Das Glück am Ende des Weges - Fioly Bocca - E-Book

Das Glück am Ende des Weges E-Book

Fioly Bocca

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Beschreibung

Alma will ihre große Liebe vergessen. Seit Bruno sie verlassen hat, kann die junge Buchhändlerin vor Liebeskummer nicht mehr schlafen. Frida will ihre große Liebe festhalten. Seit ihr Mann Manuel gestorben ist, liegt ihr Leben in Scherben. Die Psychologin kann nicht mehr arbeiten, sie hat Angst, dass die Zeit die Erinnerungen an Manuel auslöscht. Zwei Frauen, die glauben, alles verloren zu haben, begegnen sich auf der Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Auf dem Weg durch malerische Hügel und verträumte Dörfer werden Alma und Frida zu Freundinnen und erkennen, dass das Leben sie noch lange nicht aufgegeben hat. Denn manchmal liegt im größten Schmerz das kleine Glück. Und manchmal muss man fortgehen, um bei sich selbst anzukommen.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Fioly Bocca

Das Glück am Ende des Weges

Ein Jakobsweg-Roman

 

 

Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein

 

Über dieses Buch

Alma will ihre große Liebe vergessen. Seit Bruno sie verlassen hat, kann die junge Buchhändlerin vor Liebeskummer nicht mehr schlafen.

Frida will ihre große Liebe festhalten. Seit ihr Mann Manuel gestorben ist, liegt ihr Leben in Scherben. Die Psychologin kann nicht mehr arbeiten, sie hat Angst, dass die Zeit die Erinnerungen an Manuel auslöscht.

 

Zwei Frauen, die glauben, alles verloren zu haben, begegnen sich auf der Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Auf dem Weg durch malerische Hügel und verträumte Dörfer werden Alma und Frida zu Freundinnen und erkennen, dass das Leben sie noch lange nicht aufgegeben hat. Denn manchmal liegt im größten Schmerz das kleine Glück. Und manchmal muss man fortgehen, um bei sich selbst anzukommen.

Vita

Fioly Bocca studierte Literaturwissenschaften und Verlagswesen. Mit ihrem Debütroman «Das Glück der fast perfekten Tage» gelang ihr in Italien auf Anhieb ein Bestseller. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in den malerischen Hügeln von Monferrato unweit von Turin.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel «L’emozione in ogni passo» bei Giunti Editore S.p.A., Florenz.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«L’emozione in ogni passo» Copyright © 2016 by Giunti Editore S.p.A.

Covergestaltung FAVORITBUERO, München

Coverabbildung Jose Arcos Aguilar, gregorioa/Shutterstock

ISBN 978-3-644-20030-2

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

«Das Leben eines jeden Menschen

ist eine stetige Wanderung.»

Erri De Luca

Für meinen Vater,

der mich gelehrt hat, dass jede Reise

mit einem ersten Schritt beginnt.

1Ein Heft und eine Karte

Auf dem Jakobsweg

An einem komplett fremden Ort aufzuwachen gleicht einer Wiedergeburt.

Alma kannte das von klein auf, schon als Mädchen hatte sie bei jeder Reise dieses runde, perfekte Gefühl von einem Neuanfang, von einem Tag, der mit weit geöffneten Türen beginnt. Hinter jeder Türschwelle warten neue Möglichkeiten, neue Wegweiser für das Leben.

Wie schade, dass man bestimmte Momente nicht festhalten kann. Wie das Erwachen in andalusischen Pinienwäldern, wenn man die Nase aus dem Zelt steckt und den Duft von Meer und Eukalyptus atmet. Es wäre so schön, könnte man die Zeit davon überzeugen, dass sie sich getäuscht hatte, dass sie gerast war, wo sie doch hätte gemächlich gehen müssen. Fehler machen wir alle mal – heute Nacht werde ich im Schlaf wieder achtzehn Jahre alt sein, das Studium steht noch bevor, und wir tun so, als hätte es die Vergangenheit nicht gegeben. Gib du sie mir zurück, dafür verzeihe ich dir deine Fehler, Zeit, du seltsamer Freund!

