Das Gassi-Syndrom - Heinz-Dieter Vonau - E-Book

Das Gassi-Syndrom E-Book

Heinz-Dieter Vonau

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Beschreibung

Elmer ist im reiferen Alter unfreiwillig "auf den Hund gekommen". Ihr Name ist Lotte. Sie ist eine Madame und ein Terrier. Elmer versucht in der täglichen Gassi-Routine die Eigenarten dieses Tieres zu verstehen. Er vergleicht seine Beobachtungen mit der Welt des Menschen. In den Kommentaren der Hunde-Dame entdeckt der Leser sich schmunzelnd immer wieder selbst im Spiegel der Natur und dem, was der Mensch daraus gemacht hat.

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hund zum Herrn:

 „Nicht der Knochen ist das Ziel. 

Das Graben nach dem Knochen“

Der Autor Heinz-Dieter Vonau schreibt gern, wenn er denn Lust und Zeit dazu hat. Er nutzt gnadenlos seine Umwelt und verwurstet sie mit seinem Verständnis von Leben und dem ganzen drum rum. Man könnte von Verarbeitung sprechen. Soll ja dem Bewusstsein hilfreich zu Gute kommen. Jedenfalls ist das hier sein zweites Buch, nach „Osterhasen küsst man nicht“, in dem er die Beziehungen des menschlichen Geschlechts zueinander auf´s Korn nimmt. Er macht noch so manches Andere, aber wen interessiert es schon. Falls doch: heinzdietervonau.de. Kann man mal drin rum schnüffeln.

Hunde, wollt ihr ewig leben?

Deutscher Film aus dem Jahr 1959 unter der Regie von Frank Wisbar 

nach dem gleichnamigen Roman von Fritz Wöss.

das Gassi Syndrom

Elmer hatte nie einen Hund. Er wollte auch nie einen haben. Er wusste nicht, wozu das gut sein soll.  Dann trifft er auf ein „Frauchen“. Der Weg zu ihr führt direkt zu „Madame Lotte“. Eine gereifte, moppelige ältere Dame, mit einem sehr eigenen Willen, die sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lässt. Oder das Futter aus dem Napf. Oder die nach Fressbarem riechende Plastiktüte aus dem Maul … Elmer setzt sich bei seinen täglichen Spaziergängen mit „dem Besten Freud des Menschen“ intensiv mit dessen Welt  auseinander. Er entdeckt bizarre Eigenarten und Verhaltensweisen. Und das Verhältnis zwischen Hund und Frauchen ist von wirklich besonderer Natur.  „Madame Lotte“ antwortet seinen Gedanken in charmanter Weise. Schmunzelnd entwickelt man ein tieferes Verständnis dieser merkwürdigen Symbiose von Welt, Mensch und Tier. 

Die Zukunft beginnt hinter der Leere des Fressnapfes.

Madame „Lotte“

Inhaltsverzeichnis
Tier oder Tier-Los?
Die Anomalie des Animalischen
„Gassi“ gehen
Wohnung oder Bau
Es kann nur einen geben
Exkremente Extrem
Ich sorge mich, also bin ich
Du bist, was du frisst
Fressen und Gefressen werden
Werte und Verwertbarkeit
Blasengenetik
Alle Macht dem Hund?
Wo ein Wille …
Hunde, wollt ihr ewig leben?
Aus Zwei wird Eins
Geht nicht gibt’s doch
Sein oder Nicht-Sein
Rhett Butler kehrt zurück
Liebe bis in den Tod
Hülle und Fülle
Die Kunst der Manipulation
Die Tochter von Rhett Butler kehrt auch zurück
Abschied
Impressum

Tier oder Tier-Los?

Elmer! Jetzt hat er einen Hund. Hat nie in seinem Leben ein Tier haben wollen. War sich immer selbst genug. Hat lange gedauert, bis er mit sich selbst einigermaßen klarkam. Der Umgang mit Anderen der eigenen Rasse war schwierig genug. 

