Moskau - Theodor Plievier - E-Book

Moskau E-Book

Theodor Plievier

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Beschreibung

Moskau ist der schonungslose Auftakt von Theodor Plieviers monumentalem Kriegsroman über den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Mit dokumentarischer Wucht und literarischer Präzision zeigt Plievier, wie aus militärischen Befehlen Tod wird, wie Ideologie Menschen verformt und wie der Krieg nicht nur Städte und Dörfer vernichtet, sondern auch Moral, Mitgefühl und Gewissheiten. Dieses Buch ist keine Heldengeschichte, sondern ein erschütterndes Zeugnis der Entmenschlichung im Krieg – und eine eindringliche Warnung an spätere Generationen.

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Seitenzahl: 745

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum

Theodor Plievier

Moskau

Der große Krieg im Osten, 1. Buch

ISBN 978-3-68912-629-2 (E–Book)

Erschienen 1952 im Verlag Kurt Desch GmbH München-Wien-Basel.

Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.

© 2026 EDITION digital®

Pekrul & Sohn GbR

Godern

Alte Dorfstraße 2 b

19065 Pinnow

Tel.: 03860 505788

E–Mail: [email protected]

Internet: http://www.edition-digital.de

ERSTER TEIL

„Wer als erster von seinem vorgeschobenen Gefechtsstand aus die Zinnen der Stadt Moskau erblickt, dem wird die Palme des Sieges zufallen!“

Aus einem Tagesbefehl des XII. Deutschen Korps

1

Erstlich, zum andern, zum dritten – haben wir, haben wir … Nun, das haben wir auch – Landsknechte und Pferde und Büchsenstücke, auch einige Fähnlein Welscher und Spanier, auch Schanzer mit Haue und Spaten (das sind zumeist evakuierte Juden, wobei ich der Meinung bin, dass die Brüder zu Erdarbeiten nicht viel taugen), und erobert und gewonnen haben wir mehr als eine Stadt, und die Städtlein, und Ländlein drum herum, geplündert haben wir sie auch, obwohl das heute anders heißt … Rohstoffe, Halbfabrikate, Fertigwaren sind restlos zu requirieren und zu konfiszieren usw. Und auch darin stimmt das Beispiel, da sind wir nun gekommen vor eine Stadt, die zwar nicht Terbona heißt, vielmehr ist es ein ganzes und großes Land, und mit der Hilfe Gottes wollen wir es gewinnen und verderben …

„Aber was soll dieser Scherz, was soll mir das?“

Generalleutnant von Bomelbürg legte das Faksimile des alten Dokuments auf den Tisch zurück, zu dem am gleichen Tag eingegangenen Tagesbefehl und der ebenfalls eingegangenen „Geheimen Kommandosache“; die Lupe, der er sich bedient hatte, auch die Brille, legte er dazu. Er wandte sich der Tür zu und rief seinen Adjutanten.

Der Adjutant trat ein.

Es war in der Stube eines polnischen Bauernhauses. Der Schreibtisch des Generals nahm fast den ganzen Raum ein. Es waren da noch Stühle, doch die waren mit Papieren und Aktenstücken belegt.

„Nehmen Sie Platz, mein Guter!“

Major Butz musste erst einen Stoß Papier wegräumen. Er setzte sich neben den General, sein Gesicht in der Nähe von dessen linkem Ohr.

„Was soll das hier also?“, fragte der General.

„Das hat Herr Oberst Schadow aufgestöbert, in einem Archiv in Lodz, ein Dokument aus dem Jahre 1537, aus einem der Feldzüge Karls V. Er meinte, dass es Herrn General interessieren könnte!“

„Ach, wegen dieses Herrn Kunrat Bomelbürg! Nun, solche Bomelbürgs hat es wahrscheinlich etliche gegeben. Ich weiß nichts davon; ich weiß von meinem Vater und Großvater, und der auch so, und das ist alles. Jedenfalls bestellen Sie dem Schadow meinen Dank.

Und nun zum andern und zum dritten: Der wilde Orlog soll nun losgehen, morgen früh also. Ist doch wohl alles klar?“

„Jawohl, Herr General! Wollen Herr General die Adjutanten noch einmal sprechen, sie sind im Begriff zu gehen!“

„Wo sind sie denn?“

„Beim la.“

„Nun, dann geh ich noch mal raus!“

Das Gespräch zwischen General und Adjutant war so vor sich gegangen, dass der Adjutant das Ungewöhnliche, also das den Obersten Schadow und das Faksimile Betreffende dem General ins Ohr sagte, und das andere, die Anwesenheit der Adjutanten Betreffende, eine Sache, die sich ohnehin erraten ließ, hatte der General seinem Adjutanten vom Mund abgelesen, wobei er seinerseits sich etwas vorbeugte, um das Mienenspiel und das Gesicht, das ihm sonst nur ein bleicher Fleck war, genauer zu sehen. Er stand jetzt auf, und gefolgt vom Adjutanten betrat er den Arbeitsraum des Ersten Generalstabsoffiziers, der den Regimentsadjutanten die letzten Weisungen erteilte.

„Nun, meine Herren“, wandte der General sich an die Adjutanten. „Morgen früh fährt der Zug also ab. Sie wissen, was das bedeutet! … Ah, Sie sind das, Langhoff!“ (Er erkannte den neben ihm stehenden Chef der „Reitenden Batterie“.) „Dass mir also die Feuerzusammenfassung klappt. Vor allem, dass mir das lang gestreckte Dorf an der Straßenkreuzung gründlichst zerdonnert wird, damit die Infanterie auch gleich nachstoßen kann. Auf Überraschung kommt’s an, das sei allen gesagt. Nun, meine Guten, ich weiß ja, Sie werden’s schon machen. War ja alles mal wieder ausgezeichnet. Ist ja alles wieder ausgezeichnet. Den Tagesbefehl des Führers haben Sie doch?“

„Jawohl, Herr General“, wurde im Chor erwidert.

„Nun, ich lege Wert darauf, dass der Führerbefehl morgen vor dem Angriff vorgelesen wird. Und somit, meine Herren: auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, Herr General!“ Die Adjutanten schlugen die Hacken zusammen und verharrten in dieser Stellung, bis der General den Raum verlassen hatte.

„So, jetzt hat Oberleutnant Sinder Ihnen noch etwas zu sagen!“

Der Offizier für Feindaufklärung, Oberleutnant Sinder, hatte den mit dem Tagesbefehl eingegangenen sogenannten „Kommissarerlass“ in der Hand. „Meine Herren, eine kurze wichtige Mitteilung. Schreiben Sie bitte mit. Der Führer hat entschieden, dass die sowjetischen Kommissare als Nichtkombattanten zu betrachten sind. Sie sind deshalb an Ort und Stelle ihrer Gefangennahme zu erschießen, also wohlverstanden: vor den Regimentsgefechtsständen.“

„Vor den Regimentsgefechtsständen … soll also aussehen, als wären sie im Kampf gefallen“, ließ sich Oberleutnant Holmers, der Adjutant des Artillerieregiments, vernehmen.

„Wollen Sie den Führerbefehl ergänzen, Herr Holmers?“

„Nein, erläutern allenfalls. Ich mache mir natürlich Gedanken darüber, Herr Oberleutnant Sinder!“

Langhoff machte sich ebenfalls Gedanken über diesen Befehl, und der Einwurf Holmers’ bestätigte seine eigenen Bedenken. Wahrscheinlich dachte Holmers daran, dass dieser Befehl im Widerspruch zum Völkerrecht stand und internationale Komplikationen auslösen konnte.

„Es genügt, wenn Sie verstehen, dass wir damit unbehelligt bleiben wollen“, sagte Sinder abschließend. Die Adjutanten legten ihre Notizen zusammen, zogen ihre Mäntel an und machten sich bereit, um nach vorn auf ihre Gefechtsstände abzurücken. Holmers und Langhoff hatten den gleichen Weg.

„So ... nun geben Sie mir mal den Deisendorf!“, sagte Bomelbürg zu einem jungen Oberleutnant, der sich neben dem Adjutanten in seinem Zimmer befand.

Oberleutnant Hasse stellte die Verbindung mit Oberst Deisendorf, dem Kommandeur des Artillerieregiments, her und überreichte Bomelbürg den Hörer.

„Nun, Deisendorf, alles in Ordnung ... so, so, schön. Nun, ich wollte nur daran erinnert haben, die Batterie Langhoff steht Ihnen natürlich nur für den ersten Feuerschlag zur Verfügung, dass sie mir also rechtzeitig wieder freigegeben wird, sie ist Ihnen bloß gepumpt, das sollen Sie wissen! Im Übrigen: Hals- und Beinbruch, Deisendorf!“

Bomelbürg tastete über die auf dem Tisch ausgebreiteten Papiere, seine Hand deutete auf eine grüne Mappe. „Mein Lieber, diese Ib-Sache hier“, polterte er, „dass mir das nicht auf dem Tisch rumliegt, da steht doch nichts drin von Präventivkrieg und dergleichen, nur von Agrarprodukten und Mineralien, und was wir den Leuten so wegnehmen sollen. Sagen Sie dem Ib, dass er das Zeug möglichst tief vergräbt, da braucht keiner reinkieken. Und das wäre dann für heute alles!“

Oberleutnant Hasse, auch Major Butz waren entlassen. Nachdem die beiden gegangen waren, lehnte Bomelbürg sich in seinen Stuhl zurück. Es war alles getan, es war überhaupt nun alles getan. Die Division – drei Infanterieregimenter, ein Artillerieregiment, Verbindungs- und Nachrichtentruppen, der Tross, insgesamt 17 000 Mann – stand bereit. Es war nur noch auf den Knopf zu drücken, und es würde losgehen. Alle Befehle lagen fest. X-Tag war der 22. Juni, X-Zeit 3 Uhr 5 Minuten.

2

Es war eine warme Nacht. Weiche Wolken hingen über der glucksenden Erde, über Sümpfen und Äckern und den niedrigen Hütten des Dorfes. Auf der einzigen Straße, die weit wie ein Exerzierplatz war, stapften Holmers und Langhoff ihres Weges.

