Das Geheimnis von Runkel - John Ullmann - E-Book

Das Geheimnis von Runkel E-Book

John Ullmann

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Beschreibung

In seinem Tagebuch über seinen Urlaub auf dem flachen Lande in Runkel bei seinem Onkel Franz und seiner Tante Klara schildert Florian Hagelkorn seine verhängnisvollen Liebesabenteuer und die Erforschung der geheimnisvollen Erscheinung von "Hans das Pferd". Erhaben über den Aberglauben und die Furcht der Runkler Landbevölkerung vor "Hans das Pferd" versucht er hinter das Geheimnis des mysteriösen Treibens zu kommen. Doch am Ende wird sein Forscherdrang nach der Wahrheit über "Hans das Pferd" zu seinem persönlichen Verhängnis. Romantik pur, ganz im Sinne und Stil von des Knaben Wunderhorn, ein Drahtseilakt zwischen Kunst und Kitsch am Hochseiltrapez über dem jähen Abgrund von "Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung".

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Seitenzahl: 97

Veröffentlichungsjahr: 2015

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„Es gibt mehr Ding` im Himmel und auf Erden

als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“

W. Shakespeare, Hamlet

Impressum

Das Geheimnis von Runkel

John Ullmann

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright: © 2015 John Ullmann

ISBN 978-3-7375-3136-8

Runkel, den 1. August

Runkel, ich grüße Dich!

Da bin ich wieder, schaue hinab ins Tal, wo sich zwischen sieben Hügeln eingekuschelt Häuschen an Häuschen um den schützenden Kirchturm schart, wie im Spielzeugland meiner Kindheitsträume.

Runkel, du des Vaterlands schönstes Örtchen, so viel ich sah, lang liebe ich dich schon, möchte dich zur Ehr` als meine heimatliche Braut erheben und dir mit meinem Diarium ein poetisch Gedenk widmen, um damit auf ewig um deine Gunst und Lieb` zu buhlen.

Hier ist gut weilen, wo man lebt so vor sich dahin und daher auf Gottes unverdorbenem Erdboden, ohne an morgen zu denken, als wäre es immer gestern und heute nur ein Traum.

Oh, heiles Kleinod meiner Zuflucht!

Dies ist also meine ersehnte Idylle, meine Insel der Ruhe zur inneren Wiederfindung meines verlorenen Ichs nach den alles verzehrenden Anstrengungen meines erfolgreich bestandenen Maturums, mein auserwähltes Paradies, weit weg von der Hektik der Stadt, jenseits des janusköpfigen Dämons ihrer al-les übermannenden Technik und überbordenden Geschäftigkeit.

Hier auf dem Lande, wo die Natur mit ihrer seit Ewigkeit bewährten Erfahrung regiert, wo Gottes Mühlen langsam aber beständig mahlen, werde ich neue Kräfte sammeln und Ideen schöpfen für mein anschließendes Studium der Medizin und dieser neumodernen Wissenschaft von der Seele, der Psychologie, letzteres zum Leidwesen meiner gestrengen Eltern, die darin eher einen Frevel sehen und mich am liebsten auf die theologische Fakultät schickten, wogegen ich mich natürlich strikt verwehre, trotz meiner anerzogenen Frömmigkeit.

Ich haben den bereits wieder abdampfenden Zug verlassen, stehe mit meinen Koffern und dem Geigenkasten wie verwaist auf der einsamen Haltestelle von Runkel und schicke mich an den Rest des Weges zu Fuß zu gehen, als auch schon mein Onkel mit seinem aufgeputzten Einspänner in der Biegung des Hohlwegs auftaucht.

„Willkommen in Runkel!“, schallt es mir lauthals entgegen, „Ein richtiger Kerl ist aus dir geworden, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben, Florian.“

Ja zehn Jahre ist es schon her, als ich das letzte Mal hier gewesen war. Wie die Zeit vergeht.

