Das Glück der fast perfekten Tage - Fioly Bocca - E-Book
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Das Glück der fast perfekten Tage E-Book

Fioly Bocca

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Beschreibung

Wenn ein Augenblick dir zeigt, dass nichts im Leben Zufall ist … Seit ihre Mutter an einem Tumor erkrankt ist, schreibt Anita ihr jeden Abend eine E-Mail. Darin erzählt sie von ihrem erfüllenden Job, von ihrer geplanten Hochzeit und den Kindern, die sie und ihr Verlobter bald haben werden. Nichts davon ist wahr. In der Literaturagentur wird Anita ausgenutzt, ihre Beziehung macht sie schon lange nicht mehr glücklich. Aber sie will ihre todkranke Mutter nicht belasten. Alles ändert sich, als Anita während einer Zugfahrt einem geheimnisvollen Mann begegnet. Ein Blick genügt, und Arun erkennt Anitas Traurigkeit und ihre Sorgen. Er macht ihr Mut, sich endlich mit Haut und Haaren auf das Leben einzulassen. Doch welches Geheimnis umgibt diesen Fremden, der so magisch in Anitas Leben gestolpert ist? Und wird es Anita mit seiner Hilfe gelingen, das Leben zu führen, das ihre Mutter sich immer für sie gewünscht hat?

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Fioly Bocca

Das Glück der fast perfekten Tage

Roman

 

 

Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein

 

Über dieses Buch

Wenn ein Augenblick dir zeigt, dass nichts im Leben Zufall ist …

 

Seit ihre Mutter an einem Tumor erkrankt ist, schreibt Anita ihr jeden Abend eine E-Mail. Darin erzählt sie von ihrem erfüllenden Job, von ihrer geplanten Hochzeit und den Kindern, die sie und ihr Verlobter bald haben werden.

Nichts davon ist wahr. In der Literaturagentur wird Anita ausgenutzt, ihre Beziehung macht sie schon lange nicht mehr glücklich. Aber sie will ihre todkranke Mutter nicht belasten.

Alles ändert sich, als Anita während einer Zugfahrt einem geheimnisvollen Mann begegnet. Ein Blick genügt, und Arun erkennt Anitas Traurigkeit und ihre Sorgen. Er macht ihr Mut, sich endlich mit Haut und Haaren auf das Leben einzulassen. Doch welches Geheimnis umgibt diesen Fremden, der so magisch in Anitas Leben gestolpert ist? Und wird es Anita mit seiner Hilfe gelingen, das Leben zu führen, das ihre Mutter sich immer für sie gewünscht hat?

Vita

Fioly Bocca studierte Literaturwissenschaften und Verlagswesen. Mit ihrem Debütroman «Das Glück der fast perfekten Tage» gelang ihr in Italien auf Anhieb ein Bestseller. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in den malerischen Hügeln von Monferrato unweit von Turin.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel «Ovunque tu sarai» bei Giunti Editore S.p.A., Florenz.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2018

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Ovunque tu sarai» Copyright © 2015 by Giunti Editore S.p.A., Florenz

Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg

Umschlagabbildung Daniela Terrazini/The Artworks

ISBN 978-3-644-22281-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Dies ist ein Roman.

Jede Ähnlichkeit mit realen Geschehnissen

oder Personen ist reiner Zufall.

Für dich.

Denn du bist, wo ich bin

Alice: «Wie lange ist ‹für immer›?»

Weißer Hase: «Manchmal nur eine Sekunde.»

Lewis Carroll, Alice im Wunderland

1Den Dingen einen Namen geben

Es gibt Tage, die sind perfekt zum Glücklichsein.

