12,99 €
Eine Hommage an den Hexer Hexer Geralt hat nicht nur ein weltbekanntes Computerspiel und eine Netflix-Serie inspiriert, sondern auch 11 polnische Autorinnen und Autoren zu eigenen Geschichten. Sie haben den Hexer-Kosmos weitergedacht und weitererzählt. »Es gibt nur einen Hexer. Sein Schöpfer ist Andrzej Sapkowski. Wir wollen ihn nicht ersetzen, sondern ihm huldigen. Am besten tun wir das durch eigenes Schöpfertum. Im vorliegenden Buch werden Sie Geralts, Rittersporne, Lamberts, Coëns und die Yennefer von der Anthologie finden. Sie alle sind, wenn auch keine Kinder Andrzej Sapkowkis, so doch mit seinem Werk im Sinn erschaffen.« (Aus dem Vorwort)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2022
Danuta Górska / Mirosław Kowalski / Marcin Zwierzchowski
Das Erbe des Weißen Wolfs
Magische Geschichten aus der Welt des Hexers
Herausgegeben vonDanuta Górska, Mirosław Kowalskiund Marcin ZwierzchowskiMit einem Geleitwortvon Andrzej SapkowskiAus dem Polnischenvon Erik Simon
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Andrzej Sapkowski
Nun ja. Dreißig Jahre.
Hexer für dreitausend Orons zu mieten.
Als er in Wyzima auftauchte, in der Schenke »Zum Fuchs«, war er schon kein junger Spund mehr. Weiß gewordene Haare, eine Narbe im Gesicht und dieses charakteristische widerwärtige Lächeln.
Er begann auf dem hohen C: drei Ganoven, dann eine Striege und weitere Geschöpfe – menschliche wie nichtmenschliche –, die nicht geeignet waren, in der Welt zu leben, die uns gegeben ist. Danach aber ging der Weiße Wolf seinen eigenen Weg. Einen dornigen Weg, würde ich sagen, aber aus Fehlern lernt man ja.
Irgendwo in der Ferne winkt mir bedeutungsvoll Hollywood, aber zunächst wollen wir uns an dem erfreuen, was der Hexer-Wettbewerb der Zeitschrift »Nowa Fantastyka« und des Verlages superNOWA erbracht hat: elf Erzählungen, die von den Schicksalen Geralts wie auch seiner Freundinnen und Kumpel inspiriert sind. Ich habe sie aufmerksam gelesen, ohne mich einzumischen. Unter den Teilnehmern des Wettbewerbs zum »Dreißigsten« des Hexers sind sehr talentierte Leute. Bald werden sie ihre eigenen Welten erschaffen oder bestehende verneinen. Behalten wir sie im Auge!
Marcin Zwierzchowski
Als ich vor einiger Zeit Andrzej Sapkowski am Rande eines Interviews danach fragte, sagte er: »Es gibt nur einen Original-Hexer. Das ist meiner. Und nichts wird ihn mir wegnehmen.« Da hatte er natürlich recht, denn was auch geschieht, Geralt bleibt sein Geschöpf, untrennbar von den seinerzeit in der polnischen Zeitschrift »Fantastyka« (jetzt »Nowa Fantastyka«) gedruckten Erzählungen, die später in Das Schwert der Vorsehung und in den Letzten Wunsch eingingen, sowie von den fünf Romanen, die »Die Saga vom Hexer« bilden. Unlängst hat sich uns einigermaßen unerwartet noch die Zeit des Sturms offenbart, und damit ist der Kanon – um auf die für die Welt der »Star Wars« geläufige Terminologie zurückzugreifen – bis auf weiteres abgeschlossen.
Der Weiße Wolf jedoch blickt schon auf eine über dreißigjährige Geschichte zurück, gerechnet von seinem Debüt in der »Fantastyka« (mit der Erzählung »Der Hexer« in Nr. 12/1986), und im Laufe seines abenteuerreichen Lebens hat er es vielleicht nicht nur zu Kindern gebracht, sondern auch zu … fernerer Verwandtschaft. Und so kennen wir außer Geralt von Riva auch den Geralt vom Polnischen Comic (präsentiert von Polch i Parowski in den Jahren 1993–95), den Geralt vom Computerspiel, den Geralt vom Polnischen Film und der Fernsehserie (2001), den Geralt vom Amerikanischen Comic und sogar den Geralt von Groß Kiew nebst etlichen anderen Geralts, mit denen Andrzej Sapkowski jenseits der polnischen Ostgrenze Tribut gezollt wurde. Mittlerweile haben wir schließlich einen Geralt vom Musical bekommen, dazu natürlich den Geralt aus dem Geschlecht derer von Netflix.
Im vorliegenden Buch werden Sie Geralts, Rittersporne, Lamberts, Coëns und Yennefers von der Anthologie finden.
Sie alle sind, wiewohl keine Kinder Andrzej Sapkowskis, auf die eine oder andere Weise mit ihm im Sinn gezeugt. Der lebensspendende Funke war hier das, was Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Generationen in den Geschichten vom Hexer gefunden haben und immer noch finden.
In der Welt von heute ist die Inspiration indes das Maß für die Größe eines Werkes der populären Kultur. Betrachten Sie Superman, Micky Maus, Hellboy, Xenomorph, King Kong oder Dracula – jede dieser Kultgestalten hat ihren Schöpfer oder ihre Schöpferin, jede von ihnen ist vor vielen Jahre in einem nun schon klassischen Werk zum Leben erwacht, jeder dieser Helden verdankt sein Fortleben in großem Maße dem Umstand, dass er als ungewöhnlich starkes Geschöpf mit seiner Geschichte andere mitgerissen hat, über das Original hinausgewachsen ist und in weiteren Inkarnationen neues Leben gefunden hat. Beispielsweise wird Bram Stokers Dracula heute nur noch von Liebhabern von Gothic-Schmarren gelesen, zugleich aber kommt der Graf selbst immer und immer in den unterschiedlichsten Verkörperungen wieder – wie es sich für einen wahren Unsterblichen gehört.
In Mode gekommen sind sogenannte Universen. Denn die Populärkultur besteht ja heute aus vielen Medien, und sie alle brauchen einfach gute Geschichten und Helden, deren Schicksal dem Publikum wirklich nahegeht. Darum ist Harry Potter, obwohl er aus Büchern hervorgegangen ist, schon größer als das Original aus Rowlings Feder, Batman wiederum hatte so viele Verkörperungen, dass man sie kaum zählen kann – heute, an die achtzig Jahre nach dem Debüt auf den Seiten des Comics, inspiriert der Dark Knight immer noch und kehrt in immer neuen Geschichten wieder, dank ihnen wahrlich unsterblich.
Geralt von Riva ist dagegen der einzige »Pole«, der einen ähnlichen Weg der Größe in der Populärkultur eingeschlagen hat.
Die neuen Reinkarnationen des Weißen Wolfs bezeugen also seine Größe. Diese Anthologie bezeugt sie. Man muss nur bemerken, wie verschieden die hier versammelten Texte sind, auf welch unterschiedliche Weise sie aus Andrzej Sapkowskis Œuvre geschöpft haben; man wundert sich vielleicht, dass etwa »Die Ballade vom Blümchen« und »Zähne und Klauen« von ein und demselben Werk inspiriert sind. Das beweist den Reichtum der Welt, die Vielfalt der Helden und Heldinnen der »Saga« – derart interessante Gestalten, dass immerzu jemand die nächste Geschichte von ihnen erzählen will.
Denn die größte Überraschung des von der »Nowa Fantastyka« organisierten Erzählungswettbewerbs, aus dem die vorliegende Anthologie hervorgegangen ist, war der Umstand, dass keineswegs Geralt selbst brillierte, sondern die Teilnehmer auf ganz verschiedene Elemente aus Andrzej Sapkowskis Welt rekurrierten und die unterschiedlichsten Sujets entwarfen. Ich weiß noch, wie ich wieder einen Text las, immer noch auf den Weißen Wolf wartete und befürchtete, alle würden auftreten, nur er nicht, dass vielleicht die Autorinnen und Autoren sich vor dieser Ikone fürchteten und sich vorsorglich andere Pfade suchten.
Natürlich wurde mein Warten dann doch noch belohnt. Und just die Geschichte von einem neuen Abenteuer Geralts und Rittersporns, Piotr Jedlińskis »Die Grenze der Wunder«, gewann den Wettbewerb der »Nowa Fantastyka«.
Dabei erwies sich die Wahl, obwohl sie einstimmig erfolgte, keineswegs als leicht. Denn der Wettbewerb hat auch gezeigt, dass viele Autorinnen und Autoren, auf Sapkowskis Schultern stehend, Anspruch auf Größe erheben können. Ich habe lange überlegt, warum dieser Wettbewerb so erfolgreich war, warum wir fast dreißig Erzählungen in die engere Wahl nehmen konnten, warum wir ohne Schwierigkeiten diese Anthologie mit elf davon füllen konnten – denn es hätte doch schlechter, das Niveau niedriger sein müssen, wir hätten froh sein müssen, wenn wir ein paar zum Druck geeignete Texte fanden. Aber gleich so viele? Ausgeschlossen.
Aber wahr.
Die verschiedenen Verfasser haben verschiedene Pfade eingeschlagen. Jacek Wróbel zeigt uns in »Zähne und Klauen« eine bekannte Geschichte aus anderer Perspektive, Barbara Szeląg wiederholt in »Nicht meinerseits« fast wie ein Echo »Ein kleines Opfer«, dagegen hat der erwähnte Jedliński in der »Grenze der Wunder« den Geist des Originals so treffend wiedergegeben, dass er uns für einen Moment glauben machen konnte, wir läsen etwas Neues von Sapkowski selbst. Zugleich gibt es auch Texte, die sich vom ursprünglichen Hexer nur abstoßen, die Helden oder in der »Saga« erzählten Geschichten sind nur Ausgangspunkte für eine völlig neue Qualität – ich nenne abermals die dreist originelle und mutige »Ballade …«, füge noch Guls »Eine Lektion in Einsamkeit« hinzu, die in der Aussage den Geist Sapkowskis atmet, davon abgesehen aber abseits steht, wie auch Sobiesław Kolanowskis »Ironie des Schicksals« und »Das Mädchen, das niemals weinte« von Andrzej W. Sawicki, der uns Juroren von anderen Publikationen her wohlbekannt war und uns überlistete, indem er unter einem weiblichen Pseudonym auftrat. Die beiden Letzteren haben sich ausgiebig aus dem Bestiarium bedient, folgen aber im Übrigen Sapkowski nicht.
