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Tayana lebt mit ihrer neunjährigen Tochter Fernanda am Rande des Existenzminimums in Niterói, gegenüber von Rio de Janeiro. Das Geld ist bereits lange alle und ihr Chef will mehr von ihr, als dass sie in seinem Restaurant nur Geschirr spült und Salat schneidet. Gerade, als sie nicht mehr weiterweiß, lernt Fernanda Elmar kennen, einen Deutschen, der in einer Spedition arbeitet. Tayana und Elmar verlieben sich. Tayana ist glücklich, bis sie einen alten Freund trifft, der die dunkle Zeit ihrer Vergangenheit kennt. Wird es ihr gelingen, ihre Scham- und Schuldgefühle, die wie ein Damoklesschwert über ihrem Leben hängen, zu vergessen, doch was, wenn Elmar davon erfährt?
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2023
Bernd Radtke
Das Glück am Horizont
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Impressum neobooks
Bernd Radtke
Das Glück am Horizont
Roman
Tayana lebt mit ihrer neunjährigen Tochter Fernanda am Rande des Existenzminimums in Niterói, gegenüber von Rio de Janeiro. Das Geld ist bereits lange alle und ihr Chef will mehr von ihr, als dass sie in seinem Restaurant nur Geschirr spült und Salat schneidet. Gerade, als sie nicht mehr weiterweiß, lernt Fernanda Elmar kennen, einen Deutschen, der in einer Spedition arbeitet. Tayana und Elmar verlieben sich.
Tayana ist glücklich, bis sie einen alten Freund trifft, der die dunkle Zeit ihrer Vergangenheit kennt. Wird es ihr gelingen, ihre Scham- und Schuldgefühle, die wie ein Damoklesschwert über ihrem Leben hängen, zu vergessen, doch was, wenn Elmar davon erfährt?
Bernd Radtke wohnt in einer hessischen Gemeinde, der er bis heute treu geblieben ist. Durch seine Begeisterung für Fische und Brasilien reiste er mehrfach in den brasilianischen Regenwald und durch familiäre Beziehungen konnte er ebenfalls das Leben der Menschen dort kennen lernen.
Vom Autor bereits erschienen:
„Träume aus dem Regenwald“
Taschenbuch ISBN:978-3-7450-0402-1
eBook: ISBN:978-3-7427-8158-1
Das Glück am Horizont
Bernd Radtke
Impressum
Text: © 2023 Copyright by Bernd Radtke
Umschlag: © 2023 Copyright by Thassiannira Araujo Sousa
Lektorat: Autorenteam Ellen Heil, Karin Kuretschka
Verlag: Bernd Radtke
35457 Lollar
Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Es war eine dieser Nächte, in denen sie nicht schlafen konnte, in denen sie die Vergangenheit einholte. Sie sah sich in ihrer Nacktheit, angegafft und begrapscht mit geifernden Blicken. Sie spürte die fremden Hände an ihrem Körper, fühlte sie an Stellen, an denen sie es nicht wollte, aber zulassen musste, sie musste Dinge tun, die sie ekelten und vor denen sie sich fürchtete.
Tayana stand auf und stellte sich unter die Dusche. Sie empfand so wie damals, wenn sie früh morgens nach Hause kam, um mit dem fließenden Wasser die Berührungen der Männerhände abzuwaschen.
Danach legte sie sich wieder neben ihre Tochter ins Bett, um endlich ein bisschen Schlaf zu finden. Bald würde sie aufstehen müssen, um Fernanda das Frühstück zuzubereiten.
Fernanda hatte etwas mitbekommen, sie wurde wach. Verschlafen sah sie ihre Mutter an.
»Du weinst?«, fragte sie erschrocken.
Tayana schüttelte den Kopf. »Mir tränen nur die Augen«, beruhigte sie ihre Tochter.
»Ich habe dich lieb«, flüsterte Fernanda und kuschelte sich an ihre Mutter.
Gleichmäßige Atemzüge zeigten Tayana, dass Fernanda wieder eingeschlafen war, und bald fand sie ebenfalls zu kurzem Schlaf.
Müde stand sie ein paar Stunden später am Herd und kochte Mingau, einen süßen Maisbrei, zum Frühstück. Sie nahm die Milchtüte aus dem Kühlschrank und merkte gleich am Gewicht, dass es nicht reichen würde. Sie zuckte die Schulter und füllte die fehlende Menge mit Wasser auf. Dafür gab sie mehr Zucker hinein. Die Zuckerpackung war nur halbvoll, sie würde außer Milch ebenfalls Zucker kaufen müssen.
Aber wovon, ging es ihr resigniert durch den Kopf und sie dachte an ihren leeren Geldbeutel. Ob mir Martin noch einmal Vorschuss gibt? fragte sie sich. Bereits vier Mal hatte sie Geld von dem Besitzer des Restaurants bekommen, bei dem sie arbeitete.
Sie stellte den Topf auf den Tisch und weckte ihre Tochter.
»Der schmeckt komisch«, bemerkte diese, nachdem sie den ersten Löffel Brei in den Mund geschoben hatte.
»Die Milch ist alle«, erklärte Tayana und Fernanda nickte verständig, oft fehlte es an etwas, sie war es so gewohnt.
Fernanda war fertig und nahm ihren Schulranzen. »Bença Mãe, segne mich«, sagte sie und reichte ihrer Mutter die Hand. Tayana küsste Fernandas Handrücken. »Bença Fernanda.« Fernanda tat das Gleiche bei ihr, dann verließ sie das Haus.
Tayana zwängte sich in den überfüllten Bus, um über die kilometerlange Brücke auf die gegenüberliegende Seite der Bucht in die Innenstadt von Rio zu gelangen. Dicht gedrängt stand sie zwischen den anderen Menschen, während sich der Bus im täglichen Verkehrsstau langsam vorwärts quälte.
»Wo bleibst du denn?«, wurde sie verärgert von Martin, dem Besitzer des Lokals, empfangen.
»Es war wieder einmal ein Unfall auf der Brücke«, entschuldigte sich Tayana, worauf er den Kopf schüttelte und in sein Büro ging.
Na, das fängt ja gut an, dachte sie, band sich die Schürze um und setzte das weiße Häubchen auf.
Wie üblich wusch sie Salat, schnitt Tomaten und Gurken in kleine Stücke, später kam das Geschirr aus dem Restaurant zum Abwaschen und stapelte sich neben der Spüle. Das Lokal war gut besucht und so brauchte Tayana lange, bis alle Teller und Bestecke abgewaschen waren.
Es war ruhig geworden und eine günstige Zeit, Martin um einen erneuten Vorschuss zu bitten.
Er schaute auf, als Tayana zaghaft zu ihm hinter die Theke trat.
»Was gibt es?«, fragte er mürrisch.
»Martin, es tut mir leid, dich zu fragen, ich brauche noch einmal Geld.«
»Wieviel?«
»Fünfzig Reais? Nächste Woche gibt es den Lohn, das reicht bis dahin.«
»Bei deinen vielen Vorschüssen kommt dabei aber nicht mehr viel heraus«, entgegnete Martin.
Widerwillig öffnete er die Kasse und gab ihr das Geld. »Das war es für diesen Monat«, bestimmte er.
Sie bedankte sich und während sie in die Küche zurückging, starrte er ihr hinterher.
Tayana ist verdammt hübsch, überlegte er, wobei sein Blick an ihrem Po haftete, und ihm kam eine Idee.
Endlich geschafft. Alles Geschirr war gespült und wartete in den Regalen auf den Einsatz am nächsten Tag. Tayana holte ihre Sachen aus dem Spind, um nach Hause zu fahren.
»Tayana, komm mal«, hörte sie Martin aus seinem Büro rufen.
»Du hast Geldprobleme?« Er stand auf und kam auf sie zu.
Sie nickte und musste schlucken. Er kam dicht an sie heran und legte seine Hände auf ihre Schultern.
»Du könntest mehr Geld von mir bekommen, wenn du mir … gewisse Gefälligkeiten erweisen würdest.« Lüstern sah er sie an und versuchte, sie zu küssen.
Erschrocken entwand sich Tayana seiner Umarmung.
»Lass mich, das mache ich nicht«, antwortete sie entschieden und sah ihm dabei fest in die Augen.
»Gut, gut«, beschwichtigte er. »Es war nicht so gemeint. Übrigens, in der Küche steht noch Essen, das kannst du dir mitnehmen«, versuchte er die Sache zu bereinigen. Auf Tayana wollte er nicht verzichten, sie arbeitete gut und war zuverlässig. Vielleicht änderte sich ihre Meinung, der nächste Monat hatte ebenfalls vier Wochen. Bald würde sie wieder nach einem Vorschuss fragen. Er musste nur warten.
Tayana war den Tränen nahe. Sollte das nun wieder losgehen? Martins Vorschlag, ihm gefällig zu sein, widerte sie an und machte ihr gleichzeitig Angst. Was, wenn er sie entlassen würde? Müsste sie es dann nicht sowieso tun?
Nein, nein, nein! Sie schüttelte den Kopf, sie würde sich nicht wieder verkaufen.
