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Beschreibung

Fünfzehn Historiker aus dreizehn Ländern Europas legen das erste grenzüberschreitende Geschichtsbuch von europäischem Format vor. In ihrem herausragenden Werk verortet sich das alte und neue Europa historisch und entwirft seine Leitlinien für das 21. Jahrhundert. Schon immer war Europa einem Prozess ständigen Wandels unterworfen – von den ersten Besiedlungen, der griechischen und römischen Antike über die Renaissance, die Reformation und die Aufklärung bis hin zur Moderne. Die fünfzehn Autoren widmen sich der europäischen Geschichte in ihrer gesamten Breite aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie alle schreiben mit an der Geschichte des Anderen, des Nachbarn, sei er geographisch nah oder fern, sei er ein früherer Feind oder ein gelegentlich schwieriger Freund. Damit wird dem Leser ein einzigartiges Panorama vor Augen geführt, das sich im Geiste der europäischen Toleranz entfaltet. Die Autoren Jacques Aldebert (Frankreich) Johan Bender (Dänemark) M. Jan Krzysztof Bielecki (Polen) Jiri Gruša (Tschechien) Scipione Guarraccino (Italien) Ignace Masson (Belgien) Kenneth Milne (Irland) Foula Pispiringou (Griechenland) Juan Antonio Sanchez y García Saùco (Spanien) António Simões Rodrigues (Portugal) Ben W. M. Smulders (Niederlande) Dieter Tiemann (Deutschland) Robert Unwin (Großbritannien) Edgar Wolfrum (Deutschland) Redaktion: M. Jan Kieniewicz (Polen)

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EPUB

Seitenzahl: 878

Veröffentlichungsjahr: 2019

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DAS EUROPÄISCHE GESCHICHTSBUCH

Von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert

Eine europäische Initiative von Frédéric Delouche

Impressum

Die Originalausgabe von 1992 entstand in Kooperation von Verlagen aus mehreren europäischen Ländern unter Federführung des Verlags Hachette Livre, Paris, unter dem Titel »Histoire de l’Europe«.

Die deutsche Ausgabe erschien erstmals 1992 unter dem Titel »Europäisches Geschichtsbuch« im Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart, und wurde von Dr. Jochen Grube übersetzt sowie von Dr. Renate Warttmann und Professor Dr. Dieter Tiemann redaktionell bearbeitet. Seit 1998 wird das Werk unter dem Titel »Das europäische Geschichtsbuch« im Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, verlegt. 2011 erschien die erste Auflage der völlig neu gestalteten, von Dr. Renate Warttmann durchgesehenen und von Dr. Edgar Wolfrum erweiterten Ausgabe des »Europäischen Geschichtsbuchs«.

Die Erweiterung und Aktualisierung von Kapitel 12 der vorliegenden Ausgabe von 2018 hat Professor Dr. Edgar Wolfrum vorgenommen.

Alle Abbildungen, die in diesem Band enthalten sind, werden mit freundlicher Genehmigung des Archivs für Kunst und Geschichte (akg-images, Berlin) verwendet und abgedruckt. Ein detailliertes Abbildungsverzeichnis befindet am Ende.

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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 1992, 1998, 2011, 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg, unter Verwendung des

Gemäldes »Der Raub Europas« von Jean Cousin d. J. aus dem

Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin © akg-images / Manuel Cohen.

Kartographie und Schaubilder: Rudolf Hungreder, Leinfelden

Historische Karten: Historic Maps, Hamburg

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96257-4

E-Book: ISBN 978-3-608-11098-2

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

15 Autoren aus 13 Ländern Europas

M. Jan Kieniewicz (Redaktionelle Beratung; Polen)

Jacques Aldebert (Frankreich)

Johan Bender (Dänemark)

M. Jan Krzysztof Bielecki (Polen)

Jiři Gruša (Tschechien)

Scipione Guarraccino (Italien)

Ignace Masson (Belgien)

Kenneth Milne (Irland)

Foula Pispiringou (Griechenland)

Juan Antonio Sanchez y García Saùco (Spanien)

António Simões Rodrigues (Portugal)

Ben W. M. Smulders (Niederlande)

Dieter Tiemann (Deutschland)

Robert Unwin (Großbritannien)

Edgar Wolfrum (Deutschland)

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Verlegers

Wesenszüge Europas

1. Die geographische Eigenart Europas

2. Sprachliche Vielfalt – Ursache der Zersplitterung?

3. Eine europäische Zivilisation und viele europäische Kulturen?

4. Der Zusammenschluss – Wirtschaft und Soziales

Fragen an die europäische Geschichte

KAPITEL1Von der Tundra zum Tempel (Ur- und Frühgeschichte – 4. Jahrhundert v. Chr.)

1. Die ersten Menschen in Europa

2. Die ersten Bauern in Europa

3. Die Metallzeit und der Handel im Mittelmeerraum

4. Die griechische Kolonisation

5. Neue Machtzentren in Europa

6. Die klassische Antike

7. Einheit oder Teilung?

KAPITEL2Das Römische Weltreich (6. Jahrhundert v. Chr. – 5. Jahrhundert n. Chr.)

1. Rom: Von den Dörfern auf den sieben Hügeln zum Weltreich

2. Ein römisches Europa

3. Invasionen und Veränderungen: Auf dem Weg zu einem neuen Europa

KAPITEL3Das Byzantinische Reich und das Abendland (6.–11. Jahrhundert)

1. Justinian und das Byzantinische Reich im 6. und 7. Jahrhundert

2. Byzanz und die neuen europäischen Mächte im 8. und 9. Jahrhundert

3. Erneutes Aufblühen des Byzantinischen Reiches, 10. und 11. Jahrhundert

4. Der Westteil Europas im 10. und 11. Jahrhundert

5. Religiöses Leben im Osten und Westen, 6.–11. Jahrhundert

KAPITEL4Das christliche Europa im Mittelalter (11.–13. Jahrhundert)

1. Europa und die Christenheit im Mittelalter

2. Europa und das Lehnswesen

3. Kaiser und Päpste

4. Städte und Straßen

5. Die Europäer außerhalb Europas

6. Kulturelle Einheit und politische Zersplitterung

KAPITEL5Die Renaissance – Krise und Aufbruch (14.–15. Jahrhundert)

1. Die Wirtschaft

2. Die Gesellschaft

3. Politik und Verwaltung

4. Religion und Geistesleben

5. Kulturelle Veränderungen

KAPITEL6Begegnung mit der Welt (15.–18. Jahrhundert)

1. Anfänge und Bedingungen der europäischen Expansion

2. Die Entdeckungen der Spanier und Portugiesen, 15. und 16. Jahrhundert

3. Die Entdeckungen der Engländer, Franzosen und Holländer, 15.–18. Jahrhundert

4. Die Entstehung der Kolonialreiche

5. Weltumspannende Wirtschaftsbeziehungen

6. Begegnung der Kulturen

KAPITEL7Reformation und Absolutismus (16. und 17. Jahrhundert)

1. Die Renaissance: Europa lernt von Italien

2. Die Glaubensspaltung

3. Gegenreformation und Erneuerung der Katholischen Kirche

4. Europa im Zeitalter der Glaubenskämpfe

5. Europa im Zeitalter des Absolutismus

KAPITEL8Die Aufklärung und die Ideen der Freiheit (1700–1815)

1. Bildung durch Lehr- und Wanderjahre – eine europäische Erziehung

2. Dynastien und Kriege

3. Gesellschaft und Wirtschaft

4. Die Aufklärung

5. Von der »Boston Tea Party« zum Sturm auf die Bastille

6. Aufstieg und Sturz Napoleons

KAPITEL9Europa auf dem Weg in die Moderne (Das 19. Jahrhundert)

1. Liberalismus und Nationalismus

2. Bevölkerung und Verstädterung

3. Veränderungen in der Landwirtschaft

4. Die Industrialisierung Europas

5. Politische Ordnungen und soziale Reformen

6. Kunst und Kultur im 19. Jahrhundert

KAPITEL10Auf dem Weg zur Selbstzerstörung (1900–1945)

1. Europa um 1900

2. Der Erste Weltkrieg, 1914–1918

3. Die europäische Nachkriegsordnung

4. Zwischen Aufbruch und Krise

5. Kriegsvorbereitungen

6. Der Zweite Weltkrieg, 1939–1945

KAPITEL11Von der Teilung zur Öffnung (1945–1985)

1. Das zerstörte, geteilte und von anderen Mächten beherrschte Europa, 1945–1962

2. Der Wiederaufbau, 1947–1960

3. Stillstand im Osten – Wohlstand im Westen, 1960–1974

4. Krisen und Lösungsversuche, 1974–1985

KAPITEL12Rückkehr, Verwandlung und Krise Europas (1985−2018)

1. Integration im Westen – Revolution im Osten, 1985−1989

2. Das Ende der »Zwei Europas« und die neue Weltordnung

3. Kultur im Aufbruch und neuer Zeitgeist

4. Neue Kriege innerhalb und außerhalb Europas

5. Die Währungsunion in der Zerreißprobe

6. Die Flüchtlingskrise spaltet Europa

7. Europa wird von Terroranschlägen erschüttert

8. Europa in globaler Verantwortung

9. Sterben die Europäer aus?

10. Die Europäische Union aus den Fugen

11. Wohin treibt Europa?

Bild- und Kartennachweis

Vorwort des Herausgebers

Dreißig Jahre sind vergangen, seit dieses Buch zum ersten Mal erschien, zwanzig Jahre seit der zweiten Ausgabe. Und nun darf ich mit Stolz und Freude die dritte, überarbeitete und erheblich erweiterte Ausgabe vorstellen, die von Klett-Cotta exzellent neu gestaltet wurde – Respekt und besonderer Dank für die meisterhafte Ausführung des neuen Layouts!