 

Darüber denkt Alma jetzt nach, in diesem Zimmer einer kleinen Pension im französischen Saint Jean Pied de Port, während sich die Morgendämmerung ankündigt. Nach einem anstrengenden Tag im Flugzeug, in Zügen und Bussen, war sie gestern bei Sonnenuntergang hier angekommen. Alle Anschlüsse hatte sie gerade so gekriegt. Und zwar deshalb – da ist sie sich sicher –, um genau zu diesem Zeitpunkt auf genau dieser Brücke stehen zu können. Bei ihrer Ankunft wurde sie von dem fließenden Rot des Himmels begrüßt, der sich bis zur Straße hinabneigte, sich übers Kopfsteinpflaster ergoss, während eine Schar fröhlicher Kinder hinter einem Ball herrannte und der Fluss unter der Brücke die Farben des nahenden Abends widerspiegelte.

 

Sie öffnet das Zelt nun ganz und macht sich ein Bild vom beginnenden Tag: Grau sieht er aus, richtig bleiern, so ganz anders, als ein Morgen im Juni eigentlich sein sollte. Eine Wiedergeburt im Sommer mit Temperaturen wie im Herbst – ob das ein gutes Vorzeichen ist, fragt sich Alma, während sie ihre Wanderstiefel bindet. Dann betrachtet sie ihren Rucksack, der in den nächsten Wochen ihr einziger Reisebegleiter sein wird. Darin ist nur das Nötigste, den einzigen Luxus, den sie sich gönnt, sind ein Reiseführer, ein Notizheft und ein Buch von Coelho, dessen Titel den Namen ihrer Reise trägt: Auf dem Jakobsweg. Sie weiß jetzt schon, dass sie streckenweise das schwere Gepäck verfluchen wird, sie weiß aber auch, dass alles, was sich darin befindet, in der nächsten Zeit ihr Zuhause sein wird. Denn ab sofort bedeutet Zuhause für sie ein sauberes T-Shirt, eine Taschenlampe, Arnikasalbe für schmerzende Beine, und das war’s dann auch fast schon.

Während sie ihre Haare zusammenbindet, fragt sie sich, ob es nicht eine Methode gibt, um die Überreste lästiger Träume zu verscheuchen und die Sehnsucht gleich mit dazu. Die Zeit, der seltsame Freund, ist an allem schuld, er konnte ihr das unbeschwerte Gefühl nach dem Aufwachen gar nicht schnell genug rauben.

Das Vollständige, das fehlt ihr jetzt. Auf der Hälfte der Strecke, zwischen dreißig und vierzig, erscheint ihr der Weg vorgezeichnet zu sein. Als würden die Dinge, die sie nicht hat oder die sie verloren hat, sie viel treffender charakterisieren als jene, die sie einst besaß.

Aber vielleicht kommt ja doch noch etwas, und die Karten werden neu gemischt, denkt Alma, während sie zum Frühstücken geht. Es muss einfach noch etwas kommen.

 

Nach Kaffee und Baguette mit Butter und Marmelade ruft sie ihre Eltern an. «Mama, ja, alles okay. Ich weiß, dass es sehr früh ist, ja, ich geh gleich los. Natürlich pass ich auf, ich melde mich von unterwegs, schönen Gruß an Papa.»

Sie lässt ihren Pilgerausweis abstempeln, es ist der erste Stempel einer langen, noch folgenden Serie, und holt aus dem Rucksack, was in den nächsten Tagen unverzichtbar sein wird: den handgeschriebenen Zettel mit den Ortsnamen und eine detaillierte Karte vom Französischen Jakobsweg.

Jetzt ist sie bereit. Jede Reise lehrt einen eine bestimmte Art der Bewegung, und Alma weiß noch nicht, wie weit weg sie diese Reise hier führen wird. Sie hat noch nicht gelernt, dass Entfernung nicht die Zahl an Kilometern ist, die ihre Füße abgelaufen haben, sondern die, die sie noch vor sich hat, um zu sich selbst zu finden.

 

Sie schlüpft durch die Tür, schnürt ihre Jacke enger, um sich vor der Kälte und dem Nebel zu schützen – einsam, ganz plötzlich einsam an diesem Tag, der gerade geboren wird.

