Hochzeit auf den 2. Blick - Michaela Hössinger - E-Book

Hochzeit auf den 2. Blick E-Book

Michaela Hössinger

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Beschreibung

Wenn zwei Bedingungen das Schicksal herausfordern … Sabine glaubt an ehrliche Arbeit, nicht an Märchen. Ihr Traum vom eigenen Café scheint zum Greifen nah – bis ihre Großmutter plötzlich beschließt, Amor zu spielen. Die Bedingung für ihre finanzielle Unterstützung: Sabine muss innerhalb eines Jahres heiraten. Leon dagegen hat alles – Erfolg, Charme und ein Familienunternehmen, das er eines Tages übernehmen soll. Doch sein Großvater stellt eine Forderung, die ihn fassungslos macht: Ohne Ehe keine Zukunft als Firmenchef. Zwei Menschen, die von der Liebe genug haben, landen durch eine verrückte Verkettung von Umständen in der TV-Show „Hochzeit auf den ersten Blick“. Eine Kamera, ein Vertrag, ein „Ja“ – und plötzlich steht Sabine einem völlig Fremden gegenüber, der ihr Herz auf gefährlich vertraute Weise berührt. Eine Geschichte über Mut, zweite Chancen und die Liebe, die man nicht suchen kann – weil sie einen längst gefunden hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Michaela Hössinger

Hochzeit auf den 2. Blick

Cover: Hochzeit auf den 2. Blick

1. Kapitel

Sabine seufzte hörbar auf. Egal aus welchem Blickwinkel sie die Möglichkeiten betrachtete, es ging sich einfach nicht aus. Ihr Traum würde wohl immer ein Traum bleiben.

„Du kannst alles schaffen, was immer du möchtest.“ DAS hatte immer ihre Mutter ihr vorgetragen wie ein Mantra. Doch manches Mal scheiterte man einfach an solch banalen Dingen wie etwa genügend Geld.

Sabine stützte ihr Kinn auf ihre Hände und kaute auf dem Bleistift herum.

„Was ist los Bine? Grübelst du wieder einmal über dein Café?“, fragte Jessica.

Jessica war Leben, bunt, chaotisch und sprühend. Sobald ihre Freundin einen Raum betrat, wurde man irgendwie mitgerissen und verschwand in der Welt der Bedeutungslosigkeit.

„Ja, und wie unerreichbar es scheint. Egal wieviel ich arbeite, wieviel ich spare – es ist einfach nicht genug“, seufzte Sabine erneut.

„Schätzchen, du machst dir zu viele Gedanken. Vielleicht solltest du einmal das Café einfach Café sein lassen. Ein Traum ist wunderbar, aber du solltest darüber nicht die andere Seite des Lebens vernachlässigen“, erinnerte Jessica altklug.

„Welche andere Seite?“, fragte Sabine neugierig.

Jessica stellte ihr Glas mit dem Saft laut auf den Tisch ab. „Du meinst das wirklich ernst? Du machst keinen Scherz, oder?“ Sie betrachtete ihre Freundin mit zusammen gekniffenen Augen. „Party, Spaß, Kerle? Also echt Bine, selbst deine Oma hat mehr Freizeitvergnügungen als du.“

„Das ist nicht wahr!“, protestierte Sabine.

„Was ist nicht wahr?“, fragte Ramona, die gerade von ihrer Assistenzstelle der Universitätsklinik nach Hause kam.

„Das Bine sich nichts gönnt. Sie kennt nur Arbeit. Untertags in der Konditorei und abends und am Wochenende backt sie ihre traumhaften Torten für weiß Gott wen und die Welt und an ihrem freien Nachmittag hilft sie in der Suppenküche“, klärte Jessica auf.

„Hm, um ehrlich zu sein, bist du die Einzige, die Spaß hat Jessica“, erwiderte Ramona und blickte hungrig in den Kühlschrank.

„Es ist noch Minestrone und Ravioli mit Käsesoße da“, bot Sabine ihrer Freundin an. „Ich mache es dir gerne warm, setzte dich doch.“

„Du bist ein Schatz, möchtest du mich heiraten?“, seufzte Ramona müde.

„Und ich werde nicht gefragt?“, murrte Jessica.

„Dich heirate ich auch, wie könnte ich ohne deine bunten Taschen leben? Oder ohne deinen unerschöpflichen Vorrat an guter Laune?“, fragte Ramona mit unschuldigem Blick.

„Es ist genug für alle da“, lachte Sabine und stand auf.

„Und wie könnte ich ohne deine Fußmassage leben“, ergänzte Ramona rau flüsternd und legte ihr Bein in Jessicas Schoß.

„Mal ehrlich, ihr beide würdet ohne mich an Langeweile sterben“, stellte Jessica klar und drückte ihren Daumen in Ramonas Fußsohle.

Ramona stöhnte auf und legte ihren Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken.

„Anstrengender Tag?“, fragte Sabine mitleidig.

„Ihr habt ja keine Ahnung“, murmelte Ramona. „Ich hoffe, ich kann mir bald eine eigene Praxis leisten, bevor ich den Idioten von Oberarzt erwürge und in ein Reagenzglas stecke.“

„Was hat Dr. Dr. Ich weiß alles besser als die anderen dieses Mal angestellt?“, fragte Jessica.

„So viele Menschen leiden wirklich an schrecklichen Hautproblemen und das Gute daran ist, es gibt meistens eine Lösung, um es zu heilen oder die Beschwerden und Einschränkungen erheblich zu verbessern. Aber interessiert ihm das?“ Ramonas Stimme nahm einen wütenden Unterton an.

„Ist wohl unnötig darauf eine Antwort zu geben“, brummte Jessica.

„Sobald sich die Diagnose eines Lipoms, einem Ekzem oder einer Schuppenflechte wegbewegt, interessieren ihm die Probleme nicht mehr. Die notwendigen Untersuchungen wären für eine Diagnose dann zu kostspielig und würden dann nicht von der Kasse bezahlt. Das ist dann der Moment, wo er den leidgeplagten Menschen seine Karte mit der Wahlarztpraxis in die Hand drückt. Ich bin Ärztin geworden, um den Menschen zu helfen und nicht um eine Kostenaufstellung zu machen, ob sich das lohnt oder seine private Ordination florieren zu lassen auf den Kosten der Patienten“, erklärte Ramona ärgerlich.

„Er ist ein Idiot und kapitalgesteuert, was erwartest du von einem eingefleischten Kapitalisten?“, erwiderte Jessica.

„Naja, irgendwann einmal hat er doch hoffentlich aus anderen Idealen Medizin studiert“, warf Sabine ein, während sie im Topf rührte.

„Du bist wirklich hoffnungslos idealistisch Bine. Papa und Großpapa von Dr. Oberidiot waren schon Ärzte. Und eine Privatpraxis macht sich gut bezahlt, das waren seine Motive. Nicht jeder folgt seinem Traum aus denselben Motiven wie du“, klärte Jessica augenrollend ihre Freundin auf.

„Jetzt übertreibst du aber, Jessica. Ein Arzt zu sein ist wie eine Torte backen und zu gestalten. Niemand kann das ohne Herz machen“, widersprach Sabine.

„Das ist ja das Problem“, seufzte Ramona als Jessica eine weitere verspannte Stelle bearbeitete. „Der hat, glaube ich, gar kein Herz. Weder für seine Patienten noch überhaupt für Menschen. Nein, das stimmt nicht ganz. Er hat eine Schwäche für sich selbst. Und für seine Monologe, wo er jedem erzählt wie toll er ist.“

„Vielleicht sollt ihn einmal wer aufklären“, schlug Jessica vor.

„Ja, das dachte ich auch. Es ist einfach so über mich gekommen“, beichtete Ramona mit gebrochenem Flüstern.

Sabine sah überrascht auf und hielt den Kochlöffel in der Bewegung an. „Was ist über dich gekommen?“

„Ja, Schätzchen, was ist über dich gekommen?“, fragte Jessica grinsend. „Du hast ihm hoffentlich gesagt, wie dämlich er ist und geldgierig und menschenverachtend.“

Ramona schlug die Augen auf und wechselte mit ihren Freudinnen einen Blick, die sie erwartend ansahen.

„Ich habe ihn angebrüllt. Ich weiß auch nicht. Mir hat es einfach die Sicherungen durchgeknallt“, gestand Ramona müde.

„Ach herrje, das hätte ich nur zu gerne erlebt. Hat es jemand gefilmt. Dauernd stehen wo Leute rum und filmen jeden Scheiß. Sag mir, dass es ein Video, oder zumindest eine Tonaufnahme davon gibt“, flehte Jessica.

„Du hast ihn angebrüllt?“, wiederholte Sabine entgeistert. Die Minestrone fing blubbernd zu kochen an und ein heißer Tropfen ließ Sabine zusammenzucken.

„Nicht nur das, ich glaube, ich habe ihn als geldgierigen, empathielosen Schande des Ärztestandes beschimpft“, gab Ramona mit zusammen gekniffenen Augen preis. „Und dass ein doppelter Doktor kein Garant für Integrität sei.“

Sabine ließ erneut den Kochlöffel los und brennend heiße Minestrone spritze hoch.

„Es gibt kein Video“, seufzte Jessica enttäuscht.

„Natürlich nicht, hältst du mich für total bescheuert?“, flüsterte Ramona.

„Nun die Sache wird die Zusammenarbeit in Zukunft nicht einfacher machen“, mutmaßte Sabine und stellte den Topf mit der Minestrone auf den Tisch.

„Vermutlich nicht. Ich habe eine Beschwerde gegen ihn eingebracht“, gestand Ramona. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir damit einen Gefallen getan habe. Er hat sehr großen Einfluss in der Klinik“, führte Ramona resignierend aus.

„Oje, du wirst doch hoffentlich keinen Ärger bekommen? Du hast so viel Energie in die Stelle gesteckt“, erwiderte Sabine mitfühlend.

