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Ein Haus, in dem einst sieben Menschen starben. Ein Haus, in dem erneut ein Junge verschwindet. Ein Haus, dessen Hunger noch nicht gestillt ist …
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In einer Straße in Chicago steht ein Haus – ein verlassenes Haus, in dem in den Siebzigerjahren grausame Dinge geschahen. Sieben Menschen starben. Das Verbot, sich dem Gebäude zu nähern, macht es für die Kinder der Nachbarschaft noch interessanter. Als die 13-jährige Jessie ihren kleinen Bruder Paul zur Mutprobe herausfordert, betritt er das Haus und kehrt nie wieder zurück. Jahre später: Die erwachsene Jessie wohnt immer noch in derselben Straße, als eine Dunkelheit sich rund um das Haus ausbreitet. Eine Dunkelheit, die lebendig zu sein scheint – und gierig ...
Noch mehr Gänsehaut gefällig? Dann lesen Sie auch die weiteren Romane der Autorin wie »Das flüsternde Haus« oder »Böse Mädchen sterben nicht«.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Buch
In einer Straße in Chicago steht ein Haus – ein verlassenes Haus, in dem in den Siebzigerjahren grausame Dinge geschahen. Sieben Menschen starben. Das Verbot, sich dem Gebäude zu nähern, macht es für die Kinder der Nachbarschaft noch interessanter. Als die dreizehnjährige Jessie ihren kleinen Bruder Paul zur Mutprobe herausfordert, betritt er das Haus und kehrt nie wieder zurück. Jahre später: Die erwachsene Jessie wohnt immer noch in derselben Straße, als eine Dunkelheit sich rund um das Haus ausbreitet. Eine Dunkelheit, die lebendig zu sein scheint – und gierig …
Autorin
Die Amerikanerin Christina Henry ist als Fantasy-Autorin bekannt für ihre finsteren Neuerzählungen von literarischen Klassikern wie Alice im Wunderland, Peter Pan oder Die kleine Meerjungfrau. Im deutschsprachigen Raum wurden diese unter dem Titel Die Dunklen Chroniken bekannt und gehören zu den erfolgreichsten Fantasy-Büchern der vergangenen Jahre. Mit ihren Titeln wie Das flüsternde Haus oder Böse Mädchen sterben nicht hat sie sich zuletzt auf spannenden Horror konzentriert. Die SPIEGEL-Bestsellerautorin liebt Langstreckenläufe, Bücher sowie Samurai- und Zombiefilme. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Chicago.
Von Christina Henry bereits erschienen (Auswahl)
Die Chroniken von Alice · Die Chroniken von Peter Pan · Die Chroniken der Meerjungfrau · Die Chroniken von Rotkäppchen · Die Legende von Sleepy Hollow · Der Geisterbaum · Der Knochenwald · Böse Mädchen sterben nicht · Das flüsternde Haus
Christina Henry
Das gierige Haus
Roman
Deutsch von Sigrun Zühlke
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel The Place Where They Buried Your Heart bei Berkley, New York.
Das Zitat von Bram Stoker hier stammt aus Dracula, übersetzt von Heinz Widtmann, Fischer 1908.
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Copyright der Originalausgabe © 2025 by Tina Raffaele
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Catherine Beck
Umschlaggestaltung und Artwork: © Isabelle Hirtz, Hamburg
StH · Herstellung: CS
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-33398-0V001
www.blanvalet.de
»Ein Haus kann nicht an einem Tage wohnlich eingerichtet werden;
und dann – wie schnell gehen die Tage dahin,
bis ein Jahrhundert um ist.«
Bram Stoker, Dracula
Teil I
Verstreute Erinnerungen, von mir und anderen
1973 – 1997
Kapitel eins
1993
An dem Tag, als mein kleiner Bruder Paul von dem Haus am Ende unserer Straße verschlungen wurde, war ich zu Hause – Stubenarrest, weil ich in Johnnies Lädchen an der Ecke Zigaretten geklaut hatte. Paul war acht und ich dreizehn. Ich war nicht dabei, als es geschah, aber schuld daran war ich trotzdem.
Das Haus, das früher den McIntyres gehört hatte, stand seit zwanzig Jahren leer, als Paul und seine Freunde Richie und Jake sich durch die Hintertür hineinschlichen. Es hätte ihnen nichts passieren sollen, keinem von ihnen. Es war nur eine kindische Mutprobe. Ich konnte nicht wissen, was geschehen würde.
Jahrelang hatten die Teenager aus der Gegend ein bestimmtes Fenster mit zerbrochener Scheibe an der Seite genutzt, um einzusteigen, hatten drinnen geraucht und getrunken und waren sich in dem staubigen, rattenverseuchten Wohnzimmer der ehemaligen Bewohner an die Wäsche gegangen. Sie erzählten, wie unheimlich es im Haus sei und dass es Blutflecken an den Wänden gäbe. Einige behaupteten, aus dem Obergeschoss Geräusche gehört zu haben, aber solches Gerede wurde meist abgetan. In jeder Gruppe gab es immer jemanden – meistens einen Jungen –, der den Mädchen Angst einjagen wollte, damit sie enger zusammenrückten, und die Behauptung, Geräusche aus dem Obergeschoss zu hören, war das einfachste Mittel.
Niemand hatte jemals gesagt, das Haus sei gefährlich – klar, abgesehen von der auf der Hand liegenden Tatsache, dass es sich um ein altes, verrottendes Haus handelte. Mehr als ein Kind brauchte eine Tetanus-Auffrischung, nachdem es dort eingedrungen war, aber es war nie jemand gestorben. Niemand war gestorben bis Paul.
Vielleicht sollte ich besser sagen, dass niemand wegen dem Ding in dem Haus gestorben war. Denn es war ja jemand darin gestorben, so viel steht fest. Sieben Jemande waren darin zu Tode gekommen, und das auf eine so schreckliche Art, dass danach niemand mehr in dem Haus wohnen wollte. Was der Grund dafür war, dass es jetzt verlassen war und verrottete. Was der Grund dafür war, warum es den Kindern aus der ganzen Nachbarschaft einen perfekten Ort bot, um sich ein bisschen zu gruseln, ohne sich tatsächlich in Gefahr zu bringen.
Außer für Paul und Richie und Jake. Drei gingen hinein, und zwei kamen wieder heraus, und es war meine Schuld.
Es war ein ausladendes zweistöckiges Rahmenständerhaus, ungewöhnlich für eine Gegend, in der überwiegend Häuser aus Back- oder Kalkstein vorherrschten, ein wenig zur Seite geneigt, als habe der Grund darunter nachgegeben. Chicago ist auf sumpfigem Gelände erbaut, sodass eine Absenkung schon irgendwie denkbar war, nur dass sich keines der anderen Häuser in der Gegend so zur Seite neigte. Soweit ich wusste, war niemand jemals bis ins Obergeschoss hinaufgegangen. Die meisten Kinder gingen nicht einmal freiwillig auf ihre eigenen Dachböden, also erst recht nicht in einem Gebäude mit Löchern in der Treppe.
