Das Glitzern des Schnees - A.S. Opiolka - E-Book
NEUHEIT

Das Glitzern des Schnees E-Book

A.S. Opiolka

0,0

Beschreibung

Vielleicht wäre es besser, wenn wir einfach Freundinnen blieben. Dann würden keine Erwartungen enttäuscht und keine Herzen gebrochen werden. Auf einem Weihnachtskonzert lernt Jule Nina kennen, und ehe sie sich versieht, kann sie es nicht mehr leugnen: Sie ist bis über beide Ohren verknallt! Doch während ihre beste Freundin ihr erstes Mal kaum erwarten kann, merkt Jule, dass sie trotz Herzklopfen nicht mit Nina schlafen will. Mitten im vorweihnachtlichen Trubel stellt sie sich die Frage, was das für sie und ihre Beziehung zu Nina bedeutet. Aus Angst, Ninas Erwartungen nicht erfüllen zu können, zieht sie sich immer weiter vor ihr zurück. Wird sie sich Nina doch noch anvertrauen? Oder wird Jules Angst dafür sorgen, dass die Beziehung der beiden endet, bevor sie überhaupt begonnen hat?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wichtig:

Jessie ist nicht-binär und verwendet die Neo-Pronomen dey/deren. Wie diese im Sprachfluss genutzt werden, zeigt die Tabelle auf Seite 284.

Triggerwarnung

Liebe Leser:innen, dieser Roman enthält einige wenige Elemente, die eine Belastung darstellen könnten. Ihr könnt sie auf Seite 285 finden.

Wir wünschen allen ein bestmögliches Leseerlebnis und viel Spaß

mit dem folgenden Roman!

Über die Autorin

A. S. Opiolka ist in Duisburg geboren und aufgewachsen, bevor sie dann für ihr Psychologie-Studium nach Bonn zog. Am liebsten schreibt sie daheim bei ihren Eltern im Garten, wobei Musik und eine große Tasse Tee nicht fehlen dürfen. Und wenn sie gerade einmal nicht an einem Manuskript arbeitet, verbringt sie die meiste Zeit in der Natur, wo sie auf ausgedehnten Spaziergängen zahlreiche neue Ideen findet.

Bereits erschienene Titel

Band 1: Das Salz der Meere

Band 2: Das Tosen der Wellen

© A. S. Opiolka

WREADERS E-BOOK

Band 289

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book-Ausgabe

Copyright © 2025 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Bestellung und Vertrieb: epubli, Neopubli GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Mo Weinert

Lektorat: Anna Zauner

Korrektorat: Kristina Butz

Satz: Elci J. Sagittarius

www.wreaders.de

Alle Rechte vorbehalten. Die Nutzung des Werkes für Text- und Data-Mining ist gemäß § 44b UrhG nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Rechteinhabers gestattet. Bei der Erstellung dieses Buches wurde

keine generative KI eingesetzt.

Für den Zauber von Weihnachten.

Playlist

All I Want for Christmas Is You – My Chemical Romance

It’s the Most Wonderful Time of the Year – Andy Williams

Merry Christmas, Kiss My Ass – All Time Low

Merry Christmas (I Don’t Want to Fight Tonight) – Ramones

Bois Lie (feat. Machine Gun Kelly) – Avril Lavigne, mgk

Work Song – Hozier

the lakes – Taylor Swift

End of Me – Ashes Remain

Dying Is Absolutely Safe – Architects

Only If For A Night – Florence + The Machine

It Happened Quiet – AURORA

Do They Know It’s Christmas? – Band Aid

The Little Drummer Boy – Stevie Wonder

Shrike – Hozier

Auld Lang Syne – Michael Schulte

Last Christmas – James TW

Come Home – Sarah Connor

King For A Day – Pierce The Veil, Kellin Quinn

Happy Xmas (War Is Over) – John Lennon, Yoko Ono

Winter Wonderland – Aretha Franklin

We’ll Never Have Sex – Leith Ross

Alone (feat. MGK) – Sleeping With Sirens, mgk

Can’t Help Falling in Love – Elvis Presley

Love Story (Taylor’s Version) – Taylor Swift

Nice try

Kommst du später ins Jugendzentrum?«

Ich schaute von meinem Schreibtisch auf und sah zur Tür hinüber, in deren Rahmen mein Bruder stand. Seine pinken Locken fielen ihm tief in die Stirn.

»Du solltest mal wieder zum Friseur«, sagte ich.

Er verdrehte die Augen und betrat den Raum. »Du lenkst vom Thema ab. Jugendzentrum? Du musst doch unseren neuen Gitarristen in Aktion sehen!«

Ich seufzte. »Muss ich das?«

Sascha nahm auf meinem Bett Platz. Ich hasste es, wenn er das in seiner Jeans tat, verbiss mir jedoch einen Kommentar. Er würde sowieso nicht auf mich hören.

Seine Hände strichen über den schwarzen Bettbezug, wanderten dann weiter zu Herbert. Er nahm die kleine Stofffledermaus hoch, um ihre Flügel schlagen zu lassen.

»Also ich würde mich freuen«, antwortete er schließlich. »Außerdem warst du schon zu Beginn der Herbstferien nicht dabei. Und an Sankt Martin hast du uns auch einen Korb gegeben.«

»Komm mir nicht mit Sankt Martin.« Ich verzog das Gesicht. »Du kennst meine Meinung zu singenden Kindern und offenen Feuern. Vor allem in Kombination.«

Sascha lachte leise. Er legte Herbert zurück auf mein Kissen und sprang vom Bett auf. Der schwarze Teppich schluckte das Tapsen seiner Füße, als er das Zimmer durchquerte, um zu mir zu kommen. Er legte seine Arme um meine Schultern und lehnte seinen Kopf an meinen.

»Juli«, bettelte er. »Du bist meine allerliebste Lieblingsschwester. Der beste Zwilling der Welt. Bitte komm vorbei.«

Mit einem weiteren Seufzen befreite ich mich aus seiner Umklammerung.

»Von welchem Jugendzentrum reden wir denn? Bei uns oder drüben?« Ich dachte an die etwas ranzige Halle im Nachbardorf. Da würde ich bei dem Regen heute bestimmt nicht hinfahren!

»Bei uns«, sagte Sascha.

Ich brummte geschlagen. »Unter einer Bedingung.«

Der Blick meines Bruders hellte sich auf, er grinste siegessicher.

»Du kümmerst dich morgen um das Adventsfrühstück!«, forderte ich.

Das siegessichere Grinsen verschwand.

»Aber du bist dran«, protestierte er. »Haben wir doch extra abgesprochen! Du machst den ersten und dritten, ich den zweiten und vierten Advent.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Willst du jetzt, dass ich zu eurem Auftritt komme oder nicht?« Herausfordernd sah ich ihn an.

»Schon«, sagte er. »Aber Nicki wollte übernachten. Ich kann ihn doch nicht einfach allein ausschlafen lassen. Er wird voll einsam sein.« Er schob seine Unterlippe schmollend hervor.

»Ich weiß genau, was du vorhast. Versuch es erst gar nicht!«, wies ich ihn an. »Ich hab Nicklas echt gerne, aber denk bloß nicht, dass ich wegen deines Schatzes weich werde.«

»War einen Versuch wert.« Sascha grinste schief. »Aber gut: Wenn du heute Abend kommst, mach ich morgen den Tisch. Gehst du Brötchen holen?«

»Nice Try«, spottete ich. »Dann könnte ich ja auch gleich den Tisch decken.«

»Ganz mein Reden!« Sascha drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Ich bin froh, dass wir uns verstehen.«

»Träum weiter!«, sagte ich. Bestimmt schob ich ihn von mir.

