6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €
Augsburg, Anno Domini 1528: Die heilkundige Elisa Eggenberger kümmert sich um die Kranken in den Armenvierteln. Sie ist eine Henkerstochter - und die Gemahlin eines Patriziers. Niemand weiß von ihrer schändlichen Herkunft, bis ein in die Stadt kommender Schurke sie wiedererkennt und sie beim Rat der Hexerei bezichtigt. Die Heilerin wird verhaftet, worauf ihr Mann, ungeachtet seines Standes, einen verzweifelten Kampf um ihr Leben beginnt... »Das Geheimnis der Heilerin« von Dagmar Holler: Ein großer, farbenprächtiger historischer Roman um eine starke Frau!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 908
Veröffentlichungsjahr: 2016
Dagmar Holler
Historischer Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Augsburg, Anno Domini 1528: Die heilkundige Elisa Eggenberger kümmert sich um die Kranken in den Armenvierteln. Sie ist eine Henkerstochter – und die Gemahlin eines Patriziers. Niemand weiß von ihrer schändlichen Herkunft, bis ein in die Stadt kommender Schurke sie wiedererkennt und sie beim Rat der Hexerei bezichtigt. Die Heilerin wird verhaftet, worauf ihr Mann, ungeachtet seines Standes, einen verzweifelten Kampf um ihr Leben beginnt …
»Das Geheimnis der Heilerin« von Dagmar Holler: ein großer, farbenprächtiger historischer Roman um eine starke Frau!
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Krimmel wetzte mit einem bösen Lächeln sein Messer. Die Münzen gingen zur Neige, und im Schlauch befand sich nur noch ein kläglicher Rest Wein. Es wurde Zeit für einen neuen Raubzug. Als die Klinge scharf genug war, schob er die Waffe hinter den Hosenbund. Den kurzen Knüppel verstaute er in einer eingenähten Schlinge unterm Hemd. Ein letztes Mal setzte er den Weinschlauch an die Lippen und leerte ihn. Hinter sich hörte er Katharina ins Gewölbe kommen. Mit dem dreckigen Ärmel wischte er sich über den Mund und drehte sich zu ihr um.
Seine Schwester war schon ein hübsches Frauenzimmer mit ihren blonden Flechten, die ihr bis über die weißen, sich über dem knappen Mieder hervorwölbenden Brüste fielen, und dem rundlichen, beinahe noch kindlichen Gesicht mit dem herzförmigen Mund. Katharina, das Allermannsliebchen, war vom Abtritt gekommen und hatte sich wieder mit der Nadel in die Lippen gestochen. Sie hatte die ausgetretenen Blutstropfen verrieben und darüber eine Spur Honig gelegt. Jetzt glänzte ihr Mund verheißungsvoll. Aber wenn ein Freier Interesse an ihr zeigte, lächelte sie nur verhalten, weil ihr ein paar Zähne fehlten.
Krimmel warf den Schlauch auf einen der beiden fauligen Strohhaufen, die ihnen als Nachtlager dienten. Hier in dem Keller hinter Lagerräumen und Badstuben durften sie unterschlüpfen, wenn sie wieder für ein paar Tage in der Stadt bleiben wollten. Schon seit Langem hatte er darüber ein Abkommen mit dem Bader Meckle, dem das Anwesen gehörte. Gegen ein paar ordentliche Münzen, verstand sich. Am Tag verhielten sie sich unauffällig in der Stadt, schnitten nur ab und zu einem der reichen Pfeffersäcke die pralle Geldkatze vom Gürtel, wenn dieser im Markttreiben abgelenkt war, und in der Nacht diente sich Katharina Freiern als Lustdirne an.
Während die Mannsbilder mit ihr beschäftigt waren, schlich er sich hinter die wollüstigen Böcke und schlug sie nieder, um sie zu berauben. Hin und wieder wendete er jedoch zu wenig Kraft auf, und dann gab es ein Gebrüll, weil dem Buhlen der blutig geschlagene Schädel brummte und ihm der mit Münzen gefüllte Beutel unterm Wams herausgerissen wurde. Dann mussten er und Katharina zusehen, dass sie rasch in die Nacht entkamen und nicht den Stadtknechten in die Arme liefen, die die Gassen durchstreiften. Doch ein paar Mal hatten sie den verfluchten Häschern nur mit Mühe entkommen und Zuflucht in ihrem Kellerloch im Badhaus finden können.
Es war ein einträgliches Geschäft ohne größere Beschwerlichkeit, die brünstigen und dadurch unaufmerksam gewordenen Freier zu überfallen, ging es Krimmel durch den Kopf. Und jetzt im Frühling, wenn das Eis brach und die Kälte an Kraft verlor und sie nach Monaten zurück in Tübingen waren, konnte es endlich wieder hinaus auf die nächtlichen Gassen gehen. Gedankenverloren machte er ein paar Schritte über den schmutzigen Boden. Es war höchste Zeit, dass er wieder selbst ein Auge auf Katharina haben konnte.
Im Winter hatte sich die kleine Hure in der benachbarten Stadt in den Häusern der Hübschlerinnen Männern angeboten. Alleine in ihrem Zimmer mit ständig wechselnden Freiern, hatte er ihr durchaus zugetraut, einen von ihnen dank ihres anmutigen Gesichtes und ihres anschmiegsamen Leibes dazu bringen zu können, sie aus dem Haus zu schaffen, ohne dass er es bemerkte. Um ein freies Leben ohne ihn führen zu können und ihren schäbigen Hurenlohn für sich alleine zu behalten. Aber er, Krimmel, der Beutelschneider und Galgenstrick, war eben ein ausgefuchster Kerl. Er hätte sich nicht hinters Licht führen lassen von seiner Schwester oder einem ihrer gierigen Türkratzer. Jäh stieß er ein heiseres Lachen aus.
Durch Drohungen und hin und wieder Münzen hatte er eine der anderen Dirnen im Frauenhaus dazu gebracht, Katharina und ihr Schaffen auszuspionieren und ihm zuzutragen, was diese trieb. Doch da gab es nichts, was Misstrauen in ihm erweckt hätte. Katharina verschwand nicht, obwohl er wusste, dass sie dieses erbärmliche Leben hasste. Dass sie ihn hasste, weil er eine Buhlerin aus ihr gemacht hatte.
Rasch hob er den Kopf und fing sogleich ihren Blick auf. Das kleine Miststück sah ihn mit brennend dunklen Augen an, als könnte sie seine Gedanken lesen.
In der Tat hatte Katharina ihren Bruder beobachtet. Hatte in dieses schmutzige, verschlagene Gesicht gesehen, das sie anwiderte. Über den letzten Winter war sein struppiges Haar grau geworden, obwohl er noch nicht einmal fünfundzwanzig Lenze zählte. Da war er noch ein Stück mehr zu ihrem Vater geworden, den sie selbst als kleines Mädchen nur mit grauem Haar gekannt hatte. Der nach durchzechter Nacht mit unzähligen Runzeln im Gesicht in den Tag geblinzelt und nach saurem Schweiß und Urin gestunken hatte. Der geraume Zeit auf der Erde herumgekrochen war, bis er sich mühevoll hatte auf die Beine ziehen können. Der schließlich nach ihnen gebrüllt und sie beide verflucht hatte, weil sie irgendwann davongelaufen waren.
Immer mehr wurde Krimmel wie ihr Vater, den sie gehasst und nicht mehr ausgehalten hatten und der sicher längst in der Hölle schmorte. Ihr Bruder war nicht nur zu einem dreisten Beutelschneider geworden, sondern auch zu einem Mörder. Katharina graute es vor ihm. Krimmel starrte sie unaufhörlich lauernd an. Das dunkle Blitzen in seinen Augen ließ sie vorsichtiger werden, und sie wandte den Blick ab. Langsam ging sie zu ihrem Strohhaufen, als wollte sie sich hinlegen, blieb aber davor stehen.
Hinter der von Flechten und Schimmel überzogenen Mauer ihres Gewölbes rauschte der Fluss vorbei. Lauter als sonst und bedrohlicher, denn es hatte seit Tagen geregnet. Ihr Bruder aber wollte wieder in die Nacht hinaus. Deutlich hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass der Weinschlauch und seine Geldkatze leer waren. Katharinas Atem ging schnell, aber sie drehte sich entschlossen um und suchte Krimmels Blick. »Das Wasser ist wild«, stieß sie beinahe heftig aus. »Da wird so manche Gasse überschwemmt sein. Müssen wir denn heute Nacht hinaus?«
Ein Schatten verdüsterte Krimmels Gesicht. »Ach, wär’s der feinen Dame lieber, ich besorgte ihr süße Backwaren und sie streckte sich derweil bequem im Stroh aus?«, zischte er verächtlich.
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Katharina eilfertig. »Ich dachte nur, dass bei dem Wetter kaum einer von den reichen Herren auf der Gasse sein wird.«
Krimmel spuckte auf den Boden. »Dummes Luder, vorhin hat es aufgehört zu regnen. Da ist sicher einer der Pfeffersäcke unterwegs, den längst die stramme Rute drückt und der ein Weibsstück braucht, das ihm bei seiner Leidenschaft hilft.« Er funkelte sie wütend an.