Die Veränderungen in Europa vollziehen sich immer schneller, das rechtfertigt diese neue Ausgabe. Theoretisch ist Europa jetzt zwar eine Union, nicht jedoch faktisch, fehlt doch ein ganz entscheidender Bestandteil jeder Union: das Gefühl, zur selben ökonomischen, kulturellen und vor allem politischen Welt zu gehören. Meiner Meinung nach fehlt die politische Dimension, weil nicht dafür gesorgt wurde, dass Bildung im allerweitesten Sinn ihren vitalen Beitrag dazu leisten konnte, das Denken sämtlicher Europäer für das zu öffnen, was Union letztlich bedeutet. Wir sind ein kulturell vielfältiger Kontinent, und doch teilen wir uns eine Zivilisation, die über Jahrhunderte hinweg sowohl von inner- als auch von außereuropäischen Einflüssen geprägt wurde, die in unsere gemeinsame Zivilisation integriert wurden.

Es fällt klugen Köpfen leichter, Zweifel zu säen, als Zuversicht zu stärken. Aber die Europäische Gemeinschaft steht für einen Akt der Zuversicht, der alte Rivalen dazu brachte, sich aus eigenem freien Willen an einen Tisch zu setzen. Es wäre tragisch, wenn dieses Experiment wechselseitigen Verstehens und gemeinsamen Vorgehens scheitern würde. Unsere Autoren glauben daran, dass überkommene Vorurteile und verzerrte Geschichtsbilder keinen Anteil daran haben sollten, Europäer voneinander zu trennen.

Die noch anhaltende Krise des Euro zeigt in aller Deutlichkeit, wie brüchig der politische Zement der EU geworden ist. Jean Monnet, einer der Väter Europas, sagte: »Les hommes passent mais les institutions perdurent.« »Menschen kommen und gehen, Institutionen bleiben.« Vielleicht war es voreilig, den Euro einzuführen, ohne zuvor das Denken der Europäer auf die Verantwortlichkeiten einzustimmen, die es mit sich bringt, für viele unterschiedliche Länder und Volkswirtschaften eine einzige Währung zu haben. Andererseits hat sich beispielsweise der US-Dollar in einer Nation aus Staaten bewährt, die in ökonomischer, sozialer, kultureller, ja selbst politischer Hinsicht fast genauso viel trennte wie einige unserer alten europäischen Nationen: Denn dort gab es einen politischen Willen, Teil der USA, also eines vereinten Gebildes zu sein, und diese Bereitschaft wurde und wird sämtlichen US-Bürgern anerzogen, seien sie nun dort geboren oder in die USA eingewandert. Natürlich ist die Geschichte der USA eine andere, doch es lässt sich an ihr der Wille zur Einheit ablesen.

Solange es keine klare Vision davon gibt, wohin Europa in einer globalisierten Welt technologischen und ökonomischen Wandels, bei zunehmender Distanz zu den Vereinigten Staaten, dem gefährlichen Agieren Russlands, dem machtpolitischen Anspruch Chinas, der weltweiten Rückkehr des Nationalismus und angesichts des angekündigten Brexits unterwegs ist, sollten wir uns nicht zuletzt auf die Vergangenheit stützen, um uns den Weg nach vorn weisen zu lassen, war Europas Vergangenheit doch selbst ein Prozess ständigen Wandels. Vor nur wenigen Jahrhunderten bildeten die Regionen unserer heutigen Nationalstaaten noch nicht die Strukturen und boten auch noch nicht das Identitätsgefühl und die Sicherheit, die wir heute kennen. Daher sind unsere Autoren überzeugt, dass es wichtig ist, unsere gemeinsame Geschichte zu verstehen. Dieses Buch, in dem wir Europas Vergangenheit studieren, ist unser Beitrag zum Nachdenken über Europas Zukunft.

Ich möchte dem Verlag Klett-Cotta meinen Dank für sein ungebrochenes Vertrauen in unser Unternehmen aussprechen und ein weiteres Mal meiner Frau Diana für ihre unermüdliche, geduldige Unterstützung in all diesen Jahren danken.

Frédéric Delouche

Der »David« (1501–1504) des Michelangelo (1475–1564)

Vorwort des Verlegers

Beinahe 30 Jahre sind vergangen seit der großen revolutionären Wende, die Europa ein neues Gesicht und eine vehemente Dynamik gab – fast ein Menschenalter. In diesen Jahren ist historischer Stoff von einer Kraft zusammengekommen, wie man ihn erst nach einigem zeitlichen Abstand erfassen kann. Das 1992 erschienene »Europäische Geschichtsbuch« hatte die historischen Prozesse und Ereignisse von den Anfängen bis zur Großen Wende mit dem erfolgreichen Versuch zur Darstellung gebracht − eine Gestalt der Vielfalt in der Einheit europäischen Geschehens aufzuzeigen und damit nationalzentrierte Sichtweisen und Vorstellungen zu überwinden.

Es erscheint heute fast wie ein Wunder, dass ein französisch-britischer Europäer mit norwegischer Herkunft wie Frédéric Delouche in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts etwas wie Zeitgeistwitterung aufnahm und mit einem Team von 14 Historikern aus verschiedenen europäischen Ländern die 13 Kapitel der ersten Ausgabe erarbeitete. Sie erschien 1992 − als Schulbuch im Ernst Klett Verlag − und brachte es in Deutschland, wie in den meisten europäischen und vielen Ländern der Welt, zu hohen Auflagen. Diese Resonanz war erstaunlich, denn es war nicht unbedingt zu erwarten, dass die historiographischen Lösungen, die bei so unterschiedlich gewachsenen traditionellen Geschichtsauffassungen der wahrhaftig nicht immer friedlich rivalisierenden europäischen Nationen vom Publikum so aufgenommen würden, wie die Initiatoren sich dies erhofft hatten. Es waren nicht nur Schüler und erwachsene Leser, die diesem Werk Beifall spendeten, sondern auch die fachliche Kritik, darunter auch diejenige, die nicht dem europäischen Wirkungskreis angehörte.

1998 erschien eine neue, um das Dezennium der Großen Wende erweiterte Fassung des Europäischen Geschichtsbuchs. Das Werk war einer kompletten Revision an Text und Bild unterzogen worden. Da die erste Fassung, die den Schulen in Deutschland zugedacht gewesen war, infolge des beträchtlichen Medienechos 1992 auch vom großen Publikum nachgefragt wurde, erschien diese neue Ausgabe nun als Sachbuch im Verlag Klett-Cotta − mit stupendem Erfolg, was die vielen Nachdrucke belegen.

Die im kontemporären globalen Maßstab gesehenen, abenteuerlichen Entwicklungen zum Kontinent mit den Binnenmeeren und den zerklüfteten Küsten, seinen politischen Kleinklimaten und seinen gesellschaftlichen Biotopen bedurften einer neuen Fassung, also einer abermaligen Gesamtrevision und einer Fortschreibung. So liegt also eine dritte Fassung vor. Damit kann man in aller Bescheidenheit, aber nicht ohne Stolz sagen, dass das »Europäische Geschichtsbuch« selbst schon ein − wenn auch winziger − Bestandteil der historischen Entwicklung Europas ist.

Edgar Wolfrum (Heidelberg) schlägt im Schlusskapitel, das er seit 2011 betreut und fortschreibt, einen anderen Ton an. Das überrascht vor allem in Bezug auf das Tempo, mit dem Europa sich verändert hat – und dies alles bei einem bisher nie erreichten Lebensstandard, wie ihn eine lange Friedenszeit, die für Europa außergewöhnlich ist, mit sich bringt. Und doch steht die Europäische Union immer wieder auf dem Spiel – derzeit im Zuge der Migration und des angekündigten Austritts von Großbritannien aus der EU.

So leistet die aktuelle Fassung des »Europäischen Geschichtsbuchs« nicht nur Rückblick und Bewertung, sondern es setzt Erwartungen frei für die Etappe, die nun vor uns liegt.

Michael Klett

Alberto Giacometti (1901–1966) – »Vier Frauen auf einem Sockel« (1950)

Wesenszüge Europas

Ein harmonisches Europa Dieses Deckengemälde – »Die Auswirkungen der Guten Regierung« – entstand zwischen 1337 und 1339. Die Oberschicht präsentierte ihr Ideal vom Regieren, das sie der gesamten Bürgerschaft als vorbildlich und somit verbindlich vermitteln wollte. Das Gedeihen der Stadt zeigt sich in der Geschäftigkeit auf dem Marktplatz, dem Ort von Arbeit und Handel. Reichtum verrät auch die Umgebung mit Villen wohlhabender Städter. Die geflügelte Gestalt verkörpert die Sicherheit (»Securitas«). Der städtische Lebensraum mit Plätzen, Springbrunnen, Straßen, Häusern und Kirchen gehörte mehrere Jahrhunderte lang zu den Kennzeichen Europas.

In der griechischen Sage ist Europa die Tochter des Königs von Phönizien, der im heutigen Libanon herrschte. Zeus nahm die Gestalt eines Stieres an und entführte sie nach Kreta. Dort gebar sie ihm Minos, den späteren König von Kreta. Vielleicht versinnbildlicht diese Sage die Weitergabe der im Vorderen Orient schon weit entwickelten Kunst des Schreibens nach Griechenland.

Die Europa der griechischen Sagenwelt Die Schönheit Europas betörte Zeus, der sie entführte und zur Königin und Stamm-Mutter der minoischen Königsdynastie erhob.

Der Name »Europa« taucht zum ersten Mal in einem Text des griechischen Dichters Hesiod auf, der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebte. Aber die eigentlichen Gründe, warum unser Kontinent diesen Namen trägt, sind nicht bekannt. Die ungeklärte Herkunft des Wortes »Europa« – möglicherweise stammt seine Bedeutung von dem semitischen Wort für »Abend« her – hinderte bislang niemanden an der Verwendung dieses Begriffs.

Geographisch wird Europa durch seine Grenzen definiert, und diese dehnten sich aus, je genauer die Kenntnisse über den Kontinent wurden. Seine topographische Vielfalt und seine natürlichen Grenzen – wie Flüsse oder Gebirge – führten dazu, dass sich im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Sprachen und Kulturen herausbildeten, die ein wesentliches Merkmal für seine Aufteilung waren. Die dennoch vorhandenen Möglichkeiten der Verständigung innerhalb Europas erklären, warum die verschiedenen Kulturen unter dem Dach ein und derselben Zivilisation nebeneinanderleben.

