Das Erste Horn - Richard Schwartz - E-Book
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Das Erste Horn E-Book

Richard Schwartz

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Beschreibung

Ein verschneiter Gasthof im hohen Norden: Havald, ein Krieger aus dem Reich Letasan, kehrt in dem abgeschiedenen Wirtshaus »Zum Hammerkopf« ein. Auch die undurchsichtige Magierin Leandra verschlägt es hierher. Die beiden ahnen nicht, dass sich unter dem Gasthof uralte Kraftlinien kreuzen. Als der eisige Winter das Gebäude vollständig von der Außenwelt abschneidet, bricht Entsetzen aus: Ein blutiger Mord deutet darauf hin, dass im Verborgenen eine Bestie lauert. Doch wem können Havald und Leandra trauen? Die Spuren führen in das sagenhafte untergegangene Reich Askir … Ein sensationelles Debüt mit einer intensiven, beklemmenden Atmosphäre, die in der Fantasy ihresgleichen sucht.

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

3. Auflage 2011

ISBN 978-3-492-95452-5

© Piper Verlag GmbH 2006 Umschlagkonzept: semper smile, München Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München Umschlagabbildung: Uwe Jarling

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

1. Die Maestra

Ich war schon häufiger im Gasthof ZumHammerkopf gewesen, und so besaß ich das Privileg, einen einzelnen Tisch in der Nähe der Theke mein Eigen nennen zu dürfen. Von dort aus hatte ich einen guten Blick auf die Tür, und der Zufall wollte es, dass ich in jenem Moment aufsah, als sie die Gaststube betrat.

Die Frau verstand es, einen Auftritt hinzulegen: erst der Blitz, welcher die dunkle Gaststube durch die Ritzen der Fensterläden erhellte, dann der Donner, der die Erde vibrieren ließ. Dass sie in diesem Moment die Tür zur Gaststube aufstieß und ein kalter Luftzug die Hälfte der rauchigen Talgkerzen in der Stube erlöschen ließ, war sicherlich Zufall.

Der Wind griff mit kalten Fingern nach der Tür und schlug sie hinter ihr mit solch einer Wucht in den Rahmen, dass ich fürchtete, das Lederband würde abreißen, das der Tür als Scharnier diente. Gleißende, blendende Helle strömte erneut durch jede Ritze der schweren Fensterläden und der Tür; ein weiterer Donnerschlag folgte, der den Gasthof zu erschüttern schien.

Nur das Pfeifen des Windes war zu hören, als wir die dunkle Gestalt sprachlos musterten, hier und da sah ich jemanden das Zeichen der Dreieinigkeit schlagen und Idole küssen oder hörte einen Söldner einen Gott anrufen, von dem kaum jemand hier jemals etwas gehört hatte.

Für einen Moment stand sie still da, ließ unsere Augen auf sich verharren. Der mitternachtsblaue Mantel, schwer und nass von ihrem Ritt durch einen der schlimmsten Schneestürme des Jahrzehnts, täuschte nicht über ihre Weiblichkeit hinweg, das nasse Gewebe betonte eher noch ihre Formen. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen, gab uns im unsicheren Schein der verbliebenen Kerzen den Blick auf ein rundes, entschlossenes Kinn und einen vollen Mund frei, der nun zu einem dünnen Strich zusammengepresst war. Nach einem Ritt durch einen solchen Schneesturm wäre auch ich nicht bester Laune.

Ihre Haut war weiß, so weiß wie der Schnee, der diesen entlegenen Gasthof zu begraben drohte. Der lange Umhang verhüllte den Rest von ihr, bis auf die Spitzen ihrer Kettenstiefel, und trotz all der kleinen Flocken, die sich auf ihren Mantel niedergelegt hatten, war jenes dunkelblaue Funkeln auszumachen, das Mithril kennzeichnete.

Für jeden ersichtlich ragte der Griff des Bastardschwerts durch einen Schlitz im Umhang über ihre linke Schulter. Der silberne Drachenkopf war höher als ihr Haupt, das dunkle gewundene Leder des Griffs führte zu einem Parierstück, das aus zwei Pranken bestand, die silbernen Klauen wirkten beinahe lebendig in den unsicheren Schatten, und die Augen des Drachen waren eine Bedrohung aus dunklem Rubin. Ein Elmsfeuer lief über den Griff, über ihre ganze Gestalt, hüllte sie in schwaches blaues Leuchten, als sie die Hand hob, die Kapuze zurückschlug und den Mantel öffnete.

Ihr fahles Gesicht war nicht minder eindrucksvoll als ihr Auftritt. Eine klassische Schönheit, auch wenn ihre Augen rötlich glühten. Die Haare, die man nun sah, waren zu einem langen Zopf gebunden, ein weißes Blond, das im Elmsfeuer von einem inneren Leuchten erfüllt schien. Ein Albino – oder eine der legendären Elfen.

Die Rüstung, die der offene Mantel preisgab, zählte zu jenen Schätzen, über die Königreiche in Streit geraten konnten: ein Kettenhemd aus Mithril, fein und weich wie Seide und kaum schwerer als Leder; wie ein dunkelblauer Fluss fiel es über ihre Formen und hüllte sie in ein Lodern.

Ein Greif schimmerte in den Kettengliedern auf ihrer Brust, er schimmerte, ebbte ab und erschien erneut im Rhythmus ihrer Atemzüge.

Ein breiter Schwertgurt lag auf ihren Hüften auf, betonte ihre schlanke Taille und hielt ein weiteres Schwert, ein Langschwert, das nicht minder exquisit gefertigt war.

Die Handschuhe, die sie nun auszog, waren aus dunkelblauem Leder, weich und geschmeidig, glänzend und mit feinen Schuppen. Ich schüttelte langsam den Kopf, denn ich glaubte nicht, was ich hier erblickte. Ich erkannte Drachenhaut, wenn ich sie sah, und dieses Leder stammte nicht nur von einem solchen, sondern war von einer ganz besonderen Körperstelle entnommen worden. Welches Vieh auch immer ihr das Leder für diese Handschuhe gespendet hatte, es hatte keinen Nutzen mehr für seine Eier.

Vielleicht vierzig Leute befanden sich in der Gaststube, und sie hielt jeden von uns hypnotisiert wie ein Kaninchen vor der Schlange. Verantwortlich dafür war der Ausdruck in ihrem Gesicht, der Blick aus diesen roten Augen, als er über uns schweifte.

»Mein Name ist Sera Maestra de Girancourt. Ich trage Steinherz, die Klinge der Gerechtigkeit.«

Schwertgebunden war sie also auch noch. Das war kaum anders zu erwarten, mit dem Griff über ihrer Schulter. Der Drachenkopf schien den Gastraum genauso zu mustern wie sie.

Hoher Besuch für diese arme Hütte, in der Tat. Und eine Erklärung, wieso sie lebendig hier ankam. Eine Rüstung wie diese mochte zwar schützen, aber sie war auch ein Vermögen wert. Ich fragte mich, wie viele Räuber und Vogelfreie der Versuchung erlegen waren und Steinherz zu spüren bekommen hatten.

Ihre Stimme war wie sie: glasklar und von winterlicher Kälte. Sie erreichte jedes Ohr in diesem Raum und hinterließ den Eindruck von eiskalter Schönheit und noch kälterem Willen.

Der Wirt, ein kleiner, stämmiger Mann mit einer Halbglatze, erholte sich als Erster von seinem Schrecken. Er sah ihre Erwartung, dass er zu ihr kommen möge, und tat es nun mit einer tiefen Verbeugung.

»Willkommen im Hammerkopf, dem besten Gasthof zwischen Lassahndaar und Coldenstatt.« Wahr gesprochen, mein Freund. Vor allem, wenn man bedachte, dass es auch die einzige Bleibe war, falls man nicht in der alten Festung am Pass nächtigen wollte. Und das wollte niemand. Zu viele Geister.

»Ich bin Eberhard, der Wirt, mein bescheidenes Heim sei Euer. Ihr werdet mein bestes Zimmer erhalten, ich muss es nur noch räumen lassen.«

»Bis dahin wäre ich dankbar für einen guten Braten und einen anständigen Wein«, antwortete die Sera.

»Gewiss, gewiss …« Immer wieder ehrfürchtig verbeugend, geleitete er die Dame zu dem Tisch neben meinem und versprach ihr sofortige Bedienung. Mit einer flüssigen Bewegung hängte sie Steinherz’ Scheide aus und stellte es auf die Spitze neben ihren Tisch, wo es, ohne angelehnt zu sein, senkrecht stehen blieb – ein einfaches und doch beeindruckendes Zeichen, dass dies tatsächlich eines der gebundenen Schwerter war.

Eine Schankmagd eilte bereits herbei und stellte der Sera einen gewärmten Zinnbecher mit Rotwein und kostbaren Nelken auf den Tisch, knickste respektvoll, um sofort wieder in die Küche zu flüchten. Derweil drehte sich der Wirt zu mir um; ich ahnte schon, was er wollte.

»Ser! Ihr müsst verstehen …«, sagte er. Ich wartete. »Die Sera bedarf eines Zimmers. Ihr werdet sicherlich nichts dagegen haben, Eures für eine solche Dame aufzugeben. Es ist das beste, wie Ihr wisst …«

»Nein«, erwiderte ich bestimmt. »Es ist mein Zimmer. Ich zahle dafür mit des Königs Münze, und das für drei volle Wochen. Ich werde den Raum nicht freigeben.«

»Aber Ihr könnt doch nicht …« Er rang mit den Händen, seine Verzweiflung stand ihm in die Augen geschrieben.

»Gebt ihr die zweitbeste Kammer.«

Seine Augen wanderten zu dem Söldnerführer am anderen Tisch, der dort mit fünf seiner Männer gesessen und Würfel gespielt hatte, bis die Abwechslung durch die Sera den Abend belebte. Der Mann lächelte bissig, seine Zähne gelb wie die eines Raubtiers. Wagt Euch, kleiner Mann, schien dieses Grinsen auszustrahlen.