Ein beklemmendes Gefühl befiel Tayana, als sie in die Seitenstraße einbog. Seit Wochen war die Straßenlaterne defekt, was anscheinend niemanden kümmerte. Vor sich hörte sie Stimmen und zwei Gestalten kamen ihr entgegen.
»Oi, Tayana«, rief ihr eine der Gestalten zu. »Bist du immer so spät?«
Erleichtert erkannte sie ihre Nachbarn Pedro und Sebastião, die um diese Zeit zur Arbeit gingen.
»Es gab viel zu tun und ich musste bis zum Schluss bleiben. Normal wird es nicht so spät«, erklärte sie.
»Na, dann gute Nacht«, wünschten sie und hasteten weiter.
Unbeschadet kam sie zu ihrem Haus. Sie öffnete das Schloss am Hoftor und verschloss es gleich wieder, nachdem sie eingetreten war. Die Glühbirne über der Haustür, von einem Schwarm Insekten umschwirrt, erhellte den kleinen Hof. Im Innern brannte ebenfalls eine nackte Birne, die an einem Kabel von der Decke herunterhing, zwischen den Ziegeln und an den Wänden huschten Geckos umher.
Tayana verstaute das mitgebrachte Essen aus dem Restaurant und die Einkäufe. Sie setzte sich an den kleinen Tisch und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Lange saß sie da und versuchte, eine Lösung zu finden. Sie schüttelte den Kopf, sie würde erst einmal abwarten. Ihr Blick fiel auf Fernanda, die fest schlafend im Bett lag.
Ihre Tochter war alles, was sie hatte. Sie konnte stolz auf sie sein, sie war ein liebes Kind und überaus verständig.
Fernando kam ihr in den Sinn, Fernandas Vater. Sie hatte ihn an der Kasse des Supermarktes kennengelernt, in dem sie damals arbeitete. Fernando war groß und sah gut aus. Bald kamen sie ins Gespräch, kurz darauf waren sie ein Paar und er zog zu ihr und ihren Eltern in das Haus. Es war zwar klein und wurde eng, so etwas war man gewohnt, bei vielen Familien war es genauso.
Ein Jahr später starb ihr Vater und ihre Mutter zog zu ihrer Schwester weit weg nach Belem an der Amazonasmündung. Ihre anderen Geschwister verstreuten sich über ganz Brasilien und so blieb Tayana schließlich mit Fernando allein in dem Haus.
Eines Abends hatte er sich zu ihr gesetzt, hier, an diesen Tisch, an dem sie jetzt saß und gesagt: »Nächste Woche fahre ich mit Rudolfo nach Boa Vista.«
Genau erinnerte sich Tayana an seine Worte von damals. Sie hielt nichts von der Idee, zu den Goldsuchern zu gehen. Fernando war Lastwagenfahrer und mit ihrem Verdienst aus dem Supermarkt kamen sie prima über die Runden. Tayana konnte reden, was sie wollte, er ließ sich nicht davon abbringen.
In der Abschiedsnacht verlangte er Liebe von ihr und zum ersten Mal in ihrem Leben kam sie sich ausgenutzt vor, als er nach dem schnellen Akt von ihr herunterrollte und gleich einschlief, ohne sich um sie zu kümmern.
In jener Nacht wurde Fernanda gezeugt.
Tayana gab ihm alle Ersparnisse mit und trotz seiner ganzen Beteuerungen hörte sie nie wieder etwas von ihm. Allein mit einem Säugling war sie gezwungen, sich durchzuschlagen.
Als Fernanda zur Schule kam, ließ sie eine Geburtsurkunde für sie ausstellen. In die Spalte »Vater« trug sie nichts ein. Fernando hatte sich nie um seine Tochter gekümmert, er wusste nicht einmal von ihr. Er war lediglich ihr Erzeuger, nicht ihr Vater.
Immer tiefer wühlte Tayana in ihrer Vergangenheit, bis die Erinnerung sie zu dem dunkelsten Kapitel in ihrem Leben führte.
Wenn ich es nur ungeschehen machen könnte, schämte sie sich. Sie schluckte, es half nichts, es war passiert und sie musste versuchen, damit zurechtzukommen.
Wie konnte ich nur so dumm sein, warum bin ich überhaupt an jenem Tag dort durch die Straße gegangen? fragte sie sich. Sie fuhr sich mit den Händen durchs Haar und sah das Schild deutlich vor sich, das an der Hauswand hing und Arbeit versprach. Sie trat in den Hausflur, bis sie eine offene Tür fand, durch die sie eintrat. Überrascht sah eine ältere Frau auf, die dort hinter einem Tresen stand.
»Was willst du denn hier?«
»Ich habe das Schild gesehen, ich suche Arbeit«, antwortete sie schüchtern.
»Wir suchen eine Frau, die sauber macht. Zimmer putzen und die Betten neu beziehen.«
Tayana nickte.
»Dann komm, ich zeige dir, was du zu tun hast. Unten ist der Club und wenn die Mädchen mit den Männern im Zimmer waren, machst du dort sauber, damit es die nächste wieder benutzen kann.«
Erst jetzt merkte Tayana, dass es sich um einen Nachtclub handelte. Verstört sah sie die Frau an.
»Wenn es dich stört, du musst die Arbeit nicht nehmen …«, wartete sie auf ihre Antwort.
Verzweifelt überlegte Tayana. Sie brauchte Geld, und zwar dringend. Das Gas für den Herd würde bald ausgehen und Fernandas Schule mahnte wegen den Schulgebühren, ihre Nachbarn würden ihr nichts mehr leihen.
»Du kannst die Arbeit haben«, drängte die Frau und ließ ihren Blick über sie streifen. »Mit deinem Aussehen kannst du aber auch besser verdienen.«
Tayana schüttelte den Kopf, sie würde hier putzen, mehr nicht.
Es ekelte sie, die benutzten Betttücher zu wechseln, die nach Schweiß, Sperma und anderen Körperflüssigkeiten rochen. Es nützte nichts, sie würde sich daran gewöhnen.
Die schon wieder, wunderte sich Tayana, als eine der Frauen bereits das dritte Mal mit einem Mann nach oben kam und ein Zimmer belegte. Nachdem der Mann in den Club zurückgegangen war, kam sie auf Tayana zu und gab ihr den Schlüssel.
»Warum schaust du mich so an?« Sie hatte bemerkt, dass Tayana sie beobachtete.
»Du musst ziemlich beliebt sein, dass du so oft hier oben bist«, stotterte sie.
Die Frau grinste. »Ich weiß selbst nicht, warum die Kerle so auf mich fliegen«, zuckte sie mit den Schultern.
»Übrigens, ich heiße Jenny. Wenigstens hier«, lachte sie und kam mit Tayana ins Gespräch.
Jenny hieß Marcelina, einen Mann hatte sie nicht, sie wohnte bei ihren Eltern.
Samstagabend, es war spät, fast alle Mädchen und Frauen waren nach Hause gegangen, nur ein paar Männer saßen an den Tischen. Tayana war die letzte Putzfrau, sie wartete auf Jenny, die vor langer Zeit mit einem Mann in Zimmer 17 verschwunden war. Ungeduldig schaute sie auf die Uhr, sie musste auf alle Fälle das Zimmer reinigen. Wenn das länger dauerte, würde Fernanda wach sein, bevor sie nach Hause kam. Ihre Tochter war zu jung, um zu fragen, wo sie herkam. Sie verstand, dass ihre Mutter arbeitete, um Geld zu verdienen. Das reichte.
Endlich öffnete sich die Tür.
»Ich dachte, der kommt überhaupt nicht mehr!« Jenny verdrehte die Augen, »aber es hat sich gelohnt, der war nicht nur unersättlich, sondern auch richtig großzügig.« Sie schwenkte ein paar Scheine.
Tayana nahm frische Bettwäsche und den Schrubber, um das Zimmer zu reinigen.
Jenny bemerkte, dass Tayana allein war. »Musstest du auf mich warten?«
Tayana nickte.
»Das tut mir leid, aber der Typ wollte alles«, entschuldigte sie sich. Kurz überlegte sie und drückte der verblüfften Tayana einen ihrer Geldscheine in die Hand.
Sie konnte es nicht fassen, 100 Reais, so viel Geld. Jenny musste gut verdienen.
Ein paar Tage lang kam Jenny nicht in den Club, umso erfreuter war Tayana, als sie sie wiedersah.
»Gut, dass du wieder da bist, ich habe mir Gedanken um dich gemacht«, sagte sie zu Jenny.
»Keine Angst, das Geld reichte für eine kurze Pause, doch jetzt ist es alle und ich muss wieder arbeiten.«
»Bei mir ist es immer knapp«, meinte Tayana traurig.
»Du verdienst hier nicht viel?«, stellte Jenny fest.
»Nein«, schüttelte Tayana kurz den Kopf.
»Warum kommst du nicht mit runter und machst es so wie ich?«
Tayana war erschrocken. »Nein, das kann ich nicht.«
»Es ist deine Entscheidung. Dann bis nachher, ich muss mir ein paar Männer angeln, beim Reinkommen hat mir bereits einer zugewinkt.«
Jenny ging die Treppe herunter in den Club, um bald darauf mit einem Mann aufzutauchen, mit dem sie in einem der Zimmer verschwand.
