Das gefrorene Herz - Theodor Plievier - E-Book

Das gefrorene Herz E-Book

Theodor Plievier

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Beschreibung

In Das gefrorene Herz hält Theodor Plievier dem deutschen Russlandfeldzug im Zweiten Weltkrieg ein schonungsloses literarisches Protokoll entgegen. Anhand authentischer Briefe, erschütternder Einzelschicksale und präzise beobachteter Frontsituationen zeigt er den Krieg im Osten als das, was er war: ein Feldzug der Entmenschlichung, des Hungers, der Kälte und der moralischen Verwüstung. Plievier erzählt von Soldaten, die im Schnee erfrieren, aus Hunger töten, an Befehlen zerbrechen oder in blindem Gehorsam zu Tätern werden – und von jenen, die zu spät erkennen, dass sie Teil eines verbrecherischen Krieges sind. Seine Erzählungen entlarven die Lügen der Propaganda und machen sichtbar, wie der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion nicht nur Millionen Leben kostete, sondern auch das Gewissen der Beteiligten zerstörte. Das gefrorene Herz ist ein eindringliches Mahnmal gegen Krieg, Ideologie und Wegsehen – und ein literarisches Zeugnis von bedrückender Aktualität.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum

Theodor Plievier

Das gefrorene Herz

Erzählungen

ISBN 978-3-68912-635-3 (E–Book)

Erschienen 1947 beim Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar.

Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.

© 2026 EDITION digital®

Pekrul & Sohn GbR

Godern

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Pinnow

Tel.: 03860 505788

E–Mail: [email protected]

Internet: http://www.edition-digital.de

Ein deutsches Weihnachtsmärchen

Es war einmal …

Aber das hier war erst vor wenigen Jahren, und ein Märchen – ein sehr böses – wird es erst sein, wenn alles vergangen und vergessen sein wird.

Die Frau heißt wirklich Karoline Scharlinger und sie wohnt in Schamers, Kreis Neu-Bistritz. Und der Soldat, um den es sich handelt, hieß wirklich Adolf Scharlinger, und seine Truppe war die Artillerie-Abteilung 187.

Die Frau setzte sich also in Schamers in ihrer Kammer an den Tisch und schrieb:

„Liebster Adolf! Nummer Eins, Zwei, Drei und Vier habe ich erhalten, und heute nun Nummer Fünf. Weißt Du, da tun die Briefträger wieder so dreinschauen, so geizig. Ja, und ich soll Dir halt schreiben, was alles drin war. Weißt, ich hab alles auf einen Stoß zusammengelegt und abgezählt. Zuerst eine Wattehose, 3 Unterhosen, 2 Herrenhemden, 2 andere Hosen, 3 Polster, 6 Handtücher, 7 Taschentücher und ein Stück grünes Zeug, ja, und noch die kleinen Sachen. Ja, liebster Adolf, nun denk auch an die Weihnacht und vergiss nicht die Nachthemden oder Stoff zu Nachthemden, und auch Seife, und vielleicht kommst Du auch mal an einen Pelz. Die in Neu-Bistritz möchten einem am liebsten das Herz aus dem Leibe herausnehmen. Da kann man beim besten Willen nicht gut ausschauen. Kannst mir glauben, das Leben ist ein großer Kampf. Sei vielmals geküsst von Deiner aufrichtigen Lini.“

So schrieb Karoline Scharlinger und der Briefträger schaute sie scheel an und die Nachbarn in Neu-Bistritz blickten sie so an, dass sie meinte, sie würden ihr am liebsten das Herz aus dem Leibe nehmen, und beim besten Willen konnte sie bei all ihrer zusammengeraubten Habe nicht gut aussehen.

Ihren Brief schickte sie weg, aber der machte einen langen Weg und ging viele Umwege, und so kam es, dass ihre Weihnachtsbestellung nicht mehr zur rechten Zeit eintraf, auch sonst gab es Gründe, die der Erfüllung ihrer Wünsche im Wege waren.