Jessica zuckte mit den Schultern. „Sieh es positiv – vielleicht brauchst du dich dann mit dem Arsch nicht mehr abzugeben.“

„Ach Jessica, jetzt zeig doch mal Mitgefühl. Ramona hat so viel Zeit und Kraft in die Stelle investiert. Und sie braucht den Job, wenn sie einmal ihre eigene Praxis haben will“, wies Sabine Jessica zurecht.

Ramona stieß erneut einen lauten Seufzer aus. „Ihr habt beide recht. Was täte ich nur ohne euch. Ich wünschte, ich könnte mir schon eine eigene Praxis leisten.“

„Also, ihr beiden, ihr geht mir ziemlich auf die Nerven. Café, Praxis, Praxis, Café. Ich hätte gerne eine Kreativwerkstatt mit Ausstellungsmöglichkeiten für junge Künstler. Tun wir uns zusammen, tun wir es gemeinsam“, warf Jessica einfach so in den Raum.

Sabine und Ramona sahen ihre quirlige Freundin entgeistert an.

„Was ist?“, fragte Jessica mit blitzenden Augen. „Ich habe euer ständiges Jammern und Seufzen und sehnsuchtsvolles Schmachten satt. Wir alle haben einen Traum, leben wir ihn.“

„Du bist ziemlich verrückt, weißt du das, Jessica?“, antwortete Ramona.

„Sie ist Kunststudentin, wir wissen, dass sie verrückt ist“, sagte Sabine.

„Hey, was wollt ihr damit sagen. Ich bin Lebensfreude, Spaß, Farbe. Ich stehe für die Sachen, die mir wichtig sind. Ihr seid mir wichtig und mein Traum ist mir auch wichtig. Also, was hält uns auf?“, stellte Jessica klar.

Sabine lächelte. „Geld hält uns auf. Sonst schlagen wir sehr schnell am Boden auf“, erklärte sie pragmatisch.

„Man muss auch ein Risiko eingehen. Unsere Träume sind es wert, ein Risiko einzugehen“, präzisierte Jessica.

Ramona betrachtete ihre Freundin nachdenklich. „Vielleicht hast du Recht.“

„Jetzt seid ihr beide verrückt. Ihr wisst, ich liebe euch wie Schwestern, aber das ist verrückt“, schüttelte Sabine aufgebracht den Kopf.

„Bine, wir leben in einer Demokratie, du musst dich der Mehrheit beugen. Lass dich drauf ein. Du kannst nicht alles im Leben planen. Du brauchst mehr Spontanität, ihr beide braucht das“, stellte Jessica klar.

Ramona stützte ihren Kopf nachdenklich auf ihre Hände. „Vielleicht sollten wir springen. Loten wir einfach unsere Möglichkeiten aus.“

„Ihr beide meint das wirklich ernst“, erkannte Sabine überrascht und sank auf den Stuhl.

„Wir können alles schaffen, zusammen. So wie wir es seit fünf Jahren machen“, antwortete Jessica.

„Zusammen“, erwiderte Sabine zögernd und als Einverständnis legten sie ihre Hände übereinander.

Sabine fühlte sich aufgeregt, hoffungsvoll und vor allem plötzlich über allen Maßen glücklich.

2. Kapitel

Leon zog sich mit einer letzten Kraftanstrengung auf den letzten Griff der Kletterwand hoch. Triumph durchströmte ihn, dass er die Wand bezwungen hatte. Dann ließ er sich fallen und landete wenige Sekunden später sicher am Boden neben seinen Freund Sandro.

Der klopfte ihm anerkennend auf den Rücken. „Gratuliere, Leo, die Wand hast du erledigt. Geht es dir jetzt besser?“ Sandro sprach seinen Namen in der englischen kurzen Variante aus.

Leon sah seinem Freund, den er wie einen Bruder behandelte, mit einem schiefen Grinsen ins Gesicht.

„Zumindest hat es für eine kurze Zeit meinen Kopf leergeräumt“, gestand Leon. „Willst du auch hoch?“

Doch Sandro schüttelte den Kopf. „Nein danke. Mal abgesehen, dass mir heute etwas flau im Magen ist, will ich nicht das Risiko eingehen, dass du mich fallen lässt“, lehnte er grinsend ab.

Leon richtete sich auf. „Ich würde dich niemals fallen lassen, das weißt du“, widersprach er entschieden.

„Nicht absichtlich, aber du hast schon wieder sämtliche Aufmerksamkeit auf dich gezogen. Wie lange wird es noch dauern, bis die Blondine sich an dich ranmacht oder die Brünette drüben schüchtern um deine Hilfe bittet. Es ist sehr frustrierend mit dir irgendwo zu sein. Ich bin dann immer die zweite Wahl“, beklagte sich Sandro schmollend.

„Soweit ich mich erinnern kann, hast du die letzte Blondine abgeschleppt“, widersprach Leon mit hochgezogener Braue.

„Ja, nachdem sie bei dir keine Chance hatte, hat sie sich mit mir begnügt. Du bist einfach der Sonnyboy“, schnaubte Sandro.

Leon boxte seinen Freund in die Seite. „Du weißt, ich mag das nicht, wenn du mich so nennst. Du weißt genau, wie ich bin.“

„Natürlich weiß ich das und ich gebe mich immer noch mit dir ab, ist ja nicht zu glauben“, lachte Sandro.

Leon grinste schief und legte seinen Freund den Arm um die Schultern. „Komm, ich gebe ein Bier aus.“

„Da sag ich nicht nein, dann kannst du mir dabei erzählen, mit was dich dein Alter wieder so auf die Palme gebracht habe. Ich habe schon befürchtet, dass du die Wand in Stücke reißt“, erwiderte Sandro beiläufig.

„Na, die alte Leier. Ich soll heiraten, Erben in die Welt setzen, die Dynastie sichern. Und seine Wahl ist Tiffany“, schnaubte Leon ärgerlich.

Sandro holte zwei Bier von der Theke und öffnete sie gekonnt. „Die meisten Eltern und Großeltern wünschen sich Hochzeiten und Babys. Und was ist falsch an Tiffany? Ist doch ein heißer Feger“, fragte er interessiert.

„Nichts ist falsch an Tiffany, aber sie ist die falsche für mich. Wenn ich für eine Frau Zeit hätte, dann wünsche ich mir eine, die mich als Menschen sieht. Nicht meine Herkunft, meinen Besitz oder das dicke Plus auf meinem Bankkonto. Tiffany würde keinen Blick an mich verschwenden, wenn ich nicht der Erbe von Kuenberg Industrie wäre. Für manche mag das genug sein, nicht für mich“, stellte Leon klar.

„Hm, die meisten sehen dich, hast du dich mal in letzter Zeit in einem Spiegel betrachtet? Ich gebe es nicht gerne zu, aber du siehst gut aus, also ein absoluter Traummann für die holde Weiblichkeit. Das ist mein schweres Los mit dir, ich verblasse neben dir“, eröffnete Sandro seinen Freund mit einem etwas genervten Ausdruck im Gesicht.

„Und wenn ich alt und faltig bin, haben sie dann zumindest noch das Geld und betrügen mich mit einem Jüngeren“, brummte Leon.

„Jetzt wirst du melodramatisch“, antwortete Sandro. „Ich werde deine Visage auch noch ansehen, wenn sie alt und faltig ist. Du weißt, niemand liebt dich so wie ich“, grinste er frech.

„Du bist ein schlechter Umgang für mich“, erinnerte Leon seinen Freund.

„Na hoffentlich“, lachte Sandro.

Neben den Unmut, dass Leon nicht in naher Zukunft beabsichtigte in den Stand der Ehe einzutreten, war sein Freund Sandro ebenfalls ein ewig währender Stachel im Fleisch seines Großvaters.

Leon war immer ein aufmerksamer Schüler gewesen und auch ein Rebell. Er erinnerte sich nur zu gut, wie er jede Gelegenheit genutzt hatte, um sich still und heimlich aus dem Internat der Schule zu stehlen. Schon damals war ihm die Gesellschaft der sogenannten Gleichgesinnten nicht genug gewesen. Die Welt war ihm immer schon wie in einer Blase vorgekommen. Er wollte die reale Welt draußen sehen, die 97% der restlichen Bevölkerung kannten. Abseits von Geld, Prestige, Sicherheitspersonal und den Angehörigen der oberen Zehntausend tat sich Leon eine ganz andere Welt auf. Bei einem dieser Ausbrüche war er Sandro begegnet. Es war eine gänzlich neue Erfahrung, dass sich der damalig sechzehnjährige keinen Deut auf seinen Namen oder sein Geld gab.

Sehr schnell schlossen die beiden Freundschaft und stellten jede Menge Unsinn an. Als sein Großvater von seinen Eskapaden erfuhr, war es schon lange zu spät gewesen, um diese Freundschaft zu unterbinden.

Leon erkannte auch sehr schnell, dass Sandro ein cleverer Kopf war. Sein Freund war in der allgemeinen Schule unterfordert und gelangweilt. Leon war ein kluger Kopf, was Zahlen, Strukturen, Innovationen und Menschen betraf, das brachte er auch in der Firma ein, doch mit der Komplexität von Mikrochips konnte er nicht aufwarten. Sandro hingegen funktionierte wie eines dieser Teile selbst, sobald er sich damit auseinandersetzte, sie veränderte, neues ausprobierte und konstruierte.

Sie waren ein gutes Gespann und Leon machte Sandro zu seinem Chefentwickler für kommende Innovationen. Damals hatte er sich unterbitterlich gegen seinen Großvater durchgesetzt und der alte Herr hatte letztendlich wütend nachgegeben, als er die Gefahr erkannte, dass die Möglichkeit bestand, dass er auch seinen Enkel verlieren würde.

Sein Großvater dachte immer noch, dass er eine gewisse Kontrolle über ihn hatte.