Scott Gunther hatte es mal für eine Mutprobe versucht und war schon auf der dritten Stufe eingebrochen. Sein Hosenbein war bis hoch zum Saum seiner Unterhose aufgerissen, und das war ihm ziemlich peinlich gewesen, als sie ihn herauszogen. Die beiden anderen Jungs, die ihn herausgefordert hatten, lachten, bis Scott die Augen verdrehte und zusammenbrach. Da bemerkten sie, dass Scott sich am zerbrochenen Holz der Treppe das Bein vom Knöchel bis zum Oberschenkel aufgerissen hatte, ein tiefer, gezackter Riss in seinem Fleisch, und dass er verblutete, während sie über ihn lachten. Scott war ein paar Jahre älter als ich, und er trug nie wieder kurze Hosen, weil die Kleinen ihn sonst nach der Narbe gefragt hätten.
Die Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die Rileys, sagten, sie hätten Paul, Richie und Jake gegen 15:30 Uhr schreien gehört. Mr.Riley wässerte gerade den Rasen und hörte sich dabei das Cubs-Spiel im Radio an. Mrs.Riley schnitt am Küchentisch Coupons aus dem Wochenblatt aus. Das Fenster über der Spüle war offen. Sie erzählte mir später, dass sie die Schreie der drei Jungen über die Geräusche des Spiels und des Verkehrs in der Straße hinweg gehört hatte, obwohl die Küche nach hinten heraus lag, wie in den meisten Chicagoer Wohnhäusern.
Es war ein ohrenzerfetzender Schrei, schrill und hoch und voller Grauen. Mr.Riley drehte das Wasser ab, und Mrs.Riley stand vom Küchentisch auf, ging nach vorn zur Haustür und öffnete sie, die Schere noch in der rechten Hand.
»Carl, hast du das gehört?«, rief sie, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. Die schiere Widernatürlichkeit des Schreis habe sie in solche Panik versetzt, dass sie das Gefühl hatte, ihr Herz wollte ihr direkt aus der Kehle springen, erzählte sie mir später.
Carl stand auf dem Rasen vor dem Haus, den Wasserschlauch in der Hand, den Kopf schiefgelegt. Mrs.Riley erinnerte sich an das Geräusch des Aufschlags, gefolgt von Ron Santos’ Stimme, der einen Homerun der Cardinals beklagte, und dann, sagte sie, »brach die Hölle los.«
Die Jungen brüllten und schrien so laut, dass sie den ganzen Block hinauf und hinunter zu hören waren. Mrs.Riley rannte die Schere schwenkend nach vorne vors Haus. Mr.Riley ließ den Schlauch fallen, stürzte über die Straße und stieß das rostige Metalltor zum Grundstück der McIntyres auf.
Mrs.Riley sagte, dass sie dort stand, die Schere in der Hand, und nicht wusste, was sie tun sollte. Die Majewskis kamen auf ihre Veranda, hielten sich an den Händen und beobachteten entsetzt das Geschehen. Sie wohnten rechts von den Rileys, im ersten Stock, und waren beide in den Siebzigern. Mrs.Majewski war so blass, dass Mrs.Riley befürchtete, sie könnte auf der Stelle ohnmächtig werden. Mrs.Majewski trug einen rosa geblümten Hausmantel und Pantoffeln, und ihr weißes, feines Haar wehte im Wind. Mrs.Riley fand, dass sie aussah wie eine Pusteblume mit einem krummen Stängel.
Ted Dobrowski, der auf der anderen Seite der Rileys wohnte, eilte aus seiner Haustür. Er war Mitte dreißig, geschieden und hatte einen fünfzehnjährigen Sohn, Alex, der in der Nachbarschaft als »Problemkind« bekannt war. Ted trug sein Sandberg-Trikot und hielt eine Dose Bier in der Hand.
»Was zum Teufel, Sheila?«, sagte er und starrte zu Carl hinüber, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite versuchte, die Eingangstür des McIntyre-Hauses aufzuhebeln.
Sie war mit Brettern vernagelt, um zu verhindern, dass jemand das Haus betrat. Die Bretter waren mit verblassten Vorladungen beklebt, auf die offenbar nie jemand reagiert hatte. Wenn die Stadt vielleicht getan hätte, was sie hätte tun sollen, und das Gebäude schon vor Jahren abgerissen hätte, wäre das alles vielleicht gar nicht passiert.
Ted ließ sein Bier auf den Rasen fallen und rannte los, um Carl zu helfen.
»Sollen wir die Polizei rufen?«, fragte Alice Majewski mit zittriger Stimme.
Die Schreie wurden lauter, verzweifelter und vermischten sich mit den heiseren Stimmen von Carl Riley und Ted Dobrowski, die riefen: »Haltet durch, Kinder! Wir kommen!«, und den Aufschlägen und Jubelrufen aus der Radioübertragung.
Sheila Riley sagte, die Männer hätten die Bretter schließlich abgerissen, und Ted Dobrowski habe sich wie ein Linebacker gegen die Tür geworfen, mit der Schulter voran. Danach sei die Tür wie von Geisterhand aufgeschwungen.
»Und dann«, erzählte mir Sheila Riley zehn Jahre später, nachdem Carl Riley an Magenkrebs gestorben und Ted Dobrowskis Sorgenkind zu meinem persönlichen Problem geworden war, »war es noch schlimmer. Denn die Tür war offen, und es gab nichts, was die Schreie gedämpft hätte – die Schreie der verängstigten Jungen. Carl und Ted standen einfach nur in der Tür, und man konnte sehen, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten. Dann war da noch ein anderes Geräusch, fast ein Brüllen, aber das war es nicht wirklich. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber es war, als hätte sich ein Riss in der Welt aufgetan. Und kurz, bevor sich dieser Riss wieder schloss, habe ich ihn gehört. Ich habe Paul deinen Namen schreien hören: ›Jessie, Jessie!‹, immer und immer wieder.«
***
An dem Tag, an dem mein Bruder von dem Haus am Ende der Straße verschlungen wurde, war ich mit Stubenarrest zu Hause festgesetzt, stinksauer, und Paul kam immer wieder in mein Zimmer und versuchte, mich aufzuheitern und unter meiner schwarzen Wolke hervorzuziehen.
»Hast du Lust auf Monopoly?«, fragte er, während seine braunen Augen und die Nasenspitze durch den Türspalt lugten.
»Nein«, sagte ich. Ich hatte den Walkman auf den Ohren und ließ die Black Crowes dröhnen. Ich wollte Pauls Geplapper nicht hören und drehte die Lautstärke bis zum Anschlag hoch.
Dass ich noch einen Kassettenspieler benutzen musste, während alle meine Freundinnen bereits CDs hatten, machte mich wahnsinnig, aber wie meine Mutter mich immer wieder erinnerte, »KÖNNEN WIR UNS DAS NICHT LEISTEN«, und »WENN DU ALT GENUG BIST, UM DIR EINEN JOB ZU BESORGEN, KANNST DU DEIN GELD GERN FÜR SO WAS ZUM FENSTER RAUSWERFEN«. Wahrscheinlich hat sie mich nicht immer angeschrien, aber wenn sie mit mir sprach, fühlte es sich immer so an, als würde sie mich in Großbuchstaben anschreien, weil ich »SIE NOCH INS GRAB BRINGEN« würde.