Die Artillerie-Abteilung 187 war über schlammige Straßen nach Osten gezogen. Der Wagen, auf dem der Soldat Adolf Scharlinger bis dahin Beifahrer gewesen war, war eine glatte Böschung abgerutscht und liegengeblieben, und seither marschierte Scharlinger mit den andern vorn in Reih und Glied. Es war ein weiter Weg, den er zurücklegte. Es ging durch Wochen, und aus Wäldern kamen sie hervor und gingen in weiter Linie über offene Fluren weg. Artilleriegeschosse krepierten in ihren Reihen. Es kam vor, dass Tankungetüme vorbrachen und über ihre Schützenlinie wegkurvten und Leute unter den Gleitketten zermalmt wurden. Die Sonne blieb die ganze Zeit über hinter grauen Wolken verborgen. In manchen Nächten war der Himmel rot von brennenden Dörfern. Es regnete, später fiel weicher Schnee; zuletzt blieb der Schnee liegen. Die Kompanie schrumpfte zusammen, aber es ging vorwärts. Sie gelangten bis an die Straße nach Swenigorod, 86 Kilometer vor Moskau. Und hier war es, dass Scharlinger um sein Leben laufen musste. Die Artillerie-Abteilung 187 existierte nicht mehr, auch von dem Infanterie-Regiment, dem die Abteilung zugeteilt war, gab es nur noch Reste. Aus den Trümmern von zwei Regimentern und der Artillerie-Abteilung wurde eine neue Truppe zusammengestellt. Und von jetzt an ging es immer zurück. Sie gruben sich in die Erde ein, und wer keinen Spaten hatte, musste sich mit bloßen Händen in den Schnee eingraben. Aber ihres Bleibens war nur, bis hinter den aufgefegten hohen Schneewellen die Panzer der Russen sichtbar wurden, dann ging es wieder weiter nach hinten.

So kam der Heilige Abend heran.

Der Soldat Scharlinger lag in einem Schneeloch. Ringsumher war eine weiße Ode. Die Sterne schienen so nahe wie niemals. Seine zerrissenen Schuhe hatte Scharlinger mit Lumpen umwickelt. Auch um Kopf und Ohren hatte er Lappen gewunden, und die bedeckten sich, während er dort stand und über das weiße Land und zu den flimmernden Sternen aufblickte, von seinem Atem mit einer harten Kruste. Er wurde abgelöst und einige Stunden hockte er mit anderen abgelösten Posten in einem überdeckten Unterstand. Und hier war es, wo er den nach vorn gebrachten Brief von Karoline Scharlinger aus Schamers erhielt; hier an einem niedrigen Feuer war es auch, wo er eine Antwort auf ein Blatt Papier kritzelte. Dann war seine Zeit um und den nächsten Tag erlebte er nicht mehr. Als dieser nächste Tag da war mit einem klaren Himmel und mit Sonnenschein und einer Luft, in der Myriaden Kristallsternchen flimmerten, wurde Scharlinger von zwei russischen Infanteristen erfroren in einer verlassenen deutschen Stellung aufgefunden. Den Brief Karoline Scharlingers aus Neu-Bistritz und auch die hingekritzelten Zeilen Adolf Scharlingers fanden die Russen in seiner Packtasche.

Die letzten Zeilen Scharlingers lauteten:

„Duschreibst, dass Du fünf Pakete erhieltest. Du sollst also noch drei erhalten. Aber mich interessieren die Pakete jetzt ganz und gar nicht, mich interessiert nur noch mein Leben. Ich habe wenig Hoffnung, Dich nochmals zu sehen. Die Zehen habe ich mir schon erfroren. Man kann kaum atmen, die Nase friert einem ab. O Gott, was für Verbrechen haben wir begangen!

Viel kann ich nicht mehr schreiben. Ich lebe noch.“

So lautet der Brief Adolf Scharlingers an Karoline Scharlinger und ihre Geschichte ist Wirklichkeit. Wie ein böses Märchen wird es sich erst lesen, wenn alles vergangen, und alles, was Scharlinger und die bei ihm waren, in dem fremden Lande angerichtet haben, wieder vergessen sein wird.

Zwei Wölfe

Und das ist kein Märchen, auch wenn Sterne groß wie Stalllampen am Himmel hängen und über der Erde eine verzauberte Helle liegt, so dass sich von den beiden Posten lange bläuliche Schatten auf dem Schnee abzeichnen.

Die beiden Posten atmen eisigen Dampf aus.

Ringsherum ist weißes Land. Der Schnee, der alles bedeckt, ist wie trockenes, feines Pulver. An einer Stelle ist eine Waldspitze in die weiße Endlosigkeit eingesprengt und reitet wie der Bug eines Schiffes auf einer hohen Schneewoge.

In der vierten Morgenstunde war es.

Es war so still, der Tritt eines Wolfes wäre vernehmbar gewesen. Die Stille war leer wie die Erstarrtheit ringsumher. Es war eine Leere von innen, aus dem Magen kam sie und aus noch tieferen Gründen, und füllte alles aus. Da war es, dass der eine Posten den anderen anstieß, und beide starrten zur Waldspitze hin.

