Toscana Daimon - Heinz-Dieter Vonau - E-Book

Toscana Daimon E-Book

Heinz-Dieter Vonau

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Beschreibung

Eigentlich wollte er im reiferen Alter nur mal wieder an einem Seminar teilnehmen: Daimon, deine Bestimmung im Leben. Viel Zeit verblieb ihm ja nicht, das mal herauszufinden. Nebenbei könnte er ja gleich noch die Geheimnisse des selbstlosen Liebens erforschen, die Agape. Er hatte sogar ein Konzept im Kopf. Betrachtet man Liebe als Form von Energie, wirkt der Energieerhaltungssatz: Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden. Sie kann nur von einer Form in andere Formen umgewandelt oder von einem Körper auf andere Körper übertragen werden. Löst man also das Objekt der Verursachung vom Verursacher …? Grau ist alle Theorie. In der Toskana macht er die Erfahrung, dass das was denkt, etwas anderes ist als das, was lebt. Immer mehr verliert er sich in die Extreme seiner Gefühle. Sein Humor rettet ihn immer wieder aus dramatischen Situationen, bis er im kaltem Meer das findet, was er gar nicht gesucht hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Autor Heinz-Dieter Vonau, Baujahr 1950, lebt momentan in Braunschweig. Zwanzig Jahre verbrachte er in München, studierte dort Theaterwissenschaften, Linguistik und vergleichende Religionswissenschaften. Da er das Theater nicht nur theoretisch begreifen wollte, machte er nach einigen Spielerfahrungen eine Schauspielausbildung. Spielte zehn Jahre an den kleinen Theatern der bayerischen Landeshauptstadt, wirkte in kleinen Rollen in Film und Fernsehen mit. Das reichte nicht fürs Überleben. Also verdiente er sein Geld in der Wirtschaft. Arbeitete im Messebau, machte dort so etwas wie Karriere. Trainierte später Mitarbeiter diverser Organisationen im Aufbau ihrer Schlüsselkompetenzen (unter anderem in einem Seminar für Faszinationstraining, das er mit einer Kollegin entwickelt hatte). Er nutzte alle möglichen Chancen des legalen Gelderwerbs. Mit fünfzig zog es ihn, mittlerweile von Frau und Kind begleitet, zurück in seine ehemalige Heimat in die Nähe von Braunschweig. Hier lebt er jetzt seit Beginn des 21. Jahrhunderts und arbeitet als Dozent der VHS, Schauspieler und Autor, der das Schreiben für sich entdeckt hat. Es begann 2002 mit Edutainment-Projekten über Novalis. Es folgte 2005 ein Stück zum Thema „Zeit“, ein Gottfried Benn Projekt „Gottfried Benn - Ein Arzt packt aus“. Er spielte mit Kändler-Texten in der Gruppe „Triebe“, führte 2007 Regie bei der Brunsviga-Operette „Im weißen Rössl“, spielte ab und an noch kleine Rollen im TV. Bis 2020 gastierte er im lokalen Umfeld mit Lesungen aus seinen beiden Büchern „Osterhasen küsst man nicht“ und „Das Gassi-Syndrom“. Sein letztes Theaterprojekt, in dem er sogar mitspielt, ist eine Art Revue, in der es um die Liebe geht: ´bout love. Dann kam das Virus. Und wenn kulturelle Veranstaltungen wieder erlaubt sein werden, wird er weiter lesen und verwundert dem Spiel des Lebens zuschauen. Falls sie mehr wissen möchten: www.heinzdietervonau.de

Heinz-Dieter Vonau

Toscana Daimon

Liebe deinen nächsten wie dich selbst

Dann stand er vor dem Spiegel

Impressum

© 2021 Heinz-Dieter Vonau

Umschlaggestaltung: Heinz-Dieter Vonau

Fotos: Anke Ellen Kawlath

Lektorat, Korrektorat: Dr. Isabel Kobus

Verlag & Druck: tredition GmbH

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN: 978-3-347-32097-0 (Hardcover)

ISBN: 978-3-347-31827-4 (Paperback)

ISBN: 978-3-347-31697-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die Vorkommnisse in dem Buch größtenteils frei erfunden sind, ebenso die vorkommenden Namen. Ich beobachte mich in der mich umgebenden Realität, übertreibe sie und spiele mit den sich daraus eröffnenden Möglichkeiten. Da Realitätswahrnehmung immer eine selektive ist und dementsprechend einen subjektiven Charakter hat, sind folglich alle meine Gedanken … meine Interpretationen der Wahrnehmung. Sie erheben in keiner Weise einen Anspruch auf Abbildung irgendeiner existenten Wirklichkeit.

