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Impressum
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Epilog
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
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Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-3396-5
ISBN e-book: 978-3-7103-3399-6
Umschlagfoto: Michaela Hössinger
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
PROLOG
Dursey Island, Irland, Jänner 1602
Die Engländer waren überall und kannten keine Gnade, weder für Alte, Frauen noch Kinder. Ihre Mission schien, alles auszulöschen, damit sich nie wieder jemand aus ihren Reihen gegen sie erheben konnte.
Brianna O’Sullivan hörte die Schreie und den Lärm des Kampfes. Sie drückte ihre beiden Töchter eng an sich und suchte den einzigen Weg, der ihnen noch blieb, um ihr Leben zu retten. Sie spürte ihre Cousine Dee in ihrem Rücken. Dee hielt angespannt den Dolch vor ihren Körper, jederzeit bereit, auf was immer sie verfolgen sollte, einzustechen.
Mit ihrem Fingern machte Brianna ihren Töchtern klar, dass sie keinen Mucks von sich geben durften. Flink suchten ihren Finger die Stelle in der Mauer, die den geheimen Gang verbargen. Die kühle Luft vom Meer vermittelte einen trügerischen Weg in die Sicherheit der Nacht, als sich der verborgene Weg öffnete. Es blieb nicht viel Zeit.
Rasch verschmolzen sie mit den Schatten der Nacht und Brianna schloss den Eingang. Mit einem kurzen Spruch bat sie das kleine Volk den Eingang zu verbergen und um ihren Schutz. Es durfte ihnen niemand folgen, denn der Weg war eine Sackgasse. Der Schmerz der vielen Freunde und Wegbegleiter, die sie ihrem Schicksal überlassen mussten, bohrte sich grauenhaft in ihr Herz und erneut erhob sich der Zorn auf Aidan, der sie im Stich gelassen hatte.
Sie hatte ihn angebettelt, ihn angefleht, doch ohne zurückzublicken, hatte er erneut die Segel gesetzt. Sie hatte das Dunkel kommen sehen. Seit Wochen fraß es sich durch ihre Seele, ohne es richtig benennen zu können. Nun war es zu spät. Ihre Leute starben. Die Nacht war über Dunboy Castle gekommen.
Vier Tage später wagte sich Brianna mit Dee zurück an die Oberfläche. Sie konnten nicht länger in dem kleinen Raum unter der Burg bleiben. Die Flut würde jeden Tag in den unterirdischen Gängen höher steigen. Sie brauchten Nahrung und eine trockene Behausung. Die Tür öffnete sich nur einen Spalt und Brianna horchte angespannt nach draußen. Doch dort wartete nur eine gespenstische Stille. Kein Leben war zu hören. Auf ein Zeichen stemmte sich Dee mit Brianna gegen die schwere verborgene Tür und nur langsam glitt sie schleifend auf.
Die Luft roch nach Rauch und verkohltem Holz. Vorsichtig wagten sie sich in die ehemals stolze Burg. Brianna hörte das Grollen eines herannahenden Gewitters. Die aufgeladene Luft entsprach ihrer Stimmung. Seit dem Angriff schwellte der Zorn in ihr und es schien, als könne sie ihn immer schwieriger bändigen. Sie fühlte, dass alle, wirklich alle, tot waren. Das Leben war von Dunboy Castle verschwunden. Der gutmütige Bryan und die herzliche Kathy würden sie nie wieder in die Arme schließen und ihren Töchtern die alten Geschichten erzählen. Eireen würde ihnen nie mehr ihren irischen Eintopf servieren, den schon ihre Mutter gekocht hatte. Der alte Sean würde ihr nie mehr zuzwinkern. Mit jedem Schritt, den sie durch die zerstörte Burg zurücklegte, kochte der Zorn in ihr hoch.
Sie hörte das Klagen von Dee hinter sich, die ihre Töchter beschützend an der Hand hielt. Wie hatte das geschehen können? Sie besaß Magie, nicht viel, aber sie hatte versucht, ihre Lieben zu schützen, zu heilen. Hatte ihre unerwünschte Gabe angenommen und Gutes getan. Aber ihre Gabe war nicht stark genug gewesen, dieses Grauen vorauszusehen. Und Aidan hatte sie im Stich gelassen.
Briannas Weg führte über den zerstörten Eingang zu den Klippen und dort wartete das Grauen, tief unter ihren Füßen. Zerschmetterte Körper in jeder Größe. Sie sah den roten Rock von Eireen und sie wusste, dass sie bis zum letzten Atemzug ihren kleinen Enkelsohn in den Armen geborgen hatte.
Brianna fühlte, wie der Zorn in ihr überkochte, und sie richtete ihn mit aller Macht gegen jenen Mann, den Vater ihrer Kinder, der nicht bei ihnen geblieben war. Wie oft hatte er beteuert, sie über alles zu lieben, sich zu wünschen, jeden Tag bei ihr und den Kindern zu sein. Dass der Tag kommen würde, doch er seiner Verpflichtung nachkommen müsse. Dass viele Menschenleben von der Erfüllung seiner Mission abhing, was immer das gewesen sein mag.
Brianna war es egal. Wie oft hatte sie auf den Klippen gestanden und auf seine Heimkehr gewartet. Wie oft hat ihr Herz wie wild zu schlagen begonnen, wenn sie seine Segel am Horizont sah. Jedes Mal hatte sie versucht ihm zum Bleiben zu bewegen. Hatte ihm gezeigt, wie sehr sie ihn brauchte. Doch es war nie genug.
„Aidan“, schrie sie in das beginnende Gewitter. Der Name schoss in ihrem Zorn wie ein Pfeil zum Himmel und tiefe Bitterkeit machte sich in ihrem Inneren breit.
„Aidan, ich verfluche dich. Aus tiefstem Herzen verfluche ich dich. Ich wollte deine Heimat sein, egal wo. Und nun sollst du nie wieder eine Heimat finden, egal wie oft du danach suchst, egal wie sehr du dich danach sehnst. Bis an jenem Tag, an dem ich dir vergebe, sollst du rastlos durch die Welt ziehen, in dem Bewusstsein, was du verloren hast.“
„Brianna, nicht“, versuchte Dee ihre Cousine aufzuhalten. Dee griff nach ihrem Arm, ließ ihn aber erschrocken los, als kleine Blitze auf ihre Haut trafen. Mit Furcht sah Dee auf Brianna. Ihre Augen schienen zu glühen. Das Grün ihrer Iris leuchtete wie ein Feuer und ihr rotgoldenes Haar knisterte.
„Brianna, nein“, flehte sie. „Du stürzt dich selbst ins Unglück.“
Dee liefen die Tränen über die Wangen, die sich mit dem beginnenden Regen vermischten. Die beiden Mädchen starrten verängstigt auf ihre Mutter. Doch es war zu spät. Die Worte waren ausgesprochen und ein Blitz gefolgt von einem donnernden Schlag schien die Erde zu zerreißen.
Der Fluch hatte bereits seinen Anfang genommen.
1
London, März 2020
Quinn Sanderson sah nachdenklich auf das Buch von Ryan, den einzigen Hinweis, den er ihm hinterlassen hatte. Er hatte keine Zeit, sich mit diesen ganzen Rätseln zu beschäftigen. Allmählich artete die ganze Sache zu einer Schatzsuche aus. Und er wusste, dass er nicht der Einzige war, der auf der Suche war.
Ryan hatte Kontakt zu dem Wissenschaftler Michael Braun gehabt, daran bestand kein Zweifel. Welche bahnbrechende Entdeckung hatte Braun gemacht, dass Menschen deswegen verschwanden oder starben? Offensichtlich hatte Ryan Zugang zu den Daten gehabt, was auch immer sie wertvoll machten, sie waren verschwunden wie Dr. Braun. Hatte Ryan die Daten und den Doktor versteckt? Wo war er all die Tage und Wochen gewesen? Wo hatte er einen Unterschlupf gehabt?