2Der Rhythmus der Herzen

September, neun Monate zuvor

In diesem Jahr zog sich der Sommer mit seiner ausdauernden Hitze bis in den Herbst hinein, und Mitte September unterschieden sich die Tage in keiner Weise von jenen Anfang August. Nur die Schatten, die sich über die Hügel des Basso Monferrato legten, kündigten das Ende der Tage des Lichts an. Die klare Luft ließ die Konturen der Landschaft deutlicher hervortreten und sie noch schöner erstrahlen. Die Wiesen schimmerten in gedeckten Grüntönen, das Licht des klaren Himmels flutete die Weinberge und brachte die ordentlich aufgereihten Pappelhaine zum Leuchten, als Alma und Monica nach einer langen Reise in Varengo ankamen. Mit erhitzten Gesichtern stiegen die Freundinnen aus dem Bus; streckenweise waren sie nur langsam vorwärtsgekommen, weil vor ihnen ein Traktor die schmalen Straßen entlanggetuckert war. Ganz zum Schluss, als sie schon in Monferrato waren, hatten sich ihre Augen bereits an die große Horizontale der Felder gewöhnt, die nur ab und zu durch die riesigen, gelben Strohrollen unterbrochen wurde.

Gleich hinter dem Dorf stiegen sie aus, wo eine Schotterstraße abzweigte, die mit Büschen und Sträuchern halb zugewachsen war. Mühsam zogen sie ihre Trolleys durch den Kies, doch hinter der nächsten Kurve lag schon der Hof. «Er heißt Pom Granin», hatte der Fahrer gesagt und erklärt, das sei Piemontesisch und heiße Granatapfelbaum. Gefunden hatten sie ihn im Internet, und als sie jetzt davorstanden, sah er tatsächlich so aus wie auf den Fotos. Gleich hinter dem imposanten Gebäude kam der Stall und danach der umzäunte Reitplatz.

Alma betrachtete das gelbe Gemäuer und den Bogen mit den großen weißen Segeltüchern, die ein leichter Wind aufblähte. Es hat sich doch gelohnt, dass ich den ganzen Sommer über gearbeitet habe und jetzt hier sein kann, dachte sie.

 

Eine freundliche Frau empfing sie an der Tür und meinte, leicht außer Atem, sie seien ein kleiner Familienbetrieb, sie dürften nicht zu viel erwarten, aber sie seien ja zu viert und würden alles tun, damit sich die Gäste wohl fühlten. Sie führte sie zu ihrem Zimmer: weiße Wände, viel Holz, und vor ihrem Balkon ein Himmel, so weit, meine Güte, so weit …

«Siehst du, zum Glück habe ich nicht lockergelassen.» Monica sah ihre Freundin an, sie wusste, was sie gerade dachte. «Es war höchste Zeit, diese ewigen Strandurlaube mal zu boykottieren.»

«Stimmt, ich bin froh, dass ich auf dich gehört habe. Ich hoffe nur, dass ich nicht in hohem Bogen vom Pferd fliege, sobald ich im Sattel sitze.» Alma hatte schon seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen, und bei dem Gedanken wurde ihr etwas mulmig. Der typisch jugendliche Leichtsinn von damals war längst passé, stattdessen hatte sie jetzt mit der Angst zu fallen zu kämpfen. Aber etwas Leichtsinn und Draufgängertum braucht man, sonst fällt man ganz bestimmt. Oder man traut sich erst gar nicht, was noch schlimmer ist.

 

In den Stallungen roch es nach Leder und Seife und dem warmen Atem der Tiere. Ungefähr zwanzig Pferde standen dort. Im Halbschatten des Nachmittagslichts ging Alma langsam an ihnen vorbei und hielt unwillkürlich die Luft an – die Reihe an schweißnassen, glänzenden Fellen schien nicht enden zu wollen. Monica war auf dem Zimmer geblieben, um sich von der Reise auszuruhen, aber Alma war zu neugierig und wollte sich ein wenig umsehen.

Eigentlich hätte John Denver im Hintergrund ertönen müssen mit seinen Geschichten über Cowboys und weite Prärien, stattdessen war es die Stimme von Lucio Battisti, die aus der alten Stereoanlage im Stall zu hören war.

Alma bewegte sich vorsichtig, als fürchtete sie, eine abrupte Bewegung könnte die Pferde aufschrecken. Ein stämmiger Haflinger erregte ihre besondere Aufmerksamkeit, er war isabellfarben und sah drollig aus. Vorsichtig streckte sie ihre Hand nach dem Maul des Tieres aus, das augenblicklich zurückwich, mehr irritiert als ängstlich. Alma wiederum zog ihre Hand zurück, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen.

«Von unten nach oben.»

Die Stimme hinter ihr ließ sie aufschrecken. Im Gegenlicht kam eine Gestalt auf sie zu, die eine kräftige Hand unter die Nüstern des Pferdes hielt. Dieses streckte daraufhin seinen Kopf ganz aus der Box, um sich streicheln zu lassen.

