Das Erbe der Villa Sanddorn - Lena Johannson - E-Book

Das Erbe der Villa Sanddorn E-Book

Lena Johannson

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Urlaub für Herz und Seele auf Rügen: Die Villa Sanddorn hat wieder geöffnet! Im 5. Wohlfühlroman der Sanddorn-Reihe geht es um ein Familiengeheimnis aus der Zeit der DDR und um eine große Liebe – garniert mit ganz viel Ostsee-Zauber.  Beim dringend nötigen Entrümpeln machen Ziska und Nik auf dem Dachboden der Villa Sanddorn einen erstaunlichen Fund: Ein geheimnisvoller Gast hat die Chronik der Villa – und damit auch ein Stück der Geschichte Rügens – aufgezeichnet. So erfahren Ziska und Nik endlich, mit wie viel Liebe und Herzlichkeit die ursprünglichen Besitzer das Haus um 1920 gebaut und als Hotel betrieben haben. Auch als in den 50er-Jahren viele Hoteliers aufgeben müssen, bleibt das Ehepaar auf Rügen und wandelt die Villa in ein Kinderheim um, gegen die Widerstände des DDR-Regimes. Ihr Sohn Georg würde allerdings nur zu gerne fortgehen – bis eine freundliche Welle die junge Alma auf die Insel spült …  Lena Johannson, Bestseller-Autorin der Romane um die »Villa an der Elbchaussee«, verbindet auch in ihrem 5. Insel-Roman den ganz besonderen Charme Rügens mit einer mitreißenden Geschichte.  »Sommerfeeling, Rügen-Flair und eine Prise Tiefgang: perfekte Urlaubslektüre, nicht nur für den Strandkorb.« Buch Magazin über den Rügen-Roman »Sanddorninsel«  Die Wohlfühlromane von Lena Johannson über die zauberhafte Ostsee-Insel Rügen sind in folgender Reihenfolge erschienen: - Sanddornsommer - Villa Sanddorn - Sanddorninsel - Sanddornzauber - Das Erbe der Villa Sanddorn   

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lena Johannson

Cornelia Maria Mann

Das Erbe der Villa Sanddorn

Ein Rügen-Roman

Knaur eBooks

Unter Mitarbeit von Cornelia Maria Mann

Über dieses Buch

Beim dringend nötigen Entrümpeln machen Ziska und Nik auf dem Dachboden der Villa Sanddorn einen erstaunlichen Fund: Ein geheimnisvoller Gast hat die Chronik der Villa – und damit auch ein Stück der Geschichte Rügens – aufgezeichnet. So erfahren sie endlich, mit wie viel Liebe und Herzlichkeit die ursprünglichen Besitzer das Haus um 1920 gebaut und als Hotel betrieben haben. Auch als in den 50er-Jahren viele Hoteliers aufgeben müssen, bleibt das Ehepaar auf Rügen und wandelt die Villa in ein Kinderheim um – gegen die Widerstände des DDR-Regimes. Als Jahre später die Magdeburgerin Christina bei Ziska auftaucht, ahnt diese nicht, wie viel Christinas Geschichte mit der Geschichte der Villa zu tun hat ...

Der neue Ostsee-Roman von Bestsellerautorin Lena Johannson enthüllt das Geheimnis der Villa Sanddorn und ein Stück der Geschichte Rügens.

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Epilog

Anmerkungen zu Fakten und Fiktion

Danksagung

Quellennachweis

1

»Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze.«

Lew N. Tolstoi

Stellenweise ist vor allem im Norden nachts mit leichtem Schneefall zu rechnen.«

Christina tippte vor Schreck kurz die Bremse ihres Kleinwagens an und stellte das Radio lauter. Doch mehr hatte die Moderatorin über das Wetter nicht zu sagen.

»Im April?« Schnee war das Letzte, was sich Christina auf Rügen wünschte. Auch ihre entsetzte Nachfrage entlockte der Sprecherin des Studios NDR Mecklenburg-Vorpommern keinen weiteren Kommentar. Natürlich nicht. Dafür hatte sie plötzlich Harrys Stimme im Kopf. Ihr Ehemann, Berater in allen Lebenslagen und oft genug auch klassischer Fels in der Brandung, hätte sie beruhigt und ihr versichert, dass es sich höchstens um Schauer handeln könne. Bäume und Sträucher waren schon ausgeschlagen, das winterliche Grau einem zarten Grün gewichen. Für den gelben Raps, der bald die riesigen Felder zum Leuchten bringen würde, war es noch etwas zu früh. Aber für einen kräftigen Wintereinbruch war es eben auch deutlich zu spät.

Christina atmete einmal tief durch. Alles in Ordnung. Warum auch nicht? Es war schließlich nur eine Urlaubsreise, keine Forschungsexpedition. Wenn es ihr auch fast ein wenig so vorkam. Etwas mehr als gewöhnliche Ferien hatte sie auf jeden Fall vor sich. Allein die Tatsache, dass sie ohne Familie unterwegs war, sprach dafür.

»Das wird auch höchste Zeit!«, war der Kommentar ihrer Freundin Gudrun gewesen. Die lag ihr schon lange in den Ohren, sie solle sich endlich mal eine Auszeit von ihrem Harry und den Kindern gönnen. Christina hatte nie verstanden, wofür das gut sein sollte. Als sie Harry mit sechsundzwanzig Jahren geheiratet hatte, wäre es ihr nicht in den Sinn gekommen, auch nur zwei Tage allein wegzufahren. Heiratete man denn nicht, um gemeinsam durchs Leben zu gehen? Als die Töchter geboren waren, hatte ihr größtes Glück darin bestanden, mit der ganzen Familie zu verreisen. Es hatte sie auch nicht gestört, dass die Möglichkeiten in Sachsen-Anhalt so wie im restlichen Teil der damaligen DDR eingeschränkt gewesen waren. Überhaupt war sie ziemlich zufrieden gewesen und war es noch. Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Sie lächelte. Auch nach so vielen Jahren feierten Harry und sie jeden Hochzeitstag wie Weihnachten oder Geburtstag.

 

Christina hatte die beinahe schnurgerade Straße fest im Blick, ebenso die Bäume zur Linken und zur Rechten. Die Sonne stand schon tief und würde bald untergehen. In der Dämmerung musste man immer mit Wildwechsel rechnen. Normalerweise brauchte sie sich nicht um solche Dinge zu kümmern. Ebenso wenig um die Route. Harry war der Fahrer. Immer. Sie war ziemlich aus der Übung, darum hatte sie erst überlegt, die Bahn zu nehmen. Aber sie hatte sich nun mal eine Unterkunft am Arm der Welt ausgesucht, wie ihre Töchter ein wenig abfällig bemerkt hatten. Und sie wollte mobil sein. Allein, und dann auch noch mit dem Auto, Christina war ein bisschen stolz auf sich, was sie natürlich nie zugegeben hätte. Sie drehte die Musik lauter. Nach den Verkehrsmeldungen hatte sich ihre CD wieder eingeschaltet. Christina schmunzelte. Niemand außer ihr hätte es ertragen, das Puhdys-Album von 1978 schon zum dritten Mal anzuhören. Ein klarer Vorteil des Alleinreisens.

Leise sang sie mit: »Flieg, Vogel, flieg.« Ein schönes Lied. Darin ging es um Freiheit. Frei fühlte sie sich jetzt auch.

Ihre Wasserflasche baumelte an dem leuchtend orangefarbenen Ring, den Harry kurz vor der Fahrt extra für sie angebracht hatte.

»Du musst viel trinken«, hatte er sie mehr als einmal ermahnt, »sonst wirst du müde, und dir wird schwindelig.«

Ihr lieber Harry. Mit einem Schlag vermisste sie ihn. Hätten sie nicht doch gemeinsam fahren sollen? Auf dem Beifahrersitz lag eine Dose mit Käsebroten, dazu Radieschen und kleine Tomaten. Bisher hatte sie nichts angerührt. Sie sah ihren Mann noch in der Küche stehen und alles zurechtmachen. Normalerweise packte sie seinen Proviant für die Mittagspause.

»Jetzt kann ich mich endlich revanchieren«, hatte er verkündet. Eigentlich wäre sie lieber irgendwo essen gegangen, doch er meinte, wenn sie etwas Leckeres für ein Picknick dabeihätte, würde sie auf jeden Fall eine Pause machen. »Wie ich dich kenne, fährst du sonst durch, weil du keine Ruhe hast, ehe du am Ziel bist.« Er kannte sie gut. Einmal im Fahrfluss, hatte sie nicht anhalten mögen. Zwei Baustellen direkt nach ihrem Start in Magdeburg, an Potsdam vorbei, Stau bei Neuruppin, dann Waren an der Müritz und schließlich in der Nähe von Rostock auf die A 20. Ein gehöriges Kribbeln im Bauch, als sie das Festland hinter sich gelassen und Rügen erreicht hatte. Nun lag Bergen bereits hinter ihr, sie war gewissermaßen auf der Zielgeraden nach Putgarten. Bei Lietzow hatte sie das Gefühl, gleich im Wasser zu fahren, so nah war links und rechts der Bodden. Wahrscheinlich hätte sie doch die Route über Trent nehmen und mit der Wittower Fähre übersetzen sollen. Kürzer wäre die Strecke allemal gewesen, nur irgendwie war ihr das nicht geheuer gewesen. Mit dem Auto auf eine Fähre! Und womöglich fuhr die nur einmal pro Stunde. Was, wenn sie eine gerade verpasst hätte?

