Das Geständnis - Jun'ichirō Tanizaki - E-Book

Das Geständnis E-Book

Jun'ichirō Tanizaki

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Beschreibung

Der Schriftsteller Mizuno hat erneut eine Geschichte über einen perfekten Mord geschrieben. Wie auch zuvor in seinem Schaffen ist die Figur des Opfers die Kopie einer realen Person. In diesem Fall ist es ein ihm gut bekannter Schriftstellerkollege. Als Mizuno kurz nach der Abgabe des Manuskripts bemerkt, dass sich auf den letzten Kapiteln der wahre Name seines Kollegen ins Buch geschlichen hat, bemüht er sich darum, das noch zu korrigieren. Doch es ist bereits zu spät. Immer mehr steigert er sich in die Vorstellung hinein, dass ein wirklicher, an seinem Buch modellierter Mord stattfinden könnte, der ihn unausweichlich zum Hauptverdächtigen machen würde. Und so begibt er sich schon vorbeugend auf die verzweifelte Suche nach einem Alibi, lernt eine deutsche Prostituierte kennen, die er so lange verfolgt, bis sie bereit ist, ihn zu sich zu lassen. Doch bald stellt sich die Frage, ob der Jäger nicht das Opfer ist. Zu dubios wirken die Geschehnisse rund um Mizuno, sodass seine Glaubwürdigkeit als Erzähler stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Als er in weiterer Folge versucht, dem Schattenmann zu entwischen, der vom Verlag beauftragt zu sein scheint, den Fortschritt des nächsten Romans zu überwachen, und der im Roman ermordete Schriftstellerkollege tatsächlich sein Leben verliert, überschlagen sich die Ereignisse. Während die auf Das Geständnis folgenden Romane Jun'ichiro Tanizakis (Insel der Puppen und Treibsand) zu seinen berühmtesten wurden, wurde Das Geständnis nach dem Erscheinen als Fortsetzungsroman im Jahre 1928 in einer Zeitung, erst 1999 in Japan in Buchform veröffentlicht. Dieser metafiktionale, psychologische Kriminalroman ist ein perfektes Beispiel der großen Erzählkunst Tanizakis, der zu den wichtigsten und meistgelesenen japanischen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Aus dem Japanischen von Jan Manus Leupert

Originaltitel: 黒白 (Kokubyaku), 1928

© 2023, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-93-4

Lektorat: Teresa Profanter

Cover: Jürgen Schütz

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag

ISBN: 978-3-99120-019-2

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagramcom/septimeverlag

JUN’ICHIRŌ TANIZAKI

wurde 1886 in Tokio geboren. Sein erstes veröffentlichtes Werk, ein einaktiges Theaterstück, erschien 1910 in einer Literaturzeitschrift, die er mitbegründet hatte. Bis zum großen Erdbeben (1923) lebte er im Großraum Tokio, danach zog er in die Kyoto-Osaka-Gegend und begann, sich mit Japans Geschichte zu beschäftigen. Seine größten Werke, für die er zahlreiche Preise erhielt, entstanden alle nach 1923, darunter Die geheime Geschichte des Fürsten von Musashi, Die Makioka Schwestern, Der Schlüssel und Tagebuch eines alten Narren. Der Autor starb 1965 in Kanagawa

Klappentext:

Der Schriftsteller Mizuno hat erneut eine Geschichte über einen perfekten Mord geschrieben. Wie auch zuvor in seinem Schaffen ist die Figur des Opfers die Kopie einer realen Person. In diesem Fall ist es ein ihm gut bekannter Schriftstellerkollege. Als Mizuno kurz nach der Abgabe des Manuskripts bemerkt, dass sich auf den letzten Kapiteln der wahre Name seines Kollegen ins Buch geschlichen hat, bemüht er sich darum, das noch zu korrigieren. Doch es ist bereits zu spät.Immer mehr steigert er sich in die Vorstellung hinein, dass ein wirklicher, an seinem Buch modellierter Mord stattfinden könnte, der ihn unausweichlich zum Hauptverdächtigen machen würde. Und so begibt er sich schon vorbeugend auf die verzweifelte Suche nach einem Alibi, lernt eine deutsche Prostituierte kennen, die er so lange verfolgt, bis sie bereit ist, ihn zu sich zu lassen. Doch bald stellt sich die Frage, ob der Jäger nicht das Opfer ist. Zu dubios wirken die Geschehnisse rund um Mizuno, sodass seine Glaubwürdigkeit als Erzähler stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Als er in weiterer Folge versucht, dem Schattenmann zu entwischen, der vom Verlag beauftragt zu sein scheint, den Fortschritt des nächsten Romans zu überwachen, und der im Roman ermordete Schriftstellerkollege tatsächlich sein Leben verliert, überschlagen sich die Ereignisse.Während die auf Das Geständnis folgenden Romane Jun’ichiro Tanizakis (Insel der Puppen und Treibsand) zu seinen berühmtesten wurden, wurde Das Geständnis nach dem Erscheinen als Fortsetzungsroman im Jahre 1928 in einer Zeitung, erst 1999 in Japan in Buchform veröffentlicht. Dieser metafiktionale, psychologische Kriminalroman ist ein perfektes Beispiel der großen Erzählkunst Tanizakis, der zu den wichtigsten und meistgelesenen japanischen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

Jun’ichirō Tanizaki

Das Geständnis

Roman | Septime Verlag

1

Wie üblich wachte der notorische Langschläfer Mizuno auch an diesem Morgen gegen zehn Uhr auf. Während er im Bett liegend eine Air Ship rauchte und die Zimmerdecke anstarrte, schoss ihm plötzlich etwas durch den Kopf: »Moment mal! Habe ich da etwa seinen echten Namen verwendet?«

Unwillkürlich sprach er die Worte laut aus, und obwohl niemand da war, der ihn hätte hören können, blickte er sich unruhig um – nicht, weil ihm etwas herausgerutscht war, das niemand hören durfte, sondern weil ihm die Angewohnheit, laut Selbstgespräche zu führen, in letzter Zeit oft wie ein Vorzeichen dafür schien, dass er im Begriff war, verrückt zu werden, was ihm ziemlich unbehaglich war. Gleichwohl hatte sich diese Angewohnheit nicht erst kürzlich eingeschlichen. Tatsächlich begleitete sie ihn bereits seit seinen Zwanzigern, doch neuerdings nahm sie besonders ausgeprägte Formen an. Sein Geist war von morgens bis abends abwesend, und er konnte sich nicht lange auf einen Gedanken konzentrieren, ohne dass es ihn anstrengte. Es schweiften nicht nur seine Gedanken einer nach dem anderen auf den absurdesten Irrwegen ab. Dazwischen verkehrten die verschiedensten wilden Fantasien – allerlei völlig zusammenhangslose Ideen, so abrupt wie der Schatten eines Vogels auf dem Papier einer Schiebetür –, und ehe er sichs versah, strömten sie in Form von Worten aus ihm heraus. War der Strom einmal versiegt, verlor er manchmal völlig die Fassung und brüllte, als schimpfte er mit sich selbst: »Du Narr!«

