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Marwa arbeitet am opulenten Hof des Sonnenkönigs als Dienstmagd und träumt heimlich davon, eine berühmte Tänzerin zu werden. Seit einem folgenschweren Unfall leidet sie allerdings bereits bei der geringsten Anstrengung unter schrecklichen Schmerzen im Herzen. Es ist ihr nur unter großen Mühen möglich, weiterhin ihre Arbeit als Dienstmagd zu verrichten. An einem besonders kräftezehrenden Tag sucht sie in einem der für sie verbotenen Palastsäle Ruhe und wird ausgerechnet vom König ertappt. Dieser erkennt ihre kritische Situation und erklärt sich trotz ihres Regelbruchs bereit, Marwa zu helfen. Wie ein Wunder lässt er ihre Schmerzen verschwinden. Dabei ahnt Marwa nicht, dass er ein finsteres Geheimnis hütet.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2026
Copyright © 2026 by
Lektorat: Maya Shepherd
Korrektorat: Lillith Korn
Layout Ebook: Stephan Bellem
Buchsatz: Elisabeth Kirchharz & Astrid Behrendt
Umschlag- und Farbschnittdesign: Alexander Kopainski
Bildmaterial: Shutterstock & J.K. Bloom
Karte: J. K. Bloom
Druck: Booksfactory
ISBN 978-3-69130-111-3
Alle Rechte vorbehalten
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von §44b UrhG ausdrücklich vor.
Landkarte
Prolog
1. Schwäche
2. Zorn
3. Verkauf
4. Verdacht
5. Entführung
6. Täuschung
7. Qual
8. Unwissen
9. Ausritt
10. List
11. Flucht
12. Drohung
13. Wüste
14. Heimkehr
15. Nacktheit
16. Freund
17. Abschied
18. Trost
19. Aufmunterung
20. Abreise
21. Gefühlschaos
22. Einsamkeit
23. Wüstenmonster
24. Yesaal
25. Geschenk
26. Tanz
27. Wohlstand
28. Befreiung
29. Wahrheit
30. Rettung
31. Fügung
32. Fuchs
33. Sterne
34. Ubar
35. Tod
36. Wiedergeburt
37. Kampf
38. Ewigkeit
39. Abschied
40. Zuhause
41. Vergänglichkeit
42. Versprechen
Danksagung
Drachenpost
Lieber Leser, liebe Leserin,
dieses Buch ist ein dunkles Märchen, das eine Geschichte erzählt,
die keine Scheu vor Gewalt, Brutalität und Blut hat.
Zarte Herzen könnten die düsteren Stellen im Buch nicht verkraften,
da ich meistens dazu neige, sie detailliert zu beschreiben.
Sollte dir das nichts ausmachen,
wünsche ich dir ganz viel Spaß mit Marwa & Sol,
die dich märchenhaft verzaubern werden.
Alles Liebe
Deine Jaykay
Königin Sera Aives wurde an dem Morgen mit der Kunde überrascht, dass sie äußerst wichtigen Besuch aus dem Land Tenebra bekäme.
Ihr Mann war auf Reisen, demzufolge musste sie den Besucher empfangen. Sie wäre ja gerne mit ihm losgezogen, doch sie trug ein Kind unter dem Herzen, deshalb war es ihr nicht möglich, das Schloss zu verlassen.
Sie begrüßte den Neuankömmling im Empfangssaal. Ihr erster Gedanke war, dass es einer der zwei Brüder ihres Gatten sein könnte. Allerdings lag sie da falsch, wie sie beim Eintreten des Fremden erkannte.
Eine alte Frau, die gekrümmt an einem Stock ging, betrat den Raum. Sera hatte auf dem Thron Platz genommen, da sie die Vertretung des Königs war. Zwei Soldaten begleiteten die Greisin und blieben nur wenige Schritte vor ihr stehen.
Die Frau verneigte sich, so gut es ihr möglich war. »Meine Königin, verzeiht die Störung, aber ich habe Euch etwas Wichtiges zu überbringen.«
Sera legte den Kopf schief. »Dürfte ich Euren Namen erfahren, gute Frau?«
»Natürlich, verzeiht meine Manieren. Ich bin selten unter Menschen.«
Sera runzelte die Stirn. Sollte das bedeuten, dass sie ganz allein im Wald lebte? Jedenfalls ließen ihre Kluft aus Tierfellen und der Stock darauf schließen.
»Mein Name ist Jagoysha, aber andere, denen ich bekannt bin, nennen mich einfach nur Baba Jaga.«
Baba Jaga, wiederholte Sera gedanklich. Noch nie gehört.
»Nun gut, Baba Jaga, welch wichtige Nachrichten habt Ihr für mich?«, fragte Sera freundlich.
Die alte Frau griff in die Innenseite ihrer Kluft und zog eine unterarmgroße Schachtel aus Eichenholz hervor. »Ihr seid eine der mächtigsten Primagii, die ich kenne. Ich hoffe, dass Ihr mir mit Eurem Wissen weiterhelfen könnt. Ich habe auch schon den Orden gefragt, doch er weiß keinen Rat. Nun erbitte ich Euren.«
Sera sank das Kinn. »Ihr habt es vermutlich nicht mitbekommen, aber leider bin ich nicht fähig, Euch in der Kunst der Magie weiterzuhelfen.«
Die alte Dame seufzte. »Dann sind die Gerüchte also wahr.«
Sera nickte.
»Trotzdem würde ich gerne Euren Rat erbitten, wenn Ihr erlaubt.«
Sera sah zu der Schachtel und machte einen ihrer Soldaten mit einer Kopfbewegung auf den Gegenstand aufmerksam. Dieser nahm ihn an sich und überreichte ihn ihr. »Vielleicht sollten wir Qualis zurate ziehen, falls es sich –«
»Nicht nötig«, flüsterte Sera mit einem Lächeln. »Von dieser Schachtel geht keine böse Magie aus – auch kein Fluch, falls Ihr das befürchtet habt.« Sie spürte es dank ihres Blutes, das durch ihre Adern floss.
Da stellte sich der Soldat vor sie und verwehrte ihr die Sicht auf Baba Jaga. Er schob die Helmklappe nach oben. »Sera, ich meine das ernst. Val wird mich töten, wenn dort drinnen, irgendetwas –«, wisperte er.
Sera war verwundert, da sie den treusten Freund ihres Gatten zuerst nicht erkannt hatte. Allerdings hörte sich für sie unter den Helmen jeder der Soldaten gleich an. Sie hob einen Mundwinkel. »Beruhige dich, Konstantin. Dort ist nichts Gefährliches drin.«
Er atmete tief ein und wirkte immer noch nicht begeistert. »Bitte. Denk an dich und … das Kind.«
Sera verdrehte die Augen und öffnete im selben Moment die Schachtel. Sie bemerkte im Augenwinkel, wie Konstantins Hand zum Griff seines Schwertes zuckte. Allerdings würde ihm eine Klinge nicht viel nützen, wenn es sich tatsächlich um mächtige Magie handelte.
Zum Glück hatten sie nichts zu befürchten, denn in der Schachtel befand sich bloß ein zerbrochener Handspiegel. Sera blinzelte und bat Konstantin mit einer Handbewegung, zur Seite zu treten.
Er tat, wie ihm befohlen.
Die Königin visierte Baba Jaga an. »Erklärt Ihr mir, was es mit dem Spiegel auf sich hat?«
»In ihm wohnte unvorstellbare Magie, Eure Hoheit. Eine Magie, die selbst die von Flüchen übertrifft.«
»Woher wollt Ihr das wissen? An diesem Gegenstand haftet keine Magie«, beteuerte Sera.
»Sie ist verschwunden. Zwischen den Wolken. Ich habe es gesehen – als Einzige. Ich denke daher, dass Sonne und Mond mich auserwählt haben, um die restlichen Scherben zu finden. Allerdings weiß ich nicht, wo ich anfangen soll, da niemand die Spuren zurückverfolgen kann. Nicht einmal der Orden der Rabenblüter.«
»Wie viele Scherben fehlen denn?«, fragte Sera neugierig.
»Zwei. Der Spiegel ist in meinem Haus zerbrochen und hat eine gewaltige Druckwelle ausgelöst. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Der Himmel war hell erleuchtet. Dabei habe ich sehen können, wie zwei Lichtstreifen in Richtung Süden verschwunden sind. Ich denke, dass es sich dabei um die verlorenen Teile des Spiegels handelt.«
»Warum ausgerechnet in Eurem Haus?«
Baba Jaga zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihn gefunden. In einer alten Schatzkammer.«
Sera biss sich auf die Unterlippe. »Verzeiht mir diese Worte, verehrte Baba Jaga, aber seid Ihr denn überhaupt stark genug, um eine solche Reise anzutreten?«
Daraufhin lachte die alte Frau. »Ich bitte Euch, Eure Hoheit. Ich habe es immerhin geschafft, vom Norden Tenebras bis hierhin zu reisen.«
Das stimmt und ist äußerst beeindruckend, musste Sera zugeben. »Es tut mir leid, aber ich glaube, auch in dieser Angelegenheit bin ich machtlos. Ich erkenne keine Spuren oder überhaupt irgendwelche Anzeichen von Magie.«
Baba Jaga ließ ihre Schultern sinken und neigte den Kopf. »Ich verstehe. Habt trotzdem Dank.«
Sera verschloss die Schachtel wieder und übergab sie Konstantin, der sie an die alte Frau zurückreichte.
»Dann werde ich wohl weitersuchen müssen«, meinte sie seufzend.