Es half nichts, er musste sich auf seine Spuren begeben. Es hing viel davon ab, dass er die Daten vor den anderen fand, die nichts Gutes im Sinn hatten. Das war er Ryan schuldig.
Corona machte die Sache auch nicht leichter. Die Behörden und Beamten beäugten alle Menschen und versuchten das Virus unter Kontrolle zu halten. Wie sollte er neben seinem Job auch noch diese Suche zum Erfolg führen?
„Geh nach Silent Waters“, waren seine letzten Worte gewesen, „Dort ist es sicher.“
Quinn meinte immer noch seinen verzweifelten Griff an seiner Brust zu fühlen, sah vor seinen Augen, wie das Blut mit jedem Atemzug mehr aus dem Körper des Freundes wich.
Was immer er damit gemeint hatte. Agenten wie er oder auch Ryan einer gewesen war, waren niemals wirklich in Sicherheit. Das war der Preis für die Geheimnisse, die sie den anderen entrissen und somit versuchten die Mächte der Welt im Gleichgewicht zu halten.
„Versprich es mir, Finn.“ Sein Blick fixierte ihn mit eisernem Willen, wartete auf das Versprechen.
„Ryan, ich verspreche es. Aber du musst mir mehr sagen. Wonach suche ich überhaupt?“
Noch einmal holte er mit letzter Anstrengung Atem. „Brianna kennt das Geheimnis.“
Danach verstummte Ryan für immer.
Brüssel, März 2020
„Du hast sie verloren? Wie konnte das passieren?“ Die Wut und die Anklage waren mehr als deutlich herauszuhören.
Der Angesprochene fühlte sich offensichtlich unwohl. „Boss, es tut mir leid. Der Kerl war mit allen Wassern gewaschen. Ein alter Kerl der Branche, er hat mich reingelegt.“
„Und wie gedenkst du, dass wieder in Ordnung zu bringen? Muss ich nochmal klar machen, dass diese wissenschaftliche Arbeit uns gehören muss? Und wenn das nicht möglich ist, muss sie zerstört werden. Wie konnten drei mickrige Wissenschaftler und ein abgehalfterter Agent dich so reinlegen?“ Wutentbrannt schleuderte der breitschultrige Mann im tadellosen Anzug sein halbvolles Glas an die Wand.
Der andere zuckte unmerklich zusammen. Man konnte sehen, wie unwohl er sich fühlte oder sogar ängstlich. Es standen ihm feine Schweißperlen auf der Stirn.
Ein schlanker, schwarzhaariger Mann beobachtete die Szene. Er schien beinahe mit den Schatten zu verschmelzen. Seine Aura verströmte eine unterschwellige Gewalt. Seine Augen waren von einem hellen Grau, die alles, um sich zu erfassen schienen.
„Laborratten! Laborratten haben dich abgehängt! Das ist unglaublich.“ Der Anführer konnte seine Wut kaum zügeln.
„Der Spion, dieser Ryan, den habe ich erwischt, der geht sicher drauf“, murmelte der Handlanger.
Der Dunkelhaarige fand, er wand sich wie ein erbärmlicher Wurm.
„Fabelhaft. Der geht drauf, mit all den Geheimnissen. Wir haben keine Ahnung, ob er noch Informationen weitergeben konnte. Er hatte die Formel! Er hatte sie!“ Nun brüllte er.
Fred wusste, dass er den Auftrag dieses Mal total verkackt hatte. Er hatte sie einfach unterschätzt. Die Wissenschaftler hatten sich zäher herausgestellt, als er je für möglich gehalten hatte. Nun einer, der Älteste, war tot. Maxwell Popolus war über die Klippen gestürzt. Er hatte sich für seine Kollegen geopfert und somit waren die anderen entkommen.
„Remus“, erklang die harte Stimme des Anführers.
Der Schwarzhaarige löste sich aus dem Schatten. Er war von schlanker, geschmeidiger Gestalt. Er bewegte sich wie eine Katze. Die längeren Haare fielen ihm ins Gesicht und verdeckten seinen Ausdruck. Dieser Mann war ohne Zweifel gefährlich.
Der Anführer zeigte mit dem Finger auf ihn. „Du wirst die Operation übernehmen. Du bekommst jeden verfügbaren Mann. Ich will die Formel und die Wissenschaftler. Ich dulde nicht, dass irgendjemand anderer bekommt, was mir gehört.“
Remus nickte. „Ich kümmere mich darum. Es wird aber seine Zeit brauchen.“ Seine Stimme hatte einen rauen gebrochenen Klang.
Der Anführer nickte. „Ich erwartete saubere Arbeit, keine Hudelei. Es darf nicht ein Schatten eines Verdachtes auf meinen Namen fallen.“
Remus bedachte seinen Auftraggeber mit starrem Blick, dann wandte er sich um und verließ lautlos den Raum.
2
Bri Cottage, Dursey, Festland, April 2020
„Denkst du, Ryan wird zurückkommen?“, fragte Holly ihre Nichte.
Kaitlyn verzog bei dieser Frage unwillig ihren Mund. „Holly, ich denke, Ryan wird überhaupt nicht mehr zurückkommen. Und wenn du mich immer wieder aufs Neue fragst, bleibt die Antwort dieselbe.“
„Schade“ seufzte Holly, „Er war immer so ein angenehmer Gast. Ich habe mich gerne mit ihm unterhalten.“
Kaitlyn schnaubte: „Soweit ich mich erinnere, hat er das Wesen einer Unterhaltung nicht wirklich verstanden. Er hat kaum ein Wort gesagt.“
„Wieso denkst du, dass er nicht mehr kommt? Er schien an unserer Gegend immer sehr interessiert.“ Holly weigerte sich einfach den Tatsachen ins Auge zu sehen.
„Du siehst die Dinge, wie du sie gerne haben möchtest, Tante. Du weißt genau, dass sein Interesse nicht an unserer Insel oder an der Gegend oder an den Vögeln gelegen hat. Mir ist keine Sullivan bekannt, die ihre Intuition so ignoriert wie du.“
Kaitlyn fehlte an diesem Morgen etwas die Geduld. Sie war nervös, ein neuer Gast würde kommen. Der Nachfolger von Ryan.
„Er war trotzdem ein netter Kerl. Penny hat er auch gefallen. Wenn du ihm etwas mehr entgegengekommen wärst, hättet ihr ein nettes Paar werden können.“ Holly wollte offensichtlich ihre Geduld strapazieren.
„Wenn er dir so gefallen hat, hättest du ihm schöne Augen machen sollen. Es ist ja nicht so, dass der Altersunterschied so groß gewesen wäre“, konterte Kaitlyn genervt.
Holly richtete sich abrupt auf und stemmte energisch ihre Arme in die Hüften. „Meine liebe Kaitlyn, ich gewinne fast den Eindruck, dass du die lange Linie der Sullivan auslöschen willst. Es liegt an dir, unsere Familienlinie zu erhalten“, ermahnte sie streng.
„Ach, bitte Tante. Nicht DAS schon wieder! Ich habe nicht den Wunsch die unglückselige, mit einem Fluch belegte Linie fortzusetzten. Zumindest nicht auf diese Weise. Und Ryan steht definitiv nicht mehr zur Verfügung“, knurrte Kaitlyn genervt.
„Der Fluch wird beendet werden. Kein Fluch währt ewig und auch wenn ich nur wenig von den Gaben der Sullivans verfüge, spüre ich, dass das Ende nahe ist. Und Ryan ist ein netter Mann.“ Holly schien heute nicht locker zu lassen. Vielleicht fühlte sie es auch.
„Tante Holly, selbst wenn ich mich dazu herablassen sollte, nur die Linie der Familie zu erhalten und damit auch den unseligen Fluch, selbst dann kann ich keine Kinder von einem Toten bekommen!“ Kaitlyn fasste es nicht, dass sie diese Worte von sich gegeben hatte.
Holly sah entgeistert hoch. „Ryan, tot?“, hauchte sie erschrocken.