«Eine Hand von oben wirkt einschüchternd, eine von unten einladend.» Der Mann wischte sich die Hand an seiner Arbeitsjeans ab und streckte sie Alma entgegen. «Ich bin Bruno, und das ist Pongo», sagte er und wies dabei auf das Tier. «Herzlich willkommen.»

Alma musterte ihn: kariertes Hemd, bis zum Ellbogen zurückgekrempelte Ärmel, zerzaustes Haar, Augen so schwarz wie der Nachthimmel, die Haut von Jahreszeiten und Wetter gezeichnet, die Nase etwas schief, die Mundwinkel leicht nach oben gezogen.

«Ich bin Alma», sagte sie und erwiderte den kräftigen Händedruck. Instinktiv spannte sie ihre Schultern an und fuhr sich durchs Haar.

Was der Verstand erst später begreift, weiß der Körper auf Anhieb. Der Verstand hat sein eigenes Tempo, wegen all der lästigen «aber», «vielleicht», «trotz», mit denen er zu kämpfen hat.

 

«Ich werde diese Woche euer Reitlehrer sein. Wenn ihr einverstanden seid, gehen wir morgen erst mal auf den Platz, und wenn es keine Probleme gibt, können wir danach ausreiten.»

Alma hörte Bruno zu, überlegte aber gleichzeitig, welche Klamotten sie anhatte und ob sie sich morgens geschminkt hatte, sie dachte, nach der anstrengenden Reise sehe ich bestimmt total fertig aus. Sie war es nicht gewohnt, sich Gedanken über ihr Äußeres zu machen, denn insgeheim wusste sie, dass sie das auch nicht unbedingt nötig hatte. Ihre Freundinnen hatten sie immer um ihr schönes, volles Haar und ihre hellblauen Augen beneidet. Und ihr letzter Freund – fiel ihr jetzt ein – mochte es, wenn sie ihre Haare offen trug und sie über ihre Schulter fielen. Es ist ja nicht gesagt, dass ihm das auch gefällt, und während sie das dachte, wunderte sie sich darüber, dass sie es dachte, doch zwischenzeitlich hatte ihre Hand die Haare schon längst über eine Schulter gelegt.

«Frühstück gibt es ab sieben, ich nehme an, ihr geht früh ins Bett, abends ist hier sowieso nichts los», fuhr Bruno mit leicht ironischem Unterton fort. «Ich erwarte euch um neun auf dem Reitplatz.»

Alma bereute augenblicklich, dass sie nicht wenigstens ihr blaues Shirt mitgenommen hatte, das ihre Augen so gut zur Geltung brachte, sondern nur diese lächerliche Kluft. Pack dir bequeme Klamotten ein, hatte Monica mit ihrem üblichen Sinn fürs Pragmatische gesagt, und sie hatte auf sie gehört, wie bescheuert …

«Ich muss jetzt wieder aufs Feld, das Heu wartet schon. Falls irgendwas ist, fragt einfach meine Mutter oder meine Schwester, sie wohnen im Haus gegenüber. Schönen Abend noch …» Er lächelte, und seine Mundwinkel zogen sich noch weiter nach oben.

Alma erwiderte kaum den Gruß. Sie ahnte, in ihren Worten, die nicht kamen, würde eine Art Kapitulation mitschwingen. Zum zweiten Mal an diesem Tag dachte sie, es hat sich doch gelohnt, dass sie den ganzen Sommer über gearbeitet hat und jetzt hier sein kann.

 

Am nächsten Morgen erschienen die beiden Freundinnen früh auf dem Hof. Bruno war schon draußen und – ohne eine Spur von Müdigkeit – schwer beschäftigt: Pferde tränken, Boxen ausmisten, Hof kehren. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er die beiden gar nicht bemerkte. Alma sah ihm zu, wie er Eimer füllte, in die Futterkrippen schüttete und jedes einzelne Tier wie einen alten Freund begrüßte.

Es gibt Menschen, die sind selbst zu ihresgleichen nicht so freundlich, dachte sie.

Endlich bemerkte Bruno die beiden, schüttelte ihnen fröhlich die Hand und musterte sie mit lebhaften Augen. Er wollte wissen, wie viel Reiterfahrung sie hatten. Nach ein paar weiteren Fragen ging er zum praktischen Teil über.

