Das Geheimnis einer Familie - Viola Maybach - E-Book

Das Geheimnis einer Familie E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Das ist sie«, sagte Milo Preusse zu seinem Freund Ben Wedeking. Seine Stimme klang belegt, er war stehen geblieben. »Wer ist was? Wovon redest du?« Notgedrungen war auch Ben stehen geblieben, obwohl er lieber weiter die ausgestellten Bilder angesehen hätte. Er hatte Milo fast mit Gewalt zu dieser Ausstellungseröffnung geschleppt, da er fand, sein Freund müsse mehr unter Menschen. In letzter Zeit war er ja beinahe zum Stubenhocker geworden! »Da vorn, die Frau«, erwiderte Milo, als sei damit alles geklärt. Ben folgte seinem Blick. Etwa fünf Meter von ihnen entfernt stand eine dunkelhaarige Frau in einigem Abstand vor einem großformatigen Bild. Den Kopf mit den langen dunklen Haaren hatte sie in den Nacken gelegt, ihr Mund war etwas geöffnet. Sie sah aus, als träumte sie mit offenen Augen. Ihre Haltung wirkte entspannt, ihre Umgebung schien sie nicht wahrzunehmen. Sie war wie eingesponnen in ihrer eigenen Welt. Und seltsam: Die Leute machten vorsichtig einen Bogen um sie, niemand rempelte sie an oder forderte sie auf, sich doch bitte so hinzustellen, dass sie nicht allen anderen im Weg stand. Jeder, der auch nur einen Blick auf sie warf, hatte plötzlich ein Lächeln im Gesicht und schlich dann beinahe auf Zehenspitzen um sie herum oder an ihr vorbei und bemühte sich, ihr, wenn überhaupt, nicht länger als unbedingt nötig die Sicht auf das Bild zu verdecken. Ben musste nicht noch einmal nachfragen, was Milo mit seiner Aussage gemeint hatte, er konnte es sich denken. Er wusste nur nicht, was er davon halten sollte.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der neue Dr. Laurin – 49 –Das Geheimnis einer Familie

Friedas und Milos Glück ist bedroht!

Viola Maybach

»Das ist sie«, sagte Milo Preusse zu seinem Freund Ben Wedeking. Seine Stimme klang belegt, er war stehen geblieben.

»Wer ist was? Wovon redest du?«

Notgedrungen war auch Ben stehen geblieben, obwohl er lieber weiter die ausgestellten Bilder angesehen hätte. Er hatte Milo fast mit Gewalt zu dieser Ausstellungseröffnung geschleppt, da er fand, sein Freund müsse mehr unter Menschen. In letzter Zeit war er ja beinahe zum Stubenhocker geworden!

»Da vorn, die Frau«, erwiderte Milo, als sei damit alles geklärt.

Ben folgte seinem Blick. Etwa fünf Meter von ihnen entfernt stand eine dunkelhaarige Frau in einigem Abstand vor einem großformatigen Bild. Den Kopf mit den langen dunklen Haaren hatte sie in den Nacken gelegt, ihr Mund war etwas geöffnet. Sie sah aus, als träumte sie mit offenen Augen. Ihre Haltung wirkte entspannt, ihre Umgebung schien sie nicht wahrzunehmen. Sie war wie eingesponnen in ihrer eigenen Welt. Und seltsam: Die Leute machten vorsichtig einen Bogen um sie, niemand rempelte sie an oder forderte sie auf, sich doch bitte so hinzustellen, dass sie nicht allen anderen im Weg stand. Jeder, der auch nur einen Blick auf sie warf, hatte plötzlich ein Lächeln im Gesicht und schlich dann beinahe auf Zehenspitzen um sie herum oder an ihr vorbei und bemühte sich, ihr, wenn überhaupt, nicht länger als unbedingt nötig die Sicht auf das Bild zu verdecken.

Ben musste nicht noch einmal nachfragen, was Milo mit seiner Aussage gemeint hatte, er konnte es sich denken. Er wusste nur nicht, was er davon halten sollte. Milo war kein Mann, der sich mal eben im Vorbeigehen für eine Frau interessierte. Er prüfte Menschen, bevor er sie in sein Leben ließ, das galt für Freundschaften wie Liebesbeziehungen gleichermaßen.