Bereits in der Antike wurden Asien, Europa und Afrika geographisch voneinander unterschieden. Während der Perserkriege unter Dareios I. und Xerxes I. (5. Jh. v. Chr.) gegen die Griechen kam es zu einer Politisierung des Begriffs Europa, die sich später in der Bezeichnung »Europäer« für Karl Martell und seine Gefolgsleute nach den Siegen von Tours und Poitiers (732) über die Araber erneut niederschlug. Als politischer Begriff entwickelte sich Europa ebenfalls ständig weiter, wobei es in der Vergangenheit Zeiten einer relativen Integration, aber auch solche der Zersplitterung gab. Das hing nicht zuletzt davon ab, was sich die Europäer unter Europa vorstellten. Wahrscheinlich gibt es die Idee »Europa« erst seit kurzem als politische Zielvorstellung der Völker. Das hängt zweifellos damit zusammen, dass der Ausbau des innereuropäischen Transportwesens und die immer besseren Verkehrsverbindungen die Kontakte zwischen den Menschen der verschiedenen europäischen Nationen förderten. Und so begann eine gewisse – je nach sozialer Schicht abgestufte – Vereinheitlichung der Lebensweisen, die gleichermaßen Grund und Folge der europäischen Bemühungen um Einheit ist.

1. Die geographische Eigenart Europas

Europa – eine Halbinsel Eurasiens

Betrachtet man Europa von Asien aus, erscheint es wie die westliche Halbinsel der Alten Welt, genauer: des eurasischen Kontinents. In westöstlicher Richtung erstreckt es sich vom Atlantik bis zum Ural, der meist als europäische Ostgrenze bezeichnet wird. Von Nord nach Süd umfasst Europa sämtliche Regionen zwischen dem Nordkap und Kreta. Bis zum 17. Jahrhundert wurde Russland nicht als Teil Europas betrachtet. Erst Zar Peter der Große verband Russland mit Europa, als er auf Kosten Schwedens den Zugang zur Ostsee erzwang und seine neue Residenz Sankt Petersburg am Ostufer des Finnischen Meerbusens gründete. Zugleich dehnte er seine Macht über den Ural nach Osten aus. Tatsächlich wurde Russland an Europa ebenso aus politischen wie aus geographischen Gründen angebunden, denn jenseits des Ural verliert sich Europa in den unendlichen Weiten der sibirischen Steppen und Wälder, die sich über viele tausend Kilometer bis zur Mongolei, nach China und zum Pazifik erstrecken. Aber nicht allein die östlichen Grenzen Europas verlaufen fließend. Mag Europa aufgrund eines erdgeschichtlichen Zufalls insgesamt klar umrissen erscheinen, so erkennt man doch sehr schnell eine andere Wirklichkeit: Die Straße von Gibraltar wie auch der Bosporus trennen völlig gleich aussehende Landschaften in die Kontinente Europa und Afrika bzw. Europa und Asien.

Die Oberflächengestalt

Der europäische Kontinent besitzt bei weitem nicht so viele Großräume wie andere Erdteile, dafür aber eine unendliche Vielfalt von Landschaften. Er kennt weder die Eintönigkeit der nordamerikanischen Great Plains noch die Wüsten Afrikas, Asiens oder Australiens. Europa liegt – mit Ausnahme seines hohen Nordens und der russischen Tiefebenen – in der gemäßigten Klimazone: ein großer Vorteil für den Kontinent. Die Palette seiner Landschaften reicht von den noch unter dem Meeresspiegel liegenden Tiefebenen der Niederlande – daher das Sprichwort: »Gott erschuf die Erde, aber der Mensch die Niederlande« – bis zu den Gipfeln der Alpen, den spanischen Sierras und den Gletschern Islands.

Diese geographischen Unterschiede trugen mit zur Entstehung von Völkern bei, deren Angehörige unterschiedlich aussehen, unterschiedlich denken und in unterschiedlichen Kulturen leben.

Landschaftszonen

Ein Kontinent für Einwanderer?

Das geographische Relief Europas, seine Gebirgsbarrieren und Schwellengebiete bestimmten auch den Verlauf der großen europäischen Fernwege, die als Handelsstraßen benutzt wurden, aber auch Einfallstore nach Europa waren. Letzteres gilt besonders für die Verkehrswege im Osten Europas, auf denen mehrfach asiatische Völker vordrangen. So kamen im 2. Jahrtausend v. Chr. die indogermanischen Kelten; Reste ihrer Sprache tauchen noch in vielen modernen europäischen Sprachen auf. Die Hunnen, die Bulgaren, Awaren, Ungarn und Mongolen drangen über die weiten osteuropäischen Tiefebenen nach Mitteleuropa vor. Einige dieser Völker ließen sich nieder und gingen in der einheimischen Bevölkerung auf. Andere zogen sich wieder nach Osten zurück. Der verstärkte Zustrom germanischer Völker ins Römische Reich seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. erwies sich als besonders folgenreich. Sie überquerten den Rhein, zogen durch Gallien und gelangten bis auf die Iberische Halbinsel und Nordafrika. Auf jeden Fall waren diese großen Wanderungen und das daraus entstandene Völkergemisch wichtig für die kulturelle Vielfalt Europas.

Die Zeit der großen germanischen Völkerwanderung Das Römische Reich zerbrach unter dem Zustrom germanischer Völker: der Goten, Vandalen und Burgunden, die ihrerseits von den asiatischen Reitervölkern, den Alanen und Hunnen, verdrängt wurden. Das Gemälde spiegelt diese bewegte Zeit im 4. und 5. Jahrhundert.

Völkerwanderungen

Diese Rastlosigkeit ganzer Völker mit ihren Wanderungs- und Invasionswellen hatte mehrere Gründe: Armut und Hunger im eigenen Land, Bedrohung durch nachrückende andere Völker oder auch Beutegier und Abenteuerlust. So stießen griechische Siedler seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. nach Westen oder nach Kleinasien und zum Schwarzen Meer vor. Wikinger aus dem heutigen Norwegen eroberten Schottland, Irland und Island, segelten nach Grönland und landeten vermutlich um 1000 n. Chr. an der nordamerikanischen Küste. Dänische Wikinger eroberten 1016 England und unternahmen danach Raubzüge in die Normandie, nach Portugal, in die Provence und die Toskana. Von Schweden aus wandten sie sich nach Osteuropa, überquerten die Ostsee, fielen in Westrussland ein und gelangten auf den großen Strömen südwärts bis zum Schwarzen Meer.

Die Italiener, Erben des römischen Mare nostrum, beschränkten sich auf den Mittelmeerraum. Im 15. Jahrhundert nutzten Spanier und Portugiesen die Gunst ihrer Lage direkt am Atlantik und schickten ihre Schiffe zur Erkundung der afrikanischen Westküste oder noch weiter nach Westen, um den Seeweg nach Indien zu finden. Seit dem 16. Jahrhundert stieg England in den Rang einer Seemacht auf, deren Schiffe später die Weltmeere beherrschten. Frankreich nutzte seine zentrale Lage in Westeuropa und richtete seine Interessen sowohl auf Mitteleuropa als auch auf außereuropäische Länder. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war vor allem mit Italien, dem Ostseeraum und Kontinentaleuropa befasst.

So ließen die unterschiedlichen geographischen Bedingungen und Machtzentren Europas im Lauf der Geschichte Völker mit unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eigenarten entstehen. Kein Fluss und kein Gebirge behindern wechselseitige sprachliche Einflüsse. Aus alldem folgt schon seit Jahrhunderten eine ständige Vermischung von Völkern und Ideen. Dies hat Europa zu dem gemacht, was es bis heute auszeichnet: einen Kontinent, der unterschiedliche Ethnien und Kulturen nebeneinander und miteinander umfasst.

Europäische Sprachen, die sich zu Weltsprachen entwickelten

2. Sprachliche Vielfalt – Ursache der Zersplitterung?

Sanskrit: europäische Ursprache?

Die europäischen Sprachen zeigen eine außerordentliche Vielfalt, wobei ihre griechischen, lateinischen, keltischen und germanischen Wurzeln deutlich erkennbar sind. Wiederholt setzte sich in der europäischen Geschichte eine Sprache als wichtigstes Verständigungsmittel der gebildeten Schichten durch: Griechisch im römischen Imperium, Latein im Mittelalter, Französisch im 18. Jahrhundert und heute wahrscheinlich Englisch.

Dass die Schrift aus dem Vorderen Orient nach Europa gelangte und das Alphabet von den Phöniziern eingeführt wurde, ist heute wissenschaftlich unbestritten, aber die genauen Ursprünge der europäischen Sprachen sind nicht bekannt. Sie könnten sich aus dem klassischen, im Indoeuropäischen wurzelnden Sanskrit, der Sprache der indischen Brahmanen, entwickelt haben. Zumindest deuten zahlreiche Ähnlichkeiten mit dem Griechischen und Lateinischen darauf hin. Obwohl die europäischen Sprachen also wahrscheinlich aus einer Grundsprache hervorgingen, entwickelten sie sich je nach Land unterschiedlich.

Das Wort »Mutter« in verschiedenen europäischen Sprachen

Sanskrit: matar

Griechisch:μητηρ

Lateinisch: mater

Armenisch: magr

Gälisch: mathair

Tocharisch: macar, madhar

Schwedisch: moder

Keltisch: matres matrebo

Französisch: mère

Deutsch: Mutter

Englisch: mother

Italienisch: madre

Spanisch: madre

Russisch: mat’, materi

Dreiundvierzig Sprachen

In Europa werden insgesamt 43 – unterschiedlich weit verbreitete – Sprachen gesprochen. Man verwendet drei Schriftsysteme, die alle auf Konsonanten-Systemen beruhen. In Europa steht somit das griechische, das auf die Schrift der Phönizier zurückgeht, neben dem lateinischen und dem kyrillischen Alphabet; letzteres wurde aus den griechischen Großbuchstaben entwickelt. Hinzu tritt als weiterer Faktor der Vereinheitlichung in der europäischen Sprachgeschichte, dass zahlreiche technische Fachausdrücke und Begriffe aus dem Altgriechischen oder Lateinischen stammen. Ohne diese gemeinsamen Ursprünge wäre die Verständigung zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Nationalitäten sehr viel schwieriger, denn diese Fachausdrücke beschreiben kaum direkt zu übersetzende Begriffe.