Während ich dir diese Zeilen schreibe, sitze ich auf einer Bank am Po, hinter mir die Lokale der Murazzi. Turin verkriecht sich unter einer Nebeldecke, die so dicht ist, dass sämtliche Konturen verschwinden. Doch der Nebel kann meiner guten Laune nichts anhaben. In der Agentur habe ich heute ein wichtiges Projekt hinter mich gebracht, jetzt habe ich ein paar Tage frei, um mich zu erholen, das ist nach all dem Stress der letzten Zeit auch dringend nötig. Endlich kann ich durchatmen, meine Gedanken sortieren und dir diese Mail schreiben, die meinem Besuch vorauseilt – ich habe nämlich beschlossen, heute Abend zu dir zu fahren, Mama. Ich möchte die freien Tage nutzen und ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Vorhin habe ich mit Papa telefoniert. Er sagt, dass die Ärzte zufrieden sind mit dem Verlauf der Therapie, dass es noch ein paar Untersuchungen geben wird, nur zur Kontrolle, und dass es dir den Umständen entsprechend gutgeht.

Ich blicke auf den Fluss, und während ich an dich denke, fallen mir wieder die Geschichten ein, die du dir immer für mich ausgedacht hast, als ich klein war. Wir saßen nebeneinander gegen den alten Baumstamm gelehnt, und du hast sie mir ins Ohr geflüstert, als würdest du mir ein Geheimnis verraten. Ich sehe die Figuren förmlich vor mir im dichten Morgendunst der Berge: das Mädchen, das den Mond angeknabbert hat, den gedankenverschlingenden Wal, den Elefanten, der alle Wörter in allen existierenden Sprachen kennt. Ich habe ihn mir immer mit einem langen Rüssel vorgestellt, der bis zum Ende der Welt reicht, um daran die Wörter mit spinnwebdünnen Fäden aufzuhängen.

In jede Figur hast du ein Stück von mir gesteckt, von meinem Leben, meiner Angst vor der Dunkelheit, den ersten Träumen, die ich dick in die Schulhefte gezeichnet habe.

Es gab eine Geschichte, die mir besonders gut gefallen hat, die mit Evelina, der Fee – erinnerst du dich noch an sie? Als sich die Erde zu drehen begann, hatte Evelina die Aufgabe, den Dingen, die sie zum ersten Mal sah, einen Namen zu geben. Als sie ein Insekt sanft berührte, flüsterte sie «Eintagsfliege», und das Leben des Tieres dauerte nicht länger als einen Tag. Begegnete sie auf einer Wiese einer Blume, nannte sie diese «Sonnenblume», welche daraufhin ihren Kopf hob und sich mit der weit geöffneten Blütenkrone der Sonne zuwandte. Sie sagte «Schneeweiß» zur ersten durchsichtig schimmernden Flocke und sah, wie sich diese weiß färbte und mit Licht füllte.

Du hast zu mir gesagt: «Wenn du den Sinn einer Geschichte verstehen willst, dann achte auf die Namen der Dinge. Die Moral der Geschichte spielt keine Rolle, die legt jeder für sich selbst fest; auch nicht das Schicksal der Figuren. Nein: Unser Name erklärt, wer wir sind.» Und mir fällt ein, wie du immer gesagt hast: «Drei Dinge musst du mit Bedacht wählen, wenn du im Leben vorankommen willst: deine Worte, deine Liebschaften und deine Schuhe.»

Ich weiß gar nicht, warum ich jetzt an all das denken muss, vielleicht ist es einfach nur der Wunsch, dir so nah zu sein wie damals, vor vielen Jahren, als ich, du und Evelina gegen den alten Baumstamm gelehnt dasaßen.

Genug davon – spätestens morgen sehen wir uns. Ruh dich ein wenig aus, ich freue mich auf dich.

 

Anita

Ich stecke das Tablet in die Tasche, und beim Aufstehen merke ich, wie verkrampft meine Muskeln sind. Meine Fingerknöchel sind gerötet, weil ich dazu neige, sie mit meinen Zähnen zu malträtieren, wenn ich angespannt bin. Ich gehe ein paar Schritte am Fluss entlang und denke noch mal an das, was ich da eben geschrieben habe, und wie weit entfernt es von der Wahrheit ist. Es gibt Tage, die sind perfekt zum Glücklichsein – ich stelle fest, Verzweiflung ist der optimale Nährboden für Übertreibungen.