Fröhlich pfeifend lief er zur Tür. »Es ist so lieb, dass du mitkommst und das Frühstück morgen machst«, stellte er über seine Schulter hinweg fest. Er grinste mir frech entgegen.

»Ich mache überhaupt nichts«, rief ich ihm hinterher, doch da verschwand er auch schon sang- und klanglos im Flur.

»Sascha?« Ich lauschte auf die sich entfernenden Schritte im Flur. »Sascha, hast du gehört? Frühstück ist dein Job!«, brüllte ich.

Keine Reaktion. Schicksalsergeben wandte ich mich wieder meinen Hausaufgaben zu. Schwere Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheibe neben mir – so viel zu Weihnachtsstimmung! In den letzten Tagen hatte es sich regelrecht eingeregnet, und das schlechte Wetter schien kein Ende nehmen zu wollen. Ich sah aus dem Fenster hinaus in den Garten. Die Obstbäume, um die mein Vater sich so hingebungsvoll kümmerte, standen alle kahl. Bloß die Tannen im hinteren Teil des Grundstücks trugen ihr volles Grün zur Schau.

Früher hatten Sascha und ich dort im dichten Gehölz immer Verstecken gespielt. Ich lächelte bei dem Gedanken.

Mein Handy vibrierte, riss mich aus meinen Erinnerungen. Ich sah auf den Bildschirm. Eine neue Nachricht von Suji.

Hey Bestie :D

Ich dachte, ich mach dich mal neidisch und zeige dir, wie viel Schnee wir gerade haben.

In diesem Sinne: schöne Adventstage dir.

Ein Foto war angehängt. Ich betrachtete die kleine, unter dickem Schnee begrabene Brücke, die über eine zugefrorene Wasserfläche hin zu einem Pavillon führte. Die Fassade des Pavillons strahlte in einem frischen Hellgrün, zu dem dunkelrote Akzente einen scharfen Kontrast bildeten. Das kunstvoll gebogene Dach wurde, ebenso wie die umstehenden Bäume, von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Der gesamte Park sah aus wie eine von Puderzucker überzogene Märchenwelt.

Ich öffnete meine Handykamera, um den Dauerregen vor meinem Fenster zu fotografieren.

Erst verkriechst du dich für ein Jahr nach Seoul und lässt mich hier versauern, und dann folterst du mich auch noch mit so traumhaften Bildern. :(

Ich dachte, wir wären Freundinnen!

Sind wir doch auch! Die allerbesten sogar. ;D

Ich unterdrückte ein Schmunzeln über ihre schnelle Antwort, da trudelte auch schon die nächste Nachricht ein.

Was hast du heute noch so geplant? Lust, zu telen?

Ich warf meinen Hausaufgaben einen abschätzigen Blick zu und zuckte dann mit den Schultern. Die konnte ich auch heute Nachmittag noch machen. Ich drückte auf den kleinen Telefonhörer neben Sujis Kontakt. Während ich darauf wartete, dass sie abnahm, schlurfte ich hinüber zu meinem Bett. Ich kuschelte mich in meine Kissen, breitete die dünne Fleecedecke mit den Charakteren aus The Nightmare Before Christmas über mir aus und lauschte dem Tuten in meinem Handy.

»Na du?«, meldete sich die Stimme meiner besten Freundin.

Ich grinste automatisch. »Na?«

Ich hörte sie leise lachen.

»Was hast du heute so getrieben?«, fragte ich sie.

Sie begann sofort, aufgeregt zu erzählen. »Der Tag heute war so cool! Wir waren im Gyeongbokgung-Palast. Daher auch das Foto. Es war richtig traumhaft dort. Der Pavillon in dem Park –«, sie seufzte leise. »Einfach zum Verlieben.«

Ich wollte ihr gerade zustimmen und das Foto loben, das sie mir geschickt hatte, da redete sie auch schon weiter.

»Später waren wir dann einfach so noch ein bisschen im Schnee unterwegs. Am Nachmittag hat es nämlich noch mal richtig doll angefangen, zu schneien. Es gibt hier so total niedliche Formen, mit denen man kleine Enten aus Schnee machen kann. Die sind gerade total beliebt und echt zum Dahinschmelzen. Ji-na hat Fotos gemacht. Die muss ich dir später unbedingt noch schicken.«

»Ji-na?« Meine Augenbrauen wanderten bei dem Namen ihrer Cousine überrascht in die Höhe. »Ich dachte, ihr mögt euch nicht.« In meinen Gedanken spielte ich all die vergangenen Telefonate ab, bei denen Suji sich darüber beklagt hatte, dass Ji-na ihr bloß die kalte Schulter zeigte.

»Das klingt bestimmt cheesy«, fing Suji an. »Aber der Schnee hat irgendwie alles besser gemacht. Die ganze Stadt ist ein bisschen im Ausnahmezustand. Und ich habe Ji-na lachen hören. Das musst du dir mal vorstellen! Miss Eisprinzessin persönlich.«

»Das ist doch toll«, rief ich begeistert aus. »Vielleicht werdet ihr ja doch noch Freundinnen.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher.« Mit einem Mal klang Suji nicht mehr ganz so ausgelassen wie noch vor wenigen Augenblicken. »Sie ist immer noch mega genervt davon, dass sie ihr Zimmer mit mir teilen muss. Meine Großmutter hat sogar schon angeboten, dass ich bei ihr und meinem Großvater wohnen kann, aber davon will meine Tante ja nichts hören.«

»Damn«, sagte ich leise. »Aber du weißt ja: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Vielleicht muss sie sich nur erst daran gewöhnen, dass du –«

»Jule?«, unterbrach Suji mich. »Ich bin seit fast fünf Monaten hier. Sie hatte Zeit genug, sich an mich zu gewöhnen.«

»Ich weiß ja nicht«, gab ich zu bedenken. »Vielleicht wird das ja doch noch. Vielleicht müsst ihr einfach was finden, das euch verbindet. Irgendwas, woran ihr beide Spaß habt. Schnee-Enten klingen schon mal nach einem guten Startpunkt.«

Ich hatte gehofft, Suji mit diesem letzten Kommentar wenigstens ein leises Lachen entlocken zu können, doch die Leitung blieb stumm. Ich seufzte und entschied mich, dass es wohl besser war, das Thema zu wechseln.

»Nächste Frage: Wie ist die Schule momentan?« Ich stellte mein Handy auf laut, legte es auf den Nachttisch und schnappte mir mein Strickzeug. Schließlich musste der Schal, den ich Papa zu Weihnachten schenken wollte, auch irgendwann mal fertig werden.

»Strickst du schon wieder?«, fragte Suji prompt, als das leise Klappern der Nadeln erklang.

Ich hielt ertappt inne. »Vielleicht?«

Sie lachte leise. »Du bist so eine Omi.«

»Stimmt gar nicht!«, widersprach ich. »Außerdem: genug von mir. Du wolltest von der Schule erzählen.«

»Da gibt es nichts zu erzählen.« Sie schnaufte abschätzend. »Ist ätzend wie immer.«

»Dass ich das mal aus deinem Mund höre«, versuchte ich erneut, sie zum Lachen zu bringen.

»Ohne Witz, Jule! Es ist furchtbar! Ich reiße mir den Arsch auf, aber verstehen tue ich trotzdem nur die Hälfte.« Sie klang aufgebracht. »Ich dachte immer, mein Koreanisch wäre gar nicht so schlecht.«

»Sei nicht so hart zu dir«, versuchte ich, sie aufzumuntern. »Du bist es doch gar nicht gewohnt, Unterricht auf Koreanisch zu haben. Natürlich ist das schwierig für dich. Es erwartet doch niemand von dir, direkt perfekt zu sein.«

»Ich weiß.« Sie klang alles andere als überzeugt. »Die Lehrer:innen sind auch mega nett. Unterstützen mich, wo sie nur können, und sind immer richtig begeistert, wenn ich doch mal was zum Unterricht beitrage. Aber trotzdem …«

»Es ist einfach nicht dasselbe wie hier in Deutschland«, führte ich ihre Aussage zu Ende.