Paul war ihr perfektes Kind, das immer alles richtig machte. Aber vielleicht erinnere ich mich auch nur so an ihn, weil er nie die Chance bekam, älter zu werden und in Schwierigkeiten zu geraten, nie die Chance bekam, ein Teenager zu sein, sich zu verändern, Fehler zu machen, Wiedergutmachung zu leisten, sich in etwas Neues und Komplexeres zu verwandeln.
Seine Augen und Nase verschwanden für eine Viertelstunde, dann war er wieder zurück: »Hast du Lust, Life zu spielen?«
»Nein, Paulie«, sagte ich. »Hau ab.«
Er schob die Tür noch ein wenig weiter auf. Ich erinnere mich noch, ihn dort stehen zu sehen, seine schwarzen Locken ringelten sich in der Feuchtigkeit der nachmittäglichen Hitze in alle Richtungen, genau wie meine. Seine Beine unter den grauen Shorts waren dünn und verschrammt. An Heimspieltagen trug er immer sein Cubs-Shirt, auch wenn das bedeutete, dass er es drei oder vier Tage hintereinander trug.
»Mom hat dir gesagt, du sollst mich nicht Paulie nennen. Ich mag das nicht«, sagte er.
»Wie du meinst, Paulie.« Ich ließ mich wieder auf mein Bett fallen und starrte an die Decke, als wollte ich mit den Augen ein Loch hineinbohren.
»Jessie, Mom hat gesagt, du sollst das nicht machen.«
Ich drehte mich zur Wand. Der Walkman war nicht laut genug, daher hörte ich, wie er zu meinem Bett kam. Ich kniff die Augen zu und gab alles, um ihn nicht zu beachten. Er legte die Hand auf meine Schulter und rüttelte mich leise. Meine Augen flogen auf.
»Willst du ein blaues Auge, Paulie?«, fragte ich, setzte mich auf und holte drohend mit der Faust aus.
»Nenn mich nicht Paulie!«, sagte er und klang fast schon weinerlich.
»Ich nenn dich, wie es mir gefällt, Paulie.«
»Ich sag’s Mom.«
»Mir egal. Ich hab schon Stubenarrest.«
Das war eine Lüge. Mom hatte gesagt, wenn ich »AUCH NUR EINEN FUSS AUS DER REIHE« tanzte, dürfte ich den ganzen Sommer nicht mehr aus dem Haus. Andererseits darf man jüngeren Geschwistern gegenüber niemals Schwäche zeigen. Sie finden noch die allerkleinste Lücke in deiner Verteidigung, und sie nutzen sie unter Garantie.
Paul stand da und starrte mich kampfbereit an, den Kiefer angespannt, die Fäuste geballt. Er wollte mir nur zu gern eine verpassen, das sah ich, aber Mom hatte ihm gesagt, dass »Gentlemen ihre Schwester nicht hauen«. (»Was, wenn sie sich arschig benimmt?«, hatte Paul gefragt. »Nicht einmal dann«, hatte Mom geantwortet.)
»Warum hörst du nicht auf?«, fragte er.
»Weil es dich ärgert, Paulie. Wenn es dich nicht so ärgern würde, würde ich es nicht machen.«
Ich ließ mich wieder auf den Rücken fallen und starrte erneut an die Decke. Eine kleine braune Spinne kroch langsam über die blaue Farbe.
»Und wenn ich dir alle meine Baseball-Karten gebe?«
»Nein, Paulie. Ich will deine Baseball-Karten nicht.«
»Paulie ist ein Babyname«, sagte er verzweifelt. »Ich bin jetzt ein großer Junge.«
»Ach ja?«, fragte ich und setzte mich plötzlich auf. Mir war etwas eingefallen. »Beweis es mir.«
»Wie denn?«, fragte er besorgt.
»Du gehst ins McIntyre-Haus und bleibst eine halbe Stunde drin«, sagte ich.
Ich hätte nie gedacht, dass er es tatsächlich tun würde. Wie die meisten kleineren Kinder im Viertel (genau wie ich vor ein paar Jahren noch) dachte Paul, dass es in dem Haus spukte. Ich nahm an, dass er den Rest des Nachmittags auf dem Gehsteig stehen und das Haus anstarren würde, mit vor Angst klappernden Zähnen, während er versuchte, sich dazu zu überwinden, hineinzugehen, bevor er, geschlagen, zum Abendessen nach Hause schlich.
»Wie soll ich beweisen, dass ich die ganze Zeit drin war?«, fragte er.
»Du nimmst Richie und Jake mit«, sagte ich mit einem weiteren genialen Geistesblitz. Es würde Paul weitere Zeit kosten, Richie und Jake zu holen (was bedeutete, dass er noch länger außer Haus war und mich nicht nerven konnte), und außerdem war Richie eine Labertasche. Sollten sie sich wider Erwarten doch dazu durchringen können, hineinzugehen und tatsächlich die halbe Stunde im Haus verbringen, würde Richie es allen erzählen.
Ja, sollten sie es tatsächlich schaffen, die Mutprobe zu bestehen, würde Richie es auf jeden Fall allen erzählen. Er konnte niemanden anlügen, nicht mal seine Mom, wenn sie ihn fragte, was er den Nachmittag über gemacht hatte. Wenn Richie sagte, dass er, Paul und Jake ins McIntyre-Haus gegangen waren, würden sie alle Ärger bekommen, und ich war gerade rachsüchtig genug, um mir zu wünschen, das noch andere außer mir Ärger bekamen. Allen Kindern wurde gesagt, sie sollten sich von dem Haus fernhalten, weil es gefährlich war.
Wenn die Erwachsenen »gefährlich« sagten, meinten sie »einsturzgefährdet«. Sie meinten nicht, dass das Haus ein Kind ganz verschlingen könnte.
Ich hätte nie gedacht, dass Paul Richie überhaupt von der Mutprobe erzählen würde. Streitereien unter Geschwistern bleiben unter Geschwistern, zumindest hielten Paul und ich das so. Kleinigkeiten wurden unverzüglich vor das Gericht von Mom und Dad gebracht, alles Ernsthafte blieb unter uns. Es sollte sich herausstellen, dass ich damit recht hatte, auch wenn ich das lange Zeit nicht wusste.
»Wenn ich reingehe, wenn ich das wirklich mache, hörst du dann auf, mich Paulie zu nennen?«
»Ja«, sagte ich. Nie im Leben traust du dich das, dachte ich.
Er leckte sich die Lippen und stand eine Weile vor mir, unbehaglich, und blickte mich zweifelnd an.
»Das traust du dich nicht«, sagte ich.
Er drehte sich um und ging hinaus, und ich sah ihn nie wieder.
Aber Mrs.Riley erzählte mir, dass sie ihn meinen Namen rufen hörte, kurz bevor Paul starb, dass er »Jessie« rief, als könnte ich ihn vor dem Monster retten. Der letzte Mensch, an den er dachte, war die Schwester, die ihn dorthin geschickt hatte.
Sheila Riley sagte, dass Richie und Jake schreiend die Treppe heruntergerannt kamen, direkt in Carls und Teds Arme. Die Jungen waren über und über mit Blut bedeckt, und Richie umklammerte mit einer Faust einen blauen Fetzen, bei dem anfangs niemandem klar war, worum es sich handelte.