Ich brauche Zeit, um es zu begreifen. Weiß ich wirklich erst seit einer Stunde, dass du nicht mehr gesund werden wirst? Die Therapie schlägt an, das meinten die Ärzte noch bis vor ein paar Tagen. Und an dieses Versprechen, das von vornherein voller Risse war, habe ich mich geklammert, ich habe mir eingeredet, dass alles gut werden würde. Na ja, wenn es um Krebs geht, weiß man ja nie so genau, was «gut» eigentlich heißen soll. Krebs. Wer ist eigentlich auf den Namen gekommen? Noch immer kann ich mir nicht vorstellen, dass er dich besiegen kann. Soll er doch dahin zurückgehen, wo er hergekommen ist, mit zertrümmerten Scheren, denn du, Mama, bist aus Diamant!

 

Ich war gerade in der Agentur, als der Anruf kam. Papa wusste nicht, wie er die Distanz, die zwischen uns lag, überwinden sollte, er konnte nicht seine Hand ausstrecken, die meine berühren, um mir das zu sagen, was er sagen musste – dass deine Zeit so gut wie abgelaufen ist. Er wich aus, schaffte es nicht, die Worte so zu formulieren, dass es für mich nicht ganz so schmerzhaft würde. Während ich auf den Urteilsspruch wartete, blickte ich mich um – die Finger meiner Kollegen, die auf ihren Tastaturen herumtippten, das übliche rhythmische Klacken, Brillen, die auf einen schweigenden Bildschirm gerichtet waren.

Die zwei Kapitel muss ich noch schaffen, dachte ich. Typisch – die Katastrophe vor der Tür, und man konzentriert sich auf das schief hängende Bild an der Wand.

Ich hatte stets geglaubt, einen Ausweg gibt es immer, und jetzt stelle ich fest, dass sogar die Tür zum Notausgang verriegelt ist, wie absurd.

Ich habe aufgelegt und bin rausgegangen; zu den Kollegen meinte ich nur, ich müsse schnell was erledigen. Sie warfen sich verwunderte Blicke zu, fünfzehn Monate in der Literaturagentur und bisher noch nie früher gegangen. Vielleicht haben sie begriffen, dass ich auf der Flucht war, ohne zu wissen, wovor.

Fliehen heißt zwar nicht, sich dauerhaft in Sicherheit zu bringen, aber immerhin kommt man für einen Moment raus aus der Gefahrenzone.

 

Während ich an den Murazzi entlangspaziere, bewegen sich meine Beine wie von selbst im grauen Licht dieses Januarnachmittags. Meine Gedanken befinden sich im freien Fall, sie können keinen Halt finden. Ich muss wieder an den Anruf denken und suche nach irgendeinem Indiz, das mir Hoffnung geben könnte. Ich lausche noch einmal den Nuancen seiner Stimme, flüchte mich in die Zwischentöne, die doppeldeutig waren, klammere mich an Auslassungspunkte. Nichts. Hätten die Ärzte Raum für Optimismus gelassen, hätte mein Vater, ein Meister des positiven Denkens, mir das sicher gesagt.

Vor meinen Augen eine wirre Abfolge einzelner Szenen aus meinem Leben, abgespult wie in einer PowerPoint-Präsentation: der Umzug von Obra nach Turin, um Kommunikationswissenschaften zu studieren, die erste Begegnung mit Tancredi vor dreizehn Jahren, der Job als Korrekturleserin, schlecht bezahlt und ohne Sicherheit. Eine schnelle Kamerafahrt, Gesichter und Stimmen, durchgemachte Nächte in verrauchten Kneipen oder über Büchern, meine Berge, meine Wurzeln, alles, von dem ich dachte, es gehöre zu mir, verflüchtigt sich nun.