Erschöpft von der langen Reise in diesem ungemütlichen Bummelzug, der nur die Holzklasse aufwies, sitze ich neben Onkel Franz in der „Chaise“, wie er teils liebevoll und teils abfällig von seinem Einspänner spricht, die nun über den ausgefahrenen Weg mehr hoppelt als fährt. Grillen zirpen ihr schrilles Konzert durch fruchtbare Wiesen und Felder. Vom Dorf her läutet die Abendglocke und ruft das Landvolk von der Feldarbeit zum wohlverdienten Abendmahl am heimischen Herd.

Wir passieren die Wäscherei und Bleiche, die mit der darauffolgenden Brennerei und Küferei den Vorposten des Dorfes bilden.

Aus dem Schornstein des Wäschereigebäudes quillt eine riesige Dampfwolke, als herrsche zu solch später Stunde noch Hochbetrieb. Die auf dem Rasen der Bleiche ausgelegten Linnen blenden im rötlichen Abendlicht wider.

Von der Küferei zieht ein leicht bissiger Schwefelgeruch herüber. Eine Unzahl alter und neuer, teils und ganz fertiger Fässer in allen Größen lagern auf dem Umfeld der Werkstatt.

Wie man aus dem Fehlen der Leitungsdrähte wohl schließen darf, besitzt die Wäscherei noch die Küferei und die Brennerei elektrischen Stromanschluss. Bestimmt holt die Wäscherei ihr Wasser noch aus dem eigenen Brunnen.

Als wir die Brennerei passieren klopft Onkel Franz sich an die Brust seines Wams`, aus dem er seinen blechernen Flachmann zieht und der Brennerei zuprostet, bevor er sich einen genehmigt.

Bei meinem letzten Besuch wurde gerade die Wasserleitung im Ort verlegt. Es war ein richtig festliches Ereignis, als meine Tante zum ersten Male den Wasserhahn in der Küche öffnete. Alle im Haus staunten über diese kommende Neuerung, und Onkel Franz vergatterte jeden dazu, damit sorgfältig und pfleglich umzugehen.

„Dass ihr mir ja nicht den Hahn zu kräftig zudreht und dadurch die Dichtung beschädigt!“

Wir erreichen den Ort. Schon von Weitem erkenne ich jedes Haus und jeden Hof. Die sauber getünchten Fachwerkfassaden sind eine Augenweide für die vom schmutzigen Grau getrübten Augen des Städters. Ein jedes Häuschen hat geradeso wie sein Besitzer sein eigenes Gesicht. Aus den Höfen duftet der streng herbe Geruch des dampfenden Mists und stellenweise läuft auch noch die trübe Jauche ungehindert auf die Straße. In Runkel scheint sich in den letzten Jahren aber auch gar nichts verändert zu haben, als sei hier die Zeit stehen geblieben.

Auf der linken Seite kommt das Milchhäuschen, wo sich die Dorfjugend zum allabendlichen Milchabliefern mit anschließendem Stelldichein einfindet. Hier wurde schon so mancher Bund für`s Leben in Runkel in die Wege geleitet.

Neugierige Blicke treffen mich, teils von einem freundlichen Lächeln, teils von unbehaglichem Verdruss gekennzeichnet. An den einen und die andere kann ich mich sofort erinnern und winke zum Gruß.

Schon bei meinem letzten Besuch vor zehn Jahren war ich ein vielfach bestaunter Fremdling hier. Anfangs mag man sich noch gebauchpinselt fühlen, doch mit der Zeit kann es auch lästig werden, wenn man von den alteingessenen Runklern ständig als ungebetener Urian in ihrem inzüchtigen Revier betrachtet wird.

Wir überqueren den Kirchenplatz und weiter geht`s am Goldenen Ochsen vorbei, aus dem das derbe Gegröle und das Aufdonnern von Spielkarten aufschlagenden kräftigen Händen auf dem Stammtisch dringen. „Die können auch nur dem Herrgott den lieben Tag stehlen, das Lumpenpack“, meint mein Onkel Franz nur dazu.