Kaitlyn schloss die Augen und zählte im Stillen bis zehn. „Hör mal, Holly, ich habe das nicht so gemeint“, versuchte sie den Worten den Schrecken zu nehmen.
„Nein“, widersetzte sich ihre Tante mit fester Stimme. „Du wolltest es mir nur nicht sagen, wie lange weißt du es schon?“
Betreten sah Kaitlyn zu Boden. Sie holte tief Atem und ließ sie hörbar entweichen. „Ich wusste es schon, als er das letzte Mal bei uns durch die Tür ging. Er war ein netter Kerl. Er war aber nicht das, was er vorgab zu sein. Das weißt du genau. Ich wünschte, ich würde diese Dinge nicht wissen und solange ich es nicht ausspreche, solange ...“
Wie sollte Kaitlyn ihrer Tante erklären, dass diese Gabe sie belastete. Ein Todesbote zu sein, war wirklich keine erstrebenswerte Gabe. „Hey, Sie sehen gut aus, genießen Sie die nächsten Tage, denn Sie haben nicht mehr allzu viele davon.“ Hätte sie ihm das auf den Weg mitgeben sollen?
Mitfühlend legte Holly ihre Hände auf Kaitlyns Arm. „Ja, manche Gaben sind schwierig. Doch nur starke Menschen erhalten sie, Kaitlyn. Die Geschichte unserer Familie ist begründet von vielen starken Frauen und du bist eine der Besten von ihnen. Es tut mir leid, wenn ich dich gedrängt habe. Das war nicht recht von mir.“
„Ist schon gut. Ich bin angespannt. Wir werden einen neuen Gast bekommen. Er hat mit Ryan zu tun“, gestand Kaitlyn ihrer Tante.
„Wieder ein geheimnisvoller Gast, der kommt und geht und nicht wirklich da ist?“, fragte Holly lächelnd.
„Vermutlich. Eine Mission ist nur geheim, wenn sie eben geheim ist, nicht wahr?“, erwiderte Kaitlyn schwermütig. Wieso hatte sie nur das dumpfe Gefühl, dass sich ihr Leben immer mehr mit dem Leben von Brianna O`Sullivan überlagerte.
Es goss in Strömen und der kalte Regen hatte inzwischen durch seine Jacke einen Weg an seine Haut gefunden. Skibbereen war ein kleiner Ort an der Südwestküste Irlands. Quinn versuchte angestrengt durch den anhaltenden Regen irgendwelche Anhaltspunkte zu finden.
Die Suche gestaltete sich weit schwieriger, als er angenommen hatte. Seit mehr als drei Wochen versuchte er, einen Sinn in den letzten Worten von Ryan zu finden.
Silent Waters ergab einfach keinen Sinn. Es gab ein Songalbum, Luxushäuser und Romane unter diesem Titel. „Geh nach Silent Waters“, schnaubte Quinn verdrossen. „Dort ist es sicher. Ja, es findet auch keiner“, murmelte er wütend.
Er hatte keine Ahnung, warum er hier in diesem gottverlassenen Nest war. Nun zugegeben es gab hier eine gewisse Infrastruktur, aber es schien, als bewege man sich eher ans Ende der Welt. Verdammte Intuition. Nachdem er keine brauchbaren Hinweise gefunden hatte, war er seiner Eingebung gefolgt. Aus unerklärlichen Gründen hatte er damit schon öfters Erfolge gehabt.
Und nun war er hier, am Ende seiner Weisheit. Müde bewegte er seine Beine auf „The Riverside“ zu. Er brauchte etwas zwischen seine Zähne und er musste seine Strategie überdenken.
Der Imbiss war gut besucht und er wurde gleich neugierig gemustert. Das war das Problem in den kleinen Städten. Ein Fremder fiel sogleich auf. Geschätzte 25 Gäste und zwei Kellner begannen ihn zu kategorisieren. Wer ist das? Was will er? Wo will er hin?
Quinn stach ein Tisch ins Auge, an dem ein einzelner Mann saß. Beim Näherkommen erkannte er den örtlichen Priester.
„Was dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste?“, fragte er den Mann krächzend.
Er deutete freundlich auf den leeren Platz. „Nur zu. Ist heute ein beschissener Tag, um draußen zu sein.“
Quinn zog die Augenbraue hoch, schlüpfte aus der nassen Jacke und ließ sich schwer auf die Bank fallen. „Ist mir aufgefallen, und es ist auch kalt.“
„Wir haben April und wir sind hier nicht in Miami Beach“, lachte der Priester.
„Tatsächlich! Und ich fragte mich schon, was mit dem Wetter los ist.“
Der Priester lächelte. „Ich bin Pater Brian. Und meine Aufgabe ist jetzt herauszufinden, wer sie sind und vor allem, was sie hierher verschlagen hat. Ich bin mir sicher, sie verstehen, dass ich meine Schäfchen zufrieden stellen muss.“
Die Kellnerin kam an den Tisch, lächelte ihn an und goss ihm strahlend heißen Kaffee ein. „Was darf es sein?“ Und bei dieser Frage konnte er ihren Brustansatz sehen, den sie ihm gekonnt präsentierte.
Quinn deutete auf den Teller des Priesters. „Dasselbe und eine Suppe.“
Nun wandte er sich Pater Brian zu. „Mein Name ist Finn. Ich bin auf den Weg nach Silent Waters.“
Keine Ahnung, warum er das gesagt hatte. Er war schon so verdrossen und ratlos, dass es einfach egal war. Und er hatte automatisch den Namen seines Großvaters genannt. Quinn, Finn, das war ja beinahe dasselbe.
Pater Brian nickte: „Ja, ein nettes Cottage. Kaitlyn ist eine gute Gastgeberin. Bestellen Sie einen Gruß von mir.“
Quinn erstarrte, konnte es sein, dass es einfach so passierte? Sein Puls beschleunigte sich und mit aller Anstrengung zwang er sich, sich zu entspannen.
„Sind sie das erste Mal in dieser Gegend?“, erkundigte sich der Priester.
„Ja, ich folgte der Empfehlung eines Freundes. Er meinte, hier könnte ich so richtig abschalten und den Stress hinter mir lassen.“ Quinn versuchte seine Stimme freundlich klingen zu lassen.
„Ja, das stimmt. Zum ersten ist das Leben hier nicht besonders aufregend und Kaitlyn kennt sicher das eine oder andere Rezept zum Entspannen. Sie wissen sicher, dass sie unsere Inselhexe ist“, plauderte der Priester weiter.
Quinn verschluckte sich fast an seinem Kaffee. „Inselhexe? Selbst hier kann die Zeit doch nicht dermaßen stehen geblieben sein.“
„Nun, ich bin ein Mann Gottes. Doch in Irland gibt es so manche Magie. Viele glauben an das kleine Volk und noch mehr hüten sich, diese zu verärgern. Das kann recht unangenehm sein“, klärte ihn Pater Brian schmunzelnd auf.
„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass sie daran glauben“, schnaubte Quinn.
Der Priester zuckte nur lächelnd mit seinen Schultern. „Es gibt schon ein paar rätselhafte Ereignisse.“
Quinn schüttelte den Kopf.
„Nun, ich sehe es als meine Pflicht an, sie zu warnen“, flüsterte der Priester.
Quinns Körper spannte sich erneut an. „Mich warnen?“, fragte er gefährlich leise.
„Sie sind definitiv kein Ire. Daher sehe ich es als meine Pflicht an, Sie darauf hinzuweisen, die Magie und das kleine Volk nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Besonders nicht, wenn sie nach Dursey Island gehen. Die Sullivans haben eine besondere Verbindung zu diesen Wesen.“
„Sie scherzen. Wie weit ist es noch bis Silent Waters?“ Quinn fand keinen Spaß daran, Opfer einer Albernheit zu sein.
„Bei diesem Wetter? Ortsunkundig? Eine gute Stunde, sie sollten es bis zum Einbruch der Nacht schaffen.“
Eine Stunde entfernt? Seine Lage hatte sich merklich verbessert. Zuvor war er absolut ratlos gewesen, nun wähnte er sich einem Etappenziel nahe.