»Ich kenne keine patentere Frau als dich, Mama, volle Punktzahl. Aber du bist null spontan!«, hatte ihre jüngste Tochter ihr schon mehrfach vorgehalten. Dummerweise hatte sie recht, das war tatsächlich nicht ihre Stärke, musste sich Christina eingestehen. Na und, Mut zur Lücke. Sie hatte ihr ganzes Leben gearbeitet, nebenbei ihre drei Töchter großgezogen und das Reihenhäuschen in Magdeburg in Schuss gehalten. Nie hatte sie das als Belastung empfunden. Aber sie brauchte eben immer einen Plan. Eine vertretbare Schwäche, fand sie. Harry zog sie zu gern damit auf.

Mal stand er mit einem gepackten Picknickkorb vor ihr und sagte: »Komm, Chrissi, wir machen eine Radtour. Ich will eine neue Route ausprobieren.« Dann wieder kam er unangekündigt früher nach Hause und führte sie zum Essen aus. Immer wischte er ihre Einwände einfach beiseite und hatte jedes Mal recht damit. Nicht ein einziges Mal hatte es ihr hinterher leidgetan, sich auf seine Einfälle einzulassen. Seine Einfälle. Doch nun war sie allein unterwegs und hatte weder einen festen Plan noch Harrys Ideen. Ein beunruhigendes Gefühl. Vielleicht könnte sie durch das bevorstehende Coaching etwas mehr Lockerheit gewinnen. Änderte man sich mit Anfang sechzig überhaupt noch?

Himmel, was war das? Ein kleines Tier tauchte am linken Fahrbahnrand auf, hob den Kopf und rannte auch schon los. Christina trat mit voller Wucht auf die Bremse. Ihre Trinkflasche knallte zweimal gegen die Armaturen, drinnen herrschte plötzlich Wellengang, die Brotdose schlitterte zur Kante des Beifahrersitzes und kam kurz vor dem Abgrund des Fußraumes zum Halten. Glück gehabt. Sowohl das Tierchen als auch ihr Käsebrot. Christinas Beine zitterten, ihr war mit einem Schlag heiß. Neben der Fahrbahn gab es einen breiten Sandstreifen. Sie fuhr rechts ran. Glücklicherweise war niemand hinter ihr gewesen, darauf hatte sie vor lauter Schreck nicht geachtet. Sie atmete tief durch und guckte angestrengt in das Halbdunkel. Das war doch … Nicht sehr wahrscheinlich, andererseits … Ein nass glänzender Körper, eine kleine schwarze Nase und Knopfaugen. Sie hatte nur einen kurzen Blick auf das Kerlchen werfen können, doch sie hätte geschworen, dass es ein Fischotter gewesen war. Wer noch nie einen gesehen hatte, hätte ihn für eine Robbe mit langem Schwanz halten können. Bloß liefen Robben für gewöhnlich nicht auf Rügen herum. Schon gar nicht flink wie ein Wiesel, sie bewegten sich an Land eher plump vorwärts. Christina schaute noch eine Weile in die Richtung, in die der Otter verschwunden war, obwohl sie natürlich wusste, dass sie keine Chance auf einen zweiten Blick bekam. Dafür wurden die Bilder immer deutlicher, die aus ihrem Gedächtnis aufstiegen. Wie viele Jahre war es her, dass sie schon einmal eins der seltenen Tiere zu Gesicht bekommen hatte? Plötzlich bekam sie eine Gänsehaut, so deutlich hatte sie den Moment vor Augen. Es war Ewigkeiten her.

 

Die Vorhersage, dass es nachts schneien könnte, lief zum zweiten Mal, als Christina an noch überwiegend kahlen Sanddornbüschen vorbeifuhr und endlich die Kieseinfahrt zu ihrem Feriendomizil erreichte. Nicht am späten Nachmittag, wie sie den Vermietern mitgeteilt hatte, sondern am frühen Abend, aber Hauptsache unfallfrei. Über der Eingangstür brannte ein warmes gelbliches Licht. Christina blickte an der Villa Sanddorn hoch, und auch in ihr breitete sich auf der Stelle ein warmes Gefühl aus. Die typischen geschnitzten Balkone im Stil der Bäderarchitektur waren ebenso prächtig renoviert worden wie die gesamte Fassade, das erkannte sie auf einen Blick, obwohl sich die Dunkelheit immer schneller über die Villa, den Hof und die weiteren Gebäude legte. Sie stieg aus und sah sich gründlicher um. Alles wirkte äußerst einladend, soweit sie es beurteilen konnte. Wenngleich sie spürte, wie ihre Aufregung wuchs, war da doch auch die tiefe Sicherheit in ihr, dass es richtig war, herzukommen.

»Was willst du denn da ganz alleine?«, hatte Inge gefragt, ihre Älteste. Für eine Sekunde fragte sie sich das auch. Denn obwohl man sie doch gehört haben musste, tauchte kein Mensch auf. Da war auch kein Schild, das ihr den Weg zur Rezeption gewiesen hätte. Ob sie ihren Wagen dort stehen lassen durfte? Sie ging unschlüssig ein paar Schritte. Nichts. Alles blieb still. Nur in der Ferne bellte ein Hund. Einen Moment hielt Christina inne, schloss die Augen und genoss den Duft der kühlen, salzigen Ostseeluft. Dann trat sie auf die Villa zu, zaghaft. Ein Schild fiel ihr auf: Auszeit mit Einsicht.

Dummerweise sah es eher nach Ausflug aus, und zwar nach einem der Gastgeber. Christina stieg die drei Stufen der Veranda hinauf. Das Holz knarrte unter ihren Füßen, fremd und doch auf seltsame Weise vertraut. Da war sie wieder, diese Gänsehaut, die nichts mit den rasch sinkenden Temperaturen zu tun hatte. Zu gern hätte Christina einen Blick hineingeworfen, doch drinnen brannte kein Licht. Also ging sie die Stufen wieder hinab und ein paar Schritte über das Grundstück. Es musste doch irgendwo eine Rezeption oder Ähnliches geben. Sie zog ihren Blazer fester um sich. Wie gut, dass sie sich für das Exemplar aus reiner Wolle entschieden hatte, es war kälter, als sie es sich gewünscht hätte. Einen Hofladen gab es, so viel immerhin verriet ein Schild über einer Tür. Christina wollte gerade nachsehen, ob dort noch geöffnet war, als sie ein Motorengeräusch hörte, das schnell lauter wurde. Nur Sekunden später kam ein Wagen flott auf das Gelände gefahren und hielt neben Christinas Auto. Die Vordertüren öffneten sich fast synchron, eine schlanke Frau sprang an der Beifahrerseite heraus und lief auf Christina zu.

»Frau Reeber? Es tut mir so leid. Wir hatten früher mit Ihnen gerechnet, sind noch mal los, dann ist es bei uns später geworden.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und lachte. »Unsere beiden haben es nicht so mit zuverlässiger Zeitplanung.« Sie zeigte zum Auto, wo der Fahrer, bestimmt ihr Mann, gerade eine der hinteren Türen geöffnet hatte und zwei kleinen Jungen heraushalf.

»Ihr hättet mit dem Fuß stecken bleiben können«, hörte Christina ihn sagen. »So eine Tür kann leicht zufallen, was dann? Ihr hättet schön in der Falle gesessen.«

Kaum hatte er seinen Satz beendet, piepste eine Kinderstimme, die nach jedem Wort von einem tiefen Atemzug abgelöst und zum Finale immer schneller und höher wurde: »Ja, aber, Papa, wir haben ja aufgepasst. Und die Tür ist ja gar nicht zugefallen. Ist doch garnicht … wargarnichtschlimm.«

»Franziska Marold.« Die Frau vor ihr streckte Christina mit entwaffnendem Lächeln die Hand entgegen. »Nennen Sie mich gern Ziska! Willkommen in der Villa Sanddorn. Ich hoffe, Sie haben nicht lange gewartet?«

»Nein, kein Problem. Meine Schuld. Wie Sie sagen, ich wollte eigentlich viel früher hier sein.« Das kam dabei heraus, wenn Pläne sich spontan änderten.