Ich setze einen Fuß vor den anderen, wie in Trance. Der gewohnte Ausblick löst sich ab mit wirren Gedanken: der Po, der träge weiterfließt – ich muss mich beeilen, ich muss zu ihr –, der Ruderverein scheint seit Jahrmillionen verlassen zu sein – was werde ich zu ihr sagen? –, die Sprüche an den Mauern, ich liebe dich neben Arschloch –, was packe ich in den Koffer? Ich muss herausfinden, wann die Züge fahren – die Kirche Gran Madre, die Große Mutter, die sich würdevoll und unbarmherzig aus dem Nebel erhebt –, was wird aus meiner Mutter?

Ich muss tausend Sachen erledigen, es kommt mir vor, als hätte ich nicht genügend Zeit. Tief durchatmen, um die Dinge in Ruhe zu organisieren, schaffe ich nicht. Ab sofort gilt: Egal, was ich als Nächstes zu tun gedenke, die Zeit wird nicht ausreichen. Dieses Gefühl irritiert mich, es schnürt mir die Kehle zu.

Als wäre ich es, die im Sterben liegt.

Ist es vielleicht so? Wird mein ganzes bisheriges Leben zusammen mit meiner Mutter gehen?

Ich habe darauf keine Antwort, da ist nur diese Rastlosigkeit, diese Unruhe, die mich nicht mehr loslässt.

Ich setze mich wieder, mir tun die Beine weh. Die Piazza Vittorio mit ihren Bänken nehme ich gar nicht mehr wahr, bestimmt hat man mich ins falsche Leben geworfen, in dem jetzigen finde ich mich jedenfalls nicht zurecht.

Es fängt an zu regnen. Ich stehe auf, mein Hintern ist ein Eisklotz, und mache mich auf den Nachhauseweg.

 

Es dauert eine ganze Weile, bis ich in der Via Nizza bin und – ohne Aufzug – den dritten Stock erreicht habe. Als ich die Wohnung betrete, fühle ich mich wie ein nasser Lappen.

Alice legt ihren Text auf den Küchentisch. «Was ist denn mit dir los?» Das war eindeutig mit zu viel Emphase, offensichtlich steckt sie noch zu sehr in ihrer Rolle.

Wie sollte ich Worte finden, um etwas zu erklären, was ich selbst nicht begreife? Schluchzen. Es kommt nur ersticktes Schluchzen und Seufzen, bevor ich es Alice erzählen kann, bevor ich dieses Gewirr ausspucken kann, das mich bedrückt.

«Es ist wegen deiner Mutter, stimmt’s?» Alice reißt ihre braunen Augen, die wie reife Kastanien aussehen, weit auf – und wieder scheint sie auf der Bühne zu stehen. Sie ist eine gute Schauspielerin, und eine gute Freundin. Ich erinnere mich noch an den Tag, als wir uns im Foyer der Uni kennenlernten. Wir waren zwanzig Jahre alt, und mit zwanzig steht fest, dass man sein Leben noch vor sich hat; diese absolute, verlogene Gewissheit, die einem ins Ohr raunt: Sie ist eine gute Schauspielerin, und eine gute Freundin. Ich erinnere mich noch an den Tag, als wir uns im Foyer der Uni kennenlernten. Wir waren zwanzig Jahre alt, und mit zwanzig steht fest, dass man sein Leben noch vor sich hat; diese absolute, verlogene Gewissheit, die einem ins Ohr raunt: für immer.

 

Alice bedeutet von schönem Äußeren. Ihre Haut ist hell, fast durchscheinend, noch weißer als meine, und die Fältchen, die ihre Lippen und Augen umspielen, unterstreichen ihre Mimik nur noch mehr.

Alice bedeutet auch dem Meer entstammend, und in der Tat gleitet sie durchs Leben wie ein schillernder Fisch durch die ruhigen Wasser eines tropischen Sees. Ganz anders als ich, die stets gegen die Strömung anzukämpfen scheint wie ein Fisch in einem Gebirgsbach. Wir sind uns so ähnlich und zugleich verschieden, und genau darum mochten wir uns auf Anhieb. Eine Freundschaft, die seit über zehn Jahren hält.