„Haben Sie eine gute Wegbeschreibung? Das Navigationssystem ist hier nicht besonders zuverlässig“, wies ihn der Priester hin.
„Das wäre großartig, wenn sie mir nochmal den Weg beschreiben könnten.“
Erst jetzt fiel Quinn eine Besonderheit auf. „Wieso sind hier so viele Leute drinnen? Ist Corona noch nicht bis Skibbereen gekommen?“, fragte Quinn interessiert.
Der Priester lächelte. „Wir sind eine kleine Stadt. Schon vor der Pandemie gab es hier wenig auswärtige Besucher. Sie sind der gefährlichste Virenträger in der Stadt – in diesem Moment. Wir handhaben die Dinge hier etwas anders.“
„Da könnte etwas Wahres dran sein, doch ich versichere ihnen, dass ich mein ganzes Leben noch nicht ernsthaft krank gewesen bin.“ Und das war die Wahrheit. Quinn erfreute sich einer äußerst robusten Natur.
„Woran das wohl liegen mag?“, fragte der Priester neugierig.
„Ich hatte wohl einfach Glück“, antwortete Quinn leicht.
„Glauben sie mir, Finn, mit Glück allein hat das nichts zu tun. Vielleicht hat auch das kleine Volk ein Auge auf sie“, lachte der Priester.
„Eher unwahrscheinlich“, brummte Quinn und widmete sich seiner Suppe.
3
Im Dämmerlicht fiel der Blick von Quinn auf das Cottage. Es schmiegte sich an den Hügel, eine Rauchfahne schlängelte sich aus dem Kamin und im Eingangsbereich verbreiteten Laternen ein warmes Licht. Ein Pfeil mit der Aufschrift „Bri Cottage“ zeigte auf das alte Haus. Er hatte sich genau an die Beschreibung des Priesters gehalten und es war ja auch nicht der Fall, dass hier unzählige Häuser standen. Ein anderes Schild gab nur mehr den Hinweis zu der Seilbahn, die über den Dursey Sound auf Dursey Island führte. Er war sich sicher, dass er sich nicht verfahren hatte.
Es war schon spät und ein Cottage war so gut wie ein anderes. Seufzend fuhr er den Wagen an und parkte auf den vorgesehenen Plätzen. So unglaublich es auch schien, das Cottage schien tatsächlich aktuell Gäste zu beherbergen.
Quinn hoffte auf ein heißes Bad und ein gemütliches Bett. Er klopfte an die Tür und trat ein. Es umfing ihn ein warmes Gefühl wie ein Willkommen und augenblicklich entspannten sich seine Schultern. Der großzügige Eingangsbereich schien verlassen und er hielt auf die Theke zu, die vermutlich der Empfang war.
„Hallo?“ rief er mit krächzender Stimme. Die kalte Feuchtigkeit hatte eindeutig seiner Stimme nicht gutgetan. „Ist da jemand?“, versuchte er es erneut. Als sich Quinn langsam suchend im Kreis drehte, blieb er erstarrt stehen. Zwischen ihm und dem Eingang hatte sich ein riesiger Hund positioniert.
Er knurrte nicht. Er zeigte aber auch kein Anzeichen von Freude. Er fixierte ihn mit bernsteinfarbenen Augen. Quinn trat einen kleinen Schritt nach rechts und das Vieh öffnete sein Maul und zeigte seine Zähne. Das Gefühl des Willkommens war verflogen.
Automatisch führte Quinn seine Hand langsam an die Waffe, die sicher am Rücken im Bund seiner Hose steckte. Der Hund begann warnend zu knurren. Die Situation war brenzlig, wenn er den Hund erschoss, würde man ihn mit Sicherheit vor die Tür setzen. Informationen würde er auch keine bekommen.
„Wylie ist gut“, ertönte eine belustigte Stimme. Der Hund begab sich sofort schwanzwedelnd zu der Frau. Sie kraulte ihn liebevoll hinter den Ohren und der Riesenköter gab ein wohliges Knurren von sich.
„Entspannen Sie sich. Es ist nicht notwendig zur Waffe zu greifen. Wylie weiß nun, dass Sie willkommen sind.“
Quinn fragte sich, woher sie wusste, dass er eine Waffe trug. Seine Hand war nicht weiter als zur Hüfte gekommen. Doch die Frau war ein schöner Anblick. Sie war keine dreißig, dunkelrote Locken lösten sich aus ihrem Zopf und ihre grünen Augen strahlten heiter aus ihrem sommersprossigen Gesicht.
„Ich bin Kaitlyn Sullivan. Wir haben Sie schon erwartet.“ Mit schwingenden Hüften ging sie hinter die Theke und zog das Gästebuch aus der Lade. Quinn bewunderte ihren Hintern, der in einer verführerischen Jeans steckte.
Langsam drangen die Worte zu ihm durch. „Erwartet?“, fragte er verwirrt und das war eine Reaktion, in der er sich normalerweise nie befand.
„Natürlich. Welchen Namen soll ich eintragen?“, fragte sie und blickte ihn offen an.
Der Talisman, den er seit seiner Kindheit besaß, wurde heiß. Sein Blick fing ihren auf. In seinen Ohren begann es zu rauschen und ihre Augen strahlten heller, ihr Gesicht wirkte weicher und runder. Es war wie ein Nachhause kommen. Hatte sie nicht gerade eben noch etwas anders ausgesehen?
„Welcher Name?“, fragte sie erneut.
Quinn schüttelte den Kopf, schloss kurz die Augen. Als er erneut auf Kaitlyn Sullivan blickte, sah sie aus wie zuvor. Hatte er sich Corona eingefangen?
„Dann nehmen wir Finnegan Brown, was halten Sie davon?“, schlug sie vor.
„Was?“, fragte Quinn benommen.
„Finnegan Brown. Ich denke, dass passt. Ist ja kaum ein Unterschied“, nickte sie.
„Welcher Unterschied?“, er fühlte sich wie betrunken.
„Ob Finn oder Quinn, hört sich doch fast gleich an.“ Kaitlyn seufzte. Der Kerl schien ziemlich verwirrt. Er ähnelte in keiner Weise Ryan.
Quinns Blick schärfte sich und angespannt packte er Kaitlyn am Arm. Der Hund gab sofort ein warnendes Knurren von sich. Er war sich sehr sicher, dass er überhaupt keinen Namen genannt hatte.
„Wie kommen Sie auf den Namen!“ Seine Stimme klang noch rauer. Oder hatte er ihn doch genannt?
Doch sie tippte nur mit dem Stift auf seinen Arm. „Beruhigen Sie sich. Ich wähle intuitiv die Namen bei den Gästen aus, die eher, wie soll sich sagen, unerkannt bleiben möchten.“ Sie zwinkerte ihm zu.
Quinn kniff die Augen zusammen.
„Darum sind Sie ja nach Silent Waters gekommen, oder nicht?“
Quinn schüttelte benommen seinen Kopf. Ihre Stimme hallte seltsam wie durch Watte in seinen Ohren.
„Intuitiv?“, krächzte er um Klarheit bemüht.
„Hmm, Sie scheinen sich eine Erkältung eingefangen zu haben. Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte Kaitlyn besorgt. „Ich kann Ihnen einen Kräutertee machen. Der bringt Sie wieder auf die Beine.“
Quinn fühlte sich inzwischen als wäre er etwas betrunken. „Hexe“, murmelte er in Erinnerung an das Gespräch mit dem Priester. „Sie sind eine Hexe.“
Sein Talisman wurde noch heißer und in seinen Ohren rauschte es noch mehr. Als er dieses Mal zu Kaitlyn sah, sprühten ihre Augen grünes Feuer und ihre Haare waren plötzlich rotgolden. Der Zorn schlug ihm entgegen.
