Das gelbe Haus - Mieko Kawakami - E-Book

Das gelbe Haus E-Book

Mieko Kawakami

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Beschreibung

SPIEGEL Buchpreis 2025 Platz 5 Die siebzehnjährige Hana träumt von einer besseren Zukunft für sich und ihre Mutter, doch das Leben meint es nicht gut mit ihr. Es ist kurz vor der Jahrtausendwende, und in Japan ist die Wirtschaft ins Stocken geraten. Als die ältere Kimiko Hana unter ihre Fittiche nimmt, wird sie Teil einer neuen, selbst gewählten Familie: einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von jungen Frauen, die am Rande der Gesellschaft leben. Unter der Führung von Kimiko übernehmen sie eine Bar, und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt Hana ein gewisses Maß an Freiheit und Sicherheit. Doch als das Geld zur Neige geht, sieht sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen, und so rutscht Hana immer tiefer in eine kriminelle Parallelwelt, aus der es scheinbar kein Zurück mehr gibt. In ihrem neuen Roman erzählt Mieko Kawakami eindringlich von der Hoffnung, die eine Wahlfamilie verspricht, und widmet sich scharfsinnig der Illusion des freien Willens und der Frage nach menschlicher Würde.

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Seitenzahl: 667

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die siebzehnjährige Hana träumt von einer besseren Zukunft für sich und ihre Mutter, doch das Leben meint es nicht gut mit ihr. Es ist kurz vor der Jahrtausendwende, und in Japan ist die Wirtschaft ins Stocken geraten. Als die ältere Kimiko sich Hanas annimmt, wird diese Teil einer neuen, selbst gewählten Familie: einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von jungen Frauen, die am Rande der Gesellschaft leben. Unter der Führung von Kimiko übernehmen sie eine Bar, und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt Hana ein gewisses Maß an Freiheit und Sicherheit. Doch als das Geld zur Neige geht, sieht sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen, und so rutscht Hana immer tiefer in eine kriminelle Parallelwelt, aus der es kein Zurück mehr zu geben scheint.

In ihrem neuen Roman erzählt Mieko Kawakami eindringlich von der Hoffnung, die eine Wahlfamilie verspricht, und stellt sich der Illusion des freien Willens und der Frage nach menschlicher Würde.

© Keiichiro Nakajima

Mieko Kawakami, geboren in Osaka, ist die Autorin des internationalen Bestsellerromans ›Brüste und Eier‹ (DuMont 2020). Kawakami debütierte als Lyrikerin, ihr erster Roman ›My Ego, My Teeth, and the World‹ erschien 2007. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Für ihr Werk wurde Kawakami u. a. mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet. ›Heaven‹ (DuMont 2021) stand auf der Shortlist für den International Booker Prize 2022. ›All die Liebenden der Nacht‹ (DuMont 2023) stand auf der Shortlist für die National Book Critics Circle Awards 2023. Sie lebt in Tokio.

Katja Busson wurde 1970 geboren und studierte Japanologie und Anglistik in Trier und Tokio. Sie übersetzte u. a. Junichiro Tanizaki, Keigo Higashino, Shugoro Yamamoto, Nanae Aoyama, Ko Machida und Natsu Miyashita.

Mieko Kawakami

Das gelbe Haus

Roman

Aus dem Japanischenvon Katja Busson

Von Mieko Kawakami sind bei DuMont außerdem erschienen:

Brüste und Eier

Heaven

All die Liebenden der Nacht

Die Arbeit der Übersetzerin an diesem Buch wurde durch ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds e. V. gefördert.

Die japanische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel

›Kiiroi ie‹ bei Chuokoron-Shinsha, Inc., Tokio.

© Copyright Mieko Kawakami 2023

E-Book 2025

© 2025 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Katja Busson

Lektorat: Leonora Tomaschoff

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildung: Stefanie Naumann

Satz: Angelika Kudella, Köln

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1075-9

www.dumont-buchverlag.de

Kapitel 1

Wiedersehen

1

Ich würde sie nie vergessen, hatte ich gedacht, ganz gleich wo ich wohnte, ganz gleich wie alt ich würde, ganz gleich was passierte.

Doch selbst das hatte ich, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre, bis ich ihren Namen in dem kleinen Artikel las, auf den ich zufällig gestoßen war, vergessen, wie überhaupt alles, was mit ihr zu tun hatte: ihren Namen, ihre Existenz, unsere gemeinsame Zeit und das, was wir in dieser Zeit getan hatten.

Kimiko Yoshikawa.

Vielleicht war es bloß eine Namensgleichheit, schoss es mir durch den Kopf, aber instinktiv wusste ich, dass es sich bei der Frau in dem Artikel um meine Kimiko handelte.

Am 23. Dezember begann vor dem Landgericht Tokyo der Prozess gegen die sechzigjährige, arbeitslose Kimiko Yoshikawa aus Shinjuku, die bis zu ihrer Verhaftung im Mai letzten Jahres eine Frau in den Zwanzigern aus der Stadt Ichikawa, Präfektur Chiba, fünfzehn Monate lang in ihrer Wohnung in Shinjuku festgehalten, misshandelt und schwer verletzt haben soll. Die Anklage lautet auf Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung. Die Angeklagte berief sich zu Beginn der Verhandlung auf ihr Schweigerecht, ihr Anwalt plädierte auf »nicht schuldig«.

Frau Yoshikawa wird vorgeworfen, ihre damalige Mitbewohnerin beginnend im Februar 2018 über einen Zeitraum von fünfzehn Monaten in der gemeinsamen Wohnung in Shinjuku festgehalten, misshandelt und so schwer verletzt zu haben, dass es einen Monat gedauert habe, bis alle Wunden wieder verheilt gewesen seien.

Wie der Staatsanwalt in der Anklageschrift ausführte, sei die Klägerin, die keinen festen Wohnsitz gehabt habe, 2017 bei der Angeklagten eingezogen. Das Zusammenleben habe sich zunächst reibungslos gestaltet, aber dann sei die Angeklagte mehr und mehr dazu übergegangen, die Klägerin zu überwachen, indem sie beispielsweise ihre persönlichen Sachen und Kontakte kontrolliert habe. Durch Einschüchterungen der Art »sie könne draußen sowieso nicht überleben« habe sie die Klägerin psychisch so unter Druck gesetzt, dass diese jeden Fluchtwillen aufgegeben habe. Die Staatsanwaltschaft warf der Angeklagten vor, die Klägerin wiederholt misshandelt, sie widerrechtlich festgehalten und ihr ihren Willen aufgezwungen zu haben. Zur Anzeige gebracht worden war die Tat durch die Klägerin, nachdem es ihr gelungen war, sich aus eigener Kraft zu befreien.

Nachdem ich den Artikel ungefähr dreimal gelesen hatte, stieß ich die Luft, die sich in meiner Brust gestaut hatte, in einem Schwall aus. Mein Herz raste, meine Finger zitterten. Kimiko. Kein Zweifel. Kimiko war verhaftet worden.

Ich gab den Namen Kimiko Yoshikawa in die Suchmaschine ein, fand aber bloß einen ähnlichen Artikel und eine kurze Nachricht. In beiden wurde der Fall nicht besonders hoch gehängt. Die übrigen Treffer führten zu Onomantie, Strichzahlmantik oder empfohlenen Mädchennamen. Abgesehen von dem Fall, auf den ich gerade gestoßen war, schien Kimiko im Netz nicht zu existieren.

Krampfhaft versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Ich ging zurück zum ersten Artikel und vergewisserte mich des Datums. Er war am 10. Januar 2020 erschienen. Vor etwa drei Monaten also. Kimiko war letztes Jahr im Mai verhaftet worden.

Aber was bedeutete das? Das wurde mir auch nach mehrmaliger Lektüre nicht klar. Seit Prozessbeginn waren drei Monate vergangen, so viel war sicher, aber in welcher Lage sich die Klägerin befand, in welcher Lage sich die anderen Beteiligten befanden und wie es nun weiterging mit dem Fall, mit dem Prozess, das wusste ich nicht. Was war mit Kimiko? Was würde mit ihr passieren? Wie und wo ließe sich das herausfinden?

Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie polizeiliche Ermittlungen abliefen, wie Untersuchungshaft aussah oder welche Auflagen es gab. Das Einzige, was mir in den Sinn kam, waren wenig hilfreiche Fernsehbilder: Zellen in tristem Grau, Handschellen, ungerührte Staatsanwälte, Skizzen von Gerichtszeichnern.

Und – Kimiko.

Die Frau, mit der ich vor ungefähr zwei Jahrzehnten, als ich noch jung war, ein paar Jahre zusammengewohnt hatte.

Dem Artikel zufolge war sie jetzt sechzig Jahre alt. Sechzig!? Nicht zu fassen. Klar, die Zeit blieb nicht stehen, ich war inzwischen auch schon vierzig. Dennoch kam mir die Zahl unwirklich vor.

Ich schloss die Augen. Keine Panik, machte ich mir Mut. Du hast mit dem Fall nichts zu tun. Kein Grund zur Sorge. Du weißt nicht, was Kimiko in den letzten zwanzig Jahren getrieben hat, du hattest keinen Kontakt zu ihr, es gibt keine wie auch immer geartete Verbindung mehr zu ihr. Was damals passiert ist, ist lange her, aus und vorbei. Abgesehen von diesem Fall, von dieser Freiheitsberaubung, die man ihr vorwirft, legt man ihr nichts zur Last. Wenigstens nicht laut Netz. Also keine Panik, sagte ich mir wieder und wieder.