Ursprünglich sollte der älteste Sohn, sein Onkel die Firma übernehmen. Es war allgemein bekannt, dass Erich Kuenberg Junior alle Erwartungen seines Erzeugers erfüllen würde. Er heiratete Saskia, ebenfalls der Wunsch seines Vaters, und bald darauf wurde Vicky geboren. Ein durch und durch gehorsamer Sohn auf der vorgezeichneten Landkarte der Dynastie. Der zweitgeborene Sohn Wilhelm hingegen hatte ziemliche Narrenfreiheit, sobald sich herausstellte, dass er nicht die Voraussetzungen mitbrachte, die sich sein Vater vorstellte. Wilhelm genoss in vollen Zügen die Annehmlichkeiten des Wohlstandes und heiratete seine Liebe des Lebens, Catarina, die er auf einen seiner Reisen kennenlernte. Als Wilhelm und Catarina mit einem Neugeborenen am Familienstammsitz auftauchten, interessierte sich Erich Kuenberg Senior relativ wenig dafür.

Das änderte sich schlagartig, als Leons Onkel und Tante bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kamen. Da Wilhelm nicht für die Firma geeignet war, richtete sich der Blick auf Leon, seinen einzigen männlichen Nachkommen.

Seine Eltern leisteten keinen Widerstand, als sein Großvater die Erziehung von Leon übernahm und dieser auch keine Einwände dagegen hatte. Seine Eltern liebten ihn, doch sie waren wie Schmetterlinge, sie blieben nie lange an einem Ort. Vielleicht war diese Eigenschaft, die sein Großvater als Schwäche seiner Eltern sah, Leons Stärke. Er respektierte seinen Großvater, gewissermaßen liebte er ihn sogar, doch er würde niemals seinen inneren Kern aufgeben. Und er würde daher Tiffany nicht heiraten.

„Das ist das perfekte Objekt! Hier kann jede Einzelne von uns ihren Traum verwirklichen und das Beste daran ist, wir sind zusammen“, rief Jessica überwältigt aus.

„Ich gebe zu, es ist perfekt, doch wie sollen wir uns das leisten können? Hast du den Preis gesehen?“, hauchte Sabine.

Ramona lehnte sich an die Fensterbank und sah wehmütig in den Raum. „Ja, perfekt in der Tat. Und ich habe in zwei Monaten keinen Job mehr.“

Die Klinik hatte ihr nach dem Vorfall nahegelegt ihre Kündigung einzureichen und ihr zugestanden, bis zum Quartalsende sie bei voller Bezahlung freizustellen.

„Na, wunderbar, dann kannst du deine volle Energie in dieses Projekt fließen lassen“, kommentierte Jessica.

„Jessica, wie sollen wir das bezahlen? Selbst mit einem Kredit, den wir nie bekommen werden, ist das Wahnsinn“, klang Sabine fast verzweifelt. „Du bist noch im Studium und mit deinem Teilzeitjob in der Galerie kommst du doch gerade mal so durch.“

„Vielleicht hat Oma Rosalinde etwas gespart und möchte in uns investieren?“, schlug Jessica vor.

„Wie soll meine Oma so viel Geld zur Seite gelegt haben? Sie war Kindergartentante und nicht Bundeskanzler“, rief Sabine ihrer Freundin in Erinnerung.

„Fragen kann man ja“, gab Jessica nicht nach.

„750.000 Euro“, murmelte Ramona. „Und die Einrichtung der Praxis macht nochmal 3 oder 400.000. Das kann ich bis zur Pension nicht mehr bezahlen.“

„Ach was, ihr beiden seid echt keine Hilfe. Freut euch, wir haben das perfekte Haus gefunden“, jubelte Jessica und warf die Hände in die Höhe und tanzte lachend durch den Raum.

Die Immobilienmaklerin hüstelte dezent, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

„Sie sind also potenziell interessiert?“, fragte sie höflich.

„Definitiv meine Liebe. Reservieren sie es für uns, während wir die Finanzierung bewerkstelligen“, versicherte Jessica.

Sabine schnappte bei dieser Ankündigung hörbar nach Atem und Ramona stolperte kurz über ihre eigenen Füße.

„Nun, dass freut mich. Der Bürgermeister und die Gemeinde sind sehr daran interessiert, dass das Objekt einer allgemeinen Verwendung zugeführt wird. Ein Café, eine Arztpraxis und eine Künstlerwerkstatt werden sie begeistern“, lächelte die Maklerin erleichtert.

„Nun ja“, versuchte Sabine kraftlos anzusetzen, doch Jessica henkte sich schwungvoll bei ihrer Freundin ein und fiel ihr ins Wort.

„Das freut uns natürlich und wir hoffen, dass wir auf die Unterstützung der Gemeinde zählen können. Sie wissen schon, etwas Werbung, vielleicht eine Förderung?“

„Das sollten Sie mit dem Bürgermeister persönlich besprechen. Ich muss leider zu einem anderen Termin, Ich warte dann auf Ihren Anruf nächste Woche“, verabschiedete sich die Maklerin händeschüttelnd.

Sobald die Frau winkend in ihrem Porsche um die Ecke verschwand, wandte sich Sabine zu Jessica um. „Hast du den Verstand verloren? Was sollte das?“, schrie sie fassungslos.

„Ich bin die einzige mit Verstand, wir können uns das“, und dabei zeigte Jessica mit dem Finger auf das Gebäude, „NICHT entgehen lassen. So eine Gelegenheit bekommen wir nicht wieder.“

„Ramona, sag du was“, forderte Sabine Ramona auf, die noch immer wie in Trance am Geländer lehnte und auf die Fenster im oberen Stockwerk starrte.

„Es ist ein Traum“, flüsterte sie.

„Es wird unser Alptraum werden“, entgegnete Sabine.

„Was ist, willst du dein Café nicht mehr“, fragte Jessica mit verschränkten Armen.

„Natürlich will ich mein Café, aber nicht um jeden Preis. Am Ende haben wir gar nichts mehr“, antwortete Sabine mit gebrochener Stimme.

Ramona sah auf ihre Uhr. „Lasst uns zu Oma Rosalinde fahren, sonst kommen wir zu spät zum Essen. Wir können nachher über alles reden. Lasst uns nicht streiten“, sagte Ramona mit ruhiger Stimme und legte ihre Arme um die Schultern ihrer Freundinnen.

„Wir streiten nicht, wir haben eine Diskussion“, widersprach Jessica.

„Da haben wir offensichtlich verschiedene Vorstellungen einer Diskussion“, brummte Sabine.

„Da steht der Wagen, die grüne Farbe gefällt mir“, warf Ramona ein.

„Ich liebe Carsharing, wer möchte immer mit demselben Auto fahren?“, kommentierte Jessica.

Sabine seufzte: „Machen wir uns auf dem Weg, wer fährt?“

„Ich natürlich, ich bin hier die einzige Zurechnungsfähige im Moment“, stellte Ramona klar.

Ramona entsperrte mit der App den Wagen und wenige Augenblicke später waren die drei Freundinnen unterwegs zu Sabines Großmutter Rosalinde.

Oma Rosalinde Kestner schien bestens gelaunt und schien regelrecht über den Boden zu schweben. Jessica redete ununterbrochen und schwärmte Oma Rosalinde von dem Gebäude vor und malte alles im Detail aus. Jessicas Schilderungen ließen wunderbare Bilder in Sabines Kopf entstehen, was sie noch mehr resignieren ließ, als die Bilder immer mehr in die Ferne rückten.

Ramona starrte ins Leere und verharrte mit der Gabel in der Hand in der Luft.

„Das hört sich ja wunderbar an. Sabine, Liebes, ich freue mich so für euch. Ihr seid ein so tolles Team, ich würde gerne mithelfen, ich bin gerne unter den Leuten“, strahlte Oma Rosalinde.

Sabine seufzte laut. „Es wird leider nichts werden Oma, wir können uns das Gebäude nicht leisten.“

„Ach so?“, horchte Oma Rosalinde auf.

„Alles nur ein paar Hindernisse, für die wir eine Lösung finden werden“, widersprach Jessica.

„Jessica, ich widerspreche dir nur ungern, aber ein Startkapital von 750.000 Euro plus die Einrichtung eines Cafés, einer Praxis und einer Künstlerwerkstatt sind ziemlich große Hindernisse“, löste sich Ramona aus ihrer Starre.

„Das ist eine Menge Geld“, bestätigte Oma Rosalinde.

„Ach, lass dich nicht von Ramona oder Sabine beeinflussen. Sie sind beide nicht gerade auf der Höhe. Ramona hat ihren Chef beschimpft und ihren Job verloren und Sabine vergräbt sich ständig in ihren Torten, geht nie aus. Sie weiß vermutlich gar nicht mehr, wie ein Kerl aussieht“, winkte Jessica ab.

„Du hast deinen Job verloren? Aber wieso denn? Du bist doch so eine hervorragende Ärztin“, sah Oma Rosalinde zu Ramona.

„Zählt nicht, zumindest nicht, wenn man seinen Chef der Inkompetenz beschuldigt“, antwortete Ramona.

„Aha.“ Oma Rosalinde war die Überraschung ins Gesicht geschrieben. „Aber du bist eine gute Ärztin, du hast schon so vielen geholfen, die schon so lange auf eine Heilung gehofft hatten. Und du kümmerst dich auch immer um die Obdachlosen in der Suppenküche. Du darfst dich nicht unterkriegen lassen“, ermahnte sie Ramona.

„Und was höre ich da von dir, Sabine, du wirst alt und schrumpelig sein, wenn du nie ausgehst und Spaß hast. Wie sollst du denn da einen netten Mann fürs Leben kennenlernen?“, fragte sie ernsthaft und fixierte ihre Enkelin.

„Danke Jessica. Oma, ich bin nicht auf der Suche nach einem Mann. Es ist außerdem schwierig geworden einen netten Kerl überhaupt zu finden. Die Zeiten haben sich geändert. Wir leben im 21. Jahrhundert. Frauen überleben auch ohne Männer“, entgegnete Sabine.