Sie brummte zustimmend.

Ich dachte an das letzte Schuljahr zurück. An all die Einsen, die Suji nach Hause gebracht hatte. Daran, wie stolz sie schon immer auf ihre Leistungen gewesen war. Wie sie sich im Unterricht bei fast jeder Frage hatte melden können. Nun kaum dazu in der Lage zu sein, musste die Hölle für sie sein.

»Das wird noch besser. Garantiert!« Ich bemühte mich, so zuversichtlich wie möglich zu klingen. »Du bist Suji Choi-Schmidt. Du schaffst alles, was du dir in den Kopf gesetzt hast!«

Stille erfüllte die Leitung. Ich legte meine Stricknadeln zur Seite. Ich würde alles dafür geben, sie jetzt in den Arm nehmen zu können.

»Ich wünschte, du wärst hier, um mich so richtig fest zu drücken«, sagte Suji.

Ich lachte auf. »Du liest meine Gedanken«, ließ ich sie wissen.

»Tja, so ist das, wenn man sich literally eine Gehirnzelle teilt«, scherzte sie.

Ich schnaubte leise, nahm meine Stricknadeln wieder auf.

»Was geht eigentlich bei dir ab?«, wollte Suji nach einigen Sekunden wissen. »Wie war die letzte Woche? Irgendwelche Pläne für den Rest des Wochenendes?«

Obwohl sie es nicht sehen konnte, zuckte ich aus Reflex mit den Schultern.

»Nicht viel«, sagte ich, immerhin würde ich vermutlich vor allem an meinen Hausaufgaben sitzen und für die Schule lernen. Aber das Thema wollte ich lieber nicht noch einmal anschneiden. »Heute Abend spielen Falling Leaves im Jugendzentrum«, sagte ich stattdessen. »Sascha hat mich überredet, hinzugehen. Sie stellen ihren neuen Gitarristen vor.«

»Warum musste Sascha dich denn da überreden?«, fragte Suji.

Ich seufzte leise. »Ohne dich ist es einfach nicht dasselbe«, versuchte ich, meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Doch Suji kaufte mir das Ganze nicht ab. »Du hast bloß Schiss«, sagte sie, und ich zuckte zusammen. Sie musste mein Unbehagen gespürt haben, denn sie fuhr deutlich sanfter fort: »Wir haben doch darüber gesprochen: Die anderen hassen dich nicht! Du musst ihnen bloß eine Chance geben. Du willst doch nicht mein gesamtes Auslandsjahr über allein in der Schule herumhocken. Eine neue Freundin. Das schaffst du!«

Ich dachte an unsere Mitschüler:innen. Daran, wie verschieden unsere Interessen waren. Wenn sie wüssten, dass ich in meiner Freizeit am liebsten queere Fanart zeichnete und massenweise Fanfictions las, würden sie sich garantiert über mich lustig machen. »Ich weiß nicht«, brachte ich leise hervor. »Worüber soll ich denn mit denen reden? Und mit wem soll ich mich bitte anfreunden? Die Gruppen bestehen doch alle schon. Ich will mich nicht irgendwo reindrängen.« Ein unangenehmes Rumoren breitete sich in meinem Magen aus. Ich würde es niemals hinbekommen, neue Freund:innen zu finden.

»Ach, Juli. Das hatten wir doch schon hundertmal. Du machst dir da viel zu viele Gedanken«, versuchte Suji, mich zu beruhigen, doch der Knoten in meinem Magen verfestigte sich bloß. Sie hatte gut reden. Für sie war es schon immer leicht gewesen, auf andere zuzugehen und Gespräche anzufangen. Mit ihr an meiner Seite hatte auch ich es geschafft, mich mit den anderen zu unterhalten. Aber seit sie weg war, fand ich einfach keinen Anschluss mehr. »Das wird schon«, riss Suji mich aus meinen Grübeleien. »Ich weiß, dass dir das Angst macht. Aber versuch einfach, über deinen Schatten zu springen.«

Das klang so leicht, wenn sie das sagte. Einfach über meinen Schatten springen.

»Mal schauen«, sagte ich. »Vielleicht ist ja jemand auf dem Konzert, mit dem ich quatschen kann.«

»Ganz mein Reden. Und dann hättet ihr auch direkt ein Thema: Musik.« Ihre Stimme klang viel zu begeistert in meinen Ohren.

Ich wollte ihr gerade sagen, dass sie sich keine zu großen Hoffnungen machen sollte, da hörte ich, wie im Hintergrund nach ihr gerufen wurde. »Das war Ji-na«, verkündete Suji. »Es gibt Abendessen.« Sie zögerte kurz. »Lass später nicht zu, dass dein Kopf dir die Tour vermasselt!«, wies sie mich noch an, dann legte sie auf.

In meinem Magen rumorte es immer noch, doch ich nahm mir fest vor, später mein Bestes zu geben. Mein Blick glitt zur Wanduhr über meinem Schreibtisch. Viertel vor zwölf. Ich hatte keine gute Ausrede, mich nicht doch noch einmal an meine Hausaufgaben zu setzen. Ich startete meine Weihnachtsplaylist, um wenigstens etwas Festtagsstimmung beim Lernen zu haben. Augenblicklich übertönte die All I Want For Christmas Is You-Version von My Chemical Romance das Plätschern des Regens.

Tanz mit mir

Als ich am Abend das Jugendzentrum betrat, war die Halle bereits gerappelt voll. Ich gab meine Jacke mitsamt Regenschirm an der Garderobe ab und ließ meinen Blick über den Trubel gleiten. Ich erkannte einige bekannte Gesichter aus der Schule, doch sie alle standen bereits in dicht gedrängten Grüppchen und waren in angeregte Gespräche vertieft. Da konnte ich mich auf keinen Fall einfach so dazustellen. Ich käme mir bloß fehl am Platz vor. Also ließ ich meinen Blick weiter durch die Halle wandern. Im gesamten Saal waren Lichterketten angebracht worden, die ihr warmes Licht verbreiteten. Wie Sterne funkelten sie von der Decke und ihr Schein brach sich in den Discokugeln. Vorn neben der Bühne war ein stattlicher Weihnachtsbaum aufgestellt worden, der sich unter der Last der roten und goldenen Kugeln krümmte. Auch die Säulen am Rand des Saals waren von tiefem Tannengrün und rot-goldenen Kugeln geziert.

In der Luft hing der würzige Geruch von Fruchtpunsch. An der Seite der Tanzfläche erblickte ich die Tische, die dort bei jeder Veranstaltung als Buffet dienten. Als ich Nicklas’ blonden Haarschopf mit den rosa Spitzen neben einem der Tische erblickte, musste ich unwillkürlich grinsen. Ich ging zu ihm.

»Warum wundert es mich nicht, dass ich dich beim Essen finde?«, fragte ich ihn, während wir uns zur Begrüßung umarmten.

»Ich muss halt meinen Energiebedarf decken. So als angehender Spitzensportler«, sagte Nicklas. Er zwinkerte mir zu.

Ich schmunzelte.

»Aber Spaß beiseite«, sagte Nicklas. »Voll nice, dass du hier bist. Sascha war nicht sicher, ob du kommst.«

»Er hat mir gar keine andere Wahl gelassen«, gab ich zurück. Ich reckte meinen Hals in Richtung Bühne. »Wie lange noch, bis mein werter Bruder uns mit seiner Musik beglückt?«

Nicklas sah auf sein Handy. »O Shit! Noch zehn Minuten. Ich wollte ihm noch Glück wünschen.«

»Na dann tu deine Pflicht, Loverboy!«, zog ich ihn auf.

