftlichen Vorteile eines solchen Wunderwerks sehr wohl erkannte, liebte sie das alte Karussell und die Erinnerungen, die mit ihm verbunden waren. Die Abende im Schein des Lagerfeuers, als sie sich als kleines Mädchen auf dem Schoß ihres Vaters zusammengerollt hatte wie ein Kätzchen. Seine weiche, melodische Stimme hatte die Schätze alter Geschichten vor ihr ausgebreitet, märchenhafte Geschichten, wie vor langer, langer Zeit die Vorläufer des Karussells gebaut wurden, um damit Ritter zu trainieren. Diese ließen ihr Pferd um einen Mast traben und versuchten dabei, die an einer Stange befestigten Ringe mit ihrer Lanze zu durchstechen. Später betrachteten es die adligen Damen und Herren an den Höfen Europas als kurzweiliges Vergnügen und verbrachten ihre Zeit mit diesem Ringelreiten. Diese Vorstellung hatte Celias Phantasie entzündet. Oft schlich sie nachts aus dem Wohnwagen und zu ihrem Lieblingspferd, dessen Mähne mit roten Perlen auf einer Schnur verziert war. Sobald sie aufsaß und ihr Bild sich schwach in den Spiegelrhomben brach, verwandelte sie sich in eine Prinzessin des Wiener Hofes. Sie sah sich in Seide gehüllt und mit Goldschmuck behängt, die langen Haare zu akkuraten Lockengebilden aufgetürmt, hörte die Fanfaren und den Jubel des Volkes, wenn ein schmucker Reiter in dunkelblauem Wams einen goldenen Ring, gerade so groß wie ein Armreif, stach und ihr, die zart errötete, überreichte.
Es gab noch eine andere Legende, die den Ursprung der Karussells im Orient sah, und auch wenn Celias Vater dies für Unsinn hielt, wollte Celia sie immer wieder hören. Zu aufregend war es, sich in ein exquisites Wesen mit Unmengen von Goldschmuck um den nackten Bauch, die Fesseln und Handgelenke zu verwandeln, das beim Bayramfest in Konstantinopel von Dschinnen auf einem Schimmel mit funkelnden Trensen und einem Sattel aus pflaumenweichem Leder in einen Palast entführt wurde …
Als kleines Mädchen konnte sich Celia stundenlang in köstlichen Phantasien verlieren, bis ihre Mutter Valentina, die darin eine ungesunde Neigung zur Selbsttäuschung auszumachen meinte, die bei einer Heranwachsenden verständlich, aber für ihr späteres Seelenheil nicht förderlich und deshalb unabdingbar im Keim zu ersticken sei, ein Machtwort sprach. Celia gab vor, sich zu fügen, achtete aber von nun an lediglich darauf, dass sie nicht mehr ertappt wurde. Hätte Valentina geahnt, wie die Inhalte ihrer Träume an Schärfe und Realismus zunahmen, hätte es ihr ernsthafte Sorgen bereitet. Aber Celia verstand sich in der Kunst der Camouflage; niemand würde je vermuten, was sie wirklich beschäftigte.
»Du Mistvieh!« Angelos Stimme überschlug sich vor Zorn, und Celia blickte von ihrer Arbeit auf. Der Boxer, der jeden Tag in seinem Ring auf mutige Heißsporne wartete, die sich seinen Fäusten in dicken Lederhandschuhen und den darin versteckten Eisenringen stellten, rannte Dolores hinterher, die mit mächtigen Sprüngen über die Theresienwiese setzte. Das Riesenkänguruweibchen, die Attraktion von Angelos Fliegende Fäuste, hatte sich wieder einmal selbständig gemacht. Verständlicherweise, da es, die Vorderpfoten mit roten Lederfäustlingen bewehrt, vor jeder Vorstellung in den Ring gezerrt und an den Hinterläufen angepflockt wurde, um für ihren Besitzer Reklame zu machen.
Unter dem Gelächter der anderen Schausteller, Akrobaten und Jongleure rannte Angelo hinter dem Beuteltier her, schrie und gestikulierte, was das Känguru wenig zu beeindrucken schien. Schließlich sprang ihm ein Zwerg mit einem beherzten Satz von einem offenen Planwagen auf den Rücken und krallte sich in seinem Fell fest, was Dolores so verwirrte, dass sie stehenblieb und begann, sich im Kreis zu drehen, um die ungewohnte Fracht abzuschütteln; Zeit genug für Angelo, ihr das Seil um den Hals zu werfen und zuzuziehen.
»Bravo, Cyrus!«, schrie Suriann und warf dem Mann, der gerade eine Handbreit über Hüfthöhe der durchschnittlich Gewachsenen geraten war, eine Kusshand zu; dies und der Applaus der Umstehenden trieben dem Gefeierten die Röte ins Gesicht und ließen seine Aufmerksamkeit erlahmen. Prompt schnappte das wütende Känguru nach seiner rechten Hand; Cyrus schrie auf, verlor das Gleichgewicht und landete auf seinem Hinterteil. Angelo verpasste dem Tier einen kleinen Stups gegen die Nase, so dass sein schmaler Kopf mit der lustig nach oben gebogenen Schnauze zur Seite schwang.
»Der hätte ’nen ordentlichen Haken verdient«, jammerte Cyrus und rieb seine Hand, doch Angelo schüttelte den Kopf, ohne eine Erklärung hinzuzufügen.
»Na komm«, brummte er Dolores zu. »Hast es zwar nicht verdient, aber jetzt gibt’s Frühstück.« Er nickte Cyrus zu und setzte sich in Bewegung, das Känguru trabte folgsam neben ihm her.
»Woher hat er das Vieh eigentlich?«, fragte Cyrus Suriann und lief wieder rot an, als sie ihren Dämonenblick auf ihn senkte.
»Er hat’s einem Kapitän abgeschwatzt, der seine Verlobte mit dem Mitbringsel aus Australien beeindrucken wollte, die sich aber längst vom Acker …«
»Los, los, los, los!«, schrie ein schmächtiger Mann mittleren Alters. »Halt hier keine Volksreden!« Sein gewichster, an den Enden nach oben gezwirbelter schwarzer Schnauzbart zitterte vor Empörung. Der Mann, den alle Satyr nannten, zerrte Cyrus brutal am Arm fort. Celia warf ihrem Vater einen Blick zu, doch der war schon wieder in seine Arbeit vertieft und maß Cyrus’ Zetern keine Bedeutung zu. Jeder wusste, dass Satyr, geborener Karl Meier, seine Leute nicht gut behandelte; aber da niemand so recht wusste, wie mit Menschen umzugehen war, die anders gewachsen waren als der Durchschnitt, was dem allgemeinen Konsens nach auch für eine geistige Beschränktheit sprach, hielt man sich heraus.