»Ist es wirklich so einfach?« Sie erinnerte sich an Fernandas Schulrechnung, die unbezahlt auf dem Küchentisch lag und täglich mahnte, bezahlt zu werden. Könnte sie das überhaupt tun? Sex machte Spaß. Es war schön, Zärtlichkeiten zu bekommen und zu geben, obwohl, bei Alberto, ihrem letzten Freund, war es nicht so besonders. Meistens dachte er nur an sich, er schaffte es kaum, ihren Körper zu erwecken. Hatte sie sich da nicht ebenfalls ausgenutzt empfunden, was nach einiger Zeit zur Trennung führte, denn sie warf Alberto schließlich raus. Würde es sich so anfühlen?
Jenny kam aus dem Zimmer und zwinkerte Tayana zu, die ihre Gedanken unterbrach, sich Eimer und Schrubber schnappte, um es für das nächste Paar herzurichten. In dem Raum roch es nach Schweiß, neben dem Bett lag ein benutztes Kondom und auf dem Laken sah sie mehrere feuchte Flecken.
In der darauffolgenden Woche kam alles zusammen. Fernanda brachte einen Brief aus der Schule mit, in dem die Schulgebühr scharf angemahnt wurde. In ein paar Tagen würde sie den Lohn bekommen und ihr fiel mit Schrecken die Gasflasche ein, die in dieser Zeit leer werden würde, außerdem lag die Stromrechnung unbezahlt auf dem Küchenschrank. Das alles überstieg ihren Verdienst um ein Vielfaches. Wie sollte sie das bezahlen?
Tayana war nervös wie nie. Ihr blieb nichts anderes übrig, wo sollte das Geld herkommen? Sie würde es tun, würde es tun müssen, ihr fiel kein anderer Ausweg ein.
Es würde wohl nicht so schwer sein.
»Na also, warum willst du für einen Hungerlohn arbeiten, wenn das Geld unten im Club auf dich wartet«, meinte Jenny, die sie unter ihre Fittiche nahm und ihr entsprechend mit ihrer eigenen Kleidung aushalf. Sie klärte Tayana über die Gepflogenheiten auf, was diese wieder an ihrer Entscheidung zweifeln ließ.
Jetzt stand sie hier im Raum, leicht bekleidet und mit Schuhen, in denen sie nicht laufen konnte, weil sie so hohe Absätze hatten und wartete.
»Was mache ich, wenn einer mit mir hochgehen will?«, fragte sie sich nervös.
»Im Zimmer machst du einfach das, was du mit deinem Kerl zu Hause treibst«, lachte Jenny.
»Da gibt es niemanden.«
»Umso besser, dann hast du vielleicht selbst etwas davon«, grinste sie. Sie hatte anscheinend Spaß an ihrer Arbeit.
So einfach schien es nicht zu sein. Es waren nur wenige Männer da, die an der Bühne saßen und dem Mädchen zusahen, das dort tanzte und sich auszog, um sich den gierigen Blicken zu präsentieren.
Jenny, die neben ihr stand, winkte einem älteren Mann zu, der den Club betrat.
»Das ist Roberto, der ist richtig lieb. Oft kommt er nur her, um ein Bier zu trinken und sich zu unterhalten. Der wäre was für dich als Einstand.«
Der Mann winkte zurück und kam auf sie zu. Er wurde ihr erster Freier und später fast zum Freund.
Tayana wischte sich die Tränen ab, die ihr in den Augen standen.
Roberto … sie sah ihn vor sich. Er war einfühlsam machte es ihr leicht, obwohl sie sich schämte, wie nie zuvor … und er war großzügig.
Ja … Roberto. Was passiert wäre, wenn sie ihn nicht kennengelernt hätte? Schnell erkannte er, dass sie immer unglücklicher wurde und nicht hierhergehörte.
»Hast du am Wochenende jemanden, der auf deine Tochter aufpassen kann?«, fragte er einmal, als sie danach im Bett nebeneinanderlagen. Tayana starrte ihn an.
»Du musst mal raus hier. Ich will am Freitag in mein Strandhaus und ich möchte dich mitnehmen … ganz ohne Verpflichtung, du sollst dich nur ausruhen.«
Es wurde ein Wochenende, wie sie es nicht kannte. Das Haus lag direkt am Strand und sie hatte Ruhe, konnte ausspannen, baden, sich sonnen und vor allem ihre Sorgen vergessen. Roberto freute sich, dass sie sich wohlfühlte, und er erwartete nichts, trotzdem schlief sie aus Dankbarkeit mit ihm.
Auf der Rückfahrt kam die Ernüchterung. Tayana sah sich am nächsten Abend wieder im Club, angestarrt und begrabscht von irgendwelchen Kerlen, die sich nur für ihren Körper interessierten, nicht für sie, nicht für das, was sie fühlte und empfand und augenblicklich schüttelte sie ein Weinkrampf.
Was nützten diese beiden Tage, was brachte das? Das vergangene Wochenende hatte ihr ein Leben gezeigt, wie sie es nie würde führen können.
»Ich kann das nicht mehr, die Männer ekeln mich an und die Sachen, die sie von mir verlangen. Warum sterbe ich nicht …«
Roberto hielt an und nahm sie in den Arm.
»Bleib morgen einfach zu Hause, ich überlege mir etwas«, sagte er und drückte ihr 200 Reais in die Hand.
Am nächsten Mittag holte er sie ab und brachte sie zu seinem Freund Martin, in dessen Restaurant sie ab sofort arbeitete. Sie verdiente dort weitaus weniger, obwohl, in der letzten Zeit wurde sie immer seltener aufgefordert, mit nach oben zu gehen, und so hatte sie ebenfalls geringere Einnahmen. Die Männer sahen ihre Abwesenheit und Abwehr und spürten ihr unbeteiligt sein, wenn sie mit ihr auf dem Zimmer waren, Trinkgeld gab es fast nie mehr.
Die Hauptsache war, dass sie sich nicht mehr vor sich selbst ekelte, obwohl jetzt die Geldprobleme wieder anfingen.
»Nein, egal wie, ich werde es nicht tun, auch nicht mit Martin«, beschloss Tayana und legte sich ins Bett. Irgendwie hoffte sie, dass es weiterging.
Verärgert starrte Elmar in den Spiegel, er hatte verschlafen. Gestern Abend hatte er sich wieder einmal mit Sabine gestritten. Wütend hatte sie die Tür zugeknallt und war nach Hause gefahren. An den Grund des Streites konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, in der letzten Zeit brauchten sie auch keinen mehr dazu. Sie gingen sich auf die Nerven, der kleinste Auslöser genügte, um die Fetzen fliegen zu lassen.
Sabine war hübsch, zweifelsfrei … und eingebildet. Elmar gefiel diese Art nicht oder nicht mehr und seine entsprechenden Bemerkungen reizten sie von Mal zu Mal mehr.
Dass ich immer die falschen Frauen erwische, ging es ihm durch den Kopf.
Da er dadurch später von zu Hause wegkam, steckte er jetzt im Stau, den er sonst umfuhr.
Ungeduldig wurde er von Jana Oestreicher, seiner Sekretärin, erwartet.
»Senhor Pessoa aus Lissabon hat bereits zweimal angerufen. Du sollst sofort zurückrufen.«
»Was will er denn schon wieder?«, fragte er.
»Er kommt mit der letzten Abrechnung nicht klar.«
Elmar war Abteilungsleiter der internationalen Spedition »Interrail« in München und für Portugal zuständig.
»Na, der hat mir gerade noch gefehlt. Du kannst mich gleich verbinden.«
Nach einem längeren Gespräch klärte er die Fragen des Geschäftspartners. Elmar hatte den Hörer aufgelegt, da kam Jana wieder herein.
»Dr. Kremscher hat eben angerufen, du sollst gleich zu ihm kommen, er wartet auf dich.«
Es musste etwas Wichtiges sein, wenn sich der Chef selbst einschaltete. Normalerweise ließ er seine Leute frei walten und war bisher damit immer bestens gefahren. So ging Elmar mit gemischten Gefühlen in das Allerheiligste der Firma.
Wegen einer Gehaltserhöhung oder Beförderung wird er mich bestimmt nicht zu sich rufen, ich möchte nur wissen, um was es geht, grübelte er auf dem Weg dorthin.
»Guten Morgen, Frau Jakobi«, grüßte er die Chefsekretärin, die immer wie aus dem Ei gepellt, die Firma im Vorzimmer repräsentierte.
»Na, dann kommen Sie gleich mit, die Herren warten bereits«, sagte sie und lächelte geheimnisvoll. Sie stand auf und öffnete die Tür zum Chefbüro.
Das muss etwas Besonderes sein, dass ich ohne Anmeldung rein kann, dachte er beim Eintreten.
Elmar bekam ein flaues Gefühl in der Magengrube, welches sich beim Anblick der anderen Vorstandsmitglieder verstärkte, die sich um den großen Konferenztisch versammelt hatten. Dr. Kremscher stand auf und begrüßte ihn freundschaftlich.