„Die Welt eines Krieges liegt zwischen den beiden betreffenden Fronten“, philosophierte Langhoff, „und was in dieser Welt vorgeht, wird vom Parallelogramm der Kräfte – und ich meine jetzt der sittlichen Kräfte – der beiden Fronten bestimmt. Ich will nicht nach der Schuld fragen und ob sie im Osten zu suchen ist oder etwa bei uns, aber eine deutsch-französische Front, eine deutsch-englische Front, eine deutsch-russische Front wird jedes Mal etwas anderes sein; und eine russisch-deutsche Front oder eine russischchinesische Front wird wieder ein verschiedenes Ding sein, weil keiner sich vom andern freimachen kann und die eigenen Maßnahmen nicht nur den andern treffen, sondern auch auf den eigenen Haufen zurückschlagen, und niemand kriegt das mehr auseinander, schließlich weiß man überhaupt nicht mehr, was geschieht und weshalb es geschieht und wer es verursacht hat, so ist es doch, Holmers?“

„Sie sprechen offensichtlich über den Kommissarerlass, Langhoff, glauben Sie, dass unser Bomelbürg damit einverstanden ist – wohl kaum, denn er glaubt doch noch an einen „ritterlichen“ Krieg!“

„Ein ritterlicher Krieg, ein leichter Krieg wird es bestimmt nicht werden! Stellen Sie sich doch vor, in einem Armeegefüge gibt es Leute, die nur noch mit ihrem Tod zu rechnen haben, werden die nicht bis zum Äußersten kämpfen … eine Schweinerei ist das, sage ich Ihnen, und außerdem eine Dummheit!

Das kann man vielleicht auch vom Krieg im Ganzen sagen, von jedem Krieg… deshalb will auch keiner, bis er da ist, daran glauben, dieses Mal war es jedenfalls so, noch gestern gingen die Meinungen wild durcheinander.“

„So war es auch bei uns und so war es auch zu Hause – was die nicht alles geschrieben haben! Was sich bei euch zusammenbraut, ist nichts als Bluff, die Russen sollen mehr liefern! Ein Ablenkungsmanöver – gegen England geht es und nach dem Irak! Krieg mit Russland, wo wir doch den Pachtvertrag auf die Ukraine so gut wie in der Hand haben, das ist doch platter Unsinn!

So schrieben sie, und so hofften sie. Aber schließlich, wir haben doch schon in Frankreich für den Russlandfeldzug geübt, und als wir uns vor drei Tagen nach vorn zusammenzogen und in die Bereitschaftsstellungen legten, sah es doch schon so verflucht nach letzter Vorbereitung zu einer großen Offensive aus!“

Holmers und Langhoff näherten sich dem Dorfrand. Ein Offizier in langem Mantel kam ihnen entgegen, Oberst Zecke, der Kommandeur des Infanterieregiments 101.

„Ah, Sie sind es, n’ Abend, Holmers, schönen guten Abend, Langhoff! Sie kommen von dort, hat wohl allerhand Befehle gegeben!“

„Ja, es geht, Herr Oberst, einen ganzen Wust bringen wir mit!“

„Der Alte schläft wohl schon? Nein, natürlich nicht, hat sich bloß so ‘n bisschen hingestreckt. Nun, ich wollte auch nichts Besonderes ... Ja, det scheint nu also doch loszujehn, verstehn Sie det eigentlich, wir leben mit denen im tiefsten Frieden, haben sogar den Freundschaftspakt, und plötzlich jeht der Krieg los!“

„Jawohl, es geht los, wir können wohl nicht mehr daran zweifeln, Herr Oberst!“

„Jawoll ... ick wollte man bloß sagen, Russland ist ein Riesenland, und ick bin dajewesen, da hab ick ihre ,preußen‘ jesehn, das können Sie sich jesagt sein lassen!“

Zecke war unter Seeckt, als die Reichswehr dort Gastrecht genoss, lange in Russland gewesen. Mit Schukow, einem der führenden Marschälle, so sagt man jedenfalls, hat er gemeinsam die Kriegsakademie besucht. Zecke hatte schon einen Tag vorher beim Bridge die gleiche Bemerkung gemacht. Oberst Schadow, der Kommandeur vom I.R. 100, hatte über seine Karten weggeblickt und so leichthin gesagt: „Ich denke, dass wir so in vier Wochen in Smolensk ein anständiges Kaviarfrühstück mit Wodka werden genehmigen können!“ Zecke, der Schadow einen Dämpfer aufsetzen wollte, hatte schon bei dieser Gelegenheit seine Bemerkung, dass er da die „Preußen gesehen hätte“, angebracht und war ausgelacht worden. „Bei den Bolschewisten gibt es doch kein Soldatentum!“, war ihm erwidert worden. Und der Generalstabschef der Armee – das wusste der Schwiegersohn des Chefs – hätte gesagt, dass die Russen so hoffnungslos aufmarschiert wären, dass es selbst dem deutschen Generalstab diesem Durcheinander gegenüber schwerfallen dürfte, eine offensive oder auch nur defensive Aufgabe zu lösen!

„Sehen Sie sich auf Ihrer Befehlsstelle die Karte an“, sagte Zecke jetzt zu den beiden jungen Artilleristen, „und überlegen Sie mal, wer sich dort schon alles totgelaufen hat, angefangen mit Dschingis-Khan, das wollte ich jedenfalls bemerkt haben, guten Abend, die Herren!“

Zecke ging weiter, im langen Mantel trieb er wie das böse Gewissen an der Häuserwand entlang. Langhoff und Holmers blickten ihm verdutzt nach.

„Da bist du aber platt, das verschlägt einem fast die Sprache. Demnach hätten wir ja den Krieg verloren, noch ehe wir ihn angefangen haben. Der kommt doch aus dem Generalstab, wir haben ihn doch erst seit ein paar Wochen hier, so einer bräuchte doch nicht verwundert zu sein!“

„Das ist er auch nicht, die haben alles so lange vorbereitet, und jetzt, wo das Unternehmen aus dem Zustand der Planung in die Wirklichkeit eintreten soll, werden sie etwas nervös!“

„Keiner will es wahrhaben, jetzt will es keiner gewesen sein!“

„Dabei zittern sie vor Aufregung … wenn man Bomelbürg ansieht, der ist genau wie vor dem Frankreichfeldzug.“

Holmers und Langhoff blieben stehen und lauschten dem von unten aufschwellenden Froschkonzert. Unten wallte weißer Dunst, und das sich schlängelnde milchige Band – der nördliche Bug – bildete hier die Grenze von zwei Reichen.

„Ja, wie vor dem Frankreichfeldzug, wie ein Pferd vor dem Start, und wenn man ihn ansieht, meint man, Schaumflocken von ihm abfallen zu sehen!“

„Mein ,Alter’ sieht nicht so sehr anders aus und ist ebenso ruhelos wie der Zecke. Ich werde mal machen, dass ich auf meinen Gefechtsstand komme!“

Holmers wandte sich flussabwärts. Langhoff hatte den Fußpfad in entgegengesetzter Richtung einzuschlagen. Er war noch nicht weit gekommen, als er an einer Stelle, die den Blick nach unten offen ließ, ein paar Leute beisammensitzen sah, drei von der Infanterie, einen Feldwebel, einen Unteroffizier, einen Gefreiten.

„Ihr tätet auch besser daran, euch hinzuhauen und zu schlafen!“

„Jawohl, Herr Oberleutnant, aber es dauert ja nun nicht mehr lange!“, Langhoff ging weiter und gelangte an seine B-Stelle. Beobachter, Funker, Melder, Telefonisten, acht Mann hatte er hier um sich, einige waren noch wach. „Aber jetzt hingehauen, es wird lange dauern, bis ihr wieder ruhig schlafen könnt. Morgen früh, das heißt, in einer Stunde, geht es los!“

Langhoff lag ausgestreckt auf seiner Pritsche und wusste dann nicht, ob er geschlafen hatte. Das Surren einer Mücke ließ ihn die Augen wieder öffnen. Es war eine Stunde völliger Stille, seine Armbanduhr zeigte 2 Uhr 10 Minuten … also genau noch fünfundfünfzig Minuten!

3

Unter den Bäumen war es noch Nacht, doch unten begann schon das Weben des neuen Tages. Die drei von der Infanterie saßen noch an der gleichen Stelle. Jenseits des Flusses sahen sie offenes Land. Ein Streifen hoch in den Halmen stehenden Roggenackers hob sich aus wallendem Dunst. Die mit blassen Farben hingetupften Hütten schienen in eben dieser Stunde aus der Hand des Schöpfers zu kommen. Auf flachem Nebelsee schwammen die Spitzen einer Bauminsel. Weiter hinten, wo es aussah, als ob graue Klippen den Horizont einsäumten, lag die Stadt Brest.

Vom Dorf herüber tönte der Schrei eines Hahnes.

„Ja, nun geht’s also wieder los. Ich hab ja gleich gesagt, dass das alles Quatsch war von wegen Durchmarsch und so weiter!“

„Moskau!“

„Ja, Moskau!“

„Damals, die Polensache, haben wir in siebzehn Tagen gemacht. Russland dauert natürlich länger, sechs Wochen oder acht vielleicht. Ein tolles Glück, dass wir wieder beisammen sind!“

„Ja, das ist Schwein, man kennt sich doch!“

„1933 haben wir in Berlin gesiegt, jetzt siegen wir nach außen, was, August?“

„Lassen wir das Vergangene, und morgen wird es ganz von selbst!“

Aber Feldwebel Riederheim hatte nicht ohne Absicht die gemeinsame Vergangenheit betont. Er wollte dem Unteroffizier Gnotke, der ihm lange aus den Augen gewesen war, auf den Zahn fühlen und erfahren, wie er heute über dieses und jenes dachte. „Ist ja wahr, August, es ging manchmal toll her, aber man denkt doch gern daran zurück!“

„Jetzt lassen sie die Kühe raus“, sagte Gnotke.

Vom Dorf her war das Knarren von Hoftüren zu hören, auch das Knallen einer Peitsche, eine Kuh brüllte. Der Dunst trug die Geräusche, dass es war, als ob die Dorfstraße nicht erst jenseits des Flusses, sondern schon hier vor der Nase begänne.

„Ja, sie lassen die Kühe raus“, sagte auch Feierfeil.

Riederheim begnügte sich mit einem Kopfnicken.

Diese drei Männer waren nicht nur ehemalige SA-Kameraden. Sie waren auch Nachbarskinder aus dem gleichen Dorf. Die Geräusche eines erwachenden Dorfes waren ihnen bekannt. Zwischen einem pommerschen und einem russischen Dorf ist darin nicht ein so großer Unterschied. Sie mussten es also nicht vor Augen haben, um deuten zu können, was in dieser Viertelstunde drüben in der Dorfstraße vorging.

„Weißt du übrigens, dass die Driborgjungens noch immer zu Hause sind. Heimat-SS, und wo nun alle Männer weg sind, kannst du sie dir vielleicht vorstellen ...“

„Ja, das kann ich!“ Als Sohn des Gutsverwalters kannte Riederheim die Driborgs noch besser als Gnotke und Feierfeil.

„Hinter der Pauline sind sie her!“, sagte Gnotke.

„Pauline wird sie sich schon vom Leib halten. Wollen wir ihr nicht eine Karte schreiben, gerade jetzt in dieser Stunde. Die lassen wir von drüben mit der ersten Feldpost abgehen!“

Riederheim hatte schon ein Blatt Papier in der Hand.

