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Was waren das für Liebesaffären, Finanzskandale, Streitereien, die die Bürger Göttingens über vier Jahrhunderte hinweg in Empörung versetzten? Wer waren die Akteure? Wie verliefen die Skandale? Wer trieb sie voran? So etwa Ferdinand Freiherr von Grote, Baron zu Schauen, der Ende des 18. Jahrhunderts als Student der Stadt einen riesigen Berg Schulden hinterließ und damit einen Skandal hervorrief. Oder die sog. Göttingen Gruppe, die 2007 bundesweit für Schlagzeilen sorgte, weil sie zahlreiche Anleger um ihre Ersparnisse gebracht hat. Lebendig erzählt, bietet dieses Buch einen neuen, spannenden Blick auf die Stadt.
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Seitenzahl: 479
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Das gekränkte Gänseliesel
250 Jahre Skandalgeschichten in Göttingen
Herausgegeben vonFranz Walter und Teresa Nentwig
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 34 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99693-6
Umschlaggestaltung: Mario Moths, mm design Marl, unter Verwendung der Fotos »Göttinger Rathausplatz« (© Foto: Markus Hanselmann) und »Lightning with dramatic cloudscape« (© iStockphoto).
© 2016, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstr. 13, 37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Satz: textformart, Göttingen
Inhalt
Skandale in einer Universitätsstadt
Zur Einleitung
von Teresa Nentwig und Franz Walter
Das skandalumwitterte Leben des Gottfried August Bürger (1747–1794)
von Teresa Nentwig
Ein Ritt mit Folgen
Die Göttinger Gendarmen-Affäre (1809)
von Hanna Feesche und Robert Mueller-Stahl
Heinrich Heine und die Göttinger Duellaffäre von 1820/21
von Danny Michelsen
Bismarck und seine Ausschweifungen als Student (1832/33)
von Otto-Eberhard Zander
Die Göttinger Sieben und der hannoversche Verfassungskonflikt 1837
von Lars Geiges
»Sire, geben Sie Kussfreiheit!«
Über die Aushandlung von gesellschaftlichen Normen zwischen Göttinger Bürgerschaft und Studierenden am Beispiel des Kuss-Prozesses von Graf Henckel von Donnersmarck (1926/27)
von Stine Marg und Karin Schweinebraten
Ulrich Kahrstedt und seine »Absage an die internationale Gelehrtenrepublik« (1934)
von Malte Lübke
»Kein Ehrenmann alten Schlages«
Das »Diktat der Menschenverachtung« und der »Dokumentenstreit« in der Göttinger Universitätszeitung (1947/48)
von Katharina Trittel
»Wir wollen keine Harlans mehr«
Proteste gegen die Rückkehr des Jud Süß-Regisseurs im Winter 1952
von Robert Pausch
»Kultusminister der vierzehn Tage«
Der Skandal um Leonhard Schlüter 1955
von Teresa Nentwig
Vater Courage
Heinz Hilpert, die Wehrpflichtdebatte und eine Brecht-Aufführung (1956)
von Robert Lorenz und Katharina Rahlf
Weckruf im Zeitalter der Kernkraft
Die »Göttinger Erklärung« von 1957
von Robert Lorenz
»Sind Sie Oberstudienrat Kraus?«
Das Attentat im Rohnsweg (1963)
von Felix Butzlaff
Über Kunst lässt sich nicht streiten – oder doch?