Dies war jedoch wieder nur der Wahn, der aus ihm sprach. »Ich muss mir das irgendwie abgewöhnen!«

Unzählige Male hatte er bereits versucht, seinen Geist im Zaum zu halten, aber in den meisten Fällen hatte seine Beherrschung keine fünf Minuten Bestand. Im Nu waren sämtliche Kontrollversuche wieder vergessen, und sein Kopf erschuf und zerstörte wie von selbst ein Gedankenbild nach dem nächsten. Sein eigener Verstand gehörte ihm nicht mehr. Anstelle eines Kopfes saß auf seinen Schultern eher so etwas wie ein Wassertank, der obendrein durch übel riechende Ablagerungen verschmutzt war. Lediglich an der Oberfläche floss Wasser und tropfte als Monolog heraus. So jedenfalls kam es ihm vor.

Ist man einmal zu einem Menschen ohne Kontrolle über seinen eigenen Geist geworden – einem Menschen, der nur tatenlos zusehen kann, wie sein Gehirn zu einer Art Filmprojektor wird (zu einem automatischen noch dazu), der eigenmächtig Filme abspielt, in denen alle möglichen bösen Geister und Ungeheuer ihr Unwesen treiben –, hat man jeglichen Wert als Mensch verloren. Nein, es war nicht bloß ein Vorzeichen; er war schon auf halbem Weg ins Irrenhaus. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass sein einsames Leben ohne echte Freunde vermutlich die größte Ursache für diese Angewohnheit war. Mit anderen Worten: Da er niemanden zum Reden hatte und keine Gelegenheit, sich zu äußern, verspürte irgendetwas tief in ihm ein Gefühl von Einsamkeit, auch wenn er sich einredete, überhaupt nicht einsam zu sein. Als er noch eine Frau gehabt hatte, damals, vor ein paar Jahren, hatte er jedenfalls nicht so oft mit sich selbst gesprochen. Sie war zwar die Art von Frau gewesen, die auf alles, was man ihr sagte, bloß mit einem gemurmelten »Hm« antwortete, und an deren Gesicht man sich später nicht mehr erinnern konnte, aber als sie noch an seiner Seite gewesen war, dürfte sie wenigstens ein paarmal am Tag mit ihm gesprochen haben. Auch wenn er selbst kaum geredet hatte, so müsste zumindest sie ab und zu etwas gesagt haben. Nun jedoch war in seinem Zimmer keinerlei menschliche Stimme zu vernehmen, weder seine eigene noch die eines anderen. Also redete er in dem Wunsch, eine solche Stimme zu hören, mit sich selbst. Das belegten auch seine gelegentlichen Stöhnlaute, die er immer nur dann von sich gab, wenn gerade niemand zugegen war.

»Und selbst wenn ich ihn verwendet habe, wen soll das schon interessieren?«, wiederholte er, als der lange, schmale Turm aus Zigarettenasche in sich zusammenstürzte und ihm auf die Lippen rieselte. Er verzog das Gesicht, drückte die erst zur Hälfte aufgerauchte Zigarette in dem Teeschälchen neben seinem Kissen aus und zog sich beschämt die Bettdecke über den Kopf. Dann starrte er lange Zeit mit weit geöffneten Augen ins Dunkel, ohne an etwas Bestimmtes zu denken.

Bei dem Namen aus seinen Selbstgesprächen handelte es sich um einen Namen aus dem Manuskript, das er einige Tage zuvor fertiggestellt hatte. Die Geschichte, die er vor etwa drei Wochen zu schreiben begonnen hatte und die in der Aprilausgabe der Zeitschrift Das Volk erscheinen sollte, hatte er vorgestern – gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss – dem Boten übergeben. Da er auf diese Arbeit, deren Stoff er sich speziell für eine solche Gelegenheit aufgespart hatte, besonders stolz war, sehnte er das Erscheinen der Ausgabe bereits in ungeduldiger Erwartung herbei. Sogar bei ihm, der er schon seit über fünfzehn Jahren als Schriftsteller seinen Lebensunterhalt verdiente, kam das hin und wieder noch vor … Er dachte gerade genüsslich an die eine oder andere Stelle zurück, als ihm plötzlich auffiel, dass er ohne Zweifel zwei-, vielleicht dreimal versehentlich den echten Namen einer Person verwendet hatte, auf der eine der Figuren basierte.

»Kodama, Kojima, Kodama, Kojima …«, plapperte er zum dritten Mal unter der Decke und starrte in die Dunkelheit.

Einmal hatte er seine erste Jugendliebe als Vorlage für eine Figur genommen und versehentlich ihren echten Namen verwendet, doch glücklicherweise war ihm dies noch während der Schreibphase aufgefallen, sodass er den Schnitzer ausbessern konnte, bevor die Geschichte in Druck ging. Er wollte sich gar nicht vorstellen, welch Unheil er sich damit hätte einhandeln können, und ließ bei der Namensgebung seiner Figuren seither größte Vorsicht walten. Hätte er jedoch zum Beispiel aus Kojima einen vollkommen anderen Namen gemacht, mit vollkommen anderem Klang und anderen Schriftzeichen, hätte er sich gar nicht erst die Mühe machen brauchen, eine Person aus dem echten Leben als Vorlage zu verwenden. Es hätte ihm schlicht kein Gefühl von Realität vermittelt. In den seltenen Fällen, in denen es sich um eine wichtige Figur handelte, galt dies umso mehr, wobei es auch entsprechend mehr Unannehmlichkeiten für die Vorlage mit sich brachte. Die beste Methode war also, sich einen Namen auszudenken, der dem echten ein Stück weit ähnelte und ausreichte, um in ihm das Bild der Person zu erzeugen. Da so auch die allgemeine Leserschaft ohne Weiteres erkennen konnte, um wen es sich handelte, gab sich Mizuno hierbei ziemliche Mühe. Fiel ein Name einmal zu ähnlich aus, hielt er sich stets eine Fluchtmöglichkeit offen, indem er Dinge wie das Alter oder die Gesichtszüge zumindest ein wenig abänderte. Er musste zugeben, dass ihm anfangs durchaus der Gedanke gekommen war, ihm könnte aufgrund des Zeitdrucks der eine oder andere Schnitzer unterlaufen, aber schließlich war er doch bei Kodama geblieben, und da er, nachdem er allmählich in Schwung gekommen war, in den letzten Tagen vor Redaktionsschluss fast jede Nacht durchgearbeitet und den Stift nur so über das Papier hatte eilen lassen, war aus Kodama irgendwann unbemerkt Kojima geworden.