Es gibt nichts Machtvolleres als eine offene Frage. Sie kann alles verändern.

Bernhard Pörksendie ZEIT Nr.35. S.49-50

Inhalt

Once in a lifetime

Möckmühl – Würzburg

Würzburg - Göttingen

Göttingen – Braunschweig

My home is my castle

Decision-Finder

Aufbruch

Wieder im Zug

Aussichten

Toscana

Seminar - Tag 1

Seminar - Tag 2

Seminar - Tag 3

Seminar - Tag 4

Seminar - Tag 5

Seminar - Tag 6

Das 1. Gespräch

Seminar - Tag 7

Seminar - Tag 8

Das 2. Gespräch

Seminar - Tag 9

Ausklang am Meer

Überraschendes Finale

Epilog

Danksagungen

Once in a lifetime

 

Nach einer lang gezogenen Kurve, in der uns die Fliehkräfte im Taxi aneinander drücken, erscheint an der linken Seite der Straße ein alter Pferdewagen, mit Kürbissen beladen. Kein Verkäufer. Man kann anhalten, etwas nehmen und bezahlt in eine kleine, unverschlossene Kasse. Schau an, denk ich mir, manchmal gelingen die einfachsten Sachen mit den einfachsten Mitteln: Vertrauen schafft Vertrauen.

Der Fahrer dreht am Radio und bleibt bei den Talking Heads hängen - Once in a lifetime:

“You may find yourself behind the wheel of a large automobile

You may find yourself in a beautiful house with a beautiful wife

You may ask yourself, well, how did I get here?”

Nach der Kurve erinnere ich mich, wieder Fliehkraft unabhängig, an die Zeilen. Ich lebte in München und wollte den mittleren Ring entlang ins Büro. In einem weißen Lancia Kappa SW, von Pininfarina gestaltet, ein Traum von einem Auto, den mir die Messebaufirma, für die ich freiberuflich arbeitete, erlaubte zu fahren. Ein ganz normaler Tag, nichts ging mehr im Stau. Ich war umgeben von 80-100kg-Individualisten, die sich schlaftrunken im Highländer-Modus, mit Hilfe von 1000 kg Stahl von Punkt A nach Punkt B bewegten, im allein selig machenden Modus: Es kann nur einen geben, wenn es um Vorfahrt geht. Ich stand in der Spur, die darauf angewiesen war, dass man ihr zum Einfädeln Platz lässt, Reißverschlusssystem. Ich war der Einzige, der davon schon mal etwas gehört hatte. Und dann im Radio dieses Lied. Für einen Moment lüftete das Leben den Schleier der Alltäglichkeit und ließ einen ungetrübten Blick mit Reflexionspotential auf das eigene Sein zu. Du hast alles, was da beschriebenen wird, alles was man zum Leben braucht, um zufrieden sein zu können. Ein großes Auto, ein schönes Heim, eine wunderschöne Frau und als Zugabe ein aufgewecktes, kleines Kind … aber … wie zum Teufel bist du da hingekommen? Wolltest du das jemals? Ich bin ein Spross der 68er Generation, die alles Tradierte in Frage gestellt hatte und nach Änderung schrie: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Was hat mich zu dem Ort gebracht, von dem ich eigentlich weg wollte? Im Refrain kommt die Antwort:

“Same as it ever was - Same as it ever was”