«Ich zeig euch, wie man ein Pferd fertig macht, danach probiert ihr es. Wenn ihr das Tier sattelt und aufzäumt, merkt ihr gleich, wie ihr mit ihm umgehen müsst und was ihr von ihm erwarten könnt.»

Er holte einen Hufauskratzer, Satteldecken, Sättel und Zaumzeug. Dabei war er voll und ganz in seinem Element, arbeitete leichtfüßig und präzise mit der Sicherheit eines Gebieters auf seinem Territorium. Alma betrachtete seine Hände und stellte sich dabei einen Zauberkünstler vor, der keine billigen Tricks, sondern wahrhaftige Magie zum Besten gab. Mähne kämmen, Sattelgurt festziehen, Trense anlegen. Was sie sah, war die Schönheit, wenn aus der Wiederholung der immergleichen Tätigkeit etwas Poetisches entsteht.

Als Alma dann im Sattel saß, verkrampfte sie etwas. «Tief durchatmen», sagte Bruno, als er zu ihr kam. «Jeder fällt mal vom Pferd, aber wir werden zusehen, dass es nicht ausgerechnet heute passiert», schickte er lächelnd hinterher.

Sie spürte, wie sich die Flanken des Pferdes unter ihr bewegten, wie sein Hals auf die Zügel in ihren Händen reagierte, wie ihr Herz überdrehte.

Nach ein paar Runden auf dem Platz waren sie bereit für den Ausritt. Im Nu saß Bruno im Sattel: Die Zügel in einer Hand, den Fuß im Steigbügel, und schon war er oben. Die langen Beine berührten das graue Fell des Tieres, die geraden Schultern bildeten eine Linie mit dem Horizont.

Monica ließ sich entspannt schaukeln, ganz anders Alma, die ihre Arme steif wie ein Motorradfahrer hielt, den Rücken übertrieben gerade, die Füße wie eingegipst. Bruno drehte sich immer mal wieder um, kontrollierte den Gang des Pferdes oder korrigierte ihre Haltung. Sie kamen in einen Wald, ein steiler, schmaler Weg führte bergauf, die Pferde streiften fast die Bäume, und sie mussten sich ducken, um nicht von den Ästen geschrammt zu werden. Auf eine Lichtung folgte eine Reihe kleiner Äcker, mühsam bearbeitete Fleckchen Land, wie mit Basilikum bestickt. Krähen rauschten knapp über den Boden, um sich Insekten oder Samen zu schnappen, solange die Bauern sie nicht verscheuchten.

Bruno erzählte aus seiner Welt, in der er zu Hause war. Er sprach über die angepflanzten Kulturen: «Da ist der Mais, Sonnenblumen trocknen am besten am Stängel, bevor aus der Pflanze das Öl gewonnen wird, und hier, hier wird Soja angebaut.» Er erklärte das Beschneiden von Obstbäumen, welche Äste man opfern, wie man den Stamm stärken konnte. Er beschrieb, wie frech die Füchse waren, die aus den Feldern hervorlugten, wenn er die Ernten einholte, wie die Wildschweine nachts immer die Straßen kreuzten, wie er es liebte, von seinem Traktor aus zu sehen, wenn sich Unmengen an Gras in lauter geordnete, geometrische Formen aus Garben und Schwaden verwandelten. Die Worte, die zuvor nur spärlich gesät waren, kamen jetzt fast überschäumend, sie brachten seine Liebe für dieses Stück Land mit den Weinbergen, Eichenwäldern und dem Duft nach Linden zum Ausdruck.

Im Gegenzug erzählte Alma von ihrer Leidenschaft für Bücher, die so weit ging, dass sie den Gewerbeschein für eine kleine Buchhandlung in einer engen, staubigen Gasse in Bologna erworben hatte. Sie erzählte von ihrem Sommer, den sie damit verbracht hatte, Wände weiß zu streichen, Regale abzustauben und Kisten auszupacken. Das Gröbste war geschafft, in knapp zwei Monaten würde sie ihr Alicante eröffnen. Sie hatte all ihre Ersparnisse in diesen Traum investiert, wo sie schon bald Bücher und Autoren empfehlen und die Realität mit Geschichten vermischen würde.