Mit einem schiefen Grinsen verschwand er in der Menschenmasse. Ich bestellte mir eine Tasse Punsch, bevor ich mir einen Platz am Rand der Halle suchte. Von hier aus hatte ich die Bühne gut im Blick und konnte gleichzeitig das größte Gedränge vermeiden. Aus den Boxen klang It’s the Most Wonderful Time of the Year.

»Hey!«, ertönte eine Stimme neben mir.

Ich fuhr zusammen und sah zur Seite. Nina aus meiner Stufe war neben mir aufgetaucht. Wir waren nie in eine Klasse gegangen, und auch in der EF hatten wir keine Kurse miteinander gehabt. Doch obwohl wir kaum etwas miteinander zu tun hatten, hatte ich sie schon häufiger auf dem Schulhof gesehen. Oft stand sie mit ihren Freundinnen unter der Überdachung vor dem Haupteingang oder saß mit ihnen auf der Wiese in der Nähe der Sportplätze.

»Hey«, gab ich etwas unsicher zurück.

Sie räusperte sich und sah mich erwartungsvoll an. Wollte sie, dass ich noch etwas sagte? Ich durchforstete sämtliche Ecken meines Gehirns nach einer geeigneten Aussage, die meinem wenig kreativen Hey folgen könnte.

»Wir haben Bio zusammen, oder?«, entschied ich mich schließlich für eine Frage. Das war doch ein guter Gesprächsanfang, oder?

Sie nickte. »Und Geschichte.«

Ich reichte ihr meine Hand. »Ich bin Jule.« Innerlich verzog ich das Gesicht. Natürlich wusste sie, wer ich war. Immerhin hatte sie sich an die Kurse erinnert, die wir seit dem Beginn der Q1 gemeinsam besuchten.

»Ich weiß«, ließ sie mich auch prompt wissen. »Du sitzt immer in der letzten Reihe.« Mit einem munteren Lächeln schüttelte sie meine Hand.

»Und du in der ersten«, stellte ich fest.

Sie nickte. Stille breitete sich zwischen uns aus. Ich trank meinen Punsch und musterte sie aus dem Augenwinkel. Sie sah genauso makellos aus wie immer. Ihre braunen Haare fielen ihr in eleganten Locken weit über die Schultern. Ihre Augenbrauen waren sorgsam gezupft, ihr Gesicht dezent geschminkt. Ihre feine Stupsnase wurde von einer gold-braunen Brille geziert, und ihre Lippen schmückte ein Lächeln, während sie das Treiben vor uns beobachtete.

Der dunkelrote Strickpullover, den sie trug, passte perfekt zu ihrer Strumpfhose und dem beigen Rock. Goldener Schmuck funkelte an ihren Ohren. Ein kleiner dunkelgrüner Kristall baumelte an einer filigranen Kette um ihren Hals.

Alles an ihr strahlte Wärme aus. Ich schluckte und hielt inne. Es war seltsam, dass sie hier war.

Ich wandte mich ihr zu. »Was verschlägt dich auf ein Konzert von meinem Bruder? Du bist doch sonst auch nicht dabei«, verbalisierte ich meine Gedanken.

»Führst du Buch?«, fragte sie herausfordernd, während ein leichtes Lächeln an ihren Lippen zupfte.

»Na ja. Meistens kommen neben Saschas Freund:innen nur die Leute vom Clara-Schumann«, gab ich zu bedenken.

»Dein Bruder ist zur EF rübergewechselt, oder?«, fragte Nina, als der Name unserer Nachbarschule fiel.

Ich nickte. »Bei dem Musikprogramm da drüben konnte er einfach nicht anders. Lag unseren Eltern monatelang in den Ohren damit.«

Ich lächelte bei dem Gedanken an die Charme-Offensive, die Sascha gestartet hatte, um seinen Willen durchzusetzen. Er hatte sogar zwei Wochen lang bei jeder Mahlzeit freiwillig den Tisch gedeckt, Mama bei der Wäsche und Papa beim Kochen geholfen. Mein Leben war noch nie so entspannt gewesen wie in diesen Tagen.

»Aber zurück zu dir: Was verschlägt dich hierher?«, bohrte ich nach und gratulierte mir in Gedanken zu den drei Minuten Small Talk, die ich bereits überstanden hatte. Suji würde beeindruckt sein.

Nina deutete mit einem Kopfnicken in Richtung Bühne. »Mein Bruder ist vor ein paar Wochen der Band beigetreten. Heute ist seine Premiere.«

Ich horchte auf. »Dann ist er der neue Gitarrist?«

Sie nickte. »Ich glaube, ich habe Jes noch nie so nervös gesehen wie heute Abend.«

»Sascha war früher auch immer total fertig vor seinen Auftritten.« Ich schmunzelte. »Ist Jes ein Spitzname?«

»Für Jesper«, gab Nina zurück.

Gerade als ich sie fragen wollte, wie lange ihr Bruder schon Gitarre spielte und ob er wie mein Bruder auf das Gymnasium im Nachbardorf ging, flackerten die Scheinwerfer vorn im Saal auf. Ihr Schein richtete sich auf die Bühne.

»Ich glaube, es geht los!«, wisperte Nina neben mir. »Ich bin richtig gespannt.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte ihren Hals.

»Willst du weiter nach vorn?«, fragte ich sie. Ich deutete auf eine Lücke, die sich etwas näher an der Bühne im Publikum aufgetan hatte.

»Aber nur, wenn du mitkommst«, überraschte sie mich.

Ich zögerte. Eigentlich kannte ich Nina ja gar nicht. Wollte ich wirklich den gesamten Abend mit ihr verbringen? Vor meinem inneren Auge sah ich Suji, die mich auffordernd ansah. Ich gab mir einen Ruck und nickte.

Nina schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Ich stellte meine Tasse auf einem der Tische neben uns ab und ließ mich von ihr in die Menge ziehen. Unter den Anwesenden erkannte ich ein paar Gesichter aus dem Nachbardorf, die ich schon häufiger auf den Konzerten meines Bruders gesehen hatte. Weiter vorn erhaschte ich einen Blick auf Saschas Freund:innen. Da waren Lea und Jessie, die sich angeregt mit Leon und Thomas unterhielten. Etwas weiter am Rand standen Daveed und Aaron, die Lippen zu einem liebevollen Kuss verbunden. Ich ließ meinen Blick eilig weiterwandern.

Der Leiter des Jugendzentrums trat auf die Bühne. Er trug einen roten Anzug, dazu einen buschigen weißen Fake-Bart. Ich unterdrückte ein Augenrollen. Jürgen wurde mit jedem Jahr kreativer.

»Ho ho ho«, sprach er ins Mikrofon.

Das Publikum stieß ein gezwungenes Jubeln aus. Es folgte ein kleiner Ausblick auf die Aktionen im Jugendzentrum während der Adventszeit, begleitet von unzähligen schlechten Witzen und Wortspielen.

»Jetzt weiß ich wieder, warum ich das Jugendzentrum normalerweise meide«, raunte Nina und entlockte mir damit ein leises Lachen.

»Er wird einfach immer schlimmer«, stellte ich fest. »Jemand sollte ihm das Mikro wegnehmen.«

»Oder es ihm erst gar nicht geben.«

»In diesem Sinne …«, kam Jürgen zum Ende. Er breitete seine Arme aus. »… überlasse ich die Bühne Falling Leaves, damit hier am Ende nicht nur die Kerzen in Brand gesteckt werden. Rock on, Leute!«

Nina verzog gequält das Gesicht, doch als die Band auf die Bühne trat, war sie mit einem Mal selbst Feuer und Flamme.