„Russen!“, sagte der eine.

„Russen!“, sagte auch der andere.

Sie beobachteten zwei Gestalten, die sich von den Bäumen lösten und über das leere Feld kamen. Der Schnee brach unter ihren Tritten ein und in den aufgewehten Wellen versanken sie bis zum Leib. Offenbar wussten sie nichts von der weit vorgeschobenen Feldwache der Deutschen und kamen direkt auf den Schneewall zu, hinter dem die beiden Posten lauerten.

„Sie haben gewiss Brot in den Taschen!“, sagte der eine.

Der andere sagte nichts. Er fasste die Näherkommenden ins Auge und hob das Gewehr. Auch der erste nahm das Gewehr in Anschlag. Das Knirschen des Schnees unter den Füßen der Näherkommenden war vernehmbar, und der unter ihren Tritten aufspritzende Schnee war zu sehen. Da fuhr ein Schrei auf, ein kurzes Aufheulen, einer der beiden Deutschen hatte es ausgestoßen, ein russisches Wort, und es bedeutete: „Stehenbleiben!“

Den beiden Russen schien es aus einer nicht menschlichen Kehle gekommen. Sie blieben wie an die Stelle geheftet stehen. Das dauerte die Spanne eines Augenblicks lang, dann hatten sie sich gefasst. Doch als sie sich zur Flucht umwandten, peitschten Schüsse hinter ihnen her. Einer wurde getroffen, taumelte und stürzte in den Schnee. Der andere erreichte den Schutz der Bäume und verschwand im Wald.

Und die Erde war wieder wie vorher. Der Schnee funkelte und die Sterne über dem Schnee waren groß wie Stalllampen. Die beiden Posten starrten auf den Menschen im Schnee, bis er sich nicht mehr rührte. Die Entfernung bis zu ihm schätzten sie auf zwanzig Schritte. Sie dachten an nichts als an das Brot, das sie dort in den Taschen vermuteten. Aber noch größer als der Hunger in ihnen war ihre Furcht. Sie verbargen sich hinter dem Schneewall und lauschten in die Nacht. Sie starrten über den flimmernden Schnee weg zum Wald hinüber und meinten Augen zu spüren, die jeder ihrer Bewegungen folgten. Sie hatten sich noch nicht von der Stelle gerührt, als die Sterne schon blass wurden und der dunkle Fleck im Schnee verschwunden war.

Das ist geschehen und es ist keine Erfindung und auch kein böses Märchen. Es gab Soldaten, die um eines Stück Brotes willen das Gewehr hoben und schossen. Es gab solche wie den Gefreiten Piskow, der nichts daran fand und keinen Fluch für den hatte, der ihn den Wölfen gleich gemacht hat, und der sich anderntags hinsetzen konnte, um seine Tat niederzuschreiben und sie „ein kleines Kriegserlebnis“ nannte.

Es gibt einen Brief, welcher lautet:

„… Als Neuigkeit kann ich Dir mitteilen, dass wir als Entschädigung dafür, dass wir so gehungert haben, pro Mann 150.– Mark erhalten sollen. Gewiss, das Geld kannst Du sehr gut gebrauchen. Aber was ist das Geld für das, was wir hier gehungert haben und noch hungern müssen. Das ist mit Geld überhaupt nicht zu bezahlen. Jetzt ein kleines Kriegserlebnis: Als ich Heute morgen Posten stand, es war dreieinhalb Uhr, kamen aus dem Wald zwei Russen ahnungslos auf unseren Stand zu. Wir ließen sie rankommen und wollten sehen, ob sie vielleicht Brot bei sich hatten. Als sie auf zwanzig Meter ran waren, rief ich: „Stoi!“ Das heißt: Steht! Wir legten die Gewehre an und sie waren ganz verdutzt und plötzlich ergriffen beide die Flucht. Einen haben wir erschossen. Der andere entkam in den Wald. Aber den Toten holten die Russen weg, und mit unserer Freude auf ein Stück Brot war es aus und wir hungern weiter …“

So steht es im Brief des Theodor Piskow, Feldpostnummer 27 450, und er schrieb es an Emilie Piskow in Lobschütz, Kreis Bauerwitz in Oberschlesien.

So etwas gab es – es ist kein Märchen von zwei Wölfen, sondern Wirklichkeit aus einer ukrainischen Winternacht.