„Hexe“, presste sie hervor, „ist nicht gerade die Bezeichnung, die ich gerne höre. Oder denken Sie ich tanze in den Vollmondnächten mit meinem Besen um ein Feuer?“
Quinn schüttelte sich und das Rauschen trat in den Hintergrund. Als er sie erneut ansah, blickte sie noch immer zornig, doch ihr Aussehen war wie zuvor.
„Verzeihen Sie, ich bin offensichtlich nicht ganz bei mir“, brummte Quinn.
„Hmm“, machte Kaitlyn erneut.
„Das Zimmer ist bis Ende des Monats bezahlt. Danach wird immer im Voraus bezahlt für ein halbes Jahr in bar. Ich rate Ihnen nicht die Adams Family im Fernsehen anzusehen. Da kann sich Sean mit seiner Familie nicht zurückhalten.“ Kaitlyns Stimme klang noch immer ärgerlich.
„Bezahlt? Warum ist das…. Wer zum Teufel ist Sean?“, fragte Quinn verwirrt.
„Kobolde“, erklärte Kaitlyn kurz angebunden. „Sie werden Sie nicht behelligen. Aber wie gesagt, die Adams Family…“
Quinn schüttelte sich erneut. „Sie machen wohl gerne Witze.“
„Wie Sie meinen. Erster Stock, dritte Tür links. Den Rest zeige ich Ihnen morgen. Ich bringe Ihnen dann noch gleich den Tee.“ Energisch zeigte Kaitlyn zu den Stufen. „Frühstück gibt es von sieben bis zehn.“
Quinn hob seine Tasche auf und bewegte sich in die gewiesene Richtung. Es war sicher das Beste, zuerst einmal ein Bad zu nehmen.
Kaitlyn sah ihrem neuen Gast hinterher. Sie wusste, wer er war, auch wenn er selbst nichts davon ahnte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Wenn Holly das rausfand, war sie echt in Schwierigkeiten.
Wohlig ließ sich Quinn ins heiße Wasser gleiten. Die Benommenheit löste sich und in seinem Kopf spulte er das seltsame Gespräch von vorhin ab. Er hatte keine Ahnung, was vorher mit ihm los gewesen war. Doch jetzt funktionierte sein Verstand wieder messerscharf.
Der Badezusatz, den er gefunden hatte, legte sich angenehm um seinen gereizten Hals und entspannt ließ er einen Seufzer entweichen.
Er war offensichtlich doch in Silent Waters gelandet, auch wenn das nirgendswo erkennbar war. Die Hausherrin hatte seinen Decknamen ins Gästebuch eingetragen und seinen wahren Vornamen genannt. „Finn, Quinn – macht ja kaum einen Unterschied“, hallte es durch seinen Kopf.
Das konnte natürlich Zufall gewesen sein. Doch Quinn glaubte nicht an Glück oder Zufälle. Zumal er des Öfteren den Namen Finnegan Brown tatsächlich verwendete. Der Priester musste ihr Bescheid gegeben haben, das war die einzige Erklärung. Er hatte bis vor drei Stunden selbst nicht gewusst, wo sein Ziel war. Die Leute schienen hier einen eigenen Sinn für Humor zu haben.
Das Zimmer war bezahlt? Es war eher eine kleine Wohnung. Zwei Schlafzimmer, Bad und ein Extrazimmer zum Wohlfühlen und Arbeiten. Hatte Ryan sich hier aufgehalten, wenn er Tage und sogar Wochen spurlos verschwunden war? Was hatte er hier gemacht? Soweit er bis jetzt erkennen konnte, gab es hier nichts allzu Aufregendes. Eigentlich sollte er nicht faul in der Wanne liegen, sondern die Räume genauer durchsuchen.
Er hörte ein Klopfen, die Tür ging auf und Kaitlyn meldete sich laut und deutlich. „Ich stelle Ihnen den Tee auf den Tisch. Der Honig würde Ihren Hals auf jeden Fall guttun. Gute Nacht!“
Noch bevor er reagieren konnte, schloss sich die Tür und er war wieder allein. Kaitlyn Sullivan war ganz sicher nicht gefährlich, doch sie war auf keinen Fall harmlos. Das schienen interessante Tage zu werden.
Der Sturm blies ihm mit aller Kraft entgegen und peitschte sein Haar wild nach hinten. Er hatte Mühe, nicht den Halt zu verlieren. Er sah das Licht des Leuchtturmes in der Dunkelheit immer wieder aufblitzen. Doch der Wind war unerbittlich. So sehr er auch mit seinem Schiff gegen die Wellen ankämpfte, das Ufer kam nicht näher.
Es war, als würden er und seine Mannschaft nicht gegen einen natürlichen Sturm kämpfen. Der Wind war voller Bitterkeit und Wut. Sein Talisman auf der Brust war so heiß, dass es schien, als wolle er sich auf seiner Haut einbrennen. Der Schmerz, der scharf in seine Brust fuhr, ließ ihn verzweifeln. Er schrie in den Sturm, bat um Vergebung, doch der Wind riss die Worte mit sich und niemand konnte das Flehen von Aidan hören. „Brianna, vergib mir!“
4
Der gewaltige Donnerschlag ließ Quinn hochfahren und gleich darauf wurde das Zimmer von dem nächsten Blitz hell erleuchtet. Er schüttelte schlaftrunken den Kopf. Er war offensichtlich eingeschlafen und hatte einen sehr intensiven Traum gehabt. Sein Talisman lag warm auf seiner Haut und noch immer hallte der Schrei des Mannes in seinen Gedanken nach. Der Nebel des Traumes wogte noch in ihm, als er zum Fenster ging.
Das Unwetter rüttelte an den Fensterläden. Es war ein gewaltiges Frühlingsunwetter. Eine Böe fuhr gegen die Scheibe und erschrocken warf Quinn den Kopf zurück. Es war, als wären die Elemente wütend auf IHN. Wütend, dass er hier war.
Einen Augenblick später musste Quinn über sich selbst grinsen. Offensichtlich hatte ihm der gestrige Tag ein paar Flausen in den Kopf gesetzt. Hexen, Kobolde, kleines Volk … und der Traum, der so lebendig gewesen war. So echt. Er meinte noch immer die harte Gischt an seinen Körper zu spüren, und den Wind, der im wütend ins Gesicht fuhr. Er fühlte den Schmerz, als wäre es sein eigener.
„Also wirklich.“ Quinn schüttelte sich erneut.
Er war ein Agent. Seit fast zehn Jahren verließ er sich auf Fakten. Er war sicher in der Realität verankert. In diesem Beruf verklärt zu sein, war lebensgefährlich. Er besaß eine unerklärliche Intuition, doch das war es auch schon.
Ryan hatte offensichtlich den Fokus verloren. Das Buch, das er ihm hinterlassen hatte, war voller wirren Zeugs. Sicherlich hatte Ryan bewusst gewisse Dinge sozusagen verschlüsselt, doch das Buch las sich wie von einem verrückten Professor.
Vielleicht jagte Quinn nur Gespenstern hinterher. Möglicherweise hatte Ryan den Verstand verloren. Aber warum sollte ihn jemand töten, wenn alles harmlos und Hirngespinste gewesen waren?
Nun, zumindest war er jetzt in Silent Waters. Das hatte er vor 24 Stunden zwar noch nicht für möglich gehalten, aber so war es. Da er nun wach war, konnte er die Räume etwas genauer unter die Lupe nehmen. Wenn Ryan hier gewesen war, wovon er sicher ausgehen konnte, dann würde er etwas von ihm finden.
Der Morgen zeigte sich freundlich im Gegensatz zu diesem Unwetter in der Nacht. Vereinzelt kämpften sich die Sonnenstrahlen durch die heller werdende Wolkendecke. Der Wind hatte abgeflaut und war zu einer leichten Brise geworden.
Quinn fuhr sich müde über das Gesicht. Die Durchsuchung der Räume hatte nichts Aufregendes zu Tage gebracht und schließlich war er im Sessel beim Fernsehen eingeschlafen.