Sascha trat ans Mikrofon. Er stellte sich und die Band vor, deutete dann an den Rand der Bühne.

»Und nun: unsere neueste Errungenschaft, Jesper Werner.«

Nina klatschte laut Beifall, während ein schlaksiger Typ auf die Bühne trat. Er trug ebenso wie Sascha eine zerrissene schwarze Jeans und ein T-Shirt der Band. Seine braunen Haare, die den gleichen Glanz hatten wie Ninas, fielen ihm knapp bis auf die Schultern. Ich schätzte ihn ein oder zwei Jahre älter als uns. Er hängte sich seine Gitarre um und spielte ein paar Riffs.

Die Halle jubelte, als Ben anzählte und die Klänge in die ersten Takte von Merry Christmas, Kiss My Ass übergingen. Das All Time Low-Cover hallte durch die Halle. Ehe wir uns versahen, wippten alle im Rhythmus der Musik mit den Köpfen. Die Band spielte ein Lied nach dem anderen, die Stimmung war ausgelassen. Ich hüpfte, tanzte, sang mir die Seele aus dem Leib.

Seit Suji im Juli nach Seoul gegangen war, war ich auf keinem Konzert mehr gewesen. Ich hatte beinahe vergessen, wie viel Spaß es mir machte, mich zur Musik zu bewegen. Ich spürte Franzis Bass sowie den Beat des Schlagzeugs in meinem ganzen Körper. Wurde eingehüllt von Saschas Stimme und den Texten der vertrauten Lieder.

Sie spielten Cover bekannter Weihnachtslieder, aber auch eigene Lieder der Band. Storm’s Roar durfte natürlich nicht fehlen. Während die Band den Song performte, sah Sascha wie gebannt zum linken Bühnenaufgang. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um einen Blick auf Nicklas zu erhaschen.

Ich lächelte, wiegte mich zum Rhythmus der Musik. Ich mochte das Lied. Die ruhigen Klänge, die Sehnsucht in jedem Vers. Schon damals, als Sascha das Lied geschrieben hatte, musste er völlig von Nicklas verzaubert gewesen sein.

Das Lied endete. Sascha fing meinen Blick und grinste breit.

»Zum krönenden Abschluss: das Lieblingsweihnachtslied meiner geliebten Schwester. Hier ist Xmas Time of the Year von Green Day.«

Ich verdrehte meine Augen, doch als die ersten Takte erklangen, konnte ich nicht anders, als mitzusingen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich Ninas Blick, der auf mir lag. Ihr Gesicht war vom Tanzen leicht gerötet. Sie strahlte ausgelassen mit den Scheinwerfern um die Wette.

»Tanz mit mir«, rief sie und griff nach meinen Händen. Ich ließ zu, dass sie mich im Kreis wirbelte, wohlbedacht darauf, nicht mit den Leuten um mich herum zusammenzustoßen. Hand in Hand hüpften wir im Takt der Musik auf und ab, drehten uns dabei immer wieder im Kreis.

Die Band wurde laut jubelnd zu einer Zugabe angestachelt. Als Merry Christmas (I Don’t Want to Fight Tonight) von den Ramones durch den Saal dröhnte, sang ich erneut ausgelassen mit. Für einen Moment war es mir egal, was die anderen dachten. Ob sie es komisch fanden, dass ich die Musik meines Bruders so sehr mochte. Ob ich zu ausgelassen tanzte, zu laut mitsang. Für einen Moment ließ ich mich einfach fallen. So wie früher, als Suji dabei gewesen war. Mein Blick fand Ninas. Ihre Augen leuchteten in einem warmen Braun. Sie lächelte mir zu, drückte meine Hand und führte mich in eine Drehung. Ich folgte ihrer wortlosen Aufforderung, drehte mich unter ihrem Arm hindurch. Dann brachte ich sie meinerseits dazu, sich zu drehen. Ich hörte ihr helles Lachen über das Dröhnen der Musik hinweg und konnte nicht anders, als miteinzustimmen. Es war einfach ansteckend. Vollmundig und befreit, als hätte man pures Glück in eine Melodie verwandelt.

Als die Zugabe endete, verließ die Band unter tosendem Beifall die Bühne. Beinahe bedauerte ich, Ninas Hände loslassen zu müssen. Ich klatschte laut, jubelte meinem Bruder und seinen Freund:innen hinterher.

Die Scheinwerfer wurden gedimmt, das Licht im Saal ging langsam wieder an. Ich sah zu Nina, die immer noch breit grinste.

»Das hat so viel Spaß gemacht«, rief sie. Sie strich sich eine der verschwitzten Strähnen aus dem Gesicht. »War aber auch ziemlich anstrengend. Wie kannst du noch so frisch aussehen?«, fragte sie mich und deutete auf mein Gesicht. »Selbst dein Pony liegt perfekt.«

»Übung macht die Meisterin«, sagte ich, beugte mich dann jedoch verschwörerisch zu ihr. »Außerdem habe ich den Pony mit Wimpernkleber fixiert. Dann verrutscht er nicht.«

»Echt?« Nina hob ihre Hand. Hauchzart strich sie über die hellblauen Fransen.

Ich hielt meinen Atem an, zwang mich, stillzustehen. Die Haare blieben an Ort und Stelle. »Ist ja krass«, sagte Nina. Sie nahm ihre Hand herunter. »Sollte ich mir jemals einen Pony schneiden, werde ich mir den Trick auf jeden Fall merken. Und jetzt: Lass mich meine neue Freundin noch auf einen weiteren Punsch einladen.« Sie deutete in Richtung Buffet, vor dem sich bereits eine immer länger werdende Schlange bildete. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Eine neue Freundin – Suji würde platzen vor Stolz!

Na dann

Es geht doch nichts über einen Spaziergang im Regen«, schwärmte Nina, als wir Seite an Seite das Jugendzentrum verließen. Ihr Kopf wurde von einer dunkelroten Mütze geschmückt, die untere Hälfte ihres Gesichts versank förmlich in einem weich aussehenden braunen Schal. Ich spannte mit gerunzelter Stirn meinen Schirm auf.

»Ich weiß ja nicht.« Ich deutete auf ihre leeren Hände. »Hast du keinen Schirm?«

Sie schüttelte ihren Kopf, mit einem Mal nicht mehr ganz so erfreut über den Regen. »Jesper hat mich auf dem Hinweg mitgenommen, wollte aber später noch zu seiner Freundin fahren.«

Ich deutete ihr mit einem Kopfnicken an, mit unter meinen zu kommen. Dankbar trat sie neben mich.

»Wo müssen wir hin?«, fragte ich.

Sie deutete die Straße hinunter in Richtung des südlichen Wohnviertels des Dorfes. Wir setzten uns in Bewegung. Die Fenster der Häuser auf unserem Weg waren festlich dekoriert. Lichterketten verströmten ihren warmen Schein in der Nacht, und in einigen Wohnzimmern flimmerte das Licht von Flachbildfernsehern. Auf einem davon erhaschte ich einen Blick auf das grüne Fell des Grinches. Schmunzelnd deutete ich darauf.

Nina lachte leise auf. »Jesper und ich haben den Film früher jedes Jahr am vierten Advent geguckt. Der ist so schön!«

»Jesper ist älter als du, oder?«, fragte ich.