In seiner Kindheit gab es einen Wellensittich. Der war ganz nett. Von den Eltern angeschafft. Ein Beitrag zur Arterhaltung einer aussterbenden Spezies, wie man in einer Fernsehwerbung in den Sechzigern erfahren konnte: „Acht von zehn Sittichen leiden unter einer lebensgefährlichen Schilddrüsenvergrößerung“. Die konnte man retten mit Trill und Jod-S11-Körnchen. Eine heroische Tat. Mit dem Tier an sich war nicht viel anzufangen. Es flog hier hin, flog da hin, gab Töne von sich, in denen die Erwachsenen erfreut Wörter vermuteten. Es ließ seine Verdauungsreste dahin fallen, wo sie gerade aus dem Körper heraus wollten. Beindruckend. Keiner schrie, keiner strafte. Es wurde in die Kategorie niedlich eingestuft. Die kindliche Neugier Elmers gegenüber dem fremden Wesen hielt sich in Grenzen. Allein die Vorstellung, dasselbe Privileg der freien Ausscheidungen auch für sich zu nutzen, ließ ihn innerlich erstarren. Die Erinnerung an die letzte Züchtigung bei einem weit banaleren Anlass, durch seinen in diesen Dingen völlig humorlosen Vater, erstickte den Gedanken schon im ersten Ansatz. 

Seine Mutter hatte mehr Zugang zur Kreatur. Das Tier verlor nach einer gewissen Anpassungsphase seine natürliche Scheu vor dem Fremden, saß permanent auf der Schulter der Hausfrau und knabberte am Ohr, ohne Schmerzen zu erzeugen. Die Zutraulichkeit wurde sogar auf dem Balkon beibehalten, beim täglichen Plausch mit der Nachbarin. Sie wurde zur Gewohnheit, in der man der Außergewöhnlichkeit keine Beachtung mehr schenkte. So wie eines sonnigen Tages: Eine vor dem Balkon stehende Nachbarin. Eine sorglos plaudernde Mutter. Vertieft in Gespräche über Alltäglichkeiten, alles vermeidend, was dem inneren Status Quo hätte zuwider laufen können.

Unbemerkt legte sich an diesem Tag eine zarte, unsichtbare Wolke um die Plaudernden. Einer jener seltenen Momente, in denen sich die Welt langsamer zu drehen beginnt und eine Ahnung ihre unhörbare Stimme erhebt. Jenseits der bekannten Welten wurden Möglichkeiten sichtbar, die sich selbst im Traum dem Bewusstsein entziehen. In genau diesem Moment löste sich das Wort Freiheit von seiner Begrifflichkeit, um in der Erfahrung zur Gewissheit gelangen zu können. Die Mutter spürte nichts. Die Nachbarin merkte nichts. Der Sittich horchte auf. Legte den Kopf schief und lauschte der verborgenen Stimme. Aus der Sicherheit der bekannten Schulter und des konstanten Futterangebotes heraus, breitete er seine Flügel aus und löste sich leicht und locker aus der Umgebung des Vertrauten. Flatterte in die Unbegrenztheit einer offen vor ihm liegenden, unbekannten Welt. Mit einem einzigen Schwung überließ er sich der Unendlichkeit des unvorhersehbar Neuen. Taumelte sinnestrunken in den blauen Himmel über der Eisenbahnersiedlung dem Bahndamm entgegen, der das Gelände vor dem Haus begrenzte.

Der Sittich wurde nie wieder gesehen. Alle Suchaktionen verloren sich in Misserfolgen. Er fand den Weg zurück nicht mehr. Oder wollte ihn nicht finden. Was wissen wir schon von anderen Welten. Wir kennen ja kaum die eigene, geschweige die unseres Nachbarn. Jedenfalls setzte der Vogel, neben der Traurigkeit des Verlustes, ein Zeichen in das kindliche Gemüt einer verbeamteten deutschen Heimstatt: Auch wenn du dich um deine Verdauungsreste nicht kümmern musst - Du hast (k)eine Chance, nutze sie! 

Das tangierte Elmer in dieser Zeit nur peripher, wie er in seinem späteren Leben sagen würde. Vielleicht war er auch nur zu jung, den Vorgang in seiner einzigartigen Bedeutung würdigen zu können. Die Zeit der Auseinandersetzung mit sich, seiner Spezies, deren Verhaltensweisen und Beweggründen, war noch nicht gekommen. Elmer betrachtete die Welt mit großen Augen als eine bunte Spielwiese, die keiner Erklärung bedurfte, die einfach nur da war. Die sich seinem Bewusstsein nur nach und nach erschließen sollte.