„Liebe Pauline! In einer Stunde wird es losgehen. Noch sechzig Minuten bis zum richtigen Krieg. Wir sitzen hier am Flussufer, der Emil, und denke Dir, auch der August. Ich habe nicht nachgelassen, bis ich in die gleiche Kompanie versetzt wurde. Ja, das ist so eine Stunde, man spürt das Rauschen der Geschichte. In unserem Kp-Trupp sind wir zwanzig, werden wir morgen noch zwanzig sein? Mit einmal merk ich, dass ich nicht mehr der Hans Riederheim bin, sondern ein Saatkorn der Geschichte, dazu bestimmt, ausgestreut zu werden. Herzlichen Gruß und Heil Hitler von Hans Riederheim.“

„Es grüßt August“, unterschrieb Gnotke.

„Dein Bruder Emil“, schrieb Feierfeil.

Unten in den Gemüsegärten wurde es lebendig. Pioniere brachten Schlauchboote und stellten sie neben einer Hecke ab. Hinten im Wald fielen die Zelte zusammen. Die Infanteristen hängten sich Zeltbahnen, Decken, Kochgeschirre und Schanzzeug um.

„Es wird Zeit“, meinte Gnotke und stand auf.

„In deiner Gruppe heißt einer Heydebreck“, sagte Riederheim noch, „ist das derselbe Name … Du weißt doch damals, die SA-Rebellion, der Einarmige ...“

„Rühre lieber nicht daran – ja, derselbe Name, dieselbe Familie, der Alte war der Onkel, glaube ich!“

Eine schreckliche Erinnerung ... eine wolkenverhangene Nacht, es wurde Blut vergossen, eigenes Blut, der halbe eigene Sturm, die halbe eigene Rotte ... eine Wolke verhüllte den Mond, und Schafe blökten, denn es geschah auf dem Viehhof.

So war es in Berlin, so war es auch in München. Der Gruppenführer von Pommern wurde in München erschossen.

„Er ist also der Neffe?“

„Ich weiß es nicht, frag mich nicht, ich will nichts damit zu tun haben!“ Gnotke drehte sich jetzt endgültig um und suchte seinen Zug auf.

Riederheim blickte ihm nach.

„Wer das eigene Blut fließen sieht, kann auch fremdes vergießen“, sagte er. „Ohne diese Nacht – wo hätten wir das Zeug hergehabt für alles, was nachher kam und was noch kommen wird ...“

Feierfeil und Riederheim gehörten zum Kompanietrupp, der Gefreite Feierfeil als Melder, und Feldwebel Riederheim war der Truppführer. Auch sie gingen jetzt zu ihrem Sammelpunkt. Alle waren bereit, um sich im niedrigen Gehölz und hinter Büschen in Stellung zu legen. Vorher aber trat die Kompanie noch einmal an, die ganze Schützenkompanie, und der Kompanieführer, Hauptmann Boblink, las den Führerbefehl vor.

4

Wilna, Dünaburg, Riga, Bialystok, Minsk, Gomel, Bobruisk, Kiew, Odessa, Sewastopol und andere größere und kleinere Städte Westrusslands waren die ersten Ziele der auf ostpreußischen und polnischen Flugplätzen konzentrierten deutschen Bomber- und Stukaverbände. Die Ziele des auf dem Flugplatz Radom liegenden Geschwaders waren die Flugplätze von Bialystok bis Minsk. Die Staffel des Hauptmanns Scheuben hatte zusätzlich bestimmte Gebäude im Zentrum Bialystoks zu bombardieren. Die Besatzungen der elf Maschinen – es waren die zweimotorigen Ju 88 mit einer Besatzung von vier Mann – standen um ihren Staffelkapitän herum.

Scheuben hatte den Einsatzbefehl verlesen und an der Hand der auf dem Tisch ausgebreiteten Karte erläutert. „Um nochmals zusammenzufassen: Ziel unserer Gruppe sind die feindlichen Maschinen auf dem Flugplatz und bestimmte Objekte in der Stadt Bialystok. Wir haben die Ehre, als vorderste Staffel zu fliegen. Der Gruppenkommandeur fliegt bei der zweiten Staffel. Die Luftbilder haben Sie ja bereits genau gesehen. Beachten Sie hinter dem Flugplatz den weitläufigen Park, der zieht sich bis zum Stadtzentrum, und dort stehen die Gebäude des Stabsquartiers einer russischen Armee. Die Aufnahmedaten dieser Luftbilder liegen schon Monate zurück. Sie ersehen daraus, dass die Aufklärer hier im Frieden schon tüchtig vorgearbeitet haben. Jetzt sind wir an der Reihe!

So, und noch etwas: der Tagesbefehl des Führers!“

In das Verlesen hinein tönte immer wieder das Abbremsen der Maschinen, ein Mordskrach, der jedes Mal zwanzig, dreißig Sekunden lang den Sprecher unterbrach.

Die Gesichter hoben sich bei der sparsamen Beleuchtung kaum von der Zeltleinwand ab. Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährige – einer war noch nicht neunzehn Jahre alt, das war Oberfähnrich von Ense. Scheuben hatte ihm diesen Flug – seinen ersten Feindflug – zugeschanzt, obwohl es dafür noch reichlich früh war und es für den Anfang auch ein Flug als Beobachter getan hätte. Nun, soll er ... er brennt doch darauf, schon überall hinschreiben zu können, dass auch er bereits einen Feindflug gemacht hat. Das Abbremsen der Maschinen war beendet. Scheuben las die letzten Sätze des Tagesbefehls, dann wurde es still.

Scheuben setzte sich jetzt auf den Tisch, und in anderem Ton wandte er sich an seinen Haufen: „Also, Kinder, jetzt geht wieder ein frischfröhlicher Krieg los. Die Scheißangriffe auf England, dieses stundenlange Trampen durch die Nacht bis rauf nach Newcastle – das hat nun ein Ende. Jetzt sehen wir wieder mal was“ (und mit einem Blick auf von Ense), „so dass auch unsere jungen Hasen zur Frontflugspange kommen.

Und was ich noch sagen wollte, wir treten jetzt dem Russen gegenüber. Wir hatten den Russen schon einmal vor uns, jedenfalls die bei K 88 in Spanien waren. Was die ,Rata’ anbelangt – die Bilder sind Ihnen bekannt –, so kann ich nur sagen, sehen Sie sich vor! Sie hat ungefähr die Geschwindigkeit unserer Ju 88, doch sie steigt besonders gut. In Spanien setzten die Russen ihre Angriffe mit Vorliebe von unten und von vorn an. Der Heckschütze und ebenso der Beobachter müssen also besonders auf Draht sein!“

Am Zelteingang tauchte der Oberwerkmeister auf.

„Maschinen alle abgebremst, alle klar, Herr Hauptmann!“ Nicht ohne Stolz meldete Oberwerkmeister Mahnke, dass alle Maschinen klar waren, das kam nicht gerade oft vor.

„Danke, Mahnke! –

Also, meine Herren! Wie schon gesagt, ich rolle an um 2 Uhr 30. Die Staffel sammelt sich hinter mir.

Hals- und Beinbruch – an die Mühlen!“

5

Oberstleutnant Vilshofen saß neben dem Fahrer. Auch wenn er die Augen schloss, hatte er noch das von den Scheinwerfern angeleuchtete Band der Landstraße vor sich, dann lief das graue Betonband mitten durch ihn hindurch, so lange dauerte die Fahrt schon.

Mittags 2 Uhr waren sie aus Berlin abgefahren. Jetzt war es bald wieder 2 Uhr, 2 Uhr nachts. Es war indessen nicht nur das graue Band, es war da noch etwas anderes, das ebenso endlos wie ein Film und noch dazu ärgerlicher Film durch ihn hindurchlief. Das war die Führung ausländischer Gäste, manchmal auch einheimischer Führer aus Industrie und Wirtschaft, an der er als Chef einer Quartiermeisterabteilung beim Oberkommando des Heeres teilzunehmen hatte; und vielmehr und genauer gesagt, handelte es sich um den dabei aufzusagenden und zu sekundierenden Text, der in seiner Wiederholung und ebenso in der Vereinfachung und Vergröberung kompliziertester Probleme so ärgerlich war.

Der letzte Gast war ein hoher finnischer Herr, der Gast einen Tag vorher ein Slowake gewesen.

Nein, ich mache das nicht mehr mit!

Erstens, zum andern, zum dritten … wir haben erstens die Heeresgruppe Mitte, zum andern die Heeresgruppe Nord, zum dritten die Heeresgruppe Süd. Aufmarschiert von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Erstes Ziel der Dnjepr, und dann weiter Stoßrichtung Moskau und weiter zum Ural. Stoßrichtung: Krim und Kaukasus und weiter zum Kaspischen Meer, nach Vorder- und Mittelasien.

Das wäre der Aufmarsch.

Meine Herren, stellen Sie sich vor – welches grandiose Landmassiv und welche kolossalen Notwendigkeiten des Nachschubs! Aber wir haben alles vorbedacht, und wir haben die Organisation … Und es tanzen Zahlenkolonnen. Lkw, Lkw, alles auf Lastkraftwagen. Denn bedenken Sie, keine Eisenbahnen, die müssen doch erst umgespurt werden, und die Wegelosigkeit oder Wegearmut, und Straßen müssen erst gebaut werden. Aber wir haben, wir haben ... deutsches Organisationsvermögen! Die Welt wird Wunder erleben!

Erstens: Aufmarsch!

Zum andern: Nachschub!

Zum dritten: Verbindungswesen!

Auch haben wir die Verwaltung der besetzten Gebiete vorgesehen, wir haben organisatorisch ein Operationsgebiet!

Mehr: Wir haben noch weiter rückwärts Reichskommissariate mit Wehrmachtsbefehlshabern. Wir haben das Kommissariat Ostland, Kommissariat Ukraine (die Herren Befehlshaber sind aufgestellt), Kommissariat Kaukasus (der Herr ist bereitgestellt in München), Kommissariat Moskau (der Herr ist bereitgestellt in Koblenz), Kommissariat Ural (der Herr ist bereitgestellt in Frankfurt a. d. O.).

Mehr: Wir haben den größten Feldherrn aller Zeiten und den genialsten Organisator der Geschichte zu unserm obersten Führer. Wir haben alles, operativ und organisatorisch, um die produktiven Kräfte der riesigen Gebiete in unseren Dienst zu stellen.

Erze!

Öle!

Bodenschätze!

Überhaupt Ausschlachten größten Maßstabes, einmaligen Maßstabes. Es wird rausgeholt werden, was überhaupt rauszuholen ist! Aber was bringen wir, was bringen wir ... das steht natürlich nicht zur Debatte, darüber zerbrechen sich die hohen Herren noch die Köpfe. Und nun, meine Herren, wenn ich bitten darf, wollen wir uns in die Nachrichtenbetriebsanlage (Fernsprech-, Fernschreib-, Funkzentrale) begeben, zur Besichtigung mit Vortrag vom Chef der Nachrichtentruppen, General Fellgiebel.