Und nun, mit dreiunddreißig Jahren, teilen wir uns eine Wohnung, die wir uns kaum leisten können. Ich mit meinem Job in der Agentur, sie als Barkeeperin. Jede von uns ist mit einem Traum hier eingezogen: der große Durchbruch auf der Bühne der ihre, neue Schriftsteller entdecken der meine. Ich würde gerne literarische Talente auszeichnen, obwohl ich selbst so wenige Talente habe: Ich wünschte, meine Tätigkeit als Wort-Ziselierer könnte jemandem helfen, der mit Worten ganze Welten erschaffen kann.

Ich heiße Anita, das bedeutet hübsch. Hübschsein ist ein Trostpflaster für die, bei denen es nicht zu mehr reicht.

 

Alice dagegen steckt voller Talente. Jetzt aber schweigt sie, sie weiß, es gibt nichts zu sagen. Sie legt ihren Text auf den Tisch, steht auf und umarmt mich. In ihrer Umarmung löse ich mich auf und beginne, befreiend zu schluchzen.

Den Schmerz zu lindern heißt zwar nicht, ihn dauerhaft zu heilen, aber zumindest bewahrt es einen zunächst noch vor dem Untergehen.

 

«Und was hast du jetzt vor?»

«Ich packe, suche mir einen Zug raus, und dann fahre ich zu ihr.»

«Und was ist mit deiner Arbeit?»

«Die kommen ohne mich klar, ist mir im Moment auch egal. Ich nehme Urlaub, die werden das schon verstehen.»

Ich öffne den Kleiderschrank und hole willkürlich ein paar Sachen heraus. In den Bergen ist es kälter, ich werde bestimmt einen dicken Pulli brauchen. Mama würde das auch sagen: «Zieh dich warm an, der Januar hier ist hart.» Die Winterstiefel nehme ich nicht mit, die werde ich im Krankenhaus nicht brauchen.

Ich schaffe es nie, meine Koffer rechtzeitig zu packen, wenn ich wegfahre, chaotisch wie ich bin, und jetzt schon gar nicht, zumal ich nicht einmal weiß, wie lange ich weg sein werde; dazu kommt noch das Chaos in meinem Kopf, das mindestens so schlimm ist wie die Unordnung in meinem Schrank.

Ich schaue, wann die Züge fahren. Wenn ich gleich losgehe, bin ich am späten Abend in Obra. Ich könnte auch den ersten Zug morgen früh nehmen, aber ich will nicht warten, ich habe keine Zeit. Noch einmal Alice umarmen, die mir «Pass auf dich auf» zuflüstert, und schon bin ich auf der nass glänzenden Straße, auf die weiterhin der Regen prasselt. Meine Welt in einem Tropfen, vorher rund und in sich geschlossen, jetzt eine klägliche Pfütze unter meinen Gummisohlen.

2Sein Pullover über meinem

Schnell zum Fahrkartenschalter, und gerade noch erwische ich den Zug. Erst als ich mir einen Platz im halbleeren Zugabteil ausgesucht habe, fällt mir ein, dass ich Tancredi noch gar nicht angerufen habe.

Ich krame mein Handy aus der Tasche. «Ciao, mein Schatz», meint er in leicht gehetztem Ton, als wollte er nicht gestört werden. «Kann ich dich in einer halben Stunde zurückrufen? Marco ist hier, wir reden gerade über das Projekt für die neuen Kunden …»

«Tancredi, ich bin auf dem Weg zu meiner Mutter, ihr Zustand hat sich anscheinend verschlechtert. Sorry, dass ich mich erst jetzt melde, aber es ging alles so schnell, mein Vater hat mich vor ein paar Stunden angerufen, und jetzt sitze ich schon im Zug.»

«Das tut mir leid, Kleines», meint er und klingt dabei schon etwas netter, «es wird schon nicht so schlimm sein, mach dir keine Sorgen.»

«Klar doch. Ist ja nur Krebs, das geht wieder vorbei.»

«Okay, du möchtest jetzt nicht darüber sprechen. Ich rufe dich später an, versuch, dich zu entspannen, ja?»

Hoffentlich ist das Gespräch bald vorbei. Ich frage mich, wie man nur so unpassend daherreden kann, aber wie immer versucht ein Teil von mir, ihn in Schutz zu nehmen.