»Setzen Sie sich.« Er zeigte auf einen freien Platz. »Möchten Sie einen Kaffee?«
»Nein danke, ich habe vorhin erst gefrühstückt«, log er und setzte sich.
»Sie werden sicherlich mitbekommen haben, dass wir in Brasilien, genauer gesagt in Rio de Janeiro, eine Spedition übernommen haben. Hier in Europa drückt die osteuropäische Konkurrenz die Preise und wir wollen uns dort ein weiteres Standbein verschaffen.« Er räusperte sich. »Sie sprechen ausgezeichnet portugiesisch und wir sind mit Ihnen sehr zufrieden.«
Elmar hörte diese Worte gerne, er brauchte etwas Aufbauendes, vermutete jedoch, dass ein dickes Ende gleich nachkam. Soll ich das jetzt zusätzlich mitmachen? überlegte er erschrocken.
Sein Chef fuhr fort. »Leider gibt es dort Schwierigkeiten mit der Zusammenarbeit. Anscheinend ist die brasilianische Arbeitsweise etwas ...«, er räusperte sich wieder, »… sehr unterschiedlich zu unserer hier in Deutschland. Daher haben wir gestern auf der Sitzung beschlossen, einen Mann von uns rüberzuschicken, der dort nach dem Rechten sieht und ein bisschen Ordnung reinbringt.« Er ließ seine Worte auf ihn einwirken.
Unruhig rutschte Elmar auf seinem Stuhl herum. Und dieser Jemand soll ich wohl sein. Die haben das bestimmt zu dem Zeitpunkt beschlossen, als ich mich mit Sabine gestritten habe, ging es ihm durch den Kopf.
»Eigentlich ist Herr Mohr für Brasilien verantwortlich, er hat uns allerdings gebeten, ihn aus familiären Gründen, er ist verheiratet und hat zwei Kinder, die zur Schule gehen, zu entbinden.«
Herr Fischer ergriff das Wort. »Darum sind wir nach kurzer Beratung auf Sie gekommen. Sie sind ledig und haben keine weiteren Verpflichtungen. Wir dachten daran, Sie für ein Jahr abzustellen, damit Sie alles genau kennenlernen können. Wir geben Ihnen bis zum Wochenende Zeit, sich zu entscheiden. Denken Sie bitte daran, dass es für Ihr Weiterkommen in der Firma entscheidend sein könnte«, drohte er unterschwellig.
Er erhob sich und gab Elmar versöhnlich die Hand. »Wir erwarten also Ihre Entscheidung am Freitag. Melden Sie sich bei Herrn Stengl, er wird das Weitere veranlassen«, verabschiedete er ihn.
»Haben Sie ein Glück, Brasilien, Rio, Zuckerhut, Copacabana«, beneidete ihn Frau Jakobi. Das Gleiche sagte ihm Jana, der er über das Gespräch berichtete.
»Denken Sie daran, dass es für Ihr Weiterkommen entscheidend sein könnte«, äffte er seinen Vorgesetzten nach. »Die haben das so vorgetragen, dass ich gar nicht ablehnen kann«, beschwerte er sich.
»Die werden dich nicht gleich rauswerfen, wenn du ablehnst«, tröstete ihn Jana.
»Das wohl nicht, aber vielleicht befördern sie mich dann als Belohnung zum Chef einer Klitsche in Kleinkleckersdorf oder Hintertupfingen am Rande der Welt«, meinte er ironisch.
An diesem Tag blieb Elmar nicht wie sonst länger im Büro, sondern packte pünktlich seine Sachen und fuhr nach Hause.
Erstaunt sah seine Mutter auf, als er das Auto in der Hofeinfahrt parkte.
»Du bist früh dran. Habt ihr gestern wieder Streit gehabt?«, fragte sie besorgt, auf den gestrigen Abend anspielend.
»Ja, wir kommen einfach nicht mehr klar«, antwortete er knapp.
Gerda Lehnert bohrte nicht weiter nach. Oft verstand sie nicht, welche Freundinnen ihr Sohn anschleppte. Diese Sabine war ihr von Anfang an unsympathisch, sie zeigte es jedoch nicht. Mit wem Elmar zusammen war, musste er selbst entscheiden, alt genug müsste er mit seinen 38 Jahren schließlich sein.
»Dir macht die Sache wohl ganz schön zu schaffen?« Gerda Lehnert merkte, dass ihm etwas auf der Seele lag.
»Es ist nicht nur das. Die Firma will mich für ein Jahr nach Brasilien schicken. Und das Schlimme ist, die lassen mir keine Wahl. Ich werde wohl müssen.«
Seine Mutter erschrak, Elmar sollte ins Ausland? Oft genug reiste er nach Portugal, um Geschäftspartner dort zu besuchen oder neue Geschäfte abzuschließen. Doch das war immer nur für kurze Zeit. Ein ganzes Jahr, sie schüttelte den Kopf.
»Möchtest du etwas essen? Es sind noch Schweinebraten und Kartoffeln übrig, das kann ich dir warm machen«, bot sie an.
»Kannst du mir Spätzle dazu machen?«, bat er.
»Mach ich dir.« Sie ging in die Küche.
Nachdenklich setzte sich Elmar später in seiner Wohnung auf das Sofa, holte sich eine Flasche Weizenbier aus dem Kühlschrank, schaltete das Radio ein und überlegte. In der Firma hatte er es weit gebracht. Dank seiner Portugiesisch-Kenntnisse war er zum Leiter der Portugal-Abteilung aufgestiegen. Die Schwester seiner Mutter hatte in zweiter Ehe einen Portugiesen geheiratet und war nach Portugal gezogen. Seine Schwester Christine und er verlebten dort fast alle Ferien und ein Jahr hatte Elmar als Austauschschüler in Lissabon verbracht. Sollte er sich mit der Firma anlegen? Die Zeiten waren schlecht. Dr. Kremscher hatte recht, er war alleinstehend. Das mit Sabine würde er verkraften, der ewige Stress mit ihr reichte ihm. Vielleicht war es sogar besser, das Thema Sabine auf diese Art und Weise zu beenden. Die Musik beruhigte ihn und nachdem er die Flasche Bier ausgetrunken hatte, meinte er, Sambaklänge herauszuhören.
Kaum hatte er das Büro betreten, stürzte Jana auf ihn zu. »Hast du dich entschieden?«
»Ja, aber ich verrate nicht wie«, entgegnete er knapp.
Sollte sie sich den Kopf zerbrechen, er hatte es ebenfalls getan. Beleidigt drehte Jana sich um.
Schnell erledigte er die wichtigsten Arbeiten und nahm sich den Nachmittag frei. In einem Buchladen fragte er nach Reiseliteratur über Brasilien und aus der Vielzahl der Bücher kaufte er ein paar Reiseführer von Rio und einen Bildband. Zu Hause blätterte er die Bücher durch und sah sich zuerst einmal die bunten Bilder an. Er war erstaunt über die Schönheiten, die diese Stadt anscheinend zu bieten hatte. Bisher waren seine Vorstellungen über das Land klischeehaft, er kannte nur den Zuckerhut, die Prachtstrände und die Kriminalität. Brasilien war für ihn nie interessant gewesen, dafür kannte er Portugal wie seine Westentasche. Nachdem er angefangen hatte zu lesen, verstärkte sich seine Meinung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Fast hätte er vergessen, zum Stammtisch zu gehen. Elmar liebte die Berge und unternahm mit seinen Freunden oft Wanderungen von Hütte zu Hütte und einmal im Monat trafen sie sich.
Stefan, ein waghalsiger Gleitschirmflieger, erzählte gerade von seinem letzten Wochenende, als Elmar zu ihnen stieß. Von der Vorstellung, ein Jahr nach Rio zu gehen, waren sie begeistert.
»Mensch, geil, da gibt es tolle Frauen«, platzte Christian heraus. An diesen Aspekt hatte Elmar überhaupt nicht gedacht. Zuletzt erhielt er ein paar gute Ratschläge. Steffi war mit ihrem Freund letztes Jahr dort gewesen und berichtete fasziniert von dem Land und den netten Menschen.
Bereits am nächsten Tag ging er zu Herrn Stengl.
»Na, Herr Lehnert, haben Sie sich entschieden?«, fragte er neugierig.
»Da ich so nett gebeten wurde, kann ich ja gar nicht ablehnen«, antwortete er spitz.
»Also gut.« Herr Stengl reagierte nicht. »Wir möchten, dass Sie zum nächsten Quartalsbeginn anfangen. Damit Sie Zeit zum Eingewöhnen haben, sollten Sie bereits eine Woche vorher dort sein. Ein gewisser Herr Severino wird Sie vom Flughafen abholen und Sie einweisen. Ihr Gehalt bekommen Sie weiterhin von uns mit einer kleinen Auslandszulage. Damit müssten Sie dort sehr gut zurechtkommen.«
Es waren noch drei Wochen bis zum Quartalsende. Elmar überlegte, dann blieben ihm gerade mal zwei Wochen. Er würde sich darauf einstellen.