In der Spiegelung der Türglasscheibe sehe ich, wie ich mich selbst betrachte. Ein Beobachter beobachtet sich beim Beobachten. Der Blick erweitert sich und geht durch mein Spiegelbild hindurch in die vorbeiziehende Landschaft. Von leicht unter Wasser stehenden schwäbischen Wiesen und Weiden längsseits der Jagst, hinauf zu den sanften Hängen ansteigender Weinberge. Ein angenehmes Gefühl ästhetischer Liebenswürdigkeit tut nicht nur meinen Augen gut. Der Gedanke: Das Leben kann doch verdammt schön sein, zelebriert meine momentane Empfindung. Ich möchte den Augenblick teilen und sehe Nadine an. Sie schaut auf ihrer Seite aus dem Fenster. Wie schön, mit einem Menschen zusammen arbeiten zu dürfen, der auch ein Interesse an Entwicklung hat, dessen Selbstwertgefühl sich nicht in der Dominanz der eigenen Wichtigkeit erschöpft. Eine Frau mit der man das Ideal jeder Zusammenarbeit leben kann, die Unterordnung des Selbst unter ein gemeinsames Ziel.

Nadine spürt meinen Blick und wendet den Kopf. Sie sieht mich an. Ihre Gedanken hinter dem wie üblich zu starken Makeup, drängen bereits weiter in die Zukunft. Kaum ist das Eine zu Ende, schon strebt sie nach dem Nächsten. Sie interpretiert meine Aufmerksamkeit ihr gegenüber als Aufforderung zum Reden und es strömt aus ihr heraus: Ihr nächstes Projekt, ein Selbsterfahrungsseminar in Italien. Hat sie schon mal gemacht mit Freunden, in der Toskana. Diesmal wollen sie ein paar neue Ideen ausprobieren. Sie haben auch schon ein Thema: „Daimon, deine Bestimmung im Leben“. Meine Frage, wozu das gut sein soll und wer da was bestimmt, geht in ihrer Begeisterung, mit der sie sich selbst davonreißt, unter. Ich schwimme eine Weile mit, höre einfach nur zu und folge meinen eigenen Gedanken. Wann war ich eigentlich das letzte Mal als Teilnehmer auf einem Seminar? Nur mit mir selbst beschäftigt, dem Geheimnis der eigenen Persönlichkeit auf der Spur. Wehmut und etwas Neid steigen in mir hoch. Habe ich lange nicht mehr gemacht. Ab und an zwar daran gedacht, aber nicht getan. Wenn ich meine finanziellen Möglichkeiten betrachte, liegt das momentan einfach nicht drin. Ich bin Freiberufler und arbeite nach Auftragseingang, der bei weitem nicht so kontinuierlich ist wie er sein könnte, eher sporadisch. Meine Seminare finden nur ein paar Mal im Jahr statt.

Der Taxifahrer dreht das Radio auf und singt laut mit:

„You can´t always get what you want“ …

(Michael Jäger von den Rollenden Steinen)

Graue Wolken ziehen über eine gigantische Landbrücke, auf der unzählige Autos in entgegengesetzten Richtungen bestimmten Zielen entgegen hetzen. „Komm doch mit“, holt mich Nadine aus meinen Betrachtungen, „… ist bestimmt interessant für dich.“ Ihre hellen, auffordernd begeisterten Blicke fangen mich ein. Was? Wie jetzt? Ich zu einem Seminar mit dem Thema „Daimon, die Bestimmung meines Lebens“? Ich, der noch nie wusste, was er will? Den Niemand in seiner Aufzucht je nach seinem Willen gefragt hatte? Der immer dem folgen musste, was andere für richtig hielten? Dem einige in seinem Leben gesagt haben, wo es lang geht. Wobei jedoch nichts mit der Kapazität darunter war, ein Leben zielgerichtet und erfolgreich ausrichten zu können. Im tiefen Inneren lungert die Überzeugung, dass ich nichts bin, nichts kann und auch nie etwas können werde. Die Indoktrination von: My father´s ghost looks over my shoulder. Ich bin die Inkarnation eines fremdbestimmten Lebens. Und dem Ganzen soll eine Bestimmung zugrunde liegen? Außerdem liegt der Begriff Daimon verdächtig nah an dem eines Dämonen.