Sie nickte. »Schon neunzehn. Aber zweimal sitzengeblieben. Wenn alles gut läuft, schafft er nächstes Jahr sein Abi.«

»Geht er aufs Clara-Schumann?«

»Natürlich. Ohne deren Schwerpunkt in Musik könnte er sein Abi vermutlich direkt vergessen.« Sie verzog das Gesicht. »Er müsste nur mal ein bisschen mehr büffeln. Dann würde er sicherlich auch bessere Noten schreiben. Aber stattdessen verbringt er jede freie Minute mit seiner Musik.«

»Das kenne ich irgendwoher«, schnaubte ich. »Wobei Saschas Noten gar nicht mal so scheiße sind.« Ich zuckte mit den Schultern. »Eigentlich ist es ja schön, dass sie so in ihrem Hobby aufgehen.«

Wir passierten den Marktplatz. Der Brunnen im Zentrum war ebenfalls mit zahlreichen Lichterketten verkleidet worden. Dunkles Tannengrün wand sich um die Figuren und die darin befestigten Weihnachtskugeln funkelten im Licht der kleinen Lämpchen in sanftem Rot. Unsere Schritte hallten auf dem leeren Platz über das nasse Kopfsteinpflaster. Die Absätze von Ninas Stiefeln gaben ein lautes Klackern von sich. Ich fragte mich, wie sie auf den hohen Dingern so ausgelassen hatte hüpfen können.

»Was machst du eigentlich gerne? Also in deiner Freizeit?«, fragte sie mich, während wir in eine der kleineren Straßen abbogen, die vom Markt abzweigten.

Mein Herz sackte ein Stück herab. Da war sie also: die Frage nach meinen Hobbys. Ich fragte mich, was sie wohl gerne in ihrer Freizeit unternahm.

»Da fragst du mich was«, sagte ich, um Zeit zu schinden. Ich lauschte dem Regen, der stetig auf unseren Schirm prasselte, und dachte an das Telefonat mit Suji. »Musik hören ist auf jeden Fall ganz weit oben«, erinnerte ich mich an ihren Tipp mit der Musik. »Und zeichnen«, führte ich fort. Sie musste ja nicht wissen, was ich da zeichnete. Am besten ließ ich die Details aus und konzentrierte mich aufs Grobe. »Ich lese auch gerne. Und ich spiele Klavier, wobei mein musikalisches Talent mit Saschas echt nicht mithalten kann.« Ich atmete auf. Das war gar nicht so schwer gewesen. »Und du?«, fragte ich an Nina gewandt.

»Beim Lesen bin ich schon mal dabei«, ließ sie mich wissen. »Außerdem gehe ich total gerne spazieren. Cozy Abende zu Hause dürfen auch nicht fehlen. Am liebsten bei meiner Oma.«

»Was liest du so für Bücher?«, wollte ich begierig wissen. Ich freute mich, ein Thema gefunden zu haben, in dem wir uns ähnelten.

»Meine Freundinnen lachen mich immer aus, aber am liebsten High Fantasy. Je blutiger, desto besser«, gestand sie mir.

Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Das hätte ich wirklich nicht von dir gedacht.«

»Ich weiß. Laura und Vanessa lesen, wenn überhaupt, nur Romance-Bücher, aber damit kann ich so gar nichts anfangen.«

»Same. Ich bin da auch eher Team Fantasy«, sagte ich. »Außer bei Fanfictions. Die dürfen ruhig so richtig schnulzig sein.«

Ich stockte und schloss für einen Moment resigniert meine Augen. Das hatte ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Da hätte ich mir auch gleich Freak auf die Stirn tätowieren können. Immerhin gab es genug Leute, die Fanfictions total albern fanden.

Doch auf Ninas Gesicht breitete sich ein begeistertes Lächeln aus. »Du liest Fanfictions? Wie cool ist das denn?« Sie hakte sich kurzerhand bei mir unter. »In welchen Fandoms bist du so unterwegs?«

Ich atmete erleichtert auf und ließ mich von ihrer Energie anstecken. Es schien ganz so, als hätte ich eine Gleichgesinnte gefunden. Wer hätte das gedacht?

Ich begann, ihr meine Fandoms aufzuzählen. Während ich redete, wurde das Glitzern in Ninas Augen immer stärker.

»Jule«, setzte sie schließlich an, als ich meine Auflistung beendete.

Ich sah in ihre braunen Augen, die mich warm anfunkelten.

»Wir werden uns ganz wunderbar verstehen«, stellte sie fest. »Und wir müssen unbedingt einen Serienmarathon zusammen machen. Und einen Leseabend!« Sie sah mich abwartend an.

»Sehr gerne«, sagte ich mit einem Lächeln.

Nina neben mir wurde langsamer, deutete auf ein Mehrfamilienhaus ein paar Meter vor uns. »Wir sind da«, sagte sie.

Ich meinte, beinahe so etwas wie Bedauern in ihrem Blick zu sehen. Wir kamen zum Stehen.

»Danke, dass du mich hergebracht hast«, bedankte sie sich bei mir.

»Gern geschehen.«

Keine von uns machte Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Sekunden verstrichen, zogen sich zu Minuten. Die Weihnachtsbeleuchtung der Häuser vermischte sich mit dem Schein der Straßenlaternen, hüllte die Straße in ein sanftes Licht. Der Regen prasselte unaufhörlich auf unseren Schirm.

»Na dann«, sagte Nina schließlich. Sie sah in Richtung des Hauses.

»Na dann«, gab ich zurück.

Ein Ruck schien durch Nina zu gehen. Mit einem Mal schlang sie ihre Arme um mich. Ihr Geruch trat in mein Bewusstsein. Zimt und Vanille. Reine Wärme.

Unbeholfen erwiderte ich ihre Umarmung, löste mich dann wieder von ihr.

»Schreib mir, wenn du zu Hause bist. Ich bin in der Stufengruppe«, verabschiedete sie sich und trat unter dem Schirm hervor. Regen tropfte auf ihre Mütze, auf ihr Gesicht. Mit einem schüchternen Grinsen drehte sie sich noch einmal zu mir um. »Ich meine das ernst: Wir brauchen einen Leseabend!«

Ich schlug meine Hacken zusammen und salutierte scherzhaft.

»Schlaf gut«, rief ich ihr hinterher, während sie den kleinen, von Fahrradständern flankierten Weg zum Haus entlanglief.

»Du auch.« Ihre Stimme verhallte in der Nacht. Sie verschwand hinter der grünen Tür mit der Nummer 13 darauf.

Ich trat meinen Rückweg an. Zügig lief ich durch die stillen Gassen des Dorfes. Unaufhaltsam prasselte der Regen auf mich nieder. Das Klopfen der Tropfen mischte sich mit dem Klang meiner Schritte sowie dem vereinzelten Ruf der Vögel in den Baumkronen über mir. Ninas Duft, der sich in meinem Schal verfangen hatte, drang süß in meine Nase.

Wärme breitete sich in mir aus. Sie hatte mich nicht für meine Hobbys verurteilt. Im Gegenteil: Sie las auch Fanfictions! Es schien tatsächlich, als hätte ich heute Abend eine neue Freundin gefunden!

so richtigforest-witchy

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, zauberte die Erinnerung an den vorherigen Abend augenblicklich ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich lauschte in die Stille des Hauses und sah auf mein Handy. Kurz nach acht. Kurzerhand beschloss ich, meinem Bruder eine Freude zu bereiten. Ich schälte mich aus der Bettdecke, die sich wie ein Kokon um meinen Körper geschlungen hatte. Auf leisen Sohlen tapste ich zu meinem Kleiderschrank, wo ich mir wahllos eine zerrissene schwarze Jeans, ein Bandshirt und dazu eine einfache schwarze Strickjacke angelte.