Wie bei Mizunos Werken üblich, lag der Geschichte im Großen und Ganzen eine satanistische, unmoralische Idee zugrunde: Ein Mann beginnt sich zu fragen, ob er es wohl schaffe, einen anderen Mann umzubringen, und zwar egal wen, ohne dabei auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Er wählt die für dieses Unterfangen ideale Person aus und ermordet sie, ohne dass die Öffentlichkeit je erfährt, wer der Täter ist. Der Mörder war dem Autor selbst nachempfunden, als Vorlage für das Opfer hatte Kojima gedient.

Die Hauptfigur war ein Schriftsteller mit einem ähnlichen Werdegang wie Mizuno. Noch nie hatte er aufrichtige Liebe für einen anderen Menschen als sich selbst empfunden. Für ihn war die Welt nichts als blanker Unsinn. Diese Lebensanschauung durchströmte all seine Werke, und da sein künstlerisches Talent allmählich nachzulassen begann, beschloss er schließlich, sie auch auf sein Leben anzuwenden. Dies hatte zweierlei Gründe: Zum einen war er nun einmal so, wie er war, weshalb er keine engen Freunde hatte und ein trübsinniges, einsames Leben führte. Würde er nun auch noch die Lust am Schreiben verlieren, würde es ihm endgültig zu einsam und langweilig werden. Zum anderen fragte er sich, ob er überhaupt so etwas wie ein Gewissen hatte. (Der Gedanke an sich war Indiz genug dafür, dass er bereits vollkommen wahnsinnig geworden war, aber er selbst erkannte das nicht.) In seinen Augen waren Gewissensbisse eine Art Nervenschwäche, das menschliche Nervensystem so empfindlich, dass es bereits beim geringsten Gebrauch des Verstandes, beim winzigsten ungewöhnlichen Reiz sofort ermüdete und erkrankte, und das beschränkte sich nicht bloß auf das Verüben unmoralischer Taten. Also dachte er, um ohne schlechtes Gewissen eine böse Tat begehen zu können, müsse er einerseits, so gut es ging, versuchen, seine Nerven zu überlisten, und andererseits probieren, sie allmählich an das Begehen von Missetaten zu gewöhnen und somit zu betäuben. Und da »seine Nerven zu überlisten« bedeutete, sie »auf vernünftige Weise zu leiten«, war dies mitnichten etwas, vor dem er sich fürchten musste. Er musste ihnen schlicht eintrichtern, er sei ein tapferer Held, der seinen Überzeugungen treu blieb. Wenn er auf diese Weise, die Regungen seiner Nerven stets im Blick, eine kleine Übeltat nach der anderen beginge, würde er schließlich jedes noch so gewagte Vorhaben mit Gelassenheit ausführen können. Er schmiedete also diesen Plan und begann still und heimlich, ihn in die Tat umzusetzen. Zunächst versuchte er, die Leute zu täuschen und zu betrügen, und zwar so, dass sie ihn für hilfsbereit hielten und sich sogar bei ihm bedankten. Wie erhofft, stumpften seine Nerven nach und nach ab, und irgendwann spürte er keinerlei Reue mehr. Na schau an, sagte er in Gedanken …

Es dauerte nicht lange, da war er bereits die Ausgeburt des Teufels. Nachdem er immer weitergegangen war, um herauszufinden, ob ihn nicht doch irgendwann Gewissensbisse plagen würden, wurde er schließlich übermütig. Um die Frage nach seinem Gewissen endgültig klären zu können, musste er wenigstens einmal versuchen, die schlimmste aller Taten zu begehen: einen Menschen zu töten. Gemächlich sah er sich nach einem geeigneten Opfer um …

Sein Verbrechen war ein Verbrechen um des Verbrechens willen. Einen anderen Grund gab es nicht. Es musste auch so sein, denn auf diese Weise würde möglicherweise ein gewisser Spielraum für eine moralische Rechtfertigung entstehen. Demnach musste das Opfer möglichst jemand sein, mit dem er kaum persönlichen Umgang pflegte, was natürlich auch das Risiko schmälerte, dass die Tat auffliegen könnte. Selbst wenn es ihm gelänge, das Opfer zu überlisten; würde er vom Gesetz bestraft werden, wäre all die Mühe umsonst gewesen.

Als er sich erneut nach einer Person umsah, auf die diese Kriterien zutrafen, schlenderte ein Mann durch sein Blickfeld …

Er (der Protagonist der Geschichte) richtete sein Augenmerk aus ebenjenem Grund auf diesen Kodama: Mit ihm hatte er kaum etwas zu tun. Dass seit jeher selbst die gewieftesten und vorsichtigsten Verbrecher irgendwann geschnappt wurden, auch wenn sie sämtliche Beweise verschwinden ließen, lag daran, dass ihre Taten doch zumindest Spuren an ihrem Gewissen hinterließen. Äußere Fußspuren können verwischt werden, aber die Spuren in ihren Köpfen ließen sich nicht so einfach beseitigen. Da sein Gewissen jedoch bereits verstummt war, musste er sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen. Solange er nur aufmerksam bliebe, würde er jegliche Spuren, ob innere oder äußere, geistige oder materielle, vollständig ausradieren können. Allerdings bliebe abzuwarten, ob sich durch irgendwelche Umstände nicht doch das vage Gerücht verbreiten würde, er könnte der Täter sein, selbst wenn es dafür keine Beweise gäbe. Würden sich die Augen der Öffentlichkeit misstrauisch auf ihn richten und alle mit dem Finger auf ihn zeigen, wäre ein Scheitern nicht auszuschließen.