Schriften in Europa

Andererseits verschärften Sprachen auch die Spannungen zwischen den Europäern: Während der Reformation trugen die Bibelübersetzungen in die jeweiligen Landessprachen zur Belebung der nationalen Kulturen bei, wie etwa die Kralitzer Bibel in Böhmen und die Luther-Bibel in Deutschland. Diese Übersetzungen, die eine volkstümliche, von sehr vielen Menschen verstandene Sprache verwendeten, kündigten den Durchbruch eines neuen Bewusstseins an. Auch in anderen Regionen Europas erwachte in dieser Epoche ein Nationalgefühl durch die Sprache, in Frankreich, Spanien und Italien von bedeutenden Dichtern und Schriftstellern des 15. und 16. Jahrhunderts begründet und gefördert.

Die Sprache – Fundament der nationalen Einheit

Mit einer gemeinsamen Sprache erzwangen alle zentralistischen Regime und Kolonialherren in je unterschiedlicher Abstufung die Vereinheitlichung ihres Herrschaftsbereichs. So setzte sich das Englische vor allem im 19. Jahrhundert in den gälisch sprechenden Gebieten von Wales, in Schottland und Irland durch. Das Französische wurde seit dem Ende des Ancien Régime und mehr noch seit der Französischen Revolution zur Sprache ganz Frankreichs. In Spanien setzte sich die kastilische und in Friesland die niederländische Sprache durch. In der Donaumonarchie hatten alle Beamten und Offiziere in Böhmen, Mähren, der Slowakei, Slowenien, Kroatien und anderen Regionen der Monarchie Deutsch zu sprechen. Für die Polen kam es noch schlimmer, als nach der dritten polnischen Teilung nur noch die deutsche oder die russische Sprache erlaubt war. Sämtliche politischen Maßnahmen zur Durchsetzung einer von außen kommenden Sprache und Kultur schürten ein Nationalgefühl, das sich mit aller Energie auf die Wiederbelebung der ursprünglichen Nationalsprachen richtete.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts versuchen die Europäer, die Sprachenvielfalt als trennenden Faktor zwischen ihren Ländern zu überwinden, wobei sie diese Vielfalt auch als kulturelle Bereicherung empfinden. Einige vertreten heute sogar die Meinung, dass regional verbreitete Sprachen ebenfalls zur kulturellen Vielfalt dazugehören.

Sprachen in Europa

3. Eine europäische Zivilisation und viele europäische Kulturen?

Bevor wir nach der Existenz einer europäischen Zivilisation und einer oder mehrerer europäischer Kulturen fragen, müssen wir zuerst die Begriffe »Zivilisation« und »Kultur« zu klären versuchen. In einem geographischen Raum mit fließenden Grenzen ist »Zivilisation« das Zusammenwirken von Erscheinungsformen auf den Gebieten Politik, Soziales, Wirtschaft, Religion und Recht, die man in einer bestimmten Gesellschaft beobachtet.

Die klassische Definition des Begriffs »Kultur« bezieht sich eher auf Kunst, Literatur und Wissenschaft. Die Aneignung einer so verstandenen Kultur wird in erster Linie durch Erziehung, Schule, Bücher und die moderneren Medien beeinflusst. Heute sind die beiden Begriffe »Zivilisation« und »Kultur« allerdings nicht mehr scharf voneinander abzugrenzen.

Man darf nicht vergessen, dass Bildung auch von Diktaturen missbraucht werden kann, die sie für ihre Zwecke deformieren. Eine solcherart erzwungene Bildung steht manchmal in direktem Widerspruch zu den wahren Bildungszielen und -inhalten, aber die Diktaturen behaupten dennoch, die richtigen Ideale zu vertreten. Die Geschichte bietet dafür viele Beispiele, aus jüngerer Zeit das nationalsozialistische Deutschland und die kommunistischen Staaten des früheren Ostblocks.

Inzwischen dehnen Anthropologen den Begriff Kultur auf die Gesamtheit regelmäßigen und geregelten Handelns aus, das eine bestimmte Gruppe von Menschen kennzeichnet. In diesem Sinn wird durchaus von einer schottischen, lappländischen, sardischen Kultur gesprochen. Damit nähern sich die beiden Begriffe »Zivilisation« und »Kultur« einander an.

Grundlagen europäischen Denkens

Die Ursprünge der Demokratie liegen im antiken Griechenland. Sie beruht auf der Überzeugung, dass das Allgemeinwohl aus der aktiven Teilnahme des Bürgers am Leben seines Stadtstaates, der Polis, erwächst. Dies galt damals nur für die männliche städtische Oberschicht. Mehr als 2000 Jahre lang hat sich die Demokratie auf sämtliche sozialen Schichten ausgedehnt. Eine Art demokratischer Geist war auch im »Thing der Freien« spürbar, das germanische Stämme zu Friedenszeiten abhielten; der Wille der Stammesangehörigen stand dort gleichberechtigt neben den Befugnissen des Stammesfürsten.

Zu Ehren der Götter… Die Griechen hinterließen zahlreiche Baudenkmäler in Süditalien und Sizilien, wie hier in Paestum. Der abgebildete Hera-Tempel wird manchmal auch dem Meeresgott Poseidon zugeordnet. Die schmucklosen Säulen lassen den Tempel, der wohl der besterhaltene dorische Tempel überhaupt ist, noch wuchtiger erscheinen.

1762 stellte der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau in seiner Schrift Vom Gesellschaftsvertrag das Volk mit seiner uneingeschränkten, unteilbaren und unveräußerlichen Souveränität als Träger der politischen Willensbildung heraus. In der Folgezeit entwickelte sich die Demokratie schrittweise zur parlamentarischen Vertretung, die aus freien Wahlen hervorgeht.

Wie das antike Griechenland die Demokratie, so hinterließ auch die römische Republik etwas, das später eine europa- und weltgeschichtliche Dimension erhielt: ein geschriebenes Recht in umfangreichen Gesetzessammlungen. Durch die gesetzliche Regelung der Beziehungen zwischen den staatlichen Gewalten schuf Rom einen neuen Grundwert des europäischen Denkens. Aus der Übereinstimmung von römischem Rechtsempfinden und politischen Traditionen in Nordeuropa entstand das europäische Verfassungsdenken. Im 17. und 18. Jahrhundert brachten es der Engländer John Locke und der Franzose Montesquieu durch die Idee der Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative und Judikative) in seine moderne Form.

Charles de Montesquieu

In jedem Staat gibt es drei Arten von Gewalt: die gesetzgebende Gewalt, die vollziehende Gewalt in Ansehung der Angelegenheiten, die vom Völkerrecht abhängen, und die vollziehende Gewalt in Ansehung der Angelegenheiten, die vom bürgerlichen Recht abhängen. Vermöge der ersten gibt der Fürst oder Magistrat Gesetze auf Zeit oder für immer, verbessert er die bestehenden oder hebt sie auf. Vermöge der zweiten schließt er Frieden oder führt er Krieg, schickt oder empfängt Gesandtschaften, befestigt die Sicherheit, kommt Invasionen zuvor. Vermöge der dritten straft er Verbrechen oder spricht das Urteil in Streitigkeiten der Privatpersonen. Ich werde diese letzte die richterliche Gewalt und die anderen schlechthin die vollziehende Gewalt des Staates nennen. […] Alles wäre verloren, wenn derselbe Mensch oder die gleiche Körperschaft der Großen, des Adels oder des Volkes diese drei Gewalten ausüben würde: die Macht, Gesetze zu geben, die öffentlichen Beschlüsse zu vollstrecken und die Verbrechen oder die Streitsachen der Einzelnen zu richten.

Geschriebenes Recht setzte sich im Lauf der Zeit in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens durch. Der schriftliche Vertrag ersetzte die bisher übliche mündliche Vereinbarung und schützte vor der willkürlichen Auslegung rechtsverbindlicher Vereinbarungen. Das römische Recht verbreitete sich im Mittelalter schrittweise zunächst in Europa und dann über den gesamten Erdball.

…und zur Ehre Gottes Mittelalterliche Frömmigkeit tritt uns in großartigen Kirchenbauten entgegen, zum Beispiel in der Basilika von Paray-le-Monial. Diese Kirche wurde auf Anordnung des Heiligen Hugo, eines der großen Reform-Äbte von Cluny, ohne Unterbrechung zwischen 1090 und 1110 errichtet. Sie ist ein Kleinod burgundischer Romanik. Der 56 Meter hohe Glockenturm ragt über der Vierung zwischen Langhaus und Querhaus empor.

Von Europa ging auch das Ideal der individuellen Freiheit aus. Schon die frühen Christen sprachen von der persönlichen Verantwortung jedes Menschen für sein Schicksal. Das Heil als höchstes Glück kann demnach immer nur der Einzelne, nicht eine Gemeinschaft erwerben, also nur in der persönlichen Annäherung an Gott. Die christliche Religion sieht keine Verbindung zwischen dem Wert eines Menschen und seinen äußeren Umständen wie Herkunft, Vermögen, Stand und Ansehen. Damit schuf sie ein neues Weltbild, in dem sich die Europäer später wiedererkennen sollten.

Christentum und persönliche Verantwortung

Dieses Gleichnis beleuchtet die Freiheit des Christen, sich für Gott zu entscheiden, aber auch, was diese Entscheidung für ihn bedeutet. Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden steht im Lukas-Evangelium 19, 12–25.