Der Taxifahrer überholt einen älteren Herrn in einem VW-Lupo und schimpft in tiefstem schwäbisch über dessen Fahrweise. Das Radio wiederholt den Refrain:

„You can´t always get what you want“ …

Während ich mich meinen Überlegungen weiter hingebe, beginnt die Verszeile meine Gedanken zu verhöhnen. Es kommt was kommt, eine meiner Lebensdevisen. Akzeptieren was ist und dann entscheiden, ob ich etwas damit zu tun haben will. Das macht der Kopf mit dem Gefühl aus. Irgendetwas mischt da noch mit, das weigert sich allerdings, mit offenen Karten zu spielen. Ist immer nur in Andeutungen vorhanden und spekuliert auf eine Einsicht, die neben einem nicht allzustark ausgeprägten Willen die Karte „Ja“ oder „Nein“ hebt. In diesen inneren Eintopf gestoßen entdecke ich nach einer Weile in einer abgelegenen Ecke meines Bewusstseins einen gewissen Reiz gegenüber dem Angebot. Der wird natürlich sofort hinterfragt. Ohne Fragen läuft bei mir gar nichts. Kann ja jeder kommen: Öffnet sich hier eine Tür zu irgendetwas? Sollte Mr. Jagger mit seiner Bemerkung, man könne nicht alles haben was man möchte, mich gemeint haben? Handelt es sich bei der Aussage womöglich nicht um eine Aussage, sondern um eine Frage? Statt du kannst nicht! … Du kannst nicht? Sollte womöglich doch eine Art von Bestimmung hier ihr Spielchen mit mir spielen? Liegt die Hand irgendeines Daimon schon auf meiner Schulter? Es passiert ja nichts im Leben ohne eine Bedeutung. In diesem Moment, genau jetzt, diese Liedzeilen. Ein Potential zu irgendetwas schwingt immer mit. Mein laut plauderndes Hirn liefert auch gleich ein paar Antworten: Nun ja, es könnten natürlich neue Erfahrungen drin liegen, unbekannter Landstrich, unbekannte Menschen, unbekannte Bereiche meiner inneren Welten, unbekannte Frauen … In vages Lächeln eingepackt schleicht sich eine Meinung Nadine entgegen und erkundet die Möglichkeiten: „Wie teuer ist das denn“? Nadine lächelt kokett: „Du bist natürlich mein Gast. Brauchst du nur den Selbstkostenpreis zahlen. Und die Fahrt kostet dich auch nichts. Du fährst mit uns im Bus.“

Sieben Tage Toskana. Die Urlaubsgegend deutscher Lehrer. Fand ich schon immer interessant. Mal raus aus allem, ein kleiner Break, die Welt aus anderen Augen betrachten, nur für mich selbst verantwortlich sein, mit minimalen Kosten. Das wär doch was, das müsste doch irgendwie zu machen sein…!?

Hätte ich auch nur geahnt, auf was ich mich einlassen würde, wäre mir das wohlige Gefühl jetzt schon im Hals stecken geblieben.

Möckmühl – Würzburg

(Nahverkehrszug)

 

Auf dem Bahnhof verabschiede ich mich von Nadine. Ihr Zug kommt auf Bahnsteig eins. Sie fährt nach links, Richtung München. Ich sehe dem Zug hinterher. Meiner fährt vom Bahnsteig zwei, nach rechts. Dazu muss ich die Gleise überqueren. Ein fleckiger Teerteppich ist eine Herausforderung für meinen Trolley. Dauernd bleibt er hängen. Überbleibsel einer Zeit, von der ein Ortsnamensschild am Vordach des Bahnhofs erzählt. Große schwarze, altdeutsch verschnörkelte Buchstaben auf weißer Emaille: Möckmühl. Ein vergessenes Relikt aus der Zeit, in der meine Eltern gelebt haben. Mein Vater hätte seine Freude daran. „Bitte zurücktreten, der Zug fährt ein“. Kurz, sachlich, von einem lebenden Beamten gesprochen. Langsam schiebt eine Diesellok die Waggons vor sich her. Auch ohne Platzreservierung finde ich problemlos einen Platz direkt am Fenster. Lasse mich von langsamer Bewegung des abfahrenden Zuges in die entrückenden Bilder des alten Städtchens fallen, das schon in der Jungsteinzeit besiedelt war. Einfallslos funktional gestaltete Industrieansammlungen ziehen vorbei, erinnern an die Jetztzeit. Es folgt eine hügelig bewaldete Landschaft, deren Aussehen sich permanent im Licht eines zur Neige gehenden Tages ändert. Ich passe mich der Tageszeit an und dämmere ebenfalls dahin. Pappeln in einer Reihe an einem Bach. Erinnern mich an Zypressen. Sieht es in der Toskana nicht so ähnlich aus? Mmmmh. Selbsterfahrung. In fortgeschrittenem Alter?