Wenn man indes in all diesen Erzählungen das Gemeinsame sucht, so ist es der tiefe Humanismus der Geschichten. Gleich, ob sie von Hexern, Elfen, Mantikoras, Waldschraten oder Kraken erzählen, so handeln sie doch in erster Linie von Menschen, von mehr oder weniger edlen Gefühlen – und das alles haben wir in der Fantasy von Andrej Sapkowski gelernt, er hat uns gezeigt, dass nicht der Drache oder der Monsterjäger die Stärke einer Geschichte ausmacht, sondern die Wahrheit, durch die sie allgemeingültig wird. Am deutlichsten sieht man dieses Erbe in der »Skala der Pflichten«, ebenso in dem bitteren »Nicht meinerseits« wie auch in der »Ironie des Schicksals« – nehmen Sie die Ungeheuer, Ritter, Könige weg, und es bleibt das, was uns allen etwas sagt.
Ich will nicht behaupten, dass irgendjemand von den Autorinnen und Autoren, deren Erzählungen Sie in der Anthologie finden, die Kraft der Originalerzählungen Andrzej Sapkowskis erreicht hat. Das war eine nicht zu lösende Ausgabe, und ich war mir dessen durchaus bewusst, als ich in der Redaktion der »Nowa Fantastyka« den Gedanken solch eines Wettbewerbs aufbrachte – als Redakteur der Abteilung für ausländische Prosa habe ich Tausende von Erzählungen gelesen, darunter von den größten Meistern wie Joe Haldeman, Neil Gaiman, Philip K. Dick oder Ursula K. Le Guin, zur Veröffentlichung habe ich schon an die dreihundert davon ausgewählt – und ich kann an den Fingern einer Hand jene abzählen, die ich ohne zu zögern solch einem Meisterwerk der kurzen Form wie »Ein kleines Opfer« zur Seite stellen würde.
Denn es gibt nur einen Hexer. Sein Schöpfer ist Andrzej Sapkowski. Wir aber wollen ihn nicht ersetzen, sondern ihm huldigen. Am besten tun wir das durch eigenes Schöpfertum.
Piotr Jedliński
Der Hexer hielt das Pferd auf dem Gipfel der Anhöhe an und beugte sich im Sattel vor. Vor sich hatte er die Landschaft des grünen Tals von Wunderau. Er ergötzte jedoch weniger die Augen an diesem Anblick, als dass er die Ohren spitzte.
»Seltsam«, sagte er schließlich.
Denn es war ja auch seltsam, dass er mit all den geschärften Hexersinnen schon seit zwei Tagen keine Vögel hörte.
Im Tal hatte sich der Frühling eingerichtet. Die Heide und die durch sie mäandernde Landstraße waren voller Leben. Pferde wieherten, Insekten summten, die Menschen, die nach Wunderau unterwegs waren, schrien, plapperten und sangen, nur die Vogelwelt schwieg beharrlich.
»Seltsam«, wiederholte Geralt eine halbe Stunde später, als er auf einer kleinen Lichtung Halt machte, um das Pferd weiden zu lassen. Er saß auf einem umgestürzten Baumstamm und beobachtete ein wahrlich kurioses Spektakel.
Nahebei, inmitten der Büschel saftig grünen Grases, stolzierten tatsächlich drei Vögel mit dunkelbraunem Gefieder. Man hätte meinen können, das sei nichts Ungewöhnliches, es waren jedoch keine flugunfähigen Vögel, sondern eine kleine Schar von Mäusebussarden. Geralt wusste, dass dieses Tal am Arsch der Welt lag, aber in einer derart hinterwäldlerischen Gegend hätte er eher den sprichwörtlichen Hund erwartet, der mit dem Hintern bellt, als einen Raubvogel, der so tut, als wäre er ein Fasan. Neugierig geworden, beobachtete der Hexer sie eine Weile. Das Medaillon zitterte nicht, zeigte nicht an, dass Magie im Spiel war. Und viel eher als an irgendeinen Zauber ließ das Verhalten der Vögel an Angst denken. Wovor sie sich fürchteten und warum sich diese Furcht nicht auf andere Tiere ausdehnte, blieb Geralt schleierhaft.
Das dritte Seltsame ließ nicht auf sich warten – als er durchs Dickicht ritt, auf das Dörfchen im Herzen des Tals zu, stieß Geralt auf ein belebtes Gebüsch.
Die direkt am Straßenrand wachsenden Sträucher begannen zu wackeln, zu husten, zu fluchen, zu murmeln, und heraus trat ein Mann. Aus dem schiefen pflaumenblauen Hütchen ragte eine Reiherfeder empor, an dem blauen Wams fehlte einer der Pluderärmel.
Gerade dies nun hielt der Hexer nicht für ein erstaunliches Zusammentreffen. Er war schon seit Jahren überzeugt, dass die Welt ein Dorf war.
»Geralt!«, rief der ramponierte Mann, der sich schon das Laub abgeklopft hatte. »Das hatte ich mir gedacht, dass auch dich die Wundermesse anziehen wird!«
»He, Rittersporn. Das hatte ich mir gedacht, dass du, noch ehe die Messe selbst begonnen hat, es fertigbringst, dich bei jemandem unbeliebt zu machen.«
»Ach, was soll’s.« Der Dichter winkte mit der ärmellosen Hand ab. »Bis nach Wunderau selbst bin ich nicht gekommen, ich habe mich im Nachbardörfchen vertrödelt. Aber die Einheimischen sind eben Einheimische. Finsteres Volk, keine Ahnung von Poesie, von Manieren erst recht nicht.«
»Soll ich fragen?«
»Was willst du andeuten, Geralt? Ich habe nichts Unrechtes gemacht, bin gar nicht dazu gekommen. Es war so, dass ich, weißt du, Jagd auf Nixen gemacht habe …«
»Auf Nixen? Soviel ich weiß, hat es hier trotz des Flusses niemals Nixen gegeben …«
»Ach, Geralt, du bist fad. Nenn ein Mädel Nixe, und du brauchst nicht einmal mehr einen Fluss! Dummerweise sind die Familien hier verdammt kinderreich, und auf ein Fräulein kommen drei Brüder. Und alle schrecklich streitsüchtig. Die haben mich erwischt, es kam zu einer Rauferei …«
»Von wegen. Eine Rauferei hätte dich mehr gekostet als einen abgerissenen Ärmel.«
»Na schön, wie du willst. Es kam zu einem Gezerre. Ich bin ihnen entkommen.«
»Durch welches Wunder, wenn man fragen darf?«
»Durch Schnelligkeit. Stracks geradeaus, ohne mich umzublicken. Ich habe Übung.«
Daran zweifelte Geralt nicht. Es war in den Nördlichen Königreichen allgemein bekannt, dass neun von zehn wandernden Dichtern erfolglose Nichtskönner waren, die nur auf den Beifall vom weiblichen Teil des Publikums zählten. Rittersporn gehörte zu der tatsächlich talentierten Minderheit, was ihm bei der gewohnheitsmäßigen Schürzenjagd nur zupasskam. Und damit zusammen hingen Fertigkeiten auf dem Gebiet blitzartiger Evakuierungen.
»Also, Geralt! Was schaust du so? Nun lass mich schon mit aufs Pferd …«
»Wenn du wieder in jene Gegend willst, dann rechne nicht damit, dass ich dich beschütze.«
»Ich verlange ja nicht, dass du den Dorftrotteln die Fresse polierst. Es wird genügen, dass du scheel blickst, lächelst, wie du es zu tun pflegst, und gleich haben sie was mehr in der Hose. Ich werde dich doch wohl um so ein kleines Opfer bitten dürfen?«
Geralt seufzte. Der Dichter aber grinste und nahm das als Kapitulation, und das war es im Grunde ja auch.
»Du willst also auch nach Wunderau, auf die Messe. Kaufst du etwas, Geralt? Oder verkaufst du?«
»Ich habe nichts zu verkaufen.«
»Na, und deine Dienste? Dort gibt es immer massenhaft Leute, die unter irgendwelchen Flüchen, Zaubersprüchen und allen möglichen Monstern leiden. Solche können einen Hexer gut gebrauchen.«
»Du willst andeuten, dass sie mich für noch so einen Sonderling halten werden? Hast du dich selber schon mal angeschaut?«
»Heute nervst du entsetzlich«, erboste sich Rittersporn, unternahm aber sogleich einen aussichtslosen Versuch, seine Kleidung glattzustreichen. Das ließ ihn für eine Weile verstummen.
Sie ritten einen gewundenen Pfad durch Jungholz entlang, durch die erhitzte Luft und das Gemisch von Waldaromen, und in der plötzlich eingetretenen Stille fühlte Geralt wieder einen Stich von Unruhe.