Diesem Kodama, der früher Reporter bei einer Frauenzeitschrift gewesen war und ihm ein paarmal einen Besuch abgestattet hatte, begegnete er mittlerweile nur noch gelegentlich auf der Straße oder im Lichtspielhaus. Mittlerweile stand er weder zu dem Mann noch zu der Zeitschrift in irgendeiner Beziehung. Dass er in einen Vorort von Ōmiya in der Präfektur Saitama gezogen war und an der Herausgabe des Gesamtwerks irgendeines Autors arbeitete, nachdem er bei der Zeitschrift gekündigt hatte; dass er deshalb zweimal in der Woche, nämlich montags und freitags, nach Tokio kam; dass er in der Regel in Tokio zu Abend aß und zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr mit dem Zug nach Hause fuhr; und schließlich, dass sich das Haus dieses Mannes irgendwo am Ortsrand befand, ungefähr einen Kilometer vom Bahnhof Ōmiya entfernt, und er nachts einen gottverlassenen Pfad von ein paar hundert Metern passieren musste … Alles, was er über Kodama wusste, hatte er auf direktem oder indirektem Wege lediglich bei der einen oder anderen Gelegenheit aufgeschnappt. Wenn er ihn also auf der Ginza-Straße oder im Lichtspielhaus sah, bedeutete das, dass er für die Arbeit nach Tokio gekommen war. Nach der Begrüßung sagte er beiläufig Dinge wie: »Ja, ich fahre immer montags und freitags her.« Zudem erhob er sich stets noch während der Vorführung – es musste gegen zwanzig Uhr sein – von seinem Platz und verließ frühzeitig das Lichtspielhaus. »Oh, bitte entschuldigen Sie mich, ich habe es ziemlich weit. Wenn ich den nächsten Zug nicht erwische …«

Abgesehen von diesen fünf oder sechs Mal, die er ihm zufällig draußen begegnet war, hatte ihn ein Freund Kodamas – auch ein Reporter irgendeiner Zeitschrift – einmal besucht und von dessen Zuhause erzählt, nachdem das Thema des Vorstadtlebens aufgekommen war: »Es hat zwar auch seine guten Seiten, aber ein Leben in der Vorstadt kann wirklich sehr unpraktisch sein.« Um zu verdeutlichen, wie einsam und gefährlich es sei, in so einer abgelegenen Gegend zu wohnen, beschrieb er ziemlich ausführlich den Weg zu Kodamas Haus und erzählte ihm außerdem: »Zweimal in der Woche ist ja noch in Ordnung, aber wenn ich jeden Tag hin- und herfahren müsste, könnte ich jedenfalls nicht an so einem Ort leben.«

All diese Fakten über Kodama hatte er erfahren, ohne von sich aus irgendwelche Untersuchungen angestellt zu haben. Dass er trotz der nur flüchtigen Bekanntschaft so viel über die Gewohnheiten und das Leben dieses Menschen wusste, war ein seltenes Glück. So gründlich er sich auch umsah; eine geeignetere Person gab es nicht. Für den ahnungslosen Kodama hingegen war es natürlich über die Maßen bedauerlich, dass er zufällig in diese Lage geraten war …

Man kann nie wissen, wann und in welcher Form einen das Unglück trifft. Man geht unten an einer Klippe entlang und wird von einem herabfallenden Stein erschlagen. Man rutscht auf Lehmboden aus, und plötzlich machen nur wenige Zentimeter den Unterschied und man stürzt ins Tal hinab. Unversehens erleidet man mitten auf der Straße einen Herzinfarkt … Jedenfalls würde Kodama auf derartige Weise sterben. Anstelle des Steins oder des Lehmbodens würde lediglich ein weiterer, ein lebendiger Mensch treten, und in einer Hinsicht unterschied sich dieser andere Mensch kaum von dem Stein oder dem Lehmboden: Er hatte kein Gewissen. Kodama würde bis zum Moment seiner Ermordung – nein, sogar sein Geist nach seiner Ermordung – nicht die geringste Ahnung haben, weshalb er gestorben war.

Vor der Durchführung musste er sich allerdings möglichst unauffällig vergewissern, dass Kodama noch immer in dem Vorort von Ōmiya wohnte und montags und freitags nach Tokio kam, aber da er keine Frist einzuhalten hatte, war es nicht nötig, sich mit diesen Nachforschungen zu beeilen. Entsprechend gab es unter Kodamas Arbeitskollegen und Journalistenfreunden auch niemanden, der Verdacht schöpfte, wenn er sich bei der einen oder anderen zufälligen Gelegenheit auf ganz natürliche Weise beiläufig über ihn erkundigte. Darüber hinaus fuhr er heimlich selbst nach Ōmiya, um sich mit eigenen Augen ein Bild von Kodamas Nachbarschaft sowie der Wegstrecke zwischen dessen Haus und dem Bahnhof zu machen und außerdem die Entfernung und die benötigte Zeit zu messen. Worüber er sich jedoch am meisten Gedanken machte, war die Art und Weise, wie er ihn umbringen sollte. Seiner Ansicht nach war es das Beste, auch die Tatwaffe zufällig irgendwo aufzulesen. Am Tag der Durchführung würde er irgendetwas vom Straßenrand aufheben, damit die Tat begehen und es ebendort zurücklassen. So wäre es ideal. Natürlich war es keine gute Idee, ein Messer oder eine Schusswaffe zu stehlen. Das würde zu viele Spuren hinterlassen. Die Waffe, die er suchte, war etwas anderes, etwas vollkommen Alltägliches – ein Handtuch etwa, oder ein Seil, eine leere Flasche, ein Stock, etwas in dieser Art. Wenn es nach ihm ginge, wäre es etwas, mit dem er sein Opfer, ohne Blut zu vergießen, aus kurzer Distanz und mit nur einem einzigen gezielten Schlag in Ohnmacht versetzen könnte. So etwas musste zwischen dem Bahnhof und der Stelle auf dem einsamen Pfad, die er als Tatort ausgewählt hatte, doch irgendwo herumliegen …

Über solche Dinge dachte er nach, während er die Gegend erkundete, und tatsächlich waren in der Umgebung mindestens vier Arten von Waffen leicht aufzutreiben. Zum einen war da der Betonstahl, den jemand auf einem freien Grundstück am Ortsrand deponiert hatte, zum Zweiten ein Stapel Brennholz am Straßenrand, und an der Scheune eines Bauernhofs lehnten jeweils eine Hacke und eine Hippe. Dass am entscheidenden Abend nicht wenigstens eines dieser Dinge verfügbar sein würde, konnte er sich nicht vorstellen, aber da er es, wie gesagt, nicht eilig hatte, würde er in dem Fall Geduld walten lassen, die Sache vertagen und schlicht so oft wiederkommen, bis ihm der Zufall eines Abends einen solchen Gegenstand bescheren würde.