Es war verrückt. Nachdem er sich entschieden hatte, sich der Geschäftsleitung zu fügen, stolperte er förmlich über Brasilien. Überall las er Artikel zu dem Land in der Zeitung, wovon ihm viele reißerische Überschriften nicht gefielen. Massaker an Straßenkindern, Korruption und Umweltsünden drangen bis in seine Tageszeitung. Gab es diese Nachrichten vorher nicht oder hatte er sie nicht registriert, weil es ihn nicht interessierte? Er entdeckte einen Büchertisch mit dem Thema Brasilien. Aus der Vielzahl der Bücher wählte er »Brasilien – Land der Zukunft« von Stefan Zweig. Später, beim Lesen war er zuerst enttäuscht, versprach der Titel Auskunft über die Zukunft des Landes zu geben, handelte es jedoch von der Vergangenheit, von der Entdeckung und der Entwicklung. Elmar war fasziniert von dem mitreißenden und gar nicht trockenen Geschichtsunterricht. Er wurde neugierig auf das Land und die Menschen dort.
Früh am Morgen setzte das Flugzeug sanft auf der Landebahn von Rios Flughafen auf. Wie abgesprochen empfing ihn Herr Severino.
»Bem vindo, herzlich Willkommen«, begrüßte er Elmar und brachte ihn zum Hotel, das nur wenige Kilometer von der Spedition entfernt lag. Die Farbe platzte von der Fassade und es sah etwas heruntergekommen aus.
»Machen Sie sich erst einmal frisch und dann können Sie frühstücken. Ich warte hier unten auf Sie«, verabschiedete sich Severino von Elmar und schlenderte in den Frühstücksraum.
Im Vergleich zum Äußeren war das Zimmer überraschend sauber. Elmar duschte und rasierte sich. Erfrischt traf er Severino, der sich die Zwischenzeit mit einem Kaffee verkürzt hatte.
Das Frühstück war reichlich, was er bei der bescheidenen Größe des Hotels nicht erwartet hätte. Zu der Auswahl gehörten mehrere Sorten Kuchen und viele Früchte, die ihm hier viel besser schmeckten als zu Hause.
Während er frühstückte, konnte er Severino beobachten. Er war etwas kleiner als er und seine Hautfarbe zeigte ein helles Braun. Elmar schätzte ihn etwa in seinem Alter. Er wirkte sympathisch, gab sich jedoch zurückhaltend und Elmar spürte, dass sich etwas zwischen ihnen befand.
Nach dem Frühstück fuhren sie in die Spedition und Severino stellte ihm die Kollegen vor. Obwohl alle sehr freundlich waren, spürte er eine Kälte und Diskrepanz zwischen ihnen.
Damit er sich ein erstes Bild machen konnte, zeigte ihm Severino die Firma. Elmar war erstaunt über die riesigen, vorsintflutlich wirkenden Lastwagen, gleichzeitig erschrak er bei einigen über deren desolaten Zustand. Auf dem Hof sah es, für deutsche Verhältnisse, katastrophal aus. Öllachen schimmerten auf dem Asphalt, in einer Ecke verrotteten alte Motoren und Aufbauten.
Die Spedition und sein Hotel lagen im Hafenviertel. Er nahm sich ein Taxi, um die Stadt zu erkunden. Der Fahrer zeigte sich gesprächig und sie verabredeten, dass er ihm Rio zeigen würde.
Ernesto, so hatte sich der Taxifahrer vorgestellt, lobte die Stadt, die er in- und auswendig kannte. Elmar merkte zum ersten Mal, dass die Brasilianer sehr stolz auf ihr Land waren.
Ernesto gab ihm seine Karte und Elmar rief ihn immer an, wenn er gefahren werden wollte und gerne zeigte ihm der Fahrer die Stadt.
In der Firma lief es nicht so, wie es sein sollte. Ständig hatte Elmar den Eindruck, dass die Kollegen ihm Steine in den Weg legten. Wenn er Vorschläge oder Änderungen vorbrachte, ging immer wieder etwas schief, es war zum Verzweifeln.
Gott sei Dank, endlich war Elmar im Hotel. Die ewigen Streitereien mit Severino, die Seitenhiebe auf die Spedition in Deutschland, es reichte ihm, er brauchte Abwechslung.
»He Ernesto, heute Abend brauche ich Zerstreuung. Hast du Lust, mit mir einen trinken zu gehen?«, telefonierte er mit ihm und Ernesto sagte zu.
»Prima, und wenn du auch einen trinken willst, komm mit einem Taxi, aber nicht mit deinem.«
Er lachte laut über den Vorschlag.
Ernesto übernahm die Führung. Nachdem sie in einer Churrascaria gegessen hatten, brachte er Elmar in eine Bar und nach ein paar Bieren schüttete Elmar ihm sein Herz aus.
»Keiner will mich verstehen, alles, was ich vorschlage und besser machen will, wird abgelehnt. Die wollen nicht.«
Ernesto machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Hast du mal daran gedacht, dass die denken, du willst sie ausspionieren? Du musst sie verstehen, jahrelang habe sie ihren eigenen Trott gehabt und jetzt kommst du und willst alles ändern, willst es so machen, wie bei euch in Deutschland. Wir sind hier in Brasilien, hier läuft es wahrscheinlich anders.«
Elmar kam ins Grübeln, was ihm nach den vielen Bieren schwerfiel.
»Komm, ich glaube, du brauchst eine andere Abwechslung«, meinte Ernesto und schleppte ihn weiter.
Laute Musik schlug ihnen beim Eintreten entgegen. Auf einer Bühne tanzte eine nackte Frau zu dem Rhythmus und zeigte deutlich ihre Reize. Ernesto grinste Elmar breit an und lotste ihn zu einem freien Platz. Gespannt sah sich Elmar um.
Die Männer am Nebentisch hatten ein Mädchen bezahlt, das unter deren Gejohle auf den Tisch kletterte und sich auszog. Mit gierigen Händen betatschten sie die Frau, von einem Security überwacht, dass sie nicht zu zudringlich wurden.
Ernesto bemerkte den Blick, mit dem Elmar aufmerksam dem Geschehen zusah und stieß ihn an.
»Such dir eine aus, du kannst sie alle haben«, forderte er ihn auf und winkte einer jungen, spärlich bekleideten Schönen zu, die sich auf seinen Schoß setzte. Bald waren Ernestos Hände überall und Elmar verspürte ebenfalls Verlangen in sich aufkommen. Warum nicht? Schließlich war er niemandem Rechenschaft schuldig.
Ernesto beugte sich vor. »Ich gehe mit ihr aufs Zimmer. Du kannst ruhig ebenfalls gehen, wir treffen uns wieder hier unten und warten aufeinander.«
»Was ist mit deiner Frau?«, warf Elmar schnell ein.
»Maria? Die denkt, dass ich mit Touristen unterwegs bin«, lachte er.
Ernesto war kaum weg, da trat eine Frau an seinen Tisch.
»Meine Freundin meinte, du bräuchtest Gesellschaft«, sagte sie zu ihm. »Ich bin Mona«, stellte sie sich vor. Sie war etwas älter als die meisten der Mädchen hier, aber ein Bild von einer Frau. Langes schwarzes Haar und braune Haut, genauso, wie man sich eine Brasilianerin vorstellt und sie in den bunten Katalogen und Prospekten über Brasilien abgebildet sind.
Sie unterhielten sich kurz und tauschten höfliche Floskeln aus, bis sich Mona zu ihm herüberbeugte und seine Hand an ihren Busen führte. Elmar konnte nicht anders, er musste sie berühren. Hart fühlte sich ihre Brustwarze an und weich und warm die Brust.
»Möchtest du mich haben?«, fragte sie lachend und strich über seinen Schritt.
Elmar konnte nur nicken. Kurzerhand nahm sie seine Hand und führte ihn weg.
Benommen wachte Elmar auf. Sofort fiel ihm Mona ein.
Mann, war das eine Frau, erinnerte er sich.
Sie behandelte ihn nicht so, als würde sie Geld dafür nehmen. Ohne Zeitdruck waren sie lange zusammen und fanden sogar Zeit, miteinander zu plaudern und zu lachen. Noch auf der Heimfahrt bat er Ernesto um die Adresse, für alle Fälle.
»Warum ist die Statistik nicht fertig?«
Elmar war stinksauer. Er verlangte eine Aufstellung über die einzelnen Touren, da er mitbekommen hatte, dass an einem Tag mehrere Lastwagen die gleiche Strecke oder in die gleiche Richtung fuhren und wollte wissen, ob es nicht möglich wäre, die Fahrten zusammenzulegen.
Severino wurde wütend. Was sich dieser Gringo nur einbildet. Kommt daher und will alles besser wissen. Ihm reichte es jetzt.
»Sie haben keine Ahnung, wie es hier abläuft. Hier ist nicht Deutschland. Sie müssen mit der Mentalität der Brasilianer rechnen. Allein die Straßen sind anders, Sie kennen nur die in der Stadt. Fahren Sie mal mit raus, dann erleben Sie eine ganz andere Welt.«
Elmar blieb die Sprache weg. Severinos Ausbruch kam für ihn völlig unerwartet.