Ben musste es wissen, denn Milo und er waren wirklich gute Freunde geworden, so sehr sie sich auch voneinander unterschieden, und das in jeder Hinsicht. Milo war groß und schmal, seine dunkelblonden Haare waren dicht und ziemlich lang, sein Gesicht wurde von den klugen blauen Augen und einem markanten klassischen Profil beherrscht. Er war ein Mann, nach dem sich die Frauen umsahen, was er selbst kaum wahrzunehmen schien. Er war eher ernst, trotzdem durchaus umgänglich, wobei er die Gesellschaft anderer nicht unbedingt suchte. Er war nicht direkt ein Einzelgänger, aber er beschrieb sich selbst mit den Worten: »Ich kann gut allein sein.«

Ben hingegen blühte erst in Gesellschaft richtig auf. Er war einen Kopf kleiner als Milo, hatte einen runden, kompakten Körper und ein ebenso rundes, angenehm anzusehendes Gesicht. Ihm gingen zu seinem Leidwesen bereits die dünnen blonden Haare aus, aber selbst das nahm er mit Humor. Da er fast immer guter Dinge war, hatte er einen großen Freundeskreis und wurde überall gern gesehen. Er war jedoch mit niemandem so gut befreundet wie mit Milo, was er manchmal, wenn Milo seine schweigsamen Tage hatte, selbst nicht verstand. Aber sie stritten sich nie, konnten über alles miteinander reden und sich hundertprozentig aufeinander verlassen, und das wussten sie beide zu schätzen.

»Willst du sie ansprechen?«, fragte Ben, obwohl er wusste, dass das eine abwegige Frage war. Natürlich würde Milo die Frau nicht ansprechen, so etwas tat er nicht, hatte er noch nie getan.

»Ja«, antwortete Milo. »Du brauchst nicht auf mich zu warten, ich schätze, ich werde mich ziemlich lange mit ihr unterhalten. Tut mir leid, Ben, bitte, sei nicht böse, ich weiß, wir hatten andere Pläne …«

»Kein Problem«, erwiderte Ben, seine Überraschung verbergend, und meinte es auch so. »Wir können ja später mal telefonieren.«

»Heute sicher nicht mehr«, sagte Milo und setzte sich in Bewegung.

Ben war fassungslos, aber nicht gekränkt. Als er sah, wie sein Freund langsam auf die Frau vor dem großen Bild zuging, mit leicht hochgezogenen Schultern, wurde ihm bewusst, wie bedeutsam dieses Ereignis für ihn sein musste, und er war froh, dass er es miterleben durfte, wenn auch nur aus der Entfernung.

Dann jedoch entschied er sich anders. Er war hier, um sich die Bilder der Ausstellung anzusehen, und genau das würde er jetzt tun, statt heimlich Milo und die Dunkelhaarige zu beobachten. Es war bestimmt viel schöner, sich später von ihm erzählen zu lassen, wie es gewesen war, eine Frau anzusprechen, von der er zuvor gesagt hatte: »Das ist sie.«

Ben lächelte in sich hinein. Auf dieses Gespräch mit dem besten Freund, den er jemals gehabt hatte oder haben würde, freute er sich schon jetzt.

*

Frieda Zeller konnte sich von dem Bild nicht losreißen, obwohl sie nicht einmal wusste, was genau sie daran so faszinierte. Es war ein abstraktes Gemälde mit großen ruhigen Farbflächen, die von kleineren, sehr bewegten unterbrochen wurden. Sie wanderte mit den Augen über das Bild, verharrte hier und da, ließ auf sich wirken, was sie sah und den Blick erst dann weiterwandern. Eine große Ruhe ging von dem Bild aus, das wirklich riesig war: mehr als drei Meter lang, zwei Meter hoch. Wenn jemand es erwerben wollte, musste er also eine sehr große Wohnung mit leeren Wänden haben. Aber eigentlich war Frieda ohnehin der Ansicht, dass solche Bilder in Museen gehörten, damit möglichst viele Menschen sie betrachten konnten.

Sie seufzte leise. Wenn sie doch nur ›ihre Kinder‹ durch diese Ausstellung führen und mit ihnen über das reden könnte, was es hier zu sehen gab! Sie unterrichtete Kunst und Mathematik an einem Gymnasium, und sie tat es gern, denn sie liebte nicht nur ihre beiden Fächer, sondern auch ihre Schülerinnen und Schüler – zumindest diejenigen von ihnen, die sie mit ihrem Unterricht erreichte. Es gab natürlich auch die anderen, die sich weder für Kunst noch für Mathematik interessierten, mit denen war es schwer, jedenfalls mit den meisten von ihnen. Einige sagten aber auch: »Ihr Unterricht ist gut, Frau Zeller, nur nicht für mich.« Das fand sie dann wieder so nett, dass sie Hoffnung schöpfte, im Laufe der Zeit vielleicht doch noch ein paar der Uninteressierten vom Sinn ihrer Fächer überzeugen zu können.

Jemand stellte sich neben sie, sie rückte unwillkürlich ein Stück zur Seite. Natürlich hatte sie kein Alleinrecht auf dieses Bild, obwohl sie jetzt schon eine ganze Weile davorstand und bislang tatsächlich alleingeblieben war. Erst jetzt fiel ihr auf, wie merkwürdig das war – dieses tolle Bild musste doch auch andere Leute ansprechen!