Sera betrübte es, ihr nicht helfen zu können. Vor allen Dingen, da sie selbst die Neugierde gepackt hatte. Wenn sie nicht in diesen besonderen Umständen wäre, hätte sie die alte Frau gerne begleitet – auch wenn sie glaubte, dass ihr Gatte da etwas mitzureden hätte.
Baba Jaga verneigte sich und wollte Sera mit einem »Lebt wohl« den Rücken zukehren, als eine weitere Person in den Raum trat. Es handelte sich dabei um Qualis, ihren Lehrmeister, der sie in der Magie unterrichtet hatte. »Wartet!«, rief er. Baba Jaga blieb kurz stehen und wandte sich zu Qualis. »Vielleicht kann ich Euch weiterhelfen.«
Konstantin, der wieder neben seine Königin getreten war, seufzte. »Gott sei Dank. Mir ist gleich viel wohler, wenn er hier ist«, murmelte er.
Daraufhin gab Sera ein Zischen von sich. »Du bist das schlimmste, fürsorglichste Brüderchen, das man haben kann«, flüsterte sie ironisch.
»Zurecht«, entgegnete er ebenso leise.
Konstantin war zwar nicht ihr leiblicher Bruder, doch in den letzten Jahren war er für sie zu einem geworden.
Baba Jaga zögerte nicht, sondern reichte Qualis die Schachtel. Dieser öffnete sie und begutachtete den Spiegel. Er nahm ihn in die Hand, schloss die Lider und verharrte einige Augenblicke in dieser Position.
Irgendwann blinzelte er und legte den Spiegel zurück. »Mit einer Sache gebe ich Euch recht, gute Frau. Dieser Gegenstand war von unvorstellbarer Macht besessen.«
Sera lehnte sich leicht nach vorn, aus Angst irgendeines seiner Worte zu verpassen.
»Leider kann ich Euch auch nicht sagen, wohin die restlichen Scherben verschwunden sind. Ich kenne aber jemanden, der es vielleicht wissen könnte. Er beschäftigt sich viel mit alter Magie.«
Baba Jaga hob ihre Brauen, wodurch Sera das erste Mal die Augenfarbe der Frau erkannte. Sie waren tiefblau. »Ach ja? Würdet Ihr mir verraten, wo ich ihn finden kann?«
Qualis fuhr sich durch die grau-schwarzen Haare. »Tja, das kann ich, aber es ist keine Gewährleistung, dass Ihr ihn dort antreffen werdet. Das letzte Mal sahen wir uns vor zwanzig Jahren.«
Die alte Frau nickte. »Schon gut. Sobald ich dort bin, werde ich nach ihm fragen.«
»Sein Name ist Omar. Und er ist damals der Berater des alten Sonnenkönigs gewesen.«
Baba Jaga berührte nachdenklich ihr Kinn. »Ich soll ins Land Soltir gehen?«
Sera runzelte die Stirn. »So viel ich weiß, wurde dort vor ein paar Jahren der Sohn zum König gekrönt.«
Qualis sah über seine Schulter zu Sera. »Und das ist noch nicht alles. In den letzten Wochen kam mir zu Ohren, dass die Grenzen strenger bewacht werden und man nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung ins Land gelangen kann.«
Sera begann daraufhin, nachzudenken. »Wenn das so ist, erhält Baba Jaga einen Brief von mir, mit der Bitte, sie aufgrund wichtiger Angelegenheiten passieren zu lassen. Ein Siegel der Königin von Lucra werden sie ja wohl kaum ignorieren.«
Die alte Frau sah die Königin verdutzt an. »Das würdet Ihr für mich tun, Eure Hoheit?«
Sera nickte. »Was auch immer dieser Spiegel ist. Ich glaube, dass wir dem auf den Grund gehen sollten.«
»Bist du dir da sicher? Was ist, wenn das zu Konflikten zwischen Lucra und Soltir führt?«, fragte Konstantin flüsternd.
»Lass das meine Sorge sein«, meinte Sera schmunzelnd. Sie wandte sich zu den Anwesenden. »Ich brauche eine Feder, Tinte, Wachs und Papier!«
»Jawohl!«, rief einer der Diener und lief los.
Ich atmete mehrmals tief durch, ehe ich es wagte, den ersten Fuß auf den Holzbalken zu setzen. Ich kannte die Schritte. Die Bewegungen. Meinen Körper.
Daher vertraute ich auf die Übungen und das jahrelange Einstudieren der stets gleichen Abfolge. Die goldenen langen Bänder saßen an meinen Handgelenken fest und durften unter keinen Umständen verrutschen.
Das Herz schlug wild in meiner Brust, da ich viel zu viel Angst vor dem Versagen hatte. Aber ich konnte das. Ich musste.
Meinen Atem kontrollierend begann ich mit den ersten Schritten und Drehungen. Ich streckte ein Bein, beugte mich nach vorne und rotierte die Arme so geschickt, dass die Bänder wie zwei goldene Ringe aussahen. Anschließend ließ ich mich nach hinten fallen und vollführte einen anmutigen Rückenstrecker.
Wieder kam ich auf meine Füße und wirbelte um die eigene Achse. Die Bänder flatterten um mich herum, ließen mich wie eine elegante Tänzerin aussehen, die eine Geschichte zu erzählen hatte. Eine Geschichte über eine Frau, deren größter Traum es war, einmal auf dem Ball des Sonnenkönigs auftreten zu dürfen.
Nur ein Mal … ein einziges …
Schmerz.
Unsagbarer Schmerz.
Ich schrie auf, verlor das Gleichgewicht und kippte vom Balken herab. Qualvoll kam ich mit der linken Schulter zuerst am Boden auf und hasste mich innerlich für den erneuten Fehler. Ein Fehler, der seit einigen Wochen zu einem Keil zwischen mir und meinem Traum geworden war.
Es war furchtbar. Das Schlimmste, was mir hätte passieren können.
»Marwa!«, ertönte eine wütende Stimme hinter dem Vorhang, der sofort beiseitegezogen wurde. »Du faules Miststück! Steh sofort auf!«
Die hatte mir jetzt noch gefehlt. Meine Stiefmutter Rasha. Da ich keine Schläge einstecken wollte, tat ich, was sie mir befahl.
Sie sah zu meinen Bändern hinab. »Wenn du dich in den Tod tanzen willst, helfe ich dir sehr gern dabei.«
Rasha hasste mich. Mit jeder Faser ihres Körpers. Denn ich war nicht ihr eigen Fleisch und Blut. Im Gegensatz zu meinen zwei jüngeren Brüdern.
»Ist mir bewusst«, sagte ich ächzend und rieb mir die schmerzende Stelle an der Schulter.
Sie trat auf mich zu und packte ein paar dunkelbraune Strähnen meiner lockigen Mähne. Ich zischte und biss mir auf die Unterlippe, um keinen weiteren Laut von mir zu geben. »Wenn du nicht gleich zum Bankett gehst, schleife ich dich an den Haaren dorthin, haben wir uns verstanden?«
»Ja«, knurrte ich.
»Und zieh deine rote Abaya an. Es muss nicht gleich jeder sehen, dass du ein Schandfleck dieser Familie bist!«
»Ich bin kein Schandfleck! Wenn, dann eher du! Wer hat sich denn in unsere Familie eingeheira-«
Klatsch.
Sie hatte mir eine so feste Ohrfeige verpasst, dass mein Kopf zur Seite flog und die Stelle einen brennenden Schmerz hinterließ. Ich schwieg.
Ich wünschte, ich könnte sie ebenso demütigen, aber Baba würde mich dafür bestrafen, wenn ich auch nur einmal den Gedanken hegte, Hand an seine Frau zu legen. Zudem glaubte er mir sowieso kein einziges Wort. Er hatte sich schon immer Söhne und keine Tochter gewünscht. Rasha hatte ihm diesen Wunsch erfüllt – meine verstorbene Mutter nicht.
»Wage es noch einmal, solche Worte auszusprechen, und es wird nicht bei einer Ohrfeige bleiben. Haben wir uns verstanden?«, fauchte sie.
»Tz.«
»Wie bitte?«
»Ja.«
»Ja, was?«
Ich spürte, wie in mir der Zorn aufwallte. Daher hob ich den Kopf und sah sie widerspenstig an. »Ich habe verstanden«, schrie ich sie beinahe an.
»Gut!«
Danach ließ sie meine Haare los und verschwand hinter dem weißen Vorhang.
Tränen wollten sich einen Weg in meine Augen bahnen, doch ich redete mir schon seit dem Tod meiner Mutter ein, dass Rasha keine Träne wert war. Nicht eine.
Daher atmete ich tief durch und versuchte, mein Herz zu beruhigen. Mein Blick fiel auf die goldenen Bänder an meinen Handgelenken, die an Armreifen festgemacht waren. Ich öffnete sie und legte sie sorgsam in meine Schatulle, in der ich sie verstaute, aus Angst, Rasha würde sie irgendwann vor Zorn zerstören.
Ich versteckte die Schatulle unter meinem Holzbett und schob auch den Balken an die Wand, auf dem ich die Tanzschritte übte. Ich wünschte, ich könnte mich öfter meinen Tänzen widmen, allerdings arbeitete ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr für meine Stiefmutter. Sie setzte mich manchmal als Dienerin im Palast ein, die die Tische deckte, das Essen servierte oder Wein einschenkte.
Meistens schuftete ich nur für die Adligen im Palast, niemals für den Sonnenkönig. Dieser hatte seine eigenen Diener, die nicht aus dem tiefsten Loch der Hauptstadt von Soltir stammten. Einem Loch, das froh sein konnte, wenn deren Bewohner überhaupt Arbeit besaßen. Viele von ihnen waren nämlich Diebe oder sogar Mörder.