Satyrs Abnormitätenschau war in jeder Stadt und jedem Dorf ein grandioser Erfolg beschieden; keiner wollte die beiden rothaarigen Holländer verpassen, die hüftabwärts zusammengewachsen waren, das kleinwüchsige Paar mit den alterslosen Puppengesichtern und die Riesendame, die zwei Meter zehn maß und von ihrem Chef in Ruhe gelassen wurde, seitdem sie ihn einmal an den Hosenträgern gepackt und an einen Garderobenhaken gehängt hatte, bis er knallrot angelaufen war und um Gnade gewinselt hatte. Die Tatsache, dass die Riesendame ihren körperlichen Vorteil nur für sich nutzte und den anderen niemals beistand, wenn Satyr sie demütigte, werteten die meisten Schausteller als weiteren Beweis für die geistige und emotionale Armut dieser anscheinend von Gott verlassenen Gestalten. Celia hätte ihnen gern das Gegenteil bewiesen, hatte aber auf ihren täglichen Streifzügen durch das Lager lediglich in Erfahrung gebracht, dass die Riesendame zweigeschlechtlich war und die angeblichen Affenmenschen sich jeden Abend gegenseitig die mit Melasse angeklebten Ponyhaare vom Rücken zupften. Die Zwerge indes hatten Celias Interesse gründlich falsch verstanden und verfolgten die Sechzehnjährige seither mit lüsternen Blicken, weshalb Valentina ihrer Tochter verboten hatte, sich bei Satyrs Leuten herumzutreiben.
»Früher hätte ich das auch gekonnt«, murmelte Onkel Hoppe jetzt und humpelte schwerfällig an Celia vorbei. Sie lächelte flüchtig, ging aber nicht auf seine Bemerkung ein, um ihn nicht zu ermuntern, die altbekannten Geschichten seiner Glanzzeit zu wiederholen. Knapp an der Kleinwüchsigkeit vorbeigeschrammt und angespornt von einem ambitionierten Vornamen, der seinem lodernden Ehrgeiz und seiner Verspieltheit gleichermaßen entsprach, entwickelte Amadeus Hoppe, Sohn eines Schuhmachers aus Kiel, in jungen Jahren einen wackligen, aber neckisch zwitschernden Countertenor und eine virtuose Körperbeherrschung. Weil das Theater seiner Heimatstadt diese Talente nicht ausreichend zu würdigen wusste, schloss er sich fünfzehnjährig einer Schaustellerfamilie an, die einen Bänkelsänger suchte.
Amadeus’ Spezialität wurden gesungene Moritaten, deren Inhalte er mit akrobatischen Einlagen akzentuierte. Während sein hohes C noch in der Luft hing, hüpfte er leichtfüßig wie ein Äffchen von der Bühne, sprang einem kräftigen Kerl aus dem Publikum auf die Schulter, federte ab, bevor der reagieren konnte, und landete auf der Holzstange, die den dunkelroten Vorhang mit der gelben Bordüre trug. Dort setzte er die Geschichte fort, bis er genügend Menschen angelockt hatte, die bereit waren, Eintritt zu bezahlen, um Sabrina, die Schlangenbeschwörerin, und Hakim, den Kartenkünstler, zu erleben. Als Amadeus begriff, dass er die eigentliche Attraktion war, begann er, auf eigene Faust und Rechnung durch die Lande zu ziehen, gründete eine Akrobatentruppe, verdiente – angeblich – ein Vermögen und verlor es wieder, weil ihn ein Kompagnon – angeblich – übers Ohr gehauen hatte. Dieses phantasielose Ende seiner persönlichen Moritat hatte niemanden je gerührt außer Elvira Lambert, Celias Großmutter, die das Schicksal ihrer Familie auf geheimnisvolle Weise mit dem des inzwischen Fünfzigjährigen verknüpft sah und ihn aus diesem Grund kurzerhand vor fünf Jahren gegen Kost und Logis als Gehilfen eingestellt hatte. Weil Amadeus gutherzig war, immer noch betörend gut sang und an guten Tagen munter von einem Karussellpferd zum nächsten sprang, was vor allem die Kinder anlockte, stellte niemand seine Anwesenheit in Frage. Nur wenn Onkel Hoppe, wie ihn alle nannten, zu einer seiner weitschweifigen Erzählungen ansetzte, musste man zusehen, Land zu gewinnen.
»Celia!« Die energische dunkle Stimme ihrer Mutter riss Celia aus ihren Gedanken. »Geschirr spülen!«
Kester feixte, als Celia an ihm und Florian vorüberging, um Wasser zu holen. In der Regel parierte sie seine Frechheiten, indem sie mit Daumen und Zeigefinger eindeutige Gesten formte, doch jetzt ignorierte sie ihn. Sie wollte keinen Streit, nicht heute.
Nichts sollte sie aus der feierlichen Stimmung reißen, die sie stets ergriff, wenn ein Aufenthalt sich dem Ende zuneigte und die bunte Welt in Kisten und auf Wagen verschwand. Wenn Worte des Abschieds über den Platz hallten, Streitigkeiten fürs Erste begraben und Absprachen getroffen wurden, in welchem Landstrich man wieder zueinanderkommen wollte. Es war keine Traurigkeit, eher eine leise Melancholie, gemischt mit Vorfreude auf das nächste Dorf, die nächste Stadt, das nächste Kirchspiel und die vielen fremden Augenpaare, in die Celia und die Ihren diesen besonderen Glanz zaubern würden.
Seit Generationen war die Familie Lambert von April bis Oktober in Deutschland unterwegs und reiste wie die meisten Schausteller mittlerweile mit der Eisenbahn, was einiges an Kraft und Nerven sparte. Den Auftakt für ihren langen Weg von Jahrmarkt zu Jahrmarkt durch ganz Deutschland bildete in aller Regel das bei allen Schaustellern beliebte, weil höchst lukrative Fest um die Herforder Marienkirche.
Der Legende nach soll am neunzehnten Juni 1011 einem Schäfer auf dem Herforder Lutterberg die Jungfrau Maria erschienen sein. Die Kirche, die an dieser Stelle errichtet wurde, barg den Baumstumpf, auf dem sie in Gestalt einer Taube landete. Er galt als wundertätig und war zum Anziehungspunkt für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela geworden. Zum Gedenken an die Marienerscheinung wurde jedes Jahr ein Jahrmarkt abgehalten, und die Lamberts waren immer dabei. Zeigte sich das Wetter unbeständig, reisten sie mit der Bahn weiter. Schien die Sonne, nahm die Familie sich die Zeit, mit den Wagen gemächlich Richtung Süden zu zuckeln und hie und da ihre Zelte auf einem bescheidenen Kirchspiel oder einer Dult aufzuschlagen.
Für Celia war es die schönste Zeit des Jahres. Der Tritt der Pferde gab den Takt vor, gleichmäßig und beruhigend. Während die Sommersonne ihre Gesichter bräunte, wechselten flache Landstriche mit vereinzelten Gehöften auf Geestrücken, Wälder und freundliche Dörfer mit weißen Kirchen und Fachwerkhäusern einander ab. Kreuzten sich zwei Wege oder verlor sich ein Pfad im Dickicht eines Waldes, machte Gerald seine Tochter auf die Dreiecke aus Zweigen und die anderen geheimen Zeichen aufmerksam, die nette Menschen hinterlassen hatten, um Freunden die richtige Richtung zu weisen. Gelegentlich trafen sie andere Schausteller, stellten die Wagen zusammen, entzündeten die Feuer und feierten bis in die Nacht; manchmal sahen sie tagelang keinen Menschen und genossen es in seltener Eintracht, eine Weile ohne Worte sein zu dürfen.