Eine zweite Möglichkeit, sich der Welt einer tierischen Andersartigkeit zu nähern, geschah durch den Gewinn eines Loses auf einer Ausstellung. Er gewann einen Kanarienvogel. Es endete tragisch unter dem Diktat des Zufalls. Das kleine, nette, hübsch singende, ebenfalls fliegen könnende gelbe Tier, bekam nach einer gewissen Eingewöhnungszeit in die neue Umgebung, einen Nestbauimpuls. Es sammelte in der ganzen Wohnung  Fäden für ein weiches, gemütliches Heim. Wo der dafür erforderliche Befruchtungsvorgang herkommen sollte, entzog sich den Beobachtern. Oder hatte das Los eine Befruchtete  getroffen? Beschwingt sammelte die flinke Kanarie alles, was zum Bau des Nestes erforderlich war, egal wo es gerade lag. Ein interessanter Faden befand sich auf dem Sessel von Elmers Vater. Das Nestbaurequisit war irgendwie festgeklemmt. Eingewoben ins Hier und Jetzt brauchte der Vogel seine gesamte Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit und Kraft, den Faden loszubekommen. Der Vater, wie üblich,  seine Umgebung als sich nie ändernden Zustand auffassend, kam und setzte sich, eine Zeitung ergreifend, auf diesen, seinen angestammten Sessel. Der Vogel, vertieft in sein Tun, der Vater, vertieft in sein anstehendes Tun. Ein schicksalhafter Moment, der erst dann in seiner tragischen Weite erkennbar wurde, als jemand fragte: Wo ist eigentlich der Vogel? Da bemerkte das sensible Familienoberhaupt, dass es eine Stelle an seinem Hintern gab, die eigenartigerweise wärmer war, als der Rest seines Gesäßes. Das Tier konnte nur noch erstickt geborgen werden. Wie schnell der Zufall dem Leben ein Ende setzen kann!

Mit diesen Erfahrungen erschöpften sich die Ambitionen von Elmer nach einem näheren Kontakt mit der Welt einer von den Menschen als adäquater Partner akzeptierten Fauna. Hin und wieder traf er in seinem späteren Leben auf Tiere im Umfeld von Freunden. Da ging er schon mal mit einem Hund Gassi, wie der ambitionierte Tierfreund zu sagen pflegt. Da tauchte er ein in das Gefühl der Beherrschbarkeit von Kreatur und Natur. Der Hund an der Seite, das Domestizierungssymbol, eine raue Leine, lässig in der Hand. Seht her, ich habe sie, aber ich brauche sie nicht. Hat ja was, ein Mann und sein treuer Freund. Nun ja, als Spielzeug ganz nett, aber als Lebensgefährte? Jedenfalls kam für ihn die Anschaffung eines Tieres als ständiger Begleiter nie in irgendeine Fragestellung. Nicht mal in seiner Funktion als Trost- und Sinnspender. Kein Interesse. Die Illusion von Liebe und Zuneigung konnte man sich wesentlich ergiebiger vom weiblichen Geschlecht holen. 

Doch wie das mit dem Zufall so ist, er eröffnet manchmal merkwürdige Wege. In einem dieser Momente, in denen sich die Welt langsamer dreht, werden Entscheidungen getroffen, die in ihren Konsequenzen nicht vorhersehbar sind. Innerhalb von Elmers Suche nach sinnvollen Aspekten eines erfüllten Lebens, traf er in gereifterem Alter auf eine Frau, die ein solches Tier hatte. Anfangs war das kein Problem, da er mit ihr in Form einer Geliebten zusammen lebte. Er war maximal einmal die Woche bei ihr und nahm den Hund nur am Rand wahr. Irgendwo lag er rum, aber so weit unten, dass er nicht weiter in das Bewusstsein drang. Elmer hatte eine eigene Familie, ein eigenes Heim mit 110 m2 und ab und zu die Freiheit das zu tun, was in seiner gewohnten Umwelt nicht mehr möglich war. Dann verlor die Geschichte den Status der Heimlichkeit und er flog von der vertrauten Schulter einer gesicherten Existenz in eine andere Welt mit einer kleineren Wohnung von 65 m², mit Hund.

Die Anomalie des Animalischen

Leben auf engstem Raum. Elmer, Sie und Sie. Sie, das Frauchen und Sie, der Hund, Lotte genannt. Schon seit Jahren mit Frauchen in trauter Zweisamkeit zusammen lebend.

Sie, die Hündin oder er, der Hund. Elmer brachte das immer durcheinander. Sie sah aus wie ein Hund, war aber eine Hündin. Man musste schon drunter schauen, um das Geschlecht erkennen zu können. Kein Rohr unterm Bauch, sondern Zitzen. 