»Wir reden morgen weiter«, sagte er mühsam beherrscht und knallte die Tür seines Büros zu. »So ein blödes Volk, diese Brasilianer«, murmelte er vor sich hin, »alles Idioten, keinen blassen Schimmer von Betriebswirtschaft, aber wollen alles Wissen und Können, diese Arschlöcher«, schimpfte er weiter.
Sollte er in München anrufen und sich beschweren? Dann würde er sein Unvermögen eingestehen, lieber nicht. Beinahe zwei Monate arbeitete er hier, erreicht hatte er fast nichts. Ernesto fiel ihm ein, der genau das Gleiche sagte wie Severino, dass die Mentalität hier anders ist, dass er das verstehen muss mit seinen sturen Vorstellungen. Er nahm sich vor, noch einmal mit ihm zu reden.
Die Gelegenheit war günstig. Severino stand neben seinem Auto, die Motorhaube hochgeklappt.
»Kann ich Ihnen helfen?«, bot er an.
»Die Karre springt mal wieder nicht an und meine Frau braucht das Auto nachher«, beschwerte er sich.
Elmar überlegte kurz. »Nehmen Sie meines, ich fahre mit dem Bus«, schlug er vor und Severino sah ihn verdutzt an.
»Wie wäre es, wenn Sie mit zu mir fahren würden, und wir nehmen Sie später mit in die Stadt. Das ist bequemer und vielleicht sogar schneller«, antwortete Severino.
Elmar stimmte zu und so fuhren sie zu Severino nach Hause. Auf der Fahrt unterhielten sie sich und beide merkten, dass der andere eventuell gar nicht so übel war, wie angenommen.
Severino besaß ein größeres Grundstück mit einem einstöckigen Bungalow, so wie es hier üblich war. Zwar ebenfalls hoch eingezäunt, aber nicht so wie die Häuser in der Stadt. Er bemerkte Elmars Blick und erklärte: »Das ist ein Vorort von Niterói, hier ist es ruhiger und nicht so gefährlich. Bei Bekannten in der Innenstadt kann man abends und nachts regelmäßig Schüsse hören, da bleibt man besser zu Hause.«
Er lernte Cecilia, Severinos Frau, kennen. Sie saßen im Garten, wo sie auf Cecilia warteten.
»Severino, ich habe mir noch mal Gedanken gemacht. So kann es nicht weitergehen, dass wir gegeneinander arbeiten. Es ist unsere Firma und wir müssen alles tun, um sie so auf Vordermann zu bringen, dass München damit zufrieden ist.«
»Ich weiß und es tut mir leid, was heute Morgen passiert ist.« Severino war abwartend, doch bei der weiteren Unterhaltung kamen sie sich immer näher. Elmar war erstaunt, dass alle vermuteten, er wolle sie ausspionieren und überwachen und sie ihn daher so reserviert behandelten.
»Sie sagten, dass ich einmal auf einer Tour mitfahren soll, was ist damit? Ich möchte wissen, wie es ist.«
Severino blieb der Mund offenstehen. »Übermorgen geht eine Fahrt nach Manaus. Die Strecke ist höllisch, das ist kein Honigschlecken.«
Cecilia kam aus dem Haus und nahm Elmar mit in die Stadt, um ihn bei seinem Hotel abzusetzen, wo er immer noch wohnte. Er suchte zwar eine Wohnung, bisher jedoch erfolglos.
Wie vorgeschlagen organisierte Severino die Tour, bei der Elmar mitfahren sollte. Drei Wochen war er mit Lucio, dem besten Fahrer, wie Severino bestätigte, unterwegs und merkte, dass es hier wirklich anders lief als in Europa. In diesen langen Tagen und Nächten, auf zum Teil katastrophalen Straßen, änderte sich seine Meinung und Einstellung. Er schlief mit Lucio im Lastwagen oder in teilweise dreckigen, heruntergekommenen Lanchonettes, wechselte geplatzte Reifen, stritt mit Polizeikontrollen, die den Zustand des Lasters bemängelten, um Geld zu fordern, und sah, wie Lucio Schmiergelder zahlte. Er lernte das Land kennen, sah in den kleinen Dörfern die bescheidenen Häuser aus Brettern oder Lehm, sah die primitiven Zustände, in denen die Menschen hier lebten. Er wunderte sich, dass sie trotz der Lebensumstände und des ärmlichen Lebens so unbekümmert und freundlich waren. Plötzlich verstand er, dass hier mehr Unvorhergesehenes passieren konnte, dass die Einstellung und Mentalität der Brasilianer anders war als in Europa.
Wieder zurück wurden er und Severino Freunde. Oft war er bei ihm eingeladen und als er über seine erfolglose Wohnungssuche redete, schlug ihm Severino vor, bei ihnen zu wohnen. Seine Töchter waren aus dem Haus und das Zimmer stand leer. Dankend nahm Elmar an.
Tayana hatte am Vortag gewaschen und Fernanda war mit dem Bügeln fertig geworden. Viel war es nicht, denn ihrer beider Kleidung war abgetragen und einige Stücke zeigten bereits Löcher, es war halt nicht zu ändern. Schon als kleines Kind war Fernanda viel auf sich allein gestellt, ihre Mutter hatte keine Wahl, sie musste immer arbeiten, um Geld zu verdienen.
Sie lebten allein in dem bescheidenen Haus, dunkel erinnerte sie sich daran, dass ab und zu Männer hier gewohnt hatten. Ihr schien es, dass sich ihre Mutter nichts aus Männern machte. Die meisten ihrer Freundinnen hatten Väter oder die Frauen lebten mit Partnern zusammen und sie war neidisch.
Fernanda fühlte sich verantwortlich, ihrer Mutter zu helfen. Sie erkannte, dass Tayana oft traurig war. Gerade in letzter Zeit weinte sie oft, wenn sie abends nach Hause kam und dachte, dass Fernanda schlief und es nicht mitbekam. Sie bekam es jedoch mit und so half sie, wo es ging.
Ein letztes Mal sah sie sich um. Alles in Ordnung, jetzt konnte sie das Geld beruhigt nehmen, das Tayana für sie auf den Tisch gelegt hatte. Es kam nicht oft vor und so ging Fernanda stolz in den kleinen Laden in der Nähe, um sich ein Eis zu kaufen.
Während sie überlegte, welches Eis sie nehmen sollte, kamen zwei Männer herein, von denen sich einer an den freien Tisch setzte, der vor dem Geschäft stand. Der andere kam an den Tresen und bestellte eine Flasche Bier und zwei Gläser, dann setzte er sich zu seinem Freund. Fernanda starrte den Fremden an. Er sah so anders aus, wie die Leute hier. Das war bestimmt kein Brasilianer.
Schnell entschied sie sich für ein Eis mit Açaí, einer Frucht, die die Zunge schön blau färbte, leider auch die Finger und das T-Shirt, wenn es heruntertropfte. Unauffällig setzte sie sich in die Nähe der beiden und belauschte sie, darauf achtend, dass nichts auf ihr Kleid tropfte.
Im Moment sprach der Fremde: »… haben wir gerade so hinbekommen, das mit der Lieferung nach São Paulo, oder?«
»Ja, wir haben Glück gehabt. Mit eurer deutschen Mentalität hätte das bestimmt nicht geklappt«, entgegnete der Brasilianer.
»Da hast du recht. Ich war ein schöner Idiot, dass ich damals glaubte, man könnte unsere Verhältnisse einfach hierher übertragen.«
Der andere nickte. »Aber komm jetzt, Cecilia wartet mit dem Essen auf uns. Bestimmt wird sie uns mit einem Vorwurf empfangen: Severino! Elmar! Wo bleibt ihr denn so lange?« Der Brasilianer ahmte die Stimme seiner Frau nach.
Sie lachten und standen auf.
Fernanda war neugierig geworden, der Mann interessierte sie. Ein Fremder, ein Gringo, hier in ihrer Gegend, das musste sie genauer auskundschaften und so folgte sie ihnen. Sie gingen nicht lange, ein paar Straßen weiter öffneten sie ein Hoftor und betraten das Grundstück. Fernanda stellte sich ans Gitter und hörte die Frau: »Severino, Elmar! Wo bleibt ihr denn so lange …«
Sie lachte, das waren genau die Worte, die der Mann mit der nachgemachten Stimme seiner Frau gesagt hatte.
Das Grundstück lag in einem Viertel, in welchem die für sie reicheren Leute wohnten. Ein paar Minuten stand sie dort und beobachtete das Haus. Als nichts passierte, zuckte sie mit den Schultern.
»Die werden jetzt essen.«
Fernanda drehte sich um und schlenderte langsam zurück.
Fernanda richtete es so ein, dass sie auf dem Weg nach der Schule an dem Grundstück vorbeikam, allerdings sah sie nie jemanden und war dicht davor, ihre Beobachtungen einzustellen. An einem Samstagnachmittag hatte sie Glück. Ein paar Leute standen oder saßen auf der Terrasse und unterhielten sich. Gerade stellte eine Frau einen Kuchen auf den Tisch und zündete die Kerzen darauf an.
»Da hat jemand Geburtstag«, schoss es Fernanda durch den Kopf und sie trat näher an das Gitter.