Sie hätten München nicht gebraucht, weder für den Geldbeutel, der von der weiten Reise nur strapaziert wurde, noch für ihre Zufriedenheit, aber Gerald bestand darauf. Er glaubte, die Stadt mit der Frauenkirche und den weiten Plätzen, auf denen feine Damen und Herren bei Brezen und Weißwurst saßen und den Herrgott einen guten Mann sein ließen, besäße mit etwas Phantasie doch genügend italienisches Flair, um Valentinas sengendes Heimweh ein wenig zu lindern. Wobei gar nicht sicher war, dass Valentina unter sengendem Heimweh litt; sie hatte nie etwas in dieser Richtung angedeutet und Gerald hatte nie danach gefragt. Doch das Bedauern, das so oft in ihren großen, mandelbraunen Augen stand, konnte nichts anderes bedeuten, und die Fahrt nach München war Geralds Art, seiner Frau zu sagen, dass er verstanden hatte.
Abgesehen davon ging es auf der Theresienwiese immer lustig zu. 1810 hatte Kronprinz Ludwig der Erste Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen geheiratet und fünf Tage lang alles auffahren lassen, was das Königreich an Amüsement zu bieten hatte. Die Nationalgarde und die bürgerlichen Schützengesellschaften wetteiferten um die schönste Parade, Illuminationen erleuchteten den Himmel und Kinder in Volkstrachten huldigten den Wittelsbachern mit Gedichten, Blumen und Früchten. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete ein Pferderennen vor den Toren Münchens, das klassenübergreifend so begeisterte, dass der Beschluss, es im folgenden Jahr zu wiederholen, rasch gefasst war. Zu Ehren der Braut wurde die Festwiese später Theresienwiese genannt.
Celia mochte den Herforder Jahrmarkt lieber, das religiöse Motiv verlieh in ihren Augen dem Beruf des Schaustellers eine tiefere Bedeutung. Ihr Vater pflichtete ihr bei, wenn auch mit einem gewissen Spott: »Wir sorgen dafür, dass sie wieder werden wie die Kinder, sorgenfrei und fröhlich. Wenn das nicht praktizierte Nächstenliebe ist!«
»Und warum mögen uns so viele Leute dann nicht?«, hatte Celia gefragt.
»Eben darum!«, hatte ihr Vater erwidert und eine wegwerfende Handbewegung gemacht, als könne er die Kränkungen und Bedrohungen damit aus der Welt schaffen. »Sie sind neidisch, weil wir frei sind.«
Celia setzte sich auf den Rand des Brunnens und zog langsam den hölzernen Eimer hoch, der randvoll mit klarem Wasser gefüllt war. Tief sog sie den süßlichen Duft ein.
Frei.
Das heißt: nicht ganz!
Celia kicherte in sich hinein. Wie flüssige Sonnenstrahlen strömte das Glück vom Herzen hinauf und hinunter; übermütig sprang Celia auf und vollführte eine Pirouette.
Seitdem die allzeit beherrschte Valentina Pavone im zarten Alter von sechzehn Jahren so gründlich wie unerwartet die Fassung verloren hatte, dass es ihr behütetes Dasein als Tochter eines wohlhabenden venezianischen Goldschmieds und seiner extravaganten Frau von jetzt auf gleich auf den Kopf stellte, suchte sie ihre innere Balance wiederzufinden, indem sie aufräumte. Sie versuchte, Struktur und Ordnung, Symmetrie und Harmonie zu schaffen, was in einem Wohnwagen allerdings schlechterdings unmöglich war.
Fünf Menschen lebten monatelang unter diesem gewölbten, wurmstichigen Dach und hinterließen ihre Spuren. Fettfinger auf dem geölten Holz, wohin man sah, Brotkrümel unter den viel zu schmalen Sitzbänken und jede Menge dekorativer Schnickschnack. Der Wandaltar aus Birnbaum mit Rosenquarz über dem Schlafplatz, das Federbündel, das an einer dünnen Lederschnur von der Decke hing, zwei Tamburine, achtlos liegengelassen zwischen Besen und Spüleimer – Reliquien dieses Lebens, die Valentina nie vergessen ließen, wer sie jetzt war. Oder zu sein vorgab.
Die hübschen Kissen mit Bezügen aus bedruckter Seide waren Valentinas persönlicher Beitrag zur Gemütlichkeit, dezent, nicht so kreischend bunt wie in den Wagen der anderen. Überhaupt versuchte Valentina das Durcheinander wenigstens farblich aufeinander abzustimmen, was Großmutter Elvira und ihre Freundinnen, eine Garde alter, dicker, schwatzhafter Frauen in karierten Röcken, nicht müde wurden, gutmütig zu bespötteln.
Sie schüttelte die Decken aus, legte sie sorgfältig zusammen und verstaute sie unter den Bänken. Dann öffnete sie die Fenster und ließ die kühle Luft und die ersten Sonnenstrahlen herein – ein, zwei köstliche Momente reinen, ungetrübten Seins. Im ersten Jahr ihrer Ehe mit Gerald, als sie nur gefühlt und gelacht und geliebt hatte, war das ungetrübte Sein eine Selbstverständlichkeit gewesen, so selbstverständlich wie jeder Atemzug. Später waren die Zweifel und das brennende Verlangen erwacht, in der Tiefe ihres Herzens das Wissen zu finden, dass sie alles richtig gemacht hatte, dass sie nichts anderes hätte tun können und dass das, was sich ihr als Bestimmung offenbart hatte, tatsächlich Teil eines göttlichen Plans war. Doch ihre Fragen wurden nie beantwortet. Der Himmel blieb stumm, kein Windhauch wisperte ihr etwas zu. Schließlich hatte Valentina begriffen, dass sie einfach nur eine junge Frau aus Italien war, die ein vorgezeichnetes Leben in Wohlstand und Behaglichkeit zugunsten eines unsicheren Daseins an der Seite eines deutschen Karussellbesitzers mit einem Haufen eigenwilliger Verwandter aufgegeben hatte. Ein quälendes Gefühl der Bedeutungslosigkeit hatte sich darob ihrer bemächtigt, und um nicht verrückt oder schwermütig zu werden, hatte sie beschlossen, das Einzige zu wahren, das sie noch besaß. So kultivierte sie Geralds Liebe zu ihr wie eine seltene Pflanze. Voller Angst, sie zu verlieren, und deshalb sorgsam darauf bedacht, Leidenschaft und Kälte sich die Waage halten zu lassen, um Geralds Begehren frisch, seine Zärtlichkeit sanft und seine Schuldgefühle wachzuhalten. Darüber hatte sie fast vergessen, die Liebe für ihn in sich zu nähren, aber nur fast.