Hilfe suchend wandte sich der Wirt wieder mir zu.

»Aber Herr, Ihr seht doch, dass die Söldner nicht bereit sind zu gehen. Ich bitte Euch!«

Dass die Sera das Gespräch verfolgte, war mir klar. Sie hatte sich in die bestmögliche Position begeben, hielt es wie ich von Vorteil, die Theke im Rücken zu haben, und beobachtete ebenfalls den Gastraum und ab und an auch mich. Nichts in ihrem Gesicht zeigte, dass sie ein Interesse an der Unterhaltung zwischen dem Wirt und mir hatte, dennoch wusste ich, dass es so war. Auch versäumte sie nicht, die Söldner zu mustern, deren Gier unter dem Schleier der Betrunkenheit leicht auszumachen war.

»Gebt ihr den nächsten Raum, der frei ist«, sagte ich. »Sie wird ihn nehmen und Euch wohlgesonnen sein, obwohl Ihr ihr das beste Zimmer angeboten habt, auch wenn es bereits vermietet war. Hättet Ihr es der Sera nicht versprochen, wärt Ihr nicht in Bedrängnis.«

»Aber …«

»Tut es.« Ich hob meine Stimme kaum, aber mein Blick fing seinen ein, und seine Augen weiteten sich. Er nickte eifrig.

Mit zittriger Stimme erklärte er nun der Sera, dass er nur einen bescheidenen Raum für sie hatte, er wünschte sie nicht zu beleidigen, aber …

Sie hob eine schlanke Hand. »Guter Mann, es ist in Ordnung. Sorgt nur dafür, dass die Flöhe nicht zu eifrig sind, das soll mir genügen.«

Dankbar nickte der Wirt, ganz fassungslos, dass ihm so leicht verziehen wurde, und eilte davon in die Küche, wo er den Braten mit besonderer Sorgfalt richten wollte.

Sie nutzte die Zeit, sich jeden hier im Raum anzuschauen und sich zu orientieren. Nun lagen ihre Augen auch auf mir. Ich erwiderte ihren Blick ohne Regung.

Ich wusste, was sie sah. Einen dunklen Umhang aus grobem Leinen und Leder, die Kapuze tief in mein Gesicht gezogen und ein langes ledernes Bündel, das hinter mir an der Wand lehnte. Ich hatte meine Hände noch in den Ärmeln, der Becher Wein vor mir schien kaum angerührt. Unter meinem Umhang sah sie breite Schultern. Als ihr Blick zu meinen Füßen wanderte, konnte sie dort Kettenstiefel erkennen, nicht unähnlich ihren eigenen, aber weitaus weniger kostbar und nicht so fein gearbeitet. Mehr sollte von mir nicht zu sehen sein. Abgesehen davon war es kühl in der Stube, und inzwischen fror ich leichter als früher. Grund genug, mich in meinen Umhang zu hüllen.

»Ich suche Roderic von Thurgau«, begann sie in ihrer kühlen Stimme. »Man sagte mir in Lassahndaar, dass er sich hier in dieser götterverlassenen Gegend sein Winterquartier suchen wollte. Seine Beschreibung passt auf Euch, seid Ihr es, den ich suche?«

Ich seufzte innerlich. Ich musste es wohl sein, mein Äußeres ähnelte niemand anderem hier im Raum.

»Thurgau ist tot. Seit fast dreißig Jahren. Er fiel in der Schlacht bei Avincor.«

»So sagt man.« Sie erhob sich von ihrem Platz, nahm Steinherz gedankenlos mit zu meinem Tisch und stellte es wieder neben sich.

»Ihr erlaubt?«, fragte sie etwas verspätet, denn sie setzte sich schon. Ich hatte mich nicht gerührt.

»Nein.«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ihr wünscht nicht, dass ich an Eurem Tisch Platz nehme?«

»Ihr habt es erfasst, Sera. Ich suche hier meine Ruhe nach einer langen Reise, und mir ist nicht nach weibischem Geschwätz zumute.«

Sie blinzelte einmal, zweimal.

»Ihr seid rüde.«

»Ja, und Ihr sitzt noch immer hier. Euer Wein wartet an Eurem Tisch.«

Sie nickte. »Der Wirt wird ihn mir sogleich bringen.«

Eberhard hörte es und eilte herbei, um ihr den Kelch aus dunklem Zinn zu reichen.

Sie schenkte ihm dafür ein Lächeln, und für einen Moment dachte ich, er stürbe auf der Stelle vor Verzückung, aber dann fing er sich und eilte wieder nach hinten.

»Ihr könnt Euch ja entfernen, wenn Ihr wollt«, schlug sie mit einem Lächeln vor. »Aber dann muss auch ich mich erneut bewegen, denn ich möchte Euch ein Geschäft vorschlagen.«

»Welches mich nicht interessiert«, erwiderte ich und wollte mich in der Tat erheben, als sie an ihren Hals griff und einen Beutel hervorholte. Sie entleerte ihn in ihre Hand und ließ von dort einen Ring auf den Tisch fallen.

Es war ein schwerer Siegelring, der Ring eines Mannes, obwohl das Ringmaß zu klein für einen männlichen Finger war. Jemand hatte ihn sich wohl enger machen lassen. Auf rubinrotem Grund zeigte er ein Relief aus Elfenbein. Ein Einhorn und eine Rose. Das Wappen derer von Thurgau.

Ich betrachtete es.

»Ein schönes Stück«, sagte ich mit betont neutraler Stimme.

»Einst war er das Pfand Eurer Ehre.«

»Ehre ist heutzutage völlig überbewertet. Sie bringt den Tod und wenig Glück«, antwortete ich ihr. Ich ließ eine Hand aus meinem Umhang gleiten – ohne den Dolch, den ich dort verborgen hatte – und hielt sie dann hoch. Sie war noch immer breit und kraftvoll, aber dunkle Altersflecken zierten das Pergament meiner Haut.

»Als Ser Roderic ihr diesen Ring gab, war sie gerade zehn Jahre alt. Dies ist über dreißig Jahre her, sie sah ihn nie wieder. Denn er starb, wie jeder weiß, im Pass von Avincor. Zusammen mit den Rittern des Bunds. Nicht einer überlebte, aber sie hielten den Pass.«

»Wisst Ihr noch, wie sie aussah?«, fragte sie mich.

Ich zuckte die Schultern. »Die Prinzessin, meint Ihr? Ich bewege mich nicht in so erlauchter Gesellschaft. Aber ich habe gehört, dass sie zierlich war, blond und krank. Auch Ser Roderic sah wohl kaum mehr als eine schlanke Hand, die seinen Ring in Empfang nahm. So sagt man es in dieser Ballade. Ein jeder kennt die Geschichte.«

»Er und die vierzig Getreuen. Ein jeder schwor ihr, dass er sein Leben geben würde, um ihr Land vor den Barbaren zu schützen. Sie hielten den Pass. Zwölf Tage lang.« Ihre Stimme hatte sich gesenkt, sie sprach leise, fast ehrfürchtig. »Lange genug, damit das Heer des Grafen Filgan in Stellung war, um die Barbaren zu empfangen, sobald sie durch den Pass kämen. Aber sie kamen nie.«

»Und hätte der Graf einen Kundschafter geschickt, wäre ihm klar geworden, dass er gut die Hälfte der Getreuen hätte retten können. Aber so saß er in seinem perlenbestickten Zelt auf seinem Hintern und wartete einfach ab.«

Meine Stimme klang bitter. Aber der Groll war lediglich ein Echo, ein Schatten vergangener Tage. Schwach, wie ich es war. »Ich bin alt. Dies hat Ser Roderic gemein mit mir. Er müsste sechzig sein oder älter. Selbst wenn ich er wäre, wie könnte ein alter Mann einer Sera Maestra von Nutzen sein? Nicht nur, dass Ihr Steinherz tragt, Ihr seid auch gebildet im Umgang mit der Magie. Was könnte Ser Roderic für Euch tun, das Ihr nicht selbst vermögt?«

Ich drehte meine Hand vor ihren Augen.

»Ser Roderic ist weitaus älter, als Ihr es seid. Und was ich von ihm möchte, ist sein Rat.«

»Ich kann Euch den Rat geben, ihn zu vergessen. Ser Roderic ist in jenem Pass gestorben.«

»Wollt Ihr nicht wissen, warum ich seinen Rat benötige?«

Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus meinem Kelch. Schließlich hatte ich den Wein bezahlt. Ich war angenehm überrascht. Man konnte ihn sogar trinken.

»Nicht wirklich. In wenigen Jahren wird mich nichts mehr interessieren. Vielleicht sind es nur Monate. Lange bin ich gewiss nicht mehr von dieser Welt.«

»Die Stadt Kelar fiel letzten Monat an das Imperium von Thalak.«

Kelar. Ich erinnerte mich an die hohen Mauern, die Lagerhäuser und die Speicher. Ihre Worte überraschten mich. Vor zweihundertneunzig Jahren war Kelar für fast zwanzig Jahre belagert worden, ohne zu fallen. Früher hätte mich das alles interessiert, aber heute …

»Die Belagerung dauerte nun schon acht Jahre. Es war abzusehen.«

Sie blickte auf. »Habt Ihr denn kein Mitleid?«

»Wofür? Krieg ist Krieg.« Der Vorteil des Alters war, dass man solche Dinge sagen konnte, ohne sich dabei idiotisch anzuhören.

»Der Imperator ließ die Stadt schleifen. Jedes Kind, jede Frau und jeder Mann wurde hingerichtet. Und Melbaas, Angil und Jatzka ergaben sich, aus Furcht, das gleiche Schicksal könnte sie ereilen.«

»Melbaas ergab sich?« Das war eine weitere Überraschung. Eine unangenehme. Die Stadt galt als uneinnehmbar. Mit dem Hafen im Rücken hätte sie unbegrenzt aushalten können.