Unter dem Beifall der Gäste blies der Deutsche nach dem Geburtstagsständchen die vielen Kerzen aus und verteilte den Kuchen.
Mit der buntgefärbten Sahne sah die Torte lecker aus und gerne hätte sie ein Stück davon gegessen. Soeben ging der Fremde zu einem Stuhl, als er in Fernandas Richtung sah und sie entdeckte. Kurz zögerte er, dann kam er auf Fernanda zu, die vor Schreck wie angewurzelt stehenblieb.
Der Mann hielt ihr den Pappteller mit dem Kuchenstück hin.
»Möchtest du ein Stück Kuchen haben?«, fragte er und sah sie neugierig an.
Stumm nickte sie, nahm den Teller und rannte schnell davon.
Hinter der nächsten Straßenecke blieb sie stehen. Sie war außer Atem und musste erst einmal Luft holen. Fernanda setzte sich auf eine Mauer und aß die Hälfte des Stückes, das andere würde sie für ihre Mutter aufheben. Doch was sollte sie sagen, wenn sie nachfragte, wo der Kuchen her sei? Sie würde bestimmt schimpfen, dass sie so weit weg von zu Hause herumlief. Es gab nur eine Möglichkeit, sie musste alles aufessen. Um ihr Gewissen zu beruhigen, nahm sie sich vor, später die Küche zu putzen.
Das Tortenstück schmeckte lecker, mehrmals leckte sie die Plastikgabel und den Pappteller ab und warf beides in das Gebüsch am Straßenrand.
»Ich habe etwas zu essen mitgebracht«, sagte Tayana, die heute früher von der Arbeit kam. Fernanda war noch auf.
Sie packte bunte Plastikdosen aus, die sie auf den Tisch stellte.
»Hier, als Nachtisch gibt es Kuchen.«
Tayana öffnete eine der kleinen Dosen und zeigte sie ihr.
»Den kannst du essen, ich möchte lieber ein Stück von dem Fleisch«, sagte Fernanda, worüber sich Tayana wunderte, sonst konnte Fernanda nicht genug Süßes bekommen.
»Ist dir nicht gut, hast du was?«, fragte sie besorgt, während Fernanda den Kopf schüttelte.
Die Abrechnung stimmte nicht und so kamen Elmar und Severino spät aus dem Büro, um den Fehler zu suchen und zu berichtigen.
»Jetzt ein Bier, nach den vielen trockenen Zahlen.«
Severino ging zum Kühlschrank, in dem er das Gesuchte nicht fand. Enttäuscht kam er aus der Küche.
»Das Bier ist alle. Wer geht? Ich, du oder wir beide?«
»Lass mal, ich gehe. Wenn wir zusammen losziehen, bekommen wir wieder Ärger mit Cecilia, weil wir dort gleich ein paar Bier mehr trinken.«
Elmar erhob sich müde und schlenderte zu dem kleinen Laden. Sofort erkannte er beim Eintreten das junge Mädchen, das einen Beutel Reis, Maniokmehl und die typischen Bohnen auf den Tresen gelegt hatte. Wie es aussah, reichte das Geld nicht, traurig schaute das Kind zu dem Mann hinter der Theke.
»Das ist alles, was ich habe«, sagte sie weinerlich.
»Dann kannst du nur den Reis mitnehmen.« Hart und ungeduldig klang die Stimme des Ladenbesitzers.
Elmar überlegte nicht lange.
»Ich bezahle für sie«, beschwichtigte er den Mann und legte seine Hand auf die knochige Schulter der Kleinen, die sich mit einem schnellen Blick zu dem Verkäufer und Elmar die Tüten schnappte und weglief.
Elmar steckte den Geldschein, der auf der Theke liegen geblieben war, ein und bezahlte die Sachen zusammen mit dem Bier, das er mitnahm.
Erst hinter der nächsten Ecke wurde Fernanda langsamer und blieb stehen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, so schnell war sie gelaufen. Was war sie erschrocken, als der Fremde seine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte.
Es war wie im Märchen. Ihre Mutter hatte einen Zettel geschrieben, was sie besorgen sollte und Geld dazugelegt. Es war nicht viel und ihre Mutter hatte sich wohl verrechnet, dachte Fernanda. Jedenfalls reichte es nicht, um alles zu kaufen. Dann war der Retter gekommen und hatte für sie bezahlt.
»Du bist noch auf?«, wunderte sich Tayana.
»Ich kann nicht schlafen«, erklärte sie ihrer Mutter.
»Wie war es in der Schule? Du hast etwas von einer Klassenarbeit erzählt.«
»Alles in Ordnung. In Mathematik war ich die Beste und in Portugiesisch habe ich eine Zwei bekommen«, antwortete Fernanda.
»Das freut mich.« Sie drückte ihre Tochter. »Willst du noch etwas essen? Ich habe Fleisch mitgebracht«, fragte Tayana.
»Nein danke, ich habe Reis und Bohnen gekocht, ich bin satt.«
»Hat das Geld gereicht, hast du alles bekommen?«
Fernanda erschrak. Sollte sie ihrer Mutter die Geschichte erzählen? Besser nicht.
»Gerade so, die restlichen Centavos hat mir Mario erlassen«, log Fernanda.
Erleichtert lächelte Tayana und dankte dem Ladenbesitzer im Stillen, er hatte bereits öfter auf das Kleingeld verzichtet. Beim nächsten Mal würde sie sich bei ihm bedanken.
Fernanda konnte es nicht lassen, der Fremde zog sie an und immer wieder ging sie zu dem Grundstück, um zu spionieren.
Es war später Samstagnachmittag, als Fernanda ihren Beobachtungsposten auf der gegenüberliegenden Straßenseite bezog. Sie sah die beiden Männer, die mit einem dritten neben einem rauchenden Grill standen. Der Brasilianer legte große Fleischstücke auf den Rost, zischend tropfte Fett in die Glut und verbreitete einen verführerischen Duft, der bis zu Fernanda drang. Kurz darauf trat Cecilia und eine weitere Frau aus dem Haus, in der sie eine Lehrerin ihrer Schule erkannte.
Der Geruch des gebratenen Fleisches erinnerte sie daran, dass sie an diesem Tag nur einen Rest Maisbrei vom Frühstück und ein paar Löffel Reis gegessen hatte. Mehr war nicht dagewesen und in ihrem Bauch rumorte es. Immer mutiger wurde sie, bis sie an den Gitterstäben des Tores stand. Zu lecker rochen die Fleischstücke auf dem Grill.
Lucia und Silvio, ein befreundetes Ehepaar, waren zum Churrasco gekommen und alle warteten darauf, dass das Fleisch fertig gegrillt war. Cecilia und Lucia holten Schüsseln mit Kartoffelsalat und Reis aus dem Haus und stellten sie auf den Tisch, Severino legte die ersten Steaks auf die Teller.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Elmar eine Bewegung auf der Straße. Gewohnheitsmäßig sah er hin und entdeckte, dass das Kind wieder dort stand.
»Seht ihr das Mädchen da?«, fragte er die anderen und erzählte die Geschichte mit dem Tortenstück und den Vorfall in dem Laden.
»Ja, ich kenne sie. Das ist Fernanda, sie ist an unserer Schule. Ein typischer Fall von hier. Das Kind ist hochintelligent, aber sie wird nie eine Chance haben, weil die Mutter kein Geld hat. Gerade letzte Woche haben wir auf einer Konferenz darüber geredet, dass mehrere Monate des Schulgeldes offen sind. Die Schule muss sie behalten, doch sie hat dadurch viele Nachteile. Sie kann keine Prüfungen machen oder bekommt keine Zeugnisse. Das ist zwar ungerecht, aber es haben schon Schulen schließen müssen, weil sie wegen der fehlenden Einnahmen den Strom oder gar die Lehrer nicht mehr bezahlen konnten.«
»Kannst du sie rufen? Bei mir läuft sie bestimmt wieder weg«, bat Elmar.
Lucia stand auf und ging zu dem Mädchen.
Fernanda lief das Wasser im Munde zusammen, ihr Magen knurrte laut. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie die Lehrerin aufstand und auf sie zukam.
»Hallo Fernanda.« Sie war zu erschrocken, um wegzulaufen.
»Wohnst du hier in der Nähe?«, begann Lucia das Gespräch.
Fernanda nickte. Was sollte sie tun? Zum Davonlaufen war es zu spät. Dona Lucia war nicht ihre Lehrerin, sie kannte sie nur vom Sehen und einer Vertretungsstunde.
»Möchtest du etwas essen?«, fragte Dona Lucia und Fernanda erinnerte sich an ihren Hunger und trotz ihrer Angst nickte sie.
»Dann komm.« Sie nahm sie an die Hand.
Da hatte sie was angestellt, anstatt zu beobachten, wurde sie entdeckt und sie fühlte sich wie ein Dieb, der erwischt und abgeführt wurde. Verängstigt setzte sie sich auf den angebotenen Stuhl. Jetzt kam auch noch der Fremde zu ihr und streckte ihr die Hand hin.
»Hallo Fernanda, ich heiße Elmar«, begrüßte er sie.