Eine Sache war an Rasha gut. Mit ihr konnte Baba dem Loch entkommen und in ein etwas höherwertiges Viertel ziehen. Denn auch Rasha war eine Witwe gewesen. Sie hatte von ihrem verstorbenen Mann genügend Geld geerbt, um zumindest in seinem Haus bleiben zu können. Seitdem kratzte die gesamte Familie jeden Monat Münzen zusammen, um die Steuern bezahlen zu können.
Aus meinem Kleiderschrank zog ich die dunkelrote Abaya heraus, auf der goldene Sonnen eingestickt waren – das Zeichen des Sonnenkönigs. Ich entkleidete mich und stülpte das Gewand über den Kopf. Die Ärmel lagen etwas enger als der restliche Stoff. Danach schlüpfte ich in meine Sandalen, deren Schnüre ich in einem Kreuzmuster um die Unterschenkel band. Anschließend kämmte ich die aschbraunen, wilden Haare, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Ich setzte mir den silbernen Kopfschmuck auf, wovon mir ein paar Anhänger in die Stirn fielen. Auf dem weißen Stein in der Mitte war eine weitere Sonne abgebildet, damit man mich sofort als Dienerin des Palastes erkannte. Meine Haare flocht ich zu einem Zopf, der mir seitlich über die Schulter fiel.
Anschließend verließ ich das Zimmer und begab mich nach draußen auf die staubige Straße. Ich war spät dran, daher sollte ich Rashas Drohung ernst nehmen, sonst würde sie wirklich noch meine Wertsachen beschädigen. Dieser Frau traute ich alles zu.
Die Straßen waren belebt. Besonders auf dem Markt, auf dem sich etliche Stände befanden. Überall warben Männer mit weißem Turban, die einen auf sich aufmerksam machen wollten. Die meisten Bewohner Soltirs trugen aufgrund der unerträglichen Hitze des Landes Leinengewänder und offene Schuhe. Unsere Haut war meist sonnengebräunt und die Haare dunkelbraun bis schwarz.
Bis auf den Sonnenkönig jedenfalls. Ich hatte ihn bislang nur einmal gesehen – den alten zumindest. Die Farbe seines Haares glich einem Abendrot, was anscheinend nur durch die königliche Erbfolge weitergegeben wurde. Zudem waren ihre Augen so blau wie das Meer, nicht dunkel wie unsere.
Es schien beinahe, als gehörte der Sonnenkönig nicht hierher, aber das tat er sehr wohl. Ihre Blutlinie herrschte schon seit Jahrtausenden über Soltir.
Auf dem Markt zwängte ich mich an einigen Besuchern vorbei, vor allen Dingen an Adligen, die nicht wussten, was sie mit ihrem Reichtum anfangen sollten. Sie gaben es am liebsten für Skulpturen, Schmuck oder Teppiche aus. Sie waren das meistgehandelte Gut in Soltir.
Für mich dienten sie jedoch nur als Fußabtreter.
Beim Sonnengott Soltra, diesen Satz durfte ich niemals auf offener Straße hinausposaunen. Dafür würden sie mir eine Hand abhacken.
Auf der anderen Seite des Marktes stieg ich ein paar Stufen hinauf und lenkte auf den breiten, gepflasterten Weg, der mich zum Palast führte. Am Rand standen die ersten Wachen mit Speeren. Sie erkannten mich gleich als Palastdienerin und ließen mich passieren.
Der Palast war riesig. Er besaß drei große, sandfarbene Türme, an deren Spitzen Kuppeln saßen. Schmale Säulen säumten die meisten Kanten, da die Gebäude alle mindestens achteckig aufgebaut waren. Es gab selten Fensterglas, da es sich bei der soltirischen Hitze nicht lohnte, irgendeinen Raum zu schließen.
Am anderen Ende des Weges angekommen, winkte mir eine kleine Gestalt zu, die ich von allen Dienerinnen, die im Palast arbeiteten, am meisten mochte.
Charu wartete mit einem Grinsen auf mich und sah wie fast jeden Tag einfach umwerfend aus. Ich kannte tatsächlich keine Frau, die solch perfekte runde Augen, volle Lippen und hohe Wangen besaß. Für eine gewöhnliche Dienerin stach sie daher oft heraus. Sie hatte schon einige Heiratsavancen erhalten, allerdings hatte ihre Familie einen Ehemann für sie ausgesucht. Freie Liebe gab es kaum in Soltir. Die meisten Töchter wurden bereits jemandem versprochen.
Nun ja, ich war da eine Ausnahme. Zum Glück. Rasha nutzte mich lieber als Arbeitskraft, da wir das Geld brauchten. Deswegen hatte sie sich noch nicht nach einem Ehemann für mich umgesehen. Doch allzu lange würde es nicht mehr dauern. Manche Mädchen wurden bereits mit fünfzehn Jahren verheiratet. Ich war schon neunzehn.
Nachdem ich bei Charu ankam, die ihre dunkelbraunen Haare in eine wunderschöne Flechtfrisur verwandelt hatte, hätte ich glatt denken können, sie wäre eine Frau des Adels. Der silberne Kopfschmuck verzierte ihr Gesamtbild.
Ich zog sie in meine Arme. »Schön, dich zu sehen.«
»Dich auch«, meinte sie und wir lösten uns wieder voneinander. »Deine Mutter ist eben hier reingerauscht und wirkte ziemlich aufgebracht. Ist bei euch zu Hause alles in Ordnung?«
Charu wusste zwar, dass ich mich nicht gut mit Rasha verstand, aber ich hatte ihr nie etwas von unseren Auseinandersetzungen erzählt, die manchmal sogar in Gewalt endeten. Es reichte schon, dass meine Brüder davon Wind bekamen und mich vor Rasha beschützen wollten. Dabei war ich die große Schwester und sollte mich eigenständig wehren können.
»Sie ist überlastet«, sagte ich lapidar, obwohl ich die Ohrfeige an meiner Wange noch immer spüren konnte. »Lass sie einfach ihre Arbeit verrichten. Dadurch fühlt sie sich besser. Du wirst schon sehen.«
»Also gut«, meinte Charu mit einem zuckersüßen Lächeln. »Wir sollten sie nicht warten lassen.«
Ich nickte und folgte meiner Freundin in den Palast.
Drinnen liefen wir einen langen Korridor entlang, dessen Boden mit rotem und braunem Mosaik bestückt war. Die Sandsteinwände strahlten eine angenehme Kühle aus, die eine willkommene Abwechslung bot.
Wer sich nicht im Palast auskannte, war heillos verloren. Es gab mehr Flure als Fenster und mehr Türen als Räume. An fast jedem Eingang standen Soldaten in ebenfalls dunkelrote Leinenuniformen gekleidet. Goldene Sonnen waren in den Stoff eingearbeitet worden. Zudem trugen sie weiße Turbane. Die meisten besaßen Speere als Waffe, andere nutzten jedoch lieber Krummsäbel.
Gerade wollten Charu und ich in den Dienstbotengang abbiegen, als uns zwei Adlige entgegenkamen. Sie trugen beeindruckende gold-rote Gewänder. Um ihre Taillen waren glänzende Bänder gewickelt, die vermutlich doppelt so viel kosteten wie mein Monatslohn.
Wir stoben zur Seite, drückten uns an die Wand und senkten das Haupt. Es war uns Dienern nicht erlaubt, Adligen oder gar dem König in die Augen zu sehen. Tat man es doch, wurde dies als Zeichen von Respektlosigkeit gewertet, wofür man in diesem Land bestraft wurde.
Einer der beiden besaß an seinem Ärmel die Symbole der Magie. Eine Hand, in der eine Sonne und ein Halbmond abgebildet waren. Jeder in den Ländern kannte es. Meistens trugen nur Primagii diese Zeichen, Menschen, die über mächtige Magie verfügten. Allerdings gab es diese nur sehr selten in Soltir – ganz anders als in Tenebra, in dem Magie verehrt und genutzt wurde. In unserem Reich gingen die Meinungen über Primagii – oder Demagii, ein schwächerer Magiebegabter – ziemlich auseinander. Es gab welche, die die Magie begrüßten, aber auch viele, die sie verachteten. Allerdings war sie erlaubt, selbst wenn man einige Regeln zu beachten hatte.
Der Sonnenkönig war der einzige Primagis im Land, der seine Fähigkeiten frei nutzen durfte. Eigentlich ziemlich unfair. Nur weil er eine Krone trug …
Ich kam nie mit bösen Mächten in Kontakt, daher verachtete ich sie nicht. Doch ich suchte auch nicht nach ihnen. Meine Einstellung zur Magie würde ich für ausgeglichen halten.
Nachdem die beiden Adligen verschwunden waren, liefen wir in den Dienstbotengang und betraten am Ende des Flures die Küche. Dort herrschte ein heilloses Durcheinander. Mindestens zehn Frauen standen im Raum, wovon sich zwei stritten, drei diskutierten und der Rest irgendetwas in den Festsaal hinaustrug.
»Da seid ihr ja!«, donnerte die Stimme von Rasha durch die Küche. »Na los! Macht euch nützlich. Der Tisch muss noch gedeckt werden und die Verzierungen sind noch nicht vollständig aufgehängt!« Rasha sah Charu an. »Du hilfst den anderen Mädchen beim Schmücken«, befahl sie und visierte anschließend mich an. »Und du kümmerst dich um den Tisch.«
Ich ließ mir nichts anmerken. Natürlich scheuchte sie mich lieber hin und her, statt mir auch nur ansatzweise ein bisschen Verantwortung zu übertragen. Sie glaubte, ich könnte die falschen Girlanden beim Bankett aufhängen oder Wüstenrosen statt Wunderblumen verwenden. Skandalös!