Anschließend Vortrag beim Oberquartiermeister I, Generalleutnant Paulus.

Anschließend: Vortrag beim Generalquartiersmeister.

Anschließend: Tee im Hause des Oberbefehlshabers des Heeres ...

Nun, das war in Zossen, und so soll es nun weitergehen in Ostpreußen. Und gestern war es ein Finne, vorgestern ein Slowake, morgen ist es der Herr Antonescu aus Bukarest, übermorgen der japanische Gesandte aus Berlin; jedenfalls: Wahrheit und Dichtung und etwas vorweggenommene Lorbeeren, und alles in allem Propaganda; ja, und das mag nun ganz schön und auch zeitgemäß sein, doch ich mache das nicht mehr mit!

„Nein, ich mache das nicht mehr mit!“ Dieses Mal dachte der Herr Oberstleutnant das nicht nur, diesmal sagte er es laut, so dass auch der mitfahrende Hauptmann (wie Vilshofen Chef einer Quartiermeisterabteilung) und auch der junge Ordonnanzoffizier aus ihrem Dahindösen aufblickten. Da aber Vilshofen weiter nichts sagte, hatte auch der Hauptmann nichts zu sagen. Er meinte, dass die lange Fahrt den Oberstleutnant nervös machte. Er zog seine Uhr – es war 2 Uhr nachts. Der Pkw, in dem die drei Herren saßen, war ein Wagen innerhalb einer ganzen Kolonne. Es war das auf dem Wege befindliche Vorkommando des im Umzug begriffenen Oberkommandos des Heeres, das am gleichen Tag in Sonderzügen nachkommen würde. Die zwölfstündige Fahrt von Berlin bis in das ostpreußische Dreieck Rastenburg–Lötzen–Angerburg näherte sich ihrem Ende. Man war bereits von der Landstraße abgebogen und fuhr auf der von der Organisation Todt neuerbauten, zu Hitlers Hauptquartier führenden Sonderstraße. Rechts und links des Fahrbandes zog sich alter Hochwald hin. Hinweg über Senkungen führten Brücken aus frisch geschlagenem, geschältem Holz, das weiß leuchtete. Ein Reh geriet in den Lichtkegel des Scheinwerfers und lief vor dem Wagen her, bis der Fahrer abblendete und das Reh mit einem Satz unter das schützende Blätterdach entkommen ließ. Wieder glänzte zwischen Bäumen eine Seenfläche, und auf ihr schwamm schon das erste Licht des Tages. Da war auch schon eine Straßensperre. Posten eines Wachbataillons prüften die Ausweise. Noch eine kurze Fahrtstrecke – eine Straßengabelung, und ein Wegweiser lautete: Fritz. Das nach der anderen Seite weisende Schild lautete: Quelle. Das eine war der Deckname für das Lager der Operationsabteilung, das andere der für das Lager des Generalquartiermeisters, zu dem der Wagen mit Oberstleutnant Vilshofen, mit Hauptmann Wendlin, mit Leutnant Vogel einbog. Das Lager befand sich mitten im Wald. Unter Bäumen standen Baracken, eingestreut Betonbunker. Ordonnanzen standen bereit, rissen die Wagenschläge auf und führten die Angekommenen in ihre Quartiere, ihre Koffer trugen sie hinterher.

6

Leutnant Vogel blickte sich in seinem neuen Quartier um. Er blieb vor dem Tisch stehen, wo unter Glas ein Lageplan der Anlage des Dreiecks Rastenburg–Lötzen–Angerburg ausgelegt war.

Mit einem Wort: großartig, fand Vogel.

Betonstraßen, ein ganzes Wegenetz, Schienenstränge, Flugplätze, unter dichtem Blätterdach versteckte Siedlungen ... ja, und vor dem Fenster uralte Bäume, der Waldboden durchgekämmt, geharkt und parkartig, ein entzückendes Zimmerchen, klein wie eine Schiffskabine, gebeiztes Holz, ein Schrank eingebaut, unter der Schlafkoje eine große Lade, elektrisches Licht, fließendes Wasser. Was hier geleistet wurde – eine ganze Armee Todtmänner und Arbeitsdienstler haben in der Verborgenheit wie Heinzelmännchen geschafft – in wenigen Monaten, fast möchte man sagen wie ein Pilz in der Nacht, ist dieses Wunder der ostpreußischen Erde entstiegen. Und alles trägt die Züge des großen und weitschweifenden Geistes. Mit einem Wort, der Führer ist ein Zauberer!

„Ist das auch das richtige Zimmer?“, fragte Hauptmann Wendlin seine Ordonnanz. „Bisschen eng hier, und alles riecht nach frischer Farbe, hängt man da nicht fest?“

„Gestern aufgetragen, aber das ist Beize, Herr Hauptmann, die trocknet unter dem Pinsel.“

„Also, mal ran, Müller. Die langen Hosen gleich auf den Bügel.“

„Es wird ein Essen vorbereitet, Herr Hauptmann, und die Ordonnanzen sollen dabei helfen. Vielleicht dürfte ich das hier während des Essens machen?“

„Auch recht, zwei Mann können sich hier ja auch nicht umdrehen, also türme!“

„Hier sind Handtuch und Seife, Herr Hauptmann!“

Damit rückte die Ordonnanz Müller ab.

Hauptmann Wendlin seifte sich die Hände ein, dabei blickte er sich nochmals in seinem neuen Quartier um. Wie gesagt, etwas beengt, die reine Sommerlaube. Nun, es wird schon gehen, als Sommeraufenthalt vielleicht ganz gemütlich. Sommerquartier, Sommerkrieg, Sommerblitzkrieg: So ist das ja auch gedacht!

7

Oberstleutnant Vilshofen hatte sich den Reisestaub von Händen und Gesicht gewaschen und war dabei, sich einzurichten. Er hängte seine Sachen in den Schrank, legte seine Karten auf dem Tisch aus.

Also morgen kommt aus Bukarest Herr Antonescu, dann kommt aus Madrid Herr Franco, danach kommt vielleicht aus dem glückseligen Arabien der Herr aller Araber. Und wir haben, wir haben, wir haben ... Ich aber habe gar nicht, zum ersten nicht und zum andern nicht und zum dritten nicht; ich habe kein Talent zum Ausrufer und habe auch nicht gewusst, als ich aus der Attachéabteilung da herüberwechselte, dass es eine Bude ist und es hier eines Budenconferenciers bedürfe! Allerdings ist da noch die Panzerwaffe, und schließlich hat man nicht umsonst Zeit und Witz daran gehängt, dieses Instrument bedienen zu lernen.

Offizier, silbergeflochtenes Achselstück mit goldenem Stern auf karmesinrotem Grund, deutscher Generalstabsoffizier des Jahres 1941, ausgezogen für ein „größeres Deutschland“, dabei winzige Vordergrundfigur, und in seinem Rücken spürt er, so weit er sich auch davon entfernt, das Ulmer Münster – Wahrzeichen eines Jahrtausends deutschen Bürgerfleißes und deutscher Stadtgeschichte. Und noch ein anderes ist ihm gegenwärtig: das Zeichen einer Ulmer Fabrikmarke, welches unter einem und einem zweiten und einem dritten Vilshofen, die vor ihm waren, zum Sinnbild industriellen Aufschwungs und strenger kaufmännischer Redlichkeit wurde. Darum handelt es sich auch in dieser Stunde – nicht Überredung und wortreiche Propagierung einer Herstellerfirma, allein die Güte der Erzeugnisse haben sie groß gemacht und ihr die Tore in die Welt geöffnet und ihr Weltruf eingetragen. Und da war dieser Vilshofen 1941, da war er immer noch: Die gute Sache erklärt sich selbst! Hier aber ist er nichts als Propagandist einer jedenfalls noch nicht vorhandenen Sache. Und jedenfalls: Unser Haben haben wir erst einmal zu beweisen, und da will ich dabeisein.

Her mit einem Frontkommando!

Nein, sagte der Chef. Nein, sagte auch der Generalquartiermeister, vorläufig nicht, später können wir darauf zurückkommen.

Nun, über dieses Gespräch ist Zeit hingegangen, er ist also darauf zurückgekommen.

„Das Essen ist aufgetragen, Herr Oberstleutnant! ... Das Essen ist aufgetragen, Herr Hauptmann! ... ist aufgetragen, Herr Leutnant!“ Oberstleutnant Vilshofen, Hauptmann Wendlin, Leutnant Vogel gingen auf einem mit gelbem Kies ausgelegten Weg unter alten Bäumen hinüber zum Casino, wo sie mit den anderen Herren der Vorkommandos Platz nahmen.

Die Ordonnanzen hatten den zweiten Gang noch nicht aufgetragen. In der Luft erhob sich ein gewaltiges Dröhnen. Das waren die über das Casino und über die Bäume wegfliegenden und auf Höhe kletternden deutschen Bomber-, Zerstörer- und Stukageschwader.

„Wie lange dauert es, bis sie die Grenze überfliegen?“, wandte Leutnant Vogel sich an einen Hauptmann aus dem Stab des Oberkommandierenden der Luftwaffe.

„Sie haben an achtzig Kilometer zurückzulegen, also in zwanzig Minuten, drei Uhr vier Minuten ist Frontüberflug!“

Ein Offizier der Panzerwaffe wandte sich an Vilshofen:

„Wenn Sie jetzt den Chef rumkriegen, Vilshofen, sind Sie sofort unterzubringen. Eine Abteilung können Sie haben, es muss aber schnell gehen, lange ist die Sache nicht offenzuhalten!“

8

Sie hatten ihre Hauben aufgesetzt und die Sitzfallschirme umgeschnallt. Dieses unbequeme Gepäck schlenkerte bei jedem Schritt in die Kniekehlen. So kamen sie auf den Platz heraus. Eine ungeheure Leere nahm sie auf – kein Laut war mehr zu hören. Das Zelt hinter ihnen, auch der Werkschuppen war nach wenigen Schritten von weißem Dunst eingeschluckt. Eine Schäferhündin lief neben dem Trupp her. Sie beschnüffelte den Oberfähnrich von Ense, der zum ersten Mal diesen Weg machte, setzte dann zum Zelt zurück, wo sie Scheuben fand.

„Ich komme schon, ich komme schon, Hexe. Kannst dir wohl denken, es handelt sich um Conchita, aber vielleicht hätte man eine Frau, die Conchita heißt, nicht heiraten sollen ...“ Scheuben faltete einen am gleichen Tag erhaltenen Brief und steckte ihn in die Tasche. Er setzte nun auch die Haube auf, hängte den Fallschirm um und ging hinter den andern her.

Die Maschinen waren fertig beladen, die Bomben von außen nicht zu sehen. Die Bemalung an den Tragflächen war neu, ebenso die gelben Streifen am Rumpf.