Das Bronzerelief an der Stadthalle (1964)
von Marika Przybilla
Der Abriss des Reitstalls im Jahr 1968
Ein »bilderstürmerisches Unternehmen, das jedem Sinn für Tradition Hohn spricht«
von Teresa Nentwig
Klassenkampf am Felix-Klein-Gymnasium (1969/70)
von Matthias Micus
Fluch der klammheimlichen Freude
Die Mescalero-Affäre 1977
von Franz Walter
Wisente und Atomraketen
Der Streit um das Ratssaalportal von Jürgen Weber (1983)
von Jöran Klatt
Der letzte Oberschlesier
Der Nationalist und Revanchist Christian Stoll (1985)
von Florian Finkbeiner
»Göttingen, Bullenstadt, wir haben dich zum Kotzen satt.«
Die JuZI-Razzia vom Dezember 1986 und ihre Folgen
von Christoph Hoeft und Jonas Rugenstein
»Conny heute von den Bullen ermordet«
Der Tod von Kornelia »Conny« Wessmann am 17. November 1989
von Teresa Nentwig
Gefährliches Spiel mit dem Leben
Der Skandal um HIV-verunreinigte Blutkonserven (1993)
von Carolin Schwarz
Schneeballschlacht am Gänseliesel
Die Skandalinsolvenz der Göttinger Gruppe 2007
von Christopher Schmitz
Am Abgrund
Der Veruntreuungsskandal am Jungen Theater Göttingen (2010)
von Sebastian Kohlmann
Zwischen politischem Theater und unpolitischer Posse
Der AStA-Finanzskandal von 2010/11 und seine Folgen
von Hannes Keune
Umverteilte Lebenschancen
Der Organspendeskandal (2012)
von Leona Koch
Erregte Tierwesen
Der Skandal um Doppelkentaur und Kragenbär (1985–1987 und 2014/15)
von Julia Kiegeland
Abkürzungen
Bildnachweis
Skandale in einer Universitätsstadt
Zur Einleitung
von Teresa Nentwig und Franz Walter
Die Geschichte der Stadt Göttingen ist auch eine Geschichte von Skandalen. Ob im 18. oder im 21. Jahrhundert – immer wieder erschütterten Berichte über unerhörtes Verhalten das Stadtleben. Manchmal blieb die Empörung auf kleine Kreise beschränkt; manchmal wurden mutmaßliche Verfehlungen und Missstände aber auch über die Stadtgrenzen hinaus zu einem Ärgernis: ob die sogenannte Schlüter-Affäre im Jahre 1955 oder der Organspendeskandal 2012 – sie stießen bundes-, ja weltweit auf Resonanz.
Ganz allgemein gilt: Skandale geben Auskunft über die Kräfteverhältnisse in einer Gesellschaft, sie spiegeln Macht und Ohnmacht, signalisieren, ob und wie unsere sozialen, politischen, rechtlichen oder wirtschaftlichen Systeme funktionieren oder funktioniert haben, und weisen somit auf Fehlentwicklungen hin. Sie bieten Gelegenheit zur öffentlichen Auseinandersetzung über Verhaltensweisen und die mit ihnen verknüpften Wert- und Normvorstellungen. Skandale dienen damit entweder der Durchsetzung bzw. Verstärkung von sozialen Normen oder deren Infragestellung und Aufgabe. Sie zeigen und setzen Grenzen.1 Dieses Prinzip trifft nicht nur auf Skandale zu, die die Bundesrepublik Deutschland bewegt haben – von der Spiegel-Affäre im Jahr 1962 über den CDU-Parteispendenskandal 1999 bis hin zur Guttenberg-Affäre 2011 –, sondern auch auf Skandale, die über die Grenzen einer Stadt hinaus keine oder nur geringe Resonanz erfahren haben. So ist der sogenannte Kuss-Skandal, der in den 1920er Jahren die Göttinger Bürgerschaft aufwühlte, ein prägnantes Beispiel für einen – gewiss nicht ganz einfachen – Aushandlungsprozess von gesellschaftlichen Normen. Dabei gilt immer: Was gestern als Bagatelle behandelt wurde, kann heute zum größten Aufreger werden. Mit anderen Worten: Skandale, seien es lokale oder überregionale, haben ihre jeweils eigene Konjunktur.