Ein Edler zog ferne in ein Land, dass er dort das Königtum erlange und dann wiederkäme. Der ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis dass ich wiederkomme! […]

Und es begab sich, da er wiederkam, nachdem er das Königtum erlangt hatte, hieß er dieselben Knechte rufen, welchen er das Geld gegeben hatte, dass er erführe, was ein jeglicher erhandelt hätte. Da trat herzu der erste und sprach: Dein Pfund hat zehn Pfund erworben. Und er sprach zu ihm: Ei, du frommer Knecht, weil du bist im Geringsten treu gewesen, sollst du Macht haben über zehn Städte. Der zweite kam und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund getragen. Zu dem sprach er auch: Und du sollst Macht haben über fünf Städte. Der dritte kam auch und sprach: Herr, siehe da, hier ist dein Pfund, welches ich habe im Schweißtuch behalten; ich fürchtete mich vor dir, denn du bist ein harter Mann; du nimmst, was du nicht hingelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. Zu ihm sagte er: […] Warum hast du denn mein Geld nicht in die Wechselbank gegeben? Ich wäre gekommen und hätte es mitsamt den Zinsen gefordert. Und er sprach zu denen, die dabeistanden: Nehmt das Pfund von ihm und gebt’s dem, der zehn Pfund hat.

Mit der Wiedergeburt der Antike im 15. Jahrhundert (Renaissance) wurde eine Verbindung zwischen dem griechisch-römischen Erbe und christlichem Denken geschaffen. In diese Verbindung gingen später die Ideale der Demokratie, der gesetzlich geschützten und durch die Rechtsprechung garantierten Gleichheit aller Menschen und des persönlichen Glücks auf der Grundlage individueller Freiheit ein. Diese Leitwerte europäischen Denkens erhielten während der Aufklärung durch englische und französische Philosophen ihre moderne Form. 1774 erklärte Denis Diderot: »Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft insgesamt glücklich ist, aber ich selbst möchte es auch sein.«

In Europa hatte sich nach und nach die Überzeugung durchgesetzt, dass die Gesellschaft die Grundfreiheiten jedes Einzelnen garantieren müsse. Dazu gehörte auch die Verurteilung von Folter und Sklavenhandel. Diese Bewegung mündete schließlich in die Deklaration der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen im Jahr 1948.

Viele Völker außerhalb des Kontinents übernahmen diese Grundwerte. Zugleich entwickelten die Europäer einen gemeinsamen Lebensstil, der auch von Australiern und Amerikanern übernommen wurde, weil ihre gemeinsame Herkunft Europa war.

Der gebildete Europäer

Im antiken Griechenland erwarb man Bildung durch das Studium der Werke von Philosophen, Schriftstellern und Künstlern. Zur Zeit Alexanders des Großen kamen orientalische Einflüsse zur griechischen Kultur hinzu. Griechische Sprache und Kultur gingen in das römische Bildungsgut ein und wurden im gesamten Imperium Romanum unterrichtet.

Während des Mittelalters war die Beherrschung der lateinischen Sprache Pflicht für jeden Gebildeten, der den christlichen Völkern unter der Autorität des Papstes in Rom angehörte. An allen Universitäten wurde in lateinischer Sprache gelehrt, so dass Professoren wie Studenten zur Vollendung ihrer Studien von einer europäischen Hochschule zur nächsten wechseln konnten: Die europäische Bildung war damals also eine lateinisch-christliche. Die aufkommenden Landessprachen verdrängten zwar seit dem 16. Jahrhundert das Lateinische nach und nach als universale Sprache, aber der Gebildete blieb bis zum 18. Jahrhundert in erster Linie Europäer.

Im 19. Jahrhundert verdrängte der aufkommende Nationalismus bei den europäischen Völkern das gemeinsame kulturelle Erbe. Man betrachtete die Vergangenheit jetzt nur noch als nationale Geschichte, selbst wenn sie sich kaum in den eigenen Grenzen ereignet hatte. Es gab allerdings dabei einige Widersprüche. So beanspruchten Deutsche wie Franzosen Karl den Großen für sich, und in Italien legte man zwar Wert auf das zeitlose Schaffen der Künstler, beachtete aber weniger die historische Zerrissenheit des Landes mit seinen zahlreichen, miteinander rivalisierenden Stadtstaaten. Wollte man die jeweils nationale Geschichte der europäischen Völker unter der Betonung von Ereignissen oder berühmten Personen neu schreiben und dabei die Völker vernachlässigen, die nicht oder kaum in den Rahmen der nationalen Einheit passen, so ließen sich weitere Beispiele leicht finden.

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die westeuropäische Annäherung und die sowjetische Vorherrschaft im Osten abzeichneten, wurde Bildung in Europa wieder zunehmend als transnationale Aufgabe verstanden, wobei sich freilich Ziele und Inhalte diesseits und jenseits des »Eisernen Vorhangs« sehr deutlich voneinander unterschieden.

Seit der Entdeckung und Eroberung neuer Kontinente und Länder im 16. Jahrhundert und der Entstehung von Kolonialreichen wurden europäisches Wissen und das Bildungsverständnis der Europäer über die Grenzen des Kontinents hinausgetragen. Europa verbreitete seine Auffassungen, Sprachen und Lebensweisen in der außereuropäischen Welt, aber es bezog von dort auch neue Erfahrungen und Kenntnisse und neue künstlerische Impulse. Darf sich also der Europäer nicht in gewisser Weise zu Recht als Weltbürger fühlen? Teilt er dieses Gefühl auch mit den Amerikanern? Ist der gebildete Europäer nicht schon zutiefst »westlich« geprägt?

Die kulturelle Vielfalt Europas

Wer den Bildungsbegriff auf alle Lebens- und Handlungsweisen einer bestimmten Gruppe ausdehnt, dürfte sich je nach Gegend oder Ort, die er betrachtet, an der kulturellen Vielfalt auf europäischem Boden erfreuen. Europa zerfiel nach dem Untergang des Römischen Reiches in drei große Kulturkreise. Der erste, griechisch dominierte erstreckte sich vom Balkan auf das Gebiet des Oströmischen Reichs und bis weit in den Vorderen Orient hinein. Nach der Eroberung Konstantinopels (1453) geriet er vom 15. bis zum 19. Jahrhundert unter islamischen Einfluss. Der zweite, slawische Kulturkreis umfasste Osteuropa und nahm asiatische, byzantinische, islamische und abendländische Einflüsse auf. In Westeuropa, dem dritten, römisch-germanischen Kulturkreis, verbanden sich die kulturellen Strömungen aus dem Norden mit der angelsächsischen Kultur und dem griechisch-lateinischen Erbe. Seit etwa 1600 Jahren durchdringen diese drei Kulturkreise einander.

Ein Blick auf die städtische Kultur legt bestimmte Eigenheiten offen: Ein Bewohner von Paris hat ein bestimmtes Lebensgefühl, das sich deutlich von dem eines Bürgers in Prag, Florenz oder Berlin unterscheidet. Der Korse, Waliser, Katalane, Bayer oder Savoyarde legt großen Wert auf seine eigene Kultur. Italiener, Deutsche, Briten, Dänen und die anderen europäischen Völker achten auf ihre nationale Eigenart. Am heftigsten streiten einzelne Regionen und Volksgruppen um ihre kulturelle Identität, und manchmal prallen derartige Interessen hart aufeinander. Katalanen und Basken leben auf beiden Seiten der Pyrenäen, also über die Staatsgrenzen hinweg. Dagegen verbindet eine gewisse Identität alle, die beispielsweise im französischen Sprachraum leben: Jacques Brel ist mindestens ebenso Franzose wie Belgier. Nordirland erfuhr seine doppelte kulturelle Bindung an Irland und Großbritannien häufig in tragischen Formen von Krieg und Terror. In der Schweiz wiederum leben unterschiedliche Sprachgruppen friedlich nebeneinander.

Diese Vielfalt besteht in Europa spätestens seit der Bronzezeit, wenn nicht schon früher. Heute stellt sich die Frage: Sollen die Bestrebungen ethnischer, durch ihren Siedlungsraum und ihre Geschichte geformter Gruppen, die auf Bewahrung ihrer Eigenart abzielen, ein Kennzeichen Europas bleiben und unter unseren Schutz gestellt werden? Die europäische Einigung, die mit dem Aufbau der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 begann, geriet während ihrer Entstehungsphase häufig mit den Verfechtern nationaler Identität in Konflikt. Müssen wir das als Hemmschuh des europäischen Einigungsprozesses betrachten oder sollten wir es eher als Aufwertung einer traditionellen europäischen Sichtweise sehen, die nationale Eigenheiten anerkennt? Werden die Europäer jemals zu einem inneren Zusammenhalt gelangen wie etwa die Nordamerikaner? Wollen sie das überhaupt, oder denken sie über einen anderen Weg nach?

4. Der Zusammenschluss – Wirtschaft und Soziales

Wirtschaft ohne soziale Verantwortung

Schon die Griechen besaßen eine verhältnismäßig weit entwickelte Wirtschaftsordnung. Sie gründeten Kolonien nicht nur, um die übervölkerten Mutterstädte zu entlasten, sondern sie wollten auch für eine reibungslose Versorgung mit Wirtschaftsgütern sorgen. Auch das Römische Reich entstand nicht nur aus politischen Erwägungen, sondern ebenso aus wirtschaftlichen Gründen. Vom Wohlstand aus Produktion und Handel profitierte allerdings in Griechenland wie in Rom nur die Oberschicht. Die absolute Verfügungsgewalt des Eigentümers über Leib und Leben seiner Sklaven und die Abhängigkeit des Armen vom Reichen verhinderten jede Umverteilung der lebensnotwendigen Güter. So hing alles vom guten Willen der Besitzenden oder – im Fall von Revolten – von seiner Furcht ab, ermordet zu werden.