»Thalak hat dunkle Magie verwendet, um Kelar zu befrieden. Die Nachricht sagt, dass er seine eigenen toten Soldaten mit Katapulten über die Mauern der Stadt werfen ließ, um sie in der Nacht wieder zum Leben zu erwecken.«

»Eindrucksvoll. Und kreativ.«

Sie warf mir einen strafenden Blick zu. »Nach dem Fall von Kelar kapitulierte das Königreich Jasfar vollständig und sandte den Prinzen als Unterpfand nach Thalak.«

Ich seufzte. Jetzt wusste ich, wohin das führen sollte. Ich nickte langsam. »So steht kaum noch etwas zwischen unserem Reich und dem seinen. Unsere schöne Prinzessin wird ihr blondes Haupt vor dem Imperator beugen müssen. Das Schicksal gekrönter Häupter. Mal kniet man vor ihnen, mal müssen sie knien.«

Sie schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, und gerade noch verhinderte ich, dass mein Becher umfiel. Er war noch fast voll, und vom vielen Reden bekam ich Durst. Ich trank einen Schluck, bevor der gute Wein sinnlos auf dem Tisch endete.

»Ser, wie könnt Ihr so etwas sagen! Es ist unsere Königin!«

Ich hob mahnend den Finger. »Nicht mein Land, nicht meine Königin. Ich stamme aus Letasan.«

»Ser Roderic …«

Ich unterbrach sie erneut. Schlechte Manieren, jawohl, ein weiterer Vorteil des Alters. Außerdem hatte ich nichts zu verlieren, selbst wenn sie mich in einen Igel verwandelte. Wen interessierte das schon?

»Ich bin nicht Ser Roderic.« Ich beobachtete meine Hand, wie sie einen Finger in den Rotwein tunkte und ein Dreieck auf den Tisch zeichnete. Fasziniert sah ich zu, wie meine Hand eine kleine Geste machte und das Dreieck aufglühte. Der Geruch von brennendem Holz stieg auf. »Bei der Dreieinigkeit, ich bin nicht Ser Roderic.«

Eine weitere kleine Geste, und das Leuchten hörte auf, übrig blieb ein perfektes Dreieck, ins Holz gebrannt. Überraschend, woran man sich so alles erinnern konnte, wenn man nicht aufpasste.

Als ich wieder zu ihr aufblickte, sah ich das Verstehen in ihren Augen und die Niederlage. Von Ser Roderic war bekannt, dass er nicht einmal eine Kerze mit Magie entzünden konnte. Er war ein Krieger, ein famoser Kämpfer, aber ohne magisches Talent. Meine Stimme wurde leiser, freundlicher.

»Was genau wolltet Ihr von ihm, Sera Maestra?«, fragte ich sie.

»Ich brauche eine Eskorte durch die Donnerberge, die Steppe, dann das Kaiserreich Xian, bis hin nach Askir.«

»Askir? Existiert es überhaupt? Ich dachte, es sei eine Legende. Zudem würde diese Reise Monate dauern. Wenn alles glatt ginge.« Ich starrte in meinen Becher. Ich hatte doch wohl mehr getrunken als gedacht, er war fast leer. »Eine ziellose Reise, die man einem alten Mann nicht zumuten sollte. Ganz abgesehen davon, dass man, um zu den Donnerbergen zu gelangen, über den Pass muss.« Ich schüttelte den Kopf. »Auch mit Euren magischen Kräften ein vergebliches Unterfangen.«

Für eine Weile schwiegen wir. Im Hintergrund hörte ich die Unterhaltung der anderen Gäste, leiser als zuvor, immer wieder warfen sie Blicke in unsere Richtung. Etwas, das mir nicht gefiel. Man würde sich an die Sera erinnern, es war fast nicht möglich, dass man sie vergessen konnte. Genauso würde man sich an den alten Mann erinnern, dessen Gesellschaft sie so offensichtlich suchte.

2. Gefangene des Sturms

Draußen pfiff der Wind, das Feuer im Kamin tanzte im Zug der Esse, selbst die dicken Mauern des Gasthofs kühlten langsam ab. Eines der Schankmädchen bemühte sich, die Ritzen der Fenster mit in Talg getränkten Seilen abzudichten. Mehr als ein Söldner folgte ihren anmutigen Bewegungen mit gierigen Blicken, andere hatten die schlanke Gestalt an meinem Tisch fixiert.

Wenn mein Gefühl Recht behielt, so würden wir die nächsten Tage hier verbringen müssen. Bevor sie gekommen war, hatte es mich nicht wirklich interessiert, was geschehen würde. Aber nun war sie hier, und ich fing wieder an, mir Gedanken zu machen. Also sah ich mir die anderen Personen im Gasthof an, mit denen wir uns die nächste Zeit, ob wir wollten oder nicht, Essen und Dach teilen müssten. Allesamt waren wir Gefangene des Sturms.

Zum größten Teil waren die Gäste einfache Reisende. Zwei Händler waren kurz vor Mittag gemeinsam eingetroffen. Ihre großen Handelswagen standen schwer beladen im Hof, eine Versuchung für jeden Halsabschneider, der schnell reich werden wollte. Eine Versuchung, die kaum durch die acht Wachen gemindert wurde, die den kleinen Wagenzug begleiteten, zeigten sie doch nur, dass die Ware von erheblichem Wert sein musste.

Dort drüben, in der Ecke neben dem zweiten Kamin, befand sich eine Reisegesellschaft. Die Art der reichen und prächtigen Gewänder war mir unbekannt, ich hörte nur im Vorbeigehen, dass die Herrschaften aus Lehemar stammten. Wenn dies so war, dann hatten sie einen weiten Weg hinter sich. Die Gruppe bestand aus einem älteren Mann und zwei jungen Frauen, beide recht hübsch anzusehen. Sie wurden von drei Kämpfern begleitet, die ihren Sold wohl damit verdienten, Sorge darum zu tragen, dass die Ehre der Töchter unangetastet blieb. Die drei Kämpfer trugen das gleiche Wappen auf ihrer Brust, also waren sie nicht nur für die Reise angeheuert worden, sondern standen dauerhaft im Sold der Familie. Der Mann verbrachte seine Zeit damit, sich missbilligend umzusehen, die Töchter erschienen mir zu schüchtern, um ohne Erlaubnis zu atmen. Tief in ihre Umhänge gehüllt, betrachteten sie scheu das Geschehen um sich herum. Wenn eine von ihnen bisher gesprochen hatte, so war mir das entgangen. Ich konnte mir nur einen Grund vorstellen, warum eine solche Gesellschaft eine derartige Reise tat, und der war, eine oder beide Töchter zu verheiraten. Wahrscheinlich waren sie froh, den mürrischen Blicken des Vaters entkommen zu können.

Andere Gäste waren Bergarbeiter aus den nahe gelegenen Kupferminen, wohl auf der Heimreise, um die kommenden Festtage mit ihren Familien zu verbringen. Des Weiteren war da ein Kuhhirte, dessen Herde zum größten Teil außerhalb der Mauern des Gasthofs erfrieren würde. Schon jetzt hatte er seinen Kummer darüber ertränkt und lag laut schnarchend vor einem der beiden Kamine. Dann gab es da noch eine Person, ebenfalls tief in ihren Umhang gehüllt, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, die die zweitbeste Position des Raums für sich beanspruchte. Vom taktischen Standpunkt aus betrachtet. Die Wärme der beiden Kamine reichte wohl kaum in diese Ecke. Auch diese Person war ein später Gast: Erst kurz vor Sonnenuntergang hatte die schlanke Gestalt den Gasthof betreten, und noch konnte ich sie nicht so recht einordnen. Das Einzige, was ich von dieser Person wusste, war, dass die zwei Pferde, die sie in die Stallungen des Gasthofs eingestellt hatte, von bester Qualität waren. Ob dieser Gast unter seinem Umhang und dem Wams eine Rüstung trug, vermochte ich nicht zu erkennen, jedoch lehnte neben ihm ein Langschwert an der Wand.

Und natürlich die »Söldner« – um ihnen eine Bezeichnung zu geben, die vielleicht ein wenig zu schmeichelhaft war, aber erträglicher, als sie so zu bezeichnen, wie sie es wahrscheinlich verdienten: Briganten, Gesetzlose, Räuber, Mörder oder einfach nur Pack. Es gab neun von ihnen. Sie kamen zusammen, kurz nach Sonnenuntergang, aber ich war mir nicht sicher, ob sie wirklich zusammengehörten. Vielleicht zwei kleine Gruppen, die sich auf dem Weg zum Gasthof zusammengefunden hatten und für die Dauer des Schneesturms Frieden schlossen. Oder aber eine Zusammenarbeit vereinbart hatten.

Die eine Gruppe der Söldner bestand aus sechs hart gesottenen Gesellen, ihre Fellumhänge waren, wie der Rest von ihnen, völlig verdreckt. Es war deutlich zu erkennen, dass sie ihre Zeit selten unter Dächern verbrachten.

Selbst im Gemisch der Gerüche, die einen Gastraum erfüllten, inmitten des Geruchs von Bier, Schnaps und nasser Wolle, des Rauchs vom Kamin und des Bratengeruchs aus der Küche, konnte ich sie riechen, ein bitterer Gestank nach altem Schweiß und Blut. Den ganzen Abend schon musterten sie die anderen Gäste, ließen ihre Blicke wieder und wieder über die Wachen der Händler und der Reisegesellschaft schweifen, wanderten scheinbar ziellos durch den Gasthof, achteten auf Treppen, Türen, Ein- und Ausgänge. Oder musterten gierig die schlanke Form des Schankmädchens.

Die drei anderen Söldner waren vielleicht genau das, was sie zu sein schienen – gepflegter als die Sechsergruppe, trugen sie allesamt mit Stahlplättchen verstärkte Lederrüstungen und waren mit Dolch und Langschwert bewaffnet. Sie wirkten professionell und ruhig. Während die erste Gruppe immer lauter wurde und jeden im Raum aufforderte, über ihre anzüglichen Witze zu lachen, hielt sich diese Dreiergruppe zurück und leerte nur langsam, wenn auch stetig ihre Becher.