Um Rasha schnell zu entkommen, schnappte ich mir die silbernen Teller und folgte den Frauen und Männern, die das Tischgedeck trugen.
Nach zwei Abbiegungen kamen wir im riesigen Festsaal an, dessen Decke unglaublich hoch war. Die Kuppel war von innen mit goldenen Wandbildern verziert und an allen Ecken standen Statuen des Sonnengottes. In der Mitte prangte ebenfalls das Zeichen unseres Reiches.
Der Saal war einer der schönsten Anblicke. Erzählungen besagten, dass der Künstler der vielen Bilder sein ganzes Leben in diesem riesigen Raum verbracht hätte, um seine Werke fertigzustellen.
Auf dem braunen Granitboden hörten sich meine Schritte wie leise Tapsgeräusche an, die sich mit dem Rascheln von Stoff vermischten. Niemand sprach bei der Arbeit. Nicht, dass es uns verboten gewesen wäre, doch es gäbe ohnehin nur Ärger, wenn wir Rasha bei ihrer Verrichtung störten.
Ich legte die Teller akkurat auf weißen Seidentüchern ab und achtete darauf, dass das Besteck nicht verrutschte. Alles musste perfekt sein. Die Tücher wurden zu Fächern gefaltet und ordentlich aufgestellt. Zudem durften keine Blumen auf dem Tisch fehlen.
Ich war so in meine Arbeit vertieft, dass ich erst viel zu spät merkte, wie mich erneut ein altbekannter Schmerz überkam. Mein Atem ging schwerer und Schweiß trat mir auf die Stirn. Übelkeit kroch meinen Hals hinauf und in meiner Brust breitete sich ein unerträglicher Schmerz aus.
Ehe Rasha etwas davon mitbekam, ließ ich abrupt von meiner Arbeit ab und eilte in einen Flur. Charu nahm mich im Augenwinkel wahr und folgte mir.
Hinter der nächsten Ecke blieben wir gemeinsam stehen, während ich an der Wand hinunterrutschte und ein schmerzvolles Stöhnen unterdrückte. Charu rieb mir tröstend über den Arm. »O nein. Schon wieder?«
Ich nickte bloß.
»Marwa? Wo ist Marwa?«, ertönte Rashas wütende Stimme durch den Festsaal.
Die beobachtete mich doch heimlich. Kaum verlor sie mich aus den Augen, schikanierte sie mich.
Charu brummte genervt. »Na toll.«
»Geh«, sagte ich ächzend, während ich mir die schmerzende Stelle auf der Brust hielt. »Sag, ich musste für kleine Mädchen.«
Charu legte den Kopf schief. »Ernsthaft?«
»Habe ich eine andere Wahl?«
Sie seufzte. »Also gut. Aber gönn dir eine Pause. Wenn du den Flur hinuntergehst, zweimal rechts, einmal links und ein letztes Mal rechts abbiegst, kommst du zu den Ställen. Da sollte dich Rasha vorerst nicht finden.«
Zwar war ich diesen Weg noch nie gegangen, allerdings würde ich ihn mit Sicherheit finden. »Danke.«
»Ich lenke sie ab«, meinte sie und berührte tröstend meine Schulter. »Bis später.«
»Danke, du hast was gut bei mir.«
Sie grinste. »Dafür sind doch Freundinnen da.« Sie ging um die Ecke und hob ihre Stimme. »Ach, sie musste mal für kleine Mädchen.«
»Das kann sie auch später tun!«, donnerte Rasha.
»Sie ist ja gleich wieder da.«
»Tz. Unnützes Weib.«
Ich wartete nicht, bis Rasha sich entschloss, nach mir zu sehen, und erhob mich vom Boden. Keuchend rannte ich in die Richtung, die mir Charu empfohlen hatte.
Also, was hatte sie gleich wieder gesagt? Zweimal links, einmal rechts und dann wieder links? Oder?
Zuversichtlich, die Ställe zu finden, lief ich nach Bauchgefühl die Flure entlang. Einige der Wachen, die an den Türen standen, musterten mich misstrauisch, doch ich gab mich selbstsicher.
Erst bei den letzten beiden Fluren fiel mir auf, dass die Soldaten verschwunden waren, was mir ziemlich ungewöhnlich vorkam. Ob sie im Festsaal gebraucht wurden? Vielleicht hatte der König sie lieber fürs Bankett beordert.
Irgendwann erreichte ich einen weiteren großen Saal, der genauso edel war wie fast jeder Raum im Palast. An der östlichen Wand gab es ein wunderschönes Mosaikbild einer tanzenden Frau, die an ihren Armen Bänder trug. Es wirkte wie eine Bühne, auf der sie ihre Aufführung vollführte.
Warum auch immer, das Bild faszinierte mich so sehr, dass ich für den Moment den Schmerz vergaß. Als ich davorstand, merkte ich, dass die Qual gänzlich verschwand und mein Fokus völlig auf dem Bild lag.
Wer war diese Frau? Und weshalb hatte sie einen solchen Ehrenplatz im Palast bekommen?
Beeindruckt fuhr ich mit den Fingern über die kleinen Fliesen und schritt langsam an der Wand entlang, als wollte ich jede Ecke des Gemäldes berühren.
Und dann erschrak ich, denn das Bild bewegte sich.
Angstvoll wich ich zurück und sah, wie die Frau ihren Arm über den Kopf gehoben hatte. Anschließend glitt er wieder in die Ursprungsposition zurück.
Was bei Soltra …? Magie?
Ich schritt erneut auf das Bild zu und beugte mich nach rechts. Die Mosaikfliesen klackerten, als sie nicht nur ihre Farbe veränderten, sondern auch verrückten.
Wahnsinn!
Die Frau tanzte. Anmutig vollführte sie eine Umdrehung und bewegte sich leichtfüßig auf dem Boden. Die Bänder wirkten, als würden sie ihrer Herrin gehorchen, und wiegten sich zum Rhythmus ihrer Bewegungen.
Ich liebte es.
Sobald die Frau das Ende der anderen Seite erreicht hatte, rückten die Mosaikfliesen wieder an den Anfang. Es war eine besondere Szene, die der Künstler eingefangen hatte. Eine Szene, die eine Frau widerspiegeln sollte, die nicht nur einfach tanzte, sondern eine Geschichte erzählte. Eine Geschichte, wie ich sie schon immer erzählen wollte.
Ich war so fasziniert von der Frau, dass ich mich sofort von ihr anstecken ließ. Ihre Schritte hatte ich mir eingeprägt und versuchte beim nächsten Mal, mit ihr mitzuhalten. Auch wenn es entgegen meiner geübten Abfolge war, fühlte es sich dennoch befreiend an, ihre Bewegungen nachzuahmen.
Allerdings hatte ich völlig verdrängt, dass ich erst eben wegen zu großer Anstrengung beinahe zusammengebrochen wäre. Der Schmerz setzte erneut ein, als ich gerade die letzte Umdrehung vollführen wollte. Mit einem Schrei stürzte ich zu Boden und fing mich rechtzeitig mit den Armen auf.
So ein verdammter Mist! Wieso ausgerechnet ich?
Erinnerungen, die ich eigentlich längst verdrängt hatte, kehrten zu mir zurück. Ich hätte heute auf dem Bankett tanzen können. Vor dem Sonnenkönig, wenn ich damals besser auf mich geachtet hätte.
Ich stand auf dem Balken. Mutig. Entschlossen. Bereit.
Die Menge war beeindruckt gewesen, schließlich hatte ich jahrelang für diese Schritte gelernt. Ich sprang, wirbelte herum, vollführte mehrere Saltos und schwang meine Bänder wie niemand vor mir.
Und dann kam der krönende Abschluss, bei dem ich durch Feuerkreise tanzen sollte.
Mir hatte es an Ausdauer gemangelt. Meine Lunge kollabierte, was ich viel zu spät bemerkte. Plötzlich erstarrte mein Körper und die Atmung wurde unrhythmisch. Ohne diese war es unmöglich, die Sprünge durch die Feuerreifen zu schaffen.
Ein Stich bohrte sich in meine Brust, wobei ich glaubte, jemand würde sie mit einem Messer durchbohren. Es wurde grell um mich herum, meine Sicht verschwamm. Ich kippte zur Seite und blieb reglos liegen.
Und somit starb mein Traum. Der Traum, jemals eine Tänzerin am Hof zu werden.
Ich war krank geworden. Zu schwach, um einen weiteren Tanz durchzustehen.
Tränen bahnten sich einen Weg in meine Augen und ich wehrte mich mit aller Kraft gegen die heranwachsende Verzweiflung. Ich durfte nicht aufgeben. Sonst würde ich erst recht scheitern.
Also atmete ich tief durch, schluckte die Verärgerung über meine Schwäche hinunter.
»Was machst du hier? Dieser Ort ist für die Dienerschaft nicht zugänglich«, ertönte eine dunkle und zugleich wütende Stimme durch den Saal.
Mir gefror das Blut in den Adern.
Nicht zugänglich? Aber dann hätten die Wachen mich doch längst aufgehalten!
Wenn in den letzten beiden Korridoren welche gewesen wären …
Trotz des Schmerzes erhob ich mich und wagte einen kurzen Blick zu der großen Treppe hinauf, an deren oberen Ende ein Mann stand.