Als ich den Blick vom Handy hob, war das Zimmer von einem Abendblau erfüllt, von dem bis eben noch nicht das Geringste zu sehen gewesen war. Die Gegenstände hoben sich nur mehr als dunkle Schatten ab. Vor mir auf dem niedrigen Tisch stand ein Teller Spaghetti mit Fertigbolognese. In der hereinbrechenden Nacht sah das Gericht irgendwie nicht mehr nach etwas Essbarem aus.

Die ganze Nacht tat ich so gut wie kein Auge zu.

Im Licht der morgendlichen Frühlingssonne wirkte der Fenstervorhang wie ein überdimensionales weißes Zeichenblatt. Als ich geblendet die Augen zukniff, verschwammen die so produzierten Farben und verschwanden. Statt Dunkelblau, Tiefrot und Gelb erschien Kimiko.

Schau mal, sagte sie, ihre bis auf den Rücken reichenden pechschwarzen Locken mit den Händen zusammenfassend, in meinem Haar könnte sich ein schwarzes Kätzchen verstecken, und lachte fröhlich. Ich lachte mit; alle lachten mit. Unser altes Haus. Die Zimmer klein, vollgestellt und unaufgeräumt, aber der Eingang immer sauber. Pro Person durften nicht mehr als zwei Paar Schuhe dastehen; und weil »das Glück durch die Tür hereinkommt und das Böse durch die Toilette verschwindet«, musste der Eingang stets sauber gehalten werden.

In der Hoffnung, die aufkommenden Erinnerungen wieder zu vertreiben, schloss ich die Augen und wälzte mich auf die andere Seite. Doch längst vergessen geglaubte Erinnerungen tauchten auf, eine nach der anderen, als hielten sie sich an den Händen. Das Knarren der stellenweise verzogenen Dielen im Flur verwandelte sich in unser Lachen, die gemaserte Decke, auf die ich immer vor dem Einschlafen gestarrt hatte, in den Qualm einer Zigarette und raunte mir ins Ohr.

Ich sah die Schminkutensilien, die verstreut vor dem Spiegel lagen, das mit Kleidern und Unterwäsche vollgestopfte, bunt angestrichene Sperrholzregal im Wandschrank, die Cup Noodles, die sich in einem Korb in der schmalen Küche stapelten, und sofort hatte ich wieder den Geruch unseres gemeinsamen Lebens in der Nase.

Nachdem ich eingerollt in meine Bettdecke ungefähr eine halbe Stunde mit mir gekämpft hatte, schrieb ich meinen Kollegen eine Nachricht in den Gruppenchat.

GUTEN MORGEN. ICH HABE SEIT GESTERN EINEN LEICHTEN HUSTEN. FIEBER HABE ICH NICHT, WÜRDE TROTZDEM VORSICHTSHALBER HEUTE GERNE ZU HAUSE BLEIBEN. ICH HOFFE, DAS GEHT. TUT MIR LEID FÜR DIE UMSTÄNDE. HERZLICH, ITO.

Die Verantwortliche für die Dienstpläne der Aushilfen antwortete sofort.

ALLES KLAR, KEIN PROBLEM. ANFANG NÄCHSTER WOCHE WIRD ENTSCHIEDEN, WIE ES WEITERGEHT. ICH MELDE MICH. GUTE BESSERUNG!

VIELEN DANK! ICH GLAUBE, ES IST NUR EINE ERKÄLTUNG, ABER FALLS ICH DOCH NOCH FIEBER BEKOMME, GEBE ICH SOFORT BESCHEID. DANKE NOCH MAL!

Bis Mitte letzten Monats hatte bezüglich der neuen Infektionskrankheit allgemeine Skepsis geherrscht. Hier und da war Alarm geschlagen worden, aber viele hatten auch behauptet, man brauche sich nicht zu fürchten, die Krankheit sei nicht schlimmer als eine Grippe und Masken würden nichts nützen. Man schwankte zwischen Angst und merkwürdiger Erregung, dachte aber, im Großen und Ganzen sei alles im grünen Bereich.

Als sich allerdings Ende des letzten, Anfang dieses Monats die Schreckensbilder aus dem Ausland häuften, kamen auch in Japan Gerüchte über einen bevorstehenden Lockdown auf. Und als vor fünf Tagen schließlich der Notstand ausgerufen wurde, explodierte die Spannung, die sich langsam, aber sicher aufgebaut hatte, mit einem Schlag. Nicht nur die Medien verbreiteten Panik, in den Supermärkten der Nachbarschaft wurden tatsächlich ganze Regale leer gekauft, in den Drogerien gab es keine Masken mehr, kein Desinfektionsmittel und kein Toilettenpapier, Menschen verschwanden, und auch an meinem Arbeitsplatz mussten Maßnahmen ergriffen werden. Ich jobbte als Verkäuferin in einer der über die ganze Stadt verteilten Filialen eines Geschäfts für Feinkost und Fertiggerichte, das zu einem großen Supermarkt gehörte, wenige Gehminuten von meinem Apartment entfernt.

Der Laden in der Arkade war klein. Auf der Theke und im Kühlregal standen etwa dreißig Schüsseln mit Salat und Beilagen, aus denen sich die Kunden nach Belieben eine Mahlzeit zusammenstellen konnten, die wir in Menüboxen aus Plastik verpackten. Da wir das Essen, das morgens aus einer Großküche angeliefert wurde, bloß verkaufen mussten, gab es keine Küche, und mit nur vier Personen war der Laden schon voll. Obwohl sich die Karte in den drei Jahren, die ich bereits dort arbeitete, kein bisschen verändert hatte und die meisten Käufer obendrein Stammkunden waren, war der Umsatz gut und der Laden so beliebt, dass die Leute mittags und abends Schlange standen. Entgegen meiner Vermutung schien ihnen das gleichbleibende Menü nicht zum Halse herauszuhängen, sondern ganz im Gegenteil Beständigkeit zu vermitteln. Ende letzten Monats war allerdings auch bei uns der Umsatz eingebrochen. Und wenn Kunden kamen, war es nicht selten zu Auseinandersetzungen zwischen Maskenträgern und Maskenverweigerern gekommen. Außerdem häuften sich telefonische Beschwerden, zum Beispiel über unzureichende Hygienemaßnahmen.

Ich hätte nicht schreiben sollen, dass ich Husten habe, dachte ich im Liegen. Warum hatte ich gelogen? Was zum Teufel hatte ich mir dabei gedacht? Ausgerechnet Husten! In diesen Zeiten! Ich wusste es selber nicht.

Kurz darauf nahm ich das Handy wieder in die Hand, rief die Seite mit dem Artikel über Kimiko auf und las ihn mir noch einmal langsam durch. Meine Laune sank. Meine Hände und Füße fühlten sich auf einmal schwer an. Gut, dass ich blaumache, dachte ich, egal, wie dumm meine Ausrede war. Auch wenn ich eigentlich nur stehen musste; in dieser Verfassung konnte ich nicht arbeiten.

Ich stand auf und trank am Kühlschrank einen Schluck Gerstentee. Dann holte ich aus dem Regal im Wandschrank den Karton hervor.

In diesem alten, abgestoßenen, etwas größeren Schuhkarton mit eingerissenem Deckel bewahrte ich Briefe, Notizbücher, Hefte und dergleichen auf.

Ursprünglich hatte der schäbige Karton, dessen einstiges Dunkelblau völlig verblichen war, zu einem Paar Stöckelschuhe gehört, die meine Mutter sich damals irgendwo gekauft hatte. Ich erinnere mich noch, wie glücklich sie in den schneeweißen High Heels durch die Wohnung stolzierte. Sie setzte sich damit sogar auf die Tatami und schlürfte eine Instant-Nudelsuppe, so glücklich war sie. Ich hatte den Karton behalten dürfen und beschlossen, ihn zur Aufbewahrung für meine Sticker zu benutzen und die Freebies, die es manchmal zu einem Manga gab, oder für die Briefchen, die ich mir in der Schule mit meiner Freundin schrieb. Auch später legte ich aus Gewohnheit ab und zu noch etwas hinein, was ich aufbewahren wollte. Bei all den Umzügen war so vieles liegen geblieben oder verloren gegangen, nur dieser Karton nicht, wenn ich es mir recht überlegte. Normalerweise nahm ich ihn ebenso wenig zur Hand wie das, was er enthielt. Dinge, die ich einfach nicht hatte wegwerfen können, Dinge, die mir gehörten, Dinge, die ich von Umzug zu Umzug mitgeschleppt hatte. Sie kamen mir vor wie die Schätze einer anderen Person.

Ich hob den Deckel ab. Ein dunkelblaues Klapphandy und ein Ladegerät kamen zum Vorschein. Genau danach hatte ich gesucht. Dennoch stockte mir für einen Moment der Atem. Ich hängte das Handy, von dem ich nicht wusste, ob es noch funktionierte, ans Ladegerät, steckte das Ladegerät in die Steckdose und wartete eine halbe Stunde, bevor ich die Ein- und Austaste drückte. Mit einem Klingeln erwachte das kleine Display langsam wieder zum Leben.

Ob ich geahnt hatte, dass ich diese Nummern noch einmal brauchen würde? Hatte ich sie deshalb nicht gelöscht, als ich Tabula rasa gemacht und meine Telefonnummer geändert hatte, damit mich niemand mehr erreichen konnte?

Das Adressbuch verzeichnete nur sieben Kontakte.