Der Gasthof verfügte über nur wenige Zimmer: zwei Einzelzimmer, zwei, die mit sechs Betten ausgestattet waren, sowie zwei größere Schlafsäle unter dem Dachfirst. Andere Gäste waren eingeladen, im Heu über den Stallungen zu übernachten. Bedachte man, wie kalt es wahrscheinlich werden würde, war der Stall keine schlechte Wahl. Es gab weit mehr Vieh als Menschen, und die Stallungen waren zum Bersten voll. Die Körperwärme des Viehs würde sicher vor dem Erfrieren schützen.

Ich besaß eines der beiden Einzelzimmer und wusste, dass alle Räume belegt waren. Die feine Reisegesellschaft hatte auch schon kein Zimmer mehr bekommen, und der Mann hatte so lange lautstark protestiert, dass wir alle erleichtert waren, als er sich endlich entschloss, sich hinzusetzen und ruhig zu sein.

Aus alldem folgte, dass die Sera im Stall schlafen konnte oder im Gemeinschaftsraum.

Die Gesellschaft war jedenfalls nicht die, welche ich mir gewünscht hätte, um eingeschneit zu werden.

Zum Gasthof selbst gehörte der Wirt, jemand in der Küche, den oder die ich nur mit den Töpfen hantieren hörte, ein Stallbursche, der wahrscheinlich mit der Menge an Vieh überfordert war, drei Schankmädchen im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren, jung, schlank und nicht schlecht anzuschauen. Auch alte Augen konnten sich an anmutigen Bewegungen erfreuen. Die Männer sahen ihnen nach, aber bei den meisten im Raum machte mir das weniger Sorgen. Kopfzerbrechen bereitete mir, dass auch der Blick manch eines Söldners auf diesen weiblichen Rundungen lag, der von dem Verlangen sprach, sich zu nehmen, was ihm gefiel.

Da der Gasthof weit entfernt von jeder Siedlung lag, war es nicht verwunderlich, dass der Wirt auch zwei junge, kräftige Knechte beschäftigte, die die grobe Arbeit leisteten. Sie trugen kurze, mit Leder umwickelte Knüppel an ihrer Seite. Das mochte vielleicht reichen, um einem Betrunkenen Benehmen beizubringen, gegen die neun Söldner hatten sie wohl kaum eine Chance.

Ich wandte mich wieder der Sera Maestra zu.

»Ihr habt keinen geeigneten Zeitpunkt gewählt, um diesen Ort aufzusuchen.«

Sie zog eine Augenbraue hoch, fahl wie der Rest von ihr, aber dennoch markant. Ihre Augen hatten den rötlichen Schimmer verloren, vielleicht war es nur meine Einbildung oder der Widerschein des Feuers in einem der Kamine gewesen. Nun jedoch waren sie violett, eine unvergleichliche Farbe. In der Zeit, in der ich die Leute im Gastraum gemustert hatte, hatte sie sich wieder gefangen. Hatte sie zuvor zugleich traurig, erbost und frustriert gewirkt, schien sie sich jetzt zu amüsieren. Vielleicht über mich.

»Ihr fürchtet um meine Sicherheit?«

Ich sah sie an. »Ich weiß, dass Ihr eine Maestra seid. Ihr habt es lauthals verkündet, als Ihr den Raum betratet. Meine alten Ohren sind noch im Stande, Worte zu hören, wenn man sie nur laut genug proklamiert. Aber Ihr habt damit zugleich eine Herausforderung ausgesprochen. Manche Menschen sehen nur das Äußere. Und erliegen vielleicht der Verlockung, ohne sich über den Preis Gedanken zu machen. Und auch Ihr benötigt Euren Schlaf.«

»Worauf wollt Ihr hinaus?«

Ich seufzte. »Ich werde den Wirt anweisen, ein weiteres Bett in meinen Raum zu stellen.«

»Und bietet mir so galant Euren Schutz für die Nacht an?« Sie lachte. »Wärt Ihr ein anderer, würde ich Euch unlautere Absichten unterstellen.«

»Wenn Ihr unlautere Absichten wollt, dann wendet Euch an die Söldner.« Sie drehte sich in ihrem Sitz um. Die Unterhaltung der Sechsergruppe war leiser geworden, sie sprachen untereinander, aber immer wieder warfen sie Blicke auf die Schankmädchen, die mittlerweile vorsichtig waren, wenn sie an diesem Tisch bedienten. Diese Söldner, oder eher doch Briganten, erinnerten mich an ein Rudel Wölfe, welches sich überlegt, wie es am besten ein Reh aus der Herde löst.

Einer der Söldner, der Anführer, bemerkte den Blick der Maestra und musterte sie unverfroren; ein breites, gehässiges Lächeln entstand auf seinen Lippen und zeigte kräftige grauweiße Zähne wie die eines Raubtiers. Dieser Anblick war eher zu ertragen als das Lachen einiger seiner Kumpane, dort sah man auch den einen oder anderen geschwärzten Zahnstumpf. Zahnschmerzen führten nicht zu einem ruhigen Gemüt.

Sie reagierte nicht auf den Blick, ließ den ihren weiter über den Raum schweifen, vernahm wohl dasselbe wie ich und wandte sich wieder mir zu.

»Ich sehe, was Ihr meint. Aber ich sehe auch insgesamt elf Wachen.« Auch sie rechnete die Knechte des Gasthofs nicht hinzu.

Ich nickte. »Vielleicht ist der eine oder andere Gast ebenfalls bereit, mit kaltem Stahl sein Leben zu verteidigen. Also sagen wir, dass es vielleicht fünfzehn wehrhafte Personen gibt. Sollten unsere Freunde hier etwas planen, wären sie in der Unterzahl. Ist es das, was Ihr denkt?«

»So in etwa. Ich habe keine große Sorge. Ich bin gut ausgebildet in der Kunst des Schwertkampfs, und Steinherz wird mir beistehen.« Sie sah zu ihrem Schwert herüber. Die Rubine, die die Augen des Drachenkopfs bildeten, musterten mich spöttisch.

»Ein Bannschwert vermag viel. Aber es soll schon Gelegenheiten gegeben haben, bei denen auch ein Schwertgebundener verstarb, obwohl er die Klinge in seiner Hand hielt«, sagte ich trocken.

Es hieß, dass die Seelen derer, die ein solches Schwert vorher geführt hatten, in der Klinge ihre letzte Ruhe fanden und so den Fähigkeiten des Schwerts immer wieder neue hinzufügten.

»Gefällt Euch der Gedanke, Euch zu den anderen in der Klinge zu gesellen, wenn Eure Zeit gekommen ist?«, fragte ich sie.

»Nein. Aber es hat mich angenommen, und wäre Steinherz nicht gewesen, wäre meine Seele bereits verloren. Aber ich glaube nicht daran, dass die Seele selbst gebannt wird. Vielleicht das, was die Seele nicht mehr braucht, wenn sie die Hallen der Götter betritt: Wissen, Erfahrungen und anderes.«

Ich nickte. »Vielleicht ist es so. Ich stelle es mir jedenfalls nicht besonders angenehm vor, den Rest der Weltenzeit in ein Stück kalten Stahl gebannt zu verbringen.«

»Es muss nicht so kommen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Bevor ich sterbe, muss ich es nur loslassen.«

»Ja, so sagt man«, entgegnete ich ihr. »Ich frage mich nur, ob dies auch möglich ist. Vielleicht, wenn man im Bett getötet wird, aber allzu oft sterben die Träger dieser Schwerter in ihren Stiefeln, mit dem Schwert in der Hand.«

»Ich habe vorerst nicht die Absicht zu sterben«, antwortete sie. Ihr Blick war bedeutungsschwer. Entweder weil sie eine Maestra war und die Meister der Magie oft ein unnatürlich langes Leben führten, oder weil sie auf ihre Abstammung anspielte. Sollte sie Elfenblut in sich tragen – wenn ich sie ansah, erschien mir das als wahrscheinlich –, dann zählte sie die Jahre wie ein Mensch die Wochen.

Vielleicht traf beides zu.

Jedenfalls sagte mir ihr Blick, dass sie wirklich nicht glaubte, sie könne sterben. Maestra oder Elfenblut, eine Spanne kalten Stahls durch das Herz durchtrennte jeden Lebensfaden. Eine bittere Lektion, die sie noch lernen musste.

»Wie dem auch sei, ich nehme Euer Angebot an.« Sie beugte sich etwas vor, und ich roch sie. Die Wolle des Umhangs, das Leder ihrer Weste, den Schnee, ihr Pferd und sie – und einen fernen Duft von Rosen. Parfüm. Wie lange war es her, dass ich mich in Gesellschaft bewegt hatte, die Parfüm verwendete? Ich wollte nicht daran denken.

Mein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, der zarten, schimmernden Haut, den überraschend schwarzen Wimpern, den violetten Augen, die in einem Ton schimmerten, den ich nie zuvor gesehen hatte. Ihre Nase war scharf, aber doch fein gezeichnet; ich beobachtete fasziniert, wie ihre Nasenflügel bebten, folgte der Spur ihres Pulses an ihrem Hals und rief mich zur Ordnung. Ich dachte, ich wäre gegen die Versuchung durch die Weiblichkeit mittlerweile gefeit, aber sie hatte mich ergriffen.

Als sie mir ihre Geschichte erzählt hatte, überfiel mich eine ungeheuerliche Vermutung, und auch jetzt suchte ich in ihren Zügen nach einem Hinweis, aber dann schüttelte ich den Kopf.

»Was ist?«, fragte sie.