Gleich sind wir da. Tante Klara winkt uns schon vom Küchenfenster aus zu. „Ein feiner Stadtschnak unser junger Herr!“, empfängt sie mich und setzt mir einen schmatzend feuchten Begrüßungskuss auf die Wangen, rechts und links.

Während ich das Gastmahl zu mir nehme, kernige Griebenwurst mit Sauerkraut und einem Ranken Brot, richte ich die Grüße meiner Eltern aus und berichte von den vielen langweiligen Familienereignissen während der letzten trennenden Jahre, die von meiner Tante mit erwartungsvoller Neugier verfolgt werden.

Mein Onkel hingegen interessiert sich heftig für das große Planetarium, das man vergangenes Jahr bei uns in der Stadt gebaut hat. Doch sein Interesse gilt, wie mir scheint, wohl weniger der Astronomie, wie er gerne vorgeben möchte, als vielmehr der Astrologie oder wenn ich dies präzisieren möchte, den außerirdischen Lebewesen und Lebensformen auf dem Mars, die, wie er meint, unser Leben hier ständig beeinflussen, da sie uns weit voraus und überlegen sind. Er kennt fast alle angeblichen Marskanäle mit Namen.

Nun denn, ich will nicht schulmeistern und Anstand vor Wahrheit gelten lassen, wie es dem Benehmen als Gast geziemt und lenke das Gespräch in ihm vertraute Bahnen, wie ich zunächst annehme.

„Was ist eigentlich aus dem Hans vom Poltermülleranwesen geworden?“, frage ich meinen Onkel, erhalte aber keine Antwort darauf. Und es scheint mir gar so, als spiele er bei meiner Frage bewusst den Abwesenden. Der Hans, der kam ihm ja bekanntlich auch früher nicht ganz koscher vor, aber gerade das war es und ist es, was mich an diesem „schrägen Vogel“, wie er immer abfällig vom ihm sprach, gereizt hat.

Tante Klara erhebt sich und räumt nervös Gläser und Krug vom Tisch. „Der hat`s in sich, mein Lieber“, meint sie mit besorgter Stimme, „Unser Vater Most bringt den stärksten Mann ins Schwanken.“ Und Onkel Franz nickt mit dem bescheidenen Lächeln des Geschmeichelten.

„Da bin ich anderes gewohnt“, entgegne ich selbstbewusst, obwohl mir meine Augenlider immer schwerer werden, was jedoch eher von den Strapazen der beschwerlichen Reise als von Onkel Franz` anerkannt guten Mosts herrühren dürfte.

Es wird Zeit. Ich empfehle mich.

Tante Klara weist mir meine Kammer. Das Bett, wie eine riesige Schiffschaukel, und der wuchtige Eichenschrank beherrschen den Raum.

Das Fenster, umgeben von den schon leicht vergilbten Stores, blickt auf den Hof.

Die elfenbeingelackte Wäschekommode ziert das dort abgestellte, blankgeputzte Nachtgeschirr aus blütenweißer bauchiger Keramik mit der dazu passenden wuchtigen Waschschüssel und dem Wasserkrug, die ich aber nur des Abends benutzen werden, da ich es des Morgens vorziehe mich unten am Hofbrunnen zu waschen, um nicht den immer noch einzigen Wasserhahn in der Küche zu benutzen.

Ich räume meinen Koffer aus und richte mich für meinen Aufenthalt ein.

„Warum haben wohl mein Onkel und meine Tante auf meine Frage nach Hans vom Poltermülleranwesen so ausweichend und nervös reagiert?“, geht es mir noch durch den Kopf, während ich mich bettfertig mache, denn Hans ist zweifellos ein wesentlicher Grund für meinen Besuch hier und ein entscheidender Anstoß zu meinem geplanten Studium dieser noch jungen Wissenschaft der allgemeinen und ganzheitlichen Naturheilkunde, die den Menschen als natürliche Einheit von Kör-per, Geist und Seele betrachtet.

Dann falle ich vor Müdigkeit ins Bett.

„Gute Nacht!“

Runkel, den 2. August

„Poch! Poch! Poch!“, so klopft es in aller Herrgottsfrühe an meine Kammertüre.