»Sie kommen aus Magdeburg, richtig?« Christina nickte. »Bei so einer Strecke kann man nie genau sagen, wie lange man braucht.« Sie seufzte. »Leider gilt das auch gerade für jede noch so kleine Aktivität mit unseren Söhnen. Felix und Jockel haben zurzeit wirklich nichts als Unsinn im Kopf. Am liebsten verstecken sie sich, sobald wir sie auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen. Und glauben Sie mir, darin sind sie inzwischen richtig gut. Wir wollten nur ein paar Kleinigkeiten besorgen und mussten sie geschlagene zwanzig Minuten suchen.«

»Ist doch kein Problem. Hauptsache, Sie haben sie gefunden.« Christina lächelte.

»Danke für Ihr Verständnis und Ihre Geduld. Dann zeige ich Ihnen mal Ihr Zuhause für die nächsten zwei Wochen.«

2

»Zu viel Talent kann man nicht haben, aber zu viele Talente.«

Marie von Ebner-Eschenbach

Solange sie denken konnte, war Christina Frühaufsteherin. Doch an diesem Morgen waren ihre Augen schwer wie Blei, und sie drehte sich stöhnend auf die andere Seite. In fremden Betten schlief sie immer schlecht, jedenfalls in der ersten Nacht. Ein Gedanke sorgte dafür, dass sie trotzdem mit einem Schlag hellwach war. Sie sprang aus dem Bett und stürzte geradewegs auf das Fenster zu. Schwungvoll zog sie den Vorhang zur Seite. Die Sonne schien von einem fast wolkenfreien blauen Himmel, die Vögel zwitscherten, von Schnee keine Spur. Gott sei Dank! Beruhigt schlurfte sie zurück zum Bett und kuschelte sich noch einmal unter die Decke. Sie ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Die Wände waren perfekt in ruhigen Creme- und Schlammtönen gestrichen, der weiße Stuck an der Decke setzte sich apart davon ab. Die ebenfalls helle Möblierung war eher klassisch und passte mit den hellblauen Akzenten wunderbar zum nahen Meer, fand sie. Die gesamte Ferienwohnung vermittelte Geborgenheit, doch die Krönung war der Blick, den Christina von ihrem Bett aus hatte. Sie konnte direkt in den Garten sehen! Sehr viel Zeit schien ihm niemand zu gönnen. Aber das machte nichts, im Gegenteil. Stauden und Sträucher hatten sich vermutlich selbst so arrangiert, wie es für sie am besten war. Keine exotischen Pflegefälle, sondern robuste heimische Arten, die nach Herzenslust wuchsen. Vielleicht doch ein bisschen schade, dass sie nicht einen Monat später hergekommen war. Nicht nur, dass die Rapsfelder die gesamte Insel dann in strahlendes Gelb und den unverwechselbaren Duft getaucht hätten, im Mai hätte auch der große Rhododendron da draußen seine Blüten geöffnet. Das ausladende Gewächs musste die gesamte Geschichte der Villa miterlebt und alle Menschen gesehen haben, die gekommen und gegangen waren …

»Genug gefaulenzt!« Christina stand auf. Erste Amtshandlung: den kleinen Wasserkocher aus dem Korb holen und in Betrieb nehmen. Das gute Stück begleitete sie auf allen Reisen und garantierte ihrem Harry seinen ersten Kaffee und ihr einen Tee am Morgen. Doch auf dem Tischchen vor dem Fenster entdeckte sie schon einen, dazu eine Auswahl an grünen, Früchte- und Schwarztees, Instantkaffee, sogar Milchpulver und einen Steingutbecher sowie ein dünnwandiges Tässchen. Hier schien man an alles zu denken! Sie zuckte mit den Schultern. Würde sie ihr eigenes Gerät eben später wieder ins Auto räumen. Der Tee war schnell zubereitet, Brot von gestern hatte sie auch noch. Fertig war ein perfektes erstes Frühstück! Christina lächelte. Harry hatte ihren Lieblingskäse mit Gurkenscheiben und einem Klecks Mostrich dekoriert. Genau wie sie es mochte. Du meine Güte, sie hatte sich noch nicht einmal bei ihm gemeldet. Er machte sich bestimmt schon Sorgen. Andererseits … Wenn eine ihrer Töchter unterwegs war und Christina sich aufführte wie ein aufgeregtes Huhn, bis eine Nachricht kam, zog Harry sie gern damit auf.

»Falls ihr etwas passiert ist, werden wir benachrichtigt«, pflegte er zu sagen, was Christina äußerst makaber fand. »Solange wir nichts hören, ist es ein gutes Zeichen.«

Sie verschob ihren Anruf zu Hause, denn trotz des leichten Durcheinanders bei ihrer Ankunft hatte Ziska ihr noch den ersten Coachingtermin mitgeteilt. Und der stand ihr nun direkt bevor. Christina blieb gerade noch Zeit, sich frisch zu machen. Ihr Blick fiel in den Spiegel. Ihre braunen Augen sahen nicht so müde aus, wie sie nach der unruhigen Nacht erwartet hätte. Lagen nicht sogar eine Portion Neugier und Tatendrang darin? Sie musste grinsen, doch das verging ihr schnell. Ihr Spiegelbild verriet nämlich auch ihre typische Unsicherheit. Hoffentlich erkannte Ziska die nicht gleich.

 

»Guten Morgen, Frau Reeber! Haben Sie gut geschlafen?«

»Guten Morgen. Danke der Nachfrage. In einem fremden Bett schlafe ich anfangs nie gut. Dafür reise ich wahrscheinlich zu wenig. Aber das gibt sich. Ich wette, heute Nacht schlafe ich wie ein Bär.«

»Ich drücke Ihnen die Daumen.«

Christina sah sich in dem hellen, großzügigen Raum um. An einer Wand hing ein riesiges Bild, Schiffe auf dem Meer im Nebel, schätzte sie.

»Schön haben Sie es hier«, sagte sie leise. »Also, was ich bisher gesehen habe, gefällt mir wirklich gut, meine Wohnung, dieser Raum hier. Beeindruckend, was man aus einem alten Gebäude alles machen kann.«

»Danke schön. Sie scheinen ein gutes Auge dafür zu haben. Sind Sie Architektin?«

Christina winkte ab. »Nein, nein, ist einfach nur mein Gefühl.«

»Tatsächlich renovieren wir die Villa, seit wir sie aus dem Dornröschenschlaf geweckt haben. Als ich vor Jahren hier ankam, war sie hinter hohen Bäumen kaum zu sehen. Wir kommen leider nur im Schneckentempo voran. Vielleicht kennen Sie das, ein altes Haus hat jede Menge Überraschungen auf Lager.«

»O ja. Genau wie alte Menschen.«

Ziskas Augenbrauen gingen kurz nach oben.

»Da haben Sie allerdings recht.« Sie lächelte versonnen, dann erzählte sie: »Wir haben uns daran gewöhnt, ständig umzudisponieren oder etwas anders zu gestalten, als wir es im Kopf hatten. Dieser Raum war allerdings von vornherein so geplant, wie Sie ihn vor sich sehen. Es ist wichtig, dass sich meine Kunden wohlfühlen. Ich nenne sie übrigens lieber Gäste. Und ich möchte mich natürlich auch wohlfühlen«, ergänzte sie, lachte und sah sich zufrieden um. »An Charakter hat der Raum allerdings erst im Laufe der Zeit gewonnen. Vielleicht liegt das an der positiven Energie der Gespräche mit unseren Gästen. Auf jeden Fall aber auch an den Bildern, die überall im Haus hängen. Sie zeigen nicht nur die Insel, sie sind auch hier entstanden. Darf ich Ihnen eine Sanddornschorle als Willkommensgetränk anbieten?«

»Das hört sich gut an.«

»Ich möchte mich noch mal für die Hektik bei Ihrer Ankunft gestern entschuldigen«, sagte sie, während sie Sanddornsaft in zwei Gläser füllte und mit Mineralwasser aufgoss. »Mein Mann Nik wird Sie noch persönlich begrüßen. Gestern musste er erst mal unsere Jungs in Schach halten.«

»Scheinen ziemlich quirlig zu sein.«

»Sie finden es momentan besonders lustig, wegzulaufen und sich zu verstecken. Wir finden das weniger komisch.«

»Ja, man darf sich nicht täuschen lassen«, meinte Christina. »Wenn hier am nördlichen Zipfel der Insel auch alles idyllisch und harmlos wirkt, kann es doch ganz schön gefährlich werden. Nehme ich an«, schob sie schnell hinterher.

»Stimmt genau. Das versuchen wir ihnen beizubringen, ohne ihnen zu viel Angst zu machen. Keine leichte Aufgabe. Aber nun zu Ihnen.«

Ach je, jetzt sollte dieses Coaching also beginnen. Christina hatte sich den Moment immer wieder vorgestellt und sich auch zurechtgelegt, was sie erzählen könnte. Doch in dieser Sekunde fiel ihr nichts davon ein.