»Nichts. Ein dummer Gedanke. Sagt, wie kommt es, dass Ihr es seid, die auf diese gefährliche Mission geschickt wurde?«

»Niemand schickte mich«, informierte sie mich. »Ich bot meine Dienste freiwillig an. Die Königin hat nur wenige Getreue, deren Loyalität ihr und der Krone gegenüber ohne Zweifel ist. Gebunden an Steinherz, als Meister der Magie und ausgebildet in der Kunst des Kampfes, der Strategie und der Diplomatie, denke ich, dass ich ein geeigneter Bote ihrer Worte bin.«

»Ich nehme an, Ihr kennt die Königin gut?«, fragte ich, wider Willen neugierig. »Wie ist sie, die Königin von Illian?«

»Krank und ans Bett gefesselt, schon seit langem«, seufzte die Sera. Ihr Blick ruhte nun in der Ferne, sah vielleicht die alte Kronburg und die königliche Kammer darin. »Aber ihr Geist ist von bewundernswerter Schärfe und ihr Wille ungebrochen.« Sie legte die Hände um ihren Becher und drückte so fest zu, dass die Knöchel bleich hervorstanden. »Man sagt, das Volk liebt sie wegen ihrer Weisheit. Trüge man sie auf einer Bahre in die Schlacht, ein jeder würde ihr folgen. Sieht man sie, so ist man beeindruckt von der Willensstärke, die in ihren Augen lodert wie eine Flamme.«

»Also wurde ihre Verletzung nie geheilt?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist wohl so, dass eine Verletzung des Rückgrats auch mit Magie nur schwer heilbar ist. Ich bin in der Kunst der Heilung nicht besonders bewandert, es scheint aber so, als gäbe es eine Verbindung zwischen dem, was man in Händen und Beinen fühlt, und dem Kopf, wo der Verstand sitzt, der die Glieder lenkt. Diese Verbindung läuft durch das Rückgrat.«

Ich nickte. Das war mir bekannt. Ein Hieb dorthin, und ein Gegner stand selten wieder auf.

»Als sie damals als Prinzessin von den Zinnen stürzte, war es ein Wunder, dass sie überhaupt überlebte. Aber ihr Rückgrat brach und trennte dabei wohl jene Verbindung, einem Schwertstreich gleich.«

Ich konnte fast ihre Gedanken lesen. »Es war nicht minder heimtückisch. Konnte man den Täter jemals fassen?«

Sie funkelte mich an, dann holte sie tief Luft. Unwillkürlich folgten meine Augen der Bewegung ihrer Brüste, woraufhin ihr Gesichtsausdruck spöttisch wurde. Ich beeilte mich wegzuschauen.

»Nein. Der Täter wurde niemals gefunden. Fünf kommen infrage, das weiß sie, aber alle fünf sind über jeden Verdacht erhaben und zu wichtig, um einfach so einer Befragung unterzogen zu werden.«

»Kann nicht auch die Magie Wahrheit von Lüge unterscheiden?«, fragte ich unschuldig.

»Kann sie. Wenn gewisse Umstände gegeben sind.« Sie klang frustriert. »Meint Ihr nicht, dass wir auf diesen Gedanken nicht auch schon gekommen wären? Aber allein die Aufforderung, sich im Tempel des Boron einer Befragung durch einen Priester oder mich zu unterziehen, grenzt an eine Beleidigung.«

»Man sollte meinen, dass die vier, die unschuldig sind, einer solchen Befragung zustimmen würden, allein, um des Täters habhaft zu werden.«

»Sollte man meinen, ja.« Sie sah wieder in die Ferne, und ihr Gesicht verriet die Verachtung, die sie empfand. »Aber aus irgendwelchen Gründen scheinen sie es anders zu sehen. Vielleicht sind sie ja alle daran beteiligt, vielleicht war es eine Verschwörung. Vielleicht …«

»… war es auch jemand anders. Ein ungeschickter Küchenjunge oder ein betrunkener Soldat. Oder kann sich die Königin wieder erinnern?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Sie stand auf den Zinnen, in Gedanken versunken, als sie den Stoß von hinten spürte. Im Fallen sah sie einen roten Mantel. Dies schließt den Küchenjungen aus, aber kaum jemanden sonst. Ihr seid sicher, dass Ihr nicht Ser Roderic seid?«

Ich nickte. »Ziemlich sicher.« Mit dem Finger tippte ich auf das Zeichen der Dreieinigkeit, das ich zuvor in den Tisch gebrannt hatte. »Das sollte Beweis genug sein. Krieger können nicht zaubern.«

»Ich wüsste allerdings Möglichkeiten, das Zeichen auch ohne magische Fähigkeiten zu vollziehen, und andere damit in die Irre zu führen.« Sie hielt meinen Blick einen Moment lang fest, konnte aber in meinen Augen nichts entdecken. »Da wir wohl demnächst Zimmer und Bettlager teilen werden, bitte ich um Euren Namen, Ser.«

Ich lehnte mich zurück, die formale Art ihrer Frage erheiterte mich. »Nennt mich einfach Havald.«

»Ich kenne dieses Wort. Heißt es nicht der Vergessene?«

»Unter anderem. Das ist wohl die gebräuchlichste Bedeutung. Eine andere nennt mich verflucht.«

»Nun, seid Ihr es? Verflucht?«

»Manchmal meine ich es zu sein«, antwortete ich ihr. »Aber wenn ich ehrlich bin, denke ich, dass ich genauso verflucht bin wie ein jeder, dessen Schicksal Widrigkeiten in sich birgt. Oft hat man das Gefühl, für irgendetwas bestraft zu werden. Aber es ist kein Fluch, der auf einem lastet, sondern nur das Leben.« Ich lehnte mich zurück und starrte in die Ferne. »Wenn man ein gewisses Alter erreicht, kommen einem die Taten der Jugend oft sinnlos vor, erscheint es, als ob das Leben, das man führte, keinen Wert hatte. Vergessen trifft es wohl eher als verflucht.«

Sie sah etwas erstaunt aus. »Es war eigentlich keine ernst gemeinte Frage, und doch habt Ihr Euch die Antwort gut überlegt. Ich bräuchte nicht darüber nachzudenken.«

Ich lachte leise. »Ihr seid auch noch jung.«

»Woher wollt Ihr das wissen? Ich könnte älter sein als Ihr, mein Aussehen sagt nichts über die Zahl der Jahre, die ich trage.« Sie wirkte leicht pikiert und vielleicht auch etwas neugierig. Ich ertappte mich dabei, dass ich begann, ihre Gesellschaft zu genießen. Es war wirklich zu lange her, dass ich den Duft von Rosen gerochen hatte.

»Es ist nicht Euer Aussehen, Sera, es ist Eure Art, Euer Enthusiasmus, wie Ihr sprecht und dabei Euer Gesicht Eure Gedanken verrät.«

»Ich bin schon lange erwachsen.«

»Ja, das mag sein.« Ich sah es nur zu gut, selbst unter ihrem Umhang und dem Kettenmantel erahnte ich eine vollkommene Frau.

»Ihr seid erwachsen, ja, aber Ihr seid nicht alt. Wenn Ihr alt werdet, werdet Ihr wissen, was ich meine.«

»Muss ich jetzt mein Haupt vor der Weisheit des Alters beugen?«, fragte sie mich mit einem schelmischen Lächeln.

Ich schüttelte den Kopf. »Mitnichten, Sera. Weisheit kommt nicht von allein, nur weil man älter wird, man muss sie suchen. Ich befürchte, ich suchte eher das Gegenteil. Torheit kann ich in jedem Maße bieten, aber Weisheit findet Ihr bei einem anderen.« Ich trank noch einen Schluck Wein. »Nun kennt Ihr meinen Namen, Sera. Ich war zugegen und weiß, wie Ihr Euch vorgestellt habt. De Girancourt. Ein ungewöhnlicher Name, flamisch vielleicht?«

Sie nickte. »Ich bin im Herzogtum Flamen geboren, da habt Ihr Recht.«

»Nun, ich habe nicht die Absicht, Euch ständig mit Eurem vollen Titel anzusprechen. Gibt es einen Namen, der etwas weniger aufträgt? Es ist vielleicht nicht die beste Art, um Euch vor einer Gefahr zu warnen: Sera Maestra de Girancourt, ducken!«

»Wenn ich denn der Warnung bedarf. Nach Euren eigenen Worten seid Ihr alt und verbraucht, nach meinen bin ich jung und kampferprobt.« Sie lachte, als sie mein Gesicht sah. »Ihr seid so ernst, Havald. Mein Name ist Leandra. Nennt mich Lea, wenn Ihr wollt.«

»Leandra. Lea.« Ein schöner Name. Die Tapfere. Tapfer zu sein hatte oft mit der Unbill des Lebens oder mit Schmerzen zu tun. Ich wünschte ihr, dass sie nicht oft tapfer sein musste.

Mittlerweile war das Geräusch des Sturms etwas zurückgegangen, klang gedämpfter. Jeder hier im Gastraum wusste, was dies bedeutete. Ich nickte Lea zu und erhob mich, begab mich zum Wirt, um ihm mitzuteilen, dass er ein weiteres Bett in mein Zimmer bringen möge.

»Ich habe kein einzelnes Bett mehr frei«, sagte er mit einem ängstlichen Blick in Leas Richtung. »Es tut mir wirklich sehr Leid.«

Ich winkte ab. Ich hatte ja noch die Zeit, zu überlegen, ob ich in meinem Alter galant sein und ihr das Bett anbieten wollte oder ob sie ihre jungen Knochen auf den Boden betten musste. Eines war sicher, sollte ich auf dem Boden schlafen, wäre ich am nächsten Tag steif wie ein Türpfosten.

»Ich könnte vielleicht …«, unterbrach der Wirt meine Gedanken.

»Ja?«

»Ich könnte vielleicht mein Bett in Euren Raum bringen lassen. Meine Frau ist schon vor langer Zeit von mir gegangen, und meine Töchter …« Seine Stimme versagte, als er meinen Blick sah. An seinem Familienleben war ich nun wirklich nicht interessiert.