»Du nervst«, wiederholte der Dichter. »Dagegen weiß ich Abhilfe. Stell dir vor, nach Wunderau war ich zusammen mit einer Schar Zwerge unterwegs. Ich habe ein wenig mitgehört, ein paar Ausdrücke aufgeschnappt, und wie ich so im Gebüsch sitze, um mich vor den Tobsüchtigen zu verstecken, habe ich sie schöpferisch verarbeitet. Ich habe jetzt ein Couplet bei der Hand …«
»Hörst du?«
»Was? Nichts hör ich.«
»Eben.«
»Mach mir keine Angst, Geralt! Hast du etwas gespürt?«
»Du hast ein musikalisches Gehör. In der Gegend bist du seit gestern. Und du hast nichts Außergewöhnliches bemerkt?«
»Wir sind im Tal von Wunderau, hier gibt es jede Menge Wunder-Auen …«
»Nein, nein. Hör. Jetzt.«
Rittersporn drehte den Kopf hin und her, runzelte die Stirn, zuckte mit den Schultern. Doch er überraschte Geralt mit der beiläufigen Bemerkung: »Du meinst die Vögel? Ha, du kränkst mich, Hexer. Dieses Phänomen ist mir sofort aufgefallen, kaum dass ich mit den Zwergen über die Anhöhen war und in den Wald kam.«
»Und?«
»Und was?«
»Es hat sich sonst niemand drüber gewundert?«
»Mag sein. Aber andere Angelegenheiten haben meine Zeit in Anspruch genommen, die, wie ich bemerken möchte, durchaus wertvoll ist.«
»Und das Schweigen der Vögel ist kein gutes Thema für eine Ballade?«
»Der Ignorant ist leicht zu erkennen! Niemals, Geralt, wirst du mit deinem zynischen Verstand die Poesie erfassen. Balladen, merke wohl, werden nicht über ungewöhnliche Dinge geschrieben, sondern über banale. Die Kunst besteht darin, ihnen die Banalität zu nehmen. Das Triviale wird ins Exotische gewendet, das Hässliche ins Schöne, Lüge in Wahrheit …«
»Wirklich, du hast recht.«
»Es sind eigentlich nicht meine Worte. Ich habe zitiert.«
»Du hast recht, dass ich diese deine Poesie nie verstehen werde.«
Das Dorf rochen sie, noch ehe sie es sahen.
»Der Schlag soll die neu Zugezogenen und die Ausländer treffen. Riech nur!«, stöhnte Rittersporn. »Es stinkt, als ob hier an die zwei Divisionen stationiert wären!«
Ausnahmsweise übertrieb der Barde nicht. Der feuchte Wald atmete ihnen eine Woge von Gestank entgegen, der einem den Atem benahm und in der schweren, feuchten Luft besonders lästig war.
Den größten Teil des Jahres gab es hier kaum einen Menschen, zur Messezeit aber wurde das Dorf Ziel ausgedehnter Pilgerfahrten und Wanderungen, ein wahrhaft kosmopolitischer Ort, der jeden mit offenen Armen empfing. Die in der Gegend zusammenströmende Menschenmenge musste also mit den physiologischen Problemen zurechtkommen, und der an das Dorf grenzende Streifen Ödland wurde durch kollektive Anstrengung zur großen Latrine. Obwohl Geralt schon Kämpfe mit Zeugeln bestanden hatte, durch Riesenfelder gewatet war und seine Mimik perfekt beherrschte, erlaubte er sich, das Gesicht zu verziehen. Rittersporn wiederum fand irgendwo in den Winkeln seines bescheidenen Inventars ein parfümiertes Tüchlein, das er sich auf Räuberart vors halbe Gesicht band. So ritten sie ins Weichbild von Wunderau ein.
Einst war dies eins von vielen Dörfchen am Rand der Welt und der Wildnis gewesen. Für seine Bewohner war das Dorf namenlos geblieben, andere hatten es als das letzte Kaff bezeichnet, formell aber, nach den Listen in den Büchern der Feudalherren, lautete der Name des Dorfes nicht viel besser, nämlich Oberegeln. Den Namen Wunderau hatte es vor einem Jahrzehnt erhalten, als dort die erste Wundermesse stattfand.
Dazu war es durch eine Schicksalswendung gekommen. Der Zufall wollte es, dass in jene östliche Grenzgegend des Nordens, am Rande von Lyrien, gleichzeitig vier von dort vertriebene Gruppen von zweifelhaftem Ruf eintrafen. Die eine bestand aus Zauberkünstlern und Artisten mitsamt ihrer ganzen wunderlichen Menagerie einschließlich bärtiger Frauen, eines zweiköpfigen Zwergs oder sogar Mensch-Tier-Hybriden. Zur zweiten Gruppe gehörten vom Kapitel Ausgestoßene, unfähige Magier und Renegaten. Die dritten waren Schatzsucher, eine Bande selbsternannter Archäologen, die das Erdreich plünderten und denen eine Glückssträhne erlaubt hatte, eine gewisse Anzahl tatsächlich verwendbarer Gegenstände zu finden.
Die letzte Gruppe schließlich und die entscheidende für die Gründung der alljährlichen Messe waren zwei Brüder aus einer einstmals respektablen Kaufmannsfamilie. Sie witterten ein Geschäft, beschafften Kapital und sorgten für Publizität, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass die üblichen Normen und Regeln nicht bis ins Tal reichten. Freilich setzten die Magier vom Kapitel sich selbst ihr Recht, nicht anders als die gottesfürchtigen Priester vieler Religionen. Es zeigte sich indes, dass sich auf der ersten, noch ziemlich unbeholfenen Messe weder ein Magier noch ein Priester blicken ließ. Auf den späteren, die schon größer waren, offiziell auch niemand. Es war aber nicht schwer, sie unter den Ankömmlingen auszumachen. Zauberer und Priester hatten nämlich einen Riecher für Geschäfte, und wenn sie welche witterten, investierten sie, hielten Ausschau nach günstigen Gelegenheiten, kauften und verkauften mit Einblick in den Schwarzmarkt. Und die Geschäfte liefen, und Wunderau prosperierte.
Das Dörfchen lag an einem See, von weitem winkte es den Reisenden mit zahllosen Farben, und es begrüßte die Gäste mit Lärm und Stimmengewirr, ganz zu schweigen vom Gestank aus dem Streifen Umland. An dem riedbewachsenen Ufer hatten sich die Zugereisten ausgebreitet, hier fanden Gelage statt, man merkte, dass viele Vertragspartner sich vorfristig arrangiert hatten und keine Zeit verloren.
Auf der anderen Seite des Sees erhob sich eine steile Felswand, gut hundert Fuß hoch. Auf ihrem Gipfel stand die Ruine eines Kastells, aus der Entfernung kaum zu sehen, zumal das wuchernde Grün die verfallenen Mauern tarnte. Das Kastell zeugte vom Niedergang der erwähnten Gründerkaufleute. Ehe es vollendet war, brannte es restlos nieder. Zusammen mit den Bewohnern, die drinnen zahlreiche Festmahle und kleine Orgien veranstaltet hatten. Man sprach von einer Verschwörung von Magiern, von der Explosion von Drachenfeuer, von rachsüchtigen Geistern. Was auch hinter dem Brand stehen mochte, es beeinflusste die Messe selbst nicht. Sie überlebte ihre Schöpfer und präsentierte sich gerade Geralt und Rittersporn in ihrer ganzen Pracht.
»Solche Grenzländer liegen mir!«, erklärte Rittersporn, als sie durch die Umzäunung ritten und ein aus allen Nähten platzendes Wirtshaus fanden. Sie setzten sich mit ihrem Bier auf den überdachten Vorbau und beobachteten das Kommen und Gehen der Menschen- und Nichtmenschenmassen.
Die Buden waren entlang einer kleinen gepflasterten Allee errichtet worden, die sonderbar zu den im Hintergrund sichtbaren Bauernhütten kontrastierte. Gehandelt wurde hier mit allem. Obwohl der meiste Nippes zweifellos gefälscht war, kam echte Magie so oft vor, dass Geralts Medaillon alle naselang zuckte.
»Das liegt mir!«, wiederholte Rittersporn, während er im Humpen zum Boden vordrang. »Es geht nichts über das Tal von Wunderau, nichts über eine gepflegte Wirtschaft, einen dienstbereiten Wirt und eine volle Börse, die von dieser Dienstbereitschaft Gebrauch machen kann!«
Dass sie auf Geralts Kosten tranken, erwähnte der Dichter mit keinem Wort. Und der Hexer schwieg.
»Und erinnerst du dich«, fuhr Rittersporn ungerührt fort, »an unseren vorigen Besuch am Rand der Welt? Mitten im Sommer, wie hier. Wunderdinge, Teufel und die Lebin … Ich habe von da ein paar Souvenirs mitgebracht …« Er strich dabei über die Laute und schickte sich schon an, von ihr Gebrauch zu machen; den Anstoß dazu gaben drei vor der Schenke vorbeigehende hübsche Mädchen, bei deren Anblick Rittersporns Augen geradezu zu strahlen begannen. Die Begeisterung des Dichters verflog jedoch augenblicklich.
»Das sind sie!«, zischte er, plötzlich von Furcht erfüllt. »Geralt! Das sind diese blöden Brüder!«
Der Hexer schaute sich um. Durch die Menge kamen drei kräftige Kerle, braungebrannt und breitschultrig. Sie gingen an dem Anbindepfosten vor dem Wirtshaus vorbei, vorbei an dem Vorbau und dem unterm Tisch verschwundenen Rittersporn, worauf sie irgendwo in der Menge verschwanden.
»Ach, Rittersporn, Rittersporn.« Geralt schüttelte den Kopf. »Ich hab’s dir gesagt. Ich bin nicht dein Beschützer.«
»Du könntest Ruhe geben. Das gehen wir jedes Mal durch. Ein Hexer ist neutral, ein Hexer ist gleichgültig, Hexer sind keine Rausschmeißer und keine Leibwächter, denn die Schicksale der Menschen kümmern sie nicht. Weißt du, was ich dir sage? Dass so eine Neutralität, wo ein Freund verprügelt wird, eine Scheißneutralität ist! Und so ein Freund ist ein Scheißfreund.«
»Eigentlich hätte ich mich mit dir verabreden und von Anfang an auf dich aufpassen sollen. Du wärst nicht unbeaufsichtigt auf Liebesabenteuer ausgezogen. Und ich hätte jetzt keine Sorgen.«
»Hast du doch nicht. Siehst du, sie sind weg. Übrigens, wie schon gesagt, diese Vogelscheuchen werden schon allein vor deiner Visage Angst haben. Nicht, dass du hässlicher wärst als die Hälfte dieser Leute hier, aber … Sie kommen zurück! Geralt! Sie kommen zum Wirtshaus! Sitz nicht so ’rum!«
»Ich sitze aber«, entgegnete der Hexer. »Ich will mich überzeugen, wie hässlich ich wirklich bin.«
Er hatte jedoch Erbarmen und ließ sich von dem leichenblass gewordenen Dichter überzeugen. Unbemerkt von den drei Brüdern verließen sie den Vorbau und gingen zusammen in die größte Menschenmenge.