Katharina biss die Zähne zusammen, so sehr rangen Zorn und Furcht miteinander. Noch ein einziges Wort, das dem Bruder nicht gefiel, und er würde sie schlagen oder ihr gar die kräftigen Hände um den Hals legen. Wie oft er damit schon anderen Menschen den Garaus gemacht hat, durchfuhr es sie. Rasch nickte sie, um ihn milde zu stimmen, und griff nach ihrem wärmenden Schultertuch.
Als die Kirchenglocken bald darauf zur Mitternacht schlugen, warf Krimmel seiner Schwester einen spöttischen Blick zu. »Auf, feines Liebchen, lass uns ein paar Münzen verdienen gehen!«
Katharina senkte den Kopf, um nicht zu zeigen, wie abgestoßen sie von seinen Worten war. Als er den Keller verließ, zog sie fröstelnd das Tuch enger um sich und folgte ihm durch den schmalen Gang hinter den Badstuben, der außer ihnen nur dem Bader und seinem Weib zugänglich war. Aus einem der Räume kam das Grölen eines Mannes mit tiefer, weinseliger Stimme und kurz danach das Aufkreischen einer Frau. Unvermittelt blieb ihr Bruder stehen und drückte das Ohr an die kalte Mauer. Im fahlen Licht der Laterne, die er trug, erkannte sie sein stilles, dreckiges Lachen.
Wieder schrie die Frau auf, ehe die dröhnend befehlende Stimme des Mannes den Schrei überlagerte und ein kurzes heftiges Platschen zu hören war. »Jetzt hat er sie zu sich in den Badzuber gezogen«, stieß Krimmel heiser aus. Kurz danach waren dumpfe Laute zu hören, die sein Lachen noch dreckiger machten. »Das ist sicher die Liese, die dralle Badhure. Die besorgt’s dem Pfeffersack jetzt so richtig.« Er versetzte Katharina einen Stoß. »Die ist die Münzen wert, die ihr der brünstige Kerl dalassen wird.«
Bald danach zwängte sich Krimmel durch eine versteckte Tür hinaus ins Freie in einen schmalen Durchgang zwischen dem Badhaus und dem benachbarten Haus, der nach einigen Schritten an einem Seitenarm des Neckars endete. Es war keine von jedermann genutzte Gasse, aber den Mägden im Badhaus diente sie dazu, Abfall in den Fluss zu schaffen. Krimmel nahm die andere Richtung hin zur Brunnengasse, über der Dunkelheit lag. Lediglich aus der schief hängenden Laterne am Badhaus drang schwacher Lichtschein.
Die Luft war kühl vom Regen der letzten Tage. Endlich hatte er aufgehört, wenn es auch noch vereinzelt von den Dächern tropfte. Katharina zuckte zusammen, als das kalte Wasser sie im Nacken traf. Krimmel packte sie am Arm und zerrte sie mit sich über das Pflaster voller Unrat. Ein starker Schauer hatte ihn vor sich hergeschwemmt und an manchen Hauswänden als stinkenden Berg aufgetürmt.
Nahe einer zwielichtigen Schenke ging es unter einem Torbogen hindurch zu einer der Gassen in der Stadt, in der sich Dirnen und Freier ein Stelldichein gaben. Krimmel und Katharina gingen leicht bergan, bis sich der Weg nach einer Biegung in vollkommener Finsternis verlor. Nicht ein einziges winziges Licht schien auf Höhe des Pflasters aus einer der vielen Mauernischen, was Katharina nicht erstaunte. Es war erst März, und die meisten der Hübschlerinnen, die hier unterm Jahr ihren Körper anboten, blieben mit ihren Liebhabern vorerst noch in den warmen Betten.
Katharina kam es vor, als wäre es hier oben noch kälter. Sie begann zu frieren. Mittlerweile fühlte sich ihre nackte Haut an wie die einer gerupften Gans. Als Krimmel die Laterne hob, sah sie, wie ihnen der Atem als Hauch vor dem Mund stand. »Hast freie Auswahl zwischen den Nischen, Schwesterchen, und jeder der läufigen Kerle, die den Weg hierherauf finden, gehört dir«, spottete er.
Angeekelt schluckte sie die Wut auf ihn hinunter. Ohne etwas zu sagen, stellte sie sich in einen der Einschnitte in der groben Mauer und achtete darauf, dass sich ihr Rock und das Schultertuch nicht mit der Nässe in den Mauerritzen vollsogen. Die Laterne, die ihr Krimmel dagelassen hatte, schob sie mit der Stiefelspitze noch ein wenig weiter hinaus aufs Pflaster. Ihr Bruder war verschwunden, wie immer, wenn sie auf Männer wartete. Er war vollkommen mit der ihn umgebenden Dunkelheit verschmolzen wie ein unheilvoller Schatten.
Obwohl Katharina fror, empfand sie die Luft als wohltuend. Sie roch rein wie selten in einer Stadt. Beinahe so, wie wenn sie und ihr Bruder in ihrem Karren über Land fuhren und die nächste Ansiedlung weit entfernt lag. Wie zwischen blühenden Wiesen und umgeben von mächtigen Bäumen in rauschenden Wäldern. Dort war sie glücklich und empfand einen Frieden wie nirgendwo. Dort fühlte sie sich geborgen und konnte endlich sie selbst sein. Katharina hing ihren Gedanken nach und Erinnerungen und manchen Träumen, denen sie ein stilles, schmerzliches Lächeln schenkte.
Sie trug derbe, wärmende Stiefel, die sie einem ihrer großzügigeren Freier abgeschwatzt hatte, dennoch begann die Kälte an ihr hochzukriechen. Mit klammen Fingern zog sie das Tuch enger um ihre Schultern und bis vor den Mund, worauf ihr der Atem warm ins Gesicht wehte. Endlich, als sie spürte, dass sie sich doch gegen die Mauer in ihrem Rücken gelehnt hatte und die Nässe bereits unangenehm durch den Stoff drang, flammte plötzlich unterm Torbogen ein Licht auf wie ein Funke in der Nacht. Es wurde immer größer, je näher es zu ihr herangetragen wurde.
Katharina hoffte, dass es einer war, der nach einer Dirne Ausschau hielt, damit sie bald wieder in den zwar fauligen, aber doch um einiges wärmeren Keller zurückkonnte. Ihre Lippen zitterten. Jedenfalls kam da einer, den sein feister Leib nicht geschwind vorwärtsbrachte und dem sein Ächzen über den Aufstieg vorauseilte. Einer ohne die Begleitung und den Schutz eines Knechts und mit einer quietschenden Laterne in der Hand, die er immer mal wieder anhob, um in die ersten Mauernischen zu glotzen. Katharina hatte Glück. Es war wirklich einer, den seine Begierde in diese Gasse getrieben hatte. Mit geübten Fingern begann sie, die Schnüre ihres Mieders zu lösen.
Im Licht der schwankenden, näher kommenden Laterne sah Katharina das aufgeschwemmte Gesicht eines alten Mannes. Prächtige Kleider umhüllten einen fetten Leib auf kurzen, krummen Beinen. Die Luft schien dem weißhaarigen Galan immer noch zu fehlen, so beschwerlich schnaufte er und stieß dicke Atemwolken aus. Als er Katharina entdeckte, verzogen sich seine fleischigen Lippen jedoch zu einem gierigen Lächeln. Bereits sein zweiter Blick fiel auf ihre entblößten Brüste, und er gab ein wohliges Grunzen von sich. Ermunternd winkte sie ihn zu sich heran.
»Ein reicher Pfeffersack also«, flüsterte Krimmel zufrieden, denn der Freier trug eine weite, wadenlange Schaube aus edlem Stoff und eine Mütze mit Pelzverbrämung. Langsam zog Krimmel den Knüppel unter seinem Wams hervor und schlich über den Weg und in den Rücken des Beleibten, der die Mauernische und Katharina darin mühelos verbarg. Zwischen Wortfetzen vernahm er das Keuchen des Mannes, der an seinen Hosen herumzufingern schien, und das leise, schamlose Lachen seiner Schwester, die ihm scheinbar dabei zur Hand ging.
Es würde ablaufen, wie es immer ablief, dachte sich Krimmel gleichgültig. Ein kräftiger Schlag auf den Schädel, und die meisten der Kerle rührten sich am Boden nicht mehr. Manchmal schrie einer, und er musste nochmals zuschlagen, bis endlich Ruhe war. Ohne ein Geräusch zu verursachen, hatte er sich hinter dem reichen Kerl aufgebaut, der um einiges kleiner als er war. Dann holte er mit dem Knüppel aus.
Als er auf den Pfeffersack einschlug, platzte dessen Schädel wie ein Kohlkopf. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der schwere Körper aufs Pflaster. Krimmel stieß einen erstaunten Laut aus und fluchte. Dieser fette Kaufherr in seinen feinen Kleidern hat aber nicht viel vertragen, schoss es ihm höhnisch durch den Kopf. Sein scharfer Blick fiel auf Katharina, die gegen die Mauer gedrängt stand und ihn entsetzt anstarrte. Wahrscheinlich kam es von den Blutspritzern in ihrem Gesicht und auf ihrem nackten Oberkörper, die von dem brünstigen Kerl stammten und vor denen sie sich ekelte.