Unter k entdeckte ich Kimiko. Ich drückte auf den Namen darüber: Kato, Ran; eine Nummer erschien. Als Nächstes ging ich zu m, Momoko. Momoko Tamamori. Ich speicherte die Nummern in der Memo-App meines neuen Handys.

Wo Ran und Momoko jetzt wohnten und was sie machten, wusste ich nicht.

Das letzte Mal hatten wir uns bei unserem »Auszug« gesehen. Da waren wir ungefähr zwanzig gewesen. Seitdem hatte ich weder zu der einen noch zu der anderen jemals wieder Kontakt gehabt. Wäre ich nicht auf den Artikel über Kimiko gestoßen, hätte ich wahrscheinlich nie wieder auch nur an sie gedacht.

Wie eine Abfolge loser Szenen lief die Zeit, die wir gemeinsam verbracht hatten, vor meinem geistigen Auge ab.

Mal etwas schärfer, dann wieder unschärfer erwachten Stimmen und Gesichter zum Leben. Dass unter diesen Nummern noch jemand zu erreichen war, glaubte ich zwar nicht, nach so langer Zeit wieder Kontakt aufnehmen wollte ich eigentlich auch nicht, aber Ran und Momoko waren die Einzigen, mit denen ich über Kimiko sprechen konnte. Die Einzigen, mit denen ich meine Angst teilen konnte.

Die Angst, dass Kimiko über unsere Vergangenheit gesprochen haben könnte.

Dass man womöglich im Zuge der Ermittlungen in ihrer Wohnung Hinweise auf unser damaliges Zusammenleben gefunden hatte und bereits Nachforschungen anstellte. Dieser Gedanke machte mich ganz nervös. Noch hatte mich niemand aufgesucht, aber wer weiß, vielleicht waren Ran und Momoko schon vorgeladen und verhört worden, ausgeschlossen war es jedenfalls nicht.

Nüchtern betrachtet, war das, was wir getan hatten, wahrscheinlich schon verjährt. Belangen würde man uns wohl kaum. Denn Momoko, Ran und ich waren damals noch jung gewesen, außerdem hatten wir nur Kimikos Anweisungen befolgt. Aber wer hatte dann Kotomi-san auf dem Gewissen? Warum hatte sie sterben müssen? Konnte man wirklich behaupten, dass wir unschuldig waren an ihrem Tod?

Je mehr ich grübelte, desto panischer wurde ich. Mir war, als senkte sich mir lautlos eine riesige Stahlplatte auf die Brust, um mich unter sich zu zermalmen. Tränen traten mir in die Augen. Was sollte ich machen? So tun, als hätte ich den Artikel nie gesehen? Ran und Momoko nicht kontaktieren und schweigen? Oder zur Polizei gehen und sagen, was ich wusste?

Meine albtraumhaften Vorstellungen wurden so übermächtig, dass sie mir die Sicht versperrten. Was war wohl aus Ran und Momoko geworden? Wo wohnten und was machten sie? Bestimmt hatten sie sich längst neue Nummern zugelegt … aber dann könnte ich es ja mal probieren … Ich legte das Handy zur Seite und zog mir die Decke über den Kopf, als könnte ich damit alles zum Verschwinden bringen. Abgeschirmt von der Mittagssonne blinzelte ich eine Weile in das laue Frühlingsdunkel. Dann schlief ich ein.

Ich hatte einen verschwommenen Traum, von dem ich nur wusste, dass es ein Albtraum war. Woher weiß man eigentlich, dass es ein Albtraum ist, wenn nichts darin passiert, wenn es keine konkreten Ereignisse oder Personen gibt, nur Zeit, fragte ich mich. Der Traum überrollte mich wie eine schwarze, unbarmherzige Welle. Als ich aufwachte, war ich an Brust und Rücken schweißnass. Dann rief ich Ran Kato an.

Nach dem sechsten Klingeln hörte ich ein fröhliches »Hallo«. Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Kinn vor Aufregung zitterte.

»Entschuldigung … Spreche ich mit … Ran? … Ran Kato?«

»Ja«, erwiderte die Stimme eine Spur leiser. Ran! Mein Herz machte einen Sprung.

»Ich bin’s … Hana.«

»Hana?«

»Ja. Hana Ito. Von damals …«

»Hana-chan?«, fragte Ran nach einer kleinen Pause.

»Ja. Erinnerst du dich? Entschuldige, dass ich so plötzlich anrufe. Ich wollte dich nicht überrumpeln.« Ich nahm das Handy in die andere Hand und presste es an mein Ohr. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich erreiche.«

»Was ist los? Woher hast du meine Nummer?«

»Die war noch in meinem alten Handy gespeichert.«

»Verstehe.« Sie seufzte leise.

»Tut mir leid, dass ich so plötzlich anrufe.«

»Schon gut. Ich bin nur überrascht. Mit dir habe ich nun wirklich nicht gerechnet.«

»Das kann ich mir vorstellen, entschuldige. Eigentlich rufe ich wegen Kimiko an.«

Im Hintergrund hörte man Kinder toben. Dazwischen Frauen, die sich unterhielten. Als sich die Stimmen entfernten, wurde mir bewusst, dass Ran den Platz gewechselt hatte.

»Kimiko? … Du meinst die Kimiko?«

»Genau die.«

»Was ist mit der?«

»Ich habe gestern diesen Fall entdeckt.«

»Wovon redest du?«

»Im Netz.«

»Was für einen Fall?«

»Kimiko wurde verhaftet. Der Prozess hat schon begonnen, und unter Umständen, dachte ich, unter Umständen kommt die Sprache auch auf uns, darüber wollte ich mit dir sprechen und …«

»Moment«, fiel Ran mir ins Wort. »Ich verstehe kein Wort. Was soll das heißen: Kimiko wurde verhaftet und unter Umständen kommt die Sprache auch auf uns? Hat sie was erzählt?«

»Das weiß ich nicht. Kimiko soll eine junge Frau in ihrer Wohnung festgehalten und verletzt haben, deshalb hat man sie verhaftet. Ich vermute, sie hat das Gleiche gemacht wie damals. Jedenfalls sitzt sie jetzt in Untersuchungshaft, und ich dachte, vielleicht kommt nun das ein oder andere aus ihrer Vergangenheit ans Licht, könnte ja sein, und das ließ mir keine Ruhe. Sag …«, fasste ich mir ein Herz: »Bei dir hat sich noch niemand gemeldet? Von der Polizei oder so, meine ich.«

»Natürlich nicht!«, tat Ran die Frage lachend ab, aber ich spürte ihr Unbehagen.

»Ich weiß nicht, was ich machen soll. Vielleicht wäre es besser, zur Polizei zu gehen und alles zu erzählen?«

»Was?«, fragte Ran überrascht zurück. »Und was willst du erzählen?«

»Von damals, was ich über Kimiko weiß …«

»Du spinnst wohl!«, zischte sie. Ja-ha, antwortete sie einen Moment später fröhlich auf eine Stimme im Hintergrund. »Hör zu, ich habe Besuch.«

»Das höre ich, tut mir leid.«

»Wo wohnst du jetzt? In Tokyo?«

»Ja.«

»Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns einmal unterhalten würden. Nicht am Telefon. Von Angesicht zu Angesicht. Auch wenn das jetzt während Corona nicht ganz so einfach ist …«

»Das denke ich auch … Vielleicht sollten wir auch Momoko kontaktieren, ich weiß zwar nicht, ob ihre Telefonnummer noch aktuell ist, aber einen Versuch ist es wert. Vielleicht kann sie auch kommen.«

»Momoko kannst du vergessen«, sagte Ran schroff.

»Wieso?«

»Das erzähle ich dir, wenn wir uns sehen. Hauptsache, du gehst nicht zur Polizei. Hörst du? Keine Polizei!«

»Keine Polizei.«

Wir einigten uns auf Zeit und Ort und legten auf.

2

Ran sah völlig anders aus, als ich sie in Erinnerung gehabt hatte.

Wie bei unserer letzten Begegnung vor zwanzig Jahren war sie immer noch klein, aber in allem viel runder, schien mir, irgendwie aus der Form geraten. Hätte sie nicht die Hand gehoben, hätte ich sie wahrscheinlich nicht einmal sofort erkannt, obwohl das Café nur spärlich besucht war.

Sie trug eine luftige Tunika aus ungebleichter Baumwolle und eine übergroße Maske, die ihr halbes Gesicht verdeckte. Das hellbraun gefärbte Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden; im straff nach hinten frisierten Haaransatz schimmerten im Licht weiße Strähnen. Nur der großzügig aufgetragene braune Lidschatten und die satt getuschten Wimpern erinnerten an die Ran von früher.

Als ich ihre niedrige Stirn sah, fiel mir ein, dass Momoko, Ran und ich einmal mitten in der Nacht unsere Stirnen und Augen vermessen hatten. Ran hatte sich damals schon gerne geschminkt, mal sehen, was ich aus dir machen kann, hatte sie gesagt – ich kannte mich mit Make-up überhaupt nicht aus – und amüsiert Verschiedenes an mir ausprobiert. Ich erinnerte mich, dass wir über das Ergebnis herzlich gelacht hatten. Mir wurde bewusst, wie lange das schon her war, und ich spürte ein leises Ziehen in der Brust.

Trotzdem begrüßten wir uns nicht wie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, mit einem fröhlichen »Mensch, ist das lange her« oder »Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen, wie geht’s?«, sondern bestellten etwas zu trinken. Unter der Maske war Rans Gesicht nur schwer zu deuten, aber die Atmosphäre war so angespannt, dass wir eine Weile bloß schwiegen.