Im Labyrinth der Stände, Wagen und Zelte fand das Auge keinen Ruhepunkt. Von den Schreien der Krämer und Marktweiber schmerzten die Ohren, von der Vielzahl der angepriesenen Waren flimmerte es vor den Augen. Man versuchte, Geralt Talismane gegen alle möglichen Krankheiten aufzuschwatzen, allerlei Fragmente von allerlei Bestien, die meisten sicherlich fabriziert, sowie Reliquien, die angeblich zu den Körpern von Heiligen gehört hatten, deren Anzahl jedoch nahelegte, dass jene Heiligen an den Händen nicht fünf, sondern gut hundert Finger hatten.
Das Wolfsmedaillon zitterte ohne Unterlass, also mussten inmitten all dieses Plunders kleine magische Perlen verborgen sein. Auf der Messe waren auch Magier zugegen. Geralt erkannte einige. Er selbst wurde gleichfalls erkannt. Und, o Wunder, es verdarb ihm nicht den Spaziergang. Es machte nicht einmal jemand bei seinem Anblick eine saure Miene. Das verbesserte Geralts Stimmung ein wenig.
Doch nicht einmal das gar nicht schlechte Bier im Verein mit der Abwesenheit von Antipathie genügte, ihn vollends aufzuheitern; einmal hob er den Kopf und betrachtete den blauen Himmel. Er war leer. Im Reich der Vögel fehlten dessen Herren.
Nachdem keine unmittelbare Gefahr mehr bestand, war Rittersporn auch blind für die Stimmung des Gefährten geworden. »Hast du das gesehen, Geralt?«, redete er drauflos, während er nach allen Seiten Blicke schoss. »Saphirwein! Stoff aus dem Tentakel eines Skolopendromorphen! Also wirklich, ich muss irgendeinen Mäzen finden, weil der Beutel leer ist, aber diese Waren sind so verlockend! He, he, was soll ich mit diesen Klamotten … Wie? Ein Schafspelz, aber nicht von irgendeinem Schaf, sondern von der menschenfressenden Bestie von Mag Turga? Oho, wenn schon von Rüstungen die Rede ist, dann schau dir das an! Was ist das? Eine Rüstung aus den Schuppen von einem Meerwels? Jetzt kann ich wirklich sagen, dass ich alles gesehen habe, und dabei übertreibe ich gar nicht, wie du es mir so oft vorwirfst, Hexer … Geralt? O Götter, was macht da so einen Lärm?«
»Vögel«, erwiderte Geralt langsam. »Verdammt viele Vögel.«
Im selben Moment erblickten sie die Quelle des Lärms. Die Menge löste sich auf, alle flohen vor der Kakophonie aus Schreien, Krächzen und Piepsen. Vor dem Barden und dem Hexer stand eine Bude, eine von den ansehnlicheren. Eine wahre Festung mit Mauern und Vorsprüngen, erbaut aus Käfigen über Käfigen. Die Vögel jeglicher Art saßen jedoch nicht manierlich hinter Drähten und Gitterstäben, im Gegenteil, sie tobten wie wahnsinnig, dass die Federn stoben, und machten einen Höllenkrach.
»Heda!«, rief einer der Marktwächter, zu erkennen an einem an das Lederwams gehefteten Abzeichen. »Was geht hier vor? Sofort die Exponate beruhigen! Du, Mädel, wer hat hier das Sagen?«
Das angesprochene Mädchen, hellhaarig und bescheiden gekleidet, trug die Male der Arbeit mit Vögeln – zerkratzte Handgelenke, kotbedeckte Kleidung. Unter den Blicken des Wächters und der Gaffer war sie ganz verängstigt. »Herr … Sie haben von selbst angefangen, einfach so, auf einmal, aus heiterm Himmel …«
»Erklär mir nichts, ruf einfach den Prinzipal!«
»Wenn der doch nicht da ist! Ist vor drei Tagen verschwunden, hat mich alleine gelassen …«
»Stimmt!«, mischte sich jemand aus dem Publikum ein, das das interessante Schauspiel genoss. »Ich habe gehört, dass der Vogler vor ein paar Tagen im ›Bemoosten Troll‹ getrunken hat, und da hat er gesagt, dass ihm eine Reise bevorsteht, die es in sich hat.«
»Stimmt!«, setzte ein anderer hinzu. »Und ein Ei hatte er! Ein Ei hat er gezeigt!«
»Er lief immer mit Eiern herum!«
»Die solln ir’n’wie magisch gewesn sein!«
»Zoff gab’s, wie die Leute der Jägerin den Vogler aufhalten wollten!«
»Ruhe!«, donnerte der Wächter, aber die Stimmenlawine hatte ihn schon verschüttet.
Durch die Menge drängte sich ein kahlköpfiger und beleibter Herr im Priestergewand. »Keine Vögel sind das, sondern Dämonenbrut!«, schrie er. »Sie müssen besessen sein! Ich kenne mich da aus, ich hatte mit Besessenen zu tun! Hört, Leute, was ich euch sage!«
»Rede, rede!«
»Zu viel Gottlosigkeit gibt es hier! Den ganzen Tag gehe ich zwischen den Kennzeichen von Ketzertum und Lästerung umher! Ihr nennt sie Wunder, aber Wunder sind ja den Göttern vorbehalten! Und so sage ich euch: Dieses ganze Wunderau ist ein falsches Wunder, doch ich werde ihm ein Ende bereiten!«
Die Menge pfiff ihn aus. Rasch korrigierte der Priester den Inhalt seiner Tirade und kehrte zum Thema der Dämonen zurück, das viel ungefährlicher und eingängiger war: »Greift zu den Waffen, jeder, was er hat, und erschlagt diese verfluchte Meute! Und eilt euch, ehe der Dämon aus der Vogelgestalt heraustritt und seinen wahren und entsetzlichen Leib gewinnt!«
»Herr!«, stotterte das Mädchen. »Das geht doch nicht …«
»Was geht nicht, was? Die will mir hier vorschreiben, was man darf und was nicht, als ob sie sich gottgleich dünkte! Das fällt schon unter Gotteslästerung! Macht euch an die Vögel, ihr guten Leute, und so schnell wie möglich, und du, Dirne, also du kommst mit mir zum, na, zum Gottesgericht!«
Der Wächter schien sich auf die Seite des Mädchens stellen zu wollen, aber die Arithmetik kannte er gut genug, um sich nicht der Übermacht einer aufgeputschten Menge auszusetzen. Jemand rief noch zur Mäßigung auf, andere appellierten an die Vernunft – erfolglos.
Geralt und Rittersporn waren in der Menge eingekeilt, konnten sich nicht zurückziehen. Der Dichter schielte nach dem Hexer. Geralt schlug sich mit seinen Gedanken herum, und die Gedanken betrafen das Schlagen. Schließlich erreichte die für eine Menge charakteristische Begeisterung und Verblödung den Zenit, und aus der Masse traten vier von dem Priester dirigierte Vorkämpfer der heiligen Sache heraus. Sie schienen ordentlich einen hinter die Binde gegossen zu haben, vielleicht waren sie deshalb so eifrig. In den Händen hielten sie Messer.
Das Mädchen sprang zwischen sie und die Käfige, schirmte sie mit dem eigenen Körper ab.
Die Vögel flatterten hin und her, machten ein Spektakel.
Geralt war schon in ähnlichen Situationen gewesen. Er hatte Lynchjustiz gesehen. Immer war damit dasselbe Dilemma verbunden. Schließlich fasste er einen Entschluss.
Er bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge, stieß die Gaffer beiseite, sprang vor zu den vier Messerhelden. In der Menge hatte er das auf den Rücken geschnallte Schwert nicht ziehen können. Auch jetzt verzichtete er darauf. Die Fäuste juckten ihn gar zu sehr.
Der seitlich stehende Priester war wachsam. »Teuflischer Abirrling!«, heulte er. »Hexenbuhler! Monstrum, weißhaariges, abscheulicher Blutsäufer! Den greift euch auch, Leute!«
Mit dem Blutsäufer hat er übertrieben, ging Geralt ein flüchtiger Gedanke durch den Kopf. Dann hörte der Hexer auf zu denken. Das Dilemma löste sich auf. Die vier angeheiterten Männer traten ihm mit den Waffen entgegen.
»Zurück«, sagte er langsam und verzog den Mund zu dem jahrelang geübten Lächeln. »Lasst die Messer fallen. Und verpisst euch, ehe ich böse werde.«
Die vier wären aber selbst mit einer ganzen Galerie hässlichen Lächelns nicht zu überzeugen gewesen. Sie konnten auch zählen. Vier gegen einen, dazu gut zwei Dutzend Zuschauer – sie erkannten also, dass sich eine gute Gelegenheit bot, Beifall zu ernten.
Sie stellten sich im Halbkreis auf. Augenblicklich hatte auch Geralt schon das ganze Quartett eingeordnet. Ein Hinkefuß, sicherlich ein ehemaliger Soldat. Dann ein Kraftprotz, dem die Lust auf eine Rauferei im Gesicht stand. Ein Möchtegern-Fechtmeister, der das Messer wie ein Schwert hielt. Und ein Taschendieb, ein an eine Ratte erinnerndes Männchen, das das Messer von einer Hand in die andere warf.
»Letzte Gelegenheit«, warnte sie der Hexer.
»Schlagt den Teufel!«, brüllte der Priester. »Drauf, wer an die Götter glaubt!«
Offensichtlich war der Glaube im Volke noch stark, denn die Bande stürzte sich ohne zu zögern auf Geralt.