Ohne weiter auf seine Schwester zu achten, beugte sich Krimmel über den Toten und suchte am Gürtel und unter dem Wams nach dessen Münzbeutel. Als seine entschlossenen Finger eine Ausbuchtung ertasteten, durchschnitt er den Stoff und zerrte ein prall gefülltes Säcklein hervor. Er riss es auf, und erste Münzen rollten in seine Hand. Freudetrunken lachte er auf. »Ha, Gulden um Gulden.« Er drehte den Kopf zu Katharina. »Hörst du, Trine, lauter Gulden!«
Im selben Moment vernahm Krimmel einen herrischen Ruf, der ihn erschrocken herumfahren und rasch nach dem beiseitegelegten Messer greifen ließ. Ungläubig erkannte er am oberen Ende der Gasse im Licht einer Fackel die Umrisse eines überaus großen und breitschultrigen Kerls. Das rote Wams, die roten Hosen und der Hut mit der Hahnenfeder waren unverkennbar. Sie leuchteten wie Blut. Es war der Henker!
Der Schreck fuhr Krimmel in die Glieder. Verdammt, was macht dieser elende Hundsfott hier? Eilig kam er auf die Beine und verstaute seine Beute unterm Hemd. Tübingens Scharfrichter rief ihm mit befehlsgewohnter Stimme zu, an Ort und Stelle zu bleiben. Krimmel fluchte, packte Katharina an der Hand und riss sie mit sich auf die Gasse. Die Schwester stöhnte unter seinem schmerzhaften Griff und schaffte es unter Anstrengung, mit ihm Schritt zu halten.
Einmal jedoch rutschte sie auf dem glitschigen Pflaster aus und prallte hart gegen ihren Bruder. Er musste stehen bleiben, sonst wäre auch er gestürzt, und zerrte Katharina grob wieder auf die Beine. Als er es dabei wagte, über ihre Schulter nach hinten zu sehen, packten ihn Zorn und Entsetzen gleichermaßen. Der Henker war trotz seiner hünenhaften, kräftigen Gestalt ungeheuer schnell. Krimmel war klar, dass sie es zurück ins Badhaus nicht mehr schaffen würden. Seine Gedanken überschlugen sich. Die Neckarpforte!
Katharina stand heftig atmend neben ihm und blickte sich immer wieder gehetzt um. Die Laterne war zurückgeblieben, und die Fackel des Henkers leuchtete noch nicht bis zu ihnen. »Zur Neckarpforte!«, stieß Krimmel heiser hervor und zerrte seine Schwester weiter in eine wenig genutzte und schlammige Gasse, die zur Stadtmauer hinführte und so eng war, dass sie hintereinanderlaufen mussten. Krimmel trieb Katharina schließlich unerbittlich vor sich her, bis sie das schmale Törchen in der Mauer vor sich sahen.
In der rostigen Halterung im Stein daneben brannte eine einsame Fackel. Ein anderes Licht zuckte in der Laterne neben den Füßen des wachhabenden Stadtknechts. Krimmel machte Katharina gegenüber eine eindeutige Gebärde zu dem Büttel hin, dann versetzte er ihr einen Stoß, der sie nach vorne stolpern ließ. Ungeschickt raffte sie das offene Mieder vor ihren Brüsten zusammen und lief geradewegs auf den Mann zu, der müde an der Mauer lehnte und dem der Kopf immer wieder auf die Brust sank.
Als Schritte laut auf dem nächtlichen Pflaster hallten, riss der Stadtknecht augenblicklich den Kopf hoch, und ein Ruck ging durch seinen Körper. Im schwachen Licht sah er eine Frau mit gelöstem Haar auf sich zukommen und umfasste die Hellebarde entschlossener, rührte sich aber nicht von der Stelle. Offensichtlich war sie ohne Begleitung und kam alleine aus der Nacht. Als sie bei ihm war, ließ sie das Mieder fahren, und feste Brüste quollen dazwischen hervor. Verwirrt gab der Büttel einen erstickten Laut von sich, während er wie trunken auf die rosige Blöße des jungen Weibes starrte.
»Ihr seid allein, junger Herr, und ich bin es auch«, lockte Katharina mit süßer Stimme und drehte sich leicht um ihn und er sich mit ihr, aber der Ekel über den geplatzten Schädel des Alten, der jetzt im Dreck und seinem Blut in der Hurengasse lag, wollte ihr wieder sauer aufstoßen. Sie hielt eine Hand vor den Mund, weil sie würgen musste, die andere hatte sie in den Falten ihres Rocks und schwang ihn hin und her. Der Stadtknecht war noch keiner der erfahrenen, wüsten Kerle, denen man besser nicht in der Nacht begegnete, stellte sie fest. Der war gerade erst ein Bursche, hoch aufgeschossen und mager, dem Wams und Hosen deutlich zu groß waren. Den da sollte ihr Bruder nicht kaltmachen, gelobte sich Katharina. Der war so jung, dem stand noch der Flaum auf der Oberlippe.
Da starrte der Büttel sie plötzlich an, als blicke er in das Gesicht einer Verrückten. Starrte sie mit geweiteten, entsetzten Augen an und wich sogar einen Schritt vor ihr zurück. »Das ganze Blut da …« Er zeigte mit dem Finger auf sie. »Schaust aus wie der Hölle entsprungen.« Stockend kamen ihm die Worte über die Lippen.
Jäh fiel ihr ein, wie sie aussehen musste. Dass sie das verspritzte Blut des Pfeffersacks überall im Gesicht und auf dem Oberkörper hatte. Getrocknet und dunkler jetzt freilich, aber immer noch eindeutig als Blut zu erkennen. Hastig wischte sie sich mit der Hand übers Gesicht und zog schließlich wieder das Mieder vor ihrem Busen zusammen, als würde er dadurch vergessen, was er gesehen hatte. Im selben Moment kam ein Schatten aus der Nacht und wurde hinter dem Jungen größer.
Als der Knüppel auf den Helm sauste, sackte der Wächter mit einem dumpfen Ächzen zusammen und stürzte auf die Pflastersteine. Diesmal spritzte kein Blut, aber der Kerl blieb auch nicht ruhig liegen. Jammernd krümmte er sich zusammen. Ein weiteres Mal hob Krimmel den Knüppel, um nochmals zuzuschlagen, aber da packte Katharina entschlossen den Arm ihres Bruders und funkelte ihn wild an. »Wir müssen fort! Oder willst du, dass uns der Henker erwischt und aufs Rad bindet?«
Ihre Stimme war hart wie selten. Überrascht starrte Krimmel in die dunkel gewordenen Augen seiner Schwester. Verflucht, stellte sie sich jetzt gegen ihn? Gerade wollte er ihr scharf antworten, aber da dröhnte erneut die gewaltige Stimme des Scharfrichters durch die Nacht. Und sie klang sehr nahe. Zornig wischte Krimmel Katharinas Hand von seinem Arm und blickte sich rasch um. Der rote Teufel war noch nicht zu sehen, aber der Widerschein seines Fackellichts jagte über die schmale Gasse heran.
Krimmel zögerte nicht länger und rannte zur Neckarpforte. Mit einem einzigen entschlossenen Griff hob er den schweren Riegel an und warf ihn zurück. Er öffnete das Tor und war schon draußen, als er hinter sich Katharina im Rücken spürte, die ihn nach vorne drängte. Kalte Luft schlug ihm entgegen, die nach Freiheit roch und jeder Menge Schlupfwinkel, die dieser Sauhund von Henker nicht kennen konnte. Ohne Laterne und unter dem spärlichen Schein eines beinahe wolkenverhangenen Mondes machte er die ersten Schritte in die Dunkelheit.
Er tastete sich auf dem Weg vorwärts, der steil zum Neckar hinabführte und deshalb nur von Wanderern, aber nicht von Reitern oder Fuhrwerken eingeschlagen werden konnte. Katharina und er waren ihn schon oft heraufgestiegen, um nicht mit Bauern, Händlern und Reisenden durch das große Tor in die Stadt kommen zu müssen, von denen sie später im Gedränge des Markttreibens so manchen bestohlen hatten.
Krimmels Schritte wurden sicherer. Bald dachte er, die gefährlichen Mulden von den früheren Aufstiegen her zu kennen und ihnen sicher ausweichen zu können. Er wurde kühner und setzte schneller die Füße voran. Dann aber trat er ins Leere, verlor den Halt und grub rasch die Hände in die schlammige Erde, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Katharina war nahe hinter ihm. Er hörte ihren aufgeregten, schnellen Atem und das Rascheln ihres Rocks. Sie hielt sich an ihm fest, als er sich fluchend wieder aufrichtete und zur Stadt zurücksah.
Die Fackel des Henkers brannte ein flammendes Loch in die Nacht, das rasch größer zu werden schien. Aber das lag nur daran, dass der Scharfrichter verteufelt schnell hinter ihnen herkam. Krimmel spuckte aus. »Der Sauhund … verrecken soll er.« Er packte Katharina und begann, sie rücksichtslos vor sich herzutreiben. Es kam einem Wunder gleich, dass sie nicht ausrutschten oder den Weg verfehlten und sich den Hals brachen. Als der Weg breiter wurde und weniger steil abfiel, stolperte Katharina und überschlug sich. Ein gutes Stück rollte sie den Hang hinab und schrie jämmerlich auf.
Sie war noch immer nicht auf den Beinen, als Krimmel sie erreichte und brutal hochriss. »Beweg dich, oder willst du vom Henker erwischt werden?«, zischte er.