»Die ideale Person.« – Nachdem er Kodama ausgewählt hatte, verging ungefähr ein halbes Jahr des Überlegens und Wartens auf die richtigen Bedingungen, bis er es endlich tat. An einem mondlosen Freitagabend Ende November verließ er in Kimono und Pelerinenmantel – so wie er für gewöhnlich gekleidet war, wenn er spazieren ging – schlendernd seine Unterkunft in Kagurazaka, um einen Zug früher als Kodama sein Ziel zu erreichen. Auf der Linie von Ueno nach Ōmiya war es zwar höchst unwahrscheinlich, auf Bekannte zu treffen, aber da eine solche Begegnung nicht auszuschließen war, bemühte er sich vorsichtshalber, einen möglichst normalen, alltäglichen Eindruck zu vermitteln …

»Schließlich wird Kodama also ermordet. Wie sich Kojima wohl fühlen wird, wenn er das liest?«, fragte Mizuno sich unsicher, nachdem er die Handlung bis dahin in Gedanken noch einmal durchgegangen war.

Würde Kojima bemerken, dass er als Inspiration für die Figur des Kodama gedient hatte? Beziehungsweise: Würde er die Geschichte überhaupt lesen? – In einem Anflug von Sorglosigkeit war Mizuno zunächst davon ausgegangen, dass er sie bestimmt nicht lesen würde, aber im Nachhinein betrachtet war diese Annahme grob fahrlässig gewesen. Zwar arbeitete Kojima derzeit an der Herausgabe einer Enzyklopädie, was so gut wie nichts mit der literarischen Welt zu tun hatte, doch immerhin war er früher einmal Reporter beim Unterhaltungsmagazin Humoresque gewesen. Er war also zweifelsohne ein Mann mit einer Vorliebe für Literatur. Demnach war es nahezu undenkbar, dass er die literarischen Beiträge der Monatszeitschriften, insbesondere jene einer so erstklassigen wie Das Volk, nicht zumindest überflog. Es konnte allerdings auch sein, dass ein Mann wie er, der sich vom Zeitschriftenwesen und der literarischen Welt etwas entfernt hatte, die Erzählungen von heute eher geringschätzte und sie daher nur flüchtig durchblätterte, anstatt sie aufmerksam zu lesen. Das war durchaus möglich. Mizuno selbst schlug die Zeitschriften, die man ihm jeden Monat zukommen ließ, zwar stets zumindest einmal auf, las aber vorwiegend die weniger anspruchsvollen Artikel und Essays. Solange es sich nicht um Autoren handelte, die er besonders mochte oder mit denen er persönlich in enger Beziehung stand, oder um Werke, die außerordentlich breit diskutiert wurden oder deren Stoff ihm eine Art Blick hinter die sogenannten Kulissen gewährte, las er nur selten literarische Beiträge. Bei Kojima musste es weitestgehend genauso sein, und Mizuno war niemand, mit dem er »persönlich in enger Beziehung stand«, und wahrscheinlich auch kein Autor, den er »besonders mochte«. Sollte die Geschichte in literarischen Kreisen jedoch zum Gesprächsthema werden, würde er sie vielleicht doch lesen. Oder angenommen, ein Dritter würde sie lesen und Kojima klarmachen: »Sag mal, das bist doch du! Der Autor hat sogar aus Versehen deinen echten Namen benutzt!«

Ach Unsinn, so etwas wird schon nicht passieren. Einem Außenstehenden wird das wohl kaum auffallen. Selbst wenn aus Kodama plötzlich Kojima wird … Kojima ist ein weit verbreiteter Name. Kein Wunder, dass man sich da vertut. – Aber nein, das ist nicht ganz richtig. Kojima schreibt sich normalerweise mit den Zeichen für kleine Insel. Dieser Kojima hingegen schreibt sich Kinderinsel. Lässt einen das nicht sofort an diesen einen Kojima denken?

Andererseits: Abgesehen von Kojima selbst würde es wohl niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn kommen, dass Mizuno ihn hier als Vorlage verwendet haben könnte … Und dennoch: Anzunehmen, er würde die Geschichte nicht lesen, war voreilig gewesen. Die Möglichkeit zumindest bestand durchaus. Mizuno beschlich das untrügliche Gefühl, die Wahrscheinlichkeit, dass er sie lesen würde, könnte im Gegenteil sogar ziemlich hoch sein. Es war besser, davon auszugehen, dass er sie lesen würde …

Womit er wieder am Anfang des Problems stand: Würde Kojima es bemerken, sollte er die Geschichte lesen? Würde er sie nur unaufmerksam überfliegen, wäre dies selbstverständlich ausgeschlossen.

Wenn ihm jedoch gegen Ende statt der Zeichen für Kodama jene für Kojima ins Auge springen, wird ihn das nicht stutzig machen? Was, wenn er die Geschichte noch mal von vorn liest und allmählich zu spüren beginnt, dass irgendetwas an ihr seltsam ist?

Wäre er einmal argwöhnisch geworden, gäbe es Unmengen von Stellen, die ihm merkwürdig vorkommen müssten. Beispielsweise war Kodama zuvor Reporter bei einer Frauenzeitschrift gewesen und aktuell einer der Herausgeber des Gesamtwerks irgendeines Autors. Kojima wiederum war zuvor Reporter beim Unterhaltungsmagazin Humoresque gewesen und aktuell Herausgeber einer Enzyklopädie. Kodamas Haus befand sich in Ōmiya, Kojimas Haus in Urawa, nur eine Haltestelle davor. Auch Kojima kam ein- bis zweimal in der Woche für die Arbeit nach Tokio, und zu allem Überfluss stand er in fast der gleichen Beziehung zu Mizuno wie Kodama zu dem Protagonisten in der Geschichte. Sie begegneten sich manchmal auf der Straße und hatten einen gemeinsamen Freund, der bei einer Zeitschrift arbeitete. Dieser Freund – er hieß Suzuki – war es auch, von dem Mizuno allerlei über Kojimas gegenwärtige Situation erfahren hatte.