Ein Mann mit solch rotem Haar, dass ich sofort an die untergehende Sonne denken musste.
Beim Sonnengott Soltra! Es war der König. Und er redete mit mir. Nein, tadelte mich sogar.
Das war’s. Diese Strafe würde ich vermutlich nicht überstehen. Nicht in meinem schwachen Zustand.
Wie hatte ich nur so kopflos sein können?
Verflucht sollen sie alle sein!«, brüllte ich laut und griff in meiner Wut nach der Vase, die neben meiner Zimmertür auf dem Tisch stand. Frustriert knallte ich sie gegen die Wand gegenüber und schnappte mir den nächsten Gegenstand, den ich zu greifen bekam. Es war dieses Mal eine kleine Marmorstatue in Form einer Sonne.
Laut zersplitterten die Teile am Sandstein und fielen klirrend zu Boden.
»Mein König, so beruhigt Euch«, hörte ich hinter mir meinen Berater Jaspal beschwichtigend sagen.
Aber ich konnte nicht aufhören. Die Wut brodelte zu sehr in mir und war kaum zu bändigen. Ich hasste meinen Körper. Hasste das Schicksal, das mir offensichtlich die Krone vom Kopf zu reißen versuchte. Hasste meine Bürde, die ich zu tragen hatte.
Aber vor allen Dingen hasste ich mich selbst.
Ich führte mich wie der größte Trottel auf. Allein die Tatsache, zu wissen, was für ein Mensch aus mir geworden war, verschlimmerte den Zorn.
Diese Emotion war unlenkbar. Sie brach ein regelrechtes Chaos in mir los, wenn die Wut erst einmal Feuer gefangen hatte. Mein Blut kochte, mein Atem stockte und ich verlangte nach nichts anderem außer Genugtuung.
Ich hatte schon oft versucht, mich gegen den Zorn zu wehren, mir eingeredet, mehrmals durchzuatmen, bevor er sich einen Weg zu mir bahnen konnte. Doch er ließ sich nicht aufhalten. Dafür war er zu mächtig. Fast wie ein hereinbrechender Sturm.
Damit kein weiterer Gegenstand unter meiner unbändigen Raserei litt, schlug ich mit voller Kraft gegen die Wand. Und dann wieder. Und wieder.
»Eure Hoheit! Ich bitte Euch!«, rief Jaspal dieses Mal panischer. »Ihr werdet Euch noch selbst –«
Krach. Knack.
Scheiße. O Scheiße, tat das weh.
Dummerweise hatte ich beim letzten Schlag falsch getroffen und dabei mein Handgelenk gebrochen. Zumindest glaubte ich das, da es bestialisch schmerzte.
Ich verzog das Gesicht, unterdrückte allerdings einen Schrei.
»Bei Soltra, ich werde sofort Priya beordern!«, sagte er und ging aus dem Zimmer.
Obwohl ich froh war, dass mir Jaspal einen Heiler suchte, war ich auch dankbar dafür, dass er endlich verschwand. Ich wusste, dass es ihn genauso viel Anstrengung kostete, mich zu beschwichtigen, und umso nerviger waren seine Versuche, meiner Wut entgegenzuwirken. Denn es brachte nichts.
Bis auf Schmerz. Er löschte die Flammen in meinem Inneren. Ließ den tobenden Zorn in mir verstummen.
Und er konnte nicht länger dabei zusehen, wie ich mich jedes Mal selbst massakrierte.
Was war ich nur für ein erbärmlicher König. Ein Herrscher, der sich nicht im Griff hatte. Ein Herrscher, der kein echter Regent war, weil er über keinerlei Magie mehr verfügte. Ein Herrscher, der seinem Volk etwas vorgaukelte.
Es war erst vor wenigen Wochen passiert, als ich gerade beschlossen hatte, mir aus sicherer Entfernung heimlich das Bankett der Adligen ansehen zu wollen. Ich hatte nur kurz zur Kuppel hochgesehen, die geöffnet worden war, um die Sonne zu begrüßen.
Und dann war ein Lichtstrahl auf mich herabgeschossen und hatte mein rechtes Auge verletzt. Ich hatte mich mit meiner eigenen Magie heilen wollen, allerdings war meine Macht verstummt. Einfach weg. Als hätte es sie nie gegeben.
Seitdem hatte ich mich kaum noch unter Kontrolle. Alles ließ mich gefühlt aus der Haut fahren. Vielleicht sprach nur der Frust aus mir. Denn ohne meine Magie war ich nicht würdig, König zu sein. Jeder meiner Vorfahren hatte nur herrschen können, weil ihnen Soltra göttliche Kräfte gewährt hatte. Kein Primagis schaffte es, unserer Blutlinie das Wasser zu reichen.
Und dann geschah dieser Unfall und mit einem Mal wurde meine Welt auf den Kopf gestellt.
Bislang wussten davon nur mein Berater Jaspal, Vater und meine persönliche Primagis Priya. Letztere war der Grund, weshalb ich noch lebte. Bei manchen meiner Wutausbrüche entstanden weitaus schlimmere Verletzungen als eine gebrochene Hand.
Erst vor Kurzem hatte ich eine riesige Statue umgeworfen, die mein Bein zertrümmert hatte. Priya brauchte dafür fast die Hälfte ihrer Kräfte, um mich genesen zu lassen. Ich schuldete dieser Frau einiges.
Mit einem Keuchen setzte ich mich auf den Bettrand und hielt meine seltsam gekrümmte Hand, die ich kaum bewegen konnte. Ich konzentrierte mich auf das Pochen, spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte.
Natürlich stimmte mit mir seit jenem Tag etwas nicht. Doch Priya hatte mich ausgiebig untersucht, nachdem sie das rechte Auge geheilt hatte. Mir fehlte nichts. Mein Körper war gesund.
»Schon wieder?«, sagte Priya seufzend, die im Türrahmen stand. »Deine Ausbrüche werden immer häufiger.«
»Stimmt nicht«, erwiderte ich ächzend, auch wenn ich wusste, dass sie recht hatte.
»Halt still«, meinte sie verärgert und hockte sich vor mich. Vorsichtig nahm sie mein Handgelenk und legte ihre Finger über die Verletzung. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich.
Kurz krachte es erneut und ein Stich durchzuckte die verletzte Stelle. Mit jedem Augenblick, der verging, verstummte der Schmerz.
Irgendwann ließ Priya von mir ab und sah mich tadelnd an.
»Was? Erwartest du ernsthaft eine Erklärung von mir?«, fragte ich augenrollend.
»Nein, aber ein ›Dankeschön, das du mich gefühlt jeden Tag vor der Selbsttötung rettest‹ wäre angebracht.«
»Ja, danke«, kam es nörgelnd von mir.
»Du bist unmöglich«, sagte sie beleidigt. »Solltest du heute wieder einen Anfall kriegen, wirst du dir eine andere Primagis suchen müssen. Ich will heute Abend das Bankett genießen.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Keine Sorge, für heute hatte ich schon meinen Moment.«
Sie kniff leicht die Augen zusammen. Manchmal vergaß ich, wie süß sie dadurch wirkte. Wut schmeichelte Priyas starkem Wesen überhaupt nicht. »Fordere dein Glück nicht heraus, Sol.«
Ein verwegenes Grinsen kehrte auf meine Lippen zurück. »Daran würde ich nicht einmal im Traum denken.«
Sie verließ mit einem Schnauben das Zimmer und als nach einiger Zeit das Klimpern ihres Schmucks verstummte, wusste ich, dass sie außer Hörweite war.
Das Grinsen erstarb.
Ich durfte es mir auf keinen Fall mit Priya verscherzen. Sie war die einzige Adlige am Hof, der ich fast so viel vertraute wie einer Schwester. Da ich allerdings keinerlei Geschwister besaß, konnte ich die Vorstellung nur erahnen.
Priya und ich kannten uns seit Kindheitstagen. Ihr Vater war ein Kalif aus dem Westen und hatte eine sehr lange Zeit in unserer Hauptstadt gewohnt. Ich erinnerte mich, als würde es jetzt passieren: Er trat sein Amt an und verließ uns danach. Seine Frau nahm er mit sich, Priya jedoch weigerte sich, dem Palast den Rücken zu kehren. Für sie gab es nur hier ein Zuhause.
Ihre Eltern hatten es ihr erlaubt, zu bleiben, sofern sie bis zur Vollendung ihres einundzwanzigsten Lebensjahres verheiratet sein würde. Sonst müsste sie zu ihnen in die Stadt ziehen und dort einen Mann finden.
Tja, nun war Priya nur noch drei Monate von ihrem einundzwanzigsten Geburtstag entfernt. Und sie hatte keinerlei Interesse an einer Ehe.
Das hatte sie nicht einmal mit mir, als wir vor zwei Jahren eine heimliche Beziehung geführt hatten. Unsere Liebelei hielt genau sechs Monate, danach beendete sie das Ganze.
Damals hätte ich sogar den Fehler begangen, sie zu fragen, ob sie mich heiraten wollte. Denn für mich kam keine geeignetere Frau infrage. Priya war vom Adel und eine Primagis. Besser hätte es für die Thronfolge nicht sein können. Vater hätte es niemals zugelassen, dass ich jemanden von niederem Stand wählte. Lieber hätte er die Krone wieder an sich gerissen. Obwohl das in seinem derzeitigen Zustand unmöglich wäre.
Nachdem sich mein Gemüt einigermaßen beruhigt hatte, erhob ich mich vom Bett und trat vor den Spiegel. Ein paar meiner abendroten Strähnen waren mir in die Stirn gefallen und meine Frisur wirkte eher zerzaust als zurechtgemacht.