Jake presste die linke Hand gegen das, was von seinem rechten Arm noch übrig war, eine zerfetzte Masse aus Haut, Fleisch und Knochen, kurz über dem Ellbogen abgerissen.
Carl erzählte Sheila später: »Ich weiß nicht, wie sich der Junge überhaupt auf den Beinen halten konnte, ganz zu schweigen davon, zu rennen.« Sheila sagte, sie habe gedacht, dass Jake zu Tode verängstigt gewesen sei, und Carl sagte: »Ja, das waren wir wohl alle, als wir das Blut gesehen und ihre Schreie gehört haben.«
Carl und Ted nahmen je ein Kind auf die Arme, und Carl rief seiner Frau zu, sie solle den Krankenwagen rufen. Niemand dachte an Paul. Den Erwachsenen war nicht einmal klar, dass Paul auch mit im Haus gewesen war. Sogar Sheila Riley, die Paul hatte meinen Namen rufen hören, dachte nicht an meinen kleinen Bruder.
»Es war einfach alles so chaotisch«, sagte sie mir später. »Die beiden Jungen schrien. Sie wollten gar nicht mehr aufhören. Bei Jake konnte ich das ja noch verstehen – immerhin war er unfassbar schwer verletzt. Richie schien nur ein paar Kratzer abbekommen zu haben, aber er konnte sich gar nicht wieder beruhigen. Ich schätze mal, das lag an dem, was er gesehen hatte. Ich hätte auch am liebsten geschrien, als ich Jakes Arm sah. Ich wusste gar nicht, was ich der Notrufzentrale sagen sollte. Wie sagt man, dass ein kleiner Junge seinen Arm verloren hat und dass es aussieht, als wäre er abgebissen worden?«
Sheila musste es gelungen sein, die Dringlichkeit der Lage zu vermitteln, denn der Krankenwagen kam, und die beiden Jungen, die sich weigerten, Carl und Ted loszulassen, wurden mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren. Zu dem Zeitpunkt hing die halbe Nachbarschaft in den Fenstern.
Nur ich nicht. Ich schmollte in meinem Zimmer. Dad war bei der Arbeit. Mom war außer Haus, um Besorgungen zu machen. Niemand machte sich Gedanken um Paul. Im Sommer verbrachte er oft den ganzen Tag mit seinen Freunden. Manchmal blieb er sogar abends bei Richie oder Jake, um Pizza oder Burger zu essen, aber dann rief er vorher zu Hause an.
Das Telefon klingelte ein paar Mal, während ich in meinem Zimmer war, aber ich machte mir nicht die Mühe, dranzugehen. Ich durfte nicht telefonieren – das beinhaltete meine Strafe –, und ich würde ganz sicher keine Nachrichten für andere in Empfang nehmen. Meine Eltern hatten keinen Anrufbeantworter, weil mein Dad aus irgendeinem rätselhaften Grund Anrufbeantworter ablehnte. Wie auch immer, Mom hatte das Urteil gesprochen, und ich würde es buchstabengetreu befolgen. Sollte das verdammte Telefon klingeln, so lange es wollte.
Ein paar Stunden, nachdem Richie und Jake mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren worden waren und Paul für immer verschwunden war, kam Mom von ihren Erledigungen nach Hause. Ich hatte den Krankenwagen vorbeifahren hören, mir aber nichts Besonderes dabei gedacht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich dafür zu bemitleiden, dass ich Ärger bekommen hatte.
***
Der Diebstahl war perfekt gelaufen – niemand in dem Laden hatte bemerkt, wie ich die Zigarettenschachtel in die Tasche meiner Jeans gleiten ließ. Meine beste Freundin Tara (die schon riesige Brüste hatte und wesentlich älter wirkte als ihre dreizehn Jahre) lenkte mit unbeholfenem Flirten Marcus Garcia ab, den Achtzehnjährigen hinter dem Tresen, und kaufte dann ein Eis, um unsere Anwesenheit im Laden zu rechtfertigen.
Es war noch früh am Abend, die Sonne noch nicht untergegangen, aber die Schatten wurden länger. Wir waren glücklich, dass die Schule aus war und wir den ganzen Sommer tun und lassen konnten, was wir wollten.
Kichernd und lachend verließen wir den Laden, berauscht von unserer eigenen Macht, und liefen zum nächsten Spielplatz, um unsere Beute zu probieren. Tara hatte aus der Küchenschublade zu Hause ein Heftchen Streichhölzer mitgehen lassen – ihr Vater brachte aus jeder Bar, die er besuchte, eines mit, obwohl er gar nicht rauchte (allerdings besuchte er eine Menge Bars). Wir versteckten uns hinter den Büschen in der Ecke des Grundstücks, weit weg von den Spielgeräten für die Kleinen. Im Sand lagen bereits einige Zigarettenstummel, Beweise für die Anwesenheit anderer jugendlicher Missetäter, und eine leere Flasche Malort. Dazu eine Kondomhülle, die einen weiteren, längeren Ausbruch Gekicher auslöste.
»Von wem könnte die sein?«, fragte Tara. »Muss ja jemand sein, der kein Auto hat.«
Alle wussten: Wenn man ein Auto hatte, konnte man es auf dem Rücksitz tun. Allerdings hatten nicht viele Jugendliche Autos oder auch nur Zugriff auf welche – in einer Stadt mit Bussen und Bahnen bestand nicht wirklich die Notwendigkeit, es sei denn, man wollte Sex haben.
Ich zuckte die Achseln. »Alex Dobrowski wahrscheinlich. Er hat den Führerschein ganz neu, und sein Dad lässt ihn nicht fahren, seit er Gras in seinem Zimmer gefunden hat.«
»Ja, wahrscheinlich«, seufzte Tara. »Der ist so toll.«
»Wer?«, fragte ich stirnrunzelnd. »Alex Dobrowski?«
»Ja, findest du nicht?«
»Nein«, sagte ich, was damals der Wahrheit entsprach. Später habe ich meine Meinung geändert, aber das hätte ich wirklich nicht tun sollen. »Der ist ein Loser. Der wird niemals aufs College gehen oder so was oder überhaupt eine Zukunft haben. Kriegt ständig Ärger wegen irgendwas. Dem steht doch der Jugendknast schon auf die Stirn geschrieben.«
»Ja«, sagte Tara. »Aber die ganzen schlauen Jungs sehen aus wie Bohnenstangen mit Brille, und Alex Dobrwoski hat zumindest ein paar Muskeln.«
»Ist wohl so«, sagte ich. »Aber eigentlich auch egal, oder?«
Ich zog das Päckchen Camel Lights aus der Tasche. Die waren am leichtesten zu kriegen gewesen. Nachdem ich die Cellophanhülle oben abgerissen und neben die Malort-Flasche fallen gelassen hatte, tippte ich jeweils eine Zigarette für jede von uns heraus. Ich steckte meine zwischen die Lippen und schmeckte den fremdartigen Geschmack des Filters auf der Zunge. Der Geruch des Tabaks zog mir in die Nase.
»So doch nicht«, sagte Tara und korrigierte die Lage der Zigarette zwischen meinen Lippen, sodass sie mehr in der Mitte steckte. Sie strich ein Streichholz an und zündete sich ihre an, wedelte es aus, während sie einen langen Zug nahm, und fing sofort so heftig an zu husten, dass der Rauch stoßweise zu ihren Nasenlöchern wieder herauskam wie bei einem kranken Drachen.