Klostergründungen

Das Christentum veränderte diese Ordnung. Nach dem Vorbild Gottes, des Beschützers der Armen, billigte es jedem Menschen ungeachtet seines Standes oder Vermögens einen Wert zu und verankerte damit die Gleichheit aller Christen. Als das Römische Reich untergegangen war, nahm die Verbindung aus Religion, Wirtschaft und sozialer Verantwortung in der Gründung und Fortentwicklung der Klöster konkrete Formen an. Die Klöster, die zu Beginn des 6. Jahrhunderts der Regel des heiligen Benedikt folgten, erzeugten alle Güter und Nahrungsmittel selbst, die sie zum Leben brauchten, und boten dadurch allen Angehörigen des Klosters den Lebensunterhalt. Darüber hinaus nahmen sie auch Bedürftige auf, sorgten für ihre Pflege und gaben ihnen die Möglichkeit zu rasten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein übernahmen Klöster in ganz Europa soziale Aufgaben. Verglichen mit der modernen staatlichen Sozialpolitik nimmt sich diese Mildtätigkeit zwar dürftig aus, aber damals linderte sie wirksam die Not.

Benedikt von Nursia und das christliche Abendland Um 529 gründete Benedikt von Nursia das Kloster Monte Cassino in Italien und verfasste dort um 540 eine Klosterordnung in 73 Kapiteln. Abt Benedikt von Aniane († 821) reformierte und verbreitete sie im Frankenreich Karls des Großen. Die Regel Benedikts von Nursia forderte von den Mönchen Armut, Demut, Keuschheit und Gehorsam, aber auch körperliche Arbeit und geistliche Lektüre. Rechts außen sind Benedikt von Nursia und der Evangelist Johannes, links Bernhard von Clairvaux und Maria Magdalena abgebildet; Maria kniet unter dem Kreuz Christi.

Kapitalismus und Sozialismus

Der Frühkapitalismus entstand mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Bankhäuser in Florenz und Augsburg im 15. Jahrhundert und befreite sich sehr früh von der Bevormundung durch die Kirche. Der Aufstieg der staatlichen Macht zog die Bankiers rasch an die europäischen Königshöfe, wo ihr Rat gern gehört und ihr Geld zur Kriegsführung gebraucht wurde. Aber die Eingriffe des Staats in das Wirtschaftsleben geschahen bis ins 19. Jahrhundert kaum aufgrund von sozialem Engagement.

Gegen Ende des 18. und besonders im 19. Jahrhundert breitete sich die Industrielle Revolution von Großbritannien über ganz Europa aus. Sie brachte völlig neue Produktionsformen und löste dadurch beispiellose soziale Erschütterungen aus.

Die Konzentration des Reichtums in den Händen weniger Familien und die Landflucht vieler entwurzelter Kleinbauern in die Städte und Industriegebiete trugen dazu bei, dass sich die Frage nach der Um- und Neuverteilung der Güter immer dringlicher stellte.

»Frühsozialisten« wie der Engländer Robert Owen oder der französische Graf Henri de Saint-Simon versuchten, das Problem zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Gründung »weltlicher Klöster« zu lösen, hatten damit aber kein Glück. Andere Sozialreformer dachten über andere und, wie sich zeigen sollte, wirksamere Methoden nach. So entwickelte sich die in Großbritannien gegründete Gewerkschaftsbewegung zur eindrucksvollen Kraft, die den Interessen der Besitzenden mit Erfolg trotzte und auch die Regierungen zwang, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Allerdings verstanden sich die Gewerkschaften bald nicht mehr allein als Speerspitze zur Durchsetzung sozialer Reformen; sie wechselten auch zur allgemeinen Politik über. Karl Marx erklärte den geschichtlichen Ablauf der Welt als Klassenkampf, als Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Auf dieser Grundlage entwarf er den Gedanken einer klassenlosen Gesellschaft, der von Europa aus in alle Welt getragen wurde. Zweifellos haben die Sowjetführer seine Lehre entstellt und seinen Namen als Mittel eines doktrinären Imperialismus missbraucht. Immerhin sind staatliche Eingriffe inzwischen üblich; sie sollen soziale Ungerechtigkeiten beseitigen.

Karl Marx

»Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.«

Das Elend der Arbeiter im 19. Jahrhundert regte viele Zeitgenossen zum Nachdenken an, und sie erkannten seine Ursachen im kapitalistischen System. Karl Marx wollte den Ablauf der Geschichte und die Mechanismen der Wirtschaft »wissenschaftlich« erklären. Zusammen mit Friedrich Engels verfasste er 1848 das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Seine Ideen fanden großen Widerhall, und zahlreiche Länder beriefen sich darauf.

In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene! … Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung […] an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich […] in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat. […] Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor. Die Kommunisten arbeiten endlich überall an der Verbindung und Verständigung der demokratischen Parteien aller Länder. Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Der Wohlfahrtsstaat

Das moderne Verteilungssystem wurzelt im philanthropischen Handeln einzelner Persönlichkeiten im 19. Jahrhundert und in den Maßnahmen, die während der Weltwirtschaftskrise nach 1929 ergriffen wurden. 1878 begann Bismarck ein Versicherungsnetz für Arbeiter aufzubauen, das in Europa seinesgleichen suchte. Wie Präsident Roosevelt 1933 in den USA, so führten auch die westeuropäischen Staaten verschiedene Systeme der sozialen Absicherung für Arbeitslose und ältere Arbeiter ein. Aber diese Maßnahmen blieben begrenzt.

Das moderne soziale Netz entstand nach 1945. Europa lag in Trümmern, und die Politiker erkannten, dass neben dem Wiederaufbau auch die soziale Sicherheit staatlich organisiert werden musste. Zwischen den 1950er und 1980er Jahren schufen die europäischen Staaten ein echtes, auf dem Grundsatz der Solidarität beruhendes soziales Netz, das allen Bürgern in Notlagen Sicherheit und Halt geben sollte.

Seit 1973 ist die Zahl der Arbeitslosen und der Rentenempfänger, die versorgt werden müssen, stark angestiegen. Dieses Ungleichgewicht gegenüber den berufstätigen Beitragszahlern erschüttert das bisherige Verteilungssystem nicht nur, sondern es wurde von Vertretern einer neoliberalen Wirtschaftsordnung ganz generell angezweifelt. Trotzdem war der soziale Schutz der Bürger noch nie so gut. Es ist die Frage, ob die Anziehungskraft Europas heute nicht eher daraus zu erklären ist als aus seinem Reichtum.

Fragen an die europäische Geschichte

Der Sitz von Europarat und Europäischem Parlament Der ursprüngliche Auftrag des Europarats, der am 5. Mai 1949 gegründet wurde und wie das Europäische Parlament in Straßburg tagt, bestand in der Schaffung einer gleichermaßen politischen wie wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Union der Länder Europas. Seine derzeit 47 Mitgliedstaaten besitzen uneingeschränkte staatliche Souveränität. Sein Hauptwerk im nicht-politischen Bereich: die Erarbeitung einer »Europäischen Konvention der Menschenrechte und Grundfreiheiten«.

Eine Geschichte Europas könnte die bisher erwähnten Wesenszüge ausführlich entfalten, denn sie tauchen in der Vergangenheit immer wieder auf. Nachdem wir die wichtigsten Themen und Besonderheiten der europäischen Geschichte nun entwickelt haben, wollen wir einigen von ihnen über mehrere Jahrtausende hinweg folgen, und dies unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Beeinflussung der einzelnen Länder und Kulturen im Lauf der Jahrhunderte.

Gerade für die europäische Geschichte ist es so kennzeichnend, dass sie aus einem Geflecht wechselseitiger Einwirkungen, Verbindungen und Gegensätze der europäischen Völker besteht. Ebendas weckte gemeinsame Interessen bei den Autoren dieses Bandes und veranlasste sie, die wichtigsten Abschnitte der europäischen Ge schichte zu beleuchten. Diese Perioden kommen der Weltgeschichte immer dann recht nahe, wenn bestimmte geistige Anstöße zu einem guten Teil der Geschichte Europas entspringen.

Diese Epochenbeschreibungen beschränken sich nicht auf die einfache Darstellung von mehr oder weniger willkürlich gewählten Zeiträumen, sondern verbinden sie mit einem Signum, das sie zu einer Einheit zusammenwachsen lässt. Es wechseln Perioden der Sammlung und des Rückzugs mit solchen der Öffnung gegenüber Europa oder sogar zur ganzen Welt.

Um der hier gewählten Epocheneinteilung eine möglichst umfassende Bedeutung zu geben, sollen auf den folgenden Seiten viele Fragen angeschnitten werden – zur Geschichte Europas wie zu Europa in der Geschichte. Seit auf dem europäischen Kontinent Menschen lebten, wirkten sie ständig aufeinander ein, bekämpften einander oder verbündeten sich. Deshalb ist die Geschichte Europas in erster Linie eine Geschichte der Menschen in Europa.

Der Europarat

Mitgliedsländer:

Albanien

Andorra

Armenien

Aserbeidschan

Belgien

Bosnien und Herzegowina

Bulgarien

Dänemark

Deutschland

Estland

Finnland

Frankreich

Georgien

Griechenland

Großbritannien

Irland

Island

Italien

Kroatien

Lettland

Liechtenstein

Litauen

Luxemburg

Malta

Mazedonien

Moldawien

Monaco

Montenegro

Niederlande

Norwegen

Österreich

Polen

Portugal

Rumänien

Russland

San Marino

Schweden

Schweiz

Serbien

Slowakei

Slowenien

Spanien

Tschechien

Türkei

Ukraine

Ungarn

Zypern

Assoziiert:

Weißrussland

Die Besiedelung Europas

Vor ungefähr 1,5 Millionen Jahren wanderten offenbar die ersten Vorfahren der heutigen Menschen aus Afrika nach Südeuropa ein. Vor etwa 100 000 Jahren lebte der Neandertaler, der in Europa zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Ihm folgte vor etwa 40 000 Jahren der Cro-Magnon-Mensch und besiedelte den gesamten europäischen Kontinent. Er ist als direkter Vorfahr der Europäer zu betrachten.