Meine königliche Robe bestand aus mehreren karminroten Seidenlagen und glänzender Wolle. Das Gewand hatte keine Knöpfe, weshalb meist ein Teil meiner Brust zu sehen war. Goldene Fäden zierten die Ränder und ein Band hielt den unteren Teil zusammen. Auf meinem Rücken prangte eine riesige Sonne, die das Symbol unseres Allmächtigen war – des Sonnengottes Soltra. Dem Grund, wieso meine Familie den Namen ›Sol‹ trug.
In uns floss besonderes Blut, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Zwar waren wir Primagis, allerdings beherrschten wir vor allen Dingen das Feuer. Unsere Familie verbrannte nicht an den Flammen. Laut meinen Vorfahren hatten wir dies dem Sonnengott zu verdanken. Er segnete uns und machte uns daher zu den Herrschern Soltirs.
»Eure Hoheit«, ertönte wieder die Stimme meines Beraters Jaspal. »Ich rate Euch wirklich dringend, Omar aufzusuchen. Wenn Euch jemand helfen kann, dann er.«
Ich starrte auf die Hände und erinnerte mich daran, wie viel sie in den letzten Wochen zerstört hatten. »Ob es vielleicht Tollwut ist?«
Jaspal schnalzte mit der Zunge. »Ich bitte Euch! Auf keinen Fall. Bestimmt ist es nur eine Krankheit oder ein unsichtbarer Fluch.«
»Es gibt keine unsichtbaren Flüche.«
»Da sagen die Gerüchte aus Tenebra aber etwas anderes.«
Ich zischte verächtlich. »Ach, dieser Orden tut doch alles für Geld.«
»Wie Ihr meint, Eure Hoheit.«
»Omar hat sich gegen das Königshaus entschieden«, sagte ich schließlich, um seine vorherige Frage zu beantworten.
»Lasst mich Euch einen Rat geben: Stolz kann manchmal die Schwelle zum Tod sein.«
Nun funkelte ich ihn verärgert an. »Ihr glaubt, es sei Stolz?«
Jaspal hob seine buschigen, schwarzen Brauen. »Nun ja, Omar wollte nicht mehr für das Königshaus arbeiten und Euer Vater war mehr oder weniger … untröstlich«, verharmloste er die Wahrheit. Denn Vater hatte den gesamten Palast zusammengebrüllt. Omar war für ihn unentbehrlich gewesen und dieser Treulose hatte einfach keine Lust mehr auf seinen Posten gehabt.
Vielleicht hatte ich von ihm das ungezügelte Temperament geerbt und ich wusste nur noch nicht, wie ich es kontrollieren konnte.
Ich sollte ihn ohnehin besuchen gehen. Bestimmt wartete er bereits auf meinen täglichen Bericht.
»Es gibt nur zwei Optionen, Jaspal. Entweder hat die Verletzung im Auge etwas ausgelöst, das bislang in mir geschlummert hat, oder eine unbekannte Magie sorgt für meine Zügellosigkeit und das Verschwinden meiner eigenen Macht«, erklärte ich.
»Allerdings gibt es niemand Mächtigeren als Euch, Eure Hoheit.«
»Zumindest was Soltir betrifft, ja. In den anderen Ländern könnte ich mir so etwas durchaus vorstellen. Erst letztens erreichte uns die Kunde über das schreckliche Chaos im Glaspalast«, erwähnte ich.
Die Nachricht hatte viele Länder entsetzt, doch die Wahrheit über den Vorfall in Tenebra blieb bei der Familie Rabenblut. Den Außenstehenden hatten sie eine glaubhafte Geschichte erzählt, die ich sofort als Lüge durchschaut hatte. Zu gern hätte ich gewusst, was sich hinter den Türen des Palastes abgespielt hatte.
»In der Tat, schrecklich. Bestimmt wird es einige Zeit dauern, bis das Königshaus sich davon erholt hat«, meinte Jaspal. »Aber das soll nicht unsere Sorge sein.«
»Nein, wir haben eigene Probleme.«
»Wie schon gesagt, überlegt es Euch mit Omar. Ich könnte ihm im Handumdrehen einen Brief zukommen lassen. Sofern er natürlich nicht untergetaucht ist.«
»Ich werde es in Erwägung ziehen, Jaspal.«
Mein glatzköpfiger Berater verneigte sich vor mir. »Wenn Ihr dann entschuldigt, Eure Hoheit. Ich werde nach dem Bankett sehen.«
Ich nickte.
Anschließend verschwand er.
Mir entfuhr ein Seufzen.
Ich beschloss, mich zu meinem Vater im Westflügel aufzumachen, und verließ mein Gemach. Dabei durchquerte ich drei Korridore, wobei mir auffiel, dass einige Wachen fehlten.
Sollte das ein schlechter Scherz sein? Waren sie alle zum Bankett geflüchtet?
Der Ärger ließ ein weiteres Mal meinen Zorn aufwallen, den ich mit mehreren Atemzügen zu beruhigen versuchte. Allerdings schien der letzte noch nicht ganz verflogen zu sein.
Beim Sonnengott, das nervte.
Hinter der nächsten Ecke entdeckte ich schließlich wieder eine Wache. »Warum fehlen Soldaten in einigen Korridoren? Der Palast sollte stets bewacht sein!«, rutschte es mir unbeherrscht heraus.
So viel zu meiner Kontrolle.
Die Wache zuckte zusammen. »Eure Hoheit! Bitte verzeiht! Ich hatte keine Ahnung davon.«
»Such sofort den General auf und unterrichte ihn darüber«, befahl ich barsch.
»Jawohl!«
Lief denn heute alles schief? Prüfte mich Soltra? Falls ja, würde ich eindeutig durchfallen.
Die Wache ging in die Richtung, aus der ich gekommen war.
Ich bewegte mich weiter in den Flur und bemühte mich darum, an alles zu denken, nur nicht an die Probleme, die mich reizten.
Kaum betrat ich die Empore, von der man den gesamten Gemäldesaal überblicken konnte, entdeckte ich eine der Dienerinnen, die vor der Mosaikwand von Ayla der Tanzenden stand. Sie schien von der Tatsache fasziniert zu sein, dass sich die Wand auf magische Weise bewegte, sobald man nah genug vor ihr war.
Ich glaubte es kaum. Selbst die Dienerschaft schien heute nach Lust und Laune verbotene Räume zu betreten. Dieser Tag war eine einzige Katastrophe. Wenn Vater das spitzbekam, würde er mir vortragen, dass ich mein Amt als König nicht im Griff hatte.
Mit ihm heute einen Streit loszubrechen, würde mir den Rest geben. Es fiel mir jetzt schon schwer, die Kontrolle zu behalten.
Die Dienerin ahmte die Schritte der Tänzerin nach, als würde sie sich von ihr leiten lassen. Obwohl ich eigentlich erwartet hätte, dass es ihr schwerfallen würde, machte sie das äußerst gut.
Ayla war nicht nur irgendeine Tänzerin gewesen, sondern eine Legende. Sie hatte den Ehrenplatz in der Gemäldehalle verdient. Leider hatte ich sie nie tanzen sehen, da diese Frau bereits zweihundert Jahre tot war.
Mit geballten Fäusten stampfte ich auf die Treppe zu und sah im selben Moment, wie die Dienerin zusammenbrach. War sie etwa über ihre eigenen Füße gestolpert? Hoffentlich passierte das nicht beim Servieren des Essens, sonst würde sie vermutlich von irgendeinem Adligen die Hände abgeschlagen bekommen.
Schließlich trat ich die Stufen hinab und sprach mit finsterer Stimme: »Was machst du hier? Dieser Ort ist für die Dienerschaft nicht zugänglich.«
Die Frau zuckte so sehr zusammen, dass sie sich in Windeseile wieder aufraffte und einen kurzen Blick zu mir wagte. Allerdings schien sie mich sofort zu erkennen und senkte demutsvoll ihr Haupt. Sie ging auf die Knie und faltete die Hände.
Sie bat um Verzeihung. Die Dienerinnen sprachen nicht mit mir, ihre Vorgesetzten erlaubten es nicht. Daher war es sinnlos, ihr Fragen zu stellen.
Trotzdem wollte ich wissen, wie sie es überhaupt hierher geschafft hatte.
Ehe ich erneut etwas ansetzen konnte, streckte sie ihren Arm aus und deutete auf einen Flur.
Und dann erkannte ich es.
Keine Wachen.
Jetzt reichte es mir aber endgültig! Hatte heute jeder einen freien Tag oder was trieben meine Männer?
In diesem Moment befürchtete ich, erneut ein Opfer meines Zorns zu werden. Mich beschäftigten zu viele Dinge gleichzeitig und offensichtlich kamen dazu noch Sorgen. Ob im Palast etwas vorgefallen war und die Wachen gebraucht wurden? Aber würde mir das nicht einer von ihnen sofort melden?
Die Frau gab merkwürdige Geräusche von sich und hatte ihre Hände fest auf die Brust gedrückt. Sie atmete schwer und Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Ging es ihr nicht gut? Vielleicht war sie vorhin schlimmer gestürzt, als ich angenommen hatte.
»Was hast du?«, fragte ich unruhig.
»I-Ich …«, brachte sie noch hervor, bevor sie zur Seite kippte.
Aus einem Reflex heraus griff ich nach ihrem schmalen Körper, ehe ihr Kopf auf dem Boden aufschlug. Benommen sah sie mich kurz an.