Ich riss mich zusammen und lachte nicht, weil man seine beste Freundin nicht auslacht. Besonders nicht, wenn man selbst gleich genauso lächerlich aussehen könnte.
»Wie schmeckt’s?«, fragte ich. Mein Herz raste. Das würde das Erste echt Erwachsene sein, was ich in meinem Leben machte.
Taras Gesicht verzog sich. »Irgendwie eklig. Als würde man einen Aschenbecher auslecken.«
»Oh«, sagte ich und konnte meine Enttäuschung nicht verbergen.
»Versuch du mal«, sagte sie und reichte mir das Streichholzheftchen.
Ich brauchte zwei Versuche, um das Streichholz anzuzünden, und roch kurz einen Hauch von Schwefel, bevor ich die Flamme an die Spitze der Zigarette hielt. Ich atmete ein, langsam und flach, wollte den Rauch eher allmählich in meine Lunge ziehen statt mit Gewalt wie Tara. Die Zigarette glühte auf. Der Rauch fühlte sich heiß und etwas kratzig an. Ich hielt eine Sekunde lang den Atem an und ließ ihn in mir herumwirbeln. Dann blies ich den Rauch vorsichtig in einem langen Strom wieder aus. Es fühlte sich an, als rauschte mein ganzes Blut in den Kopf, und mir wurde kurz etwas schwindelig, bevor mich Erleichterung durchflutete. Ich hatte es getan. Ich hatte zum ersten Mal an einer Zigarette gezogen. Der rauchige Geschmack blieb noch länger in meinem Mund hängen, schmeckte aber nicht unangenehm.
»Du sahst so cool aus!«, sagte Tara anerkennend und stieß mich mit der Schulter an. »Nicht wie ich.«
»Versuch’s noch mal«, sagte ich.
Tara blickte auf die qualmende Zigarette zwischen ihren Fingern, schüttelte den Kopf und drückte sie im Dreck aus. »Ne«, sagte sie, »ist irgendwie nix für mich, schätz ich.«
Ich zog noch einmal, genoss den Schwindel, der darauf folgte. Und dann, ausgerechnet in dem Moment, ging Mrs.Ludwig (die neugierig war wie nur was und in meiner jugendlichen Vorstellungswelt ungefähr hundert Jahre alt, vermutlich aber eher sechzig) an der anderen Seite des Zauns vorbei, der an eine Gasse grenzte. Ihre scharfen blauen Augen weiteten sich, und sie zeigte mit der Dramatik einer Salemerin, die eine Hexe anklagt, auf mich.
»Jessica Campanelli!«, rief sie, und ihre durchdringende Stimme war vermutlich in der gesamten Nachbarschaft zu hören. »Das sage ich deiner Mutter!«
Damit marschierte sie davon, ihre Einkaufstasche schlug gegen ihre Hüfte.
»Scheiße«, sagte ich und drückte die Zigarette aus.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Tara.
»Du brauchst dir ja keine Sorgen zu machen. Deine Mutter wird sie ja nicht anrufen.« Das war eine simple Feststellung, da Taras Mutter vor zwei Jahren abgehauen war und seither niemand wieder von ihr gehört hatte.
»Ich weiß«, sagte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Aber du wirst Ärger kriegen.«
»Ich krieg sowieso immer für irgendwas Ärger. Du hast den Geschirrspüler nicht ausgeräumt, dein Zeugnis ist nicht gut genug, blablabla. Nichts Besonderes«, sagte ich mit vorgetäuschter Lässigkeit. Ich gab ihr das Zigarettenpäckchen. »Versteck die für mich, ja?«
Tara ging nach Hause und ich in Richtung meines Hauses, machte allerdings noch ein paar Umwege, um die unvermeidliche Gardinenpredigt so lange wie möglich hinauszuzögern. Ich dachte, meine Mutter würde vielleicht nicht ganz so ausflippen, wenn sie müde war, aber ganz im Gegenteil: In der Stunde, die ich vertrödelte, drehte sie erst so richtig hohl. Als ich schließlich durch die Tür schlüpfte, war sie wie eine Sonne kurz vor dem Verglühen.
»WO BIST DU DENN GEWESEN MRS. LUDWIG SAGT SIE HÄTTE DICH RAUCHEN SEHEN ICH SCHWÖRE BEI GOTT JUNGE DAME DU BRINGST MICH NOCH INS GRAB WO HAST DU DIE ZIGARETTEN ÜBERHAUPT HER SIE SAGT SIE HAT AUCH EINE FLASCHE ALKOHOL GESEHEN WER HAT DIR ALKOHOL GEKAUFT SAG MIR NICHT DU HÄTTEST NICHTS GETRUNKEN SIE HAT ALLES GESEHEN LASS MICH DEINEN ATEM RIECHEN DU MACHST WIRKLICH NICHTS ALS ÄRGER.«
Natürlich glaubte sie mir nicht, als ich ihr sagte, dass die Flasche Malort schon da gelegen hatte und leer gewesen war. Sie glaubte mir nicht, dass es das erste Mal war, dass ich überhaupt geraucht hatte, dass ich es nur mal probieren wollte. Sie hörte mir überhaupt nicht zu, kein Wort, das ich sagte, und verdonnerte mich dann zu einer Woche Stubenarrest und sagte, ich könne noch froh und dankbar dafür sein, dass es nicht mehr sei.
In diesem Augenblick entschied meine Mutter, dass ich ein Problemkind war, genau wie Alex Dobrowski. Vielleicht war es das, was mich später zu ihm hinzog, als ich beschloss, dass Jungs doch nicht vollkommen nutzlos waren, und mich nach dem Gefühl sehnte, von irgendjemandem in der ganzen weiten Welt geliebt zu werden.
***
Niemand von uns merkte, dass Paul verschwunden war, bis es kurz vor dem Abendessen war und er nicht nach Hause kam. Er war das brave Kind, das Mom und Dad immer ganz genau wissen ließ, wo er war und was er vorhatte, sodass Mom anfing, sich Sorgen zu machen, weil er nicht angerufen hatte, um zu sagen, dass er später kam. Ich dachte nicht, dass Paul tatsächlich in das McIntyre-Haus gegangen sein könnte, und ganz sicher dachte ich nicht an all die Telefonanrufe, die ich nicht entgegengenommen hatte. Mom war erst von ihren Erledigungen nach Hause gekommen, als die ganze Aufregung schon vorüber war und alle zurück in ihre Häuser gegangen waren.
Ich dachte, Paul würde sich noch irgendwo draußen herumtreiben, bis er den Mut aufbrachte, nach Hause zu kommen und sich mir zu stellen, um zuzugeben, dass er ein Feigling war.
Mom rief mich nach unten und fragte »WO IST DEIN BRUDER«, in diesem ganz speziellen, nur für mich reservierten Ton, und ich antwortete: »Keine Ahnung. Ich hatte den ganzen Tag Hausarrest.«
Niemals hätte ich gesagt, dass ich Paul zu der Mutprobe herausgefordert hatte, ins McIntyre-Haus zu gehen. Wenn ihm da draußen auch nur ein Fingernagel abbrach, wäre es meine Schuld, ganz einfach, weil immer alles meine Schuld war.