Schluchzend humpelte sie weiter, denn ihr rechtes Bein schmerzte immer noch vom Sturz aufs harte Pflaster oben in der Stadt, und sie schaffte es kaum noch aufzutreten. Unablässig liefen ihr Tränen übers Gesicht. Als sich am Fuß des Berges ihr Rock in einem stacheligen Gebüsch verfing, zückte ihr Bruder das Messer und durchschnitt den widerspenstigen Stoff. Längst hatte sie ihr Schultertuch verloren und hielt sich mit einer Hand das notdürftig geschnürte Mieder. Die Kälte hatte sie mit ihrem eisigen Atem umhüllt, gleichzeitig aber jagten Furcht und körperliche Qual das Blut in ihr hoch, dass sie zu verbrennen glaubte.
Als Katharina erneut in ein dorniges Gebüsch geriet und sich Hände und Arme zerkratzte, schrie sie voller Schmerzen auf, und Krimmel versetzte ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht. »Halt endlich das Maul, du verrätst uns noch!«, presste er böse hervor. In dem Moment wünschte er sich, sie hätte sich beim Sturz am Hang den Hals gebrochen, weil sie dabei war, dem Henker zu verraten, wo sie steckten. Der war schon so nahe, dass sie sein Keuchen hören konnten. Krimmel dampfte von der Jagd. Sein grobes Hemd klebte ihm schweißdurchtränkt am Körper.
Wieder brüllte der Scharfrichter, der das Wild in dunklen Umrissen vor sich ausmachen konnte, und Krimmel packte seine Schwester und drängte sie durchs Gestrüpp, das wie ein Bollwerk zwischen den Wiesen und dem Fluss stand. Als sie das dumpfe Rauschen des Neckars vor sich hörten, waren sie schon nahe am Ufer, und der Untergrund wurde weicher. Immer tiefer drangen sie durch Gras und Schilf, und als sie schmatzend einsanken, begann Katharina, hemmungslos zu weinen. Wütend versetzte ihr Krimmel einen weiteren Schlag, der sie beinahe stürzen ließ.
Wie benommen schüttelte sie den Kopf, und die wirren langen Haare flogen. Ihr Bruder zerrte an ihr und zog sie aus dem sumpfigen Erdreich. Er bekam sie frei, ihre Stiefel aber blieben im Schlamm stecken. Grob schleifte Krimmel sie auf festeren Grund, wo er sie liegen ließ. Breitbeinig stellte er sich vor sie. Der Henker würde sie erwischen. Das war ihm mit einem Mal klar. Aber er sah nicht ein, dass sie beide dem Sauhund in die Hände fallen sollten.
Unbewegt sah er zu, wie sich Katharina mühsam auf die nackten Füße quälte. Das war nicht mehr seine anmutige Schwester, das Allermannsliebchen mit lockenden Lippen und lockendem Leib. Das da im dürftigen Mondlicht war nur noch ein schmutziges Weibsstück mit zerzaustem Haar und Fetzen am Körper, die einst ein Hemd, Mieder und ein langer Rock gewesen waren. Hier also trennen sich unsere Wege, geht jeder seinem eigenen Schicksal entgegen, dachte er gleichmütig. Vielleicht schaffte sie es ja, und der Dreckskerl von Henker entdeckte sie nicht zwischen Binsen und Ried. »Los, Trine, versteck dich am Fluss!«, befahl er.
Katharina gehorchte und ging taumelnd hinein ins Schilf, aus dem er bald ihr Schluchzen hörte. Er aber schlich so geräuschlos wie möglich in die andere Richtung. Immer tiefer schob er sich in den Uferbewuchs, bis er bis zu den Waden versank, und kauerte sich nieder. Nur wenige Schritte von ihm entfernt donnerte der angeschwollene Fluss vorbei. Er kniff die Augen zusammen, in denen Schweiß und Dreck brannten, und versuchte, ruhiger zu atmen. Kaum spürte er die schlammige Nässe durch die Hose kriechen, da konnte er durch die geschlossenen Lider auch schon den Widerschein von Fackellicht wahrnehmen. Der Hund von Henker war da!
Gewaltsam brach Schilfrohr. Ihr Jäger arbeitete sich mit aller Kraft durch die Wildnis am Neckar, um seine Beute ja nicht entkommen zu lassen. Krimmel drückte sich noch tiefer in den weichen Grund, bis die Schmerzen wie Feuer über seinen gekrümmten Rücken heraufjagten. Er hörte den keuchenden Atem des Scharfrichters und öffnete die Augen einen Spaltbreit. Der Teufel war so nahe hinter den hohen Binsen, dass er ihn mit einem Sprung hätte erreichen können, wenn er sich ihm Mann gegen Mann hätte stellen wollen. Aber das hatte er ohnehin nicht vor bei diesem Riesen, der ihm mit einer seiner Pranken den Hals hätte zerquetschen können.
Als die Fackel gefährlich nahe an ihm vorbeigetragen wurde, brach Krimmel erneut der Schweiß aus. Blut lief ihm von der Unterlippe, die er vor Anspannung zerbissen hatte. Aber dann entfernte sich die zuckende Flamme immer weiter in die Nacht und mit ihr das Brechen von Röhricht. Langsam ließ Krimmel den angehaltenen Atem entweichen, der ihm die Brust zerreißen wollte, fluchte innerlich und ballte die Hände zu Fäusten. Bei allen Teufeln, der Tod hatte ihm seine höllische Fratze gezeigt, aber nicht die Klauen nach ihm ausgestreckt. Erschöpft, aber zuversichtlich legte er sich auf den schlammigen Boden, damit die Schmerzen in seinem gekrümmten Körper endlich nachließen.
Katharina hatte sich derweil immer weiter durch den Uferbewuchs bis zum Neckar durchgequält. Warme Flüssigkeit rann ihr von den Händen. Es war ihr Blut, das zu dem des toten Pfeffersacks hinzukam, wenn sie sich übers Gesicht wischte. Die Schläge ihres Bruders hatten sie halb betäubt. Die Nässe hatte die Fetzen ihres Rocks schwer gemacht. Obwohl sie zitterte, spürte sie die Kälte nicht mehr. Immer wieder strich sie sich das lange Haar aus dem Gesicht, als würde sie dadurch in dieser tiefschwarz gewordenen Nacht endlich etwas sehen können.
Eine namenlose Angst trieb sie vorwärts und ließ sie die Schmerzen im Körper vergessen. Einmal aber durchfuhr sie ein einziger klarer Gedanke, der auch nur Grauen für sie bedeutete: Der Henker jagt mich, und wenn ich ihm in die Hände falle, werde ich auf grausamste Weise mein Ende auf dem Rad oder am Galgen finden! Mit letzter Kraft brach sie durch zum dröhnend rauschenden Fluss. Ihr nächster Schritt ließ sie bis über die Waden in eisiges Wasser eintauchen. Keuchend rang sie nach Luft.
Ausläufer schwerer Wogen schleuderten schäumendes Wasser gegen sie und durchnässten sie bis auf die Haut. Jäh wurde ihr bewusst, dass sie verloren war. Hinter ihr war der Scharfrichter, und im Neckar wartete der Tod. Ihr kurzes, frevelhaftes Leben war vorbei. Da war ein Ruf hinter ihr und ein Fetzen an Helligkeit, als ein gewaltiges Donnern auf sie zurollte. Es war der Fluss mit einer seiner mächtigen Wellen, der weit über die Ufer hinausschoss. Verzweifelt schlug Katharina die Hände vors Gesicht und schrie all ihre Angst und Qual in die Nacht. Dann riss der Fluss sie mit sich fort.
Krimmel hörte diesen entsetzlichen Schrei weit vor sich, der ihn, obwohl er ein gewissenloser Schurke war, für einen Lidschlag erstarren ließ. Er hielt den Atem an, als erwarte er einen weiteren Schrei, aber dann legte sich eine Stille über die mondlos gewordene Nacht und den Neckar, die nichts Gutes an sich hatte.
Einige Tage verkroch sich Krimmel vorsichtshalber und blieb wie ein Schatten in den Wäldern nahe Tübingen und bei seinem Karren am Fluss, bis die ausgeschwärmten Büttel die Suche nach einem Mordbuben aufgaben, dessen Gesicht sie gar nicht kannten. Obwohl er gefahrlos hätte davonkommen können, musste er wissen, ob Katharina dem Henker entkommen war. Ihr Schrei hatte zwar nach Verderben geklungen, aber wenn der Scharfrichter sie erwischt und ihr nicht gleich den Garaus gemacht hatte, würde er es in Erfahrung bringen. In den Gassen der Stadt wussten die Leute, wer im Kerker faulte und bald an den Galgen kam.
Wenn Katharina gar davongekommen war, harrte sie vielleicht im Versteck im Badhaus aus oder suchte inzwischen auf den Märkten nach ihm. Und sie konnte es sogar gefahrlos tun. Meister Hans war zwar Zeuge ihrer Mordtat in der Nacht gewesen, hatte aber nicht ihre Gesichter gesehen. Lediglich einen Mann und eine Frau, wie es tausend andere Männer und Frauen in Tübingen gab. Wie es genügend Lumpenkerle und Huren in den nächtlichen Gassen der Stadt gab, die sich, auch ohne Meuchler sein zu müssen, vor dem Scharfrichter davonmachen würden.