Ihr fiel auf, dass sie Brunos Art mochte – wie er voller Energie eine Ordnung in die Dinge hineinbrachte, die die Natur wild verstreute. Er gab dem Apfelbaum während des Wachstums eine Form, schnitt Sträucher und Büsche zurecht, zog parallel angelegte Furchen in die Äcker für die Aussaat im Frühling. Wie sie, verfolgte auch er voller Leidenschaft den Weg, für den er sich entschieden hatte; beide taten das in dem Versuch, sich vor dem Chaos in der Welt zu schützen.

 

Alma sog jedes Wort in sich auf, als würde sie alles mitschreiben, um es in Erinnerung zu behalten, und versuchte, den leicht rauen Klang seiner Stimme festzuhalten und ihn dann reifen zu lassen, wie man es mit einem hochwertigen Wein im Keller tut. Fast hätte sie Monica vergessen, die ihnen still im Trab folgte, fast hätte sie die Angst, vom Pferd zu fallen, vergessen. Es gab Wege mit weichem Boden, die sich für den Galopp anboten, und dann schimmerte das Licht durch das Laub wie durch die bunten Gläser eines Kirchenfensters. Sie hörte das dumpfe Geräusch der Hufe auf festem Boden, das Gebell eines Hundes irgendwo in der Ferne und den Schrei eines Bussards. Sie roch den Duft nach frisch gemähtem Gras, nach eben gewendetem Heu und umgegrabener Erde. Und das genügte ihr, um – zum ersten Mal – zu spüren, dass sie eine so vollkommene Schönheit auch woanders als zwischen den Seiten eines Buches finden konnte.

Als sie gerade eine Steigung hochritten, hielt Bruno plötzlich das Pferd durch ein leichtes Ziehen der Zügel an und stieg ab. Die beiden Frauen sahen ihn verwundert an.

«Er humpelt, vielleicht wurde sein Vorderbein zu stark belastet.»

«Und jetzt?»

«Jetzt muss ich mich um ihn kümmern. Ich führe ihn nach Hause.»

Manchmal reicht schon ein Satz, um etwas ins Rollen zu bringen. Genau das passierte gerade, und Alma machte es an dem Gedanken fest, der ihr jetzt kam: Endlich mal ein Mann, so dachte sie, der nicht nur sich selbst sieht.

 

Der Rest ergab sich wie von selbst. Alma erkannte sehr schnell das Gefühl wieder, dass sie keine Zeit verschwenden wollte, sie duldete keine räumliche Trennung, da war nur das dringende Bedürfnis nach Nähe, es sollte keine Distanz mehr geben. Sie klebte regelrecht an Bruno und gab vor, sich für alles zu interessieren, von der Behandlung einer Sattelwunde bis hin zur Aussaat von Endiviensamen, von der Reparatur eines Holzpflocks auf der Koppel bis hin zu einer neuen Umzäunung.

Wobei sie es gar nicht einmal vorgab, sie wollte wirklich seine Welt kennenlernen und umarmen, die ihn so abhob vom Rest, von allem, was sie bisher kannte. Die Hände, die vom Wetter und so manchen Pflanzen ganz rau waren, die leicht krumme Nase aufgrund eines Hufschlags, die kurzen Sätze, präzise wie ein Skalpell.

Am liebsten beobachtete sie ihn, wenn er mit Kindern zu tun hatte, etwa wenn er ihnen aufs Pferd half. Erst da fiel alles Spröde wirklich von ihm ab, er begegnete den Kindern auf Augenhöhe, er wurde ausgelassen, sogar albern, als wäre er einer von ihnen.

Sie hatte sich nie ernsthaft mit dem Gedanken befasst, Kinder zu kriegen, das heißt, das vielleicht schon, aber sie hatte nicht diesen dringenden Kinderwunsch, bei dem das Ticken der biologischen Uhr Panik verursacht und dann plötzlich Entscheidungen für einen fällt. Jetzt aber sausten in ihrem Kopf ständig Bilder von Kindern herum, die barfuß vor dem Haus spielen. Mit einem Abwinken der Hand drückte sie die Bilder schnell wieder weg.

Sie beobachtete Bruno, war immer in seiner Nähe, ohne etwas zu fordern, denn so ungeduldig sie auch war, dank ihres typisch weiblichen sechsten Sinns wusste sie, einem Mann wie ihm näherte man sich nicht mit dem Tempo eines Sprinters, sondern über die unerschütterliche Ausdauer eines Marathonläufers. Aber wenn andere Frauen als Gäste auf den Hof oder zum Reitunterricht kamen und neben ihm standen, musste sie ihren Instinkt unterdrücken, um nicht, wie ein Tier, ihr Territorium zu verteidigen.