Sie drehte sich um, stieß einen frustrierten Seufzer aus und sah nach den Shake-n’-Bake-Rippchen, die sie gerade in den Ofen geschoben hatte. Dann sagte sie: »DECK DEN TISCH«, bevor sie den Hörer von dem gelben Wandtelefon nahm, das neben dem gelben Kühlschrank hing.
Alles in unserer Küche war irgendwie gelb (auch wenn Mom es »golden« nannte), abgesehen vom Backkofen, der schwarz war mit silbernen Knöpfen und Türgriff. Die Tapete war hellgelb, bedruckt mit irgendwie altmodisch wirkenden Bildern – Butterfässer, Spinnräder und so was. Der Kühlschrank war leuchtender gelb, was ihn für mich aber immer noch nicht »golden« machte – mehr so wie eine schwarzäugige Susanne im Sommer. Der Linoleumboden ahmte ein weiß-gelbes Schachbrettmuster nach, etwas verblichen da, wo unsere Füße ihn regelmäßig abnutzten. Die Vorhänge am Fenster waren ebenfalls gelb, auch wenn Mom keine besonders pflichtbewusste Hausfrau war und sie oben oft staubig waren, weil sie immer vergaß, sie abzunehmen und zu waschen.
Als ich noch klein war, fand ich die hellgelbe Küche fröhlich, ein Raum, in dem man lachte, leckeres Essen bekam und in dem immer die Sonne schien. Zu der Zeit, als Mom den Hörer abnahm, um die Familien von Pauls Freunden anzurufen, hasste ich die Küche, hasste ihre gezwungene Fröhlichkeit, hasste es, wie ich jeden Abend am Tisch festgesetzt und von mir erwartet wurde, dass ich lächle, selbst wenn mir gar nicht danach zumute war.
Ich knallte die Teller auf den Tresen, und Mom warf mir einen sauren Blick zu, während sie darauf wartete, dass jemand abnahm. Sie öffnete schon den Mund, um mich auszuschimpfen, aber dann kehrte sie mir stattdessen den Rücken zu, weil wer auch immer am anderen Ende der Leitung abgenommen hatte. Ich trug die Teller zum Tisch und ging zum Schrank zurück, um das Besteck zu holen.
»Melissa? Brenda Campanelli hier, Pauls Mom? Ich wollte nur mal fragen, ob Paul vielleicht bei euch ist, um mit Richie zu spielen …« Sie verstummte, und ich konnte hören, wie Richies Schwester sprach, aber ohne ihre Worte zu verstehen.
Melissa hörte sich ziemlich aufgeregt an, und als sie kurz Luft holte, sagte Mom: »Was?«, in einem Ton, der mich innehalten ließ. Dann sagte sie: »War Paul mit ihnen zusammen?«
Eine düstere Vorahnung blubberte in mir hoch. Ich wusste noch nicht, was passiert war, aber ich fürchtete, dass einem der Kinder etwas passiert war. Meine Schuld. Vielleicht hatte sich einer oder sogar mehrere ein Bein gebrochen, weil sie auf eine morsche Holzdiele getreten waren, wie Scott Gunther. In dem Fall würde Paul mich definitiv verraten. Verschwiegenheit würde dann nicht mehr zählen, und ich würde sogar noch mehr Ärger bekommen. Ich wartete, lungerte im Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer herum, eine Handvoll Gabeln in der Hand, während mir die Galle in die Kehle hochstieg.
Mom stand mit dem Rücken zu mir, und ihre Schultern waren hochgezogen, ein sicheres Zeichen für Anspannung. Sie hängte den Hörer ein, nahm ihn wieder ab und wählte eine andere Nummer, ohne sich zu mir umzudrehen. »Shirley? Brenda hier. Ist Paul zufällig bei euch? Ja, das von Richie und Jake habe ich gehört. Melissa hat es mir gerade erzählt, aber es war alles ein bisschen durcheinander. Sie war sehr aufgeregt, verständlicherweise. Aber du hast Paul nicht gesehen? Oh, wahrscheinlich ist er einfach mit dem Fahrrad unterwegs und hat die Zeit vergessen. Wenn du ihn siehst, bist du so nett und sagst ihm, er soll nach Hause kommen?«
Ich stand da und sah, wie ihre Schultern sich mehr und mehr hoben, während sie wieder auflegte und dann jemand anderen anrief und wieder dasselbe Gespräch führte und dann noch einmal und noch mal. Inzwischen waren ihre Schultern bis zu den Ohrläppchen hochgezogen.
Ich weiß nicht, wie viele Anrufe es waren, als es an der Vordertür klopfte. Mom löste sich schnell aus der Telefonschnur, die sie im Lauf der Zeit immer enger um ihre Hand gewickelt hatte, und ging aufmachen.
Inzwischen schien sie nicht einmal mehr wahrzunehmen, dass ich auch noch da war, in Gedanken suchte sie draußen, wo ihr Körper nicht sein konnte, die ganze Gegend nach Paul ab. Ich folgte ihr in den Flur, hielt mich im Hintergrund, die Gabeln immer noch in der Hand. Später fand ich den Abdruck in meiner Handfläche. Er ging lange nicht weg.
Ein Polizist stand vor der Tür, und ich sah, wie Moms Schultern für einen Moment erleichtert herabsanken. Auch wenn Paul etwas angestellt hat, wenn er bei irgendeinem Streich erwischt worden ist, schien ihre Körpersprache zu sagen, sitzt er wenigstens sicher auf dem Rücksitz des Streifenwagens.
Dann fing er an zu sprechen und sagte, dass Paul mit Richie und Jake im McIntyre-Haus gewesen sei. Er sagte, Jakes Eltern hätten versucht, uns aus dem Krankenhaus anzurufen. Ich dachte an das klingelnde Telefon, und mir wurde übel.
Er sagte, dass Richie und Jake schwer verletzt seien und immer noch vollkommen außer Fassung, und dass sie zu denken schienen, dass Paul in dem Haus gestorben sei. Da sackten Moms Schultern herunter, viel weiter, als ich es je für möglich gehalten hätte, als hätten sich alle Knochen in ihrem Körper verflüssigt, und sie sank gegen den Türrahmen.
Der Polizist machte ein mitfühlendes Gesicht und sagte: »Es tut mir leid, Ma’am. Wir haben das Haus bereits durchsucht, und es war keine Spur von Ihrem Sohn zu finden.«
Mom richtete sich ein wenig auf. »Also ist ihm vielleicht doch nichts passiert?«
»Ähm«, sagte er, und mir fiel vollkommen zusammenhanglos auf, dass er sehr jung wirkte. Eigentlich kannten wir alle Polizisten, die in unserer Gegend auf Streife gingen, aber seinen Namen wusste ich nicht. »Ich muss Ihnen noch etwas zeigen. Es tut mir leid. Können Sie mir sagen, ob das Ihrem Kind gehört hat?«
Ich ging etwas näher heran, um zu sehen, was es war. Er hielt eine durchsichtige Plastiktüte hoch, in der sich ein blaues Stück Stoff befand, ein blaues Stück Stoff, das mit Blut durchtränkt war und genauso aussah wie der Ärmel von Pauls Lieblings-Cubs-Shirt, dem, das er getragen hatte, als er am Nachmittag das Haus verlassen hatte. Der Ärmel war in Richies Hand gewesen, als er aus dem McIntyre-Haus gekommen war, weil er versucht hatte, meinen kleinen Bruder zu retten. Er und Jake hatten beide versucht, ihn zu retten, aber Paul war ihnen entglitten.