»Gut, dass du mich gleich erkannt hast«, sagte ich, nachdem unser Eiskaffee serviert worden war.

»Keine Kunst, so nervös, wie du dich umgeguckt hast«, erwiderte sie knapp, ließ von ihrem Handy ab und nahm die Maske herunter. Der ziegelrote Lippenstift hinterließ einen klebrigen Abdruck auf dem Stoff.

»Also, mir ist immer noch nicht klar, was Kimiko getan haben soll«, sagte sie lässig, meine Nervosität ignorierend. »Was Schlimmes? War es in den Nachrichten?«

»Was heißt Nachrichten …«, sagte ich, öffnete die gebookmarkte Website mit dem Artikel und gab ihn Ran. Ran begann mit ernster Miene zu lesen, scrollte mit der Fingerspitze nach unten und las weiter.

»Wie hast du das gefunden?«, fragte sie, nachdem sie mir das Handy über den Tisch hatte zurückschlittern lassen.

»Ich habe einen Bericht gelesen über einen anderen, einen spektakulären Fall, und wenn du bei Yahoo oder irgendwo etwas liest, werden unten auf der Seite doch ständig Links zu ähnlichen Artikeln eingeblendet, zu alten Fällen oder zu Fällen, über die in irgendwelchen Provinzblättchen berichtet wurde, und da bin ich beim Weiterklicken irgendwann darauf gestoßen.«

»In Shinjuku … nicht in Sancha*«, stellte Ran mit gerunzelter Stirn fest. »Sechzig ist sie, stand da, oder? … Das heißt, sie muss damals um die vierzig gewesen sein. So alt wie wir jetzt.«

»Stimmt.«

»Das ist doch nicht normal!«, stieß Ran hervor. »Mit vierzig, so alt, wie wir jetzt sind, ein paar Zwanzigjährige um sich zu scharen und so ein Leben zu führen … Was in aller Welt hat sie sich dabei gedacht?« Sie schüttelte den Kopf. »Egal. Und wovor hast du nun Angst? Dieser Fall hat doch nichts mit uns zu tun. Außerdem ist er schon ein Jahr her, und der Prozess hat begonnen.«

Ich nickte.

»Was wir damals gemacht haben, als wir noch zusammenwohnten, war nicht immer ganz sauber, das stimmt. Aber hey, das ist lange her, danach kräht heute kein Hahn mehr.«

»Schon, aber was, wenn die Polizei zum Beispiel die ganzen Karten bei ihr fände? Würden die sich nicht fragen, was das zu bedeuten hat? Man würde uns vielleicht nicht belangen, aber doch bestimmt verhören, wenn Kimiko eine Aussage machte, oder nicht? Die Sache selbst ist wahrscheinlich verjährt, nehme ich an, aber das, was wir getan haben … Ich meine, ich weiß nicht einmal, was genau davon strafbar war …«

»Und deshalb willst du zur Polizei gehen?«, fragte Ran entgeistert. »Du denkst zu viel!«

»Meinst du?«

»Natürlich! Je mehr du denkst, desto schwärzer siehst du. Außerdem: Was haben wir denn schon gemacht? Nichts, worüber man sich zwanzig Jahre später graue Haare wachsen lassen müsste. Finde ich jedenfalls. Kinderkram, verglichen mit dem, was die jungen Leute heute so anstellen.«

»Meinst du?«

»Natürlich! – Und überhaupt«, fügte sie nach einem Moment hinzu. »Wir haben das ja nicht aus freien Stücken gemacht …«

»Aber Kotomi-san ist tot, und wir wissen immer noch nicht, was genau passiert ist, obwohl wir irgendwie darin verwickelt waren, und jetzt ist das passiert …«

»Kotomi-san? Wer war das noch mal? … Ach so …« Sie nickte. »Die Ginza-Hostess, mit der du zugange warst?«

»Genau.«

»Pah. Das ist ja wohl Kimikos Bier! Mit uns hat das überhaupt nichts zu tun. Damals wurden doch auch schon diese Vorwürfe erhoben … Es überrascht mich zwar, aber … Komm schon! … Du willst mir doch nicht erzählen, dass du dich deswegen schuldig fühlst?«

»Das nicht …« Ich schüttelte den Kopf.

»Ich bitte dich! Die waren alle nicht ganz sauber!«, sagte Ran und zuckte die Schultern. »Mach dich locker. Denk an was Schönes, zieh nicht so ein Gesicht. Was willst du dir den Kopf zerbrechen über Dinge, an die sich kein Mensch mehr erinnert, die ewig her sind? Natürlich ist man überrascht, wenn man in so einem Zusammenhang auf Kimiko stößt. Dass sie eine junge Frau festgehalten haben soll und so. Die Umstände sind ähnlich, deshalb verstehe ich deine Unruhe, aber du musst dir keine Sorgen machen. Wenn wir etwas zu befürchten hätten, wäre die Polizei längst da. Was wir gemacht haben, war Leichtsinn, weiter nichts. Jugendlicher Leichtsinn.«

»Jugendlicher Leichtsinn …«

»Genau. Ich sag dir: Corona ist schlimmer. Seit die Kinder nicht mehr zur Schule gehen dürfen, ist bei uns die Hölle los. Wie sieht’s denn bei dir aus?«

»Bei mir …«, setzte ich an, atmete durch die Nase ein und sagte: »Alles normal. Ich lebe allein.«

Ran rührte mit dem Strohhalm in ihrem Eiskaffee herum und nickte vielsagend. Wir saßen in einem Café an der Station Jiyugaoka. Ran schien irgendwo an der Toyoko-Linie zu wohnen, von dort könne sie durchfahren, sie müsse sowieso nach Jiyugaoka, hatte sie gesagt und mich hierher bestellt, in die Filiale einer Coffeeshop-Kette mit Glasfront. Wo ich wohnte, was ich beruflich machte oder wie es mir seit damals ergangen war, fragte sie nicht.

»Kaum jemand unterwegs … Sonst ist es hier rappelvoll. Das nenne ich funktionierende Selbstbeschränkung!«

Auf der Straße war tatsächlich nur wenig los. Die wenigen Passanten und der seit dem Morgen wolkenverhangene Himmel erweckten den Eindruck, die Stadt wäre in Tristesse versunken.

»Die Zeit fliegt. Jetzt sind wir auch schon vierzig. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so einmal wiedersehen. Vielmehr, ich hätte nicht gedacht, dass wir uns überhaupt noch einmal wiedersehen, so wie wir damals auseinandergegangen sind, in alle Winde zerstreut sozusagen.«

»Und Kimiko hat sich nie wieder bei dir gemeldet? Obwohl du deine Telefonnummer behalten hast?«

»Nein«, sagte sie. »Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, will ich auch gar nicht, wir haben den Tumult schließlich genutzt, um zu verschwinden. Danach habe ich nichts mehr von ihr gehört. Für dich muss es am schlimmsten gewesen sein, du warst ihr ja am nächsten … Verhaftet … Ich mag gar nicht darüber nachdenken … Die kann nicht ganz sauber sein … Als Kind merkt man so was ja nicht unbedingt …«

»Um noch mal auf unser Telefonat zurückzukommen«, sagte ich. »Du hast gesagt, ich könnte Momoko vergessen, wieso? Was ist passiert?«

»Tja …« Ran schüttelte leise den Kopf. »Erinnerst du dich noch an ihre Schwester? Momoko hatte doch diese kleine, krasse Schwester. Dieses unglaublich hübsche Mädchen mit den unglaublich schlechten Zähnen. Sie hat uns mal besucht, weißt du noch? Mit der und ihrem Typen soll sie Ärger wegen Geld gehabt haben, und kurz darauf ist sie verschwunden, hab ich jedenfalls gehört. Nach unserem Auszug hatte ich noch eine Weile Kontakt zu ihr, aber dann war sie plötzlich weg.«

Ich seufzte.

»Verrückt … Alle verrückt … Wir wussten es bloß nicht!«, sagte sie plötzlich theatralisch laut; es klang, als würde sie eine Textpassage einstudieren.

Das Café war spärlich besucht. Die Gäste, die jeweils verstreut für sich saßen, trugen alle Masken; aus den Deckenlautsprechern murmelte eine Art Bossa Nova. In der Küche klapperte Geschirr, dazwischen hörte man die Stimmen der Angestellten. Außer uns sprach niemand. Ein Stück entfernt breitete ein älterer Herr geräuschvoll seine Zeitung aus. Er warf mir einen Blick zu. Ich trank einen Schluck Wasser und tastete nach meiner Maske unter dem Kinn.

»Ich meine es ernst. Lass die Polizei aus dem Spiel, hörst du? Das bringt nichts. Ganz im Gegenteil, glaub mir. Ich verlass mich auf dich. Du hast es dir von der Seele geredet, und jetzt vergiss es. Vergiss es einfach.«

Ich nickte.

»Kann ich mich auf dich verlassen?«

»Ja.«

Dann herrschte lange Schweigen zwischen uns. Seufzend in sich zusammengesunken, starrte Ran auf einen Punkt auf dem Tisch. Sie sah erschöpft aus. Ich hatte das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen, etwas Wichtiges, aber ich fand die richtigen Worte nicht – ihr ging es vermutlich ähnlich.

»Ich muss los …«, sagte sie, straffte den Rücken und setzte ihre Maske wieder auf. »Ach ja … bevor ich es vergesse … tu mir einen Gefallen und lösch meine Nummer. Ich lösche deine auch aus der Anrufliste.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ran warf einen Blick auf die Rechnung, legte das Geld für ihren Eiskaffee auf den Tisch, hängte sich ihre Tasche über die Schulter und stand auf.