Der Tautavel-Mensch Die Gattung »Homo erectus« konnte sich aufrecht bewegen, wanderte aus Afrika nach Europa ein und breitete sich 1,5 Millionen bis 650 000 Jahre vor unserer Zeit in den klimatisch gemäßigten Zonen aus. Die Entdeckung eines Schädels und anderer Überreste 1971 in Tautavel (östliche Pyrenäen) erlaubte es, diesen »Homo erectus«, der als »Mensch von Tautavel« bekannt ist, zu rekonstruieren.

Während dieser jahrtausendelangen Entwicklung sah Europa anders aus als heute. Sehr lange Zeit bedeckten Gletscher den Norden bis zur Mitte des Kontinents. Die Britischen Inseln waren noch Teil des Festlands, und der Meeresspiegel lag viel tiefer als heute. Im Zeitraum zwischen 15 000 und 10 000 Jahren v. Chr. schmolzen die Gletscher und ließen Europa so zurück, wie wir es heute kennen. Außerdem lag es nun mit Ausnahme seines hohen Nordens in der gemäßigten Klimazone. Hatte der europäische Mensch in der älteren und jüngeren Steinzeit zunächst als Fischer, Jäger oder Sammler gelebt, so wurde er in der jüngeren Steinzeit als Ackerbauer oder Viehzüchter sesshaft. Ging dieser Wandel, den manche Wissenschaftler eine »Revolution« nennen, von Mesopotamien aus, und verbreitete er sich dann über den gesamten europäischen Kontinent? Oder gab es während der Jungsteinzeit in Europa vielmehr eine eigenständige Zivilisation oder auch mehrere Kulturen nebeneinander?

Während 3500 v. Chr. die Sumerer in Mesopotamien eine Schrift entwickelten und die Ägypter die ersten Pyramiden bauten, lebten die Menschen in Europa noch als Bauern und verrichteten ihre Arbeiten mit Steinwerkzeugen. Die in Ägypten um 3000 v. Chr. erfundene Bronzeschmelze wurde in der Folgezeit im ägäischen Raum und bis zum Tal des Indus bekannt. Es dauerte etwa 2000 Jahre, bis sie sich in ganz Europa ausgebreitet hatte. Die Technik der Herstellung von Waffen, Geräten, kunsthandwerklichen und künstlerischen Gegenständen aus Bronze drang von Anatolien und Griechenland aus auf die Iberische Halbinsel, dann nach Böhmen, zum Rheintal und nach Italien, schließlich bis nach England, Irland und zu den skandinavischen Ländern vor. Vielleicht hat dieses langsame Vordringen auch bewirkt, dass regionale und bereits deutlich unterscheidbare Kulturkreise isoliert entstehen konnten.

Kelten, Griechen, Perser

Eisengewinnung und -bearbeitung waren schon um 1500 v. Chr. in Anatolien und den Regionen um den Kaukasus bekannt. Von dort drang die neue Technik rascher in westlicher Richtung nach Europa als in den asiatischen Osten vor. Sie ist somit als europäische Besonderheit zu betrachten, die allerdings keine einheitliche Kultur mit sich brachte. Die Griechen lernten die Gewinnung von Eisen recht früh (1200 v. Chr.) und entwickelten in ihren Siedlungen rund um die Ägäis eine eigenständige Lebensform.

Etwa um dieselbe Zeit, zwischen dem 10. und dem 5. Jahrhundert v. Chr., besiedelten die Kelten nach und nach West- und Mitteleuropa. Sie breiteten sich vom heutigen Süddeutschland in Richtung Böhmen, Frankreich, Iberische Halbinsel, Italien, Balkan und Britische Inseln aus, bildeten zwar eine kulturelle, aber keine politische Einheit aus, und sie gründeten kein eigenes Reich. Ihre weitverstreuten Stämme blieben vorwiegend auf den jeweiligen Siedlungsraum beschränkt.

Die Griechen lebten in untereinander zerstrittenen Stadtstaaten. Für sie lauerte die größte Gefahr im Osten. Dort hatten nämlich die Perser die Königreiche Kleinasiens und die berühmten und mächtigen Reiche der Assyrer und Babylonier in Mesopotamien erobert. Nun wollten sie ihre Herrschaft über Gesamtgriechenland ausdehnen, aber sie wurden von den Athenern bei Marathon (490 v. Chr.) und von der griechischen Flotte in der Seeschlacht bei Salamis (480 v. Chr.) geschlagen. Aber was bedeuteten diese Niederlagen? Kämpften zwei Gesellschaftssysteme um die Vorherrschaft? Hielten die Griechen ihre Demokratie den orientalischen Herrschaftsvorstellungen für überlegen? Kann man hier eine Grenze zwischen Europa und Asien ziehen?

Marathon, Salamis und Plataiai: Siege der Griechen über die Perser

Das griechische Drama »Die Perser« wurde 472 v. Chr., also acht Jahre nach der Seeschlacht bei Salamis, in Athen uraufgeführt. Der Dichter Aischylos verlegte die Handlung in den Palast des Xerxes in der persischen Stadt Susa, wo die Königinmutter und Witwe Dareios’ I. die Nachricht von der schweren Niederlage der persischen Flotte erhielt. Die Kommentare des Chores enthüllen die Bedeutung dieses Ereignisses:

Die Königin

Wer ist Hirte dieser Herde, strenger Herrscher dieses Heeres?

Chorführer

Keiner nennt sie seine Knechte, niemand sind sie untertan. […]

Chor (3. Klagegesang)

Völker Asiens, sie werden Nimmer sich dem Perser beugen, Nimmer den Tribut bezahlen An den Großherrn, der befiehlt. Zu Boden wirft sich keiner mehr Vor seinem Herrn. Des Königs Macht ist ganz zerronnen.

Reichte Europa bis zum Indus und zur Sahara?

Für den Makedonenkönig Alexander den Großen existierte diese Grenze nicht. Nachdem er 325 v. Chr. mit seinen Truppen den Indus erreicht hatte, bemühte er sich um eine Verschmelzung der griechischen und persischen Kultur, die nach seinem Tod fortbestand und als Hellenismus bezeichnet wird.

Das Reich Alexanders des Großen

Auch die Römer blieben nicht an den Küsten Italiens stehen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. unterwarfen sie Griechenland und Kleinasien. Im Jahr 20 v. Chr. bestimmte Kaiser Augustus den Euphrat als Ostgrenze des Römischen Reichs. Etwa 1000 Jahre früher hatten die Phönizier die nordafrikanische Küste besiedelt. Nach der endgültigen Niederlage Karthagos (146 v. Chr.) wurden das zerstörte Stadtgebiet und die Küste in das Römische Weltreich eingegliedert. Im Jahr 30 folgte Ägypten. In Nordafrika wurden römische Provinzen eingerichtet.

Europa reichte bis in die Sandwüste Algeriens Kaiser Trajan ließ die Stadt Timgad um 100 n. Chr. an der Grenze des Römischen Reichs in Nordafrika erbauen. Diese Stadt erinnert mit ihren rechtwinklig sich kreuzenden Straßen an ein Schachbrett, und sie besaß eine damals berühmte Bibliothek – beides Bestandteile der römischen Kultur, die der Wüstensand überdeckte, nachdem die römischen Eroberer abgezogen waren.

Nach dem kurzlebigen germanischen Königreich der Vandalen in Nordafrika (5. Jh. n. Chr.) und der Rückeroberungspolitik des oströmischen Kaisers Justinian (6. Jh. n. Chr.) gerieten die ehemals afrikanischen Gebiete der Römer unter den Einfluss des Islam. Seit dieser Zeit ist das Mittelmeer als die Kulturgrenze zu betrachten, die wir heute kennen. Die Kolonialpolitik Frankreichs, Großbritanniens und Italiens im 19. und 20. Jahrhundert verband Nordafrika allerdings für eine Zeitlang wieder mit Europa.

Reichte Europa bis an den Rhein und an die Donau?

Um 50 v. Chr. begannen die Römer, Mittel- und Nordeuropa zu erobern. Rhein und Donau, die seit Jahrtausenden Handels- und Transportwege waren, wurden zu befestigten Grenzen des Römischen Weltreichs ausgebaut. Caesar eroberte den südlichen Teil Englands; im Jahr 101 n. Chr. führte Kaiser Trajan seine Legionen über die Donau, eroberte Dakien (etwa das heutige Rumänien) und machte es zur römischen Provinz.

Die Trajanssäule in Rom Diese Säule erzählt das Epos der Eroberung Dakiens, einer gold- und silberreichen Gegend am linken Ufer des Donauunterlaufs, durch Kaiser Trajan (53–117 n. Chr.). Ihre 2500 Figuren zeigen die sehr realistisch nachgebildete Chronik der Dakerkriege: Einschiffung der Truppen, Gräben, Belagerungen, kleine Gefechte und große Schlachten – eine der ersten Erzählungen in Bildern über einen der bedeutendsten römischen Kaiser.

Die unterworfenen Völker an den nördlichen Grenzen des Römischen Reiches oder die von den Römern so bezeichneten »Germanen« jenseits des Limes eigneten sich die römische Lebensart an. Im 5. Jahrhundert fiel der Limes unter dem Ansturm der wandernden Germanenvölker – man spricht in diesem Zusammenhang auch von der »Völkerwanderung«. Diese Völker gründeten auf einst römischem Boden zwischen der Nordsee und dem nordafrikanischen Atlasgebirge meist kurzlebige Reiche.

Eine griechisch-lateinische Sprachgrenze?

Die Einheit der griechisch-römischen Kultur wurde vom gerade erst gefestigten Christentum kaum berührt. Sie zerbrach erst mit der Völkerwanderung. Als Kaiser Theodosius starb, wurde das Imperium Romanum 395 n. Chr. unter seine beiden Söhne in eine westliche und eine östliche Reichshälfte geteilt. Die Trennungslinie verlief entlang einer Sprachgrenze: Westlich davon sprach man lateinisch, östlich davon griechisch. Die Völker im Ostteil des ehemaligen Gesamtreichs hatten die griechische Sprache als Umgangssprache beibehalten. Der Teilungsbeschluss von 395 hatte unter anderem zur Folge, dass die Griechen bis ins 19. Jahrhundert vom restlichen Europa fernblieben. Während das weströmische Reich 476 n. Chr. unterging, konnte sich das Oströmische, das Byzantinische Reich halten. Sein Einflussbereich blieb das östliche Mittelmeerbecken.