Als ich noch in München lebte, noch keine Familie hatte, nur mir selbst gegenüber verantwortlich war, hatte ich mich öfter auf das Abenteuer gesteuerter Selbsterfahrung eingelassen. Meine mich treibenden Fragen waren: Wer bin ich? Warum tue ich was ich tue und warum werde ich dabei nicht gefragt? Mischt etwas Unbekanntes die Karten? Gibt es ein bestimmtes Ziel, auf das alles hinführt? Eine individuelle Bestimmung, der man sich nur unterzuordnen braucht um ein erfülltes Leben führen zu können? Oder wuselt alles blind durcheinander, den unwillkürlichen Reaktionen frühkindlicher Sozialisationsprozesse folgend? Und vor allem: Will ich das wirklich wissen? Mit Zielen habe ich es nicht so. Die haben ihre Tücken. Ich vertrete das Thema beruflich in diversen Schulungseinheiten, selbstverständlich zielorientiert. Ich kann es im beschränkten Rahmen wirtschaftlicher Optimierungsprozesse auch verständlich vermitteln. Aber privat …?… Dieses ganze Getue um Zielvereinbarungen, Fokussierung auf einen Punkt, Milestones im realen Erreichbarkeitsmodus, Kontrolle jederzeit … Energie mobilisieren, Adrenalin zentrieren: Ich schaff es, you can get it, if you realy want! Und immer weiter in Richtung Gipfel. Am Ziel angekommen, verschwindet die antreibende Kraft, der Motivator hat den Motor abgestellt. Ein neues Ziel muss her. Bloß kein Stillstand. Sich treiben lassen ist kein Bestandteil des Portfolios eines erfolgreichen Menschen.

Same as it ever was.

Das kann ja nicht der Sinn des Lebens sein, den eigenen Gaul bis zum Zusammenbruch zu schinden? Um dann das Gnadenbrot in einer erfolgszentrierten, an Gewinn orientierten, pflegekraftreduzierten Seniorenresidenz auf den Tisch geknallt zu bekommen. Wenn denn dann die Rente reicht. Ich habe es bis jetzt immer mit der Devise gehalten: Der Weg ist das Ziel. Aus dem Fenster schauen wichtiger als irgendwo ankommen.

„Die Fahrscheine bitte!“ Ein älterer Zugbegleiter möchte meine selbst ausgedruckte Fahrlegitimierung sehen. Scannt den Code und überlässt einem Digitalisierungsprozess die Entscheidung, ob ich berechtigt bin, diesen Zug nutzen zu dürfen. Eine für mich mit Angst verbundene Situation. Wenn das Gerät jetzt entscheidet, da stimmt was nicht, habe ich den Ärger, nicht das Gerät oder der Benutzer. Und egal wie die Entscheidung ausfällt, ich bin für alle um mich herum einer, mit dem etwas nicht stimmt. Erleichtert nehme ich den Fahrschein wieder an mich. Alles in Ordnung. Noch mal Schwein gehabt, mit dem Daimon ist nicht zu spaßen. Wenn das Schicksal mies drauf ist, hast du schlechte Karten.