»Kinder können Gefahren in dem Alter noch nicht einschätzen«, sagte sie stattdessen. »Besonders Jungs sind meistens viel zu übermütig.«

»Da sagen Sie etwas. Haben Sie auch welche?«

»Nein, leider nicht. Ich hätte gern einen Sohn gehabt, aber meine Mädchen machen mir auch viel Freude.«

»Tut mir jedenfalls leid, dass Sie nach der langen Fahrt warten mussten. Sie sind immerhin aus Magdeburg gekommen, ein weiter Weg.«

»Ja.«

»Das dürften rund vierhundert Kilometer sein, oder?«

»Vierhundertfünfzig«, korrigierte Christina und ärgerte sich sofort, weil ihre Stimme verriet, dass sie ein wenig stolz war. »War aber alles problemlos«, setzte sie locker hinzu. »Fast hätte ich allerdings ein Tier überfahren. Ich glaube, es war ein Fischotter.«

»Na, da hätten Sie aber Glück gehabt.« Ziska stutzte und lachte. »Also, nicht wenn Sie ihn überfahren hätten, aber wenn Sie einen zu Gesicht bekommen hätten. Die Tiere sind vom Aussterben bedroht. In Mecklenburg-Vorpommern und besonders hier auf Rügen gibt es aber noch verhältnismäßig viele Exemplare. Das weiß ich allerdings nur vom Hörensagen, gesehen habe ich noch keinen.«

»Otter sind scheue Gesellen«, stimmte Christina ihr zu. »Selbst wenn sie irgendwo in größerer Menge vorkommen, laufen sie einem kaum über den Weg. Im Verstecken sind sie vermutlich so gut wie Ihre Söhne.«

»Deshalb denke ich, es war eher ein Marder, der Ihnen vor den Wagen gelaufen ist.«

»Nein, nein, es war ein Otter.«

Christina erkannte an Ziskas Blick, dass sie noch nicht überzeugt, aber höflich genug war, es dabei zu belassen.

»Jetzt aber Schluss mit Verstecken, Ottersichtung und anderem. Sie sind schließlich aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen. Jetzt ist Ihre Zeit, und es geht nur um Sie!« Das sollte vermutlich eine gute Nachricht sein, doch Christina hätte viel lieber weiter über dieses und jenes geplaudert. Vor allem über die Villa, die Plantage … »Wir wollen uns gemeinsam Gedanken machen, wie Ihr Leben aussehen könnte, wenn Sie nicht mehr berufstätig sind«, fuhr Ziska fort. »Das ist spätestens in zwei Jahren so weit, stimmt’s?«

»Richtig. Ganz kurz habe ich über einen vorzeitigen Ruhestand nachgedacht, aber dann würde ich mich schon früher alt fühlen, befürchte ich.« Sie lachte verschmitzt. »Mir fällt gerade etwas ein. Ich hätte da nämlich eine Bitte.«

»Schießen Sie los!«

»Dürfte ich mich später oder morgen etwas im Haus umsehen? Sie haben es ja gemerkt, ich interessiere mich für Architektur und alles, was damit zusammenhängt. Außerdem ist meine Tochter gerade dabei, die Wohnfläche ihres älteren Reihenhauses zu erweitern. Vielleicht kann ich ihr ein paar schöne Ideen mitbringen.«

»Das lässt sich bestimmt einrichten. Ein Zimmer außer Ihrem ist belegt, aber die anderen können Sie sich gern ansehen. So, jetzt zu Ihnen!«

»Ja, ach so, also, ich …« Christina nahm einen Schluck von der Schorle und verzog das Gesicht.

»Tut mir leid, ich habe Sie nicht vorgewarnt. Sanddorn ist etwas gewöhnungsbedürftig. Möchten Sie etwas?« Ziska reichte ihr ein Glas, in dem es gelb schimmerte und ein gedrechselter Honiglöffel steckte.

»Nein, nein, ich habe nur lange nicht mehr … Genau so soll Sanddorn schmecken. Herrlich!«

»Na, Sie kennen sich offenbar aus. Manche Gäste probieren das gesunde Früchtchen hier bei uns tatsächlich zum ersten Mal. Einigen entgleisen da schon mal die Gesichtszüge.«

»Kann ich mir vorstellen.«

»Christina … wenn ich Sie so nennen darf?« Christina nickte. »Was genau hat Sie zu einer Auszeit mit Einsicht bewogen?«

»Also, eigentlich wollte ich vor allem mal etwas für mich tun.«

»Das ist schon mal ein guter Ansatz. Sie haben nicht genug Zeit für sich, keine Zeit für Hobbys?«

»O doch. Ich arbeite ja schon jetzt nicht mehr in Vollzeit. Das kommt meinen Hobbys sehr zugute. Zum Sport bin ich vorher schon gegangen, aber seit einem Jahr mache ich nicht nur Pilates, sondern ich gehe auch jeden Freitag schwimmen. Außerdem fahre ich viel Fahrrad, mit Freundinnen oder mit meinem Mann Harry. Und ich habe jetzt auch mehr Zeit für meinen Literaturzirkel. Ich lese fast jede Woche ein Buch. Wir backen umschichtig Kuchen und treffen uns mal bei der einen, mal bei der anderen, um über die Bücher zu reden.«

»Meine Güte, Sie sind ja ordentlich aktiv. Toll!«

»Ja, Langeweile kenne ich nicht. Übrigens, in diesem Literaturzirkel besprechen wir auch immer häufiger Sachbücher. Sie glauben nicht, was man dabei alles lernt und erfährt.«

»Doch, das kann ich mir vorstellen.« Ziska sah sie lächelnd an und runzelte die Stirn. »An Beschäftigung mangelt es Ihnen schon mal nicht. Sie haben eine Tochter, sagten Sie?«

»Drei! Und einen Enkel.«

»Also gibt es immerhin eine Generation weiter einen Jungen.«

»Stimmt, Tjark ist ein Prachtbursche.« Gutes Thema. »Wohnen hier auf dem Gelände eigentlich noch mehr Kinder?« Ziska schüttelte den Kopf, Christina ließ sie allerdings nicht zu Wort kommen. »Bestimmt verbringen aber oft Familien ihre Ferien hier, oder?«

Ziska lachte. »Meine Zwillinge sind meist die Einzigen, die hier alles auf den Kopf stellen. Ich möchte auch keinen weiteren Nachwuchs. Zwei lebhafte Jungs reichen uns absolut.«

»Wie alt sind die beiden?«

»Gerade sechs geworden.« Ziska schien sich orientieren zu müssen. »Unsere Ferienwohnungen sind eher etwas für Alleinreisende und Paare ohne Kinder. Die Lage«, erklärte sie und warf Christina einen vielsagenden Blick zu. »Familien bevorzugen Orte mit mehr Infrastruktur. Spielplätze, Restaurants, Läden und bewachte Strände in der direkten Nähe.« Sie grinste. »Im Herbst bringen wir einen Teil unserer Erntehelfer im Haus unter. Dann geht es hier auch manchmal zu wie im Kindergarten.«

»Das kann ich mir vorstellen. Wie viele Ferienwohnungen gibt es hier?«

»Nur vier. Wir haben die kleinen Zimmer zum Teil zusammengelegt. Wenn wir zu viele Feriengäste aufnehmen würden, könnten wir ihnen nicht gerecht werden oder bräuchten Personal. Wir legen aber Wert auf eine familiäre Atmosphäre und persönliche Betreuung, das ist unser Konzept. Mehr würden wir einfach nicht schaffen, denn auf der Sanddornplantage und in der Produktion gibt es immer einiges zu tun.«

»Das machen Sie alles? Coaching, Zimmervermietung, Sanddorn ernten und verarbeiten …«

»Bei der Ernte halte ich mich lieber im Hintergrund.« Ziska lachte wieder ihr fröhliches Lachen, das Christina sehr sympathisch war. »Organisatorische Aufgaben sind okay, mit der Praxis habe ich nicht so gute Erfahrungen gemacht.« Sie schüttelte den Kopf. »Um die Plantage mit allem, was dazugehört, kümmert sich mein Mann Nik wesentlich mehr als ich, das war sein Geschäft, ehe ich auf der Bildfläche erschienen bin. Auch einige Mitarbeiter hatte er schon, ehe er mich kennenlernte. Die kennen sich entsprechend besser aus. Das ist eine große Familie, könnte man sagen. Wenn mal Not am Mann oder der Frau ist, bin ich natürlich dabei, aber die Beratung von Menschen ist und bleibt mein Traumberuf. Was machen Sie eigentlich beruflich?«

»Ich bin Sekretärin. Heute nennt man das wohl lieber Assistentin. Ach nein: PA, Personal Assistant! Muss ja jetzt alles auf Englisch sein. Ich war nie etwas anderes und bin es immer noch gerne. Trotzdem freue ich mich tatsächlich langsam auf meinen Ruhestand. Hätte ich nie gedacht.«

»Steht Ihr Mann auch noch im Berufsleben?«

»Nein, Harry ist fünf Jahre älter als ich. Er hat schon Übung mit dem Rentnerdasein.«

»Keine Sorge, das kriegen Sie auch hin.«

»Klar! Wir wollen noch möglichst viel gemeinsam unternehmen. Darüber sprechen wir oft. Man weiß schließlich nie, wie viel Zeit einem zusammen bleibt.«

»Kluge Entscheidung.« Ziskas Blick durchbohrte sie. Hätte sie bloß nicht so drauflosgeplappert.