Sie schloss die Fenster und kniete sich vor ihre Seekiste, in der sie ihre Kleider, den wenigen Schmuck und ihr Allerheiligstes verwahrte.
Ihre Finger fanden den Folianten und strichen über den ledernen, mit Gold und bunten Steinen verzierten Einband. Wortfetzen drangen gedämpft an ihr Ohr. Das Wasser würde in Kürze kochen, Gerald würde sich fragen, wo sie bliebe, und besorgt nach ihr sehen. Aber sie konnte nicht widerstehen und hob das Buch hoch. Ein Seufzer entfuhr ihr, als sie es aufschlug und ein verschmitzt lächelnder Mann in spitzenverziertem Wams ihr direkt in die Augen sah, in der rechten Hand ein Würfelpaar, in der linken eine Puppe mit Engelshaar und wohlgestalteten Gliedmaßen, die sich deutlich unter dem Kleid abzeichneten. Ignatius Graf von dem Lambertberg.
So könnte er ausgesehen haben, nein, so musste er ausgesehen haben.
Es war nicht leicht, dieser weitverzweigten Familie beizukommen, Dichtung und Wahrheit in den Geschichten, die Großmutter Elvira und die anderen Schausteller Valentina auftischten, voneinander zu trennen und daraus ein klares Bild entstehen zu lassen, das sie mit dem Kohlestift festzuhalten versuchte. Genaugenommen war es genauso unmöglich, wie diesen Wohnwagen sauber zu halten. Künstlernamen verdeckten die Ursprünge, Legenden gab es zuhauf. Wie etwa die um Ignatius, den adligen Vorfahren, der vor fast zweihundert Jahren durch exzessives Würfelspiel in der ersten deutschen Spielbank in Bad Ems seinen ganzen Besitz verloren haben soll, von der Familie verstoßen wurde und sich daraufhin – mittellos, wie er war – in der Vervollkommnung seiner sonstigen Begabungen übte, woraus ein mechanisches Puppentheater hervorging. Damit zog Ignatius über Land, bis er in einem ruhigen Breisgauer Winkel in heißer Liebe zu der schönen Jasmina entflammte, sie schwängerte und wenig später sitzenließ, weil die Familie ihn in ihren adligen Schoß zurückholte. Man war übereingekommen, die paar Spielschulden milder zu beurteilen als ein vogelfreies Leben mit einer Dirne und ihrem Bastard. Jasmina nannte ihr süßes, strammes Baby Rufus mit Vornamen und Lambert nach seinem Vater und schloss sich einer Truppe Komödianten an, die die südlichen Länder bereiste.
Auch Jasmina hatte Valentina gezeichnet, mit langem, glattem schwarzen Haar, einem melancholischen Mund und einem zur Seite gerichteten Blick unter zart geschwungenen Brauen. Das Porträt war von berückender Schönheit und sah Valentina verdächtig ähnlich.
Auf der nächsten Seite lachte ihr der kleine Rufus entgegen, stämmige Beinchen und blonde Löckchen. Der erwachsene Rufus indes schaute wie ein verschrecktes Kitz drein, weshalb Valentina mit seiner Darstellung unzufrieden war. Würde ein junger Mann, der vor mehr als hundertdreißig Jahren mit einem Puppentheater im gerade eröffneten Wiener Prater auftrat, nach Dresden weiterreiste, am Hofe vorstellig wurde und immerhin die Monarchin Maria Theresia mit seinem Spiel beeindruckte, nicht selbstbewusster sein? Doch sooft Valentina an Rufus’ Zügen feilte, hier verwischte, dort schattierte, der Kohlestift ließ sich nicht zwingen, und Rufus blieb, wie er war. Überrascht und freundlich.
Vorsichtig blätterte sie weiter, der Wiener Prater und die nahe gelegene Brigittenau mit ihrer Kreisfahrbahn, in der man in luftiger Höhe saß und es immer rundherum ging, bis einem schwindelte, huschten an ihr vorbei, die Dresdner Vogelwiese, Pferdeköpfe mit blanken schwarzen Augen und akkuraten Mähnen, die Nürnberger Peterheide, Paris mit seiner berühmten Rutschbahn Promenades Aériennes.
Jonas Lambert. Auch so ein Fall! Von Bremen aus reiste er über Wien nach Galizien, von dort nach Russland, wo er vor Zar Alexander I. auftrat, der nach dem gewonnenen Krieg gegen Napoleon als Retter Europas galt und entsprechend von sich eingenommen war. Nachdem Jonas einen Orden erhalten hatte, führte ihn das Schicksal nach Frankreich – und zu Arya Tscherrin. An einer Kreuzung in der Bretagne, wo der Lavendel wuchs und die Nebel sich senkten, um die beiden Liebenden vor Aryas Familie zu schützen, die der Heirat mit einem Lambert niemals zustimmen würden. Es hieß, ein Lambert habe einst einem Tscherrin die Männlichkeit abgeschnitten. Arya und Jonas flohen, stahlen auf einem Bauernhof zwei Pferde und bauten das erste Pferdekarussell in der Geschichte der Lamberts.
Valentina lächelte in sich hinein. Großmutter Elvira schwor Stein und Bein, dass diese Geschichte wahr war, und um es sich mit ihr nicht zu verscherzen – Gerald würde ihr das Buch gewiss zeigen, sobald er es selbst zu Gesicht bekommen würde –, hatte sie die Mär genauso wiedergegeben. Wallende Nebel, bedrohliche Gestalten, die Flucht. Was tatsächlich verbürgt war, zeigten die nächsten Seiten. 1840 starb Geralds Großvater, und Arya und Tochter Elvira mussten sich allein durchschlagen. Nach Aryas Tod beschloss Elvira, eine Zeitlang auf das Herumreisen zu verzichten, um neue Kraft zu schöpfen und Pläne zu schmieden. Das junge Mädchen, rotblond, wache blaue Augen, umkränzt von wenigen dunkelblonden Wimpern, blieb so lange im Wiener Prater, bis es genügend Geld beisammen hatte, um eins der neuesten transportablen Karussells zu erwerben.
1850 lenkte sie ihr Pferd nach Bremen zum Freimarkt, wo ihr Pferdekarussell am Liebfrauenkirchhof neben dem ungleich größeren und prächtigeren von Frederik Lamberti zu stehen kam. Darüber entbrannte zunächst heftiger Streit, dann himmelstürmende Leidenschaft. Sie schworen, sich niemals mehr zu trennen, weder in diesem noch in einem anderen Leben, doch bevor sie das dem Pastor mitteilen konnten, mussten sie sich einigen. Elvira war nicht gewillt, ihren guten Namen mit dem unseriös klingenden Fortsatz I zu verschandeln, Liebe hin, Ehe her. Frederik seinerseits mochte den zusätzlichen Vokal, hing aber nicht übermäßig daran, und Pastor Ferten war es gleich. So legten sie das I ebenso konsequent ab wie das Gelübde, bis ans Ende ihrer Tage zueinanderzustehen, und wenn es in der Folge einem Schausteller gefiel, Frederik mit dem Verlust des Buchstabens hochzunehmen, konnte er sich auf eine Tracht Prügel gefasst machen.