Er fühlte sich steif und zerschlagen. Der Fernseher lief noch. Es spielte die Adams Family. Ach ja, die Besitzerin hatte ihn davor gewarnt, diese Sendung zu sehen. Irritiert zog er die Brauen zusammen. Hatte er nicht zuletzt CNN gesehen?
Er griff nach der Fernbedienung, schaltete auf CNN und ging ins Bad. Er wollte sich etwas frisch machen, bevor er das Zimmer verließ, um zu seinem Frühstück zu kommen.
Einige Minuten später wühlte er in seiner Tasche nach einem sauberen Hemd. Gewohnheitsmäßig steckte er seine Waffe griffbereit hinter seinen Rücken in den Bund seiner Hose. Er hörte ein Gelächter. Alarmiert sah er hoch, doch es war nur die Adams Family. Schon wieder? Erneut ging er zum Sessel und schaltete auf CNN um.
„Au“, fluchte er unterdrückt auf, als ihm etwas kräftig zwickte. Reflexartig ließ er die Fernbedienung los und das Programm sprang zurück zur „Adams Family“.
Das war seltsam. Quinn hob die Fernbedienung hoch, wechselte wieder auf CNN, doch sobald er sich umdrehte, sprang das Programm einfach zurück.
Nachdenklich kratzte sich Quinn am Hinterkopf. Entweder war das einfach ein dummer Streich oder irgendetwas war kaputt. Quinn seufzte, sollte sich doch Kaitlyn Sullivan darum kümmern. Er zog sich fertig an. Gerade als er die Tür öffnete, ertönte wieder das Lachen hinter ihm. Aufmerksam musterte Quinn den Raum. Da war nichts. Nur die Adams Family flimmerte weiterhin über den Bildschirm.
Das war lächerlich. Energisch zog Quinn die Tür hinter sich zu, als er erneut das Lachen einer Frau vernahm. Er musste sich doch Corona eingefangen haben. Seine Sinne spielten einfach verrückt.
Eine Frau, schätzungsweise knapp fünfzig, kam den Flur entlang.
„Ah, Guten Morgen, Herr Brown. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Holly neugierig. Sie hatte nicht mehr länger warten können. Sie war schon so gespannt auf den neuen Gast.
„Der Fernseher“, antworte Quinn verstimmt.
„Was ist damit?“, fragte Holly
„Er ist kaputt. Er springt immer auf denselben Sender zurück.“
„Oje, Sie haben doch nicht etwa die Adams Family eingeschaltet?“, fragte Holly belustigt.
„Nein, ich bin beim Fernsehen eingeschlafen“, brummte Quinn.
„Ah, ich verstehe“, nickte Holly.
„Ach ja? Dann verstehen Sie wohl mehr als ich. Wer sind sie überhaupt?“, fragte Quinn gereizt.
„Oh, Verzeihung. Ich bin Holly, Kaitlyns Tante. Wir führen das Cottage zusammen. Ich kümmere mich um den Fernseher“, versicherte Holly lächelnd.
„Danke, ich gehe dann mal zum Frühstück.“ Quinn steuerte auf die Treppe zu und sah sich noch mal nachdenklich um, als Holly in seinem Zimmer verschwand.
Er hörte ihre strenge Stimme, so als würde sie mit jemanden schimpfen.
„Es muss Corona sein“, murmelte Quinn.
Quinn folgte dem Duft von Kaffee, doch die Tür zum Speisesaal wurde von dem riesigen Hund belagert. Abschätzend betrachtete Quinn den riesigen Hund. Dieser schien völlig desinteressiert an ihm zu sein. Er riss gähnend sein Maul auf und ließ sich anschließend zur Seite fallen. Quinn überlegte, ob er über ihn hinweg steigen und ihn einfach zur Seite schieben sollte.
„Wiley“, rief Kaitlyn Sullivan, die in der Tür mit einem vollen Tablett stand. „Du sollst dich nicht immer in die Tür legen“, schimpfte sie.
„Guten Morgen, Herr Brown“, grüßte sie ihn freundlich. „Sie sehen müde aus. Haben Sie nicht gut geschlafen?“, erkundigte sie sich höflich.
„Der Sturm“, setzte Quinn erklärend an. „Ich bin davon aufgewacht. War ziemlich heftig.“
Kaitlyn betrachtete ihn mit scharfem Blick. „Ja, kommt immer wieder mal vor.“
Kaitlyn schob den Hund mit dem Fuß zur Seite. „Ich habe den Tisch am zweiten Fenster für Sie gedeckt. Tee oder Kaffee?“, fragte sie.
„Kaffee“, erwiderte er lächelnd.
„Kommt sofort. Sie brauchen vor Wiley keine Angst zu haben. Im Gegenteil, er passt auf unsere Gäste auf“, klärte Kaitlyn ihn auf. „Irischer Wolfshund“, fügte sie noch hinzu.
Quinn hatte tatsächlich nach der Rasse fragen wollen. Wie hatte sie das wissen können? Doch sie wurde sicher oft danach gefragt.
Quinn fand ohne Probleme seinen Tisch und begann die Gäste unauffällig zu mustern. Es schien eine Herberge für viele Einzelgänger zu sein, denn an den meisten Tischen war nur eine Person zu sehen. Durch seinen Beruf hatte er sich es zur Gewohnheit gemacht, die Menschen um ihn herum einzuordnen. Das war für ihn überlebenswichtig. Unaufmerksamkeit konnte ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Doch natürlich waren nicht überall Agenten, Killer und Verrückte zu finden.
Doch seltsamerweise fiel es im schwer, die Gesichter eindeutig zu erkennen. Sie schienen immer wieder vor seinen Augen zu verschwimmen. Als er das dritte Mal den Mann zu seiner Rechten musterte, konnte er seine Überraschung nicht ganz verbergen. War das nicht ein bekannter irischer Sänger? Und am Tisch daneben, war das nicht die ehemalige Premierministerin? Vorsichtig, kaum merklich drehte er seinen Körper zur Tür. Saß dort nicht der berühmte Schriftsteller, der zurzeit in aller Munde war?
Quinn schloss seine Augen, zählte langsam bis fünf und öffnete sie wieder vorsichtig. Nun sah der Mann nicht mehr wie der Sänger aus. Zugegeben, er hatte eine gewisse Ähnlichkeit. Und die Premier-ministerin? Irgendwie sah er ihre Gesichtszüge nicht richtig. Es war, als würde er plötzlich an einer Sehschwäche leiden.
Der Duft von Kaffee stieg ihm in die Nase, als Kaitlyn vor ihm die Kanne auf den Tisch stellte.
„Möchten Sie vielleicht auch Rührei oder Pfannkuchen?“, fragte sie höflich.
Quinn fixierte sie, ihre Gesichtszüge waren scharf und deutlich, erneut sah er zu dem Mann.
„Sagen Sie, Kaitlyn, nächtigen bei Ihnen berühmte Persönlichkeiten aus der Politik und der Musikszene?“ fragte Quinn beiläufig, ohne ihre Frage zu beantworten.
„Herr Brown“, antwortete sie mit fester Stimme. „Es ist mir sehr wichtig, die Privatsphäre meiner Gäste zu schützen. Das trifft natürlich auch auf Sie zu. Ich lasse nicht zu, dass meine Gäste auf die eine oder andere Art belästigt werden. Ich hoffe, sie verstehen das.“
„Dann sehe ich hier doch einen international berühmten Sänger, die Premierministerin und DEN Schriftsteller, und ist das nicht …?“, Quinn hielt verdutzt inne. Doch im nächsten Augenblick war er sich nicht sicher. Was war nur los mit ihm? „Ich muss krank sein“, murmelte er. „Ich muss das googeln.“
„Also, was ist jetzt?“, fragte Kaitlyn ungeduldig. „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
„Was?“, antwortete Quinn verwirrt.
„Ob Sie Eier auf irgendeine Art haben möchten, oder Pfannkuchen!“
Kaitlyn sah ihn an, als ob er nicht ganz bei Verstand war.
„Gibt es hier Internet?“, fragte er stattdessen.