Sie warf einen Blick zur Seite, der jedoch nicht erwidert wurde. Der Mann war etwa in ihrem Alter, er sah so gut aus, dass es sie normalerweise misstrauisch gemacht hätte, aber er wirkte nicht, als interessierte er sich mehr für sie als für das Bild. Sein Gesicht war ernst, der Blick, den er auf das Bild richtete, konzentriert. Es freute sie, als sie zu bemerken glaubte, dass er ähnlich beeindruckt war wie sie selbst.

Bevor sie sich wieder der Betrachtung des Werks zuwenden konnte, fragte er jedoch überraschend, ohne den Kopf zu wenden: »Was erkennen Sie, wenn Sie das Bild ansehen?«

»Ruhe und Bewegung«, antwortete sie ohne zu zögern. Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, seine Frage zu überhören oder nicht darauf zu antworten. »Ich kann mit den Augen auf dem Bild spazieren gehen, komme zur Ruhe, fühle mich aber auch angeregt, nicht allzu lange stehen zu bleiben, sondern mich vorwärtszubewegen. Ich mag die Farben, und ich mag die Aufteilung. Und auch, dass es so groß ist, gefällt mir. Ich wünschte, ich könnte auch einmal auf einer so großen Leinwand arbeiten.«

»Sie malen«, stellte er fest.

»Ja. Sie auch?«

»Ich bin in der Hinsicht völlig unbegabt, leider. Aber ich muss ständig Bilder beurteilen. Ich arbeite in einem Bilderbuchverlag.«

»Oh!«, sagte Frieda. »Ich unterrichte unter anderem Kunst. Das ist, wie man so sagt, mein Brotberuf, aber zum Glück macht er mir auch Spaß, und er ernährt mich wirklich gut. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich vielleicht doch …«

»… nur noch malen?«

»Das dachte ich bis vor kurzem, aber ich bin nicht mehr sicher. Mittelmäßige Malerinnen und Maler gibt es genug, und ich glaube, ich bin als Malerin gewiss kein Genie, aber als Lehrerin bin ich wenigstens nicht mittelmäßig, sondern eher gut. Klingt das eingebildet?«

»Für mich überhaupt nicht. Es klingt angenehm selbstkritisch und gleichzeitig selbstbewusst.«

»Außerdem habe ich Kinder und Jugendliche sehr gern, es gefällt mir, jeden Tag mit ihnen zu tun zu haben. Sie sind so … so anregend. Ständig haben sie Ideen, die die meisten Erwachsenen sich längst ausgetrieben haben, weil sie so sehr vom Ernst des Lebens in Anspruch genommen werden.« Sie seufzte. »Das ist sehr schade, finde ich.«

»Unterrichten Sie nur Kunst?«

»Nein, mein zweites Fach ist Mathematik. Zum Glück, sonst würde ich nicht ernstgenommen. Kunst ist immer noch ein Fach, das viele Lehrer, Schüler, Eltern leider für mehr oder weniger überflüssig halten. Auch das sehe ich als meine Aufgabe an: diese Einschätzung zu ändern.«

Frieda fragte sich, wie es zu diesem Gespräch gekommen war. Wenn sie Bilder ansehen wollte, ging sie normalerweise jedem Gespräch aus dem Weg, und jetzt stand sie hier und unterhielt sich mit einem Mann über ihre Berufsauffassung, der den Blick stur nach vorn auf das Bild gerichtet hielt, das sie in dieser Ausstellung am beeindruckendsten fand!

Im selben Moment wandte der Mann sich ihr zu. »Ich bin Milo Preusse«, sagte er so ernst, dass sie das winzige Lächeln in seinen blauen Augen beinahe übersehen hätte, als sie sich ihm ebenfalls zuwandte.

»Frieda Zeller«, erwiderte sie.

»Es freut mich sehr, dass wir uns vor diesem Bild kennengelernt haben, Frau Zeller.«

»Frieda«, sagte sie.

»Gern.« Dieses Mal lächelte er richtig, und im selben Moment setzte ihr Herzschlag kurz aus, zusätzlich wurde ihr beinahe schwindelig, denn sie bekam auch nicht mehr genug Luft. Immerhin schaffte sie es, das Lächeln zu erwidern, obwohl sie sich wie betäubt fühlte.

Eine halbe Stunde später saßen Milo und sie im Museumscafé und erzählten einander ihr Leben.