Obwohl sie recht sonnengebräunt war, wirkte ihre Haut nun fahler. Entweder starb sie gerade in meinen Armen oder irgendeine Krankheit würde sie auf diesen Weg bringen. Sie sah überhaupt nicht gut aus.
Ich dachte nicht einmal über meine Handlung nach, sondern reagierte aus einem Instinkt heraus. Sie erinnerte mich an Vater, als dieser vor einem Jahr einfach zusammengebrochen war und bewusstlos am Boden lag. Ich hatte geglaubt, ihn zu verlieren.
Obwohl ich diese Frau nicht kannte, musste ich ihr dennoch helfen. Irgendwie zumindest.
Daher wandte ich meine Magie an, stellte mir vor, wie sie eben Aylas Tanz nachgeahmt und voller Lebensenergie gewesen war. Ich legte die Hand an die schmerzende Stelle und versuchte, ihr die Qualen zu nehmen. Die altbekannte Macht kehrte in meinen Körper, durchströmte warm meine Adern und gab mir das Gefühl von Stärke.
Erst als die Frau wieder aufatmete und die Lider aufriss, merkte ich, dass ich eben Magie gewirkt hatte.
Magie.
Meine verlorene Magie.
Träumte ich das gerade? Seit Wochen regte sich nichts in mir und plötzlich tauchte meine Macht wieder auf?
Das war doch verrückt.
Die Dienerin wand sich aus meinen Armen und berührte entsetzt ihre Brust. Sie sah mich dabei nicht an, sondern kniete weiterhin vor mir, als wäre jede weitere Bewegung ein Fehler.
Um mir all das nicht eingebildet zu haben, beschwor ich meinen einfachsten Zauber in der Handfläche. Eine Flamme.
Sie erschien. Genau wie früher.
Mir entfuhr ein Laut, der eine Mischung aus Lachen und Fassungslosigkeit war. Ich erhob mich aus der Hocke und ließ gleich eine zweite Flamme in der anderen Hand entstehen.
Unglaublich! Meine Magie war zurück!
Und all das hatte ich dieser Frau zu verdanken – nun ja, jedenfalls glaubte ich das. Wir hatten uns gegenseitig geholfen. Ich hatte sie vor dem Tod bewahrt und sie meine Magie zurückgebracht.
Außerdem fiel mir auf, dass all mein Zorn von vorhin verschwunden war. Mich regte es noch nicht einmal mehr auf, dass die Wachen in den Korridoren fehlten. Womöglich waren meine Glücksgefühle gerade zu überwältigend.
Denn ein gravierendes Problem hatte sich nach wochenlanger Recherche gelöst.
Ich seufzte erleichtert. Meine Ehre war wiederhergestellt.
Mit einem nun sanfteren Blick sah ich zu der Dienerin. Vielleicht war es Schicksal, dass wir uns begegnen sollten. »Wie heißt du?«
Sie schwieg, atmete aber dafür gleichmäßiger.
»Es sei dir erlaubt zu sprechen«, fügte ich freundlich hinzu. »Und sieh mich bitte an.«
Es dauerte eine Weile, bis sie sich dazu überwunden hatte, meinem Befehl nachzukommen. Allerdings standen meine Worte über dem Gesetz, daher hatte sie keine andere Wahl.
Tiefschwarze Augen sahen zu mir auf. Eine ihrer aschbraunen Locken fiel ihr ins Gesicht. »Marwa.«
»Komm, steh auf«, bat ich sie und reichte ihr meine Hand.
Sie zögerte erneut, entschloss sich dann jedoch dazu, meine Hilfe anzunehmen. Sofort löste sie sich von mir, sobald sie auf ihren zwei Beinen stand. »Da waren keine Wachen«, sagte sie zaghaft und fügte noch rasch hinterher: »Eure Hoheit.«
»Ist mir aufgefallen«, antwortete ich. Mein Zorn blieb weiterhin aus. Verdammt, es war mir sogar fast gleichgültig. Nur weil ein paar Soldaten fehlten, bedeutete das noch lange nicht, dass der Palast in Gefahr war. Schließlich waren diese Männer auch nur Menschen. Außerdem konnte ich mir gut vorstellen, dass es äußerst langweilig war, den ganzen Tag in irgendwelchen Gängen zu stehen und an die Wand zu starren.
Warum hatte ich diese Gedankengänge nicht schon vorher gehabt?
»Wenn Ihr erlaubt, würde ich gerne wieder gehen«, bat sie. Sie hatte noch mehr Abstand zwischen uns gebracht. »Ich werde beim Bankett –«
»MARWA!«, donnerte eine vor Wut schäumende Stimme durch den Flur. »Komm sofort aus diesem Saal, sonst – Oh! Eure Hoheit!« Es war faszinierend, wie manche Menschen es schafften, ihren Zorn hinter einem Lächeln zu verbergen und so zu tun, als würden sie das Wort Rage nicht einmal mehr kennen.
Genauso jemand war diese Frau. Sie besaß viele Fassaden und konnte diese nach Belieben hervorbringen. Mir war ihr Gesicht bekannt, da sie sich meistens um die Festivitäten für die Adligen kümmerte. Ihr Name war mir allerdings entfallen.
Sie fiel auf die Knie und verneigte sich tief. »O welch Schmach! Bitte verzeiht mir, Eure Hoheit. Ich werde diese Dienerin angemessen bestrafen. Sie wird sich wünschen, nie wieder diese Gänge zu betreten. Ich belehre sie, was es bedeutet, ungehorsam zu sein.«
Marwa wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Wieder drückte sie die Hand an ihre Brust, als würde der Schmerz zurückkehren.
»Verneig dich endlich, du verdammtes Miststück! Oder willst du, dass ich dich so lange prügle, bis du auf die Knie fällst!«
»Ich kann nicht«, meinte Marwa plötzlich und sah kurz zu mir herüber, bevor sie wieder die Dienerin anblickte. »Es war ein Befehl des Königs, meine Stimme zu nutzen und ihn anzusehen.«
Sie spielte meine Worte gegen ihre Vorgesetzte aus? Clever.
»Wie bitte?«, entfuhr es der älteren Dame.
Ehe diese etwas erwidern konnte, fügte ich hinzu: »Es ist wahr. Eure Dienerin hat mir bei einem großen Problem geholfen. Es war also eine Art Geschenk meinerseits.«
»Geholfen?«, wiederholte die Vorgesetzte fassungslos. »Dieses kranke … Ding?«
Also hatte ich doch keine Wunde geheilt, sondern nur eine Krankheit gemildert? Allerdings war meine Magie so stark, dass ich sie dadurch auch hätte heilen müssen.
Ob meine Kräfte noch nicht vollständig zurück waren?
Marwa fixierte mich wieder, da sie offensichtlich nicht ganz verstand, bei was sie mir geholfen hatte. Das brauchte sie auch nicht zu wissen. Diese Angelegenheit ging sie nichts an.
»Nun denn, ich ziehe mich zurück. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr den Gemäldesaal verlassen würdet«, verabschiedete ich mich und lief die Treppe hinauf. Dabei beschwor ich erneut eine Flamme in der Hand, aus Angst, meine Magie könnte wieder verloren gehen.
Hinter mir hörte ich Schritte und wie die Vorgesetzte über Marwa fluchte. Sie gab ein Zischen von sich, als die beiden hinter mir im Flur verschwanden.
Ich begab mich in Richtung Westflügel und merkte auf dem Weg, dass etwas mit mir nicht stimmte.
Komm schon. Nicht schon wieder!
Die Flamme in meiner Hand wurde kleiner und ich musste mich anstrengen, um sie aufrechtzuerhalten. Was sollte das?
Ich blieb stehen. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu.
Im Fluss meiner Magie, der durch meinen Körper strömte, konnte ich außerdem ein ganz sanftes Ziehen wahrnehmen. Ein Ziehen, das immer stärker wurde, je weiter ich mich vom Gemäldesaal entfernte.
Vom Gemäldesaal … oder von Marwa.
Geh nach Hause«, knurrte Rasha mich nach der Begegnung mit dem König an. »Ich ertrage dich nicht hier.«
»Ich arbeite aber noch!«
»Geh!«, schrie sie mich zornerfüllt an.
Im selben Moment schubste sie mich in den Dienstbotengang und verschwand in den Bankettsaal.
Charu tauchte neben mir auf. »Bei Soltras Licht! Marwa, wo bist du verdammt noch mal gewesen?«, wollte sie besorgt wissen.
Ich stand immer noch ganz neben mir. Hatte ich eben wirklich ein Lob vom König bekommen? Träumte ich das?
»Hallo? Marwa?«, hakte Charu nach.
»Ich geh nach Hause«, sagte ich stammelnd.
»Was? Rasha wird durchdrehen.«
O ja, das wird sie spätestens heute Abend. »Sie hat mich nach Hause geschickt.«
Charu hielt sich beide Hände vor den Mund. »Was ist passiert?«
Ich schüttelte den Kopf. »Erzähle ich dir ein anderes Mal, in Ordnung? Ich muss erst einmal hier raus.«
»Hm«, meinte sie traurig. »Dann bis morgen?«
»Ja«, nuschelte ich und trat den Rückweg an.
Draußen, auf dem gepflasterten Weg, der aus dem Palast führte, merkte ich erst, wie durcheinander ich war. Nicht nur, weil ich in den Armen des Königs gelegen hatte, – beim Sonnengott, er hätte mir jegliche Strafen aufsetzen können! – sondern auch, weil ich das Gefühl hatte, dass er die Lösung für mein Problem sein könnte. Ich hatte sehr viel Geld angespart, bis in die Nächte gearbeitet, sogar teilweise Diebstähle begangen, um eine bestimmte Person zu bezahlen, die mich womöglich heilen könnte. Denn im Loch der Hauptstadt gab es einen Primagis, der seine magischen Dienste für ein nettes Sümmchen darbot.