„Ja, Liebes, aber wie soll ich zu Urenkeln kommen, wenn du keinen Mann hast? Ich möchte das noch erleben“, erwiderte Oma Rosalinde.

„Ach Oma, du wirst noch ganz lange bei uns sein. Und ich bin fünfundzwanzig. Ich habe noch jede Menge Zeit für Kinder“, widersprach Sabine.

„Du brauchst dazu aber trotzdem einen Kerl, es gibt natürlich auch künstliche Befruchtung“, warf Ramona ein.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, entrüstete sich Oma Rosalinde. „Ein Kind braucht auch einen Vater. Ein Kind aus der Samenbank, das kann weiß Gott wer sein.“

„Na, Gott sicherlich nicht, obwohl es manche glauben“, warf Jessica ein. „Stelle dir vor, der Dr. Dr. Oberidiot ist der Spender, da sollte man wirklich an Gott glauben.“

„Wer ist Dr. Dr. Oberidiot?“, versuchte Oma Rosalinde zu folgen.

„Ramonas Chef, oder besser Ex-Chef“, antwortete Sabine, froh das vorherige Thema damit fallen zu lassen.

„Der spendet seinen Samen?“, fragte Oma Rosalinde verwirrt.

„Ich hoffe nicht, aber wenn, dann verkauft er ihn wahrscheinlich in kleinen Säckchen mit der Aufschrift ‚Allwissend‘“, kommentierte Ramona.

„Also künstliche Befruchtung kommt nicht in Frage“, stellte Oma Rosalinde bestimmt fest.

Aufstöhnend ließ sich Sabine zurücksinken.

„Aber ich habe eine wunderbare Idee“, eröffnete Oma Rosalinde strahlend.

Sabine zuckte zusammen, sie hatte das dumpfe Gefühl, dass sie die „Idee“ nicht so begeistern würde. Vermutlich würde ihre Großmutter wieder eine potenzielle Kandidatenliste für ihre zukünftigen Enkelkinder oder besser Urenkelkinder aus dem Hut zaubern.

„Ich liebe Ideen“, lächelte Jessica und wandte sich strahlend Oma Rosalinde zu.

„Nun, ihr braucht Geld, um eure Traumprojekte zu verwirklichen und ich würde euch das Geld geben. Ich habe nur eine Bedingung“, platzte Oma Rosalinde hervor.

„Oma, ich kann mir nicht vorstellen, dass du eine Million in deinem Sparstrumpf hast“, murmelte Sabine komplex.

„Welche Bedingung?“, fragte Jessica zeitgleich interessiert.

„War was in dem Essen? Ich glaube, ich halluziniere“, fragte Ramona argwöhnisch.

„Ich kann alles Geld, was ihr braucht zur Verfügung stellen. Ich kann auch mit dem Bürgermeister reden. Schließlich kennen wir uns schon ein Weilchen“, stellte Oma Rosalinde klar.

„Oma, ich hatte bis jetzt nicht den Eindruck, dass du an Demenz oder Legasthenie leidest. Wir reden von mindestens einer Million, ein Einser mit sechs Nullen dran“, stellte Sabine nun lautstark klar.

„Du brauchst nicht laut werden Liebes. Ich habe im Lotto gewonnen, den Jackpot. Und ich weiß wie viele Nullen eine Million hat. Ich habe das Geld gestern bekommen“, wies sie ihre Enkelin zurecht.

„Du spielst Lotto?“, fragte Sabine überrascht.

„Das ist ja wunderbar, Oma Rosalinde“, kreischte Jessica und umarmte sie stürmisch.

„Ich glaube, ich brauche einen Schnaps“, flüsterte Sabine.

Nach ein paar Sekunden begann Sabine zu lächeln. „Ach, Oma, das ist schön, jetzt kannst du auf Reisen gehen, das wolltest du doch immer.“

„Ah, papperlapapp, dich glücklich zu sehen ist mein größter Wunsch. Euch drei glücklich zu sehen. Ihr alle drei wärmt mein altes Herz, Ihr seid ALLE meine Enkelkinder, und es soll niemand wagen, etwas anderes zu behaupten“, stellte Oma Rosalinde klar.

Ramona traten die Tränen in die Augen. „Danke, du bist die Oma, die ich nie hatte. Ich habe dich lieb, wir alle haben dich lieb.“

„Das weiß ich doch, ihr seid meine Engel“, lachte Oma Rosalinde vergnügt.

„Wir bekommen unseren Traum“, jauchzte Jessica.

„Ah, du erwähntest eine Bedingung, Oma“, erinnerte Sabine lächelnd. Ihr Herz schien vor Aufregung und Glück schier aus der Brust zu springen.

„Ach ja, die Bedingung. Ich kaufe das Haus und bezahle die Rechnungen. Wenn Sabine innerhalb eines Jahres heiratet, bekommt ihr das Haus, andernfalls werde ich es nach meinem Tod der Gemeinde vermachen“, eröffnete Oma Rosalinde.

„Wie bitte?“, fragte Sabine fassungslos.

„Na, das ist ja ein Ding. Das wirst du ohne Hilfe nicht schaffen“, stellte Jessica klar.

„Das ist ja ein Hammer.“ Ramona fehlten offenbar die Worte.

„Darf sie auch eine Frau heiraten?“, fragte Jessica.

„Eine Frau? Wieso? Die kann mir keine Enkelkinder bescheren“, stellte Oma Rosalinde fest. „Oder gibt es da etwas, was ich nicht weiß?“ Oma Rosalinde zögerte bei den nächsten Worten. „Stehst du auf Frauen?“, fragte sie streng.

Ramona schüttelte den Kopf, Sabines Augen begannen zu blitzen. Und Jessica wollte offensichtlich alle Möglichkeiten darlegen. „Nun, wir könnten welche adoptieren. Sabine, Schätzchen, willst du mich heiraten?“

„Seid ihr alle vom Affen gebissen? Ich werde nicht heiraten, um dir Enkel zu bescheren, Oma! Was ist das für eine bescheuerte Bedingung?“ Sabine schrie am Ende beinahe.

„Sie braucht etwas Zeit, um die Möglichkeiten zu überdenken. Das ist bei Bine immer so“, beschwichtige Jessica Oma Rosalinde.

„Ich brauche jetzt wirklich einen Schnaps, oder besser zwei“, flüsterte Ramona.

„Ich werde NICHT heiraten!“, versuchte Sabine erneut klarzustellen.

Doch es war, als hörte ihr niemand zu. Und Oma Rosalinde sah sehr selbstzufrieden aus.

3. Kapitel

Leon präsentierte sein Konzept dem Vorstand, wie immer saß sein Großvater am Kopfende. Leon plante einige Veränderungen, die zwar kurzfristig kostenintensiver wären, aber langfristig gesehen das Unternehmen auf einer breiten sicheren Basis abstützen und mehr Unabhängigkeit von einzelnen Lieferanten bedeuten würde.

Leon liebte seinen Job, die Firma bedeutete ihn viel, nicht weil es von ihm erwartet wurde, nein, er ging in seiner Arbeit völlig auf.

Er beendete seinen Vortrag und wartete auf die Reaktionen. Er war sich völlig im Klaren, dass er mit einem gewissen Widerstand zu rechnen hatte. Sein Großvater hatte nachdenklich seine Finger aneinandergelegt.

Es herrschte einige Sekunden Schweigen, bevor sich Heinrich Seller räusperte. „Nun, Herr Kuenberg, ein durchaus interessanter Ansatz, aber warum sollen wir die bewährten Wege verlassen. Unsere Lieferketten funktionieren einwandfrei und preiswerter. Wie sollen wir das unseren Anlegern erklären?“

Leon wandte sich ihm zu. „Wir halten 60% der Anteile in Familienbesitz und solange gute Rendite ausbezahlt werden, werden sich die Anleger kaum beschweren. Sie werden auf lange Zeit gesehen, sogar davon profitieren. Wir können uns nicht verlassen, dass die wirtschaftlichen Situationen sich nicht verändern. Wir sollten uns nicht von einzelnen Ländern abhängig machen. Es ist unsere Aufgabe auch plötzlich veränderbare Situationen einzukalkulieren. Einige der Lieferanten sind in Ländern beheimatet, wo sich jederzeit die politische Situation ändern kann. Wir dürfen uns nicht auf unserem aktuellen sehr guten Erfolg ausruhen. Das könnte fatale Folgen haben.“

„Wovor haben Sie Angst, Leon. Sie erwarten doch nicht, dass unsere Lieferketten von heute auf morgen einbrechen“, wandte Martin Liebermann ein.

„So unwirklich uns solche Szenarien auch scheinen, Sie dürfen nicht vergessen, dass wir viele unserer Rohstoffe für unsere Mikrochips aus China beziehen. Wir haben auch schon in der Vergangenheit beobachtet, wie dieses kommunistische Land aufkommende Entwicklungen zu einem weltweiten Monopol gemacht und damit gute Betriebe in den Ruin getrieben haben. Wir sind nicht nur unseren Anlegern verpflichtet. Wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber unseren Mitarbeitern und auch unserer Nation, produktions- und lieferfähig zu bleiben“, hielt Leon überzeugt entgegen.

Erich Kuenberg richtete sich auf. „Gut, wir haben deinen Vorschlag gesehen und wir werden eingehend darüber nachdenken. Meine Herren, die Sitzung ist beendet. Leon, bitte bleib noch da“, forderte sein Großvater ihn auf.

Die Vorstandsmitglieder verabschiedeten sich und Julia, die Sekretärin schloss die Tür.

„Setz dich Junge“, forderte Erich Kuenberg seinen Enkel auf.

„Du hast ehrgeizige Pläne. Ich kann deinen Vorschlag durchaus etwas abgewinnen. Auch meine Intuitionen in der Vergangenheit haben uns durch stürmische Zeiten geholfen. Du bist bereit das Ruder zu übernehmen“, eröffnete sein Großvater das Gespräch.