»Machdeburjer Mostrich sagt Ihnen sicher nichts, oder?«, platzte Christina heraus.

Ziska machte große Augen.

»Ich kann mir denken, was es ist. Senf, richtig? Ist Magdeburg bekannt dafür? Das wusste ich nicht.«

»Da sind Sie nicht die Einzige. Dabei werden die Originalrezepte gerade wieder entdeckt und ordentlich vermarktet. Ich habe Ende 1979 in der alten VEB Essig- und Senffabrik über Bekannte eine Stelle bekommen und zugegriffen. Obwohl ich mir meine berufliche Zukunft anders vorgestellt hatte, ganz anders.« Ziska holte Luft, doch Christina sprach schnell weiter: »Trotzdem war es ein großes Glück. Ich bin dortgeblieben, bis das Unternehmen 1990 aufgelöst wurde. Dann hatte ich gleich noch mal Glück: Mein Chef wurde Geschäftsführer in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen und nahm mich mit. Dort arbeite ich heute noch, inzwischen allerdings für die Tochter meines ehemaligen Chefs. Manchmal denke ich, sie braucht gar keine Sekretärin. Das ist so eine patente junge Frau. Von ihrem Vater hat sie das nicht.« Christina grinste. »Bei dem habe ich mich so manches Mal gefragt, wie er am Wochenende zurechtkommt ohne mich und meine Kollegin. Wahrscheinlich hat seine Frau seinen kompletten Alltag organisiert.«

»Was wären Sie gern geworden?«, wollte Ziska unvermittelt wissen.

»Ach, ich weiß gar nicht. Vielleicht wusste ich das nie so genau«, meinte Christina nachdenklich. »Seit wann sind Sie auf Rügen?«

Ziska war perplex, das war nicht zu übersehen. Wahrscheinlich war sie es nicht gewohnt, dass eine Kundin den Spieß umdrehte und die Fragen stellte.

»Seit gut acht Jahren«, antwortete sie trotzdem.

»Also noch nicht so lange.«

»Acht Jahre sind schon eine lange Zeit, finde ich. Vergangen sind sie allerdings wie Monate.« Ziska schien eine Sekunde vergessen zu haben, dass sie nicht allein war. »Schon acht Jahre, echt verrückt«, sagte sie gedankenverloren.

»Immer hier im Haus?«

»Bitte? Ach so, nein, als ich zum ersten Mal herkam, wurden hier auf dem Gelände noch keine Zimmer vermietet. Seit ich mit Nik zusammen bin, lebe ich aber hier. Das heißt, wir haben zwischendurch kurz in Vitt gewohnt. Das ist ein Fischerdorf ganz in der Nähe. Wir wollten Arbeit und Privates räumlich trennen. Letztlich aber war es doch praktischer, immer vor Ort zu sein.«

Ein dumpfer Schlag unterbrach die Coachingsitzung, die eigentlich noch keine war. Ziska sprang auf und öffnete die Tür. Jockel fiel beinahe in den Raum, klammerte sich aber gerade noch an dem Horn eines Fantasiewesens aus Gummi fest. Christina konnte einen Blick auf beide Zwillinge erhaschen, die sich anscheinend ausgerechnet den breiten Flur direkt vor dem Zimmer ausgesucht hatten, um ein Rennen auf Hüpfbällen zu veranstalten. Jockel musste mit vollem Schwung gegen die Tür gekracht sein, wie es aussah.

»Was habt ihr denn bitte schön hier drinnen zu suchen, noch dazu mit den Dingern?« Ziska klang überraschend streng.

»Das sind unsere Rennmonster«, stellte Felix richtig.

»Rennmonster gehören nicht ins Haus«, entgegnete Ziska prompt. »Schon gar nicht in dieses. Ihr wisst genau, dass ihr mich in Ruhe lassen müsst, wenn ich im Coaching bin.«

»Wir sind noch viel zu klein dafür«, protestierte Jockel.

»Genau, wir wissen gar nicht, was Kotsching ist«, stimmte Felix ihm zu. Christina musste lächeln.

»Aber ihr seid nicht zu klein, um zu verstehen, dass hier Ruhe zu herrschen hat, wenn die Tür geschlossen ist.« Sie klopfte gegen das Holz. Die Jungen sahen sie aus aufgerissenen Kulleraugen an und saugten synchron ihre Unterlippen zwischen die Milchzähne. An Christina gewandt sagte Ziska: »Nach den Sommerferien kommen Felix und Jockel in die Schule, ich kann’s kaum noch abwarten.«

Jockel trat einen Schritt vor.

»Guten Tag, Frau Christina«, krähte er und kehrte sofort wieder zurück zu seinem Bruder. »Wieso steht auf deinem Auto MD drauf? Du bist doch auf Rügen.«

»Genau, dann muss da doch RÜG stehen wie auf unserem Auto«, stimmte Felix ihm zu und nickte eifrig.

Christina spürte, wie ein warmes Gefühl sie durchströmte. Der Anblick der beiden hochgewachsenen, aber gleichzeitig so zerbrechlichen Jungen mit ihren riesigen blauen Augen rührte sie und nahm sie mit in eine ferne Vergangenheit. Wie gerne hätte sie außer ihren drei Töchtern noch einen Sohn bekommen.

»Warum sagt sie denn nichts, Mami?«, hörte Christina einen der Zwillinge fragen. Sie betrachtete die beiden, die gleichzeitig ihre Hände in die Hosentaschen der moosgrünen Latzhosen schoben. Sie sahen Christina gespannt an, trippelten von einem Fuß auf den anderen und stießen sich immer wieder gegenseitig an.

»Warum steht da denn nun MD drauf?«, wollte Jockel wissen.

»Weil ich aus Magdeburg komme. Die Buchstaben auf dem Kennzeichen sagen, wo ein Auto angemeldet wurde«, erklärte Christina. »Du bist doch bestimmt noch nicht in der Schule. Toll, dass du trotzdem schon das Alphabet kennst.«

Jockel grinste von einem Ohr zum anderen, verschränkte die Arme vor dem Hosenlatz und drehte den Oberkörper hin und her, dass seine kinnlangen Haare nur so flogen.

Ziska strich den beiden über die Köpfe.

»So, jetzt habt ihr gleich noch was gelernt. Und nun Abflug!« Christina raunte sie zu: »Worüber Kinder sich manchmal Gedanken machen! Ich hätte nie gedacht, dass sie Nummernschilder auch nur bewusst wahrnehmen.«

»Kinder sind faszinierend, man sollte sie auf keinen Fall unterschätzen.« Christina ließ ihren Blick in Richtung Treppenhaus schweifen. »Man kann sich dieses Haus gar nicht ohne sie vorstellen.«

»Doch, um ehrlich zu sein, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Dieses Haus, oder wenigstens mein Coachingbereich, ist für alle unter, sagen wir, unter zwölf tabu. Also raus mit euch, und zwar sofort!«

Die Zwillinge flitzten mit den Hüpfbällen den Flur entlang und dann den Geräuschen nach zu urteilen raus auf die Veranda und vermutlich über den Hof mitten hinein in ihr nächstes Abenteuer.

»Sie haben noch ein paar Minuten Ihrer ersten Coachingstunde übrig.« Ziska blickte von der Uhr auf und sah Christina fragend an.

»Lassen Sie mal! Wir haben ja noch ein paar Sitzungen. Ich freue mich jetzt erst mal darauf, die Umgebung zu erkunden.«

»Wie Sie meinen«, begann Ziska zögerlich. »Falls Sie noch Tipps brauchen … Es gibt jede Menge zu sehen und zu erleben, vor allem wenn man das erste Mal auf der Insel ist. Es soll allmählich milder werden, Sie haben wirklich Glück. Im Hofladen gibt es eine Karte zur Orientierung. Holen Sie sich die gern. Oder fragen Sie einfach unsere Mitarbeiter. Alle, die Sie treffen, kennen sich gut aus und geben Ihnen herzlich gern Auskunft. Wir beide sehen uns spätestens morgen um zehn wieder.«

»In Ordnung.« Christina wandte sich zur Tür.