Frederik und Elvira ernannten Bremen zu ihrem Winterquartier. Die Bremer besaßen ein scharfes Auge und eine rasche Auffassungsgabe, trockenen Humor und die Gabe, sich nicht über Dinge aufzuregen, die sie nichts angingen. Schaustellern begegneten sie zwar nicht eben aufgeschlossen, aber in den Genuss spontaner Herzlichkeit kam ohnehin niemand in der Hansestadt, nicht einmal der Kaiser.
Die Jungvermählten erstanden ein klitzekleines Haus in der Altstadt, setzten ihre Söhne Gerald und Stephan in die Welt und hatten weder Zeit noch Grund, ihr Leben in Frage zu stellen. Als Frederik im Winter 1870 starb, weigerte sich Elvira bis zum Frühling, ein einziges Wort zu sprechen, und ermahnte ihre Söhne stumm, die Stimmen zu senken, wenn sie sich schon unterhalten mussten. Als der Flieder blühte, brach Elvira ihr Schweigen, verkündete, dass sie eine Botschaft von oben erhalten habe, und rüstete zum Aufbruch. Herford, Passau, Nürnberg, Paris, Berlin und retour.
Valentina fand, sie hatte die junge Elvira gut getroffen. Auch Kester, Florian und Anka würden sich nicht beschweren können. Nur was die Porträts der Vorfahren anbelangte, konnte und würde man gewiss geteilter Meinung sein, jeder würde mehr seiner eigenen Phantasie vertrauen, und möglicherweise würde es erregte Debatten auslösen. Aber darum ging es Valentina nicht.
Nur darum, sich Zeichnung um Zeichnung dieser seltsamen Familie zu nähern, die sich ein halbes Jahr lang entfesselt, zigeunerhaft und bar jeder Umgangsform benahm, um die andere Hälfte lang in kleinbürgerliche Spießigkeit zu verfallen. Wenn sie nur an die verzweifelten, der südlichen Sonne beraubten Sukkulenten in den scheußlichen, gebrannten Tontöpfen dachte, die Käpt’n Martens seiner Frau von jeder großen Fahrt mitbrachte!
Seit Jahren zeichnete Valentina ohne Unterlass, fügte Details hinzu oder übermalte sie wieder. Das Geschenk für ihren Mann sollte keinen Makel aufweisen, aber wenn Valentina ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie sich davor fürchtete, das Familienbuch eines Tages fertigzustellen, denn die Arbeit verlieh ihrem Tag eine Ordnung. Vor dem Zeichnen, nach dem Zeichnen. Struktur. Und nur Großmutter Elvira gefiel es hin und wieder, sie dabei zu stören.
Valentina klappte das Buch zu.
Die Stimmen wurden lebhafter. Klappern von Geschirr. Celias Anweisungen, melodisch, aber im Unterton hart wie Glas. Kesters unwilliges Brummen. Geralds gutmütiger Bass. Elvira schweigend, aber dennoch unüberhörbar, als versetzte ihre Anwesenheit die Luft in Schwingung. Anka lachte herzlich, was selten vorkam. Stephan rief nach Pastor Friedemann Ferten, den äußerst beliebten Seelsorger der St.-Petri-Gemeinde, der seinem obersten Dienstherrn ab und an Abstecher in die Schaustellerei abtrotzte, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Dieses Jahr hatten Stephan und Anka ihn mit nach Bayern genommen, weil er seinen Bruder, Mönch im Kloster Andechs, hatte besuchen wollen. Die Begegnung war wohl enttäuschend verlaufen, vermutete Valentina, denn der stets fröhliche Ferten erzählte kaum davon und wirkte nach seiner Rückkehr zur Theresienwiese eine Zeitlang sehr betrübt. Schließlich widmete er sich mit solchem Eifer und so viel darstellerischem Talent seiner eigentlichen Aufgabe, als gälte es, Reklame für das Paradies zu machen, und konnte gegen Ende des Jahrmarkts zwei Hochzeiten, einen verhinderten Lynchmord und drei Taufen auf sein pastorales Konto verbuchen.
Das Leben konnte so leicht sein, wenn man seiner selbst gewiss war.
Valentina erhob sich, setzte ein Lächeln auf und trat, die Röcke elegant gerafft, vor ihr aller Zuhause.
Nach dem Frühstück setzte sich die Karawane aus Planwagen, Wohnwagen, Tieren und Menschen in Bewegung und schlängelte sich über die Theresienhöhe Richtung Maxvorstadt zum Centralbahnhof.
Von weitem leuchtete der prächtige, einer Kathedrale nicht unähnliche Bau in sattem Rot und zartem Gelb der Backsteine, das vom lichten Beige und dem weißlichen Grau der Kalk- und Sandsteine kontrastiert wurde, aus denen die romantischen Renaissancebögen und -säulen gefertigt waren.
Gerald sog hörbar die Luft ein. Aus allen Himmelsrichtungen drängten Menschen, Einspänner und Fuhrwerke heran, um sich hoffnungslos im Gedränge zu verkeilen. Die Umladekapazitäten des Güterbahnhofs waren längst überschritten, eine Trennung von Passagierfahrten und Gütertransport überfällig, doch erst im nächsten Jahr, so hieß es, würden sie ihre Wagen in München-Laim verladen können. Leise seufzend fädelte sich Gerald hinter einem mit Weinfässern beladenen Fuhrwerk ein, dessen Fahrer, von links kommend, sich zwischen ihn und Stephan gedrängelt hatte und mit finsterer Miene zu verstehen gab, dass er einem Streit nicht aus dem Weg gehen würde. Drei Wagen weiter vorn hatte ein Wort das andere gegeben und eine Schlägerei zwischen vier jungen Männern nach sich gezogen, die bereits auf der Theresienwiese auf eine Gelegenheit gelauert hatten, sich tüchtig abzuwatschen. Es war dabei um Suriann und die Frage gegangen, wer ihr beim Abbau ihrer Bühne helfen und also darauf hoffen durfte, einen Kuss und vielleicht mehr von der unnahbaren Tänzerin zu gewinnen. Bis jetzt hatten ihre Familien eine Eskalation verhindert, doch in der Hitze des Gedränges hatten sich die überschießenden Hormone der vier nicht mehr bändigen lassen. Unruhig drehte Gerald sich um. Doch Valentina hatte den Platz ihres Wagens hinter seinem behauptet. Kühl hielt sie die Zügel fest und beobachtete teilnahmslos die Szene, während Celia auf das Dach des Wagens geklettert war, sich rittlings niedergelassen hatte und ihren Ausblick genoss.
»Komm sofort herunter!«, mahnte Gerald, doch Celia zuckte mit den Schultern und deutete auf ihre Ohren. Zu laut hier, Pap.