»Mach’s gut. Bleib gesund«, sagte sie und ging.

Auch als sie längst weg war, konnte ich nicht aufstehen. Mein Kopf war ein einziges Chaos, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Eigentlich müsste ich Hunger haben, dachte ich vage, schließlich hatte ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Vielleicht sollte ich etwas bestellen, auch wenn ich keinen Appetit verspürte.

Kaum hatte ich mich der kleinen, bebilderten Karte auf dem Tisch zugewandt, ertönte ein seltsames Geräusch. Es klang, als ob draußen irgendwo in der Ferne etwas ins Rollen gekommen wäre. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass es gedonnert hatte. Ich hob den Blick und sah aus dem Fenster. Im selben Moment setzte Platzregen ein. Mit der Tasche oder der Hand über dem Kopf rannten Passanten durch die Tropfen, die so dick waren, dass man sie förmlich sehen konnte. Sie prasselten so heftig auf den Asphalt und die Markise des Geschäfts schräg gegenüber, dass feiner weißer Dampf aufstieg.

Kapitel 2

Geld-Los

1

Ich war fünfzehn, als ich Kimiko zum ersten Mal begegnete.

Eines Morgens, meine letzten Sommerferien in der Mittelschule hatten gerade begonnen, wachte ich nicht neben meiner Mutter auf, sondern neben einer fremden Frau.

Ich wusste sofort, dass es nicht meine Mutter war, obwohl sie den Schlafanzug meiner Mutter trug und ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, weil sie mit dem Rücken zu mir schlief.

Auf den Ellbogen gestützt, rückte ich erst etwas ab, besann mich aber sogleich eines Besseren und schlief wieder ein. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass meine Mutter, die in einer Snackbar* um die Ecke arbeitete, eine Freundin oder Arbeitskollegin bei uns übernachten ließ.

Als ich das nächste Mal aufwachte, war von der Frau nichts mehr zu sehen; ihr Schlafanzug lag fein säuberlich gefaltet auf dem zusammengeklappten Futon. Fasziniert starrte ich ihn eine Weile an. So adrett drapiert wie in einem Schaufenster sah das alte, ausgeleierte Ding aus wie neu.

Zum Anziehen nahmen wir normalerweise einfach etwas von den Sachen, die zum Trocknen auf Bügeln an der Gardinenstange hingen, und so voll und chaotisch, wie das Zimmer war, stach der Schlafanzug auf dem Futon hervor wie ein sauber ausradierter Kreis auf einem mit Bleistift schraffierten Blatt Papier.

Meine Mutter und ich wohnten am Rande eines Vororts von Higashimurayama, in einem alten Mehrfamilienhaus, das von der Hauptstraße aus nicht zu sehen war.

Zwischen den Häusern, die direkt an der Hauptstraße lagen, gab es einen etwa drei Meter breiten, unbefestigten Weg; wenn man an dessen Ende links abbog, stand man vor dem Eingang. Der dort angebrachte Name des Gebäudes – Seifuso – war bis zur Unleserlichkeit verwittert. Man hätte meinen können, vor einer finsteren Höhle zu stehen; in dem nur mit ein paar nackten, schwachen Glühbirnen beleuchteten Flur war es selbst bei schönstem Wetter dunkel.

Der zweistöckige Holzbau war in acht identische Wohnungen unterteilt, vier im Erdgeschoss, vier im ersten Stock, aber außer uns und der Vermieterin, einer Frau mittleren Alters, die ganz hinten auf der ersten Etage wohnte, lebte niemand dort. Schob man die instabile, hölzerne Schiebetür auf, die selbst ein Kind hätte eintreten können, kam man in einen kleinen Eingangsbereich, der in eine etwa drei Matten große Küche führte, die wiederum an zwei hintereinanderliegende viereinhalb Matten große Zimmer grenzte. Die Gemeinschaftstoilette am Ende des Flurs hatten wir für uns. Da das Haus von allen Seiten zugebaut war, sah man, wenn man das Fenster öffnete, nur Beton; Licht kam kaum herein.

Wir hatten zwei Wohneinheiten im Erdgeschoss gemietet. Eine lag rechts, die andere links des Eingangs. Meine Mutter und ich bewohnten die rechte.

Die linke war meinem Vater vorbehalten; trotz Fernseher, Bettzeug und ein paar Kleidungsstücken im Schrank sah sie unbewohnt aus, wahrscheinlich, weil mein Vater praktisch nie zu Hause war.

Damals wusste ich nicht, als was er arbeitete. Bauarbeiter oder Lastwagenfahrer, nahm ich an, so kräftig und braun gebrannt, wie er war, manchmal wohl auch auswärts als Saisonarbeiter (einmal rief er aus einem Lastwagen heraus meinen Namen, als ich auf dem Heimweg von der Grundschule war). Eine Zeit lang brachte er Arbeitskollegen mit, die die gleiche Kluft trugen; sie kochten, grillten und tranken zusammen, aber das war bald vorbei.

Mein Vater, dem ich so häufig begegnete wie einer seltenen Erinnerung, war immer gut gelaunt. Er schenkte mir Figürchen, die er in einem UFO-Catcher* oder einem anderen Spielautomaten erbeutet hatte, hin und wieder kam er auch mitten in der Nacht und weckte mich, um mir – Probier mal, das ist lecker! – eine Portion Sushi aufzutischen.

Er war mir nicht unsympathisch, aber da ich so wenig Zeit mit ihm verbrachte und nicht wusste, worüber ich mit ihm reden sollte, war ich, wenn er nach Hause kam, immer gehemmt und wartete bloß darauf, dass er wieder ging. Gleichzeitig schämte ich mich für meine Gefühle. Mein Vater war kein »normaler Vater«, aber das hatte er nun auch nicht verdient, was noch mehr Verkrampfung und Selbsthass in mir auslöste.

Als ich in der fünften oder sechsten Klasse war, kam mein Vater gar nicht mehr nach Hause. Wir trafen uns auch nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, wo er abgeblieben oder was aus ihm geworden war. Erst später erfuhr ich, dass er anscheinend noch eine Familie gehabt hatte.

Das Zusammenleben mit meiner Mutter war unkompliziert, wenn man so will; man könnte auch sagen, es war nicht vorhanden. Meine Mutter amüsierte sich gerne, mochte Alkohol, obwohl sie nicht sehr trinkfest war, und hatte viele Freunde, von denen sie sich gerne mitreißen ließ. Nach ihrem Abschluss an der Handelsschule arbeitete sie in einer Strumpfhosenfabrik; darauf, dass sie, als die »von da oben« aus dem Mutterhaus zur Werksbesichtigung gekommen waren, einmal »vor allen« Strümpfe vorgeführt habe, war sie besonders stolz. Länger als ein paar Jahre hielt es sie allerdings nicht in der Fabrik, danach hangelte sie sich mit einer Freundin von Bar zu Bar, und irgendwo dazwischen kam ich zur Welt.

Im Vergleich zu den Müttern meiner Klassenkameraden sah sie ziemlich jung aus und kleidete sich so extravagant, dass sie selbst in meinen Augen nicht wie eine »normale Mutter« wirkte. Sie war klein, hatte etwas Kindliches an sich, war optimistisch und heiter, brach jedoch, sobald sie trank, fast immer in Tränen aus. Sie weinte nie über etwas Bestimmtes. Vielleicht machte der Alkohol sie schwermütig, oder Lachen und Weinen waren für sie eins.

Mein Vater schien sie nicht zu interessieren. Ich hörte sie nie über ihn lästern oder schlecht von ihm reden, auch nicht, als er nicht mehr nach Hause kam, selbst das schien sie nicht zu kümmern. Manchmal schimpfte sie halb im Scherz über ihre Mutter und wie schlimm die gewesen sei, aber nur, wenn sie zu viel getrunken hatte und sentimental wurde.

Grundsätzlich war meine Mutter mit mir lieber in Gesellschaft als allein. Oft hingen wir mit Hostessen aus ihrer Bar herum, alten Freunden oder Leuten, die sie durch ihre Kunden kennengelernt hatte; immer, wenn wir allein waren, fühlte ich mich gehemmt. Wenn ich in der Schule war, schlief meine Mutter; gegen Mittag stand sie auf, am frühen Abend schminkte sie sich und ging zur Arbeit, und mitten in der Nacht kam sie zurück. Wir lebten praktisch aneinander vorbei.

In der Nachbarschaft gab es nur ein Kind, das in ähnlichen Verhältnissen aufwuchs; mit ihm freundete ich mich an. Da wir schon als Grundschüler nicht zu festen Zeiten zu Hause sein mussten, schienen die Eltern der Kinder, für die es »Sperrzonen« und feste Abendbrotzeiten gab, es nicht gerne zu sehen, dass ihre Sprösslinge mehr Zeit als nötig mit uns verbrachten. Uns zu besuchen war jedenfalls verboten. Warum eigentlich?, fragte ich einmal ein Mädchen, das ich mochte und das mich in der Schule ganz normal behandelte, aber nach der Schule immer mit den anderen verschwand. »Weil ihr keine anständige Familie seid und komische Leute bei euch ein- und ausgehen«, sagte sie verlegen. Das war keine üble Nachrede oder Lüge, es war die Wahrheit. Da konnte man nichts machen.