Sie begannen, miteinander zu scherzen – er nahm sie auf den Arm, wenn sie vor dem Aufsteigen ewig an ihren Steigbügeln herumfummelte oder die Zügel seltsam hielt –, und sie sah das als gutes Zeichen. Nicht ausschlaggebend, aber vielversprechend. Da es für sie üblicherweise ein Leichtes war, die Aufmerksamkeit eines Mannes zu erregen, der sie interessierte, war sie doch sichtlich irritiert darüber, dass es diesmal nicht so glatt lief. Weil ihr das Taktieren nicht lag, tat sie das, was naheliegend war: Sie hielt sich auch weiterhin ständig in Brunos Nähe auf und glich seine Reserviertheit mit ihrem Enthusiasmus aus. Und wartete.

Abends, kurz vor dem Schlafengehen, überhäufte sie ihre Freundin mit detaillierten Beschreibungen eines Blickes von ihm, eines mitschwingenden Untertons in einer Bemerkung oder einer außergewöhnlichen Art, ihr gute Nacht zu sagen.

 

Die erste Woche war um, als das Schicksal nachhalf und den Stein unaufhaltsam ins Rollen brachte. Samstagnachmittag – Alma und Monica machten gerade die Pferde fertig – kam ein Freund von Bruno auf den Hof und sagte, am Abend werde im Nachbardorf mit Musik und Tanz das Weinfest gefeiert.

Bruno drehte sich zu den beiden Frauen – vor allem jedoch in Almas Richtung – und fragte, ob sie Lust hätten, vorbeizuschauen. «Das wäre schön», sagte sie, zeitgleich zum «Nein danke, ich bin müde» von Monica, die schon immer ein gutes Gespür dafür hatte, wenn aus einer vermeintlich harmlosen Sache eine Liebesgeschichte werden könnte.

Und so kam es, dass Alma zur Abenddämmerung ein geblümtes Kleid anzog und dann unten auf dem Hof auf ihren Begleiter wartete. Sie setzte sich auf eine Bank unter dem Blauregen, während sich das Blau des Himmels mit dem Orange des Sonnenuntergangs vermischte. Zikaden zirpten lauthals und verstummten auf einen Schlag. Und während Alma sich fragte, wie sie das schafften, so synchron und perfekt aufeinander abgestimmt, stellte sie fest, dass sie an einem Faden ihres Kleides herumspielte, und das mit einer Nervosität, wie sie sie schon lange nicht mehr an sich beobachtet hatte.

Sie stellte aber auch fest, dass dieses Gefühl – es war ein bisschen wie der angehaltene Atem vor dem Sprung ins Wasser, ein bisschen wie laute Musik beim Autofahren auf leergefegten Straßen – mit das Beste war, was sie je erlebt hatte.

Ihr Kopf spulte ein paar Filmszenen ab, Der Pferdeflüsterer oder Lady Chatterley, als Bruno mit seinem Pick-up vorfuhr.

 

Eine Viertelstunde, zwei Hügel und drei Battisti-Lieder später waren sie auf dem Fest. In der abgekühlten frischen Abendluft spielte eine Band fröhliche Musik, bunte Fahnen wehten zwischen den wenigen Häusern wie aufgehängte Wäsche. Man hörte das Klappern von Absätzen auf dem Holzboden, das Kreischen von Kindern, die sich gegenseitig auf die Füße traten, das Lachen von Frauen. Ungeschickte Tänzer wirbelten neben aufeinander eingespielten Pärchen über die Tanzfläche, das vage Summen von Mücken und eine gute Portion Euphorie lagen in der Luft.

An einer improvisierten Bar wurde Rotwein ausgeschenkt, der die Lippen rot färbte, und ab und zu wischte Alma mit einem Finger die Ränder von ihrem Mund. Schon bald wurden Bruno und sie ausgelassen und lachten zusammen. Er hakte sich bei ihr unter, und gemeinsam drehten sie eine Runde, leicht schwankend wie zwei Ähren im Kornfeld. Er stellte sie den Leuten vor, doch anstatt ihre Namen zu nennen, listete er sämtliche Spitznamen auf, wie es auf dem Dorf üblich ist. Sie drückte Hände und lächelte in Gesichter mit dem Ziel, seinen Freunden sympathisch zu sein.