Der Regen hatte aufgehört, wodurch ich den Schirm getrost zu Hause lassen konnte, als ich den Weg zum Bäcker antrat. Ich zog mir die schwarze Mütze mit den kleinen Totenköpfen noch ein Stück tiefer in die Stirn. So kalt wie es war, würde es bald vielleicht doch noch schneien!

Ich kramte mein Handy aus der Tasche meines Mantels, um es mit meinen Kopfhörern zu verbinden. Ich startete meine Gute-Laune-Playlist. Bois Lie von Avril Lavigne und Machine Gun Kelly erklang in meinen Ohren. Ich dachte an all die Male, die Sascha und ich das Lied gehört hatten. Als das Album herausgekommen war, war es quasi nonstop aus unseren Zimmern gedrungen. Unsere Eltern hatten wir damit beinahe in den Wahnsinn getrieben.

Das Dorf lag verschlafen vor mir, kaum jemand war unterwegs. Bloß ein paar Rentner:innen schoben ihre Rollatoren vor sich her, die Henkel bereits mit Jutebeuteln beladen, aus denen oben verräterisch die Tüten vom Bäcker herauslugten. Ich winkte unserer Nachbarin, die mir grüßend zulächelte.

Vor dem Bäcker hatte sich eine Schlange gebildet. Gerade als ich meine Augen verdrehen wollte, erkannte ich die letzte Person in der Ansammlung an Dorfbewohner:innen. Ich unterdrückte ein Grinsen.

»So schnell sieht man sich wieder«, begrüßte ich Nina und nahm mir die Kopfhörer aus den Ohren.

Sie drehte sich zu mir um. Ein strahlendes Lächeln zierte ihre Lippen. »Jule! Wie schön.« Sie zog mich in eine schnelle Umarmung. Vanille und Zimt.

»Lass mich raten: Adventsfrühstück?« Ich deutete mit einem Kopfnicken in Richtung Bäcker.

»So was Ähnliches«, gab sie zurück. »Ich dachte, ich gönne mir mal was.«

»Immer gut. Weißt du schon was?«, hakte ich nach. Im Kopf ging ich meine eigene Liste durch. Mohnbrötchen für Mama und Papa, zwei Rosinenstütchen für Sascha, zwei normale Brötchen und ein Croissant für Nicklas. Ein Schokocroissant für mich selbst.

Nina zuckte mit ihren Schultern. »Ich lasse mich von den Auslagen inspirieren.«

Die Schlange rückte ein Stück nach vorn.

»Wie hast du geschlafen?«, fragte ich.

Nina schlang sich ihren Schal noch etwas enger um den Hals. »Wie ein Baby. Ich habe völlig unterschätzt, wie anstrengend so ein Konzert ist.«

»Warst du echt noch nie auf einem?«

Sie nickte. »Leider ja. Ich wollte letztes Jahr zu Florence + The Machine, habe aber keine Karten bekommen.«

»Die kenne ich sogar«, freute ich mich über den Namen der Band. »Die sollen live krass gut sein!«

»O ja«, schwärmte Nina. »Ich habe ständig Clips von denen auf meiner TikTok-For-You-Page. Florence hat einfach eine Hammerstimme.« Ihre Augen funkelten, und zu sehen, wie sehr sie sich für ihre Lieblingsband begeisterte, sorgte dafür, dass ich mich augenblicklich entspannte. Denn wenn sie selbst derart stark für ihre Interessen brannte, würde sie meine eigene Begeisterung garantiert nicht seltsam finden.

»Was hörst du sonst so?«, wollte ich wissen, woraufhin Nina bereitwillig begann, aufzuzählen.

»Hozier, Noah Kahan, aber auch Taylor Swift. Von ihr aber vor allem Folklore, Evermore und THE TORTURED POETS DEPARTMENT.«

»Voll der nice Vibe. So richtig forest-witchy«, stellte ich fest.

Das Lächeln, das sich auf ihren Lippen ausbreitete, war Gold wert. Sie wandte ihren Blick ab und sah in Richtung Bäckerei. Die Schlange setzte sich abermals in Bewegung.

»Du hörst vor allem so Metal und Emocore, oder?« Sie deutete auf meinen Jutebeutel, auf dem der altbekannte Bring Me The Horizon-Regenschirm aufgedruckt war.

Ich nickte.

»Fand ich auch schon immer spannend, aber ich wusste nie so ganz, wo ich anfangen soll. Ich mag halt dieses Rumschreien leider gar nicht.« Nina verzog entschuldigend das Gesicht.

Mittlerweile hatten wir beinahe den Eingang des Geschäfts erreicht.

»Screamo ist auch nicht so meins«, sagte ich, als mir eine Idee kam. »Wir könnten ja zusammen eine Playlist machen. Du packst ein paar deiner Lieblingslieder rein, und ich suche Emocore-Songs ohne Rumschreien raus.«

»Mega gerne!«

»Der Nächste bitte«, tönte eine auffordernde Stimme aus dem Inneren der Bäckerei.

Nina betrat den Laden, um ihre Bestellung aufzugeben. Sie entschied sich für eine Laugenbrezel und ein Schokostütchen. Danach war ich an der Reihe.

Als wir wieder auf dem Parkplatz vor der Bäckerei standen, deutete sie grinsend auf meinen zum Bersten gefüllten Beutel. »Das sieht aus, als hättest du einen Großeinkauf gemacht.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nicklas ist zu Besuch. Der futtert immer wie eine gesamte Fußballmannschaft.«

Die kalte Winterluft brachte mein Gesicht zum Brennen. Fröstelnd zog ich den Reißverschluss meiner Jacke bis nach ganz oben.

»Wir sollten zusehen, dass wir ins Warme kommen«, sagte Nina, begleitet von einem leichten Zähneklappern.

Wir liefen noch gemeinsam bis zur Hauptstraße, von wo aus wir in entgegengesetzte Richtungen weitermussten.

»Na dann«, sagte Nina.

Unwillkürlich dachte ich an den vergangenen Abend.

»Na dann«, gab ich zurück, was Nina ein leises Lachen entlockte.

»War schön, dich getroffen zu haben. Wir sehen uns Dienstag in Bio«, verabschiedete sie sich schließlich von mir.

Gerade als ich dachte, sie würde sich ohne Umarmung auf den Weg machen, schlangen sich ihre Arme doch noch um mich.

Ich drückte sie kurz an mich, winkte ihr dann noch einmal zu, bevor ich mich umdrehte und nach Hause stiefelte.

Die Knochenbrecherin

Du bist wirklich meine absolute Lieblingsschwester«, begrüßte Sascha mich, als ich beladen mit den frischen Brötchen die Küche betrat.

»Schon klar«, sagte ich und stellte die Brötchentüte auf der Anrichte ab. Die Kaffeemaschine verströmte bereits ihren himmlischen Duft, und Nicklas war gerade damit beschäftigt, weihnachtliche Motivtassen auf dem Küchentisch zu verteilen. Im Hintergrund spielte leise eine der Best of RockChristmas-CDs meiner Eltern. Ich nahm eine von Mamas verzierten Schalen aus dem Schrank, um sie mit den Brötchen zu befüllen.

»Euer Auftritt gestern war übrigens super«, wandte ich mich an meinen Bruder. »Der Neue macht seine Sache gut.«

Nicklas nickte zustimmend. Er schlang von hinten seine Arme um Sascha, während dieser am Herd stand und für jeden ein Spiegelei briet. Er drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, stellte sich dann neben ihn, um Gurken und Tomaten zu schneiden.

Ich setzte mich auf die Theke, wo ich die Beine baumeln ließ. Immerhin hatte ich schon die Brötchen geholt.

Sascha drehte sich zu mir um. »Mit wem hast du gestern Abend eigentlich getanzt?«

»Das war Nina, oder? Sitzt die nicht mit uns in Bio?«, schaltete sich Nicklas ein.