Ein Körnchen Wahrheit lag in den Worten des Priesters: In diesem Augenblick ähnelte Geralt einem Teufel. Schwarz gekleidet und verteufelt schnell wich er mühelos den ersten ungeschickten Stößen aus. Er manövrierte die Gegner aus, dem Hinkefuß trat er gegen das gesunde Knie, dem Fallenden schlug er direkt auf die Zähne. Der Kraftprotz knurrte, fasste das Messer mit der Klinge nach unten und entschied sich für die blanken Fäuste. Keine gute Entscheidung. Geralt ließ sich von dem seitlichen Schwinger nicht treffen, entzog sich dem Versuch, ihn zu packen, und verpasste dem Kraftprotz eins gegen den Halsansatz. Der andere begann zu gluckern und stürzte der Länge nach hin. Die entstandene Lücke füllte der Fechtmeister.
Hätte Geralt die Reflexe eines Menschen gehabt, so hätte der Stoß ihn erreicht. Natürlich erreichte er ihn nicht. Der von ihm gestoßene Fechtmeister stolperte über den Hinkefuß, wankte komisch und landete schwer auf dem Hintern.
Der Taschendieb hatte mehr Selbsterhaltungstrieb, aber nicht weniger Mordlust. Er ging kein Risiko ein. Er war hinter Geralt gesprungen und fiel ihm in den Rücken. Selbst die unmenschliche Gewandtheit des Hexers, selbst sein hilfreiches Bewusstsein für das Kampffeld hätten es ihm nicht ermöglicht, dem Stoß auszuweichen.
Ausweichen war aber nicht nötig. Den Taschendieb traf mit Schwung einen Bottich mit zusammengekratztem Vogeldreck. Der Zuber zerbrach bei dem Schlag und überschüttete den verhinderten Mörder von Kopf bis Fuß, und dieser stürzte stöhnend zu Boden.
Geralt trat von dem Bild des Jammers zurück. »Danke, Rittersporn. Genau rechtzeitig.«
Der Barde, der während der Schlägerei irgendwo verschwunden war, strahlte stolz, reckte die schmächtigen Schultern, und es fehlte nicht viel, dass er sich vor dem Publikum verbeugt hätte. Ihn hinderte daran ein Appell des vor Wut erblassten Priesters.
»Leute!«, rief der heiligmäßige Mann. »Ihr erlaubt es, dass sich in diesem gesegneten Städtchen Unflat breitmacht …?«
Geralt war mit zwei Schritten bei ihm. Das Gesicht des Priesters nahm den Farbton von Sellerie an. Er versuchte zurückzuweichen, doch vergebens; der Menschenauflauf versperrte ihm den Fluchtweg.
»Noch ein Wort«, warnte ihn der Hexer. »Noch ein ›Dreckskerl‹ oder ›Unflat‹, und es wird wirklich dreckig und unflätig. Mehr als bisher.«
»Dreckskerl! Unflat! Du wirst mich hier nicht …«
»Siehst du, was ich auf dem Rücken trage? Du siehst es. Und siehst du, was du selbst hinterm Rücken hast?«
Der Priester drehte sich unwillkürlich um.
Geralt hätte den Trick nicht gebraucht, um ihm einen Schlag zu versetzen. Aber jetzt bekam er Gelegenheit zu einem Arschtritt. Der nach allen Regeln der Kunst getretene Priester flog Kopf voran in die auseinandertretende Menge und landete geradewegs in einem majestätischen Misthaufen.
»Danke, Herr«, ließ sich die Beschützerin der Bude vernehmen. »Danke, aber jetzt müsst ihr …«
Da traten die Gesetzeshüter auf den Plan.
»Ruhe! Weitergehen! Zurück«, blaffte der Wächter, der zuvor zur Seite gedrängt worden war. Das Blaffen hätte nicht gewirkt ohne die Autorität, die plötzlich durch das Erscheinen seiner drei Kollegen zugenommen hatte. »Wo sind die Rädelsführer? Her mit ihnen!«
»Verschwinde, Rittersporn«, murmelte Geralt. »Ich werde mich irgendwie rauswinden.«
»Entschuldige, der Spezialist fürs Herauswinden bin ich!«
»Geh, verdammt.«
Rittersporn wäre es gelungen, vor dem Einschreiten der Wache Fersengeld zu geben, doch jetzt tauchten zu allem Überfluss am Rande der Menge die drei Brüder auf.
»Wir haben ihn! Greift euch den Ficker! Jetzt entkommst du nicht, wir besorgen’s dir an Ort und Stelle …«
»Ich bleibe«, sagte der erbleichte Rittersporn. »Heda! Ihr Herren Wächter! Verhaftet uns! Wir gestehen! Alles! Wir gehen freiwillig mit! Nehmt uns fest!«
Die Wache verfuhr wunschgemäß.
Sie wurden eingeschlossen – das hatten sie erwartet. Aber sie hatten nicht geglaubt, dass als Ort der Absonderung ein kleines Hinterzimmer der Schenke dienen würde, derselben, auf deren Vorbau sie vor dem ganzen Krawall ihr Bier getrunken hatten.
Die Wache verhielt sich reserviert. Sie nahmen Geralts Waffen weg, gaben nichtssagende Antworten, hießen sie warten. Auf wen, worauf, blieb ungesagt. Rittersporn ließ seiner blühenden Fantasie die Zügel schießen und hob an, vor dem Gefährten eine Vision der Gerechtigkeit auszubreiten, wie sie von den Hütern der Grenzen der Zivilisation vollzogen wurde. Man hatte dem Dichter die Laute nicht weggenommen, und er begann sogleich, dem Wortkunstwerk, welches das erbauliche Bild malte, schwungvolle Noten anzupassen.
Draußen spannte sich der von der Sommersonne durchglühte Himmel. Ein Wächter namens Kasmir, derselbe, der ihre Verhaftung veranlasst hatte, kam kurz vor Sonnenuntergang.
Rittersporn attackierte ihn gleich auf der Schwelle in wahrlich gräflicher Manier: »Fürwahr, hier herrscht ein Sittenverfall! Gehört es sich, Gäste eures Wunderau zur Haft zu verurteilen, einfach so ohne ein Wort der Erklärung, mit Ungewissheit in den Köpfen und vor allem mit einem leeren Magen?«
Kasmir gab jemandem mit der Hand einen Wink. Es wurde ein durchaus ansehnliches Abendessen hereingebracht. Rittersporn blies sich weit über den Stand eines Grafen auf.
»Was ist Euch?«, fragte der Wächter beunruhigt. »Wegbringen? Ihr werdet nicht essen?«
Rittersporn ließ Luft ab. »Gewiss doch werde ich essen.«
Geralt machte nicht sofort von der Bewirtung Gebrauch. Vor allem freute ihn, dass das Futtern dem Dichter die Gelegenheit zu verderblicher Schönrednerei nahm.
»Es wird sich ausgehen«, teilte der Wächter mit, um einer Frage zuvorzukommen. »Den Göttern sei Dank, dass niemand größeren Schaden genommen hat. Was ist? Was verzieht Ihr das Gesicht?«
»Wegen der Erwähnung der Götter«, erklärte Geralt.
»Ha, das hätt’ ich mir denken können! Ihr sollt wissen, dass dem heiligmäßigen Karausch seine Aufwiegelung auch nicht durchgehen wird. Hier ist neutraler Boden und, äh, weltlicher. Wir hatten mit ihm schon früher ein Hühnchen zu rupfen.«
»Das hört man gern.«
»Trotzdem muss ich sagen, dass Ihr übertrieben habt.«
»Ich habe übertrieben«, gestand Geralt. »Wir alle haben übertrieben. Meine Schuld, Herr Wächter. Ich reagiere empfindlich.«
»Worauf denn?«
»Auf Dummheit.«
»Verstehe, verstehe, ich verstehe vollkommen.« Der Wächter lächelte schelmisch. »Und ich sehe, dass Ihr ihr gefallen werdet.«
»Wem gefallen?«
»Ihr seid Hexer, sehe ich das richtig?«
»Richtig. Was hat mich verraten – das Schwert, das Medaillon oder die Unflätigkeit?«
»Ach was, Herr Hexer, nehmt Euch die Worte des heiligmäßigen Karausch nicht zu Herzen. Erst gestern hat er das Spiegelkabinett unflätig genannt, weil es angeblich das von den Göttern geschaffene Bild des Menschen verzerrt und verunstaltet. Aber in Wahrheit hat er dieses Urteil gefällt, nachdem er sich ausgerechnet in einem Spiegel betrachtet hat, der nicht verzerrt …«
»Genug von dem Priester, wenn ich bitten darf. Wem sollen wir gefallen?«
»Der Großen Jägerin. Sie kommt in Kürze zurück und wird sich zweifellos mit Euch unterhalten wollen, Herr Hexer.«
»Worüber denn? Über den Zwischenfall auf dem Markt?«
»Woher denn. Obwohl … Obwohl doch. Es geht ja um die Vögel. Wenn Ihr Euch gestärkt habt, folgt mir bitte nach draußen und haltet Euch bitte zurück. Es gibt etwas, was Ihr sehen müsst.«
»Die Große Jägerin …«, murmelte der Dichter, als der Wächter sie mit etlichen Kollegen in Richtung des Sees führte. »Die Große Jägerin. Mir ist etwas zu Ohren gekommen, ich erinnere mich bloß nicht … Ein Gerücht, eine Ballade oder eine wahre Nachricht.«
Wunderau hatte sich beruhigt, zumindest dem Anschein nach. Die Dämmerung hatte dem Handel ein Ende gemacht, aber allen möglichen Festlichkeiten und Ausschweifungen das Feld bereitet. Auf ihre kleine Schar achtete niemand; gleich einer ansteckenden Krankheit unterwarf sich die Trunkenheit rasch das Dorf und die angrenzenden Lagerplätze.
»Die Große Jägerin …«, wiederholte Rittersporn. »Vielleicht ist das irgendeine Zauberin? Das käme uns aber zupass …«
»Ich sehe nicht, was uns daran zupasskäme.«
»Wieso? Ich breche die Herzen der Frauen, und du bist geradezu ein Eisbrecher, du dringst sogar zum klirrend kalten Herzen einer Zauberin vor …«
»Rittersporn. Sei so gut und halt den Mund.«
»Hier ist es«, ließ sich der Wächter vernehmen.
Sie standen auf einer Böschung über dem wogenden Wald von Binsen.