Jedenfalls scheint es auch ein anthropologisches Bedürfnis nach einem Ventil des Skandals zu geben, neben der wohl funktionellen Notwendigkeit, über Skandale in regelmäßigen Abständen Licht in die Dunkelkammern der verschwiegenen Vereinbarungen zwischen den Führungsgruppen zu bringen und die Kluft im Wertehaushalt einer Gesellschaft zwischen oben und unten stärker zu schließen. Skandale werden inszeniert. Und das geschieht durchweg nach dem Muster des Bühnenstücks, das Schurken und Helden kennt, Aufstieg, Ruhm und Fall darstellt.2 Bevor der Skandal ausbricht, genauer: durch Enthüllungen aparter Fehltritte erst zu einem Ereignis wird, existiert eine Phase der Latenz, in der einige oder mehrere Personen bereits längst in Kenntnis sind über das, was später Gegenstand allgemeiner Empörung wird. Aber, nochmals, erst die geeignete Konstellation, der richtige Moment und dann das zielstrebige Werk professioneller Enthüller, Informationsjäger und Kreuzigt-ihn-Rhetoren, freundlicher formuliert: energischer Aufklärer, transformiert die Kolportage oder das vagabundierende Gerücht zum handfesten Skandal.3 Mündet im Fortgang die primäre Enthüllung in eine ausgedehnte Choreografie des Bannfluchs und geraten gleichsam tagtäglich immer mehr diskreditierende Hinweise an das Tageslicht, dann kann die Dynamik des Skandals den Schurken im Drama ins Wanken, schließlich zu Fall bringen – sei es in der Bundes- oder der Landespolitik, sei es in einer Klein- oder in einer Großstadt.
Auch in anderer Hinsicht trifft das, was für die großen politischen Skandale auf Bundes- oder Landesebene gilt, auf die städtische Ebene zu: Kaum ein Skandal, der die Stadt Göttingen erschütterte, war wie der andere. Zwar lassen sich durchaus Grundmuster und Gemeinsamkeiten erkennen, etwa die bedeutende Rolle der lokalen Medien, insbesondere der Göttinger Zeitung (seit 1864 bis 1935), der Göttinger Presse (seit 1949 bis 1971) und des Göttinger Tageblatts (seit 1889 bis heute). Lokale Medien decken Missstände auf, ordnen sie ein und bewerten sie, beobachten den weiteren Verlauf. Sie geben aber auch Raum für wahre »Leserbrieffluten«, ja für »Leserbriefkriege«, die wiederholt für in diesem Buch dargestellte Skandale kennzeichnend sind, etwa für den bereits erwähnten »Kuss-Skandal«, den Stine Marg und Karin Schweinebraten beschreiben. In früheren Jahrzehnten hingegen spielten die Medien noch eine geringere Rolle – etwas wurde zu einem Skandal, weil in der Stadt oder im Dorf Gerüchte kursierten, etwa auf dem Marktplatz oder in der Gastwirtschaft. Man empörte sich gemeinsam und erzählte den Skandal weiter. »Solche Stimmungen drangen dann auch zu den am Skandal Beteiligten, was sie wie heute zu Reaktionen zwang.«4 Mit der wachsenden Bedeutung der Medien wuchs zugleich die Zahl der durch sie öffentlich ausgetragenen Skandale, da Enthüllungen und Entrüstungen auf dem Markt von Kommunikation und Unterhaltung hohe Prämien abwarfen.5
In den letzten Jahren zeigte sich der Wandel der Medien aber auch bei der Entwicklung von Skandalen. So ist Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg 2011 »in großen Teilen von der Macht des Internets überführt worden«. Wohl durfte die Skandalisierung zeitlich nie zu weit getrieben und zu häufig in Gang gesetzt werden, da sonst das Interesse des Publikums abflachte. Wohldosiert angewandt aber durfte man mit den vitalen Interessen der lesenden und schauenden Konsumenten medialer Angebote für den Fall rechnen, dass einzelne Figuren zunächst strahlten, hoch aufstiegen, sich dann in Widersprüchen verfingen, den falschen Umgang pflegten, dem Mammon erlagen und die Ideale verrieten, gar in den begründeten Verdacht der Korruption gelangten. Die Entzauberung früherer Lichtgestalten übte eine schauerliche Faszination aus auf diejenigen, welche sozial weit entfernt von den Stars in Gesellschaft, Wirtschaft und nicht zuletzt in der Politik ansässig waren.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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