Wären diese vielen Ähnlichkeiten einmal entdeckt, würde Kojima sie wohl kaum als Zufall abtun. Bestimmt würde er denken: Hm, da hat er mich wohl als Vorlage benutzt. Nun, bliebe es nur bei diesen Ähnlichkeiten, wäre das sicher nicht besonders schlimm, doch darüber hinaus hatte der Autor Kodamas Persönlichkeit sowie seine Gesichtszüge, seine Gestalt im Allgemeinen und sogar seine Stimme in übelster Manier beschrieben. Die Beschreibungen trafen haargenau auf Kojima zu und ließen den Mann keinesfalls als eine angenehme Person erscheinen.

Für den Protagonisten der Geschichte spielten persönliche Gefühle bei der Auswahl Kodamas zwar nicht die geringste Rolle, doch offen gesagt hatte Mizuno diesen irgendwie unsympathischen Kerl Kojima nicht ohne eine gewisse Böswilligkeit ausgewählt. Mit Sicherheit gibt es auf der Welt niemanden, dem so etwas ins Gesicht geschrieben steht wie ›Es wäre nicht verwunderlich, wenn ich umgebracht werden würde‹, aber gäbe es einen solchen Menschen, dann wäre es dieser Kojima … Derartige Gedanken hatte Mizuno schon seit einiger Zeit im Kopf. Wenn man jemanden umbringt, richtet sich die Schwere der Schuld zwar nicht nach dem Charakter des getöteten Menschen, doch manchmal hat man völlig grundlos das Gefühl, dieser eine Mensch wäre besser zu töten als jener andere, oder dass es sich bei manchen Menschen nicht besonders schlimm anfühlen würde, brächte man sie um. Zum Beispiel gibt es da diesen Kerl in einer Szene des Theaterstücks Mitsugis Gemetzel, der im Yukata auf die Bühne gewankt kommt und im Augenblick des Zusammentreffens ohne jeden ersichtlichen Grund, wie aus einer Laune heraus, attackiert und massakriert wird. In der Regel hat er eine dunkle Gesichtsfarbe, ist abgemagert und unansehnlich, mit einem jämmerlichen Körperbau und Gesichtsausdruck, wie – das mag vielleicht unverschämt klingen, aber – eine Eintagsfliege, die weggeweht wird, wenn man sie nur anpustet. Da Mizuno selbst nicht der Ansehnlichste war und eine eher schlaksige Figur hatte, war in der Zeit, in der er regelmäßig Gast im Kadoebi gewesen war, oft die Fantasie mit ihm durchgegangen, wenn er wieder einmal über Nacht geblieben und am nächsten Mittag verschlafen und verkatert im Yukata am Kohlenbecken des Zimmers irgendeines Freudenmädchens gesessen war: Das ist jetzt der Zeitpunkt, an dem einer der Gäste genau wie Mitsugi den Verstand verlieren und anfangen müsste, ein Blutbad anzurichten, oder? Nicht dass ich noch etwas abbekomme und ebenso abgeschlachtet werde … Kurz gesagt: So ein Typ Mensch war Kojima. Wenn er sich recht entsann, hatte Mizuno ihn das erste Mal getroffen, als Suzuki ihn bei einem Besuch mitgebracht hatte. Was für ein dummes Gesicht dieser Kerl macht. Schon bei ihrer ersten Begegnung, nachdem sie nur ein paar Worte gewechselt hatten, war dies Mizunos Eindruck gewesen. Normalerweise vergaß er solche dummen Gesichter schon nach fünf Minuten wieder, selbst wenn man sich vorher stundenlang gegenübergesessen war, doch Kojimas Gesicht war dermaßen dumm, dass er es nicht mehr aus dem Gedächtnis brachte.

Woher auch immer er kommen mochte; er war auf keinen Fall aus Tokio. Leute aus Tokio haben keine so schmierigen, feinporigen Gesichter. Kojimas bräunliche Gesichtsfarbe – man hätte meinen können, er hätte sogar besser ausgesehen, wenn er pechschwarz gewesen wäre – erinnerte an das Leder abgetragener Boxcalfschuhe. Er hatte eine flache Nase und ausdruckslose Augen. Weder sein Mund noch seine Stirn wiesen irgendwelche besonderen Merkmale auf. Sein Gesicht war so flach, dass es lediglich aus Wangen zu bestehen schien, wirkte insgesamt aber dennoch seltsam klein und kompakt. Eigentlich war es nicht nur die Farbe, sondern sein ganzes Gesicht war wie ein Schuh. Das traf es wohl am besten. Und dann war da noch diese Stimme, diese fade, trockene, teilnahmslose Stimme; eine Stimme, wie sie nur einem solchen Gesicht entstammen konnte, noch dazu mit einer so undeutlichen Aussprache, dass man nicht einmal die Bewegungen der vor sich hin nuschelnden Lippen nachvollziehen konnte. Die Stimme war da, aber sie schien nicht aus jenem Gesicht zu kommen. Es war vielmehr so, als würde ein Schuh mit einem sprechen.

Als eine solche Person fehlte es ihm entsprechend auch an Taktgefühl im Umgang mit seinen Mitmenschen. Höchstwahrscheinlich war er weder dazu in der Lage, herzhaft zu lachen, noch geistreiche Witze zu machen oder ähnliche Kunststückchen zu vollbringen. Hätte es wenigstens den Anschein gemacht, sein schäbiges Aussehen würde ihn quälen, und hätte er sich deshalb zurückhaltender gegeben, wäre all das noch hinnehmbar gewesen, aber was Mizuno erst recht übel aufstieß, war Kojimas merkwürdig unsensible Aufdringlichkeit. Bei ihrer ersten Begegnung war diese zwar noch nicht so sehr zum Vorschein gekommen, doch als sie einmal zufällig im selben Zugabteil saßen und Mizuno, das Gesicht in seiner Zeitung vertieft, vortäuschte, Kojima nicht zu sehen, stand dieser extra auf, kam auf ihn zu und sprach ihn mit penetranter Stimme an: »Hallo.«

Dieses genuschelte »Hallo«, das akustisch wie üblich kaum zu verstehen war, hatte überhaupt nichts Freundliches oder Vertrautes an sich. Warum also diese Aufdringlichkeit? Oder war dieses Verhalten für Kojima etwa selbstverständlich und er hatte gar nicht die Absicht, aufdringlich zu sein, sondern empfand es lediglich als unhöflich, Mizuno nicht wenigstens kurz zu begrüßen? Sein Motiv blieb vollkommen unklar. Einmal klopfte jemand Mizuno im Lichtspieltheater in Asakusa wortlos von hinten auf die Schulter. Als er sich umdrehte, saß dort Kojima.