»Worauf warten wir?«
»Ihr werdet es sehen. Jeden Augenblick.«
»Ich sehe den See«, erklärte Rittersporn, nachdem sie eine Viertelstunde gewartet hatten. »Und Binsen. Und einen Felshang. Ich bin Dichter, nicht irgendein Verseschmied, aber in dieser romantischen Landschaft kann ich nichts Außergewöhnliches bemerken …«
»Oh! Da ist es!«
»Was? Wo?«
»Das Feuer! Schaut, ihr Herren. Dort, auf dem Gipfel.«
»Bei der göttlichen Gnade und dem teuflischen Neid, hast du uns hierhergeschleppt, Mann, um uns irgendwelche Feuer zu zeigen? Geralt! Steh mir bei! Wir lassen uns nicht mit Missachtung behandeln!«
»Was ist dort?«, fragte Geralt ruhig. »Ist das nicht euer Kastell?«
»Ist es«, murmelte der Wächter, unberührt von Rittersporns Ausbruch. »Gleich seht Ihr, was da schon die dritte Nacht vor sich geht.«
»Ich« – der Barde warf sich in die Brust – »will mich der Lösung eures Problems widmen. Dieser Hexer hier wird bestätigen, dass sich schwerlich eine bessere Stimme der Vernunft findet. Es ist also sicherlich jemand zu den Ruinen jenes Kastells gegangen. Mit Reisig. Mit Feuerstein und Schwamm. Und hat dort ein Feuer entfacht. Ende des Liedes.«
»O nein!« Der Wächter ließ sich nicht in die Defensive drängen. »Kein Ende, weil, ’s ist grad der Anfang. Der Brandherd, sozusagen.«
Und da überzeugten sie sich, dass Kasmir keine leeren Worte machte.
Das einsame Flämmchen, das kleine Fünkchen, das an der Grenze der dunklen Erde und des monderhellten Himmels flackerte, schoss plötzlich wie ein Geysir zum Firmament, verwandelte sich in eine Feuersäule, die ihre Gestalt veränderte, auseinanderfloss und das Himmelsgewölbe entzündete. Der Feuerschein entfaltete sich am ganzen Horizont, und in Wunderau wurde es für einen Moment taghell. Es ertönten ein paar Schreie, eher freudige – man freute sich wie bei der Vorführung magischen Feuerwerks.
»Dass sie mir die Zunge rausreißen und die Finger abschneiden!«, schnaufte Rittersporn, mit der Hand am Hütchen erstarrt. »Was war das?«
»Das«, erwiderte der Wächter, »wollte die Große Jägerin herausfinden. Sie ist gestern dort hingegangen, aber erfolglos. Heute wieder. Sie muss bald zurückkommen. Und bestimmt wird sie den Rat eines Hexers haben wollen.«
Geralt schwieg und blickte, ohne zu blinzeln, in das infernalische Schauspiel.
»Jaa …« Die Große Jägerin neigte sich zu dem Hexer hin und bedachte ihn mit einem verständnisinnigen Lächeln. »Genau so habe ich mir den berühmten Weißen Wolf vorgestellt.«
Nicht meinerseits, dachte Geralt.
Merrinda Hewroth, Ehrenmitglied der Jägerliga, Bändigerin der Goblins vom Falkengebirge und Gewinnerin der Sieben Trophäen, auch bekannt als die Große Jägerin des Nordens, besaß noch viele weitere Titel. Dennoch war sie der Allgemeinheit unbekannt, und sie selbst kümmerte sich nicht um Ruhm. Geralt hatte nicht gewusst, wen er zu erwarten hatte.
Er hatte nicht geglaubt, dass die Jägerin sich als Zauberin erweisen würde. Und recht behalten. Denn Merrinda Hewroth unterschied sich in fast jeder Hinsicht von den Zauberinnen, zumindest was das Aussehen anging. Sie war ein Pfundsweib, breitschultrig, in einen Lederpanzer verpackt, mit kurzgeschnittenem Haar, braungebrannt und von Narben gezeichnet. Ihre Augen, nicht nur klein, sondern auch mit ständig halb zusammengekniffenen Lidern, gingen irgendwo in der allgemeinen Physiognomie unter. Aber gerade diese Augen erinnerten Geralt als Einziges an der ganzen Jägerin an eine Zauberin. Prüfende, seelenlose, boshafte Augen. Böse Augen. Und sehr intelligente.
Obwohl eine rechtliche Grundlage fehlte, genoss die Große Jägerin in Wunderau Ansehen. Gehorsam erzwangen ihre Untergebenen, die schon von weitem wie ein Sammelsurium von Schergen aussahen. Wie Kasmir erklärt hatte, verstanden sie sich gar nicht schlecht mit der Wache von Wunderau, und das, weil die Jägerin schon ein paarmal das Dorf bedrohende Ungeheuer bekämpft hatte. Sie war freilich kein Hexer. Die Jagd war ihre Leidenschaft, kein erlernter Beruf. Die Marotte einer Frau aus einem heruntergekommenen Geschlecht, die sich neu erfunden hatte.
Eigens für sie war die Gastwirtschaft von Gästen geleert worden. Die sich widersetzt hatten, waren gewaltsam verjagt worden. In Gesellschaft von Geralt und Rittersporn befand sich nur Kasmir. Vor der Ankunft der Jägerin hatten sie sich kurz mit ihm unterhalten können.
»Erzähl von diesem Kastell«, hatte der Hexer gebeten.
»Was hat’s da zu reden? Da ist nichts. Kahle Wände, leere Kammern, Brandreste, alles zugewachsen. Ich bin übrigens lange nicht dort gewesen. Es verirrt sich kaum jemand dorthin.«
»Und warum das? Gilt es als verwunschen?«
»Woher denn. Es ist einfach zu weit weg, zu hoch. Wer hat schon Lust, sich dort über Stock und Stein den Hintern abzuschürfen? Wie alles weg war, was wegzuschleppen ging, ist die Bruchbude stehen geblieben und hat vor sich hingegammelt. Bis die Feuer dort aufgekommen sind.«
Als draußen Stiefel stapften, hatte Geralt gezischt: »Halt du die Klappe. Reden werde ich.«
Rittersporn, wenigstens diesmal gehorsam, hatte die Klappe gehalten, zumindest fürs Erste.
Die Jägerin war mit ihrem Gefolge in die Schenke gekommen. Es hatte nach Erde, Tannennadeln, Schweiß und Verbranntem gerochen. Nachdem sie geseufzt und das Schwert abgelegt hatte, hatte sie sich auf die Bank gegenüber von Geralt und Rittersporn gesetzt, die taktvoll schwiegen.
»Das sind sie, Frau Hewroth«, teilte Kasmir mit. »Rittersporn, der Dichter von Weltruhm, und der Hexer Geralt von Riva, der Weißer Wolf genannt wird.«
Die Große Jägerin ließ mit einem etwas schartigen Lächeln der gesprungenen Lippen Zähne sehen. »Jaa … Genau so habe ich mir den berühmten Weißen Wolf vorgestellt.«
Nicht meinerseits, dachte Geralt.
»Verzeih, Herrin«, begann er, »dass ich kurz angebunden bin. Ich denke, wir sind beide Profis. Ich komme daher zu den Fakten, die wir gewiss beide lieben und zu schätzen wissen …«
»Du willst sicherlich fragen, was ihr hier macht, ja?«
»Ja. Und was du machst, Dame.«
»Ich bin keine Dame, nicht, seitdem ich Witwe geworden bin, von eigener Hand mit einem Messer darin! Ich bin Jägerin, so wie du Hexer bist. Uns definiert unser Beruf. Und was die Gründe betrifft, aus denen ihr euch hier befindet … Der hier anwesende Kasmir ist ein vernünftiger Mann. Er hat euch nicht für das Verursachen des Krawalls bestraft, nein, er hat erkannt, dass ihr dazu beitragen könnt, unser … Problem zu lösen.«
Sie sagte das schnell, sie sprach laut und unfein, doch unter der Tünche der Gewöhnlichkeit waren die Zeichen einer adligen Herkunft zu spüren. Der Akzent, der Wortschatz, die Pose von jemandem, dem von Geburt Ruhm und Ehre gebührten.
»Wir haben den Krawall nicht absichtlich verursacht«, erklärte Geralt. »Ich habe eine Gruppe von Herrschaften gebeten, Ruhe und Besinnung zu bewahren. Sie haben nicht auf mich gehört. Es war Notwehr.«
»Die Notwehr eines Hexers ist so gut wie ein Angriff«, bemerkte die Jägerin. »Keine Angst! Dieser Priester war auch mir zuwider. Er hatte keinen Respekt vor Weibern, denen die Lust auf Gehorsam und Fügsamkeit vergangen ist. Kasmir als Ordnungshüter wird vielleicht etwas anderes behaupten, aber zu dem Priester passen Arschtritt und Prügel wie die Faust aufs Auge. Zunächst, ehe wir zur Sache kommen, könntest du, Kasmir, was zu futtern ’ranschaffen? Für uns und für meine Leute auch. Wir kommen um vor Hunger. Es war ein langer Tag.«
Es kam Bewegung auf, Dienerinnen tummelten sich um den Tisch, und sogleich landeten zwischen der Jägerin und Geralt samt Rittersporn eine Reihe von Schüsseln und ein Spalier von Krügen.
»Wenn es nicht um eine Strafe geht«, fuhr Geralt geduldig fort, »dann bleibt wohl nur die Frage des Kastells und der nächtlichen Feuer.«
»Kasmir, hast du es ihnen gezeigt?«
»Jawohl. Sie haben’s gesehen.«
»Ihr habt es gesehen. Ich aber, müsst ihr wissen, Hexer, bin gerade von dort zurückgekommen. Von einem ganztägigen Versuch, auf den Gipfel zu gelangen, in der Nähe des Kastells. Ein glatter Reinfall. Umherirren durch Gestrüpp und über Steilhänge, durch Gras und Morast, dazu noch diese Mistvögel.«
»Kasmir hat nicht erwähnt, dass allein schon der Weg zum Kastell kaum zu bewältigen wäre.«
»War er auch nicht. Ehe darin das Feuer aufgetaucht ist. Ehe die Vögel begonnen haben, den ganzen Tag verrückt zu spielen.«
Geralt zögerte. Er mochte keine Unwissenheit, zumal in Dingen, für die er selbst der Experte war. Doch sosehr er sich auch bemühte, er sah immer noch keinen gemeinsamen Nenner all dieser Ereignisse, ihre Verbindung.