„Prächtig sehen sie aus, fast freundlich!“

Der Erste Wart Mette blickte seinen Staffelkapitän vorwurfsvoll an. Der zuckte nur die Achseln – er hatte doch wirklich seine eigenen Sorgen! Ich kann da nichts machen, sollte sein Achselzucken bedeuten. Es handelte sich darum, dass der Erste Wart schon seit dem Frankreichfeldzug davon träumte, mitfliegen zu können, und nun begann ein neuer Krieg, und es war wieder nichts damit, noch immer war er auf dem Platz festgenagelt.

„Vielleicht bald einmal, haben Sie nur noch Geduld, Mette!“, sagte Scheuben nun doch noch und wandte sich seiner Maschine zu. Der Funker saß schon in der Maschine und hantierte an seinem Gerät. Der Beobachter und der Heckschütze warteten auf den Flugzeugführer, der hier zugleich der Staffelkapitän war. Scheuben kletterte nicht in die Maschine, ohne vorher den Handschuh abzustreifen und seine Hand der Hündin Hexe auf den Kopf zu legen. „Conchita wird schwierig, aber sag’s niemandem ...“ Die Hündin rieb ihre Nase unter seiner Handfläche und bohrte sie in den Ärmelausschnitt, sonst verharrte sie ohne Bewegung. Nachdem alle eingestiegen waren, warf Mette die Klappe zu. Scheuben lehnte sich bequem in seinen Sitz zurück. Rechts und links von ihm und überall auf dem Platz anlaufende Propeller und das An- und Abschwellen laufender Motoren. Auch seine Hand entfesselte einen Sturm, der den Bodendunst aufquirlte und weiße Luftfetzen an den Tragflächen vorbeipeitschte.

Conchita ... sie benimmt sich doch ganz unmöglich, denkt sie denn gar nicht an ihn, an seine Laufbahn. „Dieser blöde Offiziersklüngel“, was ist das für ein Ausdruck, den hat sie natürlich aus Hamburg mitgebracht, sie wollte sich kaputtlachen, wie alle da „hereingeschwänzelt“ kamen, sich in ihren Uniformen aufplusterten, der Major mit seiner sonderbaren Frau am Arm, ihr aber machte er schöne Augen, dieser alte Gockelhahn, könnte ihm wohl so passen! Ist das eine Art, über Kameraden und Vorgesetzte zu schreiben, und in Hamburg wäre das ja alles nun ganz anders, und bei ihrem Vater und wo sie dort hinkommt, träfe sie „Leute“ und nicht nur Uniformen.

Die Motoren wurden nun nicht mehr abgestellt. Das von allen Enden des Platzes anschwellende Propellerdröhnen verschmolz zu einheitlichem Sturmesrauschen, und das war erst ein Ausdruck der noch gedrosselten Kraft. Monteure in dunklen Overalls liefen vorbei. Da war auch der Offizier mit der Startflagge. 2 Uhr 3 Minuten war es. Scheuben gab Gas, und die Maschine rollte zum Startplatz, rechts und links von ihm seine beiden „Kettenhunde“.

Es konnte nicht ausbleiben, sie ist also aufgefallen, und das gerade jetzt, vor der Versetzung zur Luftkriegsakademie, wo bei der alten Einheit nachgefragt wird! Überhaupt solche Briefe zu schreiben, wo heute alles durch die Zensur geht … Der Startoffizier hob die Flagge. Die Bahn war frei. Die Maschine rollte langsam, bei Gegenwind, tausend Meter, tausendzweihundert Meter, jetzt gab er Vollgas, und die Maschine setzte vom Boden ab, so die beiden „Kettenhunde“. Die Erde rollte unten ab wie ein Fließband, auch die Bäume blieben schon unter den Tragflächen. Die nächste Kette folgte, so Kette nach Kette. So die zweite, die dritte Staffel, so die ganze Gruppe. Im Linksflug ging es um das meilenweite Flugfeld. Ach ja, Conchita, mit dem Alten in Hamburg wird er ein ernstes Wort reden müssen! … Das ganze Geschwader war jetzt in der Luft, noch immer im Linksflug, Kreis um Kreis sich in größere Höhe schraubend. Eine donnernde Spirale aus Aluminium, aus Stahl, aus Öl. Und über dem Flugplatz Deblin, über den Flugplätzen Labiau, Seerappen, Heiligenbeil, Gumbinnen, über Warschau, Lublin, Ploesti standen die gleichen dröhnenden Spiralen auf. Auf 4000 Meter stoben die Geschwader mit 300 Stundenkilometern nach Osten, ein dahinrasendes brüllendes Unwetter über ahnungslosem Land.

9

Der Wald sah nicht mehr blau aus und war keine formlose Masse mehr. Da waren jetzt Bäume und Äste, und hundertarmiges Gezweig griff in das dichte Blätterdach. Die Birke auf der Lichtung mit zarten, blassgrünen Blättern und hängenden Zweigen schien in dieser Stunde aus Tau und Dunst geboren.

Unter der Birke standen drei Männer.

„Ja, das ist was, „Ariston Lux, kostet zwölf Pfennig das Stück, wo hast ‘n die organisiert, Lemke?“

„Vom General gekriegt!“

„Von Bomelbürg, ja, der raucht wohl so was?“

„Nee, der kann nicht mehr, seit sie ihm den Kürbis zerschossen haben, darf er nicht mehr rauchen!“

„Ach so, der hat die bloß zum Verschenken, auch nicht schlecht!“

„Na, ich hoffe bloß, dass das hier schnell geht, und dass wir wieder zu unserer Vorausabteilung kommen, hoffentlich vergessen sie uns hier nicht!“

„Da wird der General schon für sorgen. Der hat doch dreimal am Tag angerufen, noch vor einer Stunde. Der Oberleutnant hatte sich gerade hingelegt, da klingelt’s schon wieder, von der Division, der Adjutant. Wir sollen uns hier bloß nicht von unserer alten Abteilung einkassieren lassen. Wir sind hier bloß hergepumpt, das hätte der General gesagt!“

Ja, der General von Bomelbürg – die vier 10,5-cm-Geschütze hier in der Waldlichtung, die Protzen dahinter, die unter den Bäumen abgestellten Hannoveraner, Ostpreußen- und Holsteiner Pferde, vorn am Waldrand das spitze Zelt mit dem Batteriechef Langhoff, mit Funkern, Meldern und Telefonisten, und hier unter der Birke der Zugführer Kohlhaas, der Zugführer Klein und der Oberwachtmeister Lemke, selbst der aufgezwirbelte Bart Lemkes (der Divisionär meint nämlich, dass zu einem richtigen reitenden Oberwachtmeister auch ein richtiger Weltkriegsbart gehöre), das alles existierte ebenso wie der sich kringelnde blaue Rauch der „Ariston Lux“ nur dank einer Laune Bomelbürgs.

„Nu geht also wieder ein Krieg los!“

„Jedenfalls wissen wir jetzt, wozu wir in Frankreich die Reitende Batterie gemacht haben!“

„Was wir schon alles so mitgemacht haben, eben erst für den Englandeinsatz mit den Gebirgsschützen und Mulis ausgerüstet, und jetzt also wieder mit Zehn-fünf und Zossen vorgespannt.“

„Sag bloß nicht Zossen, sag doch Pferde!“

„Ich meine man bloß, jeder hängt doch an seinen Zossen!“

Jeder hängt an seinen Pferden – und eben das hatte seinerzeit, als auf Befehl des Divisionskommandeurs alle Ställe für die neu aufzustellende Reitende Batterie durchgekämmt wurden, das ganze Regiment erbost. Der Kommandeur wollte, dass die Batterie anständig beritten wäre. Vierundzwanzig Hannoveraner wurden gebraucht, achtundzwanzig Reitpferde, vier Geschützführerpferde, zwei Zugführerpferde, zwei Pferde für die Offiziere, nochmals zwei für die Pferdehalter, sechzehn für die Munitionsprotzen, und die Feldküchen und Verpflegungswagen hatten vierspännig zu fahren. Es handelte sich noch dazu um Zugpferde, die im Tempo mitkommen mussten, und möglichst wollte der Kommandeur die gleiche Farbe – Braune oder Falben oder Füchse – bei den Gespannen berücksichtigt haben. Und nicht nur die Pferde, auch Sättel, Reitstiefel, Zaumzeug, Woilachs, Ausrüstung, selbst Mannschaften waren überplanmäßig zu beschaffen gewesen.

Bomelbürg hatte es so gewollt, und da war nichts zu machen. Alles hatte im Handumdrehen beschafft werden müssen. Eine tolle Sache war wenige Tage nach dem Aufstellen der Batterie die Besichtigung gewesen. An einem Sonntag, in Frankreich, im Château ging das Telefon, und der Batteriechef, Oberleutnant Langhoff, wurde verlangt. Als Langhoff den Hörer ans Ohr hielt, vernahm er die Stimme des Generals. „Mein lieber, guter Kerl, nun, wie geht es Ihnen denn, und was macht die Reitende Batterie? … So, jeden Tag auf der Reitbahn. Haben Sie auch schon Geländeübungen gemacht? … Ausgezeichnet. Nun, dann will ich mir die Batterie mal ansehen.“

„Jawohl, wo befehlen Herr General?“ Und schnell die Karte zurate ziehend und eine ansteigende Straße wählend, auf der das Tempo ohnehin nur mäßig sein konnte, schlug Langhoff vor: „Höhe einhundertfünfundzwanzig würde ich für geeignet halten!“

„Ausgezeichnet, bei Höhe einhundertfünfundzwanzig also, dann werde ich mich morgen um elf Uhr dort einfinden!“

Die Sonntagsruhe im Château war dahin. Der ganze Regimentsstab war in Bewegung. Dass die Leute der Reitenden Batterie nach knapp vierzehn Tagen noch nicht auf den Pferden sitzen konnten, war klar, so waren aus den übrigen Batterien, aus dem Tross oder woher immer berittene Fernsprecher, Fahrer oder wer nur auf einem Pferd sitzen konnte, zusammenzupumpen. Die so zusammengeworfene Mannschaft war dem Kommandeur anderntags vorgeführt worden, zu seiner vollsten Zufriedenheit übrigens. „Mein Lieber, das haben Sie ja wieder mal ganz ausgezeichnet gemacht! Wie die Leute nach vierzehn Tagen auf den Pferden sitzen, das ist ja ganz großartig. Nun, an meine Reitende Batterie, die ich in Potsdam geführt habe, reicht es natürlich noch nicht heran. Wissen Sie, dass die noch immer ‚Batterie Bomelbürg’ genannt wird? Nun, wie gesagt, ganz ausgezeichnet!“

Das war die Besichtigung in La Guerche gewesen.