Kaitlyn zog ihre Augenbraue hoch. „Natürlich gibt es hier Internet. Was denken, wo Sie sind? Wir sind vielleicht etwas abgelegen, aber falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, wir haben sogar Strom und Fernsehen“, erwiderte sie verstimmt.
Quinn kam sich dumm vor und er spürte, wie er rot wurde. Verdammt noch mal, was war mit ihm los?
Kaitlyn murmelte irgendetwas Unverständliches und machte Anstalten sich von ihm abzuwenden.
Sein Blick fiel auf einen alten Kauz, angestrengt kniff er seine Augen zusammen. In jeder Person in diesem Raum meinte er eine bekannte Persönlichkeit zu erkennen. Doch was war mit dem Alten?
„Kaitlyn!“ Der Name kam etwas befehlsmäßig, das musste sogar er sich selbst eingestehen.
„Ja?“, fragte sie gereizt. „Doch noch eine Idee zum Frühstück?“
Doch Quinn zeigte auf den alten Mann. „Wer ist er? Er kommt mir bekannt vor.“ Was Besseres fiel ihm nicht ein.
Kaitlyn seufzte. „Das ist Pete. Er bedient die Seilbahn. Wenn sie nach Dursey wollen, kann ich für Sie einen Termin vereinbaren, sonst warten Sie Tage.“
„Wieso?“, fragte Quinn ratlos.
„Eine Kuh, sechs Schafe oder sechs Personen, wobei die Inselbewohner Vorrang haben. Dazu kommt noch Futter, Baumaterial und Sonstiges. Wenn Sie auf die Insel wollen, stellen Sie sich besser gut mit Pete. Einem Ale ist er nie abgeneigt“, zählte Kaitlyn verstimmt auf. Sie schien wütend auf ihn zu sein.
„Eine Kuh, sechs Schafe, … Sagen, wollen Sie mich verarschen?“, erwiderte Quinn grimmig.
„Na, dann wünsche ich Ihnen viel Glück. Wenn Sie auf Ratschläge nicht hören wollen, ist das nicht mein Problem.“ Mit diesen Worten ging sie einfach davon.
Als Quinn das Cottage verließ, sah ihm Kaitlyn nachdenklich hinterher. Dieser Mann schien ziemlich verwirrt zu sein und anmaßend und ignorant. Alles Gegebenheiten, die sie so gar nicht an einem Mann schätzte. Doch genau genommen musste es sie auch nicht kümmern. War ja nicht so, als ob sie eine tiefergehende Beziehung mit ihm eingehen wollte. Er war ihr Gast und stand somit unter ihrem Schutz. Doch offensichtlich wollte er ihn nicht, noch würde er je verstehen, dass es so war. Das Cottage war mit einem Schutzkreis umgeben, der von dem kleinen Volk gestützt wurde. Bri Cottage war ein Hort – für das kleine Volk, für Menschen, die einfach Ruhe brauchten und Schutz – vor der Welt, vor der Presse, vor bestimmten Personen, vor Feinden. Das Haus entschied, wer eintrat und hielt unliebsame Besucher fern.
Das war der Zauber der Sullivans. Brianna und Dee hatten ihn vor Jahrhunderten gewoben, zuerst um sich und ihre Familie zu schützen. Sie und die lange Linie ihrer Töchter hatten sich nie von Dursey Island entfernt und waren Dursey treu geblieben. Kaitlyn war sich nicht sicher, ob es nicht sogar ein Teil des Fluches war, der die weiblichen Sullivans an das Cottage banden. Doch letztendlich war es ihr zu Hause, das Haus waren die Wurzeln ihrer Familie.
Silent Waters hatte entschieden, dass Quinn willkommen war und somit brauchte sie sich nicht weiter mit dem Gedanken auseinandersetzen.
Holly tauchte hinter ihr auf. „Er ist nicht wie Ryan“, bemerkte sie stirnrunzelnd.
„Nein, ist er nicht. Aber vielleicht ist das auch gut so. Immerhin ist Ryan tot und er starb nicht eines natürlichen Todes. Er hatte mächtige Feinde“, stimmte Kaitlyn zu.
„Was weißt du eigentlich darüber?“, fragte Holly nachdenklich.
Kaitlyn erwiderte ruhig den Blick ihrer Tante. „Gab es ein Problem?“, fragte sie schließlich.
„Sean“, bestätigte Holly mit rollenden Augen. „Ich habe das geklärt. Wundere dich nicht, wenn du heute seinen Ärger zu spüren bekommst.“
„Na toll“, seufzte Kaitlyn. Ein Tag mit dem verstimmten Kobold in Aussicht ließ sie innerlich zusammenzucken. Sie sollte heute nichts Aufwendiges kochen, das würde zu einer Geduldsprobe werden. Andererseits ließ sich Sean eventuell mit einem Guinness Schokoladenmousse besänftigen.
Ja, vielleicht sollte sie gleich mit den Vorbereitungen beginnen, doch vorher würde sie mit Wiley eine Runde drehen. In der Nacht hatte sie Brianna im Sturm an den Klippen stehen sehen. Sie hatte ihre Wut gefühlt, Wut über Quinns Ankunft. Sie musste etwas von ihrer Unruhe loswerden und was half da besser als ein flotter Marsch zu den Klippen.
5
Quinn erkundete die Gegend. Er versuchte herauszufinden, was Ryan in dieser einsamen Gegend gefunden oder eher versteckt hatte. Immer wieder betrachtete er eingehend seine Umgebung, doch so sehr er sich auch anstrengte, er sah hauptsächlich Schafe, Kühe und ein paar Farmen. Eine landwirtschaftliche Gegend in einer irischen Landschaft. Grün, windig, feucht. Quinn seufzte. Man konnte sich auch kaum verfahren. Es gab nur eine Straße, die alle zig Kilometer einmal zu einer Kreuzung für eine Entscheidung führte. Das Auffälligste war das Cottage, seine Gastgeberin und die Gäste selbst. Er konnte sich nicht erklären, warum er die Personen dort einfach nicht richtig erkennen konnte. Er hatte noch nie Probleme mit seinen Augen gehabt. Doch andererseits, wenn er sich tatsächlich mit Corona infiziert hatte, konnte es möglich sein? Der Kaffee hatte herrlich geschmeckt und er hatte auch das Aroma genossen, doch dieser verdammte Virus schien ja alle möglichen Symptome hervorzubringen. Doch Kaitlyn war als „Inselhexe“ bekannt, vielleicht mischte sie irgendwelche Aromen in die Luft, die dieses Phänomen hervorriefen? Vielleicht war sie einfach eine Drogentante und berauschte ihre Gäste? War es möglich, dass er Opfer einer Suggestion geworden war?
Er musste sie eingehend überprüfen. Er würde auf jeden Fall vorsichtig sein, was er in diesem Cottage zu sich nahm. Sein Instinkt sagte ihm zwar, dass sie in Ordnung war, doch da war noch etwas, was er noch nicht richtig zuordnen konnte. Sie musste nicht gleich zu den schwer Kriminellen gehören, doch es gab eine gewisse Klientel, die diese Art der Entspannung suchten. Was wusste er schon über das Angebot des Cottage, schließlich hatte er es bei seinen Nachforschungen nicht einmal gefunden. Und falls das Angebot sich auf Berauschung durch Drogen bezog, war es eine Erklärung, warum es medial nicht aufschien. Zumindest schien es ein gewisser Kreis sehr wohl unter den Namen „Silent Waters“ zu kennen.
Ein Urlaubsort für Junkies? Quinn verzog gequält seinen Mund. Das ergab keinen Sinn. Und Ryan hatte behauptet, es wäre ein sicherer Ort. Oder war er auch Opfer von den Machenschaften der Wirtin geworden?
Wenn er zu viel von gewissen Substanzen abbekommen hatte, würde das seine verwirrten Niederschriften erklären. Doch deswegen hätte ihn sicher niemand umgebracht.
Er würde sich einmal hier bei den Leuten umhören. Mal sehen, was er herausfinden konnte.