Leon sah erfreut auf. „Du weißt, wieviel mir das Unternehmen bedeutet. Ich würde gerne in deine Fußstapfen treten. Ich versichere dir, dass ich dich nicht enttäuschen werde.“

„Leon, ich sehe, wie gut du mit den Leuten hier zurechtkommst. Ob der Vorstand, das Management bis hin zu den Arbeitern. Die Menschen respektieren dich und sind dir wohl gesinnt. Ich schätze auch deinen Weitblick und dass du dich niemals auf dem Erfolg ausruhst. Ich bin beinahe siebzig und ich möchte die Firma in guten Händen wissen“, führte sein Großvater aus.

„Ich danke dir, dass du das so siehst, Großvater. Es wäre mir eine große Ehre“, lächelte Leon erfreut. Er hatte nicht auf eine Übernahme gedrängt, doch es war schon lange sein Wunsch eines Tages an die Spitze zu rücken.

„Wir haben nur ein Problem, Leon“, wandte Erich Kuenberg ein.

Leon lächelte. „Welches Problem, Großvater? Wir finden sicherlich eine Lösung.“

„Da bin ich mir sicher, Junge. Wie du weißt, bedaure ich deinen ledigen Zustand. Zumal er überhaupt nicht nötig ist. Ich werde die Firma an meinen siebzigsten Geburtstag übergeben. Wenn du bis dahin verheiratet bist, bekommst du das Ruder, wenn nicht, werde ich die Hälfte meiner Anteile auf den Markt bringen. Dann hat endgültig der Vorstand die Entscheidungsgewalt.“ Erich Kuenberg brachte seine Bedingung ohne Emotionen auf den Punkt.

Leons Lächeln gefror. „Das ist nicht dein Ernst? Du würdest die Zukunft des Unternehmens in fremde Hände geben?“

„Es liegt an dir, das zu verhindern“, entgegnete sein Großvater milde.

„Ich werde Tiffany nicht heiraten“, presste Leon hervor.

„Sie ist eine durchaus attraktive junge Dame. Sie ist bereit, dir eine würdige Gattin zu sein“, führte Erich Kuenberg aus, ohne auf die Ankündigung seines Enkels einzugehen.

„Nein, Großvater. Du kannst mich nicht zwingen“, presste Leon wütend hervor.

„Junge, ich musste schon mehrmals feststellen, dass du auf persönlichen Druck sehr widerspenstig reagierst. Ich weiß, die Firma ist dir wichtig, du wirst das Richtige tun. Tiffany wäre eine gute Wahl“, wiederholte sein Großvater.

„Dann solltest du sie heiraten, wenn du so von ihr eingenommen bist. Ich erwarte mehr von einer Frau als eine Ahnentafel und Attraktivität“, warf Leon seinen Großvater an den Kopf.

„Nun, ich bin mir sicher, dass du die Herausforderung meistern wirst. Wie gesagt, Tiffany wäre eine gute Wahl, aber solltest du dich für eine andere junge Dame entscheiden, dann soll es so sein. Ich habe diesbezüglich von meinem Anwalt ein Dokument aufsetzen lassen und unterzeichnet.“ Erich Kuenberg zog das besagte Papier aus der Mappe, die vor ihm auf dem Tisch lag und schob sie seinen Enkel zu.

Leon starrte wütend auf die beglaubigte Urkunde. Am liebsten hätte er es in tausend Fetzen zerrissen und seinen Großvater gesagt, was er seiner Meinung nach damit machen konnte.

„Leon, du bist mein Enkel und ich bin Dir aus tiefsten Herzen zugetan. Ich will nur dein Bestes“, versuchte er es mit sanftem Ton.

„Du weißt also, was das Beste für mich ist?“, erwiderte Leon hart und starrte seinen Großvater wütend an.

„Ich bin älter als du. Und du solltest bedenken, an der Spitze des Unternehmens kannst du deine Pläne leichter umsetzen. Du bist ein Kuenberg. Du wirst deinen Verpflichtungen nachkommen. Es ist zuweilen eine gute Sache eine gewisse Rebellion an den Tag zu legen, doch dieses Mal, wirst du nachgeben“, stellte Erich Kuenberg klar.

„Das werden wir noch sehen. Freue dich nicht zu früh, Großvater“, stellte Leon klar und verließ mit einem lauten Knallen der Tür den Sitzungssaal.

„Das hat er wirklich gesagt? Und er hat es sogar notariell beglaubigt?“, fragte Sandro. Für einen Moment verschlug es seinen Freund die Sprache.

Leon war noch immer so wütend, dass er am liebsten irgendetwas zu Kleinholz gemacht hätte.

„Na, das sind ja wirklich Neuigkeiten. Jetzt greift der Alte zu seinem letzten Druckmittel. Was wirst du jetzt tun? Tiffany?“, fragte Sandro düster.

„Nicht in tausend Jahren. NEIN. Hörst du?“ Leon brüllte beinahe.

„Ja, laut und deutlich. Was willst du jetzt tun?“, fragte Sandro erneut.

„Ich habe keine Ahnung. Ich weigere mich, einfach eine Frau zu heiraten, die mich nur wegen Geld und Namen will. Und dann soll ich noch kleine Kinder nach Wunsch abliefern“, knurrte Leon.

„Hm, was steht genau in diesem Dokument? Gibt es außer das du heiraten sollst andere Kriterien, die deine zukünftige erfüllen soll?“, fragte Sandro.

„Ich habe keine Ahnung, ich habe es nur überflogen. Ich war, ich bin so wütend. Was denkt er sich dabei?“, erregte sich Leon erneut.

„Lass mich das mal ansehen“, forderte er seinen Freund auf.

„Was soll das ändern?“, schnauzte Leon.

„Mein Gott, jetzt sei nicht so schwierig. Gib den Wisch her“, brummte Sandro. „Wenn die Situation nicht so ernst wäre, könnte ich mich über deinen Zustand totlachen.“

„Ha, ha, wirklich nett, hier“, und mit diesen Worten zog Leon das Dokument aus der Sakkotasche.

Mit hochgezogener Braue nahm Sandro das zerknitterte Dokument entgegen. „Man sieht, du bringst dem hier die größte Wertschätzung entgegen“, und versuchte das Papier zu glätten.

Stirnrunzelnd beugte sich Sandro über das Schreiben, dass sehr kurz verfasst war. Er lass die paar Zeilen mehrfach konzentriert durch.

„Also da steht nichts davon, was deine zukünftige Braut für Eigenschaften haben muss. Keine Angaben zu Status, Vermögen, Alter oder dergleichen. Soweit ich das verstehe, du sollst heiraten, egal wen“, präzisierte Sandro.

Sandro sah seinen Freund lächelnd an.

„Was findest du daran so erheiternd? Ich sagte doch schon, dass ich niemand heiraten möchte, der nur meinen Namen und Wohlstand verehelichen will. Diesen Grundsatz breche ich nicht für meinen Großvater, nicht mal für das Unternehmen“, stellte Leon klar.

„Wie ich sehe, hast du drei Möglichkeiten“, eröffnete Sandro.

„Gleich drei? Lass hören“, gab sich Leon interessiert, doch noch immer mit einem verstimmten Gesichtsausdruck.

„Erstens du heiratest Tiffany oder ein ähnliches Kaliber“, begann Sandro aufzuzählen.

„Auf keinen Fall“, blockte Leon diese Möglichkeit ab.

„Zweitens, du bezahlst eine Dame, dass sie dich heiratet und nachdem du die Firma übernommen hast, lasst ihr euch scheiden. Ich bin mir sicher, du findest eine geeignete Kandidatin, die für eine gewisse Entschädigung deine Frau spielen wird. In dem Dokument steht nicht, dass du dich nicht scheiden lassen darfst“, führte Sandro aus.

Nun sah Leon entgeistert seinen Freund an. „Ist das dein Ernst? Das ist wie in einer Schmierenkomödie. Das ist unter meiner Würde.“

„Das dachte ich mir, obwohl diese Möglichkeit solltest du im Peto behalten, falls alles andere nicht greift“, brachte Sandro sein Argument ein.

„Was soll die dritte Möglichkeit sein? Ich hoffe, sie ist besser als die ersten beiden“, brummte Leon.

„Drittens, du bewirbst dich bei „Hochzeit auf den ersten Blick“. Du kennst diese TV-Show. Da heiratest du ein Mädel, dass dich nicht kennt, nichts von dir weiß. Falls ihr wider Erwarten nicht zusammenpasst, geht ihr nach der Sendung wieder getrennte Wege. Wer weiß? Vielleicht findest du auch deine Traumfrau“, grinste Sandro.

Leon sah überrascht auf. Er starrte einige Augenblicke ins Leere.

„Vergiss die letzte Möglichkeit. Leg einfach den Alten aufs Kreuz, und liefere ihm eine Show. Es gibt weiß Gott wie viele Bewerber für die Show, vielleicht wirst du gar nicht ausgewählt.“ Sandro verlor sein Grinsen aus dem Gesicht, als er realisierte, dass sein Freund ernsthaft über die letzte Möglichkeit nachdachte. „Leo, mach nichts Verrücktes“.

Leon begann zu lachen. „Es ist Zeit für Verrücktes. Wie kann man sich da bewerben?“

„Du machst wirklich ernst? Das war eigentlich kein ernstgemeinter Vorschlag, Leo“, versuchte Sandro seinen Freund von dieser Idee wieder abzubringen.

Leon beugte sich vor. „Es ist mir vollkommen ernst. Und du wirst mir dabei helfen.“

„Das war ja klar, dass du da mich wieder reinreißt. Am Ende bin ich wieder schuld“, schnaubte Sandro.

„Ist ja auch deine Idee“, lachte Leon und prostete gut gelaunt seinen Freund zu.

4. Kapitel

Sabine war in der Suppenküche und rührte im großen Kochtopf. Sie versuchte nicht an die ungeheuerliche Forderung ihrer Großmutter zu denken. Jessica plapperte gut gelaunt neben ihr. Sie war in bester Stimmung und riss alle anderen mit ihrer Fröhlichkeit mit, die ebenfalls freiwillig in der Suppenküche halfen.