Gerald schüttelte den Kopf und wandte sich wieder nach vorn; aus dem Augenwinkel sah er eine schwarzgewandete Gestalt in Richtung Tumult eilen. Pastor Ferten, dachte Gerald lächelnd. Immer unterwegs im Namen des Herrn.
Er richtete sich kerzengerade auf, um den Auftritt des Pastors besser sehen zu können. Tatsächlich fegte Fertens donnernde, Gott und alle guten Geister beschwörende Stimme die Streithähne auseinander, doch einen Moment später gingen sie erneut aufeinander los, den unglücklichen Pastor in ihrer Mitte. Gerald sprang vom Wagen und kämpfte sich durch die Beobachter, die, Pfeife rauchend oder an einer Brezel kauend, die unterhaltsame Einlage spöttisch oder anerkennend kommentierten. Stephan folgte ihm auf dem Fuß.
Ein rechter Schwinger traf Ferten am linken Auge; die Braue platzte auf, Blut strömte über sein rundes, freundliches Gesicht und Ferten sackte zusammen. Der Schläger hielt inne; Gerald und Stephan drängten ihn beiseite und hoben Ferten hoch, ein schönes Stück Arbeit bei dem Gewicht. Sie wuchteten ihn auf Valentinas Wagen, wo Großmutter Elvira nach einem Blick auf die Fleischwunde Nadel und Faden bereitlegte und Onkel Hoppe unterwies, den Kopf des Patienten mit aller Kraft festzuhalten.
»Kriegst du ihn wieder hin?«, fragte Celia ängstlich.
»Aber sicher. Er wird zwar nicht wie neu, aber dafür ein kleines bisschen verwegener aussehen«, bemerkte Elvira zufrieden und fädelte den Faden ein. Ferten stöhnte leise und Onkel Hoppe verstärkte seinen Griff. Während Elvira ihr chirurgisches Werk vollbrachte, lockerte sich das Gedrängel, ein Fuhrwerk nach dem anderen löste sich unter den wachsamen Blicken einer uniformierten Ordnungskraft, und endlich bildete sich eine geordnete Schlange. Nach einer halben Stunde waren die Wagen und ihre Ladungen festgezurrt und die Pferde in mit wenig Stroh notdürftig ausgestatteten Viehtransportern angebunden.
»Eine Schande für die Tiere«, murmelte Gerald.
»Freu dich lieber, dass wir noch mitgekommen sind«, entgegnete Stephan und warf einen abschätzigen Blick auf die Zurückgebliebenen, die dem davonrollenden Zug missmutig hinterhersahen. »Ich leg mich ein wenig aufs Ohr.«
Gerald nickte.
Obschon ihm der kalte Wind zu schaffen machte, wollte sich Gerald nicht in die Behaglichkeit eines Abteils zurückziehen. Er schloss die Tür des Viehwaggons und kletterte auf den nächsten freien Plafond, die Hände klamm, die Augen tränenfeucht. Vergeblich versuchte er die Wehmut zurückzudrängen, und seine Gedanken flogen in jene Zeit, da er mit Vater, Mutter und zahllosen Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins unterwegs gewesen war, immer Richtung Himmel, wie sein Vater es genannt hatte. Richtung Himmel! Mit der Eisenbahn war’s ein Höllenkommando! Noch nach so vielen Jahren schien es ihm, als könnten jederzeit die Räder aus den schmalen Gleisen springen – und dann? Mit gebrochenen Gliedern würde den Lamberts die Schnelligkeit der Bahn auch nichts mehr nützen.
Gerald zündete sich eine Zigarre an, und während er die Glut betrachtete, die kein leichtes Spiel gegen den Wind hatte, fragte er sich, ob seine Ängste Anzeichen des Alters waren, das so häufig baumstarke Kerle – selten die Frauen – in greinende, weibische Greise verwandelte. Aber er war doch erst fünfunddreißig. Die Ausrede galt also nicht. Wahrscheinlich passte ihm einfach die Moderne nicht, die alle anderen begierig aufsogen, als sei das Neue stets das Bessere. Schnelligkeit hieß ihr Fetisch, Wachstum ihr treuer Vasall. Auch Stephan war von diesem Virus infiziert und lag ihm ständig in den Ohren, »endlich aufzuwachen«, sprich: Schulden zu machen und eine Schiffschaukel und ein Spiegelkabinett auf Pump zu kaufen, um mehr Geld zu verdienen, als das Karussell und die Schießbude ihnen einbrachten; Geld, mit dem sie aber zuallererst die Kredite abzahlen müssten. Was für ein Irrsinn, der sicherste Weg in die Abhängigkeit. Wer dagegen sein bescheidenes Auskommen hatte, blieb frei. Gerald verzog den Mund. Er konnte reden, was er wollte, sein Bruder verstand den Zusammenhang nicht.
In der Vergangenheit hatten Kirche und Staat sich manches einfallen lassen, Menschen wie ihn und seine Familie in ihrer Freiheit einzuschränken und zu disziplinieren. Was alle Drohungen nicht vermocht hatten, versuchte die Verwaltung per Gesetz zu erreichen: die Anzahl der Jahrmärkte wurde reduziert, die Einführung der Schulpflicht entzog den Schaustellern Hilfskräfte und riss ganze Familien auseinander, und ständig musste man Legitimierungen aller Art vorweisen: Leumundszeugnis und Wandergewerbeschein … Sie taten alles, um sie unter Kontrolle zu bekommen, und schoren aus diesem Grund alle über einen Kamm. Fahrendes Volk. Lächerlich. Ebenso gut hätte man sie die Winterschläfer nennen können, verbrachten sie doch die kalten Monate an einem angestammten Quartier und warteten, sich die Zeit mit Flick- und Instandsetzungsarbeiten an Karussells und Kostümen vertreibend, auf die Boten des Frühlings. »Fahrendes Volk« – als ob ein ganzes Volk unterwegs sei, wie einst die Juden auf ihrem Weg ins Gelobte Land. Dabei bündelte diese Bezeichnung die unterschiedlichsten Biographien: Zigeuner, durch Kriege und Verteuerungen verarmte Bauern, Handwerker, arbeitslose Kleriker, selbst Nachkommen von Adligen, deren Besitz nicht alle ernähren konnte, zählten zu ihnen. Ein Kaleidoskop mit tausend und abertausend Facetten, in dem sich allen Verdunkelungsmaßnahmen der Obrigkeiten zum Trotz das Licht der Freiheit fing, hell und strahlend.