»Lange nicht gesehen«, sagte dieser verlegen.

»Ah, hallo …«

Mizuno grüßte zwar zurück, aber da sie sich nichts Besonderes zu erzählen hatten, wandte er sich umgehend wieder nach vorn. Kojima jedoch wich ihm eine ganze Zeit lang nicht von der Seite. Ab und zu fragte er ihn wie aus heiterem Himmel, ob er derzeit viel zu tun habe, an was er gerade schreibe und ob er häufig herkomme, um sich Filme anzusehen, und obwohl Mizuno ihm nur halbherzig antwortete, blieb er hartnäckig. Wie aber sollte Mizuno sich beschweren, hatte er doch selbst etwas Zauderndes und zugleich Hartnäckiges an sich. So sehr er Kojima auch für einen widerwärtigen Kerl hielt, so schwer fiel es ihm letztlich, ihn derart schroff zu behandeln, weshalb er zumindest die eine oder andere teilnahmslose Antwort gab. Außerdem schien das Leben ganz ohne den Anblick solch widerwärtiger Kerle irgendwie öde, also war es eigentlich gar nicht so uninteressant, wenigstens hin und wieder in ihrer Gesellschaft zu sein, während man innerlich auf sie herabsah und sich am Ausmaß ihrer Einfältigkeit und Widerwärtigkeit labte. Obschon er solch ein unbedeutender Mensch war, kauerte Kojima aus ebendiesem Grund wie der Anführer einer Bande von Sträflingen stets irgendwo in einer Ecke von Mizunos Kopf. Und so unterhielt er sich auch einige Minuten lang flüchtig mit ihm, wenn er ihm irgendwo auf der Straße begegnete.

Mizuno war dies zwar nicht in vollem Ausmaß bewusst, aber dass ihm die Idee für die Geschichte gekommen war, hatte er Kojima oder vielmehr dessen Bild in seinem Kopf zu verdanken, das ihn unterbewusst angeleitet und ihm Hinweise gegeben hatte. Womöglich wäre ihm jene Handlung nie in den Sinn gekommen, wäre Kojimas Gestalt nicht ab und zu vor seinen Augen erschienen. Auch ein gewisser frivoler Sinn für Schabernack und eine Art neckisches Halbinteresse, das von seiner allgemeinen Verachtung für Kojima herrührte, hatten jeweils ihren nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen. »Also gut, den knöpfe ich mir vor. So ein stumpfsinniger Kerl merkt doch sowieso nichts!« In der Geschichte herrschte zwischen dem Protagonisten und Kodama keinerlei persönliche Abneigung, denn das wäre der Handlung eher unzuträglich gewesen, doch der Autor hatte sich die Position eines Dritten zunutze gemacht, um hier und dort seine Boshaftigkeit und seinen Sinn für Schabernack durchblitzen zu lassen. Verleitet durch seine Neugierde war ihm der Stift nur so über die Seiten geglitten. »Was für eine klägliche Fratze.« »Offensichtlich führte er ein armseliges, erbärmliches Dasein.« Mit solch unsäglichen Worten hatte er Kodama beschrieben.

Wie schwer von Begriff Kojima auch sein mochte; wenn er Formulierungen wie »eine Gesichtsfarbe wie die von Boxcalfleder« lesen würde, würde er sich dabei mit Sicherheit nicht gerade wohlfühlen. Aus der Sicht des Autors hingegen würde es schlussendlich gar unmöglich werden, überhaupt noch etwas zu schreiben, wenn die Leser alles für bare Münze nehmen und anfangen würden, sämtliche Figuren mit tatsächlich existierenden Personen zu verbinden. Fiktion ist Fiktion und die Realität ist die Realität. Täten sie ihm nicht den Gefallen, dazwischen zu unterscheiden, käme er in große Verlegenheit. Selbst wenn eine gewisse Verbindung zwischen manchen Figuren und ihren Vorbildern bestand, so könnte Mizuno immer noch sämtliche Vorwürfe von sich weisen, indem er behauptete, ein Schriftsteller schreibe aus rein künstlerischem Antrieb heraus und lasse keinesfalls seine persönlichen Ansichten in sein Werk einfließen, weder in guter noch in böser Absicht. Aber dann hätte er etwas mehr Distanz zwischen Kojima und Kodama bringen müssen. Kojima wohnte in Urawa, also hätte er Kodama statt nach Ōmiya genauso gut nach Yokohama oder Chiba stecken können. Kojima war Herausgeber einer Enzyklopädie, Kodama Herausgeber jener Gesamtausgabe, und das, obwohl Mizuno aus ihm getrost einen Schullehrer oder einen Firmenangestellten hätte machen können. Dass beide obendrein zuvor Reporter bei einer Zeitschrift gewesen waren, war nun wirklich eine unnötige Ähnlichkeit zu viel, ohne die die Geschichte sehr gut ausgekommen wäre. Würde Kodama am Ortsrand von Tsurumi ermordet werden statt in Ōmiya, hätte das der Wirkung keinen Abbruch getan. Anfangs hatte Mizuno nicht so sehr darauf geachtet, da er bis Redaktionsschluss wenig Zeit gehabt und die Geschichte somit in Eile hatte verfassen müssen, aber wenn er es sich recht überlegte, kam er nicht umhin zuzugeben, dass er sich über Kojima lustig gemacht und Kodama vorsätzlich nach dessen Abbild geschaffen hatte.

Aber welche Rolle spielt das schon? Wird der Mann Verdacht schöpfen? Sich darüber echauffieren? Es ist doch bloß Kojima. Was kann er schon machen, außer sich zu denken: Wirklich unerhört, das mit dem Boxcalfleder … und affektiert zu grinsen? – In letzter Zeit bin ich wohl irgendwie nicht ganz richtig im Kopf. Dass ich mir wegen so etwas Sorgen mache, kann nur bedeuten, dass meine Nervenschwäche schon ziemlich weit fortgeschritten ist.

Mizuno lag noch immer unter der Bettdecke und blinzelte entgeistert. »Was für ein Unsinn!«, versuchte er sich zu ermahnen, doch komischerweise kehrten seine Gedanken nach einer Umdrehung wieder zum Ausgangspunkt zurück, und ehe er sichs versah, dachte er plötzlich erneut über die Sache nach.