Kapitel zwei
Die Erwachsenen in der Nachbarschaft glaubten Richie und Jake nicht, dass das Haus Paul verschlungen hatte. Wie konnten sie auch? Zwei hysterische, blutüberströmte Kinder, die von einem Monster redeten, das aus dem Schrank im Obergeschoss gekommen war – wer würde so etwas glauben? Sie hielten es für sehr viel wahrscheinlicher, dass ein durchziehender Serienkiller (oder, um es mit Ted Dobrowskis Worten zu sagen, ein »irrer Psycho-Penner«) meinen kleinen Bruder entführt und getötet hatte.
In der Nähe der Stelle, an der Paul verschwunden war, waren Blutflecken auf den Bodendielen, die diese Theorie zu stützen schienen. Jakes abgerissenen Arm zu erklären allerdings – nun, das erforderte schon etwas mehr Aufwand. Jakes Eltern sagten, der Angreifer hätte eine Axt dabei gehabt und ihm im Blutrausch den Arm abgehackt. Was allerdings nicht erklärte, wieso der Arm verschwunden war – puff –, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Wenn Jakes Arm tatsächlich abgehackt worden wäre, müsste er doch noch irgendwo im Haus zu finden gewesen sein.
Die Leute in der Nachbarschaft fingen an zu sagen, der Mörder hätte den Arm mitgenommen, zusammen mit Paul.
»Irgendeine krankhafte Trophäe«, hörte ich Tanya Ruffio im Supermarkt zu Mary Siderias sagen. Sie hatten ihre Einkaufswagen am Ende des Backwarengangs zusammengeschoben und sprangen schuldbewusst auseinander, als meine Mutter aus dem Nudelgang um die Ecke kam. Mom nickte ihnen nur zu und ging weiter Richtung Mehl.
Mary machte den Mund auf, als wollte sie etwas sagen, aber Tanya stieß sie an, und sie schoben beide ihre Einkaufswagen aus dem Gang hinaus. Ich folgte Mom, zog schlurfend die Schuhe über den hochglänzenden Boden. Sie ließ mich den ganzen Sommer nicht mehr aus den Augen, soweit es ihr möglich war. Nachts im Halbschlaf hörte ich sie manchmal in mein Zimmer kommen, wo sie dann ein paar Minuten einfach nur dastand. Ich konnte nie sagen, ob sie über mich wachte oder kontrollieren wollte, ob ich mich nicht aus dem Haus geschlichen hatte.
Der Zwischenfall im Supermarkt spielte sich vielleicht eine Woche oder so nach Pauls Verschwinden ab, und etwa zwei Wochen danach versuchte mein Vater, das McIntyre-Haus abzufackeln.
Er war untröstlich über Pauls Verschwinden. Er hatte sich nichts inniger als einen Sohn gewünscht. Ich war ein netter Ersatz gewesen, ein paar Jahre lang, aber mehr auch nicht. Als ich noch klein war, hatte er nie zugelassen, dass Mom mir ein Kleidchen anzog oder Pferdeschwänze machte, oder nur zu feierlichen Anlässen. Er brachte mir bei, wie man einen Baseball fängt und mit einem Football rennt. Er kaufte mir Jungen-Turnschuhe und Kordhosen, und während meine Mutter missbilligend mit der Zunge schnalzte, wenn ich vollkommen verdreckt von draußen hereinkam, einen Salamander oder einen Regenwurm vorsichtig in der Hand haltend, war ich der Lieblingsmensch meines Dads, sein Augenstern.
Dann kam Paul zur Welt, und von dem Tag an war ich nicht mehr der Mittelpunkt des Universums, sondern nur noch ein ferner Planet, der irgendwo in den kältesten Gegenden des Sonnensystems kreiste. Meine verschrammten Knie und dreckigen Fingernägel waren nicht mehr niedlich. Ich war fünf Jahre alt und wurde ständig ermahnt, mich »wie eine Lady« zu verhalten. Mom kaufte mir rosafarbene Turnschuhe, und ich nahm sie sofort mit nach draußen, um sie mit Matsch zu verdrecken, wütend und beschämt.
Sobald Paul alt genug war, um mehr als zu krabbeln und zu sabbern, klemmte Dad sich seinen Sohn, seinen heißgeliebten kleinen Jungen, unter den Arm und ließ ihn nie wieder los. Ständig hieß es: »Lust mitzukommen, Kumpel?« oder »Lust, ein bisschen Ball zu spielen, Champ?« Es war unausweichlich, dass Dad auseinanderbrach, als Paul verschwand, genau wie das Loch in der Welt, das in dem alten McIntyre-Haus klaffte. Mom und ich hätten nie gereicht, um ihn zusammenzuhalten.
Die Leute waren nett zu uns. Natürlich waren sie nett, besonders am Anfang. Sie halfen alle mit, in der ganzen Gegend nach Paul zu suchen, auch wenn Jake und Richie ihren Eltern und der Polizei immer wieder sagten, dass Paul von dem Haus gefressen worden war und niemand ihn anderswo finden würde. Wenn die Polizei, ihre Eltern und andere verwirrte Erwachsene sie um eine Erklärung baten, sagten sie nur, dass es ein Monster im Kleiderschrank gewesen war. Aber wer sollte ihnen das mit dem Monster im Schrank glauben, vor allem in ihrem Alter? Sie waren ja schließlich keine kleinen Kinder mehr.
Ted Dobrowski bat Mom um ein Foto, und sie gab ihm Pauls Klassenfoto aus der dritten Klasse, auf dem er ein schiefes halbes Lächeln und einen hängenden Milchzahn anstelle eines erwachsenen Schneidezahns zur Schau trug. Ted brachte das Bild in einen Copyshop, machte »HABEN SIE DIESEN JUNGEN GESEHEN?«-Flyer und verteilte sie an alle. Sie wurden an jeden Telefonmast im Umkreis von zwanzig Blocks gehängt. Sie wurden an Pinnwände im Jugendclub, im Seniorenzentrum und in allen Kirchen geheftet. Aber das alles spielte keine Rolle, denn Paul war von dem Haus verschlungen worden, und niemand sollte ihn jemals wiedersehen.
Die Nachbarn brachten Kroketten-Aufläufe, Thunfisch-Nudel-Aufläufe und Hackfleisch-Lasagne in Einweg-Aluminiumschalen, die mit Folie umwickelt und auf denen mit schwarzem Filzstift die Anweisungen zum Einfrieren und Aufwärmen vermerkt waren. Wenn sie meiner Mutter die Schalen reichten, sagten sie Dinge wie »Keine Sorge, wir finden ihn« und »Wir schließen Sie in unsere Gebete ein«. Aber egal, wie viele Kasserolen sie durch die Tür reichten oder wie viele Gebete sie versprachen, ein Wunder geschah nie, und Paul wurde nie gefunden.