Endlich, als Krimmel schon glaubte, es gäbe keine Sonne mehr, kam sie blass und zögernd wieder hinter helleren Wolken hervor. In der Absicht, mit den ersten Bauern und Händlern durch das große Tor in die Stadt zu kommen, hatte er sich wie einer, der es gewohnt war, übers Land zu wandern, einen massiven Ast als Wanderstock zurechtgeschnitzt und ein gut gefülltes Bündel geschultert. Unter der breiten Kappe, die er weit in die Stirn geschoben hatte, waren seine Augen nicht zu sehen.
Mit ausholenden Schritten ging Krimmel am Fluss entlang, der von einem dunklen Grün war und an manchen Stellen weit über die Ufer getreten. In der Ferne sah er Fuhrwerke und Buckelkorbhändler über die Handelsstraße auf die Stadt zukommen. Nach der nächsten Biegung kniff er misstrauisch die Augen zusammen. An der Uferböschung stand eine Gruppe Bauern beieinander. Als er näher kam, hörte er ihre aufgeregten Stimmen. Eine darunter kam ihm auf düstere Weise bekannt vor, und argwöhnisch verharrte er in einigem Abstand hinter den Männern.
Als diese plötzlich auseinandertraten, erkannte er zwischen ihnen auf der Erde kniend den Henker. Den Riesen im blutroten Gewand mit der Hahnenfeder am Hut. Jäh packte Krimmel der Hass, und er musste sich auf die verkrusteten Lippen beißen, um nicht loszubrüllen. Als wäre er ein weiterer neugieriger Gaffer, kam er näher und stellte sich hinter einen Bauern, der kleiner als er war, um über dessen Schulter spähen zu können. Im selben Moment richtete sich der Scharfrichter auf, und sein Gewand erschien Krimmel wie hochleckende Feuerzungen.
Der Hüne hielt etwas in den Armen, das Krimmel auf den ersten Blick nicht erkennen konnte. Dann aber starrte er fassungslos auf einen schlammverdreckten, unförmigen Körper. Nicht alles Haar am wachsbleichen Schädel war dunkel von getrockneter Erde; einige der langen Flechten hingen blond über des Henkers Arm herab. Das Gesicht war unkenntlich, war von Ratten zerfressen. Von Rock und Hemd waren nur Fetzen geblieben. Wind und Wetter und Ungeziefer hatten es zu dem gemacht, was kaum noch die Blöße der Frau bedeckte.
Es geschah zwar selten genug in seinem verkommenen Leben, aber ein Schauder ergriff Krimmel bei diesem Anblick. Als er den Scharfrichter unmenschlich brüllen und den Namen seiner Tochter herausschreien hörte, erfüllte ihn das mit böser Genugtuung. Hass paarte sich mit Hohn, und mit aller Gewalt erstickte er ein teuflisches Auflachen in der Armbeuge. Der Henker drückte den Körper der Toten immer wieder an sich; dieses aufgedunsene, wächserne Fleisch. Er brüllte wie ein Tier, das geschlachtet werden sollte, brüllte, dass ihm der Herrgott nach seinem kürzlich verstorbenen Weib nun auch die Tochter genommen hätte.
Wie einer, den der Wahn gepackt hatte, wollte der Rotgewandete plötzlich fort. Rasch machten ihm die Bauern Platz, um nicht mit ihm, dem Unreinen, in Berührung zu kommen oder diesem zerschlagenen Körper in seinen Armen. Als der Henker an Krimmel vorbeikam, starrte dieser selbst wie ein vom Wahn Gepackter auf den klumpigen Fuß der Toten. Die schwammige Haut war nicht überall von getrockneter Erde überzogen. Am Knöchel war sie frei geblieben; gerade dort, wo sich aneinandergereihte Leberflecken bis zur Sohle hinabzogen.
Krimmel schaffte es nicht völlig, ein tiefes Ächzen zu unterdrücken, aber der Scharfrichter schien es nicht gehört zu haben. Ihm war es, als müsste er würgen, als läge ihm die Zunge wie faulendes Fleisch im Mund. Er wusste, was er gesehen hatte: Die Tote war nie und nimmer die Henkerstochter, die Tote war seine Schwester Katharina! In Krimmels Kopf dröhnte es. Er kannte die Henkerstochter und wusste, dass sie und Katharina sich ähnlich sahen. Beide hatten blondes, langes Haar, waren schlank, und besaßen ein blassblaues Kleid.
Krimmel graute es wieder, dann aber lachte er leise. Meister Hans ist ein verdammter Schwachkopf, dachte er. Brachte eine tote Hure heim statt seiner eigenen unreinen Brut. Er ballte die Hände zu Fäusten. Katharina war also tot, hatte sich endgültig aus dem Staub gemacht. Mit vor Zorn brennenden Augen beobachtete er, wie die Bauern langsam auf ihre Felder zurückkehrten und der Henker mit seiner verwesenden Last um die nächste Wegbiegung verschwand.
Was war am Neckar geschehen, als er Katharinas entsetzlichen Schrei vernommen hatte? Hatte dieser Hüne sie erwischt und sogleich wie eine Ratte im Fluss ersäuft, oder war sie auf der Flucht vor ihm im reißenden Wasser umgekommen? In seinem Schädel hämmerte es wie in einer Schmiede. In der Tat galt auch die Henkerstochter als verschwunden. Seit mehr als einer Woche war sie nicht mehr gesehen worden, und der verachtete Vater hatte in den Schenken, in den verruchten Vierteln und sogar in den Frauenhäusern nach ihr gesucht.
Hinter seinem Rücken hatte man gespottet, dass das schöne Weibsstück nach einer Liebesnacht mit einem reichen Buhlen von diesem weggeworfen worden war. Und manches der Lästermäuler hatte auch gemeint, dass sich die Henkersdirne vielleicht gar in ihren vornehmen Liebhaber verguckt und sich mehr für sich erhofft hatte. Da konnte es schon sein, dass sie mit gebrochenem Herzen ins Wasser gegangen war.
Krimmel fand aus seinen Gedanken zurück an den Fluss, wo er jetzt alleine stand und mit den Stiefeln im Dreck rieb. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund und spuckte aus. Mochte dieser Teufel von Scharfrichter auch glauben, mit der Toten seine Tochter aus dem Wasser gezogen zu haben, er, Krimmel, wusste es jedenfalls besser! Dennoch blieb eine Unruhe, die er sich nicht erklären konnte, und ein innerer Zwang trieb ihn dazu, dem Henker auf den Gottesacker zu folgen.
An der Friedhofsmauer verbarg er sich dort, wo ein vom Blitz gefällter Baum eine Bresche in die Steinmauer geschlagen hatte. Mit brennenden Augen glotzte er durch den breiten Durchschlupf und beobachtete, wie Meister Hans über den Leichenacker ganz nach hinten ging, wo die Unreinen und Gesetzlosen, die Selbstmörder und die Kindlein, die vor der Taufe gestorben waren, in unheiliger Erde verscharrt wurden.
Der Scharfrichter ließ sich Zeit, als könnte er sich von dem einzigen Balg, das ihm sein Weib geboren hatte, nicht trennen.
Ohne jegliche Regung stand er neben dem Bündel, das einmal ein lebendiger Mensch gewesen war, und starrte in die heraufziehende Dämmerung. Irgendwann, als Krimmel übellaunig spürte, wie sich wieder Schmerzen in seinem gekrümmten Rücken breitmachten, verschwand der Henker, um bald darauf mit einer Schaufel zurückzukehren und ein Loch auszuheben. Mit einer Zärtlichkeit, die ihm Krimmel niemals zugetraut hätte, legte der Riese schließlich die Tote hinein und bedeckte sie mit Erde.
Noch einmal verließ der Henker den Friedhof, um nach kurzer Zeit mit einer Handvoll Blumen zurückzukehren und sie auf den frischen Hügel zu legen. Eine Weile verharrte er, den Blick nach unten gerichtet, ehe er sich endgültig entfernte und Krimmel in seinem Rücken durch die Mauernische schlüpfte. Lautlos schlich der Schurke über den Leichenacker, kniete sich neben das frische Grab und begann, mit bloßen Händen die Erde fortzuschaufeln.
Als er auf den Körper stieß, tasteten sich seine Finger bis zum linken Bein vor. Entschlossen zog er es aus dem Hügel und hielt es so, dass er im letzten Licht der Dämmerung auf den Fuß sehen konnte. Von Erde bedeckt, konnte er nicht viel erkennen, und so spuckte er kräftig auf die Stelle zwischen Knöchel und Sohle und rieb ein paar Mal mit dem Ärmel seines Hemdes darüber. Endlich konnte er die kleinen rundlichen Leberflecke sehen und spürte sie auch deutlich unter seinen Fingerkuppen.
Es waren eindeutig die Muttermale der kleinen Dirne, die ihm zu einem ganz einträglichen Dasein verholfen hatte. Katharina! Sie hatte ihm nicht viel bedeutet, aber immerhin war in ihrem Leib dasselbe Blut geflossen, wie es noch in seinem floss. Und dass sie jetzt tot war, verdankte sie dem Dreckskerl von Henker. Unwillkürlich griff Krimmel nach seinem Messer. Die Klinge blitzte auf. Eines Tages würde der Scharfrichter von Tübingen dafür büßen, schwor er sich und packte die Waffe so, als würde er jeden Moment zustoßen wollen.