»Eins müssen Sie mir bitte verraten«, sagte Ziska. Christina drehte sich wieder um. »Sie haben geschrieben, dass Sie herausfinden möchten, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen könnten, sobald Sie in Rente sind. Ich habe den Eindruck, Sie haben bereits so vieles begonnen, an Ideen scheint es Ihnen nicht zu fehlen. Mir ist nicht klar, wie ich Sie unterstützen kann.«

»Sie haben recht, an Aktivitäten mangelte es mir noch nie.« Christina lachte, wurde aber gleich ernst. »Ich bin auf der Suche nach etwas Sinnvollem. Auch dazu habe ich schon Ideen. Ich wüsste einfach gern, ob meine Vorstellungen realistisch und das Richtige für mich sind.« Ziska sah etwas hilflos aus. »Ach, da ist noch etwas. Auf der Fahrt dachte ich darüber nach, dass ich gern ein wenig spontaner wäre. Damit habe ich schon immer Schwierigkeiten. Sagt auch meine Jüngste. Meinen Sie, da lässt sich noch was machen? Ich meine, in meinem Alter …«

Ziska lachte. »Eine schöne Idee, Spontanität nach Stundenplan zu lernen. Im Ernst: Natürlich können wir es versuchen. Ich lasse mir was einfallen.«

3

»Allein man muß sein Sinnen auf alle Jahreszeiten richten.«

Jean-Jacques Rousseau

Die Idee, das Sortiment des Hofladens zu inspizieren, gefiel Christina ausgesprochen gut. Zwar hatte sie sich für die ersten Tage etwas Proviant mitgebracht, aber sie hatte schließlich Urlaub. Sollte man da nicht alles ein wenig anders machen als zu Hause im Alltag? Das betraf auch das Essen, fand sie. Vielleicht würde sie etwas Typisches entdecken, etwas, das es nur hier gab. Das wäre eine nette Ergänzung für ihr Frühstück. Außerdem konnte sie sich bei der Gelegenheit gleich mal nach Kleinigkeiten für ihre Familie umsehen. Sie konnte es nicht leiden, sich auf den letzten Drücker um so etwas zu kümmern. Am Ende kaufte man nur irgendeinen Plunder, um nicht mit leeren Händen dazustehen.

Christina zog ihre Jacke an und setzte ihren kleinen Lederrucksack auf den Rücken. Hatte sie auch nichts vergessen? Unsinn. Was brauchte sie schon? Sie musste über sich selbst lächeln. Sie hatte bis zu Harrys Rente den Haushalt weitgehend allein geschmissen. Auch in ihrem Beruf war sie selbstständiges Arbeiten gewöhnt. Aber auf Reisen war ihr Mann eben immer an ihrer Seite gewesen. Sie hatte sich darauf verlassen können, dass er das Auto fuhr, alles einpackte, was nötig war, oder sie zumindest an dieses oder jenes erinnerte. Schon seltsam, wie sehr es sie verunsicherte, nun allein für alles zuständig zu sein. Gleichzeitig genoss sie es, dass es einmal nur nach ihr und um sie ging. Gerade hier und jetzt war es goldrichtig, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Sie atmete noch einmal tief durch und schloss die Tür ihrer Ferienwohnung hinter sich.

Von der Veranda aus ließ Christina den Blick über das Gelände schweifen. Am Vorabend hatte sie zwar schon eine grobe Vorstellung davon bekommen, dass es hier mehr gab als die Villa, allerdings konnte sie sich erst jetzt im hellen Licht des Tages einen Eindruck von sämtlichen Gebäuden verschaffen. Wann mochten die lang gezogenen Produktionshallen wohl gebaut worden sein? Direkt dahinter lag die Plantage und schien bis zum Horizont zu reichen. So viele Sanddornsträucher hatte Christina noch nie gesehen. Man fand sie auf Rügen überall, jedoch nicht in dieser Menge und schon gar nicht in Reih und Glied. Die Büsche mussten alle neu gepflanzt worden sein. Oder zumindest die meisten, einige mochten schon immer hier gestanden haben, schon damals. Sie betrachtete aus der Ferne die stacheligen, noch unbelaubten Zweige, an denen sich hier und da schon gelblich weiße Blüten zeigten, wenn sie sich nicht täuschte. Und ein Stück weiter, hinter dem Feld, spannte sich das Dunkelblau der Ostsee aus. Das konnte sie von hier zwar nicht sehen, aber sie wusste es. Ihr war sogar, als könnte sie das Meer riechen. Dorthin würde sie heute gehen.

Auf Christinas Rücken klingelte es. Harry! Eilig zerrte sie den Rucksack von ihren Schultern. Ein Ärmel blieb in einem der Riemen hängen. Sie streifte die Jacke ab und wühlte mit beiden Händen zwischen Portemonnaie, faltbarer Einkaufstasche, Schlüsseln, Lippenpflege und Feuchttüchern, bis sie endlich ihr Telefon zu fassen bekam.

»Harry?«

»Mahlzeit«, sagte er und schwieg. Nur kurz. »Ich wollte schon wieder auflegen, das hat ja ewig gedauert. Alles in Ordnung bei dir, bist du gut angekommen?«

»Ja, alles bestens.« Dass sie um ein Haar einen Fischotter auf dem Gewissen gehabt hätte, musste ihr Mann nicht wissen.

»Hättest dich ja mal melden können. Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Du sagst doch immer, keine Nachricht ist ein gutes Zeichen.«

»Das ist was anderes«, brummte er.

»Tut mir leid, hast ja recht. Ich wollte mich auch melden, aber gestern ist es spät geworden, und heute hatte ich gleich einen Termin.«

Das reichte ihrem Mann als Erklärung. So war er, mit Ärger oder schlechter Laune hielt er sich erfreulicherweise nie lange auf. Fröhlich sprudelte er los, wollte wissen, ob sie auch genug getrunken und seine Brote gegessen habe.

»Gefällt es dir denn, hast du ein schönes Zimmer?«

»Mehr als das, es ist ein geräumiges Appartement.«

»Wie war denn dein geheimnisvoller Termin, und was hast du heute noch Schönes vor?«

»Ich bin gerade auf dem Sprung«, erklärte sie ausweichend. Sie freute sich über sein Interesse und die geliebte vertraute Stimme. Kaum zu glauben, dass sie sich gestern Morgen erst voneinander verabschiedet hatten. Es kam ihr vor, als wäre es bereits Ewigkeiten her. Harry, die Kinder, ihr Reihenhaus, das Maschinenbauunternehmen, all das fühlte sich plötzlich an wie eine andere Welt. Ihre Welt. Aber nicht in den kommenden vierzehn Tagen. »Es ist alles in Ordnung, Harry, ich fühle mich pudelwohl. Noch ist es ein bisschen frisch, aber ab morgen sollen die Temperaturen in die Höhe klettern. Stell dir vor, gestern haben sie im Radio Schnee angekündigt. Aber keine Spur davon. Gott sei Dank!«

»Das hätte mich auch gewundert. Du bist zwar hoch im Norden, aber Schnee …? Der Frühling steht in den Startlöchern, das ist nicht zu übersehen. Herrlich, das ist doch wirklich die schönste Jahreszeit. Ich kann nicht verstehen, dass man Kies blühenden Krokussen vorzieht. Stell dir vor, Hartwichs wollen sich einen japanischen Steingarten anlegen. So ein Blödsinn! Na, denen habe ich meine Meinung gesagt.«

Das hätte Christina auch getan. Obwohl sie ihm komplett zustimmte, spürte sie einen Widerwillen in sich aufsteigen. Sie wollte einfach nichts von ihrer Magdeburger Nachbarschaft hören. Sie wollte mit Haut und Haaren an diesem einzigartigen Ort sein.

»Schatz, das Netz ist hier nicht besonders gut«, sagte sie schwach in seinen Redeschwall hinein.

»Warum musste es auch das Ende der Welt sein? In Binz oder Sellin hättest du die Probleme bestimmt nicht.«

»Ich empfinde das nicht als Problem. Schließlich habe ich Urlaub. Ich hatte nicht vor, mein Telefon dauernd eingeschaltet mit mir herumzuschleppen«, entgegnete sie etwas gereizter, als sie beabsichtigt hatte. »Schon gar nicht während der Coachingsitzungen«, erklärte sie lächelnd, »da hast du nämlich nichts zu suchen.«

»Du und dein Coaching.« Sie konnte ihn förmlich vor sich sehen, wie er den Kopf schüttelte. »Was machst du denn da genau? Also, ich würde ja nicht fragen …« Sie grinste. »… aber Onkel Kilo ruft schon dauernd an«, fuhr er fort.