Dad konnte sich sein Leben ohne Paul nicht vorstellen. Er wanderte wie ein Schatten seiner selbst durchs Haus, reagierte auf niemanden, seine Augen blickten leer und starr. Wenn Mom ihn zum Essen rief, schaute er auf die Portion Kroketten-Auflauf oder Thunfisch-Nudel-Auflauf oder Hackfleisch-Lasagne auf seinem Teller und schob sie mit der Gabel hin und her, aber er schien nicht in der Lage zu sein, auch nur einen Bissen zum Mund zu führen. Meine Mutter sagte: »Frank, du solltest etwas essen«, aber er schob das Essen so lange hin und her, bis es überhaupt nicht mehr wie Essen aussah, und dann stand er auf und kippte es in den Mülleimer.
Er fing wieder an zu rauchen, eine Angewohnheit, die er aufgegeben hatte, um Mom davon zu überzeugen, ihn zu heiraten. Innerhalb weniger Tage nach Pauls Verschwinden war er so trocken und entflammbar wie Zunder inmitten einer Dürre. In gewisser Weise war es keine Überraschung, dass er am Ende auch wie Zunder brannte.
***
Es begann genau wie bei Paul. Wir hatten meinen Bruder aus den Augen verloren, und dann verloren wir auch meinen Vater aus den Augen. Mom hatte sich im Schlafzimmer hingelegt, die Vorhänge zugezogen, ein dunkles Tuch über den Augen. Ich war in meinem Zimmer, Kopfhörer auf (U2 dieses Mal; ich konnte nie wieder einen Black-Crowes-Song hören, ohne dass mir übel wurde). Mein Oberkörper hing aus dem Fenster, und ich rauchte eine von Dads Zigaretten. Niemandem fiel es mehr auf, wenn ich nach Zigarettenrauch roch, nicht im Dunst von Dads wiederaufgenommener Gewohnheit, der in jedem Raum hing, ganz egal, wie viele Fenster Mom aufriss.
Obwohl Mom das Bedürfnis hatte, fünfzehnhundert Mal am Tag nachzusehen, ob ich noch da war, wirkte es nicht, als würde sie mir in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit schenken. Ihre ganze Energie ging dafür drauf, Dad am Laufen zu halten und ihn jeden Morgen wie einen Automaten wieder aufzuziehen. Sie konnte keinen einzigen Gedanken an mich verschwenden, während ihr Mann vor ihren Augen auseinanderfiel.
Es machte mir nichts aus, nicht wirklich. Ein tiefer, beschämter Teil von mir fürchtete, dass Mom und Dad erfuhren, dass ich Paul dazu herausgefordert hatte, in das Haus zu gehen. Wenn sie herausfanden, dass ich daran schuld war, dass Paul verschwunden war (niemand in unserer Familie wollte zugeben, dass er tot war oder es auch nur in Erwägung ziehen) – nun, ich war sicher, sie würden mich aus dem Haus jagen und leugnen, dass ich jemals zur Familie gehört habe. Ich war sowieso nichts als eine Belastung – eine Unruhestifterin, die sich in der Schule prügelte, ihre Hausaufgaben nicht machte und den Unterricht schwänzte, wann immer ihr danach war. Paul war das brave Kind – Moms kleiner Engel, Dads Lieblingsjunge. Was kümmerte es sie, ob ich rauchte? Was kümmerte es mich, wenn sie mich nicht beachteten?
Ich rauchte meine Zigarette zu Ende, drückte sie an der Unterseite der Fensterbank aus, wickelte sie sorgfältig in ein Taschentuch und legte sie auf den Boden meines Mülleimers. Kein Grund, Mom dazu zu verleiten, mir noch länger Hausarrest zu geben.
Mein Zimmer ging auf den Hinterhof hinaus. Dort stand ein großer Trompetenbaum, und Dad drohte immer damit, ihn zu fällen, weil er es hasste, die riesigen Samenkapseln, die er jedes Jahr abwarf, wegzuräumen. Er gab Paul einmal in der Woche zwei Dollar, damit er die Schoten zusammenharkte.
Es gab auch einen kleinen Aufstellpool, etwa drei Meter breit und nur einen hoch. Er passte kaum aufs Grundstück – wir hatten einen städtischen Garten, im Grunde nicht mehr als ein briefmarkengroßes Stück Rasen –, aber der Pool hatte sowohl mich als auch Paul bei den anderen Kindern in der Nachbarschaft im Sommer sehr beliebt gemacht. Es war schön, sich irgendwo anders abkühlen zu können als im überfüllten Schwimmbad oder im Michigansee, der bis Mitte August eiskalt war. Dad hatte einen kleinen Schuppen mit Werkzeugen und anderem Gerümpel, und zwischen Pool, Baum und Schuppen blieb gerade genug Platz, um hindurchzugehen.
Unser Garten war von einem hohen Holzzaun umgeben, grenzte auf zwei Seiten an andere Grundstücke und hinten an eine Gasse. Von meinem Aussichtspunkt aus konnte ich den Garten der Walkers zu unserer Rechten sehen. Die Walkers hatten schon sechs Kinder, und Mrs.Walker war mit ihrem siebten schwanger. In dem braunen, fast kniehohen Gras lagen überall Fahrräder, Bälle, Schläger und anderes Spielzeug verstreut.
Auf der anderen Seite befand sich ein ordentlicher, gepflegter Garten voller Tomaten, Zucchini, Mangold und Paprika. Mr.Labriola war ein Witwer in den Sechzigern, der dafür lebte, sein Gemüse mit den Nachbarn zu teilen, ob sie wollten oder nicht. Irgendwann hatte man keine Lust mehr auf Zucchini.
Was unsere drei Häuser von den anderen im selben Block unterschied, war, dass sie nur von einer Familie bewohnt wurden. Normalerweise waren es zumindest zwei. Allerdings weiß ich nicht, wie die Walkers in nur eine Etage hätten passen sollen, um ehrlich zu sein.
Ich saß noch eine Weile am Fenster, bevor ich das Fliegengitter wieder schloss. Dad muss direkt danach in den Schuppen gegangen sein. Wenn ich ihn gesehen hätte oder er mich, hätte das etwas geändert?
Ich dachte, er säße unten vor dem Fernseher. Die Lautstärke war so hoch eingestellt, dass ich ihn durch die geschlossene Tür und meine Kopfhörer hörte. Ich ließ mich aufs Bett fallen, versuchte, nicht an meinen kleinen Bruder zu denken, wie er sagte: »Nenn mich nicht Paulie«, was mir nicht gelang, und beschloss, mir ein paar Kartoffelchips von unten zu holen. Die Schlafzimmertür meiner Eltern war geschlossen, also nahm ich an, dass Mom noch da drin war und schlief.
Der Lärm aus dem Fernseher war deutlich lauter, als ich auf dem Treppenabsatz stand. Verärgert stoppte ich die Kassette in meinem Walkman. Wer konnte schon Bono hören, wenn The Price Is Right durch das Haus dröhnte?
Unten an der Treppe angekommen, steckte ich den Kopf durch die Wohnzimmertür. Manchmal schlief Dad vor dem voll aufgedrehten Fernseher auf der Couch ein. Aber er war nicht im Wohnzimmer. Ich runzelte die Stirn, fand die Fernbedienung unter einem braunen Kordkissen und drehte den Ton leiser....Ende der Leseprobe