„Guten Morgen! Auf geht`s junger Herr!“, vernehme ich im Unterbewusstsein die rege Stimme meiner Tante, während ich noch wie ein Faultier quer durch das Schlaraffenland meiner Träume schnarche und vor Schreck beinahe aus meiner Nachtschaukel kippe.

„Übereifriges Landvolk“, denke ich mir und drehe mich erst noch einmal auf die andere Seite, um den durchs Fenster hereinbrechenden Sonnenstrahlen zu entfliehen. Wie kann man nur so gefühllos sein und einen friedlich Schlafenden aus seinem wohlverdienten Himmelreich unversehens und ohne behutsame Vorwarnung in diese raue Welt zurückrufen. Welch Zeugnis der Unhöflichkeit und Ungebildetheit muss ich doch meiner sonst so liebenswürdigen Tante ausstellen. Sollte sie denn noch gar nichts von der größten und edelsten aller Künste, der Lebenskunst, gehört haben?

Wenn Kultur einen Anfang hat, dann hier. Aber es ist nur der Anfang und da will ich ja auch nicht stehen oder liegen bleiben, zumal der Mensch ein Drittel seines ohnehin kurzen Lebens glatt verschläft, ein Drittel durch Arbeit für andere vergeudet und das klägliche letzte Drittel damit verbringt, um über die Nutzlosigkeit der ersten zwei Drittel zu debattieren und kritisieren.

„Also nutzte die Zeit oder wie unser Lateinlehrer immer anmerkte „carpe diem“, in guten deutschen Worten „pflücke den Tag“, sage ich mir, reiße mich zusammen und dann hoch.

Das wäre geschafft!

Der erste Tag in Runkel.

Ich ziehe mir das Nachtgewand vom Leibe und springe splitterfasernackt durchs Haus auf den Hof, greife den Wassereimer und stülpe ihn mir vom Kopf abwärts über.

„Brrrrr“, herrlich abscheulich, wie das Wasser über meinen Körper gleitet, Haut und Haare benetzt und mit seiner erfrischenden Kühle aufmunternd prickelt.

Die fromme Tante Klara fällt beinahe vor Schreck vom Balkon, als sie mich in meiner paradiesischen Blöse entdeckt, während Onkel Franz nur dazu lacht und den Kopf schüttelt.

Ich habe meinen Landanzug angezogen und eile zum Frühstück. Alle warten schon auf mich. Onkel Franz spricht das Tischgebet. Dann kann`s losgehen.

Dampfender Kaffee, noch ofenwarme Brötchen, Butterbrezeln, Schneckennudeln, Eier, Käse und Marmelade, kurzum, alles was mein Herz zu solch früher Stunde begehrt, wartet darauf verzehrt zu werden.

Tante Klara gibt sich wirklich Mühe mit mir und weiß meine Anwesenheit fürwahr zu schätzen.

Hinten auf der langen Eckbank in der Küche sitz das Gesinde bei einer riesigen Keramikschüssel mit dampfender Milch, in die jeder abwechselnd seinen Ranken Brot eintaucht, abtropfen lässt und dann abschlürft und hinunterschlingt. Schon bei meiner Ankunft zollten sie mir ihre ganze Hochachtung. Insbesondere Eusebia, die Hausmamsell, ist ständig eifrig um mein Wohlbefinden besorgt, was mir schon bei meiner Ankunft als lästig auffiel.

Am Morgen kundschafte ich das gesamte Anwesen aus, inspiziere den Kuh-, Schweine- und Hühnerstall und komme mir dabei wie der heilige Franziskus vor. Alles fast noch wie damals. Nur die Tiere haben gewechselt. Besonders fällt mit dabei auf, dass der freche rote Gicker durch einen stolzen Hahn ersetzt wurde. Hasso, der Schäferhund, wie mir Onkel Franz schon gestern berichtete starb vor drei Jahren an der Staupe. An seine Stelle ist jetzt Gargamel, eine hünenhafte Dogge, getreten.