»Gut, das erscheint mir eine geeignete Lösung«, sagte ich dann. »Seht zu, dass es bald geschieht.«

»Ihr wollt Euch schon zur Ruhe begeben?« Diesmal lag sein ängstlicher Blick auf den Briganten. Einer von ihnen zog gerade eines der Schankmädchen auf seinen Schoß und befingerte es, während es verzweifelt versuchte zu entkommen. Als es ihr unter lautem Gegröle gelang, konnte man mehr Haut sehen, als ihr wohl lieb war.

Die meisten Schankmädchen waren einem Abenteuer mit einem Gast nicht abgeneigt. Der Klang von Silber oder gar Gold war bekannt dafür, die prüdesten Weiberherzen zu erwärmen. Selbst ungewaschen und verdreckt, wie diese Männer waren – eine Goldmünze wirkte wahrscheinlich Wunder.

Doch vielleicht verhielt es sich auch anders. Es gab eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Mädchen und dem Wirt, und seine besorgten Augen sagten mir den Rest. »Eure Töchter?«

»Ja«, antwortete er leise. »Alle drei.«

Ich folgte seinem Blick und sah das Mädchen, wie es seine Kleider ordnete, mit hochrotem Kopf und, wie es mir schien, den Tränen nah.

»Sind sie züchtig?«

»Züchtig genug. Eine jede von ihnen hat schon einen Galan gefunden, aber wie nicht anders zu erwarten, waren es keine, die blieben. Aber sie sind nicht verdorben, und wenn sie ihre Gunst verschenken, ist es nicht gegen Gold oder Silber.«

So sicher wie er war ich mir da nicht, aber ich verstand, was er meinte. Ich hatte insgeheim die Hoffnung, dass die Banditen sich vielleicht mit den Mädchen entspannten und sogar ihre Pläne, so sie denn welche hatten, aufgaben. Nun wusste ich es besser. Die Mädchen würden nicht zur Ruhe beitragen, im Gegenteil.

Ich begab mich zur Tür des Gasthofs, eine solide Angelegenheit, auf der ganzen linken Seite von einem stabilen Lederband getragen und sauber in den Rahmen eingepasst. Im Mauerwerk konnte man die Spuren älterer Türangeln erkennen; vor langer Zeit war diese Tür wohl einmal zerschlagen worden. Umlaufende Lederfalze halfen gegen den kalten Zug an Wintertagen, aber selbst hier, nahe der Tür, verspürte ich keinen Zug, nur Kälte.

In Augenhöhe des Wirts war eine hölzerne Klappe in die Tür eingelassen; ich musste mich etwas bücken, als ich sie zur Seite schob, um nach draußen zu blicken.

Schnee war das, was ich sah, hochgetürmt bis über die Klappe. In der relativ kurzen Zeit, seitdem Leandra das Gasthaus betreten hatte, war das geschehen, was ich befürchtet hatte.

Wir waren tatsächlich tief eingeschneit.

3. Der Turm

Der Gasthof war karreeartig angeordnet, jede der Seiten bestand aus einem Gebäude – linker Hand befand sich das Haupthaus, dann die Schmiede, das Lager und, das größte von ihnen, die Stallungen. Ich ging zu meinem, nein, unserem Tisch zurück und nahm mein Lederbündel auf.

Als ich mich abwandte, erhob sich Lea ebenfalls. Sie nahm Steinherz und hängte es in das Geschirr ein, eine abwesende Geste, so häufig durchgeführt, dass es keines Gedankens ihrerseits bedurfte.

»Wo wollt Ihr hin?«, fragte sie mich.

»Zum Turm.«

In einer solchen Gegend war der Baumeister eines Gasthofs gut beraten, ihn wehrhaft zu gestalten. So verhielt es sich auch mit diesem Gebäude. Der hintere Teil des Haupthauses schloss an einen rechteckigen Turm an, der das Haus um zwei Stockwerke überragte. Einer ernsthaften Belagerung würde der Turm kaum standhalten, aber gegen einen Überfall von Räubern oder gegen umherstreifende Briganten mochte er Schutz gewähren. Sofern sie nicht bereits durch die Tore eingetreten waren. Betrieb man einen Gasthof, konnte man sich nie sicher sein, wem man Haus und Hof öffnete.

»Ich will mir ansehen, wie schlimm es ist.«

»Ich komme mit.«

Ich nickte nur und ging voran. Es war nicht das erste Mal, dass ich im Hammerkopf nächtigte. Ich war schon eine Zeit lang hier und hatte die Absicht, hier den Winter zu verbringen. Ohne die Söldner wäre dies ein angenehmer Plan gewesen, vielleicht hätte ich auch die Gunst einer der Töchter gewinnen können. Kaum etwas wärmte einem die alten Knochen so gut wie eine junge Frau.

Die Tür zum Turm war nicht verschlossen. Ich musterte sie eingehend. Es war eine schwere Eichentür, mit Stahlbändern verstärkt und, soviel ich wusste, der einzige Zugang zum Turm. Vom Gastraum aus führte nur ein schmaler Gang hierher, so dass man kaum eine Ramme verwenden konnte, um die Tür einzuschlagen. Die Tür selbst war oben und unten im Stein verzapft. Ungewöhnlich war auch das schwere Schloss; selten sah man Derartiges an abgelegenen Orten wie diesem. Es erschien mir alt, aber mit großem Geschick gefertigt. Dieses Schloss war nicht das Einzige, was die Insassen des Turms zu schützen vermochte: Der innen liegende Riegel bestand aus solidem Stahl, so schwer, dass man vermutlich zwei Männer brauchte, um ihn vorzulegen. Oder einen, wenn er nur verzweifelt genug war.

Wir tauschten einen Blick, Lea und ich. Der Stein des Turms war mehr als angemessen für seine Aufgabe, etwa die doppelte Breite eines erwachsenen Mannes, gut und sauber verfugt. Wer auch immer den Turm gebaut hatte, wusste, was er tat, der Stein hatte sich so gut wie gar nicht gesetzt, und die Fugen zwischen dem Stein waren zu fein, um die Klinge eines Dolches einzuführen.

Durch die stabile Tür gelangten wir in den unteren Raum des Turms. Eine steile Leiter führte zum nächsten Stockwerk, höher über unseren Köpfen als üblich. Eine Festung war das nicht, aber mit den bescheidenen Mitteln, die einem Gasthof zur Verfügung standen, hatte jemand auch daran gedacht.

Lea berührte mich mit ihrer Hand und wies mich auf den Fuß der Leiter hin.

Die Sprossen waren ausgetreten, die Leiter selbst ziemlich massiv. An den Seiten waren noch die eisernen Ringe zu erkennen, durch die einst ein Seil nach oben geführt hatte. Schon vor langer Zeit hatte jemand die Leiter mit groben Zargen im Boden befestigt, vielleicht hatte sie ihm zu sehr gewackelt. Sollte jemand danach trachten, diesen Raum zu erstürmen, war es nicht mehr möglich, die Leiter nach oben zu ziehen, auch wenn der Baumeister es einst so beabsichtigt hatte.

Hinter der Leiter führte eine offene Falltür in den Keller. Ich warf nur einen kurzen Blick hinein; er zeigte mir den Keller voller Säcke und Fässer mit versiegelten Spundlöchern: Vorrat für den Winter war wohl genug vorhanden.

Im ersten Stock fanden wir die Quartiere des Wirts, drei kleine Zimmer, eines für ihn, eines, das ihm wohl als Arbeitszimmer diente, und eines für seine drei Töchter, alle an den Kamin angrenzend, an welchem sich die Wendeltreppe nach oben anlehnte.

Wir hörten Schritte unter uns, tauschten einen weiteren Blick und wichen an die Wände zurück. Wer auch immer die steile Stiege heraufkam, würde mich sehen und Leandra im Rücken haben.

Es war nur der Wirt, gekommen, um sein Bett abzubauen. Er sah mich ängstlich an.

»Guter Mann, wir wollen nur auf den Turmfried, einen Blick auf das Wetter werfen.«

»Dies sind meine privaten Räume. Ich erlaube … ich möchte nicht, dass sich Gäste hier aufhalten.«

»Ich verstehe. Aber wir verfolgen keine üble Absicht. Sagt, guter Mann, habt Ihr vielleicht irgendwo zweimal dreißig Fuß an Seil, das die Last eines Ochsen tragen könnte?«

Verunsichert nickte er. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. »Ja, sicherlich. Im Stall müsste so etwas zu finden sein. Warum?«

Ich fuhr mit der Hand über die hölzerne Winde, die hinter mir, gegenüber der stabilen Falltür, welche den Aufgang verschließen konnte, an die Wand montiert war. Sie war alt, das Holz schon gedunkelt, und hier und da hatten sich Spinnweben angesammelt. Aber ich hegte keinen Zweifel daran, dass sie noch funktionierte.

»Es wäre vielleicht von Vorteil, wenn man die Stiege hinaufziehen könnte.« Ich sah, wie sein Blick meiner Hand folgte, die Stiege und die Winde musterte und dann erschreckt zu mir zurückkehrte. Seine Augen weiteten sich, als er sich der Bedeutung meiner Worte bewusst wurde.

»Meint Ihr, es wird dazu kommen?«, fragte er.

»Vielleicht. Vielleicht opfern sich auch Eure Töchter.« Lea gab einen erbosten Laut von sich. Ich sah zu ihr hinüber, und ihre Augen funkelten wieder.

»Ich würde das nicht wollen.« Die Stimme des Wirts war leise. Ich konnte ihn verstehen. Hätte ich Töchter, ich wollte sie nicht im selben Land mit diesem Halunkenpack wissen, und seine befanden sich im selben Raum.

»Besorgt das Seil, löst die Krampen«, teilte ich ihm mit. »Nur zur Vorsicht. Heute Nacht wird wohl kaum etwas passieren, noch habt Ihr Zeit. Nutzt sie, um Euch vorzubereiten.«

Er war nun bleich im Gesicht, aber er nickte.