Die Schneeschmelze in den Bergen hatte den Lech reißend gemacht. In den vielen Kanälen, in denen er im Handwerkerviertel zu den Mühlen geführt wurde, gebärdete er sich wie ein zorniges Geschöpf. Am mittleren Lech an der Kresslesmühle warf er sich schäumend gegen das gewaltige Mühlrad und ließ das Holz schwer ächzen. Das Mühlrad stand still, wie selten im Jahr, stand still wie all die anderen Mühlen, deren große Wasserräder sich sonst Tag und Nacht drehten. Aber an solch hohen Festtagen wie dem Ostersonntag wurde nicht gearbeitet.
Auch die Hammerwerke schwiegen, und in den Schmieden, Schlossereien und Schleifmühlen brannte nur ein stilles Feuer in den Essen. Der Lech stank weniger als sonst und behielt seine dunkelgrüne Farbe, die er aus den Bergen mitbrachte, weil weder die Färber die Auswaschungen der behandelten Stoffe oder scharfe Beize noch die Gerber Tierhaar, Fette und faulendes Fleisch in ihn kippten. Selbst Kadaver wurden weniger angeschwemmt, schien es Amelinde, als sie von einer Brücke aufs schnell vorbeijagende Wasser sah.
Von der Barfüßerkirche und dem Kloster Maria Stern erhob sich Glockengeläut, und wie zur ersten Messe jagte es Amelinde, der Tochter des Geschützgießermeisters Simpert Gessel, Schauer über den Rücken. Seit Gründonnerstag hatten die Glocken geschwiegen, aber am kalten, klaren Ostermorgen waren sie wie ein Sturm über die Stadt gekommen. Jauchzend hell oder schwer wie Donner über den Dächern und in den Gassen hatten sie mit aller Macht davon gekündet, dass der Sohn Gottes den Tod überwunden hatte. Jesu Christ war auferstanden!
Amelindes Füße flogen über das Pflaster. In einer Hand hielt sie einen Osterbuschen für ihre Freundin Marie, in der anderen einen Korb mit in der Messe geweihten, rot und grün bemalten Eiern. Amelindes Herz schlug heftig. Nicht nur in der wohlhabenden Oberstadt der Patrizier und Bürger, auch hier unten im Lechviertel, dem Viertel der Handwerker und einfachen Leute, war das Fest des Lebens angebrochen und mit ihm Freude und Hoffnung.
Amelinde nahm den vertrauten Weg an einem der Lechkanäle und mehrgeschossigen Handwerkerhäusern mit ihren nackten, schäbigen Fassaden vorbei. Vor manchen Haustüren standen mit bunten Bändern umwickelte und mit gefärbten Eiern geschmückte Osterbäumchen. Schleifen daran tanzten im leichten Wind. Hühner, die in Stroh und Dung mitten auf der Gasse scharrten, liefen gackernd auseinander, als Amelinde sie übermütig vor sich herzujagen begann. Entlang der alten Befestigung kamen ihr ein paar Frauen mit Wassereimern vom Brunnen entgegen und erwiderten ihren Gruß. Vorfreude packte Amelinde, ließ sie schneller laufen. Bis zu Maries Haus war es nicht mehr weit.
Plötzlich erscholl Lärm aus der Schleifergasse, und kurz darauf stürzten Stadtknechte um die Biegung. Einer der Büttel rannte mit nach vorne gestreckter Hellebarde direkt auf Amelinde zu. Entsetzt stockte sie, wollte aufschreien, aber der Schreck lähmte ihre Zunge. Da war der Stadtknecht schon heran und schob sie mit dem Schaft der Hellebarde grob gegen die nächste Hausmauer. Als sie Schreie hörte, riss Amelinde unweigerlich den Kopf zur Seite. Auch die anderen Frauen waren an die Hausmauern gedrängt worden, um den Weg frei zu machen. Aus den fallen gelassenen Eimern sickerte das Wasser in den Unrat auf der Gasse.
Der Büttel hatte sich so hingestellt, dass er zur Schleifergasse sehen konnte. Sein Kopf aber fuhr immer wieder herum, um Amelinde hinter sich schamlos anzuglotzen. Eine Jungfer mit hüftlangem schwarzem Haar und weißen Bändern darin. Das auffallend hübsche Gesicht war von keiner Narbe entstellt. Auch die Nase war nicht krumm. In den braunen Augen stand Verwirrung, der Mund mit seinen vollen Lippen aber war trotzig verzogen.
»Was soll das, lass mich sofort gehen!« Mit aller Kraft stemmte sich Amelinde gegen den Spieß, aber augenblicklich verstärkte der Büttel seinen Griff. Sein massiger Schädel fuhr herum.
»Halt still, Weibsbild, die Sach’ geht dich nix an.« Funkelnd jagten seine Äuglein zwischen fetten Lidern über ihr Gesicht und ihre Brüste hinterm Mieder. Er stank nach Schweiß und anderen Ausdünstungen. So nah bei ihr, dass sie deutlich die bräunlichen Flecken an Wams und Hose ausmachen konnte, würgte es sie.
Zum Glück wurde sie abgelenkt, aber auch der Häscher, dessen Kopf wieder zur Gasse hinruckte, weil im selben Moment weitere Stadtknechte aus der Schleifergasse kamen und zwischen ihnen ein schier unaufhörlicher Strom an Männern und Frauen. Ein Raunen innig gesprochener Gebete hing über ihnen. Fassungslos starrte Amelinde auf die wogende Masse aneinandergedrängter Leiber. Das Brüllen der Wächter und der Einsatz der Hellebarden trieben die Leute mitleidslos voran. Das Laufen und Hämmern der unzähligen Schuhe auf dem Pflaster schwoll an. Es klang unheilvoll und schaurig.
Amelindes Herz raste. Was würde mit all diesen Menschen geschehen? Was hatten sie denn für ein Unrecht getan, dass sie heute am Ostersonntag verhaftet und in die Eisen gebracht wurden? Amelinde packte das Grauen. Ein paar der Frauen weinten. Manch eine konnte nicht Schritt halten und bekam mit dem Schaft der Hellebarde einen Stoß in den Rücken. Der Zug ging rasch dahin zwischen den Häschern mit ihren geputzten Helmen, den blitzenden Spießen und den Wämsern und Hosen in den Stadtfarben Rot, Grün und Weiß.
Ungläubig erkannte Amelinde die Frau des bekannten Bildhauers Hans Daucher unter ihnen. Fassungslosigkeit stand in Susanna Dauchers schönem Gesicht und eine entsetzliche Mühe, in ihrem schwangeren Zustand mit den anderen Schritt halten zu können. Und da war auch der Leupold Hans, seines Zeichens Schneider, von dem Amelindes Vater sich für die Zunftversammlung ein prächtiges Gewand hatte anfertigen lassen.
Amelinde hatte den Schaft der Hellebarde gepackt und nicht mehr losgelassen. Mit aller Kraft pressten sich ihre Finger darum. »Was haben sie denn gemacht?«, fragte sie rau. Ihr Mund war vollkommen trocken.
»Teufelspack sind’s«, spie der Büttel vor ihr aus. »Zur Sekte der Wiedertäufer gehören’s.«
Amelinde war, als habe man ihr einen furchtbaren Schlag versetzt. Wiedertäufer? Von denen hatte sie schon gehört, und auch dass der Rat sie in der Stadt nimmer dulden wollte. Schon im letzten Jahr hatte es einen Erlass gegeben, dass sie ihren unseligen Glauben nicht mehr ausüben und sich nicht mehr versammeln durften.
»Zeit ist’s g’worden, die Sektenbrut einzuholen. Im Haus des Dauchers waren’s alle, um ihren teuflischen Riten nachzugehen.« Der Büttel grunzte und spuckte aus. »Aber jetzt … jetzt müssen’s vor den Hohen Rat.«
Als die Marie kam, mitten unter den herrisch vorangetriebenen Menschen, inmitten von Weinen und Wimmern, von Gebeten und angsterfüllten Schreien, bohrte sich eine schmerzhafte Faust in Amelindes Leib. Die Luft blieb ihr weg. Ungläubig riss sie die Augen auf und biss sich so fest auf die Unterlippe, dass sie Blut schmeckte. Gequält ächzte sie.
»Hast etwa Mitleid mit dem Pack, oder bist gar selbst eine von denen?«, fuhr der Stadtknecht sie misstrauisch an. Rasch drängte er sie stärker gegen die Mauer in ihrem Rücken.
»Nein, um Gottes willen nein!« Wild schüttelte Amelinde den Kopf. Immer und immer wieder. Sie schrie, schrie erneut ein Nein heraus, bevor ihr die unfassliche Entdeckung um Maries verborgen gehaltenen Glauben das Herz zerriss. Marie eine Wiedertäuferin!, hämmerte es in ihrem Kopf. Vor Enttäuschung und Wut schossen ihr Tränen in die Augen. Sie starrte auf ihre Freundin, die im Strom der Gefangenen an ihr vorübergetrieben wurde.