Mizuno hatte bereits einige Geschichten geschrieben, in denen es um Mord ging, und die meisten der Mörder waren mehr oder weniger ihm selbst nachempfunden. Wie viele Menschen er in seinen Geschichten wohl schon umgebracht hatte? Darüber hinaus hatte es auch für die Ermordeten stets ein reales Vorbild gegeben, wenn auch kein so deutlich erkennbares wie in diesem Fall. Zumindest diejenigen, die sein Privatleben kannten, hatten eine ungefähre Vorstellung davon, um wen es sich jeweils handelte. Tatsächlich hatte ihn sogar seine Frau verlassen, weil er sie gleich in mehreren Geschichten hintereinander ermordet hatte. Damals erreichten sie aus allen Richtungen Zuschriften des Mitgefühls. »Gnädige Frau, Ihr Gatte ist ein Scheusal. Wie Sie sich wohl gefühlt haben müssen, als Sie das gelesen haben!?« Mehrere Leser suchten sie auf und sagten ihr solche Dinge. – Mizuno hat mal wieder seine Frau umgebracht. Das ist jetzt das zweite Mal. Das dritte Mal … Auch in literarischen Kreisen schien derartiger Klatsch wichtiger zu sein als die Besprechung der Werke an sich. Seine Frau bekam es schließlich mit der Angst zu tun und ergriff ohne ein Wort die Flucht. Zwar wollte er ihr zu jener Zeit zumindest augenscheinlich nichts Böses, und es war auch nicht sein Hauptziel gewesen, sie zu verjagen, aber er war durchaus bereit gewesen, seine Werke für ebendiesen Zweck zu nutzen. Seinem Herzen entfuhr ein spöttisches Lachen. »Das hat doch wunderbar funktioniert. Was für eine Erleichterung!« Zweifelsohne hatte er sich darüber gefreut, dass sein Plan aufgegangen war.

Gegebenheiten dieser Art häuften und häuften sich. Nicht auszudenken, welch Unmut die Leute ihm gegenüber bereits hegen mussten. Das Vorlagenproblem würde doch nicht etwa in einer Katastrophe enden? – Natürlich entstand diese Vorahnung nur, weil er sich solch übertriebene Sorgen machte, aber was für eine Katastrophe könnte denn überhaupt eintreten, sollte Kojima einen Groll gegen ihn hegen? Selbst wenn er auf Rache aus wäre, allein könnte er nicht viel ausrichten, und da er derzeit wenig mit der literarischen Welt in Kontakt war, würde es ihm wohl kaum gelingen, eine Ächtungskampagne auf die Beine zu stellen. Würde er Mizuno also verklagen? – Kojima würde allerdings in keiner Weise ein tatsächlicher Schaden entstehen. Schließlich war es nicht so, dass er durch die Veröffentlichung der Geschichte seine gesellschaftliche Stellung oder seinen Arbeitsplatz verlieren würde. Tatsächlich hatten andere Vorlagen einen viel größeren Schaden erlitten als Kojima. Er wurde in der Geschichte lediglich verspottet, verhöhnt, mit Schuhleder verglichen und so weiter. Solche Kleinigkeiten waren doch nicht der Rede wert. Anders als im Fall seiner Frau brachte es Mizuno nicht den geringsten Nutzen, Kojima einzuschüchtern. Er müsste es nur vehement abstreiten, dann wäre es wahrscheinlich unmöglich, ihm ein Motiv dafür nachzuweisen, Kojima als Vorlage benutzt zu haben. Kojima würde dann nicht nur sein Ziel verfehlen; er würde darüber hinaus sogar vor Gericht bekanntmachen, dass sein Gesicht aussah wie Schuhleder. Daher war ein Gerichtsverfahren so gut wie ausgeschlossen. Was also konnte er tun? Wollte er sich wirklich rächen, würde er etwa den Spieß umdrehen und Mizuno umbringen?

Mizuno lachte verächtlich. Aber vielleicht waren gerade Menschen wie Kojima entgegen allen Erwartungen dazu imstande, jemanden zu töten. Hinter jenem vagen, zwielichtigen Gebaren, das keinerlei Interpretation seiner Gefühlslage zuließ, schimmerte fast so etwas wie eine kriminelle Ader hindurch. Es hätte keine vergnüglichere Art der Rache geben können, als die Methode aus Mizunos Geschichte auf den Autor selbst anzuwenden. Jeder Mensch mit ein bisschen Fantasie würde sich ein solches Szenario zumindest im Geiste ausmalen, selbst wenn ihm der Mut fehlte, es wirklich zu tun. Dann aber würde er tagein, tagaus darüber grübeln und schließlich von seiner Fantasie verführt werden. Einer so finsteren und undurchschaubaren Gestalt wie Kojima war das durchaus zuzutrauen. Andererseits würde er, unempfindlich wie er war, vielleicht gar keinen so langwierigen Prozess durchlaufen, sondern beherzt und ohne zu zögern zur Phase der Umsetzung übergehen.

»Nervenschwäche, Nervenschwäche …«, sagte Mizuno viermal zu sich selbst, diesmal mit furchtbar lauter Stimme.

Nachdem sich seine wie Bindfäden ineinander verstrickten Gedanken in unerwartete Richtungen verlaufen hatten und er schon wieder am Anfang des Problems angelangt war, kam ihm plötzlich ein weiteres beunruhigendes Szenario in den Sinn: Sollte Kojima auf die exakt gleiche Weise getötet werden wie Kodama in der Geschichte, würde der Verdacht dann nicht auf ihn fallen? Natürlich war dies höchst unwahrscheinlich, und wenn es passieren würde, dann wäre das zweifellos extrem großes Pech. Und doch war es nicht gänzlich auszuschließen. Angenommen, eine dritte Person, die einen Groll gegen Mizuno hegte, würde Kojima töten, mit dem Ziel, Mizuno zu Fall zu bringen … Wenn es jemanden gab, der irgendwo im Verborgenen auf die richtige Gelegenheit wartete, dann war nun wahrlich der perfekte Moment gekommen. Der perfekte Moment, um einen Menschen zu töten und die Schuld zur Gänze jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Solch eine Gelegenheit bot sich nicht oft im Leben. Für Mizuno war es beinahe so, als hätte er diesen Moment eigenhändig für jemanden geschaffen und würde nun aus freien Stücken die Rolle des Schuldigen übernehmen.