Ich wandte mich der Treppe zu, mit der Absicht, den Turm weiter zu erkunden, als er mich am Ärmel fasste.

»Herr, wenn es so weit kommen sollte, mögen die Götter verhindern, dass es geschieht, aber, Ser, Sera, werdet Ihr mir helfen? Ich weiß, dass wir nur unbedeutende Freibauern sind, aber ich liebe meine Töchter, und sie können nichts dafür, in unbedeutendem Stand geboren zu sein.«

Ich sah auf seine Hand hinunter, die sich nun langsam von meinem Ärmel löste.

»Sehe ich aus, als wäre ich in hohem Stand geboren?«

»Nein. Aber ich weiß, dass Ihr viele Sprachen sprecht, lesen und schreiben könnt, und ich sah, wie Ihr zu essen pflegt. Kein Freibauer hat diese Tischsitten.« Er wurde rot. »Ich bat sogar meine Töchter, besonders aufmerksam an Eurem Tisch zu bedienen, damit sie lernen, wie man am Hofe speist.«

Ich spürte Leas Blick in meinem Rücken, sah die Augen des Wirts und musste lächeln ob seiner Einschätzung, auch wenn mir nicht wirklich nach Lächeln war.

»Gut. Aber wie kommt Ihr darauf, dass es unser Stand ist, der uns beeinflussen würde, Euch zu helfen oder nicht?«

Er senkte den Blick zu Boden. »Es war nur eine Frage, Ser, geboren aus dem verängstigten Herzen eines Vaters.«

»Wollt Ihr meine Meinung hören?«, fragte ich den Mann. Er sah hoffnungsvoll zu mir auf und nickte.

»Ihr solltet nachsehen, wie es um Eure Vorräte hier bestellt ist. Vielleicht ist nicht alles hier, was Ihr braucht, vielleicht sind andere Waren woanders verteilt. Seht zu, dass die Stiege wieder hochgezogen werden kann. Haltet Waffen, hauptsächlich Armbrüste, sofern Ihr sie besitzt, bereit. Schlaft hier, schließt die Tür unten, wenn Ihr Euch zur Ruhe begebt, und vergewissert Euch, dass niemand im Turm auf Euch wartet, wenn Ihr Euch hierher zurückzieht.«

»Und meine Mädchen?«

Ich zögerte einen Moment. Was sollte ich ihm raten? Mir erschien es am ungefährlichsten, wenn sich die Mädchen den Wünschen der Männer fügten. Taten sie es nicht, befürchtete ich, dass die Männer sich trotzdem nahmen, was sie wollten, doch dann mit Gewalt. Ich sah die ängstlichen Augen des Wirts auf mir ruhen und entschloss mich, ihm eine Antwort zu geben, die mir so einfühlsam wie möglich erschien.

»Sprecht mit ihnen. Macht ihnen klar, was sie erwartet. Sollte etwas passieren, so soll eine jede direkt hierher fliehen, wenn sie das noch kann. Denkt nicht an Kampf. Und diejenige, die als Erste ergriffen wird, soll Zeit kaufen für ihre Schwestern. Vielleicht ist ihr der Gedanke ein Trost, dass ihnen nicht das Gleiche widerfährt.«

Der Wirt blickte hoch zu mir. »Ihr seid ein kalter Mann, Ser.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was passieren wird. So rettet Ihr vielleicht zwei von dreien. Überlegt es Euch.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich wäre kein Vater, der den Göttern mit erhobenen Augen entgegentreten kann, könnte ich so entscheiden.«

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. »Nicht Ihr entscheidet. Ich sagte nicht, dass Ihr eine Eurer Töchter den Wölfen zum Fraß vorwerfen sollt. Ich sagte, Ihr sollt die anderen retten. Darin liegt ein Unterschied.«

»Ja. Ich sehe ihn wohl. Aber er liegt nicht im Ergebnis. Dennoch danke ich Euch für Euren Rat. Ich werde beten, dass ich ihn nicht beherzigen muss.« Er machte eine Geste hin zur Treppe. »Geht und seht, was Ihr zu sehen wünscht. Ich wäre den hohen Herrschaften verbunden, wenn ich mein Heim bald wieder mein Eigen nennen könnte.« Noch lieber hätte er uns der Räume verwiesen.

Ich nahm die Hand von seiner Schulter. Er wich mir nicht aus. Hier stand ein Mann vor mir, dachte ich, der gerade eine Entscheidung gefällt hatte.

4. Eine überflüssige Lektion

Ich ging die steile Treppe hinauf. Hier fand sich, was der Familie des Wirts wohl als Wohnzimmer diente. Hier, so weit über dem Boden, waren auch die ersten Fenster des Turms, geschlossen im Moment, die Fugen der schweren Läden mit getalgtem Leinen abgedichtet.

Es war ein großer Raum, dominiert von einem Kamin, groß genug, dass ich darin hätte stehen können. Eine Wand war von geschichtetem Holz verdeckt.

Auf einem Ständer neben einem der Fenster befand sich ein dicker Foliant mit dem Zeichen der Einigkeit, dem goldenen Dreieck, auf dem Einband. Ein gläubiger Mensch, unser Wirt. Ich schlug den Einband auf.

Auf der linken Seite sah ich in feiner Schrift seine Ahnenreihe. Er hieß Eberhard, die Töchter Sieglinde, Maria und Lisbeth. Irgendwie gefiel es mir nicht, dass ich nun ihre Namen kannte.

Sieglinde musste die Blonde sein, mit dem netten Lächeln. Sie knickste immer, wenn ich ihr einen Kupfer Trinkgeld gab. Sie war zwei Jahre älter als die nächstjüngere Schwester. Maria war brünett, hilfsbereit, fleißig. Sie lächelte nicht so häufig wie Sieglinde, verhielt sich eher still, aber ihre Augen blickten aufmerksam und ihr Lachen klang hell und rein. Lisbeth war die Jüngste, gerade erst vierzehn, sehr scheu und zurückhaltend.

Auf der anderen Seite des Buchs sah ich das Dreieck. Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit: die drei Spitzen.

»Ihr seid herzlos und kalt, Havald«, vernahm ich Leas Stimme hinter mir. Sie war an mich herangetreten und musterte ebenfalls das Buch der Götter. »Ich für meinen Teil werde nicht stillhalten, wenn man den Mädchen Gewalt antut«, sagte sie mit entschlossener Stimme.

Ich klappte das Buch zu, legte es zurück an seinen Platz und drehte mich zu ihr um. »Seht Ihr diesen Webstuhl dort? Ich denke, es ist Sieglinde, die hier webt. Genau wie das Garn, das sie spinnt, oder der Stoff auf dem Webstuhl, ist unser aller Leben eingewoben in das Tuch des Schicksals. Nichts passiert, was nicht vorbestimmt ist. Es bleibt uns nur, es dem Schicksal so schwer wie möglich zu machen, uns zu erwischen.«

»Und? Ich kenne niemanden, der nicht möchte, dass er seines eigenen Schicksals Herr ist.«

»Sicher.« Meine Stimme klang bitter. »Was soll ich ihm sagen, unserem guten Wirt? Dass er hätte vorsichtiger sein sollen? Dass er mehr Wachen hätte anheuern sollen? Geübtere vor allem? Dass er die Mädchen hätte wegschicken sollen? An einen sichereren Ort? Ich kenne die Antworten. Er kann sich keine professionellen Wachen leisten, seine Töchter sind ihm eine Hilfe hier im Gasthaus, er liebt sie und hat sie gerne um sich, und bisher ist nie etwas geschehen. Das Wirtshaus ist gut besucht, und häufig sind hier Gäste, die durch ihre Anwesenheit dem Haus Schutz gewähren. Er ist Freisasse, dieses Land gehört ihm, er zahlt seinen Zehnten an den Grafen. Der Graf selbst gilt als ehrbar. Wenn hier etwas geschieht, wird der Graf einen Trupp Soldaten den Räubern hinterherschicken. Finden die Soldaten sie, werden sie gehängt. All dies ist Schutz genug. Aber nicht, wenn Lämmer mit Wölfen eingeschneit werden. Dann kommen die Wölfe auf dumme Ideen.«

Sie blickte entschlossen zu mir auf. »Wir könnten es verhindern. Zusammen mit den Wachen der Händler und denen der adligen Reisegesellschaft sind wir dreizehn. Gegen neun, vielleicht sogar nur sechs. Ich denke, dass wir es mit zwei Gruppen zu tun haben. Wir könnten sie überwältigen, sie bis zum Ende des Sturms in einen Keller sperren, und die Gefahr wäre gebannt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn, dann muss man sie hängen. Lässt man sie laufen, werden sie zurückkehren und Rache üben.« Ich sah ihr an, dass diese Einsicht ihr schwer fiel. »Denkt darüber nach, was sie wollen. Vielleicht haben sie keinen Funken Anstand mehr im Leib, dann morden und brandschatzen sie. Aber ich denke eher, dass sie nur plündern wollen. Sie möchten bedient werden, ihren Spaß haben, das Gold des Wirts stehlen, und dann, wenn der Schnee zurückgeht, ihres Weges ziehen. Der Rat, den ich dem Wirt gab, ist falsch. Es wird sie erbosen, vor der verriegelten Tür zu stehen. Sie werden es an dem Mädchen auslassen, das sie vielleicht gerade in ihren Händen haben, vielleicht ihm mit dem Tode drohen. Tatsächlich ist es am gescheitesten, ihnen zu geben, was sie wollen, und sie ziehen zu lassen. Wenn man noch lebt, kann man hinterher seine Wunden lecken und das Leben neu gestalten. In kalter Erde ist der Trost von göttlicher Gnade gering.«

»Und was werdet Ihr machen, wenn sie Euch auffordern, ihnen Euer Gold zu geben?«

Ich lachte. Die Vorstellung war absurd. »Wie kommt Ihr darauf, dass ich welches besitze? Ein paar armselige Silberstücke kann ich zu ihrer Kriegskasse beisteuern, wenig genug, um damit mein Leben zu bezahlen.«

»Das Ihr nicht mehr schätzt und von dem Ihr sagt, dass es vielleicht bald vorbei ist. Ist es nicht besser verwendet, wenn Ihr diesen armen Menschen helft? Wenn Ihr Euer Leben nicht mehr schätzt, sie schätzen das ihrige sehr wohl.«

Ich blickte sie an, und sie sah wohl die Verblüffung in meinem Gesicht. »Wie alt, habt Ihr gesagt, seid Ihr?«

»Ich sagte nichts.« Sie warf trotzig den Kopf in den Nacken. »Aber, wenn Ihr es denn wissen wollt, ich bin zwei Dutzend und vier Jahre alt. Seit drei Jahren trage ich den Rang einer Maestra. Seit meinem sechsten Jahr trainiere ich mit der Klinge, seit knapp einem Jahr bin ich an Steinherz gebunden.«

»Und wann habt Ihr Eure Unschuld verloren?«

Ich musste meinen Kopf nur leicht bewegen, um ihrem Schlag auszuweichen. Zum einen ahnte ich schon, wie sie reagieren würde, zum anderen kündigte sie ihre Absicht deutlich an.