„Das ist ja fabelhaft, Sabine“, freute sich Claudia. „Ich werde zu deinen ersten Kundinnen zählen, wenn du dein Café eröffnest.“ Spontan umarmte sie Sabine.

„Danke, Claudia. Aber es wird noch etwas dauern, bis es so weit ist“, erwiderte sie etwas gequält.

Sie sollte heiraten, HEIRATEN. Sabine schüttelte den Kopf, da hatte sie wohl noch ein Wort mitzureden.

„Du wirst uns doch in der Suppenküche nicht verloren gehen?“, fragte Peter besorgt.

„Keine Sorge, du weißt, dass mir die Bedürftigen am Herzen liegen. Ich werde meine Aufgaben nicht abgeben oder damit aufhören“, beschwichtigte sie.

„Wir können auch nicht auf dich verzichten. Du hast unsere Gäste verwöhnt. Wenn du kochst, sind immer mehr Leute da“, gestand Claudia lächelnd.

„Ach, ich glaube, das hat eher mit Ramona und Jessica zu tun. Sie haben zu Ramona Vertrauen und sie kann sich um ihre gesundheitlichen Probleme kümmern und Jessica ist so eine Plaudertasche, dass sie die Menschen ihre Probleme für eine kurze Zeit vergessen lässt“, wehrte Sabine ab.

„Ach, quatsch, wir allen sind deinen Kochkünsten verfallen. Sobald ich deinen Schokokuchen probiert hatte, wusste ich, ich muss mit dir in einer WG wohnen“, mischte sich Jessica ein. „Schokolade macht glücklich und bringt dich ins Traumland und das ist der Grund, warum alle dein Café stürmen werden.“

Claudia und Peter lachten. „Ihr seid schon ein Dreamteam, wir sind froh euch in der Suppenküche zu haben. Ihr habt die Herzen unserer Gäste erobert.“

„Deine Knoblauchsuppe ist die Beste“, bestätigte Maria, die schüchtern lächelnd ihre Schale hinhielt, um noch einen Nachschlag zu bekommen.

„Das freut mich, nimm dir auch geröstete Brotstücke, die machen richtig satt“, erwiderte Sabine.

„Und vergiss nicht das grüne Zeug zum Drüberstreuen, Vitamine“, ergänzte Jessica und gab eine großzügige Portion Schnittlauch in Marias Schale. „Das kann dir auch Ramona bestätigen.“

Maria nickte nur und lächelte Jessica an.

„Geh dann rüber zu Ramona und lass dein Gesicht ansehen. Wir wollen doch nicht, dass sich das entzündet“, ermahnte Jessica die Frau.

„Werde ich machen, danke“, nickte sie folgsam.

Sabine sah ihr seufzend nach. „Sie werden immer jünger“, flüsterte sie.

Jessica legte Sabine ihren Kopf auf ihre Schulter. „Stelle dir nur vor, Bine, wie wir gemeinsam mit deinem Café, Ramonas Praxis und meiner Kunstwerkstatt diesen Menschen helfen könnten. Wir könnten ihnen neue Perspektiven geben.“

„Und dafür soll ich heiraten? Selbst ich bin nicht so selbstlos so eine wichtige Sache dem Allgemeinwohl zu opfern“, erwiderte Sabine.

„Es muss kein Opfer sein, wenn es der Richtige ist“, widersprach Jessica.

Sabine drehte ihren Kopf und sah Jessica ungläubig an. „Und du stellst das fest, wer das sein soll?“

Jessica lächelte. „Ich habe da so eine Idee. Wir werden die Wissenschaft entscheiden lassen.“

„Hast du jetzt komplett den Verstand verloren? Ich lasse mir nicht von einer Orakeltante oder von einem Partnerschaftstest mein Leben bestimmen“, reagierte Sabine heftig.

„Da gibt es etwas viel Besseres“, flüsterte Jessica. „Lass mich nur machen.“

Sabine schloss ergeben ihre Augen. Ihr Traum mutierte gerade zu einem Alptraum.

„Wir melden dich bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ an“, strahlte Jessica. „Da bekommst du deinen Traummann.“

„Ich soll einen Fremden heiraten?“, war Sabine entgeistert.

„Ich habe diese Sendungen gesehen, er wird dir nicht fremd sein, das versichere ich dir. Du wirst bekommen, was du dir im Geheimen wünschst.“ Jessica hegte keinen Zweifel. Schließlich sollte eine ihrer besten Freundinnen glücklich sein.

Sabine legte ihren Kopf müde in ihre Hände.

„Also, was wünschst du dir von einem Mann?“, fragte Jessica und sah erwartungsvoll auf Sabine. Ramona saß auf der anderen Seite des Tisches und beobachtete Sabine.

„Du musst schon mitarbeiten, Bine“, ermahnte Jessica wie eine Lehrerin.

„Da du ja offensichtlich weißt, was das Beste ist, kannst du den Bogen sicher auch besser ausfüllen als ich“, schnauzte Sabine.

„Hm, da hast du vermutlich recht. Also, er sollte romantisch sein, fürsorglich, ein Mann zum Anlehnen. Er sollte ein Herz für andere haben und auch etwas abenteuerlustig. Schließlich muss er dein Defizit an Spontanität ausgleichen“, zählte Jessica auf und drehte gedankenverloren an ihren Haaren.

„Jessica, du solltest Sabine nicht so überfahren. Siehst du nicht, dass sie das alles viel zu viel mitnimmt?“, schaltete sich Ramona ein.

„Aber das ist die perfekte Lösung, um Bine einen Ehemann zu verschaffen“, widersprach Jessica.

„Einmal abgesehen davon, dass es eine Vielzahl an Bewerbern gibt und nur zehn Paare pro Staffel ausgewählt werden, ist es ein sehr persönlicher Schritt.“ Ramona versuchte Jessica sanft einzubremsen.

„Aber Bine ist DIE Frau für eine Ehe. Kannst du dir vorstellen, dass sie alleine bleiben möchte? Das möchtest du doch nicht etwa Bine, oder?“, fragte Jessica stirnrunzelnd.

„Natürlich möchte ich einmal heiraten und Kinder. Aber das kann man doch nicht auf Knopfdruck“, widersprach Sabine.

„Aber Schätzchen, wie willst du einen Mann fürs Leben finden, wenn du nie ausgehst? Jeder, der in die Suppenküche kommt, würde dich heiraten, aber das sind keine potentiellen Kandidaten. Du brauchst einen Mann, der auf dich aufpasst, wir werden nicht ewig zusammen in einer WG wohnen. Irgendwer muss die Aufgabe von uns übernehmen. Sonst wirst du eine alte Jungfer“, führte Jessica aus.

„Jetzt übertreibe nicht. Ich gehe aus“, widersprach Sabine entrüstet.

„Wann tust du das?“, fragte nun Ramona. „Doch nur, wenn wir dich mitschleifen.“

Jessicas und Ramonas Augen waren auf Sabine gerichtet. Sie rückte auf ihren Stuhl hin und her.

„Naja, ihr habt ja recht. Aber ihr wisst auch, dass es schwer ist einen netten Mann kennenzulernen. Es sind immer die gleichen Leute in der Gegend. Oder Touristen, die auf einen Wochenendflirt aus sind. Tulln ist nun mal überschaubar“, führte Sabine als Ausrede an.

„Eben, darum ist das die Chance, Bine“, konterte Jessica. „Auch um aus deinem Beuteschema auszubrechen.“

„Beuteschema? Was war an meinen Beziehungen denn falsch?“, fragte Sabine aufgebracht.

„Sie haben dich alle ausgenutzt“, antwortete Ramona ohne Umschweife. „Du bist eine Nestmacherin und richtest immer dein Augenmerk darauf, dass es alle gemütlich haben und satt sind.“

„Genau, darum hast du mich und Ramona dringend nötig. Wir passen auf dich auf, sonst würdest du dich für die Menschheit opfern“, ergänzte Jessica etwas dramatisch.

Sabine seufzte und schweifte mit ihren Gedanken zu ihren letzten beiden Beziehungen. Irgendwie hatten ihre Freundinnen recht. Sie investierte immer ihr ganzes Herz in ihre Männer und versuchte eine harmonische Beziehung zu führen, was immer zu dem Resultat führte, wenn das Studium zu Ende war oder ihnen eine bessere Partie über den Weg lief, sie immer mit gebrochenen Herzen zurückblieb.

Dabei wünschte sie sich einen Mann, der sie wirklich sah, einen, der ihr Herz kannte und darauf achtete. Einen, der sie für hübscher hielt als all die anderen Frauen um ihn herum, dass natürlich neben Ramona, einer dunkelblonden klassischen Schönheit und Jessica mit ihren wilden dunklen Locken, nahezu unmöglich war. Sabine war nicht auf ihre Freundinnen neidisch, doch sie verschwand regelrecht neben den beiden, mit ihrem dunkelbraunen, beinahe glatten Haaren und ihrem gewöhnlichen Gesicht.

Die Männer liebten eher ihre Fürsorge, die Torten, ihre Suppen und die Bequemlichkeit in ihrer Wohngemeinschaft.

Ramona und Jessica hatten immer wieder Beziehungen, die zwar nie von langer Dauer waren, aber sie hatten welche. Sabine hingegen scheute inzwischen davor zurück. Sie wollte nicht mehr so verletzt werden, sich so „nützlich“ fühlen. Denn das war es. Sie war den Männern nützlich.

„Basis an Erde?“, schnippte Jessica vor Sabines Nase.

Sabine sah mit großen Augen hoch. „Kannst du mal bei der Sache bleiben, Liebes?“, fragte Jessica tadelnd.