Stunden später war er keineswegs schlauer geworden. Die Leute begegneten ihm freundlich, doch sie wurden auch sofort misstrauisch und regelrecht verschlossen. Über Kaitlyn Sullivan hörte er nur freundliche Worte. Sie schien sehr beliebt und hilfsbereit zu sein. Er fühlte sich so ratlos wie am Tag zuvor, wo er noch nicht gewusst hatte, wo Silent Waters überhaupt zu finden war.
Mürrisch über seinen erfolglosen Tag fuhr er zurück zum Cottage. Angekommen, machte er unauffällig ein paar Bilder der parkenden Autos. Er würde die geheimnisvolle Identität der Gäste bald lüften.
Quinn betrat das Cottage und griff nach dem Zimmerschlüssel in seiner Tasche, doch er war nicht da. Das konnte doch nicht wahr sein? Seine Tasche hatte kein Loch und trotzdem war darin gähnende Leere.
„Kann ich Ihnen helfen, Herr Brown?“, erkundigte sich Holly freundlich. Kaitlyn und der Kobold hatten wirklich eine angespannte Laune und daher hatte sie sich unauffällig aus der Schusslinie gebracht.
„Das ist mir wirklich peinlich, aber wie es aussieht, habe ich den Schlüssel verloren“, gestand Quinn brummig.
„Aber nicht doch, unsere Schlüssel gehen nie verloren“, winkte Holly lächelnd ab.
Quinn fand die Aussage lächerlich. „Tja, anscheinend kann das doch passieren“, erwiderte er nicht gerade freundlich.
Holly überhörte galant seinen schlechten Ton und griff unter die Theke. „Hier ist er ja. Wie gesagt, unsere Schlüssel gehen nie verloren. Sie verlassen niemals das Grundstück.“ Mit diesen Worten legte Holly den besagten Gegenstand auf die blanke Holzfläche.
Quinn fand das gar nicht komisch. Er kniff erbost die Augen zusammen, doch Holly lächelte ihn nur an.
„Das ist bei uns so“, bekräftigte sie, so als ob sie einem kleinen Kind etwas begreiflich machen wollte.
„Doch Silent Waters hat noch einen separaten Eingang. Vermutlich war es gestern einfach schon zu spät. Ich zeige Ihnen gerne, wie sie jederzeit in ihre Suite kommen.“
Allmählich begann seine Theorie von berauschenden Substanzen glaubwürdig zu erscheinen. Sobald er dieses Cottage betrat, kam er sich vor wie ein Trottel. Aber nicht mehr lange, schwor er sich.
Holly trat beschwingt hinter der Theke hervor und winkte ihm, ihr zu folgen. Sie trug ein Kleid mit Blumen darauf, die in satten Gelb- und Rottönen leuchteten. Holly Sullivan erweckte den Eindruck einer vitalen fünfzigjährigen Frau. Eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Nichte war nicht von der Hand zu weisen. Und Kaitlyn Sullivan hatte das Aussehen einer typischen irischen Frau, die eine raue verführerische Aura umhüllte. Holly führte Quinn bei der Tür hinaus und folgte dem Pfad ums Haus.
„Sie können auch gerne ihren Wagen hinter dem Haus abstellen, da wird er auch nicht so leicht gesehen“, erklärte sie augenzwinkernd.
Es folgte eine schmale Treppe ins Obergeschoß mit einem kleinen Plateau mit einer eindrucksvollen Aussicht auf die Klippen. Er konnte Dursey Island sehen, einen Leuchtturm und auch die Seilbahn, die über den Dursey Sound führte.
Neben der Tür war ein kleines Schild angebracht. Es stand „Silent Waters“ darauf.
„Warum bringen sie Ihr Schild so klein und nicht einsehbar auf der Rückseite des Hauses an?“, fragte Quinn verwirrt.
Holly sah ihn an. „Wie meinen Sie?“, fragte sie ratlos.
„Das Schild, das mit dem Hausnamen. Es sollte doch eher auf der Straßenseite angebracht sein.“ Quinn war am Rande seiner Geduld.
„Nein, nein. Das Cottage heißt Bri Cottage nach unserer Ahnin Brianna. Die Suite heißt Silent Waters. Sie steht nur bestimmten Personen zur Verfügung“, erklärte Holly geduldig.
„Es verfügt auch über einen speziellen Schließmechanismus, wodurch es ihnen jederzeit möglich ist, die Suite von außen zu betreten. Sobald die Tür ins Schloss fällt, versperrt sie sich automatisch.“
Jetzt war Quinns Neugier geweckt. Das hatte er nicht erwartet.
Holly trat neben die Tür und zeigte auf eine Anordnung von Zeichen. Quinn trat näher, um sie besser sehen zu können. Die fünf Zeichen waren um ein Pentagramm angeordnet. Hexenkunst? Quinn unterdrückte ein Lächeln.
„Sind Ihnen die Symbole für die Elemente vertraut?“, erkundigte sich Holly freundlich.
„Mit Hexerei hatte ich bis jetzt nicht zu tun“, erwiderte Quinn trocken.
Hollys Lächeln gefror und ihr zuvor warmer Blick strahlte plötzlich Kälte aus.
„Herr Brown“, sagte sie mit scharfer Stimme, „Sie sollten nicht über Dinge urteilen, die Sie nicht verstehen. Zumal Sie auch noch deren Schutz genießen, ob Ihnen das bewusst ist oder nicht.“
Quinn hielt ihren Blick stand und er erkannte, dass er sie anscheinend verletzt hatte. „Mrs. Sullivan, ich wollte Sie nicht beleidigen, das war nicht meine Absicht.“
Holly schnaufte hörbar und wandte sich wieder dem Schild zu. Sie zeigte auf das Symbol links unten.
„Im Uhrzeigersinn stehen die Symbole für Erde, Luft, Äther, Wasser und Feuer“, erläuterte sie.
„Äther?“, fragte Quinn.
„Ja, das fünfte Element im Pentagramm. Durch das Drücken einer Abfolge öffnet sich die Tür. Sie können sich die Abfolge durch einen Spruch merken. Ryan hatte ein Talent dafür“, bemerkte sie ironisch.
Quinn erstarrte unmerklich. „Ryan hat also hier in diesem Cottage gewohnt und diese Suite benutzt?“ fragte Quinn nach Bestätigung. Brachten sie ihn mit Ryan in Verbindung? Er hatte nichts in diese Richtung erwähnt.
„Warum fragen Sie nach Begebenheiten, die sie bereits kennen?“, wich Holly verstimmt aus.
„Wenn sich Feuer und Wasser vereinen wird der Bann sich in die Luft erheben und die Ahnen werden in der Erde Frieden finden. Ihre Seelen werden sich in der Luft vereinen und sich zum ewigen Äther verbinden.“ Bei diesem Spruch drückte Holly auf die dazu gehörigen Symbole und die Tür schwang mit einem leisen Klicken auf.
„Sie können natürlich Ihren eigenen Code kreieren, um die Reihenfolge zu behalten. Wichtig ist, dass Feuer und Wasser zusammengedrückt werden. Sie sind also auf den Schlüssel nicht angewiesen. Natürlich können Sie ihn jederzeit benutzen, wenn Sie durch die Vordertür kommen.“
Quinn betrachtete mit neuem Interesse das Pentagramm. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Wer aller kennt den Code für diese Tür?“, wollte er wissen und hielt den Blick von Holly fest.
„Nur ich, Kaitlyn und Sie. Der Code kann bei Bedarf geändert werden, falls Sie Bedenken haben. Das war aber bis jetzt nicht notwendig“, erwiderte Holly mit verschränkten Armen.
„Und die vorigen Bewohner?“, fragte Quinn scharf nach.
„Nun, die sind kein Problem, Herr Brown“, versicherte Holly.
„Wie das?“, hakte Quinn nach.
„Silent Waters ist oft lange Jahre unbewohnt. Und Geister können auch durch verschlossene Türen gehen“, erwiderte Holly mit einem grimmigen Lächeln.