Von dem gestörten Sonntag im Schloss La Guerche und den Sorgen des Batteriechefs Langhoff und des Regimentsadjutanten Holmers hatten Lemke, Kohlhaas und Klein, die hier unter einem russischen Birkenbaum Erinnerungen austauschten, nur gerüchtweise erfahren; ganz genau hingegen wussten sie, dass sie an einer Straßenkreuzung hatten absitzen müssen, um andern, die darüber nicht schlecht gefeixt hatten, für die Zeit des Vorbeiritts ihre Plätze in den Sätteln zu überlassen.

„Ja, der Ritt von La Guerche!“

„Aber das wäre doch gar nicht nötig gewesen. Man sagt doch, dass er sowieso nicht über seine Nase hinaus sieht!“

„Das stimmt schon, nach dem Kopfschuss sieht er bloß noch Schatten. Und wenn er vor der Karte sitzt, braucht er eine Brille und noch dazu eine Uhrmacherlupe.“

„Also hätte er doch sowieso kein Pferd und auch keinen Reiter gesehen und auch nicht gewusst, wie der auf dem Pferd sitzt!“

„Aber das spürt er, der hat ein inwendiges Gesicht für solche Sachen!“

„Ja, das hat er wohl!“

„Nun wird es schon hell!“

„Ja, es muss bald soweit sein.“

10

Der Batteriechef Langhoff stand hinter dem Scherenfernrohr. Die Dorfstraße konnte er einsehen. Eine Frau hatte er in mehrfacher Vergrößerung im Spiegel. Sie schöpfte Wasser aus dem Brunnen, füllte zwei Eimer, hängte diese beiden Eimer an eine Traglatte und ging davon. Langhoff warf die eben angezündete Zigarette weg – es war eine „Ariston Lux“.

Der Befehlsübermittler Kuszmian rauchte die gleiche Marke. Es verhielt sich nämlich so, dass Oberwachtmeister Lemke dieses Geschenk nicht aus der Hand des Generals, sondern auf dem Umweg über den Batteriechef erhalten hatte. Kuszmian warf ebenfalls die Zigarette weg, nicht ohne vorher zwischen den Fingern die Glut ausgedrückt zu haben.

Langhoff blickte auf seine Uhr.

Es waren noch drei Minuten bis zum Angriff.

„Warum drückst du eigentlich die Zigarette so vorsichtig aus?“, fragte er.

„Es könnte doch einen Waldbrand geben, Herr Oberleutnant!“

„Ja, mir scheint auch, es kann Waldbrände geben!“

Wieder ein Blick auf die Uhr, dann die Frage: „Feuerbereit?“

Kuszmian am Fernsprechkasten wiederholte: „Feuerbereit?“

„Erster Zug feuerbereit!“

„Zweiter Zug feuerbereit!“

Der Himmel erdröhnte unter einem Geschwader von Flugzeugen, das in östlicher Richtung den Wald überflog. Das Dröhnen dauerte eine volle Minute, verebbte dann gegen den Horizont.

„Batterie feuerbereit!“, meldete der Zugführer, Oberwachtmeister Lemke. Von der B-Stelle kam: „Sechs Gruppen ... Batterie ... Feuer!“

Rücklauf der Rohre. Mündungsfeuer. Qualm. Krachen aus vier eisernen Mündern. Ein zurückfallendes Echo.

„Batterie ... Feuer!“

Wieder Rücklauf, Feuer, zurückkommendes Echo. Das zweite und dritte Echo war schon nicht mehr das aus vier Rohren. Im Nachbarwäldchen stand eine feuernde Batterie mit 10-cm-Kanonen. Weiter entfernt standen andere feuernde Batterien – Haubitzen, Mörser, Werfer, Langrohrkanonen. Aus dem Hinterland dröhnten schwere Eisenbahngeschütze.

Und in längeren Intervallen – das war jedes Mal ein grollender Weltuntergang – beschoss das 60-cm-“Karl“-Geschütz die Zitadelle von Brest. Tausend aufgerissene Münder atmeten Feuer und schleuderten Eisen in die vorausbestimmten Ziele. In diesen Sekunden tat sich die Front auf, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer eine einzige feuernde Wand. Abschussgeräusche und Echo verschmolzen und rollten ins Endlose. Der Zug war abgefahren, und eingestiegen war, ob es wollte oder nicht, ein ganzes Volk.

11

Als ob Wildgänse durch die Nacht schwirren, ging es Riederheim durch den Kopf, als die Granaten der Batterie Langhoff über die Bäume und den darunterliegenden Kompanietrupp wegfuhren. Er fand sogar Gelegenheit, es war nach der zweiten Salve, das laut auszusprechen. „Man muss an das Lied „Wildgänse rauschen durch die Nacht’ denken“, sagte er, und zwar zu dem Melder, seinem Landsmann Feierfeil, der neben ihm lag.

Erstens sind es keine Wildgänse, zweitens ist es schon Tag, dachte Feierfeil, und drittens, wohin hat sich nun eigentlich der August verkrümelt! Er hatte nämlich Augenverbindung zu der am Waldrand liegenden Schützengruppe und ihrem Zugführer, dem Unteroffizier August Gnotke, zu halten; und die Stelle hinter dem Baumstamm, hinter dem Gnotke solange gehockt hatte, war offensichtlich jetzt leer. Nun, jedenfalls ist der Riederheim noch immer so übergeschnappt wie als Junge in Klein-Stepenitz, der hat einfach zu viel gelesen, daher kommt das!

Das Bild der durch die Luft rauschenden Wildgänse entsprach in der Tat nicht dem, was wirklich vorging. Mündungsknall und Echo fielen zusammen. Die Tiefen des Waldes und alle Hintergründe brüllten. Und ringsherum feuerten kleinere Kaliber, der Werfer, der Flammöl in das Dorf am andern Ufer schmiss, die 3,7-cm-Pak, die mit Leuchtspurmunition den russischen Grenzturm beschoss, quackende Einschläge im Sumpfboden, auffahrende und zersiebte und zurückfallende Erde, und alles zusammen war Aufruhr und wüstes Mahlen.

„Jedenfalls fängt’s jetzt an, Emil!“

„Ja, stimmt, es fängt jetzt an“, erwiderte Feierfeil und entdeckte Gnotke wieder. Neben dem Gefreiten Heydebreck hatte er sich hingelegt. Was der immer mit dem Heydebreck hat; na ja, ist ja ein netter Junge, immer gefällig, passt gar nicht richtig in den Stahlhelm, bemüht sich aber mächtig; man muss ihm da schon etwas helfen, sich zurechtzufinden.

12

Gnotke und Heydebreck lagen am Waldrand. Die ganze Kompanie lag dort in langer Schützenlinie, vor sich hatten sie den zum Fluss abfallenden Wiesenstreifen, bis zum Bug waren es zwanzig Meter. Am andern Ufer stand Gestrüpp, dahinter Äcker, Roggen und Hafer. Die Hütten des Dorfes Schuraweka zitterten im Morgenlicht. Eine steinerne Kirche überragte die Strohdächer.

„Eine Kuh ist aus der Herde ausgebrochen“, sagte Heydebreck, „der Hirte treibt sie mit einem Knüppel aus dem Haferfeld. Eine Frau holt Wasser, und sie weiß nichts …“

„Ja, ja“, sagte Gnotke, „es stimmt schon; wenn von der andern Seite her auch die Kugeln pfeifen, fühlt man sich besser, aber was nützt das viele Denken …“

Das war der Augenblick – zwischen den Hütten erhoben sich gelbe Qualmpilze. Eine Fontäne aus Erde fuhr auf, fiel sägend zurück. In einer sich schnell ausbreitenden Rauchbank blitzte Feuer, das war das hinübergeschossene Flammöl.

Fetter schwarzer Rauch, Qualm krepierender Geschosse, feurige Garben spritzten in den Himmel. Zehn Minuten lang lag das Feuer aller Waffen auf dem Dorf, dann sprang es weiter nach vorn auf entferntere Ziele.

Am Waldrand lag die Schützenlinie, dahinter der Kompanietrupp mit Riederheim und dem Kompanieführer. Es waren keine Weisungen mehr zu geben, alle Befehle waren festgelegt. Als das Feuer auf die weiter vorn gelegenen Ziele niederging, war für die Kompanie Angriffsbeginn. Die Pioniere brachten die Schlauchboote zu Wasser. Die Schützen stiegen ein. Vorn und hinten hockte einer der Pioniere mit einem Paddel.

Dunkles, durchsichtiges Wasser … was nützt das Denken, aber man denkt eben doch! Dieses dunkle, ziehende Wasser ist nun die Schicksalslinie. Zurück am andern Ufer bleibt das Leben. Annemarie könnte dort stehen und winken, wie sie in Berlin auf dem Schlesischen Bahnhof gestanden und gewinkt hat. Und am andern Ufer der Schatten, das Krüppelgehölz überragend, der riesenhafte Schatten, der alle seine Tage überhangen hat und großartig und verehrungswürdig geblieben ist. Möge Gott dich schützen!, hat Annemarie ihm mit auf den Weg gegeben. Solchen Wunsch können wir nun alle gebrauchen. Die Boote waren angelangt. Berndt – Tessen von Heydebreck – sank bauchtief im Uferschlamm ein. An einem schräggewachsenen Ast angelte er sich hoch. Kein Schuss fiel, auch als sie das Ufergestrüpp durchgekämmt hatten und weitergingen, war nichts vom Feind zu bemerken.

„Auf – marsch, marsch!“

Es ging durch ein Roggenfeld. Dem Zug Gnotke war als erstes Angriffsziel der Grenzturm, als zweites die Kirche im Dorf Schuraweka angegeben. Links von Gnotke bewegte sich der von einem Feldwebel angeführte 2. Zug ebenfalls durch den hoch in den Halmen stehenden Roggen. Beiden Zügen folgte in einem Abstand von hundert Schritt der 3. Zug unter einem Leutnant.

Ein Stück vom Turm entfernt lag der von oben heruntergekommene Wächter. Der Schütze Klotz drehte ihn um, und sie erblickten ein kräftiges mongolisches Gesicht, im Tode grau wie Asche. Es ging alles planmäßig. Die Schützenketten erreichten den Rand des Dorfes und tauchten dort ein. Gnotke hob seine Signalpistole, ebenso der Feldwebel des 2. Zuges. Zwei weiße Leuchtkugeln – für den Kompanietrupp das Zeichen zum Stellungswechsel.

Auf – marsch!

Der Kompanieführer Boblink, der Kp-Truppführer Riederheim, Melder, Spielmann, ein Sanitätsunteroffizier, bestiegen nun ebenfalls ein Schlauchboot. Erst am andern Ufer erhielt Feierfeil von Riederheim einen Auftrag: „Emil, sofort zum SMG-Zug – Stellungswechsel nach vorn und die Zugführer zu uns!“

Feierfeil, in der Hand sein Fahrrad, ließ sich wieder übersetzen und fuhr zur Stellung des SMG-Zuges. Als er seinen Auftrag erledigt hatte und wieder am Ostufer des Bug ankam, war der Kompanietrupp schon weit vorn in der Qualmwolke, die das Dorf Schuraweka einhüllte, verschwunden. Feierfeil trottete hinterher, betrachtete den niedergetretenen Roggen. „Wildgänse“ sagt der – hier im Roggen kann nur von „Wildschweinen“ die Rede sein, aber so ist eben der Krieg!