Sabine schnaufte und richtete sich auf. „Vielleicht habt ihr recht. Gib das her, ich fülle das selbst aus. Ist sowieso unwahrscheinlich, dass ich ausgewählt werde. Und dann habe ich endlich meine Ruhe.“

Jessica sah Sabine misstrauisch an. „Du willst mich reinlegen. Du hast nicht vor diesen Fragebogen auszufüllen.“

„Nun, vielleicht sollte ich mir einen Mann backen“, lächelte Sabine.

„Einen Mann backen?“, fragte Ramona irritiert.

„Schätzchen, ich vernasche auch gern mal einen Mann. Aber ob das der richtige Weg ist?“, fragte Jessica zweifelnd.

„Gib her“, forderte Sabine auf und zog den Computer zu sich heran. „Ich meine, ich stelle mir ein Rezept zusammen, wie bei einer neuen Torte. Ich gebe alle Zutaten dazu, die ich mir von einem Mann wünsche.“

Jessica lehnte sich in ihren Stuhl zurück und beobachtete ihre Freundin.

„Gar keine schlechte Idee“, meinte Ramona zögernd.

„Du meinst es ernst?“, fragte Jessica noch immer nicht überzeugt.

„Ja, Jessica. Du willst, dass ich mich auf dem Altar opfere, dann backe ich mir einen Mann nach meinem Geschmack und wenn es nicht funktioniert, erkennt sogar meine Oma, dass ich es versucht habe“, antwortete Sabine.

„Ich denke auch, dass Oma Rosalinde dich nicht mit irgendeinem Kerl verheiratet sehen will, sie will, dass du glücklich bist“, ergänzte Ramona.

„Ja, und wir haben einige Möglichkeiten, deinen Willen zu demonstrieren. Wir könnten Speeddating machen, oder du kannst dich auch auf einer Online Dating Plattform anmelden. Wir finden deinen Kuchenmann“, versicherte Jessica.

Sabine sah etwas zweifelnd aus, aber wie es aussah, musste sie sich aus ihrer Komfortzone rausbewegen.

Sabine begann eine Liste zu machen. Was wollte sie von einem Mann? Das Aussehen spielte für sie keine große Rolle, Vermögen auch nicht. Er sollte ein offenes Herz haben. Sie wünschte sich einen Mann, der sich auch mal um sie sorgte, wenn sie müde nach Hause kam. Ein Mann, der sie mal überraschte, mit Kleinigkeiten, kleinen Gesten. Einen Mann, der mal die Führung übernahm und an den sie sich anlehnen konnte. Einen Mann, der in einem Raum nach ihr suchte, auch wenn er voller Schönheiten war. Ein Mann, mit dem sie den Augenblick genießen konnte. Der die Schönheit in den kleinen Dingen sah und Freude aus kleinen Gesten zog. Ein Mann, der ihr Engagement unterstützte, für jene da zu sein, die es im Leben nicht so leicht hatten. Ein Mann, der sie sah, wie sie war und sich ihrer nicht schämte.

Sabine wischte sich die Tränen von der Wange, die unbemerkt über sie gekommen waren. Hatte sie tatsächlich so eine tiefe Sehnsucht nach Zweisamkeit, war sie wirklich so tief verletzt worden? War das der Grund, warum sie nicht gerne ausging, um neue Leute kennenzulernen?

Jessica und Ramona waren wirklich ihre Schutzengel, sie ließen nicht zu, dass sie sich einigelte. Sie nahmen, aber gaben genau so viel oder sogar mehr zurück.

Lächelnd dachte sie an den Tag zurück, an dem sie sich kennengelernt hatten. Sabine hatte gerade ihren Meister als Konditor in den Händen und wollte mit ihrem damaligen Partner Thomas feiern. Doch er hatte ihr stattdessen den Laufpass gegeben. Sie war weinend auf der Parkbank gesessen und Jessica hatte sie einfach gefunden. Hatte sie getröstet und ihr trotz der Trauer ein Lächeln in das Gesicht gezaubert. Ramona war ebenfalls stehen geblieben, da sie nicht sicher war, ob sie nicht medizinische Hilfe leisten sollte.

Dann hatten sie sich gegenseitig ihr Leid geklagt. Jessica musste aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie die Miete nicht bezahlen konnte und Ramona war neu in der Stadt, sie kam aus den Niederlanden, weil sie sich für ein Praktikum im Ausland entschieden hatte. Doch die Wohngemeinschaft brachte sie an ihre Grenzen, da ihre Mitbewohner alles andere als einfach waren.

So beschlossen drei sich fremde Frauen auf einer Parkbank zusammen zu ziehen und das war ihre einzige spontane Entscheidung in ihrem Leben gewesen.

Vielleicht war es an der Zeit, wieder einen Sprung ins Ungewisse zu machen.

Und bevor sie erneut Zweifel überkamen, klickte sie auf „Senden“ und schickte ihre Bewerbung für „Hochzeit auf den ersten Blick“ auf den Weg.

5. Kapitel

„Hallo Leon, ich habe gehört, du hattest Streit mit Großvater“, begrüßte seine Cousine Vicky Leon. Sie drückte ihm auf beide Wangen ein Küsschen und zwinkerte Sandro zu.

„Nun, das kommt ja öfters vor. Doch dieses Mal ist er über das Ziel hinausgeschossen“, brummte Leon.

„Dann bleibst du Junggeselle?“, lachte Vicky. „Dabei würde sich Eli opfern, falls du keine Braut findest.“

„Das ist ja das Problem, es gibt zu viele Frauen, die sich dafür opfern würden“, erwiderte Leon mit einem schiefen Lächeln.

„Ach, Leon. Du hast es wirklich schwer. Welch eine Bürde. Vielleicht musst du den einen oder anderen Abstrich von deiner Traumfrau machen“, prophezeite Vicky.

„Ist es so falsch aus Liebe heiraten zu wollen Vicky?“, fragte Leon direkt.

„Liebe. Ich bin mir nicht so sicher, ob es die wahre Liebe wirklich gibt, oder ob sie eben nur wenigen vorbehalten ist“, erwiderte Vicky. Sie ließ sich in den Ohrensessel fallen und überschlug gekonnt ihre schlanken Beine, um sie perfekt in Szene zu setzen.

„Du bist ihr also nie begegnet, der Liebe?“, fragte Sandro interessiert.

„Ich liebe Roben von Valentino und Accessoires von Dolce & Gabbana. Und ich liebe meinen Frisör. Und ich liebe es, mir das alles leisten zu können.“ Vicky beugte sich leicht zu Leon und sah ihm in die Augen. „Und das verdanke ich auch dir. Du bist der Grund, warum meine jährliche Rendite hoch ist, ich möchte, dass das so bleibt.“

„Also hat dich Großvater als Verstärkung geholt?“, fragte Leon belustigt.

„Das Familienunternehmen liegt uns allen am Herzen, Leon“, beteuerte Vicky und legte theatralisch ihre Hand über ihr Herz.

„Und ich weiß, dass es dir nicht an potenziellen Kandidatinnen mangelt. Du kannst frei wählen. Die Frauen fallen dir regelrecht um den Hals. Wäre ich nicht deine Cousine, würde ich dich heiraten, mein Lieber“, eröffnete Vicky.

„Deine Sorge ist wirklich rührend, Vicky. Aber ich behalte mir vor, diese Sache selbst zu regeln. Ich komme gut allein zu recht“, erwiderte Leon sehr bestimmt.

„Das dachte ich mir schon“, seufzte Vicky. „Leon, du weißt, du bist mein Lieblingscousin. Ich möchte, dass du glücklich bist.“

„Ich bin dein einziger Cousin, Vicky. Und ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du nicht so oberflächlich bist, wie du tust. Du kannst mich nicht täuschen“, stellte Leon klar.

„Vielleicht kommt der alte Herr noch zu dem Schluss, dass du auch heiraten sollst. Du bist auch eine Kuenberg“, warf Sandro schmunzelnd ein.

Doch Vicky zuckte nur mit den Schultern. „Sicherlich werde auch ich eines Tages heiraten. Und ich werde mir nur den Besten aussuchen“, stellte sie mit blitzenden Augen fest.

„Ach, Vicky, so damenhaft. Wir beide wissen, dass im Grunde deines Herzens eine ganz andere Vicky zum Vorschein kommt. Großvater ist also noch nicht dahintergekommen, dass du wilde Romane über die High Society schreibst“, lachte Leon.

Vicky seufzte. „Natürlich nicht, glaube ich. Aber da ich meine Geschichten nicht unter dem Namen Kuenberg veröffentliche, ist es unerheblich.“

Sandro zog Vicky frech an den Haaren. „Bist du nicht allmählich zu alt dazu, Sandro“, versuchte sie Haltung zu bewahren.

„Nicht, wenn ich die tadellose Dame Victoria dazu bringe, ihre Fassung zu verlieren“, stichelte Sandro.

„Du bist unmöglich, deswegen passt du so gut zu Leon. Ich werde einige Zeit hierbleiben. Falls du meine Hilfe brauchst, Cousin, du weißt, wo du mich findest“, verabschiedete sich Vicky und erhob sich.

Im Vorbeigehen schlug sie ihren Ellbogen in Sandros Seite, der pfeifend ausatmete.

„Das war aber nicht nett, Vicky“, brummte er.

„Nur damit du nicht vergisst, mit wem du dich anlegst“, erwiderte sie lächelnd.

Leon wartete, bis er Vicky in den Wagen steigen sah. Sandro stellte sich neben ihm.

„Sie ist wirklich ein heißer Feger“, stellte Sandro fest.

„Vergiss nicht, du sprichst über meine Cousine. Ich möchte dich nicht schlagen müssen“, antwortete Leon.

„Im Herzen ist sie meine Schwester, also hast du nichts in dieser Richtung zu befürchten“, stellte Sandro klar.

„Ich habe meine Bewerbung abgeschickt“, erwähnte Leon beiläufig.

Sandro sah überrascht auf. „Du hast es wirklich getan?“

„Ja, und ich erwarte deine volle Unterstützung, das ist dir hoffentlich klar“, stellte Leon sachlich fest.