In der Mittelschule wurden die Unterschiede noch deutlicher. Die Kinder aus normalen Familien und die aus nicht normalen unterschieden sich so deutlich, als hätten sie verschiedenfarbige Hüte auf dem Kopf. In normalen Familien wachte man morgens nicht neben fremden Frauen auf. Man freute sich nicht schon über einen ordentlich gefalteten Schlafanzug auf einem zusammengeklappten Futon und starrte ihn wohl auch nicht so fasziniert an.

Auch ich klappte meinen Futon zusammen und schob ihn neben den bereits zusammengelegten. Da niemand da war, auch nicht in der Küche, schlüpfte ich in meine Sandalen, tat einen Schritt über den Flur, öffnete die Tür zur Wohnung gegenüber und trat ein. Vor dem plärrenden Fernseher lag eine Frau und sah sich eine Variety Show an. Der Standventilator, den wir schon seit ewigen Zeiten benutzten, rotierte gemächlich und quietschte dabei.

Die Frau drehte sich zu mir um und lächelte so herzlich, dass sie mir bekannt vorkam, obwohl ich sie gar nicht kannte. Vielleicht war es die Frau, die neben mir geschlafen hatte, aber gesehen hatte ich sie noch nie. Sie wandte sich wieder dem Fernseher zu und lachte über das Geschwätz der Leute auf dem Bildschirm. Ich blieb auf der Schwelle zwischen Küche und Zimmer stehen und betrachtete das Bild aus Frau, Ventilator und Fernseher.

»Wollen wir was essen?«, fragte sie, als die Sendung zu Ende war und die Werbung kam, und streckte sich. »Du hast doch bestimmt Hunger.«

Wir gingen in die schmale Küche und bereiteten Instantnudelsuppe zu.

Die Frau war einen Kopf größer als ich; ihre Arme und Beine kamen mir sehr lang vor. Ihr langes schwarzes Haar, das sie zu einem Zopf gebunden hatte, bauschte sich in ihrem Nacken, einzelne Strähnen reichten bis auf das große weiße T-Shirt mit englischem Aufdruck, das sie trug. Ich stand etwas abseits und starrte auf den Aluminiumtopf, in dem das Wasser für unsere Suppen warm wurde.

Als es sprudelte, riss die Frau die Tüten auf, lockerte im kochenden Wasser routiniert die Nudelblöcke auf, rührte das Suppenpulver ein und verteilte das Ganze auf die zwei Schalen, die ich bereitgestellt hatte. »Egal«, sagte sie fröhlich, nachdem sie vergeblich versucht hatte, mit ihren Stäbchen ein am Topfrand klebendes Teigtäschchen zu lösen, »wir essen da«, und deutete auf das Zimmer. Ich zog den nackten Heiztisch* vor. Wir setzten uns einander gegenüber und schlürften die Suppe.

»Es sind doch Sommerferien. Fährst du nicht weg?«

Ich antwortete ausweichend. Obwohl mir bis eben noch nicht heiß gewesen war, fing ich plötzlich an zu schwitzen. Ich beugte mich zur Klimaanlage, schaltete sie ein und drückte auf cool.

»Fährst du mit Ai-san weg?«

Ai war der Name meiner Mutter.

»Wir fahren nicht weg.«

»Aha … Wie heißt du eigentlich? Ich bin Kimiko.«

»Hana.«

»Hana-chan. Hat deine Mutter den Namen ausgesucht?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte ich leise.

»Hmm.«

»Ich … Bist du eine Freundin meiner Mutter?«

»Ja, ja, genau.«

Damit brach die Unterhaltung ab, schweigend aßen wir weiter. Aus dem Fernseher dröhnte eine Quizsendung, der Motor der alten Klimaanlage schnarrte. Kurz darauf war draußen die Sirene eines Krankenwagens zu hören; ich dachte zuerst, er käme in unsere Richtung, aber dann entfernte er sich auch schon wieder.

»Wie schreibt man deinen Namen denn?«

»Ganz normal. Mit dem Schriftzeichen für ›Blume‹.«

»Mein Name schreibt sich ›gelb‹, ›hübsch‹ und ›Kind‹. Ki-mi-ko.«

Ich nickte unverbindlich und trank den Rest der Suppe. Als ich über die Schale hinweg die Augen hob, fing ich ihren Blick auf; sie war bereits fertig und hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt. Automatisch sah ich weg. Dann riskierte ich einen zweiten Blick über den Rand der Schale. So jemanden wie sie hatte ich noch nie gesehen.

Natürlich hat jeder Mensch sein eigenes Gesicht, aber Kimiko besaß eine Präsenz, die sich mit den Worten, die mir damals zur Verfügung standen, nicht gut beschreiben ließ. Obwohl sie gerade erst aufgestanden war, sich nicht geschminkt oder zurechtgemacht hatte, waren ihre Augenbrauen voll und dicht, die Wimpern über den doppelten Lidfalten lang und dunkel und der Abstand zwischen Brauen und Augen klein. Ihr Nasenrücken war hoch, und an den Schläfen kräuselte sich feines, verschwitztes Haar.

Ihr Gesicht war nicht hübsch oder schön, eher ausdrucksstark.

Es erinnerte mich an den Helden eines Mädchen-Mangas*, der im alten Ägypten und in der Gegenwart spielte, einen jungen, entschlossenen Pharao. Je länger ich sie dabei beobachtete, wie sie sich dehnte und streckte, den Blick auf den Fernseher geheftet, desto mehr Textzeilen des Pharaos kamen mir in den Sinn. Ich konnte die Sprechblasen neben ihrem Kopf förmlich sehen, das belustigte mich.

»Ich hab Lust auf Limo. Wollen wir welche kaufen gehen?«, fragte Kimiko, nachdem sie die Schalen in die Spüle gestellt hatte. Ohne uns richtig anzuziehen, machten wir uns auf den Weg zum Convenience Store.

»Ihr habt zwei Wohnungen, und trotzdem schlaft ihr nicht getrennt.«

»Die Wohnung, vielmehr das Zimmer, in dem wir eben gegessen haben, ist unser Fernsehzimmer, das andere unser Schlafzimmer. Das hat sich so ergeben.«

»Ihr habt also ein Wohnzimmer.«

»Kein richtiges Wohnzimmer«, sagte ich mit gesenktem Kopf.

»Na ja, besser, als allein zu schlafen.«

Die Sommersonne war so grell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, und die Luft fühlte sich an, als sickerte mit jedem Atemzug Hitze in die Haut.

Das Seifuso lag direkt hinter der Mittelschule, die ich besuchte.

An dem langen aschgrauen Zaun entlang, der das Schulgebäude begrenzte, zweihundert Meter geradeaus, an der Ecke links und noch ein Stück geradeaus befand sich der Haupteingang; direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, war der Convenience Store. In Schuluniform dort einkaufen zu gehen, war zwar verboten, aber daran hielt sich niemand. Das frische, grüne Laub der Bäume auf dem Schulhof – ich wusste nicht, wie sie hießen – warf dunkle, blaue Schatten auf den Asphalt des schmalen Fußwegs.

Am Schultor lungerten ein paar Halbstarke herum.

Wegen der Arbeitsgemeinschaften war die Schule auch in den Ferien geöffnet. Aber die, die sich dort zusammengerottet hatten, waren keine braven AG-Schüler, sondern die »Asozialen« oder Kriminellen, die sogenannten Yankees.

Zwei von ihnen waren in meiner Jahrgangsstufe, der neunten. Außerdem war da noch ein Typ in Arbeiterhosen mit strohblond gefärbten Haaren und, in Begleitung ihrer Entourage, eine in der ganzen Schule berüchtigte ehemalige Schülerin mit insektenfühlerfein gezupften Augenbrauen und einem wie zu einer Fontäne aufgezwirbelten, ebenfalls strohblond gefärbten Pony.

Das Mädchen, das nicht zur Oberschule ging und sich – angeblich – mit Rockern und örtlichen Gerüstbauern* eingelassen hatte, war nicht nur für ihre schlechten Taten bekannt, sondern auch für ihre loose socks, die dicken, weißen Schlappstrümpfe, die sie immer und überall trug, selbst zu ausgebeulten Jogginghosen und Sandalen; es hieß, sie schlafe sogar darin. Auf ihrem Arm waren die Namen ihrer Ex-Freunde tätowiert, und ihre ältere Schwester arbeitete in einem berühmten Modegeschäft im 109* in Shibuya – man wusste nicht, ob man sie fürchten oder bewundern sollte.

Obwohl ich mich bemühte, niemanden anzusehen, rief einer meiner beiden Mitschüler etwas, als er mich sah. Gesenkten Blickes presste ich stumm die Lippen aufeinander. Die beiden kamen aus ähnlichen Verhältnissen wie ich, aber im Gegensatz zu ihnen war ich nicht auf die schiefe Bahn geraten. Was natürlich nicht hieß, dass ich nachmittags eine Privatschule besuchte, um mich auf die Oberschule vorzubereiten, oder mit der ganzen Familie irgendwo schön essen ginge – nein, ich war jemand, der sowohl in der Schule als auch außerhalb eher gemieden wurde, eine von allen mitleidig betrachtete Existenz.

Da unser Haus zu allem Überfluss unmittelbar hinter der Schule lag, kamen Mitschüler, die natürlich fast alle wussten, wo ich wohnte, manchmal sogar dreist »mal gucken«, wie alt und dreckig es war. Nicht alle stammten aus wohlhabenden Familien, viele lebten ebenfalls in billigen Apartments oder Mietskasernen, aber in einer Baracke mit Gemeinschaftsklo und ohne Bad wohnte niemand, wenigstens nicht aus meinem Jahrgang.