»Du bist die Jägerin«, sagte er. »Also jagst du. Du redest mit einem Hexer. Also willst du Jagd auf etwas machen. Auf etwas, das die ganze Vogelwelt in der Gegend in Angst versetzt hat. Etwas, das nachts Feuer in den Himmel stößt wie ein auf den Rücken gedrehter Drache.«
»Kein Drache, aber nahe dran. Ich fange an, mich über deine Zurückhaltung zu wundern, Hexer. Ihr seid so beschlagen in der postkonjunktionalen Fauna, und du solltest nicht wissen, was in dem alten Kastell lauert?«
»Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.«
Die Jägerin salutierte mit dem Humpen, dass Bier auf den Tisch spritzte. »Ein Rarog«, sagte sie.
Rittersporn zog die Brauen hoch, saß aber weiterhin schweigend da. Eher aus Unwissenheit denn aus Redefaulheit.
»Der Rarog ist ein Mythos«, entgegnete Geralt mit Bestimmtheit. Er war müde, und die ganzen Scherereien langweilten ihn. »Und zwar einer von denen, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit haben, keine Erklärung. Weil sie nicht existieren.«
»Goldene Drachen«, schnaubte die Jägerin, »sollen angeblich auch nicht existieren. Aber ich habe einen gesehen.«
»Wirklich?«, schaltete sich Rittersporn, neugierig geworden, ein. »Wo denn?«
»An der Grenze zu Serrikanien, im Gebiet der Drachenanbeter, wo ihre Kulte gedeihen.«
»Glauben werde ich’s, wenn ich es selber sehe«, erklärte Geralt. »Aber zum Kuckuck mit den Drachen, von denen wollten wir ja nicht reden. Rarogs, wiederhole ich, gibt es nicht.«
»Woher hast du diese unerschütterliche Gewissheit, Hexer?«
»Daher, dass nie ein Hexer einem Rarog begegnet ist.«
»So sehr vertraust du den Erzählungen deiner Berufsgenossen? Warte, warte. Da die Mission, Ungeheuer zu töten, mich mit den Hexern verbindet, weiß ich ganz gut über eure verwickelte Geschichte Bescheid. Und ich weiß, dass jene Hexerschulen einander nicht grün waren. Du bist ein Wolf, also aus Kaer Morhen. Richtig?«
»Ja.«
»Siehst du! Wir machen uns bekannt! Noch ein Augenblick, und wir fangen an, uns mit unseren Narben zu überbieten, und du kannst mir glauben, ich habe allerlei hier und da, hehe! Zurück zum Thema … Die Hexer von Kaer Morhen sind vielleicht nie einem Rarog begegnet. Aber die Hexer aus Poviss, von der Schule des Katers, hatten mehr Glück.«
»Gibt es irgendwelche dokumentierten Fälle?«
»Es gibt die Worte eines Augenzeugen.«
»Ich würde den Katern nicht trauen. Viele von ihnen haben im Gewerbe gedungener Mörder geendet. Viele sind verrückt geworden. Wenn ich selbst mit so einem Zeugen reden würde, von Angesicht zu Angesicht, wie ein Hexer zum anderen …«
»Das wird nicht gehen.« Die Jägerin verzog das Gesicht. »Der Ärmste ist bei irgendeiner nebensächlichen Rauferei im Suff draufgegangen. Aber seinen Worten habe ich geglaubt. Rarogs gibt es. Zumindest gab es sie. Irgendwo. Für kurze Zeit. Das ist kein Hirngespinst, das dauert wie ein Eissplitter in der Hand. Einer schlüpft gerade auf dem Gipfel der Anhöhe.«
»Mythen, Märchen, Jahrmarktswunder.«
»Wunder, Wunder, grausame Wunder, aber glaub mir, Geralt, Wunder geschehen. Für gewöhnlich dann, wenn wir nicht damit rechnen. Jetzt sind wir im Vorteil. Nutzen wir ihn. Würgen wir das Wunder im Keim ab, ehe es über die Menschen kommt.«
Rittersporn hielt es nicht länger aus. »Ein Rarog! Ich erinnere mich, es ist mir eingefallen! Himmel, ist das eine Geschichte! Wunder, verdammt, wahre Wunder! Der Rarog ist doch nichts anderes als der Feuervogel!«
»Der Feuervogel, in der Tat«, bestätigte die Jägerin. »So ein Enthusiasmus! So ein Eifer! Aber an den Hexern, den kalten Profis, perlen Wunder ab wie Wasser an der Ente …«
»An der Ente?«, schnaubte Rittersporn. »Sie sind selber die reinsten Enten. Schnattern in einem fort: Ungeheuer hin, Ungeheuer her, den rühr ich nicht an, der ist ausgestorben, dieser ungefährlich, jener existiert nicht. Wundert Euch nicht über Geralt, meine Dame. Er ist immer so. Er glaubt nicht an das Ungeheuer, bis er es erledigt hat. Und da er nicht reden will, werde ich gern und gewissenhaft die Lücke füllen! Denn, stellt Euch vor, ich weiß das, was die Hexer nicht wissen! Ich bin bereit, bei der Jagd zur Hand zu gehen!«
»Rittersporn«, zischte Geralt.
»Denn ich bin – wie übrigens weithin bekannt ist – ein Spezialist für Legenden und Mythen.«
»Rittersporn!«
»Ruhig, Geralt«, unterbrach ihn der Barde würdevoll. »Steck doch ein wenig zurück.«
»Darauf habe ich gerechnet«, gestand die Jägerin. »Bettelnde Geschichtenerzähler, alte Kinderfrauen und Verseschmiede sind eine unübertroffene Schatzgrube für Legenden und Geschichten von allen möglichen Wundern. Und in jeder davon kann Wahrheit verborgen sein.«
»Rittersporn, eben noch hattest du keine Ahnung, wovon die Rede ist …«
»Mich hat dieser ›Rarog‹ irritiert. Aber vom Feuervogel, o ja, von dem habe ich gehört. Jeder Barde kennt die Ballade vom Feuervogel und dem Drachenweibchen, von Baal-Zebuth im Körper der Echse, der mit dem Feuervogel um die Herrschaft über die Lüfte gestritten hat. Vom Südwind und Nordwind, von der Entstehung der Wüste Korath … Hm, grabe ich also in der Erinnerung … Feuervögel entstehen aus einem Drachenei, das im ewigen Feuer der Unterwelt und in einem flüssigen Fels gehärtet wurde … Zuerst legt man es zur Vorerntezeit in ein Vogelnest, dann aber bringt man ein Brandopfer dar, und in der Glutasche macht man sich selbst ans Ausbrüten des Eies. Am neunten Tage schließlich öffnet sich das Neunte Tor der Unterwelt, und in die Welt tritt der Feuervogel. Der Gebieter der Himmel, der Schrecken der Vogelwelt, der Herr des Feuers …«
»Hör auf, Rittersporn«, warf Geralt missmutig ein. »Du klingst nicht einmal wie ein Verseschmied, sondern wie eine alte Kinderfrau.«
»Ich sage die Wahrheit! Ein wenig ausgeschmückt!«
»Einen Scheiß von Wahrheit.«
»Die Wahrheit der Balladen, wenn’s erlaubt ist.«
»Sag ich doch. Überleg dir übrigens, worüber du quasselst. Man fragt sich, wieso solch eine Gattung überhaupt das Recht haben sollte, zu überleben und sich zu entwickeln.«
»Ha, du denkst, jetzt hast du mich? O nein. Denn siehst du: Ebendarum gibt es diese Gattung nicht. Aber es gab sie. Gewiss gab es sie!«
Die Jägerin hatte dem Meinungsaustausch mit sichtlichem Vergnügen zugehört. »Und wozu ist dieser Feuervogel den Sängern zufolge sonst noch imstande?«, fragte sie.
»Er ist der Herrscher der ganzen Vogelwelt, der Souverän des weiten Himmels, mit dem nur ein Troubadour wetteifern kann, der die Vögel mit dem Lied besänftigt …«
»Das reicht«, unterbrach ihn Geralt. »Sind wir hier denn zusammengekommen, um uns Märchen zu erzählen?«
»Nein.« Augenblicks wurde die Jägerin ernst. »Wir sind zusammengekommen, um das Märchen zu erlegen.«
»Herr Kasmir«, ließ sich der Hexer vernehmen. »Du hörst aufmerksam zu. Findest du nicht, dass das alles ein fader Zeitvertreib ist?«
Der Wächter schüttelte den Kopf. »Das würde ich gern, Herr Hexer, und ich sollte es tun. Aber ich hab gesehen, was ich gesehen hab. Nicht nur das Feuer. Zuerst, als Frau Hewroth gesagt hat, dass das ein Rarog ist, hab ich bei mir gedacht: Rarog-Schmarog, Mumpitz und Blödelei. Aber dann bin ich mit der ersten Expedition auf die Anhöhe gegangen. Als Führer. Götter, was da los war! Nicht bloß die Feuersäule und die taghelle Nacht. Uns haben Vögel angegriffen.«
»Ihr wollt sagen, dass es Vögel sind, die euch daran hindern, zum Kastell zu gehen?«
»So ist es«, bekräftigte Kasmir. »Toll gewordene Vögel. So toll wie die in den Käfigen des Voglers. Ganze Schwärme stoßen vom Himmel herab, Schnäbel, Krallen und Geschrei. Aber dort ist nicht leicht durchzukommen, weil, über dem Steilhang führt ein ganz schmaler und offener Pfad entlang, der einzige Weg.«
»Hat denn niemand diesen … Rarog gesehen?«
»Nein«, entgegnete die Jägerin.