Sandro betrachtete seinen Freund von der Seite. Schließlich antwortete er: „Du kannst auf mich zählen, das weißt du. Ich will nur nicht, dass du dich in etwas verrennst.“

„Werde ich nicht, aber ich weigere mich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen zu lassen“, antwortete Leon.

„Übertreibst du jetzt nicht, Leo?“, fragte Sandro leise.

Leon sah auf. „Meine Eltern mögen vieles sein, doch sie lieben sich wirklich. Wenn ich nicht die Liebe haben kann, dann wenigstens eine Frau, die die Hoffnung auf Liebe in sich trägt und nicht auf meinen Namen und mein Geld scharf ist. Das ist das Mindeste, was ich verlange.“

Sandro setzte ein schiefes Lächeln auf. „Du hast viel mehr verdient, Leo. Ich wünsche mir, meinen Freund glücklich zu sehen.“

„Danke, Sandro. Du bist ein wahrer Freund. Du hast wohl nicht gedacht, dass unsere Freundschaft halten würde?“, stellte Leon leise fest.

Sandro schlug ihm auf die Schulter. „Na, irgendjemand muss dich ja am Boden halten.“

Stunden später beugte sich Leon mit dem Meisel über den großen Steinblock. Das war sein Geheimnis, von dem nur Sandro und Vicky wussten. Wenn er Steine oder Holz bearbeitete, konnte er seinen Kopf leeren, er ließ sich gefühlsmäßig auf das Material ein, um zu hören, was er daraus machen sollte. Liebevoll strich er über die Konturen und sah in seinem Geist, den Steinblock Formen annehmen. Ein Liebespaar, eng umschlugen, in Zuneigung zugewandt, breitete sich vor seinem geistigen Auge aus.

Er hatte schon einige seiner Skulpturen unter den Namen Eric Berger verkauft. Sein Großvater hatte wohl ein wenig Verständnis für Kunst, aber keine für Künstler. Das war für ihn kein ehrenwerter Erwerb. Er bezeichnete Künstler als Traumtänzer und Lebenskünstler.

Zum Teil stimmte es wohl auch. Doch es war vor allem auch ein Ausdruck von Emotionen, Träumen und Sehnsüchten.

Leon liebte es, wenn er fühlte, wie sich seine Muskeln anspannten, wenn er mit Hammer und Meißel arbeitete, wie er die Kraft dosierte, wenn er einen Schlag ansetzte. Wie aus dem Stein Konturen hervortraten und ihm zeigten, wo er den nächsten Schlag ausführen sollte.

Ein Steinblock war eine massive Erscheinung, doch er lebte, pulsierte unter seinen Händen und streckte sich ihm entgegen, wenn er arbeitete. Würde eine Frau DAS verstehen, würde es DIE Frau verstehen?

Vielleicht fühlte er nur seine eigenen Emotionen, seine verborgenen, wenn er arbeitete, und der Stein war das, wie er von vielen Menschen wahrgenommen wurde. Hart und kalt. Leon lächelte, nein, er sah den Kern des Steins, er sah, was nicht offensichtlich war. Er sah den Block mit jenen Augen, mit denen er auch selbst betrachtet werden wollte.

Zwei Wochen später fanden sich Sabine, Jessica und Ramona mitten in den Vorbereitungen für das Café, die Praxis und die Kunstwerkstatt.

Die drei Freundinnen gingen vollständig in ihren Planungen, Ideen und beginnenden Umsetzungen auf. Sabine war so losgelöst und glücklich, dass sie ihre Bewerbung bei der TV-Show beinahe vergessen hatte. Oma Rosalindes Bedingung war in weite Ferne gerückt.

Glücklich riss Sabine die Verpackung auf, sie war da, ihre eigene erste professionelle Küchenmaschine in leuchtendem Rot. Jessica war der Meinung, dass Maschinen durchaus Farbe vertrugen – und sie hatte recht.

„Ich hoffe, du willst diese Maschine nicht heiraten“, kommentierte Jessica hinter ihr. „Sieh mal Ramona, wie sie dieses Stück Metall umarmt.“

Ramona ließ sich von der Freude anstecken. „Ich kann es verstehen, mir ging es vor einer halben Stunde genau so, als ich mein neues medizinisches Lichtmikroskop ausgepackt habe, das allein mir gehört. Es ist etwas anders als bei dir Jessica“, lachte Ramona.

„Ich verstehe dich“, lächelte Sabine. „Ich habe jetzt zwar die Küchenmaschine, aber es dauert ja noch acht Wochen, bis meine Küche eingerichtet ist. Aber es gibt ja genug zu tun. Ich muss noch den Boden aussuchen, die Stoffe für die Möbel, die Vorhänge. Und ich brauche auch noch Leute“, zählte Sabine strahlend auf.

„Wir könnten Bilder im Café aufhängen, die man kaufen kann. Du könntest die Kunst regelmäßig austauschen, Jessica“, schlug Sabine vor.

„Das ist eine gute Idee. Ich mache eine Kombination aus einer Werkstatt und Galerie. Junge Künstler sollen Gelegenheit bekommen, eine Plattform zu haben. Und ich plane regelmäßig Kreativworkshops, Kreativstunden für Kids und Präsentationen. Du könntest mich dazu mit deinem Können kulinarisch unterstützen“, lachte Jessica.

„Und ich bin so glücklich meine Praxis einzurichten. Ich werde auch Assistenten brauchen. Ich habe schon die ersten Termine vergeben, dabei bin ich noch nicht einmal eingerichtet. Du kannst bei mir auch Kunst platzieren“, bot Ramona an. „Wir haben noch Räumlichkeiten übrig, ich habe schon Ideen dazu“, warf Ramona ein.

„Dann lass mal hören“, forderte Jessica ihre Freundin auf.

„Nun ja, die Liegenschaft liegt zentral, ist leicht erreichbar und wird sicherlich ein schöner Ort damit alle Menschen zusammenkommen. Den großen Raum könnten wir für Seminare nutzen oder für gesellschaftliche Aktivitäten, wie für Bälle, Theateraufführungen und Feiern. In den abgegrenzten Bereich könnten wir eine Suppenküche einrichten, es gibt dort auch separate Sanitäranlagen, da könnten die Obdachlosen auch duschen. Was haltet ihr davon?“, fragte Ramona.

Sabine wischte sich verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln. „Mein Gott, ich liebe euch so. Ihr seid die besten Freundinnen, die man nur haben kann.“

„Ganz meine Meinung, ich finde die Ideen wunderbar. Und ich kümmere mich um die Werbung und den Look. Habt ihr schon über einen Namen nachgedacht? Wir brauchen einen Namen für das Gebäude und natürlich für unsere unterschiedlichen Geschäftsfelder“, führte Jessica weiter aus.

„Ja, das müssen wir uns gut überlegen. Es sollte mal jeder für sich aufschreiben, was einem einfällt und dann entscheiden wir gemeinsam“, schlug Ramona vor.

„So machen wir es“, stimmte Sabine zu.

„Hallo Oma“, begrüßte Sabine Oma Rosalinde und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange. „Hast du meine Küchenmaschine schon gesehen? Ich bin ganz verliebt und kann gar nicht erwarten sie auszuprobieren“, gestand Sabine.

Oma Rosalinde lächelte. „Es freut mich, dich, euch alle so glücklich zu sehen. Ich hoffe, ihr habt für eine alte Frau Verwendung. Ich möchte gerne bei euren Projekten dabei sein. Wo immer ich auch gebraucht werde.“

„Natürlich haben wir für dich Verwendung, vermutlich mehr als dir lieb ist, Oma Rosalinde. Schließlich wäre es ohne dich das alles gar nicht möglich“, antwortete Jessica gefühlvoll und umarmte die alte Dame.

„Du könntest einen speziellen Abend einrichten, wo junge von älteren Menschen lernen könnten, wie stricken, häkeln, wie man einen Knopf annäht und gemeinsame gesellige Abende mit Spielen und Basteln“, schlug Ramona vor. „Davon könnten alle profitieren.“

„Das ist eine geniale Idee“, stimme Sabine zu. „Was denkst du Jessica?“

„Das ist die beste Idee überhaupt. Eine Werkstatt für jung und alt“, jubelte Jessica.

„Ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, aber ihr wisst, ich habe immer gerne mit Kindern gearbeitet. Es wäre ein tolles Angebot. Doch es können nicht nur die Jungen von den Alten lernen. Wir Alten brauchen auch Hilfe, mit all den modernen Zeugs. Smartphones, Computer, Onlineformularen“, ergänzte Oma Rosalinde.

„Mann o Mann, das sind ja eine Menge toller Ideen, wir müssen das alles niederschreiben. Ich werde ein Konzept ausarbeiten müssen“, gab Jessica etwas gequält von sich.

„Wir machen es zusammen, wir wissen ja, dass dieser Teil der Arbeit, nicht unbedingt deine Stärke ist. Dafür hilfst du uns bei der Deko und der Ausstattung, aber bitte nicht zu verrückt, ich möchte eine Wohlfühlatmosphäre haben“, ermahnte Sabine.

„Ich denke, dass diese Werkstatt für jung und alt durchaus auch im Interesse der Gemeinde ist, Wir könnten hier Unterstützung bekommen. Ich werde einmal beim Bürgermeister vorbeischauen“, bot Oma Rosalinde an.

Sabine umarmte ihre Großmutter. „Danke, Oma, du bist die Beste.“

„Ich bin eigentlich vorbeigekommen, um euch mitzuteilen, dass der Grundbucheintrag bereits in die Wege geleitet wurde. Ich bin offiziell jetzt Besitzer dieser Immobilie“, teilte Oma Rosalinde mit.

„Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist? Und ich bin vorbereitet“, teilte Jessica grinsend mit und holte eine Flasche Sekt hervor.

Ramona lachte: „Man kann sich auf dich verlassen, Jessica.“

„Leider habe ich nur Pappbecher“, runzelte Sabine die Stirn.