»Tja, dann wird sich unser lieber Onkel Kilo gedulden müssen. Ich erzähle alles in Ruhe, wenn ich ein paar Stunden hatte. Oder zu Hause.«

»Alles klar! Dann genieße mal deine Auszeit.« Wenn er zunächst auch skeptisch auf ihren Plan reagiert hatte, dass sie allein verreisen und dann auch noch ein Coaching besuchen wollte, wusste sie doch, dass er ihr jede Minute hier von Herzen gönnte und ihr wirklich nur das Beste wünschte. Nach anfänglicher Irritation hatte er sie sogar den Töchtern gegenüber verteidigt.

»Eure Mutter war immer für uns da, sie hat sich Erholung von uns allen mehr als verdient!« Damit hatte er die Frotzeleien der Mädchen beendet.

»Hoffentlich siehst du auch etwas von der Insel und hockst nicht nur drinnen«, hörte sie ihn gerade sagen.

»Keine Sorge, ich bin schon draußen. Hörst du den Wind nicht?«

Sie stimmte Harry zu, dass es auch ohne Schnee eine gute Idee gewesen sei, ihre Daunenjacke mitzunehmen. Spätestens am Ostseestrand würden die Böen sie kräftig durchpusten. Der Gedanke brachte sie endgültig zurück ins Hier und Jetzt. Sie versprach, sich zwischendurch zu melden, dann verabschiedete sie sich von ihrem Mann. Er hatte schließlich recht, es sollte eine Auszeit von ihrem Alltag und ihrer Familie sein. Hier auf Rügen wollte Christina Gefühle zulassen, die sie ein Leben lang verdrängt hatte. Eine große Aufgabe.

Sie schlenderte ein wenig unentschlossen hinüber zu den Produktionshallen und spähte möglichst unauffällig hinein. Schien nicht viel los zu sein.

»Hallo, Frau Reeber.« Sie fuhr erschrocken herum. Vor ihr stand der Mann, der sich am Vorabend um die Zwillinge gekümmert hatte. »Ich bin Niklas.« Er reichte ihr die Hand. »Die beiden Quälgeister haben Sie ja schon kennengelernt.« Er deutete kurz zu einem kleinen hübschen Haus. Davor hockten Jockel und Felix im Gras und versuchten anscheinend, sich gegenseitig die Schnürsenkel aufzuziehen. »Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie haben sich gut eingelebt.« Er lächelte sie freundlich an.

»Danke, ja, das habe ich. Und die Quälgeister, wie Sie sie nennen, sind tolle Jungs, wie mir scheint. Ich wollte mich gerade ein bisschen auf dem Grundstück umsehen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?«

»Überhaupt nicht. Allerdings ist in der Produktion momentan nicht viel los, da gibt es also nichts Spannendes zu sehen. Erntezeit ist erst im Herbst, dann geht’s hier rund.« Er verzog das Gesicht. »Bis dahin verarbeiten wir die eingefrorenen oder getrockneten Früchte aus dem letzten Jahr, aber hauptsächlich kümmern wir uns um den Versand. Ich empfehle Ihnen den Hofladen, der dürfte momentan die interessantere Anlaufstelle sein.«

»Da wollte ich gleich hin.« Einen Moment standen sie beide da und sahen sich an. Wahrscheinlich hatte Niklas jede Menge zu tun und würde sich gleich verabschieden. »Sagen Sie, seit wann gibt es diese Hallen?«, fragte sie daher schnell.

»Puh, da muss ich nachdenken, das wollte bisher noch niemand wissen.« Er runzelte die Stirn. »Die erste haben wir 2008 gebaut, die zweite drei Jahre später. Glaube ich. Mit Jahreszahlen habe ich es nicht so.« Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. »Hätte ich meine Frau damals schon gekannt, hätte ich gleich eine dritte Halle gebaut. Ihre Vermarktungsideen haben den Umsatz ganz schön angekurbelt. Zum Glück hat sie ihren alten Beruf nicht aufgegeben, und die Jungs beschäftigen sie außerdem. Wenn sie sich komplett auf die Werbung für Rügorange gestürzt hätte, müssten wir inzwischen wahrscheinlich überall drei Etagen aufstocken.« Wieder lachte er. »Ich fahre jetzt nach Bergen, aber ich verspreche Ihnen, dass wir später eine kleine Führung machen, wenn es Sie interessiert. Sie können gern einen Blick auf die Herstellung unserer Konfitüren, Schnäpse und Tees werfen. Und da wäre noch unsere Kosmetiklinie. Ist nicht sehr viel, aber es geht schließlich nicht um Quantität, sondern um Qualität. Davon können Sie sich selbstverständlich überzeugen«, kündigte er an. Christina nickte begeistert. »Ich muss Sie jedoch warnen, Sie müssen einen Kittel und eine Haube tragen, unter der Ihre Haare verschwinden. Für einige Frauen ist das ein Grund, auf eine Führung zu verzichten.«

»Ach was, das kenne ich vom Mostrich«, gab sie fröhlich zurück. Er stutzte. »Senf! Ich habe zwar nicht in der Produktionshalle gearbeitet, hatte dort aber immer mal etwas zu tun.«

»Verstehe. Also dann bis später!« Er drehte sich um und rief: »Los geht’s, Jungs! Ich kann keine Turnschuhe für euch anprobieren, das müsst ihr schon selbst machen.«

Die beiden kamen angeflitzt. Jockel hatte einen offenen Schnürsenkel.

»Weißt du, was mein Lieblingstier ist?«, wollte Felix von Christina wissen, der mit einem Schlusssprung direkt vor ihren Füßen gelandet war. Ehe sie antworten konnte, platzte er schon heraus: »Ein Faulbär.«

»Aha? Was soll das sein?«

Seine Augen weiteten sich ungläubig.

»Du kennst keine Faulbären? Die sind schwarz und weiß und schlafen auf Bäumen. Den ganzen Tag schlafen die.«

»Ach so.« Christina strich ihm über den Kopf. »Kann es sein, dass du mal eben aus zwei Tieren eins gemacht hast?« Er sah sie noch immer verständnislos an. »Gut, dass du nicht noch ein Stinktier mit hineingekreuzt hast«, sagte sie leise.

Felix schien noch immer nicht recht zu wissen, was er von ihrer Bemerkung halten sollte. Jockel dagegen kiekste vor Vergnügen.

»Stinktier, Stinktier, Stinktier«, rief er. Sofort stimmte Felix ein, und die beiden hüpften im Kreis.

Nik seufzte, zwinkerte Christina zu und machte sich auf den Weg zum Auto.

»Alle Stinktiere einsteigen! Wer nicht bei drei hier ist, kriegt keine neuen Schuhe.«

 

Der Hofladen gefiel Christina auf Anhieb. Das Backsteingebäude wirkte gemütlich und einladend. Obwohl es draußen noch recht frisch war, stand die Tür offen. So wurde sie beim Näherkommen zwangsläufig Zeugin, wie drinnen eine Frau heftig flirtete, vermutlich am Telefon. Christina musste schmunzeln, denn immer wieder wurden leise Töne durch ein geradezu wieherndes Lachen abgelöst. Wenn die Dame richtig in Fahrt war, blieb wahrscheinlich kein Auge trocken. Christina trat ein, und sofort beendete die Frau ihr Gespräch. Das Haar stand ihr wild vom Kopf ab, nur mäßig von einem gelben Tuch gebändigt, das mit dem Strahlen im Gesicht der Trägerin um die Wette leuchtete.

Sie lehnte entspannt am Verkaufstresen und wandte sich Christina zu: »Herzlich willkommen!«

»Danke. Ich bin …«

»Du bist Christina«, fiel ihr die Frau ins Wort und tat im nächsten Augenblick so, als hätte sie eine offizielle Durchsage zu machen: »Achtung, Achtung, hier kennt jeder jeden! Ich bin Gesa, moin!«, sagte sie dann wieder in einem ganz natürlichen Ton.

»Hallo! Schön, Sie kennenzulernen.« Christina lächelte.

»Okay, Lektion Nummer zwei: Die meisten duzen sich hier. Du musst natürlich nicht … ich meine, Sie müssen nicht, wenn Sie das nicht so mögen.«

Tatsächlich tat sich Christina schwer damit, fremde Menschen einfach mit Du anzusprechen, wahrscheinlich weil sie es nicht gewohnt war. Doch diesem sympathisch-verschmitzten Gesichtsausdruck konnte sie nicht widerstehen.

»Klar, das ist völlig in Ordnung.«

»Fein. Und wo wir schon mal dabei sind: ›Moin‹ sagen wir waschechten Insulaner eigentlich nicht. Ist mit Gästen aus Hamburg eingewandert. Ich mag’s.« Sie hob kurz die Schultern und lachte gleich wieder los. Ihre gute Laune war definitiv ansteckend.