Theodosius der Große (346–395 n. Chr.) Theodosius wurde zu einem der bedeutendsten Kaiser der Spätantike. In seiner Regierungszeit veränderte sich das Imperium Romanum tiefgreifend und unumkehrbar. Theodosius kämpfte im Ostreich erfolgreich gegen die Goten, gliederte sie in das Reich ein und kam dem Westreich zu Hilfe. Das Christentum erhob er zur Staatsreligion und leitete die Trennung des römischen Gesamtreiches ein. Nach seinem Tod regierten seine beiden Söhne Arkadius als Kaiser des Ostreiches und Honorius als Kaiser des Westreiches.

1054 zerbrach die Einheit der Christenheit als gemeinsamer Klammer zwischen der Ost- und der Westhälfte des ehemaligen Gesamtimperiums. Die Eroberungen der Türken und die Einnahme Konstantinopels im Jahr 1453 vertieften die Teilung und brachten die Balkanländer unter türkischen Einfluss. Erst als das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert immer schwächer wurde, konnten die Griechen ihre Unabhängigkeit wiedererlangen.

Karl der Große – der Vater Europas?

Die germanischen Königreiche, die auf den Trümmern Westroms entstanden, gerieten rasch in Streit. Hatten sie überhaupt eine gemeinsame Kultur? Die zunächst gemeinsame Verbindung zum römischen Erbe war in Auflösung begriffen. Konnte die Bekehrung der germanischen Könige und ihrer Völker zum Christentum dieses Erbe retten?

Karl der Große (742–814 n. Chr.) Als »König der Franken« herrschte Karl der Große über ein Reich, das zu weiten Teilen, soweit sie heute als Staaten existieren, Deutschland, Frankreich, Italien, die Beneluxstaaten, die Schweiz und Österreich umfasste. Karl der Große wurde an Weihnachten 800 vom Papst in Rom zum Kaiser gesalbt, der durch diese Weihe die Idee des christlichen Abendlandes verkörperte.

Als die Araber nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel im 8. Jahrhundert das Frankenreich bedrohten, schien Westeuropa verloren, zumal die fränkischen Fürsten ihre Kräfte in blutigen Erbfolgekriegen erschöpften. Die Langobarden, die sich im 6. Jahrhundert in Italien niedergelassen hatten, vermochten die Halbinsel nicht zu einen; dort herrschten Spaltung und Anarchie. In England zerstörten die Angelsachsen das römische Erbe.

Der unerwartete Aufbruch ging von der fränkischen Adelsfamilie der Karolinger aus. Karl Martell, der karolingische Hausmeier der Merowinger, besiegte das arabische Heer 732 bei Poitiers und verhinderte damit, dass es weiter nach Mitteleuropa vordrang. Dieser Sieg ist ein wichtiges Datum der abendländischen Geschichte, weil er den Rückzug der Muslime aus Europa einleitete. Zugleich öffnete er den karolingischen Hausmeiern den Weg zum fränkischen Königtum, auf das sich der Papst stützte.

Mit der feierlichen Salbung Karls des Großen durch den Papst in Rom (800) wurde das Kaisertum wiederhergestellt, das in der Erinnerung der Zeitgenossen durchaus gegenwärtig geblieben war. Es knüpfte an die Traditionen des Römischen Reiches an. Nach dem Tod Karls des Großen zerfiel das christliche Abendland erneut. Im Vertrag von Verdun (843) teilten seine drei Enkel das Karolingerreich unter sich auf. Aus diesen Teilreichen bildeten sich allmählich und nach vielen Kriegen die deutsche, französische und italienische Nation heraus. Kann Karl der Große, der in seinem Reich die drei Säulen der mittelalterlichen Reichsidee – Latinität, Germanentum und Christentum – vereinte, als »Vater Europas« gelten?

Feudalismus und Kirche

Noch vor der Teilung des Karolingerreichs wurde es im Norden von den Raubzügen der Wikinger und im Osten von ungarischen Reitervölkern heimgesucht. In Südeuropa zwangen arabische Überfälle die Bevölkerung der Mittelmeerküsten zur Flucht in höher gelegene Gebiete. Die als »Feudalismus« bezeichnete Gesellschaftsordnung verbreitete sich im Gebiet des Karolingerreichs. Die Nachfolger Karls des Großen bewahrten Macht und Ansehen des Königtums an der Spitze der Lehnspyramide. König Otto I. ließ sich 962 zum Kaiser krönen und begründete damit das spätere Heilige Römische Reich deutscher Nation. Die Krönung Hugo Capets 987 zum König steht am Anfang der Geschichte Frankreichs.

Jeder adlige Lehnsmann, der seinem höhergestellten Lehnsherrn die Treue schwor, erhielt von ihm die Verfügungsgewalt über ein Stück Land und die darauf lebenden Menschen – das Lehen. Diese Feudalordnung entfernte den niederen Adel immer mehr von König oder Kaiser und lockerte dadurch den staatlichen Zusammenhalt, aber die Burg als Sitz des Grundherrn bot der bäuerlichen Bevölkerung in diesen unruhigen Zeiten Schutz.

Die römische Kirche wurde durch den Feudalismus zunächst geschwächt, übernahm dann aber selbst diese Ordnung. Eine von der Abtei Cluny ausgehende Klosterreform und die Wahl Gregors VII. (1073–1085) zum Papst leiteten eine Veränderung ein: Die Kurie trat aus ihrer Abhängigkeit vom deutschen Kaiser heraus und übernahm die Führungsrolle im christlichen Europa. Künftig stellte sich die Kirche als geistliche Macht sogar über die rein weltliche des Königs und der Fürsten. Sie rief zum Kreuzzug gegen die »Ungläubigen« auf der Iberischen Halbinsel und zur Befreiung der heiligen Stätten in Palästina auf.

Byzanz und Europa

Unter Justinian versuchte das Byzantinische Reich im 6. Jahrhundert, die an germanische Völker verlorenen ehemals weströmischen Gebiete zurückzugewinnen. Aber die Bedrohung des östlichen Mittelmeerraums durch die Araber brachte es zu Beginn des 7. Jahrhunderts in Gefahr; Konstantinopel wurde 677 durch ein arabisches Heer vergeblich belagert. Dadurch wurde der Vormarsch des Islam nach Norden aufgehalten und Osteuropa blieb weiterhin christlich. Bald wandte sich das Byzantinische Reich nach Osten. Konstantinopel zählte bis ins 13. Jahrhundert zu den reichsten und strahlendsten Städten der damals bekannten Welt. Die Beziehungen zu Westeuropa verschlechterten sich zwar, brachen aber nie ganz ab. Das Schisma von 1054 trennte die beiden Kirchen, und der Durchzug verschiedener Kreuzfahrerheere ab Ende des 11. Jahrhunderts belastete das Verhältnis zusätzlich. Ständig war Byzanz in Kriege mit den Türken verwickelt, aber seine Hilferufe wurden in Westeuropa nicht gehört, bis Konstantinopel 1453 unter dem türkischen Artilleriefeuer fiel. – Byzanz hatte neun Jahrhunderte lang das christliche Europa vor arabischer Expansion und vor Einfällen aus dem asiatischen Raum geschützt.

Die Hagia Sophia – in Konstantinopel erbaut, im heutigen Istanbul bewundert »Ehre sei Gott, dass er mich für würdig hielt, ein solches Werk zu vollenden. O Salomo, ich habe dich besiegt!«, frohlockte Kaiser Justinian am 27. Dezember 537 n. Chr. bei der Einweihung der Kirche der heiligen Sophie. Der Kaiser hatte sich eine riesige, prächtige Kirche gewünscht und ließ für den Bau weiße, grüne, rosafarbene, rote und gelbe Marmorblöcke aus allen Teilen seines Reiches und die verschiedenen Porphyre Ägyptens heranschaffen. Auch die Denkmäler aus heidnischer Zeit dienten als Steinbrüche für diesen Großbau. Nichts schien Justinian zu schön für diese spätantike Kuppelbasilika, die heute infolge von Erdbeben, Bodensenkungen und Umbauten nur noch als ein blasses Abbild ihrer einstigen Schönheit zu erkennen ist.

Die Integration der slawischen Welt

Die Slawen wurden hauptsächlich von Byzanz aus christianisiert. Sie siedelten seit der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. jenseits der Karpaten. Mit dem griechisch-römischen Kulturkreis kamen sie sehr selten in Berührung. Als Folge der Völkerwanderung wurden viele Slawen von germanischen Stämmen aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben und ließen sich zwischen Donau und Adria nieder. Bei den Slawen, die in großer Zahl in den unendlichen Weiten Osteuropas lebten, werden drei Volksgruppen unterschieden: die Ostslawen im heutigen Russland und in der Ukraine (Kiewer Reich), die Westslawen, von denen allein die Polen für lange Zeit ihre Selbständigkeit bewahrten, und die Südslawen, die im 15. Jahrhundert von den Türken unterworfen wurden. Die häufig konfliktträchtigen Beziehungen zwischen Slawen und Germanen hinterließen ihre Spuren in der Geschichte Mitteleuropas.

Im 9. Jahrhundert ließen sich die Ostslawen und die meisten südslawischen Völker, insbesondere Serben und Bulgaren, zum orthodoxen Christentum bekehren. Der großmährische Herrscher berief die Mönche Kyrillos und Methodios aus Thessaloniki; sie missionierten dort seit 863. Die Westslawen (Polen, Tschechen, Slowaken) und Teile der Südslawen wurden von fränkisch-germanischen Mönchen getauft. Die Christianisierung durch Missionare unterschiedlicher Konfessionen und Kulturkreise legte den Keim zu schweren Konflikten innerhalb der slawischen Welt.