Amelinde erkannte, wie Marie nach oben sah, wie ihre großen, klaren Augen den Himmel nicht mehr losließen, während sie sich an einem Mann an ihrer Seite festklammerte, den Amelinde nicht kannte. Strähnen von Maries Haar hatten sich unter der weißen Haube hervorgeschoben und schimmerten goldblond. Ihr Gesicht aber war totenbleich.
Die Menschen waren vorbei, das Hämmern der unzähligen Schuhe fast schlagartig verklungen. Ihnen folgten in drückender Enge ein paar Stadtknechte. Der Büttel, der Amelinde immer noch mit seiner Hellebarde zurückhielt, warf einen letzten anstößigen Blick auf sie. »Vielleicht sieht man sich ja wieder, Täuble.« Er leckte sich über die Lippen und grinste ihr mit einem Mund voll brauner Zahnstummel zu. Dann riss er den Spieß hoch und rannte hinter seinen Kumpanen her.
Amelinde lehnte wie betäubt an der kalten Mauer. Die Frauen in der Nähe griffen nach ihren im Unrat liegenden Eimern. Einige gingen zum Brunnen zurück, andere blieben und schwatzten aufgeregt mit denjenigen, die aus den umliegenden Häusern gekommen waren. Die Leute waren durcheinander. Ein paar Männer schimpften derb. Wer hätte auch ahnen können, dass einige der fleißigen, rechtschaffenen Handwerker in der Nachbarschaft diesen Ketzern angehörten, und gar die sittsame Susanna Daucher. Manch einer auf der Gasse bekreuzigte sich. Ganz so, als sei man größter Gefahr entronnen.
Amelinde war übel. Sie hatte die Hand auf den Mund gepresst und sich das Blut von der Lippe gewischt. Obgleich ihr eiskalt war, glühte ihr Gesicht. Sie fühlte sich verraten und wund, als wäre ein Stück zuckendes Fleisch aus ihrem Herzen gerissen worden. Marie eine Wiedertäuferin! Mühsam schluckte sie. Das hatte sie nicht gewusst. Grob zwängte sie sich durch die Leute auf der Gasse, die nicht Platz machen wollten. Wüst schimpfte man hinter ihr her, aber das war ihr gleich. Sie wollte nur endlich fort.
Mit dem geknickten Osterbuschen in der Hand kehrte Amelinde in die Geschützgießerei am Katzenstadel zurück. Ihr Gesicht brannte vom schnellen Laufen. Ihre Brust schmerzte. Sie rang nach Luft. Die Stille über der Gießerei war gespenstisch. Im größten Gebäude auf dem weiten Gelände, in der Geschützgießerei, schlugen keine schweren Hämmer bei den Essen. Kein Rumoren der an Ketten herabgesenkten Kanonen ließ das Pflaster im Hof oder die Böden in den Hallen erbeben. Die gewaltigen, verrußten Öfen schwiegen. Da war keine Höllenglut in ihnen, und stieg kein schwarzer Rauch auf, der sich auf die Häuser, die Gärten, die Gassen und die Menschen und Tiere im Viertel legte. Es schien so friedlich hier in der Oberstadt weit hinter der Domkirche und weit weg vom Lechviertel und der Schleifergasse.
Einige der Gesellen und Lehrbuben ihres Vaters kamen Amelinde im Hof entgegen. Alle im besten Gewand, das sie fürs Osterfest gewaschen hatten. An manchen Stellen allerdings war der Stoff dünn geworden, und Haut schimmerte durch. Spät waren sie dran, um mit ihren Familien zu feiern, aber stille Vorfreude lag in den Mienen der Männer und Burschen. Ohne Ruß und Schmutz erschienen sie Amelinde alle gleich. Alle jungenhaft mit ihren rosigen, beinahe wund gescheuerten Gesichtern.
»Hast du den Meister gesehen?«, rief Amelinde den ersten der Gesellen an.
Der deutete mit dem Kopf hinüber zum Wohnhaus. »In der Stube ist er mit den anderen.«
Amelinde ließ ihn ohne ein weiteres Wort stehen und lief zu dem großen, mehrgeschossigen Haus, an dem die schwere Holztür halb offen stand. Stimmengemurmel drang heraus und munteres Lachen. Amelinde drückte die Tür vollends auf. Der Vater saß an der Stirnseite des langen Tisches und alle anderen um die üppig gedeckte Tafel herum. Die anderen, das waren die Gießergesellen und Former, Heizer und Helfer und die Lehrjungen, von denen der jüngste dem Meister noch nicht mal bis zur Schulter reichte.
Geschützgießermeister Simpert Gessel war kein großer Mann, aber breitschultrig mit mächtigem Brustkorb, starken Armen und Beinen und einem wuchtigen Schädel. Sein Haar war wie die wilde Mähne eines Löwen, wenn auch grau geworden. Scharfe Falten hatten sich ihm durch eine Handvoll Schicksalsschläge ins Gesicht gegraben. Buschige Brauen schoben sich über energisch funkelnde Augen, denen allerdings ein zuversichtliches Leuchten geblieben war. Jetzt kam Übermut hinzu und die Wirkung des trüben, süßlichen Dünnbiers in dem mächtigen Humpen, den er vor sich stehen hatte.
Krüge mit Bier und Wein standen zur Genüge auf dem Tisch und gut gefüllte Becher vor jedem der Männer und Jungen, die das Osterfest in der Gießerei feiern würden. Zusammen mit dem Meister und seiner Tochter und der Elsbeth, der Magd, vor der sich selbst die gestandenen Männer der Gießerei in Sicherheit brachten, wenn sie böse wurde. Dann gerbte sie einem, wenn man nicht schnell genug weg war, mit dem Weidenbesen den Rücken, dass die Knochen knackten.
Auf der anderen Seite legte sie auch da entschlossen Hand an, wo es nötig war. Verletzungen im Gusshaus gab es zur Genüge. So sah sie auch Blut, rohes Fleisch oder üble Verbrennungen reichlich. Alles in allem war man sich einig, dass es ohne Elsbeths ruppige Behandlungsmethoden bei den Verbrennungen, Verstauchungen, Quetschungen und schweren Stößen gegen den Körper auch hätte übler ausgehen können.
Elsbeth brachte den riesigen Topf vom Feuer und stellte ihn vor dem Meister auf den Tisch. Über dem kochend heißen Eintopf duftete es in verlockenden Wölkchen nach Gemüse und fettem Speck. Endlich durften wieder Fleisch und Eier gegessen werden. Frisches Salbeibrot und Butter standen neben den Krügen. Pfannkuchen schimmerten goldgelb unter einem sauberen Leinen hervor, und neben ihnen Goldene Ritter aus süßem Brotbrei, Nüssen, Milch und Honig und anderen Leckereien.
»Vater«, rief Amelinde ernst. Ihr Gesicht glühte, ihre Augen funkelten. Simpert Gessels Kopf fuhr hoch, und er sah seine Tochter in der Tür stehen. Mit einem Blick erkannte er, dass etwas geschehen war.
»Im Lechviertel wurde eine große Schar Leute verhaftet«, stieß Amelinde erregt hervor. Sie sah zu ihrem Vater, dann zu Elsbeth.
»Verhaftet sagst?«, rief Simpert Gessel ungläubig. »Heute am Ostersonntag?« Er schüttelte den Kopf mit der Löwenmähne. In seinem guten Gewand, dem für die Zunftversammlungen, sah er würdevoll aus. Der eng anliegende strahlend weiße Kragen und das in korrekten Falten gehaltene Wams polsterten seinen ohnehin starken Oberkörper und verschafften ihm ungeheure Stattlichkeit. Die schwungvollen Tressen an den Ärmeln wirkten elegant, wenn auch am Gewand des Geschützgießermeisters etwas zu verspielt.
»Bald hundert Leute, Vater. Und die Büttel sagten, es wären Wiedertäufer.«
Amelinde kam zum Tisch und legte beide Hände auf die Platte, als müsste sie sich daran festhalten.
»Wiedertäufer?«, wiederholte Gessel überrascht.
Am Tisch wurden Stimmen laut. Bald redeten alle durcheinander, bis Gessel dröhnte: »Herrgott, seid ruhig, man versteht sein eigenes Wort nimmer!« Er schob Amelinde seinen Bierkrug hin. »Da, trink, bist blass wie der Tod.«
Amelinde hatte sich einen Schemel herangezogen. Ihr war schwindlig, und in ihrem Kopf hämmerte es, als hätte sie den ganzen Tag an kleinerem Stückgut gearbeitet. Obwohl sie Bier nicht mochte, nahm sie einen großen Schluck. Es tat gut, wie die süßliche Flüssigkeit durch ihre trockene Kehle rann.
»Der Leupold Hans war darunter und die Daucher Susanna«, sagte sie leise. Entschlossen trank sie nochmals vom Bier. Der weitere Name, der von Marie, wollte nicht mehr über ihre Lippen. Schon gar nicht, weil alle Augen auf sie gerichtet waren und es außer dem Vater und der Elsbeth niemanden was anging, dass ihre beste Freundin zu den verschrienen Teufeln gehörte.
Die Elsbeth unterdrückte einen Schrei, als sie die bekannten Namen hörte. »Die Daucher«, flüsterte sie und stellte, kreideweiß geworden, die Schüssel mit den Osterhörnlein weg. »Die trägt ihr drittes Kind unterm Herzen. Und mit dem winzigen Leben jetzt im kalten und nassen Kerker …« Sie brach abrupt ab.