Das Tier war kein Wunschtier der momentanen Tierhalterin. Es wurde ursprünglich für die Tochter angeschafft. Die Sehnsucht nach einer Lebendigkeit, in der man die Erfüllung unbefriedigter Bedürfnisse zu finden meint, beginnt schon in frühen Jahren. Die obligatorischen Spielzeuge der Kinder werden schnell langweilig, das Gefühl möchte sich um etwas Lebendiges kümmern und das Herz beginnt zu rasen beim Anblick einer süßen kleinen Hundeschnauze. Die rationale Hoffnung der Eltern, da lernt das Kind Verantwortung, löste sich schnell in Luft auf. Sobald es regnet und der Hund raus muss, ist es aus mit dem kindlichen Verständnis von Tierhaltung. Kinder sind dem Moment verpflichtetet. Kontinuität, ein wesentlicher Bestandteil erforderlicher Maßnahmen einer adäquaten Tierhaltung, ist bei Heranwachsenden nicht unbedingt vorhanden. Kinder möchten „Spielen“ und sich nicht immer ums tägliche Füttern kümmern müssen, geschweige denn jeden Tag mindestens dreimal Rausgehen, egal bei welchem Wetter. Da verliert der Heranwachsende bald das Interesse an der liebenswerten Kreatur. Spätestens in oder nach der Pubertät, wenn sich die Libido auf die eigene Spezies ausrichtet, nach Erfüllung beim 

anderen Geschlecht orientiert, verliert sich die Liebe zum haarigen Wesen. Die notwendigen Pflichten werden von jemand Anders übernommen. Von wem? Na klar, von Mama, die kennt sich mit Pflege und Hingabe schließlich aus. Und wo bleibt der Hund, wenn die jugendliche Besitzerin zum Studium den Ort wechselt? Na klar, bei Mama.

Zurück zum Hund. Er wurde in einer bäuerlichen Familie geboren. Kam auf dem Land zur Welt. Er hatte viele Geschwister. Zu viele. Also wurde er, quasi in Obhut, außer Haus gegeben. Sein prägnantes, für die Auswahl entscheidendes Merkmal: Ein „niedliches“ Gesicht. Kein Hund ohne Namen, dieser hier hieß von nun an: „Lotte“. 

Lotte ist nicht von adliger Natur, oder wie man in dem Genre sagt, reinrassig. Wie das auf dem Land so üblich ist, wird wild durch die Gegend gevögelt, ohne Rücksicht auf Rasse und deren Lehre. Da wird befruchtet, was vor die Flinte kommt, dem Trieb und der Natur blind vertrauend. Jenseits jeglicher Moral und Etikette. Soll ja was Erlösendes haben, den Dingen einfach ihren Lauf lassen zu können. Wären wir ohne diesen Trieb in der Welt?

Ein großer Bestandteil des Wesens von Lotte ist der Terrier. Irgend etwas ist noch drin, aber keiner kennt die pikanten Details der wahren Geschichte von Madame Lotte, wie Elmer sie später nennen sollte. Sie selbst wahrscheinlich auch nicht. Jedenfalls hat sie in ihrem Werdegang das Wesen einer ungekreuzten Rasse in sich kultiviert, aus welchen Gründen auch immer.

Mittlerweile ist die „Töle“, wie Elmer, der neue Freund der Hundesteuerzahlerin, sie ohne Respekt nennt, reichlich alt, fünfzehn Jahre. Für einen Hund ein stattliches Alter, entspricht so an die 80 Jahre Mensch sein. Wie gesagt, der Hund ist eine Hündin, d.h. sie ist sterilisiert, da sie sonst Jahr für Jahr die Art erhalten würde und das müssen sich Hundebesitzer nicht unbedingt antun. Die Freude über die mannigfache Niedlichkeit junger Welpen vergeht schnell bei dem Gedanken, wohin damit? Gerade Bastarde sind nicht so leicht an den Mann zu bringen. Auch Frauen beim Hundekauf tun sich schwer, wenn die Niedlichkeit des Tieres ohne Stammbaum daher kommt.

Der Nachteil dieser ultimativen Verhütungsmethode: Die Hormone spielen verrückt. Der Preis des Eingriffs in die Natur ist ein verstärktes Körpervolumen. Ein Mac-Donalds XXL-User Format.