»Rittersporn. Lass uns gehen. Das ist keine Frage des Preises. Das ist einfach nichts für uns. Bedank dich für das Abendessen und …«
»Hinsetzen!« Die Jägerin verlieh dem Wort Nachdruck, indem sie mit dem Humpen auf den Tisch hieb. »Hinsetzen!«, wiederholte sie fast knurrend.
Geralt setzte sich nicht. Rittersporn indes war von der plötzlichen Wendung so überrascht, dass es ihm die Sprache verschlug.
»So also.« Der Hexer nickte. »Also keine freundschaftliche Unterhaltung, ein Angebot oder eine Bitte. Nur eine Drohung.«
»Noch habe ich euch nicht gedroht. Seht zu, dass es nicht dazu kommt.«
»Gleichfalls.«
»Pack deinen Hochmut weg, Hexer, und setz dich, wenn ich’s dich heiße! Pass auf, dass das nicht dein letzter Wunsch wird.«
»Herr Kasmir. Die geschätzte Frau Jägerin ist, soweit ich es verstehe, nicht berechtigt, anderen Personen, die sich in Wunderau aufhalten, irgendwelche Anweisungen zu erteilen …«
Der Wächter räusperte sich, senkte kurz den Blick. »Nein, ist sie nicht. Aber sie handelt zum Besten unseres Fleckens. Also hört auf sie, Herrschaften. Zu Eurem eigenen Besten.«
Geralt musterte die im Schatten liegenden Zimmerecken. Die Schergen der Jägerin stützten die Wände. Alle reglos – vorerst. Doch sie warteten nur auf einen Anlass zum Handeln. Danach blickte der Hexer der Jägerin in die Augen. Sie waren zusammengekniffen, durchdringend, abwartend.
Unter ihrem Blick setzte sich Geralt. »Ich soll Euch helfen.«
»Ja. Ihr beide.«
»Rittersporn lassen wir da heraus.«
»Wie er gerade eben bewiesen hat, verfügt er über gewisse Kenntnisse betreffs des uns interessierenden … Phänomens. Sowie über gewisse Kompetenzen, die unerlässlich sind, um auf den Gipfel zu gelangen. Nach seiner Reputation zu schließen, wird er gewiss zusammen mit dir, Hexer, zum Bau des Ungeheuers gelangen. Nicht wahr, Herr Verseschmied?«
»J-ja«, brachte Rittersporn heraus.
»Wir schicken euch auf die Anhöhe. Deine erste Aufgabe, Geralt von Riva, wird es sein, einen Weg zu finden.«
»Warum sollte es mir besser gelingen als den Vorgängern? Warum keine Magier?«
»Magier? Ha! Ich bin die Jägerin. Mir gehört die Beute! Ich werde Magiern nichts abgeben!«
»Sie müssen das Feuer und den Lichtschein bemerkt haben.«
»Gewiss doch, müssen sie. Zum Glück hat’s heuer keine wichtigeren Figuren im Ort. Noch nicht. Sie haben sich meiner Überzeugungskraft und der Autorität der hiesigen Behörden ergeben, sie drängen nicht hinauf. Aber bald werden sie damit beginnen, deshalb verlange ich Eile.«
»Die Magier haben ihre Interessen, also nimmt man lieber einen uneigennützigen Hexer, ja? Ich bin nicht allmächtig. Ich kann keine Wunder vollbringen.«
»Die Hexer haben ihre Mittel und Wege. Diese eure Zeichen, nicht wahr? Eure Elixiere. Außerdem hast du den Sänger bei dir. Und Sänger, wie es in ebenjener Legende vom Feuervogel und dem Drachenweibchen heißt, vermögen die vom Willen des Rarogs gelenkten Vögel abzuwehren.«
»Ich glaube nicht an den Willen des Rarogs. Noch an die Legenden.«
»Schweig! Dein zweiter Auftrag: die Bedrohung neutralisieren.«
»An den Rarog glaube ich auch nicht, also …«
»Mich kümmert nicht, was du glaubst oder nicht glaubst, denn ich weiß, dass er dort ist! Und nicht den Rarog sollst du töten, sondern denjenigen, der ihn in unsere Welt bringen will.«
»Einen Menschen.«
»Ja.«
»Den Vogler.«
Geralt hatte gut geraten. Das Rätsel war freilich nicht besonders schwer gewesen.
»Der Vogler!« Rittersporn zuckte zusammen. »Aber ja doch! Dort auf dem Jahrmarkt haben sie doch von ihm gemunkelt … Ein Händler verpasst der Welt den Feuervogel …?«
Die Jägerin spuckte aus, und ihr Gesichtsausdruck war dabei widerwärtig. »Ein Händler«, schnaubte sie. »Ein Dummkopf. Ein Besessener! Er weiß nicht, was er da anfängt. Er ist in den Besitz des verfluchten Eies gekommen, dem ich quer durch halb Serrikanien und einen Gutteil von Haakland gefolgt bin. Es stammt aus einem Tempel des Baal-Zebuth, gestohlen hat es eine Bande von Typen, und dann ist es hierher geraten. Hierher, wo die Wunder an ihre Grenze stoßen und bewertet und verkauft werden.«
»Eine edle Mission«, stellte Geralt ohne übertriebene Ironie fest. »Es gibt da jedoch viele Aber. In Sonderheit eins: Ich bin Hexer, kein gedungener Mörder.«
»Ungeheuer, Tier, Mensch … Ist da für dich wirklich ein Unterschied? Nominell sind wir beide Vernichter aus der Natur gefallener Kreaturen. Wir machen Jagd auf sie, aber wir haben auch Menschen auf dem Gewissen. Nicht wahr, Schlächter von Blaviken?«
Hexer erröteten nicht, und blass war Geralt immer. Dennoch bemerkte sie die Veränderung in seinem Gesicht.
»Gräm dich nicht, Hexer«, knurrte die Jägerin. »So mancher von uns hat ein bisschen Mord auf dem Gewissen. Ach, noch ein Argument dafür, dass ihr edelmütig seid und gleichzeitig vernünftig genug, um euch für die Zusammenarbeit mit mir zu entscheiden. Ist euch der Name ›Galgenengel‹ zu Ohren gekommen? Ha, ist er, ich sehe es an den Mienen. Stellt euch vor, dieses in Infamie watende Mitglied der ›Förster‹, die Verfolgerin von Scheuweibern und entlaufenen Elfen, die Befriederin von Nichtmenschen – das war ich. Also was ist? Helft ihr mir bei der Jagd, oder wollt ihr lieber das Jagdwild spielen?«
»Ein Jagdwild«, meldete sich Rittersporn unerwartet zu Wort, und das mit erstaunlich fester Stimme, »kann noch beißen, wenn es in die Enge getrieben wird!« Er schielte dabei zu Geralt hin, suchte Unterstützung.
Er fand keine. Der Hexer hatte die Chancen abgeschätzt. Er erinnerte sich, was man ihm über den Galgenengel erzählt hatte. Die Erzählungen waren voll von Geschrei und Wehklagen gewesen, von Brand und Blut.
Rittersporn, Ein halbes Jahrhundert Poesie
… wie Dir, Leser, gewiss bekannt ist, habe ich, obwohl ich an diesem ganzen Wirbel um den Feuervogel in einer Hauptrolle beteiligt war, niemals eine Ballade gedichtet, die jene Mühsale besungen hätte. Der Grund war prosaisch und einfach, wiewohl nicht einfältig – schuld waren das Trauma, der erhebliche Schmerz und die bösen Assoziationen, die sich nach unserem Aufstieg auf die Anhöhe unweit von Wunderau in mir festgesetzt hatten. Jene Furcht hing mit meiner Kunst zusammen; denn als Dichter und Barde hatte ich eine Schlüsselrolle in jenen folgenschweren Ereignissen gespielt. Ohne jedoch den Tatsachen vorzugreifen, will ich mit dem beginnen, was unserem Gewaltmarsch voranging.
Nachdem ich mich unter vier Augen mit Geralt beraten hatte, stellten wir übereinstimmend fest, dass wir keinen Ausweg hatten – wir mussten den verschleierten Befehlen der Großen Jägerin folgen, die ich in Gedanken ebenfalls groß zu nennen begann, aber nicht Jägerin, sondern Hündin. Wir beschlossen also, möglichst schnell zum Fuß des Steilhangs aufzubrechen.
Ehe wir Wunderau verließen, passte uns das Mädel von der Bude jenes geheimnisvollen Voglers ab; obwohl sie weiterhin zerzaust und etwas unansehnlich war, machte die Dankbarkeit für meine und des Hexers Hilfe sie merklich schöner. Mehr noch, sie hatte eine Dankesgabe für uns: ein zweisterniges Amulett, angeblich ein Symbol Baal-Zebuths, der finsteren Gottheit aus dem Osten. Wie sich sogleich zeigte, kannte sie die Legende vom Rarog und davon, wie ihn der Drache besiegt hatte – eine Manifestation jenes Götzen.
Geralt, wie er nun einmal war, wollte das Geschenk nicht annehmen. Ich bewies weniger Takt und nötigte ihn, das Medaillon zu nehmen, indem ich mich schön bedankte und bemerkte, dass der Priester namens Karausch, wenn er das Mädchen im Besitz solcher Accessoires ertappen würde, sie zweifellos durchprügeln lassen würde. Sie entgegnete, die resolute Kleine, wir sollten uns lieber bedanken, statt zu tadeln, außerdem sei Karausch ja nicht mehr da. Er war verschwunden, übrigens ebenso wie ihr Brotgeber. Also der Vogler.
Viel konnte sie uns nicht über ihn sagen, außer dass er sie vor einer Woche plötzlich angestellt hatte, gleich nachdem er allein mitsamt seiner geflügelten Menagerie nach Wunderau gekommen war. Er war ein introvertierter Mensch, der seine Introvertiertheit liebte und sich auf Schritt und Tritt gegen ein Eindringen in seinen sicheren Kokon wehrte, mit anderen Worten – ein Eigenbrötler, Griesgram, Flegel und Grobian. Ein böser Mensch, so sagte sie es uns. Und zum Abschied wünschte sie uns noch Glück.
Leider half der Wunsch offensichtlich nicht, denn an Glück gebrach es uns.