*

»Frau Morgenstern?«, fragte Leon Laurin mit hochgezogenen Augenbrauen, als ihm Moni Hillenberg die Liste der Patientinnen vorlegte, die an diesem Tag für seine gynäkologische Sprechstunde angemeldet waren. »Alma Morgenstern? Oder ihre Enkelin?«

»Nein, nein, nicht die Enkelin, Alma Morgenstern. Sie hat angerufen und dringend um einen Termin für heute gebeten, und da sie ja schon lange zu Ihnen kommt, dachte ich, es wäre in Ordnung, sie kurzfristig einzuschieben.«

»Das ist es auch, vielen Dank«, sagte Leon.

Als Moni Hillenberg gegangen war, seufzte er. Alma Morgenstern war in der Tat schon lange seine Patientin, aber erst in jüngster Zeit hatte er Einblicke in ihr Leben gewonnen, auf die er lieber verzichtet hätte. Die alte Dame war sehr vermögend, und sie hatte, nach dem frühen Unfalltod ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, ihre Enkelin Daisy bei sich aufgenommen. Diese junge Frau war zurzeit noch bei Leons Frau Antonia in der Praxis als Aushilfe angestellt, weil Daisy beschlossen hatte, nicht länger bei ihrer Großmutter zu wohnen, sondern sich selbst um ihren Lebensunterhalt zu kümmern.

Sie war hübsch und klug und, wie Antonia und Leon jetzt wussten, in großer Einsamkeit aufgewachsen: Ihre Großmutter hatte zwar für ihr leibliches Wohl gesorgt und sie in ihrem Haus wohnen lassen, sie aber in emotionaler Hinsicht, so hart musste man das wohl ausdrücken, regelrecht verhungern lassen.

Alma Morgenstern, so sah Leon es jetzt, war eine gefühlskalte Frau, die ihr Leben nach dem Tod ihres einzigen Sohnes einfach so weitergeführt hatte wie zuvor. Daisy war vor allem von Almas Köchin Lina betreut worden – oder von wechselnden, mehr oder weniger liebevollen Erzieherinnen, während ihre Großmutter weiter das getan hatte, was sie am liebsten tat: Sie war in möglichst weit entfernte Länder gereist und oft wochenlang unterwegs gewesen.

Bei ihrem letzten Besuch in Leons Praxis hatte er ihr deutlich gemacht, wie er ihre Rolle in Daisys Leben beurteilte, und eigentlich war er davon ausgegangen, dass er die herrische alte Dame dadurch für immer als Patientin verloren hatte.

Er würde ihr nicht nachtrauern, gestand er sich ehrlich ein, ohnehin hatte er eher zu viel als zu wenig zu tun. Er war ja nicht nur Gynäkologe, sondern auch Chirurg, und zudem leitete er die Kayser-Klinik, seitdem sich sein Schwiegervater, Professor Joachim Kayser, in den Ruhestand verabschiedet hatte.

Dieser hatte der Klinik den Namen gegeben, den sie noch immer trug. Sonst jedoch hatte Leon vieles verändert. Er war ein anderer Typ als Joachim Kayser, er setzte auf Zusammenarbeit, er hatte in die neueste Technik investiert, einen weiteren Flügel angebaut, in dem jetzt unter anderem Antonias Praxis untergebracht war, die mit der Klinik eng zusammenarbeitete – und nicht zuletzt hatte er dafür gesorgt, dass es wieder eine Klinik-Küche gab, die sogar von einem ehemaligen Sternekoch geleitet wurde. Das war, sagte er höchstens teilweise scherzhaft, sein größter Erfolg, und es stimmte: Das gute Essen trug eindeutig dazu bei, dass sich die Patientinnen und Patienten in der Kayser-Klinik schneller als anderswo erholten. Und natürlich dankten es ihm die Angestellten, die geradezu begeistert waren von der Möglichkeit, an ihrem Arbeitsplatz ein nicht nur gesundes, sondern auch äußerst schmackhaftes Essen äußerst preiswert zu sich zu nehmen.

Als Alma Morgenstern hereinkam, begrüßte er sie höflich, aber deutlich zurückhaltend. Er hatte von seiner Kritik an ihr nichts zurückzunehmen, das wollte er ihr schon zeigen. Aber wenn sie ärztliche Hilfe brauchte, würde er ihr diese selbstverständlich nicht verweigern.

»Haben Sie Beschwerden, Frau Morgenstern?«, fragte er also.

»Ja«, antwortete Alma Morgenstern mit unbewegtem Gesicht. Sie war elegant gekleidet wie immer, das Make-up war so perfekt wie ihre Frisur, dennoch erkannte Leon, dass die Ereignisse der letzten Zeit nicht spurlos an ihr vorübergegangen waren. Ihr Gesicht war spitzer geworden, die Wangen wirkten eingefallen, und trotz des Make-ups sah seine Patientin elend und krank aus.