Ich nickte.

»Den Namen hab ich ja noch nie gehört«, stellte Sascha fest. »Neue Freundin?« Er holte zwei fertige Spiegeleier aus der Pfanne und schlug drei weitere auf. Als er sich wieder zu mir drehte, zuckte ich gespielt desinteressiert mit den Schultern.

»Vielleicht.«

Sascha zog eine Augenbraue hoch, und nun gelang es mir beim besten Willen nicht mehr, die Fassade aufrechtzuerhalten. Ich lächelte.

»Sie ist Jespers Schwester und kannte sonst niemanden.« Ich sprang von der Theke und schnappte mir eine von Nickis Tomaten. »So sind wir ins Gespräch gekommen. Sie ist echt nett. Und vorhin hab ich sie auch noch mal beim Bäcker getroffen.« Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Wir wollen sogar eine Playlist zusammen erstellen.«

»Warum wundert mich das nicht? Du könntest einfach mit Nicki und den anderen abhängen, aber stattdessen musst du unbedingt dein eigenes Ding machen«, scherzte Sascha, doch ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass das Ganze an ihm nagte.

»Ach, Sascha.« Ich drängte Nicklas zur Seite, um mich neben meinen Bruder an den Herd stellen zu können. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter. »Das hatten wir doch schon hundertmal!« Ich sah dabei zu, wie das Eiklar in der Pfanne langsam weiß wurde. »Jessie und die anderen kennen sich schon ewig. Es wäre voll awkward, wenn ich mich jetzt an die Gruppe dranhängen würde, nur weil Suji nicht da ist.«

»Aber mich haben sie doch auch easy bei sich aufgenommen«, sagte Nicklas mit gerunzelter Stirn.

»Das zählt nicht!«, widersprach ich. »Jessie hat dich praktisch adoptiert. Außerdem«, ich piekste Sascha in die Seite, »ist es wichtig, dass wir unsere eigenen Freund:innen haben. Ich will nicht enden wie diese Klischee-Zwillinge, die sich am Ende tierisch auf den Sack gehen, weil sie nie Ruhe voreinander haben.«

Sascha brummte leise. Er war nicht überzeugt.

»Außerdem ist Nina wirklich cool«, sagte ich, während er die Spiegeleier wendete, damit sie oben nicht glibberig wurden.

»Gehört sie nicht zu diesen Basic-Mädels, die gefühlt alle geklont sind?«, fragte Sascha. Er verzog das Gesicht. »So sah sie gestern jedenfalls aus.«

»Sei nicht so intolerant!«, schimpfte ich und nahm meinen Kopf von seiner Schulter.

Ich dachte an die Mädchen, mit denen Nina normalerweise in der Schule herumhing.

»Und selbst wenn: Nur weil sie einen ähnlichen Stil haben, müssen sie ja nicht automatisch alle gleich sein. Schau dir uns an! Und wir sind noch dazu Zwillinge. Trotzdem kann man mich mit Horrorfilmen jagen, obwohl du nichts anderes guckst. Du hasst es, zu baden, und ich würde, wenn ich könnte, den ganzen Tag in der Wanne verbringen. Du liebst deine Grillwürstchen, und ich bin mehr oder weniger Vegetarierin. Soll ich weitermachen?«

Sascha hob geschlagen seine Hände. »Ich entschuldige mich. Ich bin mir sicher, Nina ist ein ganz wundervoller und eigenständiger Mensch«, stichelte er.

Manchmal brachte er mich echt zur Weißglut!

»Ist sie wirklich!«, ließ ich meinen Bruder wissen. »Sie mag Fantasy, liest Fanfictions und hört so richtig nicen Folkrock. Hozier, Florence und so.«

»Sicher, dass du nicht eher billigen Radio-Pop meinst?« Er zog herausfordernd eine Augenbraue hoch.

»Chillt mal! Wir haben Advent, also seid weihnachtlich«, sagte Nicklas. »Außerdem hat es gar keinen Sinn, den Musikgeschmack anderer Leute zu judgen!«, wandte er sich an seinen Freund. »Nina könnte der größte Pop-Fan und trotzdem ein netter Mensch sein.«

»Hast ja recht«, grummelte Sascha. Er hielt mir seine Hand entgegen. »Frieden?«

Ich schlug ein. »Frieden!« Ich hielt seine Hand fest, als er sie zurückziehen wollte. »Aber nur, wenn du versprichst, Nina eine Chance zu geben. Sie ist echt korrekt!«

Sascha verdrehte seine Augen. Ich übte Druck auf seine Hand aus. Er verzog das Gesicht, versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. »Ist ja schon gut. Ich verspreche es!«

Ich ließ seine Hand los.

Er schüttelte sie aus und rieb sich mit den Fingern der anderen über den Handrücken. »Kein Grund, mir gleich sämtliche Knochen zu brechen.«

Ich grinste zufrieden. »Ich finde gut, wie wir das geklärt haben.«

»Ja, ja. Ich habe einen Vorschlag für einen neuen Spitznamen für dich: die Knochenbrecherin«, sagte Sascha. Er holte die Spiegeleier, die über die Dauer unserer Diskussion etwas knusprig geworden waren, aus der Pfanne.

»Ich gehe die Eltern wecken«, verkündete er und tapste aus der Küche. »Ihr könntet ja schon mal Kaffee und O-Saft ausschenken.«

Musik

Den übrigen Sonntag verbrachte ich in meinem Zimmer, machte ein paar Hausaufgaben und zeichnete. Strich für Strich nahmen die Gesichter der Black Veil Brides-Mitglieder auf dem Papier Form an. Wenn das Bild fertig war, würde ich es Sascha zu Weihnachten schenken. Drei Mitglieder waren bereits fertig, das vierte skizziert. Ich lag gut in der Zeit.

Neben mir auf dem Schreibtisch brannte eine Duftkerze. Die kleine Flamme flackerte im Rhythmus meines Atems, verbreitete einen weihnachtlichen Bratapfelduft, der perfekt zu der dampfenden Tasse Tee daneben passte.

Nebenan hörte ich Sascha gedämpft proben. Die Klänge seiner Akustikgitarre drangen, begleitet von seiner tiefen Stimme, durch die Wand zwischen unseren Zimmern. Er spielte klassische Weihnachtslieder. It’s Beginning to Look a Lot Like Christmas erinnerte mich daran, dass auch ich langsam anfangen sollte zu üben, wenn ich mich bei unserem alljährlichen Weihnachtsessen mit der Verwandtschaft am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht völlig blamieren wollte.

Gerade als ich mich nach unten ins Wohnzimmer zum Klavier schleppen wollte, vibrierte mein Handy. Ich sah auf das Display. Nina hatte mir geschrieben.

Lass uns gemeinsam eine Playlist erstellen. Tritt bei und bearbeite sie: Emo and Folk – the perfect Mix ♥

Wir wollten ja eine Playlist machen. Ich war mal so frei. :)

Hab auch schon was reingepackt.

Ich klickte auf den Link, der mich zu der Playlist leitete. Eilig verband ich mein Handy mit der kleinen Bluetooth-Box auf meinem Schreibtisch und startete das erste Lied. Work Song von Hozier. Leise Musik erfüllte mein Zimmer. Viel ruhiger als alles, was ich normalerweise hörte. Doch es gefiel mir. Sehr gut sogar. Die Lyrics waren sehnsuchtsvoll und unendlich romantisch. Ich schluckte, schloss für einen Moment meine Augen. Genau so eine alles verschlingende Liebe wünschte ich mir.

Der nächste Song begann. Ein Blick aufs Display verriet mir den Titel: the lakes von