Tancredi habe ich vor mehr als dreizehn Jahren kennengelernt. Ich war erst vor kurzem aus dem Trentino weggezogen, um zu studieren – Kommunikationswissenschaften, das wurde in Trient nicht angeboten, und so ließ ich mich von der faszinierenden Würde der piemontesischen Hauptstadt bezaubern.

An jenem Tag hatte mich eine Kommilitonin zu einer Party bei Freunden eingeladen. Sie hatte so sehr darauf bestanden, dass ich schließlich nachgab, weniger aus Interesse, sondern weil ich sie nicht vor den Kopf stoßen wollte; schon immer war es mir zuwider, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, während ich meine eigenen ständig enttäuschte.

Ich war also bei diesen Freunden von ihr gelandet, in einer Villa am Hang, gleich über dem Ruderverein. Eines dieser Häuser, von denen man glaubt, sie existieren nur in Zeitschriften für Möbeldesign, und wenn man eines betritt und eine solche Umgebung nicht gewohnt ist, bewegt man sich darin, als wäre selbst der Fußboden aus Glas.

Die Eltern des Gastgebers waren nicht zu Hause. Als wir ankamen, hatte sich gerade dieser Haufen nach Wodka stinkender Irrer eingefunden und war dabei, Cocktails aus Bleikristallgläsern zu schlürfen und die Teppiche im Shabby-Chic-Stil hoffnungslos zu ruinieren.

Ich stand da, an eine Wand gelehnt – besonders wohl fühlte ich mich nicht –, und unterhielt mich mit ein paar Leuten, die ich flüchtig von der Uni kannte, der Coolness wegen eine Zigarette in der Hand und meine ganze Verlegenheit hinter wildem Gestikulieren verbergend. Keiner schien meine Anspannung zu bemerken – ich war zwanzig und hübsch, wie mein Name schon sagt; das genügte einigen Typen in bester Partylaune anscheinend schon, um mich interessant zu finden.

Ich trug damals knapp schulterlanges Haar, dunkelblond, eine Flut kräftigen Honigs, und Fransen, die ich ständig aus dem Gesicht pustete, als wären sie ohne mein Wissen gewachsen. Ich war immer perfekt frisiert, meistens stand ich eine halbe Stunde früher auf, um meine Haare zu glätten – stets darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu halten.

Unscheinbar, dünn, klein, ein richtiges Bonsai-Mädchen. Nicht schön – hübsch. Helle Augen mit gelben Einsprengseln, die Schultern immer leicht nach vorn gebeugt, der Gang und der Kleidungsstil eines Menschen, der nicht auffallen will.

Gegen Ende der Party, als die Geräusche gedämpfter wurden und der Raum von einem leisen Raunen erfüllt war – der Chor aus dem müden Rest –, kam Tancredi auf mich zu. Ich suchte gerade meine Sachen zusammen und fragte mich, warum ich das nicht schon vor Stunden getan hatte, als sich dieser zerzauste Typ vor mir aufbaute, der so entschlossen aussah, als sei er es nicht gewohnt, bei jemandem abzublitzen.

«Hast du Feuer?», fragte er scheinheilig und mit alkoholverschleiertem Blick. Wie platt, dachte ich. Ohne eine Antwort abzuwarten, lehnte er sich neben mich an die Wand und betrachtete mich eindringlich.

Ich holte mein Feuerzeug aus der Tasche und reichte es ihm leicht genervt. Während er sich eine Zigarette ansteckte, hörte er nicht auf, mich zu mustern.

«Ich hab dich noch nie in der Gegend gesehen, bist du neu hier?» Ein grauer Rauchschleier schob sich zwischen seine schwarzen Augen.

«Ja … Ich bin erst vor kurzem hierhergezogen.» Die Worte kamen stockend.