»Deine Freunde?«, fragte Kimiko lächelnd.

»Nein.«

»Die rufen dich aber.«

»Nein.«

»Ach so.«

Wir betraten das Geschäft; Kimiko legte Limonade, Chips und andere Snacks in den Korb. Ich solle mir etwas aussuchen, sagte sie, es gäbe auch Eis, aber eigentlich wollte ich gar nichts kaufen. Ich war bloß mitgegangen, und Geld hatte ich auch keins dabei. Außerdem hatte mir das Gefeixe der Yankees den Appetit verdorben.

»Hat dir deine Mutter gesagt, dass sie eine Weile nicht nach Hause kommt?«, fragte Kimiko vor der Auslage mit den süßen Brötchen und dem Gebäck.

»Nein.«

»Was machst du denn, wenn was ist?«

»Ich rufe in der Bar an. Mama hat aber auch einen Pager*«, erwiderte ich. »Was heißt, ›sie kommt eine Weile nicht nach Hause‹? Dass sie nicht arbeiten geht?«

»Sie macht ein paar Tage Urlaub, hat sie gesagt. Und wie machst du das mit dem Essen?«

»Mit dem Essen? Ich esse Nudelsuppe oder so.«

»Gehst du die kaufen?«

»Zu Hause steht eine Dose, da tut Mama Geld rein.«

»Das reicht?«

»Ja.«

»Und was ist mit Strom? Wasser? Das wird nicht zwischendurch abgestellt?«

»Nein. Da kommt ein Zettel, und mit dem gehe ich bezahlen.«

Als wir wieder auf die Straße traten, kam mir die Sonne noch heißer vor.

Die Yankees auf der anderen Straßenseite waren mehr geworden und grölten noch lauter. Ich wünschte, einer der brutalen Schulsozialarbeiter käme heraus und schlüge sie buchstäblich in die Flucht, aber das würde leider nicht passieren. Die sonst allseits gefürchteten Lehrer, denen gerne mal die Hand ausrutschte, vergriffen sich trotz der großen Töne, die sie spuckten, bloß an harmlosen Schülern; diejenigen, die Verbindungen zu Motorradgangs oder Ähnlichem hatten, rührten sie nicht an, da taten sie stets kumpelhaft.

Sobald meine Mitschüler mich wieder erspähten, fingen sie an, sich zu verrenken und »Bibinba« zu rufen. Das Herz schlug mir auf einmal bis zum Hals; automatisch kniff ich die Augen zu. Durch das viele Melanin in meiner Haut wurde ich von Natur aus schnell braun, und obwohl ich an keiner AG teilnahm und kaum draußen herumlief, war ich fast das ganze Jahr über braun gebrannt. Deshalb hatten mich ein paar Fieslinge »Bibinba« getauft, was für sie auch einen schönen Anklang an »binbo« hatte, »arm«, und dieser Spitzname hatte sich inzwischen etabliert. Bibinba hieß das schwarze Püppchen mit den großen Augen und den breiten Lippen, das schon in Mode war, als ich noch zur Grundschule ging. Sobald sie mich in oder vor der Schule sahen, fingen sie an, »Bibinba«, »Bibinba«, manchmal auch »Bibinbo«, zu rufen und eine Art Regentanz aufzuführen.

»Was meinen die mit Bibimbap? Das Essen?«, fragte Kimiko nach einem kurzen Blick auf die Yankees.

Ich konnte nicht einmal den Kopf schütteln, geschweige denn antworten.

Dass ich diesen Kinderkram immer noch nicht einfach an mir abprallen lassen konnte, beschämte mich, aber noch schlimmer war, dass Kimiko, die ich heute erst kennengelernt hatte, mich so gedemütigt sah. Vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken. Die Hitze stieg mir ins Gesicht, und wenn ich mich nicht konzentrierte, würden mir die Tränen aus den Augen schießen. Den Blick auf die Fußspitzen in meinen Sandalen geheftet, ging ich weiter und stieß den angehaltenen Atem durch die Nase aus.

»Bibinba, Bibinba, Bibibi-bibinba!«

Das so skandierte »Bibinba« brachte die anderen zum Lachen. Eigentlich lebten die Yankees und ich in getrennten Welten, ich existierte für sie kaum. Dass sie mich ausgerechnet heute nicht in Ruhe ließen, setzte mir erst recht zu. Ich stellte mich taub und marschierte weiter. Bloß weg. So schnell wie möglich weg!

Als ich endlich die Ecke erreichte und einen Blick über die Schulter warf, war Kimiko nicht mehr da.

Ich drehte mich um. Die weiße Plastiktüte mit den Einkäufen schlenkernd, überquerte Kimiko gerade die Straße und ging auf die Yankees zu. Vor Überraschung blieb mir der Mund offen stehen. Was in aller Welt hatte sie vor? Entgeistert beobachtete ich, wie sie sich den Yankees so selbstverständlich näherte, als ginge sie den Weg zurück, den sie gerade gekommen war.

Aus ein paar Dutzend Metern Entfernung reckte ich den Hals und schluckte. Während wir im Store waren, hatten sich weitere Typen auf Mofas und anderen fahrbaren Untersätzen dazugesellt, und nicht nur das: Den schrillen Lauten nach zu urteilen, die einige von ihnen von sich gaben, tranken oder schnüffelten sie irgendetwas. Hoffentlich verprügeln sie Kimiko nicht vor Schreck oder zünden ihr mit einem Feuerzeug die Haare an, wie alt ist sie überhaupt, schossen mir die Gedanken durch den Kopf.

Doch entgegen meiner Befürchtung tauten die Mienen der Yankees zusehends auf. Das anfängliche Misstrauen wich, hier und da blitzte sogar ein Lächeln auf. Sie schienen sich ganz normal mit Kimiko zu unterhalten. Ich sah Kimiko nur von hinten, aber so, wie sie da stand, das Gewicht auf einen Fuß verlagert, wirkte sie entspannt; ein paar Minuten später lachte sie sogar mit. Vielleicht kennt sie einen von denen, dachte ich, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.

Wie gebannt stand ich in der gleißenden Sonne und beobachtete das fröhliche Gespräch. Die Yankees schienen sich über den unerwarteten Besuch, wenn man so will, über die Aufmerksamkeit, die ihnen eine unbekannte Erwachsene zuteilwerden ließ, zu freuen; sie wirkten geradezu aufgedreht. Nach etwa zehn Minuten hob Kimiko wie zum Abschied lässig die Hand und kam die Tüte mit den Einkäufen schlenkernd zu mir. Die Ehemalige mit den weißen Schlappsocken und der Ponyfontäne wedelte theatralisch mit den Armen und machte einen Witz; alle lachten.

»Meine Güte, sind die jung«, sagte Kimiko grinsend, als sie bei mir ankam. »Jetzt ist die Limo warm«, fügte sie hinzu und lachte, diesmal laut. An ihrem schweißnassen Hals und an den Schläfen klebten einzelne Haare.

2

Von dem Tag an wohnten wir vier Ferienwochen lang zusammen.

Meine Mutter rief hin und wieder an, etwa drei Mal kam sie auch vorbei, dann aßen wir alle zusammen Sukiyaki*. Danach ging meine Mutter wieder auf die Reise.

Ausdrücklich gesagt hatte sie es mir nicht, aber sie war zu der Zeit mit einem Mann liiert, der, weil er nuschelte und nur schwer in die Gänge kam, von seinen Kollegen »Träne« genannt wurde; bei dem schien sie sich eingenistet zu haben.

Meiner Mutter konnte man alles Mögliche vorwerfen, aber einfach für ein paar Tage weggeblieben war sie noch nie, weshalb mir ein bisschen mulmig zumute gewesen war, als ich davon erfuhr. Doch nicht zuletzt dank Kimiko gewöhnte ich mich sofort daran.

Ob meine Mutter sie darum gebeten hatte, damit sie selbst unbeschwert zu ihrem Freund ziehen konnte, oder ob Kimiko ihre eigenen Gründe hatte, bei uns einzuziehen, wusste ich nicht. Weder meine Mutter noch Kimiko verloren je ein Wort darüber. Mit der Begründung, sie habe etwas zu erledigen – bis später! –, verließ Kimiko am dritten Tag nach unserer ersten Begegnung das Haus und kam am späten Nachmittag mit einer größeren Reisetasche aus braunem Kunstleder wieder zurück. An dem Abend kochten wir butadon, Schweinefleisch auf Reis.

Die Mama-san* der Snackbar, in der meine Mutter arbeitete, sagte Kimiko, sei eine alte Bekannte von ihr (ich mochte die fast sechzigjährige Wirtin der Bar am Bahnhof nicht), durch die sie meine Mutter vor Jahren in einer Kneipe kennengelernt und vor Kurzem wiedergesehen habe. Sie sei fünfunddreißig, zwei Jahre jünger als meine Mutter, und zusammen gearbeitet hätten sie nie.

Ich wusste nicht, welche Art von Freundschaft die beiden verband, doch in Kimikos Ai-san schwang immer eine gewisse Bewunderung mit, und aus dem vertraulichen Kimiko-chan, das meine Mutter ihr gegenüber benutzte, war Zuneigung herauszuhören. Aber vielleicht bildete ich mir das auch bloß ein, nachdem ich erfahren hatte, dass meine Mutter die Ältere war. Tatsächlich war es nämlich so, dass meine Mutter sich immer alles von der Seele redete – Männer, Beziehungen, Kunden und Kolleginnen – und Kimiko geduldig zuhörte. Neben ihr wirkte meine Mutter noch kindlicher und hilfloser als sonst.