Brunos leicht geöffnetes Hemd zeigte ein Stück gebräunter Haut, als er mit einem angedeuteten Lächeln wie angewurzelt auf der Tanzfläche stand. Und dazu: Take me home, country roads und Always on my mind.

«Tanzt du nicht?»

«Nur über meine Leiche.»

Im Schatten der Laterne setzten sie sich auf eine Wiese in der Nähe der Tanzfläche, doch weit genug entfernt, um ungestört zu sein. Neben ihnen stand eine entkorkte Weinflasche, Gläser hatten sie keine. Sie lachten über irgendeinen Quatsch, den jemand von sich gegeben hatte. Vielleicht beugte sie sich vor, und zum Vorschein kamen strahlend weiße, leicht schiefe Zähne, vielleicht neigte auch er sich ganz leicht nach vorn, während er in seiner Tasche nach einem Feuerzeug kramte, Tatsache ist, mit jedem Zentimeter wurde die Entfernung zwischen ihnen kleiner, bis sie sich in der Mitte trafen, und zwar so exakt in der Mitte, dass jemand, der sie beobachtet hätte, sagen würde, der Kuss war von beiden gleichermaßen gewollt. Als sich ihre Lippen gefunden hatten, spürten sie, wie lebendig ihre Körper wurden, bereit, im Atem des anderen zu zerfließen, zwei Herzen, die jetzt im selben Rhythmus schlugen. «Du bist gefährlich», sagte er, als er wieder zu sich kam. Mehr sagte er nicht. Sie blieben noch lange sitzen, etwas abseits von diesem Fest, das nur für sie gemacht zu sein schien und das sie mit keinem teilen wollten.

Als sie zurückfuhren, in dieser sternenklaren Nacht, lag Brunos Hand die ganze Zeit auf Almas Knie.

3Wunden und Zufälle

Auf dem Jakobsweg

Tief hängende Wolken und Nebel. Steigungen und Gefälle, unwegsame Straßen und viel Schlamm. Die kalte Luft führt zu Tränen in den Augen wie beim Fahrradfahren mit Gegenwind.

Irgendwo hat Alma gelesen, die erste Etappe des Jakobsweges sei die anstrengendste, eine echte Bewährungsprobe für untrainierte Muskeln. Trainiert hat sie kaum; da sie von klein auf Sport getrieben hat, war sie überzeugt, dass ihr Körper mit den Strapazen der Pilgerreise schon fertigwerden würde.

Aber nach ungefähr zwanzig Kilometern auf holprigen Straßen, die teilweise auch noch ziemlich steil bergab gehen, wird sie eines Besseren belehrt. Die Muskeln verhärten sich, und der Rucksack lastet schwer auf Rücken, Beinen und Gedanken. Durch die Schmerzen stößt sie auf Teile ihres Körpers, von deren Existenz sie gar nichts wusste. Mühsam schleppt sie sich und ihre guten Vorsätze weiter und wundert sich darüber, dass sie jetzt schon an dem Punkt ist, an dem sie sich fragt, warum sie sich das eigentlich antut, im Dauerregen durch Nebelwände bei gerade mal zwei Metern Sichtweite zwischen diesen glitschigen Felsen herumzukrebsen. Wenn sich die Strapazen schwer auf deinen Rücken legen und dich gefangen nehmen, dann steht Gehen nicht nur für eine bestimmte Anzahl an Schritten, sondern auch für den Willen, den letzten Rest an Energie aufzubringen.

Alma hält nach den Symbolen Ausschau, die den Weg weisen: gelbe Pfeile und Muscheln – diese hatten die Wanderer der letzten Jahrhunderte an den Stränden Galiciens gefunden und als kostbare Seltenheit aufgehoben. Jeder Pilger eicht seine Augen auf diese Wegweiser, bis sie zum festen Bestandteil der Landschaft werden, und er folgt ihnen blindlings wie ein Hund seinem Herrchen. Da Alma fürchtet, eine Abzweigung zu verpassen und so die Schmerzen nur noch zu verlängern, ist sie jedes Mal, wenn sie diese Symbole erblickt, erleichtert, denn sie sagen: Du bist auf deinem Weg.

Wie gut wäre es, wenn unser Leben voll mit solchen Wegweisern wäre, denkt sie, während sie die Gurte ihres Rucksacks fester zurrt, im Grunde sind wir doch alle Wanderer.