Das war vor einer Woche. Er hatte mir nicht helfen können. Das Leiden kehrte nach wie vor zurück. Während seiner Behandlung hatte ich sogar getanzt, um den Schmerz hervorzulocken. Aber selbst dann hatte keine Heilung angeschlagen. Ich musste die Qual ausharren.
Und schließlich kam dieser eine Tag. Diese eine Begegnung, die gerade alles in mir veränderte.
Der Sonnenkönig hatte mir geholfen. Lag es daran, weil er ein besonderer Primagis war, gesegnet von unserem Gott persönlich?
Was auch immer ich ihm dafür gegeben hatte, er hatte mir einen großen Gefallen getan. Dadurch würde ich wieder tanzen und meinen Traum verwirklichen können.
Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen und Tränen traten in meine Augen. Natürlich erwartete mich später eine Portion Ärger, aber diese würde ich ertragen. Ich würde alles ertragen. Hauptsache, ich war in der Lage, meinen Weg weiter beschreiten zu dürfen.
Ich überquerte den Markt und kehrte zurück zu unserem Haus, das zwischen vielen anderen stand. Die Lehmgebäude der Mittelschicht wurden aneinander gebaut, meist mit einem Stockwerk. Es gab keine Fenster, sondern nur schmale Öffnungen, damit der Wind durch die Räume ziehen konnte. Die Dächer waren flach und begehbar. Weiße Laken, die als Vorhänge dienten, verdeckten die Sicht nach innen. Jemand hatte die Tür offen gelassen. Vermutlich einer meiner beiden Halbbrüder.
Ich ging hinein und sah mich um. »Nadim? Yasin?«
Schritte ertönten auf dem Boden und Yasin streckte seinen Lockenkopf hinter einem Vorhang hervor. »Was machst du so früh hier?«
»Rasha hat mich nach Hause geschickt«, sagte ich beleidigt, und verschränkte die Arme vor der Brust.
Er legte den Kopf schief, wobei sich eine Strähne aus dem Zopf löste und in seine Stirn fiel. »Hast du wieder was angestellt, Schwesterchen?«
Ich zischte und wollte ihm eigentlich erzählen, was vorgefallen war, doch im Moment brachte ich dafür keine Kraft auf. Ich sollte sie mir für Rasha aufsparen. »Wo ist Nadim?«
»Draußen bei den Straßenkindern.«
»Und du?«
»Baba kommt gleich und holt mich ab. Er wollte mich endlich mal mitnehmen.«
Unser Vater verdiente das Geld mit dem Handel von Waffen. Sein Geschäftspartner war ein Schmied, der für ihn die Waren herstellte und in einer anderen Stadt wohnte. Zudem musste sich Baba um die Belieferungen in ganz Soltir kümmern. Daher konnte es passieren, dass er mehrere Wochen nicht mehr zurückkam und ich mit Rasha allein blieb.
Mein Herz machte einen Satz gegen die Brust. »Wie lange werdet ihr weg sein?«
Yasin zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich glaube, nur drei Wochen.«
Ich senkte den Kopf.
»Ach, Marwa …«, meinte Yasin und nahm mich in den Arm. Es war erstaunlich, dass er mittlerweile sogar etwas größer war als ich. In letzter Zeit hatte er einen gewaltigen Wachstumsschub bekommen. »Du schaffst das. Nadim ist auch noch da.«
Yasin kannte die Schwierigkeiten mit Rasha. Daher wusste er, was meine Bedenken waren, wenn er auch bald fortgehen würde. Ich liebte meine beiden Brüder, trotzdem sollten sie nicht mein Schild sein, wenn ich Rasha mal wieder nicht passte. Wunden heilten, zumindest die äußerlichen. Außerdem lebte ich in dieser Familie bereits zu lange, um jetzt einzuknicken. Der Sonnenkönig hatte mir wieder eine Chance gegeben und die durfte ich nicht verspielen.
Sobald ich erst einmal den Sprung nach oben geschafft hatte und eine richtige Tänzerin wurde, brauchte ich nicht mehr in der Küche zu arbeiten, sondern konnte mein eigenes Leben führen.
Hoffentlich geschah das noch, bevor Rasha einen Mann für mich fand.
Yasin löste sich wieder von mir und grinste. »Ich bringe dir auch etwas Tolles mit.«
Das entlockte mir ein Lachen. »Ich bin keine zwölf mehr, Brüderchen.«
»Na und? Was hältst du von einer schönen Kette?«
»Die kannst du dir gar nicht leisten.«
»Stimmt. Vielleicht lasse ich sie aus Versehen mitgehen.«
»Yasin!«, warnte ich ihn und hob meinen Zeigefinger. »Versprich mir, dass du keine Dummheiten begehst. Baba zählt auf dich!«
Mein Bruder zog eine Schnute, wobei er wie ein beleidigtes Kleinkind aussah. »Jaja.«
Der Vorhang wurde zur Seite gerissen. »Yasin, komm. Wir müssen los.«
Es war Vater, der zu uns hereinkam. Sein finsterer Blick fixierte mich. »Was machst du hier, Marwa?«
»Rasha hat mir aufgetragen, ein paar der Bänder für das Bankett zu holen«, log ich.
Yasin warf mir daraufhin einen kleinen Seitenblick zu, da er wusste, dass ich mich herausredete. Doch wenn jemand fester zuschlagen konnte als Rasha, dann war es Vater in seiner Raserei. Sollte Baba noch bei all dem Ärger mitmischen, der im Palast vorgefallen war, könnte ich erhebliche Probleme kriegen.
Ich dankte meinem Bruder, dass er für mich schwieg.
»Beeil dich damit«, sagte er schnaubend. »Wir sind in drei Wochen zurück. Benimm dich und sag Nadim, er soll im Haus bleiben, wenn keiner von uns mehr da ist.«
Ich nickte und wich seinem Blick aus. »Gute Reise.«
Er zischte und rückte sich den Turban zurecht. »Bis bald.«
Yasin schnappte sich einen Seesack und hievte diesen über seine Schulter. Anschließend blieb er neben mir stehen und drückte tröstend meine Hand. »Ich verspreche, ich bringe dir etwas mit.«
Ich lächelte. »Bitte pass auf dich auf.«
»Immer«, meinte er zum Abschied, löste sich von mir und verschwand nach draußen.
Mein Herz wog schwer.
Da ich sowieso daheimblieb, brauchte ich Nadim auch nicht zu sagen, dass er reinkommen sollte. Er spielte ohnehin lieber mit den Kindern auf der Straße.
Müde ging ich in mein Zimmer und legte mich auf das knarrende Bett in der Ecke. All die Strapazen von heute hatten mich erschöpft und ich gönnte mir ein wenig Schlaf.
Auch wenn ich nicht wirklich die Augen zubekam, da immer wieder das Antlitz des Königs in meinen Gedanken aufblitzte.
Die Menge tobte um mich herum. Musik wurde gespielt und einige Anwesende klatschten.
Ich war aufgeregt. Es war das erste Mal, dass ich vor so vielen Menschen auftrat und das tun konnte, was ich liebte. Der Balken war hoch über dem Boden aufgestellt. Er war meine Bühne. Meine Tanzfläche, auf der ich endlich beweisen konnte, was ich all die Jahre gelernt hatte. Und ich fühlte mich gut dabei. Sicher.
Ich setzte ein Lächeln auf, während der goldene Schmuck an meinem dunkelblauen Tanzkleid klimperte. Meine Haare waren zu einem hohen Zopf gebunden und ein Kopfschmuck zierte mein Haupt. Die Armbänder, an denen die glänzenden Schlaufen hingen, flatterten im Wind.
Über mir funkelten die Sterne, da sie für das Bankett die Kuppel geöffnet hatten.
Mein Herz hämmerte vor Aufregung gegen die Brust, doch ich fürchtete mich nicht. Wie oft waren meine Füße über den Balken getänzelt? Wie oft hatte ich auf ihm Umdrehungen vollführt? Wie oft hatte ich den Luftzug in meinen Haaren gespürt?
Also machte ich den ersten Schritt und schwang die Arme mit. Die Bänder klatschten, zogen Kreise in der Luft und ich konnte die leichte Magie in ihnen spüren, die sich meinen Bewegungen anpasste. Ich beugte, streckte und krümmte mich. Alles in einer Abfolge, die den Zuschauern erstaunte Rufe entlockten. Sie waren gefesselt von meiner Darbietung, der Kunst, die ich ihnen mit all meiner Leidenschaft präsentieren wollte.
Und dann tauchten die Feuerreife vor mir auf. Sie wurden von einem assistierenden Primagis erschaffen, mit dem ich, seit einer Woche geübt hatte. Durch das harte Training hatte ich Blasen bekommen, da meine Schnürschuhe nicht richtig saßen. Aber es war mir egal. Dieser Auftritt musste perfekt werden.
Wunden heilten. Mein Versagen könnte ich nie wieder rückgängig machen. Dies war vielleicht meine einzige Chance, endlich von anderen gesehen zu werden.
Ich sprang. Anmutig. Entschlossen. Willensstark. Die Umdrehung war tadellos. Ohne jeglichen Fehler.
Aber es reichte nicht. Es reichte nicht, weil mein Körper zu schwach war.
Licht. Schmerz. Dann ein Sturz in die Tiefe.
Und meine Welt wurde schwarz.
Ich schreckte hoch.