Auch Schädelgrundbruch hat nicht geholfen

„Lieber Jerry! Mein Bruder Josef ist auch afrikatauglich, obwohl er verschiedene Befunde hat, so z. B. schlechte Füße, Magenbeschwerden, sogar Schädelgrundbruch. Er fragt jetzt, ob es wahr oder nur Schmäh ist! Er will überhaupt nichts mehr wissen. Das erste, wenn es möglich wäre – weg von der SS! Ja, erst muss er sich den Schädel einrennen, dann sieht er seinen Blödsinn ein. Anny.“

Es hat dem SS-Mann Josef Gundlfinger nichts genutzt, wenn sich auch herausstellte, dass es nicht nur Schmäh, sondern dass der Befund richtig war. Unklar war nur geblieben, ob er den Schädelgrundbruch von der Geburt her durch die angelegte Zange, oder ob er diesen Fehler durch spätere äußere Gewalteinwirkung, etwa durch das Stuhlbein im Gasthof des Treifinger in der Glockengasse davongetragen hat. Immerhin, wenn dieser Hieb über den Kopf ihn zur Vernunft gebracht hat, dann mag es recht sein. Und so weit war der Gundlfinger-Josef bereits, dass er zugab, dass damals nicht er, sondern der andere, der ihm das Stuhlbein über den Kopf gehauen und vorher behauptet hatte, dass die Wiener Trottel seien, wenn sie sich mit Heil Hitler in den eigenen Untergang hineinschreien, im Recht gewesen sei.

So weit war der Gundlfinger-Josef bereits, und von seinen SS-Kameraden hielt er sich, so weit es anging, fern. Als aber zu Ehren der Einberufenen ein Abschiedsabend im Sturm-Café angesetzt war, musste er hingehen. Im Café gab es wie überall in Wien nichts als Ersatzkaffee und Limonade; doch hinten im Zimmer, wo die Sturmkameraden beieinandersaßen, wurde Bier ausgeschenkt, und es gab auch französischen Kognak. Nachdem die Lage besprochen und für ernst, aber nicht verzweifelt befunden worden war, ging es bald hoch her, und auch Gundlfinger-Josef ließ sich von den Erinnerungen an die in den Wiener Bezirken bestandenen gemeinsamen „Siege“ mitreißen. Er verstummte erst wieder, als dieses, wie ihm schien, etwas unzeitgemäße Lied „Panzer rollen im Afrika-Korps!“ laut gegröhlt wurde. Und er bemerkte, dass auch der Reiter-Sepp und der Abacher-Max und der Reisinger-Rudi, die wie er afrikatauglich gemustert waren, nicht mitsangen, sondern sinnend in’s Glas blickten.

Als der Gundlfinger-Josef am andern Morgen mit schwerem Kopf aufwachte und seine Wirtin ihm den Morgenkaffee brachte (seit er bei der SS war, wohnte er nicht mehr zu Hause, sondern er hatte sich bei der Frau Fabian als Zimmerherr einlogiert), da hatte er schon die Bescherung, und zugleich mit dem Morgenkaffee hatte er die Einberufung auf dem Tablett. Er hatte sich sofort schwer krank niedergelegt und Frau Fabian in die Apotheke nach Eis geschickt.

Fünf Tage hat er gelegen und kein Glied gerührt, und am Einberufungstag hat Frau Fabian den Majorek geholt, das ist der Hausmeister, und der musste die Einberufung zurücktragen. Es kam dann aber ein Arzt und der hatte diesen Befund wegen des Schädelgrundbruchs in der Hand und fand alles in Ordnung und er sagte: „Ruhige Lage des Kranken, – ausgezeichnet! Ein Eisblas’n auf den Kopf – auch ausgezeichnet!“ Und er fügte hinzu, und dabei war seine Stimme plötzlich ganz boshaft: „Eventuell auch noch ein Aderlass, aber der braucht nicht hier in Wien abgewartet zu werden!“ Draußen in der Küche zu der Frau Fabian aber sagte er: „Es ist bei dem Gundlfinger-Josef nichts vorhanden. Er hat nur das Lampenfieber!“

Es hat dem Gundlfinger-Josef also nichts genutzt, und noch ehe er sich’s recht versah, befand er sich schon auf Sizilien. Und zusammen mit dem Reiter-Sepp und dem Abacher-Max und dem Reisinger-Rudi und noch dreiunddreißig SS-Männern aus Deutschland wurde er in eine „Ju“ verpackt, und die tiefblaue Schale, die sich nachts unter ihnen wölbte, war das Mittelländische Meer.

Es wurde Tag.