»Das geht Euch nichts an«, fauchte sie, während ihre Hand herabsank und sich zur Faust ballte. »So gut kennen wir uns nicht.«

»Also gar nicht«, stellte ich fest. Sie funkelte mich wütend an, und ich hob abwehrend meine Hand. »Aber von diesem kostbar behüteten Gut spreche ich gar nicht. Worauf ich hinauswollte, ist, zu erfahren, wann Ihr Steinherz zum ersten Mal das Herzblut eines Feindes gegeben habt?«

Sie blieb stumm.

»Noch gar nicht?« Ich war erstaunt. Sie war weit gereist, und ich hätte nicht gedacht, dass sie auf keine Gefahr gestoßen war.

»Musstet Ihr auf Eurem Weg nicht kämpfen?«, fragte ich sie ungläubig.

»Doch«, zischte sie durch zusammengebissene Zähne. »Manche wollten einfach nicht glauben, dass ich mich verteidigen kann.«

»Aber Ihr habt ihr Leben verschont?«

Sie nickte langsam.

»Was habt Ihr getan? Sie niedergeschlagen und ihnen anschließend aus dem Guten Buch vorgelesen?«

»Ich habe die linke Ferse eines jeden gelähmt. Sie hatten es verdient.«

»In Eurer Gnade habt Ihr sie also verkrüppelt. Manche hätten es wohl vorgezogen, gehängt zu werden. Andere wiederum werden jede Nacht zu Soltar beten, dass er ihnen eine Gelegenheit bietet, Euch in die Finger zu bekommen.«

Eine instinktive Bewegung, so lange geübt, dass ich sie nicht einmal mehr bewusst wahrnahm, schüttelte meinen besten Dolch aus meinem Ärmel. Lea hatte gute Reflexe, Steinherz sprang in ihre Hand, gerade als mein Stahl ihre Kehle berührte. Sie stand da, in der klassischen Haltung eines Schwertkämpfers, bereit für den Drachenschlag, von schräg rechts oben nach links unten. Führte sie ihn aus, würde mein Körper in zwei Teile gespalten vor ihr auf den Boden sinken. Oder aber mit ihr, denn ich hätte noch die Zeit gehabt, ihr meinen Dolch durch die Kehle ins Hirn zu rammen.

Ihre Augen sahen mich entschlossen an, die Augenbrauen zusammengezogen zu einem fahlen Strich. Sie war ruhig, der Mund entschlossen, sie wartete konzentriert auf ihre Gelegenheit. Fasziniert beobachtete ich, wie sich ein Tropfen Blut von ihrer blassen Haut löste und die Klinge meines Dolches herunterrann.

Die Augen des Drachen am Knauf ihres Schwerts leuchteten, die Klinge wusste mehr als sie. Ich kannte Steinherz nicht, und bevor es mir meinen Plan vermasselte, handelte ich. Während sie mir entschlossen in die Augen sah, hatte ich meinen Fuß positioniert. Ich war vielleicht alt, nicht mehr der Schnellste, aber Alter und Erfahrung haben Jugend und Tollkühnheit schon immer geschlagen.

Dennoch trennte mir Steinherz’ Klinge eine Locke ab, als ich mich zur Seite rollte und Lea niederfiel.

Nein, ich stach sie nicht nieder. Es war der Knauf meines Dolches, der sie hinter dem Ohr traf, und genau dieser Zeitraum, den ich dafür brauchte, den Griff zu wechseln und zuzuschlagen, war es, der es Steinherz erlaubte, mein Haar zu berühren. Auf dem Boden lagen ein Teil meiner Kapuze, ebenfalls sauber abgetrennt, sowie Leas Bannklinge. Ich wusste es besser, als sie mit bloßer Hand zu berühren. Ich schob die Klinge mit dem Fuß beiseite und glaubte trotzdem ihre Wut zu spüren.

Leandra lag vor mir, und als ich sie so ansah, regte sich tief in mir etwas lang Vergessenes, vielleicht sogar Totgeglaubtes. Sie lag reglos da, so wie mein Schlag sie niedergestreckt hatte. Ihr Haar glänzte im Licht der einsamen Talgkerze, die diesen Raum notdürftig erhellte, ihre Augen waren geschlossen, das Gesicht friedlich. Der Kettenmantel betonte jede Linie ihres Körpers, folgte dem sanften Schwung ihrer Hüfte, betonte die anmutigen Linien ihrer Beine und Arme.

Sie sah aus, als ob sie schliefe.

Ich bückte mich und nahm den Teil meiner Kapuze auf. Ich musste daran denken, die Kapuze wieder zu flicken. Mein Kopf fühlte sich an dieser Stelle schon jetzt kühl an.

Vor dem Spinnrad stand Sieglindes Stuhl, einfach, wie jedes der Möbel hier. Ich zog ihn heran und ließ mich auf ihm nieder, meinen ledernen Packen quer über die Oberschenkel gelegt, und wartete. Von unten hörte ich den Wirt rumoren. Was er sich dabei gedacht haben mochte, als er es über sich poltern hörte, wusste ich nicht. Auf jeden Fall hatte er sich entschieden, nicht nachzusehen.

Es dauerte eine Weile, bis Lea ihre violetten Augen wieder aufschlug. Zeit genug für mich, einigen sinnlosen Gedanken nachzuhängen. Warum hatte ich das eben getan? Wollte ich ihr eine Lektion erteilen? Ihr einen Gefallen tun? Oder ihr einfach nur beweisen, dass ich, entgegen meiner eigenen Aussagen, nicht gar so verbraucht und unnütz war, wie ich es vorgab zu sein.

Als sie erwachte, bewegte sie den Kopf nur wenig und musterte mich.

»Wenn Ihr mir zeigen wolltet, dass es ein Fehler ist, jemandem zu vertrauen, den ich nicht kenne, dann darf ich Euch gratulieren.« Ihre Stimme war betont neutral. »Wollt Ihr die Lektion fortführen? Vielleicht wollt Ihr Euch ja auch an mir vergehen?«

Die Bewegung ihrer Schulter war fast nicht zu sehen. Aus meiner Position heraus konnte ich ihre rechte Hand nicht erkennen, sie lag hinter ihrem Körper verborgen, aber dennoch wusste ich, was sie tat. Abgesehen davon sah ich den Lichtschein. Ich hob die Hand.

»Ihr könnt von einer Vorführung Eurer arkanen Macht absehen. Nachdem ihr Euch als Maestra vorgestellt habt, kommt auch der dümmste Brigant auf die Idee, Euch die Finger zu brechen, bevor er sich mit Euch vergnügt.«

Sie rollte sich herum und hielt die rechte Hand hoch. Über ihrem Handteller schwebte ein kleiner weißer Lichtpunkt. Kaltes Licht, so kalt, dass mich der Anblick frösteln ließ.

»Eis?«, fragte ich.

Sie stand auf und blickte auf ihre Hand hinab. Langsam schlossen sich ihre Finger um den Lichtschein, bis er in ihrer Hand versiegte.

»Ja, Eis. Je nachdem, wie gut Eure Gesundheit ist, wärt Ihr für einige Zeit gefroren oder vielleicht auch für immer.«

Ich nickte. »Ich erinnere mich. Eis ist ein sehr beliebter Zauber. Nicht tödlich, aber effektvoll und funktioniert fast immer. Besonders im Sommer. Im Winter dagegen eher seltener. Das hat wohl etwas mit der Balance der Magie zu tun, aber ich glaube gehört zu haben, dass er im Winter nicht einmal bei jedem zweiten Versuch funktioniert.«

Ich konnte es kaum glauben, aber ich schwöre, sie wurde rot. Sie sah zu Boden. Abwesend öffnete sie eine Hand, und Steinherz sprang vom Boden hoch. Die Klinge glänzte fahl, als sie den Griff erfasste. Sie zog die Schneide über ihren linken Handteller, und wir sahen beide zu, wie ihr Blut von dem blassen Stahl aufgesogen wurde. Dann erst versenkte sie das Schwert wieder in der Scheide. Sie leckte über die Wunde an ihrer Hand, schloss versuchsweise die Finger und ballte sie dann zur Faust zusammen.

»Ich sollte wohl mehr mit Feuer arbeiten«, sagte sie dann leise.

»Ja. Feuer ist Furcht erregend und mächtig. Gerade im Winter. Jedes Wesen hat Angst vor dem Feuer. Wenn es so weit kommen sollte, lasst die Flammen für Euch sprechen. Verbrennt ihnen die Augen.«

»Euer Rat an mich?«

»Ja. Mein Rat an Euch.«

»Und sollte ich verlieren, sollten sie über mich herfallen, was werdet Ihr dann tun?«