 

Später habe ich mich oft gefragt, ob ich schon bei unserem ersten Gespräch dieses seltsame Brummen in meinem Kopf gehört habe, das jeden klaren Gedanken im Keim erstickt. Ob es Tancredi mit ein bisschen Lächeln und ein paar Blicken gelungen war, sich in meinem inneren Chaos einen Weg zu bahnen, hin zu einem Punkt irgendwo zwischen Gehirn, Unterleib und Herz.

Wer kann schon sagen, wann es knallt, wann der Funke der Liebe überspringt, der es dir unmöglich macht, dich auf die alltäglichen Dinge zu konzentrieren, die du noch einen Tag zuvor mit der Mechanik eines Roboters erledigt hast. Plötzlich ist es mit der Aufmerksamkeit vorbei – beim Autofahren überlegst du, wie seine Hände wohl das Lenkrad umfassen, beim Zähneputzen siehst du, wie dich seine Augen im Spiegel fixieren, beim Spaghettikochen fragst du dich, ob er mit Chili oder Pfeffer würzt.

Wer kann schon sagen, ob die Liebe ein plötzlicher Knall ist, wie ein Schuss in der Dunkelheit, oder ob sie sich nicht eher langsam von Kopf bis Fuß ausbreitet und dabei im gesamten Körper eine zarte schimmernde Spur hinterlässt.

Rückblickend weiß ich jedenfalls nicht, ob mir Tancredi bereits an jenem Abend meine Gedanken raubte, mit seinem direkten Wesen, seiner geraden Nase und seiner Art, die Hände zu bewegen, als streichelten sie dich auf geheime Weise.

In jener Nacht haben wir uns lange unterhalten, jeder hat von sich erzählt, während Turin seine müden Glieder streckte.

Ich erzählte ihm von den Bergen, die ich verlassen hatte, um hierherzuziehen, von den steinigen, unwegsamen Pfaden, auf denen ich meine ersten Schritte machte, vom Heimweh, das sich in manchen Nächten auf leisen Sohlen anschleicht und mir die Kehle zuschnürt.

Auch er hat von sich erzählt – was, weiß ich nicht mehr. Bestimmt hat er von seiner Liebe zur Fotografie gesprochen, dass sie ihm schon in die Wiege gelegt worden war, von den Polaroidbildern, die den Bauch seiner Mutter verewigten, als er darin schaukelte, zweiundzwanzig Jahre zuvor. Er kam aus Turin, und sein größter Wunsch war es, Fotoreporter zu werden. Deswegen belegte er einen der exklusivsten Fotokurse der Stadt, nachdem er sein Abitur auf einem Kunstgymnasium abgelegt hatte.

Und so haben wir gegen Ende dieser Nacht die erste Schicht der Geheimnisse von unseren Leben gekratzt.

Ich weiß noch, wie ich dann auf meinem Balkon stand und die Morgendämmerung betrachtete, in der Tasche seine Nummer, auf dem Gesicht ein Grinsen wie eine strahlende Mondsichel. An Einschlafen war gar nicht zu denken.

 

Ein paar Tage später haben wir uns wiedergesehen. Er hatte mich angerufen, und wir haben uns auf dem Rummel außerhalb der Stadt verabredet.

Als ich auf dem Karussell saß, auf so einem verrosteten, quietschenden Teil, zog er eine Kamera aus seiner Jeans und schoss ein paar Bilder.

Ich habe diese Fotos einige Zeit später noch einmal hervorgeholt und sah darauf einen verträumten, weichen Ausdruck auf meinem Gesicht, den ich gar nicht an mir kannte.

Auch ich fotografiere sehr gern, um dem Fluss der Zeit einen Augenblick zu entreißen. Ganz anders Tancredi. Er fotografiert, um zu verändern, um einzugreifen. Ich halte fest, er gestaltet um. Ich konserviere, er interpretiert.

 

«Was fehlt dir am meisten von deinem Dorf?», fragte er mich, als wir auf unseren Schaukeln saßen.

Ich überlegte kurz. «Mir fehlt, aus dem Haus zu gehen und keinem zu begegnen. Ich habe es geliebt, alles um mich herum ganz für mich zu haben. Das kann dir hier nicht passieren.»