Die „Ju“ schlug einen Bogen über die flachen Dächer einer großen Stadt. Es war die Stadt Sfax, bei der sie landeten, und einundzwanzig Tage und darüber hinaus noch einen Rest, der nicht mehr nach Tagen und Stunden zu rechnen ist, hatte der Gundlfinger-Josef noch zu leben.

Die ihm noch bleibenden einundzwanzig Tage zeigten, dass der Schädelgrundbruch Gundlfinger in keiner Beziehung genutzt hatte, und dass in seinem Kopf die Erschütterung nicht vorgegangen war, die nötig gewesen wäre, um ihn für ein anderes und besseres Leben reif zu machen. Der Zufall hatte gewollt, dass am gleichen Tage, an dem die „Ju“ bei Sfax niederging, der Oberkommandierende des Afrikakorps, Feldmarschall Rommel, auf seinem Rückzug aus Mareth und aus Wadi und Akari ebenfalls in Sfax eintraf und mit seinem Stab in der Stadt Quartier bezog. Und so kam es, dass die SS- Leute aus der kleinen Transport-Gruppe nicht weiter in Marsch gesetzt, sondern für eine nötig gewordene Auffüllung des Wadidienstes dabehalten wurden.

Und Gundlfinger-Josef patrouillierte durch die weißen Straßen von Sfax und fühlte sich so großartig und vielleicht noch größer als früher auf dem Wiener Ring. Wenn er in der unteren Stadt an Lagerspeichern vorbei musste, die mit Ruhr- und Malaria-Kranken vollgestopft waren, machte er möglichst einen Umweg. Wenn er von den Höhen der Stadtmauer herunter die herankommenden Fluchtkolonnen erblickte, und diese Kolonnen wie Rauch durch’s Stadttor trieben, und der aus den Haufen ausgezehrter Gestalten, aus zerfetzten Uniformen, aus abgetriebenen Leibern aufschlagende Brodem von Schweiß und Dreck und Leder und Verwesung verwirrender war als der Geruch der heißen Gassen und des zu Staub zertretenen Kamelmistes und der schwülen Düfte der von Mauern eingefassten Gärten, dann dachte er nicht daran, dass er einer dieser geschlagenen und gejagten Armee war. Er stand als SS-Posten auf der Stadtmauer und war herausgehoben und abgesondert und ein Zuschauer. Dass aber die italienischen Offiziere nicht mehr gegrüßt zu werden brauchten, das bemerkte er; und dass in dem Haus des reichen Franzosen Pierre Fage, das der Feldmarschall Rommel bewohnte, der italienische General nur auf dem hinteren Hof in einem Zelt Platz gefunden hatte, das ließ er sich sagen, und er sah darin keinen Verfall, sondern nur eine Bestätigung der Herrlichkeit der eigenen Rasse. Die asphaltierten Straßen des Europäer-Viertels, die darüber hinsausenden Autos, die fieberhafte Geschäftigkeit der ordengeschmückten Stabsoffiziere, die vom Dach des Oberstkommandierenden herabwallende riesige Hakenkreuzfahne, die sichtbare Nähe der Macht benahm ihm für Stunden und Tage das Gefühl für das bevorstehende Ende und ließ ihn vergessen, dass er hier war, um seine winzige Rolle bei der Beerdigung eines riesig aufgequollenen afrikanischen Kaisertraumes zu spielen.

Umso jäher war das Erwachen.

Das war nach einem schrecklichen Luftbombardement; morgens, noch vor Tagesanbruch, hatte ein Wind die Flammen auf den Hausruinen von neuem angefacht. An diesem Tage sollte die Sonne nicht mehr aufgehen und sie sollte überhaupt niemals mehr scheinen. Der Wind war nur ein erster Stoß des aus der Wüste und so hoch wie der Himmel heranbrausenden Sandsturmes. Ein Vorhang, zuerst braun und dann schwarz und wie aus peitschenden und riesigen Sackfetzen, hatte sich niedergelassen. Und es war so, dass die große und prächtige und dröhnende Macht, deren Herzen Gundlfinger sich so nahe gefühlt hatte, plötzlich nicht mehr vorhanden war. Mit großen Überlandomnibussen und Karawanen von Stabsautos und motorisierten Trossen und Panzerregimentern war sie nach Norden davongestoben. Gesprengte Brücken und aufgerissene Wassertürme und die mit Trümmern bedeckte Wasserfläche des Hafens hatte sie hinter sich gelassen und auch Gundlfinger war zurückgeblieben.