Er erreichte das Dorf.

Und dieses Dorf stand nicht mehr, nichts stand mehr. Ein Kleiderschrank stand da – aus dem Schrank züngelten Flammen. Ein Steinkamin, eine ganze Reihe nackter Steinkamine. Frauen zerrten aus dem qualmenden Gelumpe etwas heraus – ein Kummet, einen Schafpelz, eine Matratze, und retteten die Sachen nach hinten in die Gemüsegärten. Und wo sind die Russen, wo sind nun eigentlich die Russen, und warum fällt kein Schuss? Es hieß doch, ein ganzes Bataillon läge hier im Dorf. Nichts, kein Widerstand, ein Dorf zusammengehauen, in dem noch eben die Kühe ausgetrieben wurden! Eine Frau wollte nicht mehr aufhören zu schreien, beide Fäuste presste sie gegen die Schläfen; vielleicht war es die Großmutter, die vor ihr lag, ohne Haar und ohne Gesicht. Aber was denn, Emil, alter Kämpfer, schon seit „30“ dabei, und „33“ in Berlin, im SA-Sturm I, da wurde doch mehr als eine Wohnungstür aufgebrochen, hat mehr als eine Wohnungseinrichtung auf dem Haufen gelegen. Und dann, wenn man vom Westfeldzug absehen will, war der Polenfeldzug gewesen, da war auch einiges passiert! Aber hier, die Luft eines frühen Sommermorgens, Gestank verbrannten Fleisches, und man weiß nicht, ist es von einer Kuh oder von einer Frau. Man gewöhnt sich nicht daran, oder man muss sich jedes Mal von neuem daran gewöhnen!

Ein Lufthauch zog über den Boden. Wie ein schwarzer Theaterhimmel hob sich der dicke Rauch. Ein Schwein lief quiekend über die Szene. Ein barfüßiger Großvater stand da mit aufgelesenem Hausrat auf dem Arm. Ein Auto mahlte langsam durch den Sand. Feierfeil betrachtete die im Wagen sitzenden Stabsoffiziere (was suchen denn die schon hier vorn), käseweiße Gesichter. Er erkannte den Kommandeur des Nachbarregiments, den Obersten Zecke. Der fuhr den Fahrer an: „Kohl, was ist denn das, nun fahren Sie schon ein bisschen zu!“ Der Wagen zog langsam weiter, die Räder sanken tief ein. So ist das also, denen ist auch zum Kotzen. Ja, bloß weg von hier, nichts sehen, nur raus aus dem Dorf, draußen auf freiem Feld atmet man leichter.

Hinter der zerschossenen Kirche fand Feierfeil den Kompanietrupp. Hauptmann Boblink hatte ein Kartenbrett in der Hand und machte Einzeichnungen, doch es schien nicht wichtig zu sein, alles verlief planmäßig.

13

Hasse war im Divisionsstab ein Sonderfall. Vom General der Divisionsführerreserve entnommen und überplanmäßig als Begleitoffizier eingestellt, hatte er keine der im Stab vorgesehenen Funktionen, keine O1-, O2-, O3- Funktion zu erfüllen, und so nannten die andern Herren ihn, das kam an „vorgeschrittenen“ Abenden vor, den O17; seine eigentliche Aufgabe war denn schließlich auch, wie eine Klette am General zu hängen, und bei dem geschwächten Zustand von dessen Gehör- und Gesichtssinn war er recht eigentlich Bomelbürgs Hör- und Sehrohr.

Die letzten Wochen, für den Stab eine Zeit angestrengter Arbeit, hatten auch dem O17 – der eigentlich überhaupt keine Arbeit, jedenfalls keine geregelte Arbeit in einer zugeteilten Abteilung hatte, der aber dem General, der sich um hundert Einzelheiten kümmerte, nicht von der Seite weichen durfte – kaum eine freie Stunde gelassen, und in der Nacht vor dem Angriff fand er sich trotz seiner Jugend am Rande seiner Kräfte.

Fünfundzwanzig Minuten noch ... das war der Gedanke, mit dem er (er hatte den großen Moment wachend erwarten wollen) in so tiefen Schlaf gefallen war, dass er nachher die Artillerie und auch die feuernden Eisenbahngeschütze nicht vernommen und auch den Zeitpunkt, an dem der General geweckt sein wollte, verschlafen hatte.

Er erwachte erst, als die Sonne schon ins Zimmer schien. Als er das Arbeitszimmer des Ersten Generalstabsoffiziers betrat, war es dennoch zu früh. Nur der O1 und einige Ordonnanzen befanden sich in diesem größten Raum des Bauernhauses. Der O1 saß vor dem Kartentisch und hielt einen Fernsprechhörer ans Ohr, trug die eingehenden Meldungen in die Lagekarte ein und gab sie automatisch weiter nach hinten an das Korps.

Infanterieregiment 100 Westrand Schuraweka erreicht, keine Abwehr – Infanterieregiment 101 den Bug überschritten, südlich Dreieckwäldchen schwache Abwehr, bisher kein feindliches Artilleriefeuer.

Ein Funkspruch vom rechten Nachbarn: Angriff verläuft planmäßig, schwacher Widerstand.

Hasse erfuhr, dass der General noch nach 3 Uhr beim la gewesen wäre, sich dann wieder zurückgezogen hätte. So konnte auch er sein Zimmer wieder aufsuchen, um zu warten, bis er gerufen würde.

Einige Stunden später kam er mit dem General zurück. Der vorgeschobene Gefechtsstand bot fast noch das gleiche Bild. Nichts Aufregendes, alles verlief planmäßig. Der O1 machte mit Kohlestrichen seine Eintragungen. Der la wanderte auf und ab.

„Regiment 100 mit der Masse über den Bug, in flüssigem Vorgehen; auch 101 ist mit der Masse drüben. 1. Abteilung des Artillerieregiments bereitet Stellungswechsel auf das andere Ufer vor. Alles verläuft planmäßig. Schuraweka feindfrei!“, meldete der la dem eintretenden General.

„Nun, dann schlage ich vor, den Gefechtsstand vorzuverlegen. Was meinen Sie zu Schuraweka?“

„Herr General, ich meine, es ist dazu noch reichlich früh!“

„Nun, dann warten Sie eben noch!“ Das Warten war nicht nach dem Sinne Bomelbürgs. Er drehte sich einige Male im Zimmer herum, blieb neben dem O1 stehen, sah zu, wie der Eintragungen auf der Karte machte, und verließ dann, ohne noch ein Wort zu sagen, das Zimmer, an seiner Seite natürlich Hasse.

Die im vorgeschobenen Gefechtsstand zurückbleibenden Herren hörten, dass draußen ein Motor ansprang und ein Wagen sich in Bewegung setzte. Aber keiner achtete weiter darauf, und keiner dachte in diesem Moment an eine von Bomelbürg am ersten Tag des Frankreichfeldzuges unternommene Fahrt.

Mit jener Fahrt aber verhielt es sich so:

Der Stab Bomelbürgs hatte an der luxemburgisch-deutschen Grenze in dem kleinen Städtchen Wiltingen an der Mosel gelegen. Von der Höhe hatte man einen Blick aufs Tal gehabt, in dem die Infanterie in ihren Ausgangsstellungen versammelt war und auf das Signal zum Losgehen wartete. In dieser Situation hatte Bomelbürg sich an seinen la gewandt: „Also, mein lieber Neudeck, ich will da schon noch mal runter zum Regiment 101!“

„Herr General, man kann doch alles von hier oben beobachten. Die Straße ist doch einzusehen, und man wird den Wagen hören.“

„Man kann da doch mit abgestelltem Motor runterrollen; ich muss unbedingt den Männern noch mal ins Auge sehen, wenn sie da nun rüberstürmen und die Brücke unversehrt in ihren Besitz bringen.“

„Herr General, ich möchte aber doch bitten, hier oben zu bleiben!“

Alle Einwendungen hatten nichts genutzt. Bomelbürg war um das Haus herumgegangen, und zwei Minuten später war er weggewesen. Neudeck hatte dann nur noch sagen können: „Meine Herren, ich kann Ihnen jetzt schon versichern, den sehen wir heute nicht wieder!“

Später war ein rätselhafter Funkspruch angekommen: General gefallen, erbitte Verstärkung! Und damit aus, keine näheren Umstände, keine Ortsangabe, nichts weiter. Geschehen war folgendes: Der Angriff war losgegangen. In das Zollhaus waren ein paar Handgranaten hineingeworfen worden. Die luxemburgischen Zollwärter (schon vorher mit der deutschen Truppe im Einverständnis) hatten sich nicht im Zollhaus befunden. Die Brücke war genommen worden, und die Vorausabteilung preschte darüber hinweg, auf die andere, die luxemburgische Seite hinüber. Einer der nächsten, der über die Brücke hinüberfuhr, war Bomelbürg mit seinem Adjutanten. Auf der anderen Seite hatte er sich mit seinem Wagen an eine Vorausabteilung gehängt. Bei der Ausfahrt aus Luxemburg, in der Gegend des Dreiländerecks, hatte er eine verkehrte Straße erwischt. Der Adjutant hatte keine Deutschen mehr bemerkt und die Karte zurate gezogen.

„Herr General, ich glaube, wir sind verkehrt gefahren!“

„Wo sind wir denn hier?“

„Das Dorf heißt Niederkorn, Herr General!“

„Dann also links um!“

Sie waren an eine herabgelassene Eisenbahnschranke gekommen, und Bomelbürg hatte sich im Wagen erhoben: „He, Sie, Männeken, machen Sie mal die Schranke auf!“ Der Mann hatte keine Anstalten dazu gemacht, doch von jenseits der Schranke, aus einer Hecke heraus, hatte eine wilde Schießerei eingesetzt. Der General hatte einen Schuss durch den Kopf erhalten und war mit blutüberströmten Gesicht in sich zusammengefallen. Der Fahrer, selbst verwundet, hatte aufgeschrien: „Der General ist tot!“ Fahrer und Adjutant (der in seiner Kartentasche die Aufmarschpläne bei sich trug) waren geflüchtet; durch ein Rübenfeld waren sie gekrochen, hatten schließlich eine Truppe der Vorausabteilung gefunden und in völliger Kopflosigkeit jenen Funkspruch ohne Ortsangabe abgegeben. Danach hatten sie mit Leuten der Vorausabteilung das Bahnwärterhäuschen gestürmt, den Bahnwärter und auf dem Bett des Bahnwärters den General mit einem Schädeldurchschuss gefunden. Das Gesicht des Hingestreckten war mit Schleim und Blut bedeckt, dennoch hatte er begonnen, Worte aus sich herauszugurgeln: „Wer ist da? ... Ich will Sie nicht sehen. Sie sind ein Feigling, Sie haben Ihren General in seiner schwersten Stunde im Stich gelassen. Scheren Sie sich von hier weg!“ Ein Krankenkraftwagen hatte Bomelbürg aufgenommen und nach Trier gebracht, und niemand hätte es für möglich gehalten, ihn noch einmal lebend wiederzusehen. Doch dieser Tag kam, fünf Monate später, es war in dem Städtchen La Guerche in Nordfrankreich, dort traf er wieder bei den Seinen ein. Bei dem Oberbefehlshaber des Heeres darum vorstellig geworden, hatte er seine alte Division zurückerhalten.