Nun also die Industrialisierung, die ihre Zähmung zu bewerkstelligen suchte, und der, so fürchtete Gerald, mehr Erfolg beschieden sein würde als den Repressalien, gegen die sich zu verbünden viele von ihnen gestählt, doch ebenso viele zermürbt hatte. Jetzt könnten sie dem Lockruf einer vermeintlichen Sicherheit erliegen, denn die neue Wirtschaftsordnung hatte sich durchgesetzt. Vor der Gründung des Deutschen Reiches, die fast unmittelbar auf den Tod Frederik Lamberts erfolgt war, war Deutschland in fast dreihundert relativ autonome Herrschaftsgebiete zerfallen gewesen – Königreiche, Herzog-, Fürsten- und Kurfürstentümer, Grafschaften und Bistümer – und politisch wie wirtschaftlich rückständig. Nun aber nahm die Industrialisierung richtig Fahrt auf und veränderte das Land: Die Städte wuchsen rasant in die Höhe und in die Breite, Stadtmauern wurden abgerissen, Fabriken im Vorland gebaut, ein dichtes Eisenbahnnetz fraß sich durch Wiesen und gerodete Wälder. Wer gestern nur eine Idee hatte, konnte heute reich sein. Zusammenklappbare Regenschirme, monströse Trichterapparaturen, die blecherne Musik machten – nichts war verrückt genug, um nicht gewinnbringend verkauft zu werden.
Und überall hingen Uhren. Kirchturmuhren, Bahnhofsuhren, Uhren in den Fabrikhallen. Früher bestimmten Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, wann man aufstand und zu Bett ging, heute zerhackten zwei Zeiger die Zeit. Einst galt es, beredte Zeichen an Bäumen und Sträuchern zu lesen, heute besaßen mit klitzekleinen Buchstaben beschriebene Blätter die Macht, Menschen, so sie ihre Unterschrift daruntersetzten, bis in alle Ewigkeit zu fesseln und zu versklaven und in schlecht belüftete Fabrikhallen zu zwingen, wo sie tagein, tagaus automatengleiche Bewegungen ausführten, um Tee zu verpacken oder Klaviere herzustellen. Nein, der Lockruf bezirzte mit einer Melodie, die aus lauter falschen Noten bestand.
Gerald löschte die Zigarre sorgfältig auf dem feuchten Holzboden und steckte den verbliebenen Stummel in die Jackentasche. Ein Fabrikgebäude nach dem anderen zog an ihm vorüber. Malzkaffee, Werkzeug- und Maschinenbau, Kunstdünger, Chemische Fabriken, Bierbrauereien und die Zentralwerkstätte der Königlich-Bayerischen Staats-Eisenbahnen. Alles, was er tun konnte, war, achtsam zu bleiben, nicht nachzugeben und die Tradition zu wahren. Er würde sich nur so weit aufgeschlossen zeigen, dass der Friede in der Familie erhalten blieb.
Celia trat zu ihm, fröstelnd hatte sie das scharlachrote Umschlagtuch fest um den schmalen Oberkörper gewickelt. Die rotblonden Haare wehten im Wind, und ihre grüngrauen Augen schimmerten wie polierte Jade.
Sie ist wunderschön, dachte Gerald, Stolz und Rührung wallten in ihm auf und der brennende Wunsch, das Leben möge seine Tochter gut behandeln.
Fürsorglich legte Gerald den Arm um ihre Schulter, und so standen sie eine Weile, die kalte Luft kroch durch ihre Kleider, während entlaubte Bäume, dunkle Felder und graue, schmucklose Gebäude mit scheunengroßen Eingangstoren, gewaltigen Schornsteinen und wenigen Fenstern an ihnen vorüberzogen.
»Mach dir keine Sorgen, Pap«, rief Celia gegen den Lärm an, seine Besorgnis spürend. »Ich werde das Geschäft so weiterführen, dass du stolz auf mich sein kannst – keinesfalls gehe ich in eine Fabrik! Weder ich noch sonst ein Lambert.«
Gerald nickte, wich ihrem Blick jedoch aus.
Dieses Mal hatte es nicht funktioniert. Elvira und Stephan hatten das Tamburin genommen und zu dem blechernen Klang einen holprigen Tanz zwischen und auf den Holzbänken des Abteils hingelegt. Genaugenommen nahmen sie das Tamburin nur zu diesem Zweck in die Hand; es gehörte zu den Requisiten, die sie stets mit sich führten, weil die Jahrmarktsbesucher das von ihnen erwarteten.
Gewöhnlich schauten die Mitreisenden erst unsicher, dann zusehends empört, wenn sie mit ihrer kleinen Vorstellung begannen. Meist waren es die Männer mittleren Alters mit pomadisiertem, in der Mitte gescheiteltem Haar und blütenweißen Kragen, die die erschlaffte Haut am Hals nach oben quetschten und in wulstige Falten legten, die den Schaffner riefen, um die scheinbar entfesselte alte Dame und ihren heißblütigen Sohn zur Ordnung zu rufen. War die Ordnungsmacht verschwunden, begannen sie einfach wieder von vorn, bis ein Passagier nach dem anderen verärgert das Abteil verließ. Es war ein harmloser Spaß, der den Lamberts schon oft die Langeweile der langen Fahrt vertrieben hatte, weil sich unablässig neue Opfer arglos ihrem Waggon näherten.
Aber heute bissen sie auf bayrischen Granit. Ein Quartett beleibter Ehegatten samt Kindern im heiratsfähigen Alter ignorierte Musik und Tanz und widmete sich ausgiebig und stur seiner Brotzeit. Der Duft von hellem Bier und würzigem Obatzten zog durch das Abteil.
Großmutter Elvira winkte ab und sank auf die Bank. »Dann eben nicht.« Sie wandte sich an Florian, der gedankenverloren auf einer Strähne seines langen, gelockten Haares herumkaute. »Sag Valentina, der Vorhang ist gefallen, sie muss nicht länger im Exil bleiben.«
Gehorsam erhob sich Florian und flitzte davon. Kurz darauf kehrte er mit seiner Tante zurück.
Nach einer Weile tat der gleichmäßige Rhythmus der Räder das seine und wiegte Elvira in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, den sie fürchtete. Dunkle Ahnungen suchten sie heim wie ein hartnäckiger, lästiger Verehrer und reiften langsam zur inneren Gewissheit.
Unheil nahte. Anders als bei ihrer Mutter Arya überfielen Elvira die Prophezeiungen nur selten und wenn, dann mit düsterer Schärfe, aber diese hier zeigte sich janusköpfig. Leise, um Pastor Ferten nicht zu wecken, der, den Kopf an seinen zusammengerollten und zwischen seiner Halsbeuge und dem Abteilfenster geklemmten Mantel gebettet, leise schmatzend ein Schläfchen hielt, zog sie ein in ein lila Tuch gewickeltes Päckchen aus ihrem bestickten Beutel. Sie erwiderte Valentinas bohrenden Blick mit unschuldiger Miene, ließ ihre Hand unter das Tuch und sachte über die an den Kanten abgegriffenen Karten gleiten, bis sich eine von ihnen ihr so machtvoll entgegendrängte, dass sie innehielt. Elvira lüpfte das Tuch. Drei Karten, nicht eine. Der Reiter, der Fuchs, die Wolken. Das war nicht gut, das war ganz und gar nicht gut.