»Sie lassen die Kinder nach der Geburt nicht taufen, sondern geben sie der Hölle anheim, wenn sie sterben«, brummte Simpert Gessel unwillig in seinen dichten Bart, als wollte er die Elsbeth darauf hinweisen, dass es dem Kind nach der Geburt nicht besser ginge als jetzt mit seiner Mutter in den Eisen. Wütend starrte er in die Runde.
»Wie ich gehört hab, warten sie mit der Taufe, bis sie groß sind. Dann können sie selbst entscheiden, ob sie den Glauben annehmen oder nicht«, mischte sich der Jackl ein. Der Blondschopf mit hitzigen Wangen und aufgeweckten Augen war der kleinste der Lehrjungen in der Gießerei. Das Fliegengewicht hatte sich mühelos zwischen zwei gestandenen Formern hindurchgequetscht, um mitreden zu können. Jetzt strahlte er, weil er was gewusst hatte.
Der Meister drehte sich ruckartig in seine Richtung. »Was soll der Unfug, Bub? Verboten sind’s, diese Ketzer. Der Rat hat nicht dulden können, dass sich diese Täufer keiner Obrigkeit mehr beugen wollen«, fuhr er mit lauter Stimme fort. »Was wäre, wenn der Rat die Leute zu den Waffen ruft, und ein jeder tät sich hinstellen wie die Täufer und die Arme vor der Brust verschränken und Maulaffen feilhalten. Und sagen, kämpfen täte man nicht mehr, weil es so in der Bibel steht«, murrte Gessel.
Alle in der Stube schwiegen, nur das Herdfeuer knackte leise in Elsbeths Rücken.
»Das weiß ich noch, wie die Büttel im letzten Jahr Tag und Nacht unterwegs waren, um die Ketzer zu erwischen. Nimmer auf die Gass’ hat man sich getraut, weil’s so unruhig g’worden ist«, rief einer der Heizer und machte eine wegwerfende Handbewegung.
»In den Gassen ist’s immer unruhig, vor allem wenn der Wilbrecht unterwegs ist. Da braucht man nicht die Täufer oder die Büttel dazu«, frotzelte einer der Former, und alle bis auf die beiden Frauen brachen in schallendes Gelächter aus.
Wilbrecht, der gemeint war, sagte nichts dazu. Der Gießergeselle lehnte bequem mit dem Rücken an der Wand. Ein paar Finger hatte er lässig hinter den breiten Gürtel um den Bauch gesteckt. Er war der größte von Gessels Leuten. Und er hatte die meiste Kraft. Konnte manches Geschütz alleine stemmen, wo andere zu zweit hinlangen mussten, um es nur anheben, geschweige denn an andere Stelle bringen zu können.
Und heute, wo alle ihre gute Kleidung trugen und sich sorgsam rasiert und gewaschen hatten, wo Haut und Haar nicht mehr von Ruß und Schmutz verklebt waren, sah man erst, wie gut der Wilbrecht aussah. Mit schwarzem gewelltem Haar, das bis auf die starken Schultern fiel, und vollständigen weißen Zähnen, die er mit jedem spöttischen Lächeln zeigte. Sein Gesicht besaß regelmäßige Züge, aber die Nase bog sich scharf nach unten wie bei einem Raubvogel.
»Na ja, Meister, die Täufer wollen halt ganz und gar nach der Bibel leben. Und da steht halt drin, was der Herrgott gesagt hat. Dass man einem anderen keinen Schaden zufügen soll«, sagte Wilbrecht ruhig. »Und das geht halt nicht, wenn die hohen Herren die Leute zu den Waffen rufen. Da bleiben Gewalt und Tod nicht aus. Aber wenn die hohen Herren, ob die vom Rat oder die kirchlichen Kuttenträger, anfangen, selbst streng nach der Bibel zu leben, haben sie bald keine Macht mehr über die kleinen Leute.« Ein feines Lächeln spielte um Wilbrechts Lippen, als wisse er nur zu gut, wie anrüchig das Gesagte war.
»Ein böses Mundwerk hast, Veit«, knurrte Simpert Gessel und sah ihn dabei durchdringend an. »Manchmal wundere ich mich, dass du überhaupt einen Glauben hast. Egal welchen.«
Wilbrecht blickte ihm gelassen entgegen.
»Aber gut bist an den Öfen und beim Schmelzen und auch sonst, wo es beim Guss drauf ankommt.« Die kurz einsetzende Stille wog schwer. Gessel lächelte spöttisch. »Dumm bist auch nicht. Verstehst schon, was da abgeht im Rathaus und den Kirchen.«
»Ist nicht der Pfeiler auch einer, der nichts mit der Obrigkeit zu tun haben will und in keine Mess’ geht und der die Kanonen und Katzen im Gusshaus immer anschaut, als wären es Teufel, die die Höll’ ausg’spuckt hat?«, fragte der Beck misstrauisch. »Meinst nicht, Meister, dass des ein Wiedertäufer ist?« Der Beck war ein gedrungener Kerl, der sich nachts den Weg zur Gießerei zurück mühelos freiprügelte, wenn es sein musste. Mochte er auch die Kraft eines Wilbrecht haben, aber dessen Verstand hatte er beileibe nicht.
Mit einem einzigen gewaltigen Schluck leerte der Geschützgießermeister den Humpen, erhob sich und begann zu schnauben, als würde ihm die Luft knapp. »Der ist kein Wiedertäufer!«, bellte Gessel, der gerade in der rechten Stimmung war und dem die Wut langsam das Blut unter der Haut dunkel machte. Mit einem Satz war er beim Beck und packte ihn am Hemd. »Du Depp, der Pfeiler ist kein Täufer, der ist ein verdammter Katholik, der dabei war, als sein Bruder unter eine der Kanonen geriet.«
Er zog Beck näher am Hemd zu seinem grimmigen Gesicht heran. »Die Ketten an der Hebevorrichtung der Metze hatten sich gelöst, und der Pfeiler Elias war der Einzige, der unter der Kanone nicht mehr wegkam.« Durchbohrend wanderte sein Blick über alle am Tisch. »Falls irgendeiner hier glaubt, dass der Pfeiler Josef ein Wiedertäufer ist, dem sei gesagt, dass der das Pflaster noch in der dreckigsten Gasse als geheiligten Boden ansieht, wenn vorher ein Kuttenträger aus der Bischofsstadt drüber gegangen ist.«
Der Beck war merklich blass geworden so nah am Meister und der wenigen Luft, die der ihm ließ.
»Falls sich noch einmal einer von euch das Maul über den Josef zerreißt …«, knurrte Gessel dem Beck ins Gesicht, meinte aber auch alle anderen rund um den Tisch, »wird er mich kennenlernen.«
Böse funkelnd betrachtete er der Reihe nach seine Leute aus der Gießerei. Im Weiß seiner Augen wurden die roten Adern deutlich. »Und noch eins: Wenn ich auch nur einen Einzigen unter euch erwische, der zu diesen Wiedertäufern gehört, den röste ich höchstselbst auf dem Eisen.«
Der Elsbeth reichte es. Krachend stellte sie die kalt gewordenen Hörnlein auf den Tisch und füllte gleich darauf mit solchem Schwung den leeren Humpen des Meisters, dass das kostbare Bier schäumend überlief.
»Zum Donner, was soll das, Elsbeth?«, wetterte Gessel, aber Elsbeth funkelte ihn zornig an.
»Ostern ist, und es soll g’feiert werden und nicht gebrüllt wie a Ochs!«
Unterdrücktes Gelächter stieg auf, und nur der Jackl lachte laut schallend. Gessel fuhr herum und sah ihn scharf an. Man sah deutlich, wie er einen Fluch hinunterschluckte. Endlich aber ging er zu seinem Hocker und ließ sich schwer darauf fallen. Übellaunig langte er nach dem Humpen.
Elsbeth nutzte den Augenblick und beugte sich zu Amelinde. »Draußen ist es besser für dich«, flüsterte sie, aber Simpert Gessel hatte es trotzdem gehört. Mochte er auch herumbrüllen oder ungeschlacht die Luft zertrampeln, seine Tochter war sein Augenstern, über den sich kein Schatten legen durfte.
Argwöhnisch betrachtete er Amelinde, die immer noch bleich war. Entschlossen stemmte er sich wieder hoch und packte sie am Arm. »Komm mit!«
Vor einer der verschlossenen Werkstätten im Hof blieb Gessel stehen. Das Gelände lag verlassen, nur ein kalter Wind jagte über die Mauern. Amelinde zog sich das Tuch enger um die Schultern.
»Kruzitürken, was ist noch passiert?«, grollte Simpert Gessel, obwohl es ihm schier die Kehle abschnürte, weil er seine Tochter so elend sah.
Amelinde stieß den Atem aus, als hätte sie ihn seit Langem angehalten. »Die Marie haben sie auch verhaftet.«
»Die Marie?«, presste Gessel heiser hervor. Fassungslos fuhr er sich mit einer der gewaltigen Hände durch seine graue Mähne.
»Sie hat mir nie was gesagt, Vater.« Amelinde krallte ihre Hände in seinen Arm. »Ich wusste nicht, dass sie zu den Wiedertäufern gehört. Die Marie und der Josef haben die Kinder doch taufen lassen.«