»Ich bin auf der Suche nach Mitbringseln und nach etwas Besonderem für mein Frühstück. Bestimmt hast du eine Empfehlung für mich, oder?«

»Logisch! Aber mach dich drauf gefasst, dass es mit Sanddorn zu tun haben wird.« Ein erneutes Wiehern. »Es sei denn, du brauchst ein Regencape, Zahnpasta oder Shampoo, das gibt’s auch in anderen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen. Wobei … das gibt’s auch mit Sanddorn«, erklärte sie und sah aus, als würde die Erkenntnis sie selbst ein wenig überraschen. »Nur das Regencape nicht!«

Gesa baute eine Reihe von Gläsern mit Konfitüren und Gelees auf dem Tresen auf, drehte die kunstvoll gestalteten Etiketten in Christinas Blickrichtung und trat feierlich einen Schritt zurück.

»Tataa! Unsere neue Kollektion: Sanddorn mit Quitte oder hier mit Acerolabeeren für den totalen Vitamin-C-Flash.« Sie legte immer zwei Finger auf den Deckel eines Gläschens. »Diese enthält Nüsse, nicht ganz mein Fall, aber Eichhörnchen würden sie lieben.« Sie kicherte und meinte lässig: »Geschmäcker sind eben verschieden. Drüben stehen noch die klassischen Sorten: pur, aber natürlich gesüßt, die Variante mit Vanille und eine mit Birne.«

»Quitte probiere ich gern. Ansonsten tendiere ich eher zu klassisch als zur Eichhörnchensorte.«

Christina wandte sich dem Regal zu, auf das Gesa gedeutet hatte. Sah alles wirklich sehr verlockend aus. Sie wollte sich die Zutaten näher ansehen, ehe sie ihre Entscheidung traf. Nicht dass sie ihrem Appetit und der hübschen Aufmachung nachgab und am Ende zu viel kaufte. Mehr als einen Aufstrich würde sie im Urlaub nicht probieren können, falls sie nicht morgens, mittags und abends Brot essen wollte. Sie trat noch einen Schritt näher und blieb wie angewurzelt stehen.

»Was ist denn jetzt los?«, fragte Gesa besorgt. »Hast du einen Hexenschuss?« Sie lachte nicht einmal.

»Nein, nein, alles in Ordnung.«

»Na, du kannst einem vielleicht einen Schreck einjagen.«

Was sollte Christina erst sagen? Na gut, einen Schreck hatte ihr das Bild nicht gerade eingejagt, das über einem der Regale an der Wand hing, es hatte sie eher elektrisiert.

»Du kannst alle Sorten probieren«, bot Gesa an und klang noch immer leicht verunsichert.

»Das ist die Villa, richtig? Von wann ist das Foto?«

»Alle Achtung, dass du das Haus gleich erkannt hast! Sieht da noch ’n büschen anders aus, finde ich. Aber von wann das ist?« Sie pustete sich eine Strähne aus der Stirn. »Keine Ahnung. Ziska und Nik haben ein paar Schwarz-Weiß-Bilder in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden. Zusammen mit jeder Menge altem Zeugs. Da war die Aufnahme auch dabei.«

Das Kribbeln, das Christina bei dem Anblick erfasst hatte, verstärkte sich. Altes Zeugs!

»Interessant«, sagte sie langsam. »Anscheinend waren die Sanddornsträucher noch nicht gepflanzt, als das Foto gemacht worden ist. Zumindest nicht so viele. Könnte aber auch an der Perspektive liegen.« Christina konnte ihren Blick gar nicht mehr von dem Bild lösen. Sie hatte eine Gänsehaut und fühlte gleichzeitig eine wohlige Wärme, die sie vollständig auszufüllen schien.

»Nein, das stimmt. Nik hat die Sträucher alle gesetzt, nachdem er das Gelände übernommen hat.«

»Warum hat er das Grundstück überhaupt gekauft?«

Gesa zuckte mit den Schultern. »Er hat mir mal erzählt, dass es schon ein paar wilde Büsche gab. Die haben ihn wohl auf die Idee gebracht, hier eine richtige Plantage anzulegen.« Etwas in ihrer Miene sagte Christina, dass sie zu weit gegangen war mit ihrer Fragerei.

»Geht mich auch nichts an. Ich dachte nur … Ist die einzige Sanddornfarm auf der Insel, soweit ich weiß. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen.«

»Männer! Wer weiß schon, was in deren Köpfen los ist.« Gesa lächelte jetzt wieder offen und freundlich. »Nik hat mal von einer kleinen Pension oder so gesprochen. Vielleicht war das seine erste Idee. Ist naheliegend auf Rügen.« Sie sah auf die Uhr. »Christina, ich würde supergerne noch mit dir plaudern, aber ich habe ein Date zum Mittag.« Sie strahlte. »Das möchte ich nicht verpassen, und ich will auf keinen Fall zu spät kommen. Möchtest du was mitnehmen oder lieber noch mal überlegen? Ich würde sonst gern abschließen.« Sie guckte ein bisschen zerknirscht.

»Dann nehme ich jetzt ein Päckchen Sanddorntee und ein Glas von der neuen Quittengeleesorte, und wir sind quitt«, scherzte Christina.

»Der war gut.« Schallendes Lachen von Gesa, das allerdings sofort wieder abbrach. »Bezahlen müsstest du schon, fürchte ich. Kannst aber auch aufs Zimmer schreiben«, erklärte sie.

Christina bezahlte bar. Eine Minute später verließen die beiden gleichzeitig den Laden. Gesa schloss ab und drehte das Schild an der Tür um. Mittagspause stand da in orange leuchtenden Buchstaben. Mit einem Satz war sie auf ihrem Rad, klingelte kräftig, hob die Hand zum Gruß und verschwand über den Sandweg, eine stattliche Staubwolke zurücklassend.

 

Der Wind vertrieb den sandigen Nebel schnell und brachte dafür eine Portion frischer Ostseeluft mit. Christina atmete tief ein. Sie wollte heute noch ans Meer! Eine Böe ließ sie frösteln, und sie zog ihre Jacke fester um sich. Ob sie für einen Ausflug ans Steilufer warm genug angezogen war? Erfahrungsgemäß pustete es dort noch kräftiger. Unentschlossen blieb sie einen Moment auf dem Hof stehen und blickte zur Villa. Sofort tauchte die alte Aufnahme wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Sie ging zurück in ihre Ferienwohnung. Wenn sie schon einmal da war, konnte sie auch eine Kleinigkeit essen. Sonst knurrte ihr Magen, kaum dass sie sich auf den Weg gemacht hatte. Sie rührte einen Löffel Sanddorn-Quitten-Marmelade in einen Joghurt, den sie von zu Hause mitgebracht hatte. Köstlich! Die würde Harry auch schmecken. Davon würde sie noch mindestens ein Glas kaufen. Harry. Kaum dachte sie an ihren Mann, fiel ihr ein, was er jetzt tun würde: Mittagsschlaf. Harry war gewissermaßen Weltmeister in dieser Disziplin.

»Ich werde nie verstehen, wie du dir diesen Genuss entgehen lassen kannst«, pflegte er zu sagen, ehe er sich auf dem Sofa ausstreckte. Für Christina war das nichts, es sei denn, sie war krank. Doch auf einmal fand sie die Vorstellung recht charmant. Gehörte es nicht zu einer Auszeit dazu, sich mehr Ruhe zu gönnen als gewöhnlich? Sie lächelte über sich selbst, während sie aus ihren Sachen schlüpfte, unter die Decke kroch und die Augen schloss. Harry begann meist innerhalb einer Minute leise zu schnarchen, sie dagegen drehte sich von einer Seite auf die andere und gleich darauf wieder zurück. So eine blödsinnige Idee, sie war überhaupt nicht müde! Mitten am Tag im Bett liegen, wo gab es denn so was? Ihre Gedanken wanderten erneut zu dem Foto im Hofladen. Jedes Detail rief sie sich in Erinnerung … und schlief darüber ein.

Ein Spätsommertag wie im Bilderbuch. Flirrende Hitze, die Luft steht. Alles wirkt reglos, matt, nur selten bewegt sich das eine oder andere Blättchen an einem der Bäume. Selbst die vier Hühner bleiben an einer Stelle stehen und picken apathisch auf dem Boden herum. Ein paar Meter weiter das glatte Gegenteil. Der drückenden Wärme zum Trotz werfen sich auf dem großen Hof fünf Kinder einen Ball zu. Ein Knirps ist bestimmt noch nicht einmal fünf Jahre alt, ein Mädchen scheint älter zu sein, es geht sicher längst zur Schule. Auch die anderen sind älter. Alle springen hoch, lachen, jagen dem Ball hinterher, wenn er zu weit fliegt.

Nur ein Mädchen von etwa zwölf Jahren steht abseits und betrachtet ernst das Spiel. Plötzlich erscheint eine Frau auf dem Hof. Sie trägt eine Küchenschürze und wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. Die Frau geht zu dem Mädchen.