Die Verwundung Bomelbürgs, zwar selten genug, war doch nicht einmalig. Das Geschoss, zwischen den Augen an der Nasenwurzel eingedrungen, war durch die Schädelbasis gegangen, ohne das Gehirn zu verletzen, und am Hinterhauptbein seitlich rechts wieder ausgetreten. Gehör-, Seh-, Geruchs-, Geschmacks-, Gleichgewichtsstörungen waren die Folge. Auf einem Auge sah Bomelbürg überhaupt nichts mehr, das andere nahm nur noch Schatten wahr. Fast noch mehr als durch die körperliche Entstellung und die davongetragene Behinderung seiner Sinnentätigkeit war Bomelbürg aber von anderem bedrückt, und was das war, darüber hatte er sich am Abend nach seinem Wiedereintreffen in der Division einem der jüngeren Herren gegenüber ausgelassen. „Mein guter Kerl, mein guter Langhoff“, hatte er gesagt, „Sie haben wohl Ihren General gar nicht wiedererkannt?“ – „Aber die paar Schmarren machen doch nicht soviel aus, Herr General“, war ihm erwidert worden. – „So, mein Guter, na, ich danke Ihnen. Ja, es ist ja auch nur: Der Bomelbürg hat doch geglaubt, dass er kugelfest ist, und nun ist durch diesen Glauben ein großes Loch geschossen worden!“ – „Aber, Herr General!“, hatte der junge Offizier aus seinem Stabe sich ereifert. „Gestatten, Herr General, dass ich da widerspreche, dass ich da eine ganz andere Meinung habe. Jeder andere mit so einer Verwundung hätte es niemals überstanden. Herr General aber ... ja, wenn das kein Beweis für Kugelfestigkeit ist!“

„Mein lieber, guter Kerl ...“, das war aus Bomelbürg herausgebrochen, und er hatte den Oberleutnant Langhoff an den Schultern gepackt und ihn geschüttelt: „Dass Sie das sagen, Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir damit wiedergeben. Mein lieber, guter Kerl, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen ...“ Und jetzt und von dieser Stunde an erst war Bomelbürg zutiefst von seiner Kugelfestigkeit überzeugt.

Das war Bomelbürg, und das ist die Geschichte seiner Verwundung und seiner Fahrt durch das Dreiländereck am ersten Tag des Westfeldzuges, und so sah das Gesicht aus, an das die Herren im Stabe sich nun schon gewöhnt hatten. In dieser Stunde aber, als hinter dem Haus ein Kübelwagen davonfuhr, dachte keiner der Herren im Divisionsstab, auch der la nicht, auch der O1 nicht, an jenen zurückliegenden verhängnisvollen Morgen. Der O1 nahm Meldung um Meldung entgegen und zeichnete die laufenden Veränderungen in die Lagekarte ein. Der la zündete sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Er hob auch einmal einen Fernsprechhörer und unterhielt sich mit dem Obersten Zecke, dem Obersten Schadow, den Regimentskommandeuren oder auch mit einem Nachbarn rechts oder links über die Lage.

Er blieb neben dem Kartentisch stehen:

„Was meldet die Ballonbatterie eigentlich?“

„Ballonbatterie hat vor zehn Minuten gemeldet: Sicht durch Bodendunst und aufgehende Sonne behindert!“

Es war nichts zu tun – die Sache lief eben an!

Vereinzelter Widerstand – einzelne Gefangene – keine Verluste – geringe Verluste … planmäßig.

Das Korps rief an.

Der la wurde verlangt.

Der Chef des Stabes meldete sich: „Nun, wie geht es bei Ihnen? Alles planmäßig – alles in Ordnung? Aber nun hören Sie mal, mein Lieber, in zwanzig Minuten wird bei Ihnen der OB eintreffen, damit Sie im Bilde sind! Auf Wiederhören!“

Der OB, der Oberbefehlshaber der 4. Armee, Feldmarschall von Kluge. Der la rief den Adjutanten an: „Hören Sie zu, Butz, der OB wird in zwanzig Minuten hier bei uns sein, sofort dem General melden!“

Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch das Haus. Alle schnallten ihre Koppel um, zogen ihre Uniformröcke zurecht. Der O1 ließ sich für eine Minute von einem der Herren ablösen, um sich ebenfalls zurechtzumachen.

Major Butz kam in das la-Zimmer herein.

„Der General ist nicht aufzufinden!“

„Was ... ist doch nicht möglich!“ Das ausrufend, wusste Neudeck, dass es sehr wohl möglich war, und jener Unglücksmorgen an der luxemburgischen Grenze stand lebhaft vor seinen Augen.

„Der General ist nicht da, der Fahrer und der Wagen sind weg. Oberleutnant Hasse ebenfalls, ist natürlich mitgefahren!“ Major Butz lief wieder davon, um weiterzusuchen. Aber da war schon das Geräusch eines Flugzeugmotors. Ein „Storch“ umkreiste das Haus und ging auf einem nahe gelegenen Wiesenstreifen nieder. Major Butz lief hinüber, um dem Feldmarschall, der sich in Begleitung eines Generalstabsoffiziers befand, den Weg zu zeigen. Auf halbem Wege kam ihnen Neudeck entgegen, er kam gar nicht dazu, seine Meldung anzubringen. „Nun, mein lieber Neudeck“, wurde er sofort angeredet, „wie geht es hier bei Ihnen? So, Schuraweka genommen, keinen nennenswerten Widerstand, flüssiges Vorgehen! Wo ist denn der General?“

„Der Herr General befindet sich ... ist nach vorn gefahren, Herr Feldmarschall!“

„Was ist er …?“

„Jawohl, Herr Feldmarschall, auf einen kurzen Sprung, wird gleich wieder hier sein!“

„Dann müssen wir uns ohne den General behelfen! Gehen wir mal rein!“

Sie betraten den vorgeschobenen Divisionsgefechtsstand. „Lassen Sie sich nicht unterbrechen“, rief der Feldmarschall dem O1 zu und trat zu ihm an den Tisch, an die dort ausgebreitete Lagekarte.

„So, flüssiges Vorgehen, fast gar kein Widerstand, Neudeck?“

„Jawohl, erfreulich geringe Verluste, Herr Feldmarschall!“

Der begleitende Generalstabshauptmann zeigte bei dieser Bemerkung eine Sorgenfalte, auch dem Feldmarschall war anzusehen, dass er über die gemeldeten „erfreulich geringen Verluste“ durchaus nicht erfreut war.

„Aber das muss sich jetzt doch so langsam versteifen, die müssen da drüben doch so langsam wach werden!“

„Sie haben hier doch die Ballonbatterie, was meldet denn die?“, fragte der Hauptmann.

Der O1 rief das Artillerieregiment an.

Der la und der Hauptmann besprachen weiter die Lage. Der Feldmarschall stand dabei und verlegte sich aufs Zuhören; er selbst sagte wenig: „Ist gut ... ist nicht gut ... ist nachzuprüfen ... so, das nehmen Sie an“, und dergleichen.

„Die Meldung der Ballonbatterie ist da, Herr Feldmarschall!“

„Nun?“

„Vereinzeltes Artilleriefeuer aus dem Raum ,Arkadia’. Aus den in der Nähe liegenden Kasernen Bewegungen motorisierter Fahrzeugkolonnen, Richtung Osten!“

„Und was kommt aus Osten?“

„Eine Bewegung aus Richtung Osten ist nicht festzustellen, Herr Feldmarschall!“

„Völlig ausgeschlossen, rufen Sie doch gleich noch mal an!“

Der O1 rief nochmals an und ließ dieses Mal die Verbindung mit dem Ballon herstellen. Oberstleutnant Neudeck übernahm den Hörer und sprach mit dem Hauptmann, der im Ballon aus 1200 Meter Höhe einen weiten Blick über das hingebreitete Land hatte. Der Hauptmann im Ballon aber blieb dabei: „Motorisierte Fahrzeugkolonnen Richtung Osten, keinerlei Bewegung in entgegengesetzter Richtung!“

„Wie gesagt, ausgeschlossen“, sagte der Generalstabshauptmann.

„Das ist doch ausgeschlossen“, sagte Neudeck durch.

„Nu, wenn det so ist, und wenn die da unten nicht jloben wollen, dann müssen sie eben mal selbst hier rufkommen; ick kann doch nur melden, wat ick sehe!“, ließ sich der Hauptmann d. R. von oben aus dem Ballon vernehmen.

Der Generalstabshauptmann, auch der Oberbefehlshaber zeigten bedenkliche Gesichter. Irgendwas stimmt da nicht – entweder die Beobachtung hier im Bereiche der Division und des Korps oder die in wochenlanger Arbeit hergestellte Feindlagekarte, nach der man an dieser Stelle aus den neuerbauten Befestigungen mit einem sofort einsetzenden kolossalen Widerstand gerechnet und die Rote Armee dicht an der Grenze vermutet hatte, wo man sie schnell zu fassen und zu schlagen hoffte.

Der OB und der Hauptmann beschlossen, zur Nachbardivision, der 45. I.D., zu fliegen, wo aus Brest und aus der Zitadelle heraus schwerer Widerstand gemeldet wurde. Oberstleutnant Neudeck und der Divisionsadjutant begleiteten die Herren zu ihrer Landestelle und blieben auf der Wiese stehen, bis der „Storch“ sich erhob und über den Bäumen in nördlicher Richtung verschwand.

„Ja, Butz, dann machen Sie sich mal gleich auf die Strümpfe, sehen Sie zu, dass Sie den General aufs schnellste wiederfinden“, sagte Oberstleutnant Neudeck zum Adjutanten.

Die Hündin Hexe stand auf dem leeren Flugplatz, auf dem übrigens nicht völlig leeren Flugplatz – einzelne Maschinen standen herum, ein paar Transportflugzeuge, ein paar fremde Reisemaschinen, am Rand des Platzes einige Do 215 einer Aufklärungsstaffel; aber diese Maschinen waren in der Weite verstreut, und die Hündin stand allein auf weitem Feld.