Daimon, Daimon, das wird ja langsam zu einer Obsession. Ich meine, was wäre denn, wenn ich gar nichts mit allem zu tun habe? Wenn keiner auf diesem Planeten mit irgendetwas zu tun hat? Alle suchen nach irgendetwas und keiner kriegt mit, dass es nichts zu finden gibt, geschweige denn, wofür er im großen Ganzen verantwortlich ist. Chaos ist angesagt. Obwohl, … wenn ich mir die Welt so ansehe…

Schon vor über 20 Jahren hat der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet herausgefunden, dass ein Gehirn, kurz bevor die bewusste Entscheidung zu einem Tun passiert, schon längst entschieden hat, was getan wird. Er hat ein Gehirnsignal gemessen, ein so genanntes "Bereitschaftspotenzial", das einer bewussten Entscheidung um einige hundert Millisekunden vorausgeht. Libets Experimente lösten eine heftige Debatte um die Willensfreiheit aus. Die Folgerung: Wenn Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, ist der freie Wille eine Illusion – irgendetwas in uns entscheidet, nur kein "Ich".

Sind wir alle fremdbestimmt? Taumeln im Irrglauben irgendwie wichtig zu sein blind durch die Gegend, während wir Schlag auf Schlag der Trommel irgendeines Taktgebers vorn in der Galeere folgen? Beschönigen wir uns die Situation, indem wir die Situation als Aktiv-Urlaub bewerten, um wenigstens einen Zipfel von Selbstbestimmung in der Hand halten zu können?

Ein älterer Herr nimmt mir gegenüber Platz. Laut vor sich hin fluchend, schiebt er eine Reisetasche ins Gepäcknetz: „Da schleppt man eine schwere Tasche mit sich durch die engen Gänge, will sich am Schaffner vorbeiquetschen, doch der geht nicht zur Seite, nein, baut sich vor einem auf und will den Fahrschein sehen.“ Er setzt sich mir gegenüber und schaut mich an: „Sehe ich aus, als hätte ich keinen?“ „Dienst ist Dienst“, antworte ich „und Schnaps ist Schnaps. Er brachte sie nicht mir Alkohol in Verbindung.“ Der Mann stutzt: „Sind sie auch einer von diesen Pensionserschleichern?“ „Nein, aber mein Vater ist einer. Genetische Veranlagung“. „Kommen sie mir nicht mit sowas“, bekomme ich zu hören, „des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“ „Solange das Fahrkartenkontrollgerät nicht anderer Meinung ist“, antworte ich. „Ich vermute mal, es war mit Ihnen gnädig.“ „Es hatte keine Chance, ich habe eine Karte aus dem Automaten“. „Sie scheuen das Risiko?“ „Wie kommen Sie darauf, ich fahre immerhin mit der Bahn.“ „Überzeugung oder Notwendigkeit?“ „Äh, der Führerschein hat mich für eine Weile verlassen.“ „Oh, sind Sie aus der Rolle des Täters in die des Opfers gefallen.“ „Freie Fahrt für freie Bürger.“ Er zieht mit einiger Mühe ein zerknautschtes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und schneuzt sich ausgiebig die Nase. „Von wegen frei, überall Einschränkungen. Was meinen Sie was passiert wäre, wenn ich meinen Fahrschein verloren hätte. Das hätte mir der Büttel des Bahngesetzes niemals abgenommen.“ „Dann hätten Sie im Knast solche Probleme nicht mehr.“ „Jetzt übertreiben Sie mal nicht.“ Er steht auf, holt die Tasche aus dem Netz, öffnet sie und entnimmt ihr eine kleine Flasche Kräuterlikör und zwei kleine Gläser: „Auch einen? Ist gesund. Den mach ich selbst.“ „Gern, danke“, sage ich und hebe den Glas. „Auf ihr formidables Selbst.“

Wir nicken uns zu und trinken in einem Zug. Gar nicht schlecht, der Selbstgemachte. Er nimmt das Glas zurück, säubert beide Gläser mit seinem Schnupftuch, legt sie wieder in die Tasche, holt die aktuelle Ausgabe der Heilbronner Stimme heraus, zieht sich in sich selbst zurück und überlässt sich dem Inhalt.

Das Selbst, beginnt es in mir zu denken, ein Teil von dem, was man sieht, wenn man in den Spiegel schaut und den Gedanken „Gar nicht so