Von einem letzten, sich in ein flatterndes Crescendo weitenden Schmatzer erwachte Friedemann Ferten und sah sich schuldbewusst um. »Verzeihen Sie«, murmelte er und rückte den Mantel wieder zurecht, als sein Blick auf Elviras Schoß fiel und die Karten, jenes Blendwerk, das einen seelsorgerischen Einsatz sofort nach sich hätte ziehen sollen. Doch Ferten sah Großmutter nur erwartungsvoll an.
»Ein Spielchen, Herr Pastor?«, flüsterte Elvira listig.
»Es kann ja nicht schaden«, erwiderte er und setzte sich auf.
Großmutter legte das lilafarbene Bündel zurück in ihren Beutel und förderte zwei Kartenspiele hervor. Eins davon drückte sie dem Pastor in die Hand. Als Elvira ihre erste Karte aufdeckte, erschrak sie. Kreuz-Ass.
Sobald sie zu Hause waren, würde sie etwas unternehmen müssen. Die Sache duldete keinen Aufschub.
Die grüngestreifte Taftbluse schimmerte zu aufdringlich für einen gewöhnlichen Vormittag und die nachlässig am Hinterkopf aufgesteckten fahlblonden Haare unterstrichen den Eindruck, irgendetwas sei nicht ganz comme il faut, nicht, wie es in einem anständigen Haus sein sollte. Mit drei Schritten erklomm der gutaussehende junge Obst- und Gemüsehändler die schmalen Stufen zum Nebeneingang der Trimborn’schen Villa und blieb, ein wenig zu dicht, als es schicklich gewesen wäre, vor der Hausherrin stehen, eine Schale mit einer Auswahl blankpolierter Äpfel in den Händen. Sie sahen sich in die Augen, dann schloss sich die Tür hinter ihnen. Der über und über mit Äpfeln, Weißkohl, Kartoffeln, Möhren und Zwiebeln beladene Karren stand an der Straße, bewacht von einem Rottweiler.
Susanna legte den Finger an die Nase und schürzte die Lippen. Was sie zum zweiten Mal innerhalb einer Woche beobachtet hatte, konnte viel, aber natürlich auch gar nichts bedeuten, wobei Letzteres wenig wahrscheinlich war. Denn wer wie die Trimborns zu den begüterten Bremer Familien zählte, verfügte über ein halbes Dutzend Dienstmädchen, denen die Hausfrau die Einkäufe auf dem Markt überließ, oft brachten Lebensmittelhausierer die Waren auch direkt an den Dienstboteneingang und wurden, sofern sie einigermaßen ansehnlich waren und nicht zu stark rochen, mit einem verstohlenen Kuss oder einem vielsagenden Blick unter gestärkten Häubchen belohnt. Besonders in Herbst und Winter, wenn jede es sich dreimal überlegte, ob sie vor die Tür ging und Wollcape und Rock so durchnässen ließ, dass der Stoff über kurz oder lang nach altem Hund roch, galten die Händler als willkommene Abwechslung in der Tristesse des norddeutschen Alltags. Aber die Damen des Hauses pflegten ihre Liebschaften in der Regel mit Herren ihres Standes und gingen zumindest diskreter ans amouröse Werk als Frau Trimborn.
Glaubte man diesem Wiener Seelenarzt, gab es keine zufälligen Dummheiten, nur unbewusste Wünsche und ins Abseits der Seele geschobene Unaussprechlichkeiten, die irgendwann an die Oberfläche des Tuns und Reagierens pulsieren. Verriet Frau Trimborns mangelhafte Tarnung also, dass sie es insgeheim darauf anlegte, erwischt zu werden, vielleicht um ihren schwerreichen, aber stocksteifen Gatten aus der Reserve zu locken? Die Ehe war kinderlos, seit fast sieben Jahren wartete man auf einen Erben, der der Trimborn’schen Tabakdynastie eines Tages vorstehen sollte. Andererseits konnte sie doch so dumm nicht …
Susanna ließ die Gardine fallen und setzte sich auf ihr Bett. Wie ein Kind federte sie ein wenig auf und ab, bemüht, ihre fliegenden Gedanken einzufangen. Das Hin und Her ihres lebhaften Geistes, das Bedenken und Abwägen von Möglichkeiten, ihre irrlichternden Ideen bewahrten die Siebzehnjährige vor der ernüchternden Logik des gehobenen Lebens, die Töchtern aus gutem Haus nur eine beschränkte Aufnahmefähigkeit zugestand, die mit etwas Sprach- und Benimmunterricht bereits ausgeschöpft war. Es war durchaus nicht so, dass Susanna Pahlenberg die französische Literatur, das Klavierspiel und das Sticken hasste, nein, sie mochte es auch zuweilen, herausgeputzt mit anderen Mädchen ihres Alters und Standes in Salons herumzusitzen und sich von potenziellen Ehemännern den Hof machen zu lassen. Aber es reichte eben nicht aus. Sie brauchte Anregung, und da ihr Vater trotz wiederholter tränenreich vorgebrachter Bitten sich nicht erweichen ließ, Entsprechendes in die Wege zu leiten – obwohl ein Malkurs in der Toskana doch wohl nicht zu viel verlangt war! –, suchte Susannas Geist nach Auswegen aus der Enge und fand sie im Spiel der Überlegungen.
Nicht einmal ein ordentlicher Streik erschütterte die Hansestadt; keine zu allem entschlossenen finsteren Arbeiter, die den Hafenverkehr lahmlegten, nur ein paar kleinere Ausstände, mit denen dagegen protestiert wurde, dass sich seit dem Zollanschluss vor einem Jahr die Waren verteuert hatten. Nichts, das dazu angetan wäre, das Blut in Wallung zu bringen. Das Leben in Bremen, das Leben überhaupt, erschien Susanna langweilig, sterbenslangweilig.
Die Pahlenbergs bewohnten ein großbürgerliches Anwesen an der Bismarckstraße, das Großvater Fritz einst errichten ließ, nachdem das Kontorhaus in der Altstadt sich mit wachsendem Erfolg seines Garnhandels als zu beengt erwiesen hatte, um Frau und Sohn sowie zwei ledigen Tanten und den Waren genügend Raum zu geben. Weil viele Bremer Kaufleute Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu Wohlstand gekommen waren, gestaltete sich sein Vorhaben als schwieriger und kostspieliger als vermutet, so dass Fritz gezwungen war, den neuen Familiensitz eher schlicht zu halten, was seine Frau Ottilie, die von schmiedeeisernen Balkonen und bauchigen Erkern geträumt hatte, tief enttäuschte. Der zweigeschossige Backsteinbau geriet zu einem Muster kühler Eleganz, eine kastenförmige Trutzburg ohne Turm, umgeben von hohen Eichen und weiten Rasenflächen, und galt im Kreise betuchter Bremer als architektonischer Streich, den man dem schmallippigen Pahlenberg gar nicht zugetraut hätte. Das wiederum versöhnte seine Gattin, die daraufhin begann, die Damen ihres Standes wöchentlich und in wechselnder Besetzung zum Salon zu bitten, was nichts anderes als Kaffee und Klatsch meinte.