»Du hast es gut«, sagte Kimiko eines Abends, nachdem wir unter die Decken geschlüpft waren und das Licht gelöscht hatten. So wie meine Mutter und ich schliefen wir auf Futons, die wir im »Schlafzimmer« nebeneinander auslegten. »Deine Mutter ist lieb.«

Bisher hatten sich die Bekannten und Freunde meiner Mutter, sobald sich zwischen ihnen und mir eine gewisse Nähe eingestellt hatte, immer skeptisch oder negativ über meine Mutter geäußert. Sie hatten sie nicht offen heruntergemacht, sondern die Kritik in Mitleid verpackt. »Du fühlst dich doch bestimmt alleingelassen. Ai-chan ist lustig, das stimmt, aber so etwas sollte man seinem Kind nicht antun … Manche Leute können sich einfach nicht am Riemen reißen …« Ob diese Leute selbst Kinder hatten, wusste ich nicht, aber offenbar wollten sie mir zu verstehen geben, dass meine Mutter keine gute Mutter war, obwohl sie praktisch dasselbe Leben führten und nach Belieben bei anderen ein- und ausgingen. Da ich gleichzeitig echte Anteilnahme spürte, wusste ich nie, wie ich reagieren sollte. Deshalb überraschte mich das unerwartete Lob; es war mir sogar fast ein bisschen peinlich.

»Findest du?«

»Allerdings«, sagte Kimiko, »sehr … gutgläubig.«

»Gutgläubig?«

»Ja. Findest du nicht auch, dass sie leicht zu beeinflussen ist?«

»Vielleicht.«

»Weißt du, was für einen Namen sie jetzt benutzt? In der Bar, meine ich.«

»Hat sie schon wieder einen neuen?«

»Ja. Sie nennt sich jetzt Airu. Das schreibt sich mit den Zeichen für ›Liebe‹ und ›Träne‹.«

»Das wundert mich nicht. Mama liebt Horoskope und das Wahrsagen aus Namen. Aber wozu soll das gut sein? Wenn sie sich Airu nennt, sagen doch bestimmt alle Ai-chan zu ihr.«

»Tun sie auch, das stimmt, aber Wahrsagern zufolge kommt es darauf an, aus wie vielen Strichen die Zeichen deines Namens bestehen, und du weißt ja, wie deine Mutter ist; wenn’s ein Wahrsager sagt, glaubt sie daran.«

»Glaubst du auch an irgendwas?«

»Hm«, erwiderte Kimiko. »Ein bisschen an Feng-Shui vielleicht.«

»Feng-Shui? Was ist das?«

»Im Feng-Shui gibt es für jede Himmelsrichtung eine Farbe, und danach richtet man seine Wohnung ein. Ich glaube, dem Süden ist Grün zugeordnet und dem Norden Weiß.«

»Die Farben sind festgelegt?«

»Ja.«

»Und dann?«

»Wenn man sich entsprechend einrichtet, wendet sich das Schicksal zum Guten.«

»Gilt das auch für kleine Wohnungen?«

»Ja, ich glaube, das gilt für alle.« Kimiko lachte. »Außerdem solltest du den Eingang sauber halten. Ach ja, und Gelb. Gelb im Westen bringt Geld ins Haus.«

»Geld?«, sagte ich.

»Genau.«

»Du-u …«

»Ja?«

»Dann musst du dir ja keine Sorgen machen, bei dir steht das Gelb schon im Namen.«

»Schön wär’s.« Kimiko lachte.

»Wenn du dir die Haare färben und irgendwo im Westen leben würdest, wärst du vielleicht reich.«

»Wer weiß …«

Die Vorstellung von einer Kimiko mit quietschgelben, nicht ausländerblond gefärbten Haaren ließ mich tonlos lachen. Umrahmt von einer von Kinderhand gezeichneten Löwenmähne oder Sonnenblume würden ihre scharf geschnittenen Augenbrauen und Augen bestimmt erst recht auffallen.

Dann überlegte ich, welche Farben es bei uns zu Hause gab. Aber mir fiel partout keine ein. Allerdings war es wesentlich sauberer, seit Kimiko bei uns wohnte. Grundlegend geändert hatte sich nichts, aber allein dadurch, dass Kimiko den Eingang fegte, die trockene Wäsche zusammenlegte, das schmutzige Geschirr immer gleich spülte und wieder wegräumte, wirkte die Wohnung heller, irgendwie freundlicher.

Bisher war erst abgespült worden, wenn das Spülbecken voll war oder die Wäsche weggeräumt, wenn kein Platz mehr für die Futons war, anders hatte ich es gar nicht gekannt. Deshalb kam mir ein jeder von Kimikos Handgriffen so neu und frisch vor. Die Gemeinschaftstoilette wurde von der Vermieterin geputzt, und niemand machte sich die Mühe, richtig ums Haus zu fegen, trotzdem hüpfte mir förmlich das Herz, wenn ich nach Hause kam und den sauberen Eingang mit den ordentlich aufgereihten Sandalen sah.

»Sag mal, meinst du nicht auch, dass wir woanders wohnen sollten? In einer besseren Wohnung«, fragte ich und dachte an die Schüler, die extra »gucken« gekommen waren.

»Ich weiß nicht.«

»Ich wünschte mir manchmal, wir würden woanders wohnen.«

»Ja?«

»Ich weiß, dass meine Mutter alleinerziehend ist, aber wenn sie sich ein bisschen mehr Mühe gäbe, könnten wir in einer richtigen Wohnung leben, glaube ich, ein Apartment oder so.«

»Hm.«

»Aber Mama gibt ihr Geld für andere Sachen aus. Klamotten. Alkohol.«

»Hm.«

»Ihren Freund.«

»Hm.«

»Die Wohnung, die ist ihr egal, da schläft man ja nur. Außerdem will sie nicht umziehen. Das ist ihr zu viel Arbeit. ›Was willst du‹, sagt sie immer, ›hier kommen wir doch gut zurecht.‹ Das Haus ist ihr egal. Es interessiert sie nicht. Null. Ich kann das schon verstehen. Sie ist selten da, kann immer auch woandershin gehen, aber ich …«

Als mir bewusst wurde, dass ich noch nie mit jemandem so offen über so etwas wie meine Gefühle gesprochen hatte, wurde mir heiß.

»Aber?«, ermunterte mich Kimiko, doch ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals und brachte kein Wort mehr heraus. Wie gut, dass es dunkel ist und sie mein Gesicht nicht sehen kann, dachte ich. Dann schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, sah ich ihren ordentlich zusammengelegten Futon. Irgendwie war ich darüber so erleichtert, dass ich die Augen wieder schloss und weiterschlief.

So erlebte ich einen Sommer, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte.

Wir frittierten Huhn in unserer engen Küche. Wenn man etwas geriebenen Knoblauch unter die Panade mischt, schmeckt es besser, brachte Kimiko mir bei. Bisher hatte ich nur einfache Gerichte für mich zubereitet, Knoblauch verwendete ich zum ersten Mal. Lachend wedelten wir uns mit den stinkenden Fingern gegenseitig vor der Nase herum.

Spazieren gingen wir auch. Kimiko erzählte mir, dass sie ihre Bekannte, die Mama-san der Snackbar, in der meine Mutter arbeitete, schon häufiger besucht, aber noch nie so viel Zeit am Stück in diesem Viertel verbracht habe. Wir bummelten durch die Geschäfte vorm Bahnhof, etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt, und wanderten schwitzend weiter durch die nur noch von Wohnhäusern gesäumten Straßen. Wenn man sich den Arm ans Ohr hielt, konnte man die Hitze auf der Haut förmlich knistern hören, so stark schien die Sonne. Auf dem Rückweg von unseren ziellosen Spaziergängen machten wir einen Abstecher ins öffentliche Bad. Einfach in ein sentō zu gehen, das wir zufällig entdeckten, nicht in unser übliches, war etwas, auf das ich mich immer besonders freute. Kimiko hörte mir stets aufmerksam zu, egal, was ich erzählte, und lachte über jeden noch so dummen Witz. Ich hatte mich immer für verschlossen und gehemmt gehalten, aber wenn ich mit Kimiko zusammen war, fühlte ich mich fröhlich und beschwingt, meine Gedanken hüpften, ich lachte, sie brachte mich zum Lachen, das Gequassel nahm kein Ende. Jeder Tag war so schön, dass ich nicht mehr das Gefühl hatte, ein anderer Mensch geworden zu sein, sondern glauben konnte, dass sie mit ihrem Lachen mein wahres Ich zum Vorschein gebracht hatte. Meistens aßen wir kalte Nudeln oder kauften uns ein bentō*, aber Kimiko nahm mich auch mit in eine Kneipe am Bahnhof, wo ich Unmengen von Hähnchenspießen essen durfte. Dort probierte ich zum ersten Mal in meinem Leben umibudo, Meerestrauben. Kimiko hatte kein Portemonnaie, sie verwahrte ihr Geld, ein paar Scheine und Münzen, immer hinten in der Hosentasche, weshalb ich ständig ein wenig in Sorge war, dass sie es verlieren könnte.

Auf dem Heimweg kamen wir hin und wieder an der Snackbar vorbei, in der meine Mutter arbeitete, hinein gingen wir allerdings nie. Der verzerrte Karaokegesang war immer bis auf die Straße zu hören, aber ob es meine Mutter war, wusste ich nicht.