Fernandas Hand lag wie eine Feder in der seinen.
»Du hast neulich dein Geld im Geschäft liegen gelassen.« Er holte den Geldschein aus der Hosentasche und gab ihn ihr.
Fernanda bedankte sich mit einem Kopfnicken. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, dennoch schlug ihr Herz höher, als Lucia ihr einen Teller mit Reis, Bohnen, Kartoffelsalat und einem großen Stück Fleisch vor sie hinstellte und ein Glas mit Limonade füllte.
Sie merkte, dass sie der Fremde beobachtete, doch das war ihr erst einmal egal, zuerst wollte sie ihren Hunger stillen, dann würde sie sich eine Ausrede einfallen lassen, um sich aus dem Staub zu machen.
Elmar sah sich Fernanda genauer an. Die schwarzen, gelockten Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, passten gut zu ihrer braunen Hautfarbe. Gebannt war er von ihren großen, dunklen Augen, die ihn manchmal scheu anblickten.
Cecilia sah die Löcher in ihrer Kleidung. Sie ging ins Haus, um abgetragene Sachen ihrer Töchter zu holen, die sie immer noch aufbewahrte. Cecilia gab ihr die Kleidungsstücke und ein Leuchten glitt über Fernandas Gesicht.
»Dona Lucia hat mir erzählt, dass du die Beste in der Klasse bist. Macht dir die Schule Spaß?«, fragte Elmar.
Fernanda schluckte schnell den Reis herunter. »Ja, aber meine Mãe hat gesagt, dass ich vielleicht auf eine andere Schule muss, weil sie sie nicht mehr bezahlen kann. Das macht mich traurig.«
»Was machen denn deine Eltern?«, wollte Elmar wissen.
»Mãe arbeitet in einem Restaurant. Sie kocht dort und wäscht das Geschirr. Ab und zu bringt sie leckeres Essen mit.«
»Und dein Vater?«
»Meine Mãe und ich leben allein.«
Fernanda wurde aufgeschlossener und mutiger.
»Wo kommst du her? Du bist so weiß und du sprichst so lustig«, fragte sie.
»Ich komme aus Deutschland. Da gibt es nicht so viel Sonne und es ist kälter. Hier in Rio arbeite ich mit Severino in einer Spedition«, lachte er über Fernandas Bemerkungen.
»Wie alt bist du denn?«, fragte er weiter.
»Neun, aber in vier Monaten werde ich schon zehn. Und du?«
»Ich bin neununddreißig geworden.«
»Dann bist du sieben Jahre älter als meine Mutter. Sie ist dieses Jahr zweiunddreißig geworden.«
»Da habt ihr bestimmt toll gefeiert.«
Ganz genau erinnerte sich Fernanda an den Tag. Sie hatte einen kleinen Kuchen gebacken und wartete auf ihre Mutter. Tayana musste an diesem Tag länger arbeiten und sie war eingeschlafen, als Tayana nach Hause kam. Das brauchte der Mann aber nicht zu wissen und so nickte sie nur und antwortete mit einem knappen »Ja«.
Nachdem Fernanda ihren Teller leergegessen hatte, verabschiedete sie sich.
»Ich muss jetzt nach Hause. Mãe hat Wäsche gewaschen und ich muss sie bügeln.«
Voller Stolz nahm sie die Kleider, die Cecilia in eine Tüte gesteckt hatte und eine Plastikschüssel mit Essen. Mit lustig hüpfendem Pferdeschwanz lief sie um die Ecke.
»Irgendwie süß, die Kleine. Ich mag sie«, schwärmte Elmar.
»So ist das Leben hier leider«, mischte sich Silvio, der ruhige, besonnene Mann Lucias ein. »Wenn du hier kein Geld hast, ist es sehr schlecht. Stell dir mal vor, die Kleine würde ernstlich krank werden. Die Krankenhäuser müssten sie eigentlich aufnehmen, machen es allerdings in vielen Fällen nicht und reden sich raus. So müssen die Leute es beim nächsten versuchen. Es sind schon welche während der Suche nach einem Krankenhaus gestorben«, malte er ein düsteres Szenario.
Nachdenklich starrten alle in die Glut.
Erstaunt sah Tayana die Kleider, die auf dem Tisch lagen. Wo waren die her? Fernanda schlief, sie wollte sie nicht wecken, das konnte bis morgen früh warten. Im Kühlschrank entdeckte sie eine Schüssel mit Fleisch und Kartoffelsalat. Martin war nicht gut drauf gewesen und so traute sie sich nicht, zu fragen, ob sie Reste mitnehmen durfte. Selbst hatte sie ebenfalls kaum etwas gegessen, ständig nörgelte Martin an ihr herum.
Schnell wärmte sie das Essen in der Pfanne und aß es mit dem Salat.
Verschlafen kam Fernanda aus dem Bad.
»Wo hast du die Kleider her und das Essen?«, wollte Tayana von ihr wissen.
Wie sollte sie erklären, wo die Sachen her waren, ohne dass ihre Mutter schimpfte?
»Ich bin an einem Haus vorbeigekommen, wo gegrillt wurde. Eine Lehrerin aus meiner Schule war dabei und sie hat mich eingeladen mitzuessen und eine andere Frau hat mir die Kleider geschenkt. Ich habe sie anprobiert, sie passen alle«, lenkte sie ab.
»Stimmt das?« Tayana sah ihre Tochter fest an.
Fernanda schluckte, es war so gewesen, jedenfalls in etwa. Von diesem Elmar sagte sie lieber nichts, das würde ihre Mutter bestimmt nicht gutheißen. Also nickte sie bestätigend.
»Die Lehrerin, das war Dona Lucia. Ich habe sie nicht im Unterricht, aber sie ist echt nett«, erwiderte Fernanda voller Überzeugung.
So ganz glaubte Tayana nicht, was ihre Tochter da erzählte, nur, was sollte sie machen? So ließ sie es erst einmal auf sich beruhen, sie würde mehr auf Fernanda aufpassen.
Immer öfter fand Tayana Chips, Schokolade und andere Süßigkeiten, von denen sie wusste, dass ihre Tochter sie nicht gekauft haben konnte. In ihrem Verhalten stellte sie keine Veränderung fest und wenn sie fragte, bekam sie unzulängliche Antworten, die sie nicht befriedigten. Was war da los?
»Es gibt keinen Strom und sie haben gesagt, dass es bis morgen dauern wird, bis es repariert ist«, empfing sie Martin. »Du kannst nach Hause gehen, das wird heute nichts«, sagte er verzweifelt und schickte sie zurück.
Tayana war nicht böse darüber, sie würde sich wieder ins Bett legen und ausschlafen.
Immer noch lächelnd stieg sie aus dem Bus, da entdeckte sie Fernanda, die in diesem Moment um die Ecke lief. Was machte sie da und wo wollte sie hin?
Tayana folgte ihrer Tochter und sah, wie sie ein paar Straßen weiter ein Tor öffnete und das Grundstück betrat. Welchem Geheimnis kam sie hier auf die Spur? War das der Grund, warum Fernanda so viele Süßigkeiten bekam?
Vorsichtig beobachtete Tayana von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Einige Bäume spendeten Schatten. Hinter einem dicken Baumstamm verborgen, belauerte sie unbemerkt das Geschehen.
Sie entdeckte Fernanda, die an einem Tisch saß. Eine Frau trat aus dem Haus und stellte einen Teller vor ihre Tochter, die gleich anfing zu essen.
Ein Auto kam angefahren und hielt vor dem Tor. Tayana drückte sich tiefer in den Schatten, um nicht gesehen zu werden und sah voller Schrecken, wie Fernanda aufstand und die beiden Männer zur Begrüßung umarmte. Mit den schlimmsten Befürchtungen im Sinn beobachtete sie weiter, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches bemerken, was ihre Angst bestätigte. Sie schienen sich lediglich zu unterhalten.
Etwa eine Stunde stand Tayana dort, bis Fernanda aufstand und sich verabschiedete. Der fremdländische Mann begleitete sie und öffnete das Tor.
Tayana trat aus dem Schatten und Fernanda erschrak heftig, als sie ihre Mutter erkannte, während der Fremde ebenfalls für einen Moment verwirrt war. Schnell fasste er sich und ging auf Tayana zu.
»Guten Tag, ich bin Elmar«, streckte er ihr seine Hand entgegen, die sie vorsichtig drückte. »Sie müssen Fernandas Mutter sein. Sie haben eine ganz liebe Tochter«, sagte er und sah ihr in die Augen.
Tayana nahm stumm Fernanda an die Hand und ging weg, sie spürte, dass der Mann hinter ihr her starrte.
Verwirrt stand Elmar auf dem Gehweg und sah beiden nach. Er hatte gleich erkannt, dass die Frau Fernandas Mutter sein musste, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Während Fernanda noch die eckigen Formen der Kindheit aufwies, war ihre Mutter eine erwachsene Frau, und was für eine. Ihre schwarzen Augen und ihr Blick waren in sein Gedächtnis eingebrannt. Wie bildhübsch sie war. Sie wirkte stark, doch gleichzeitig erkannte er einen traurigen Zug in ihr.
Wortlos zerrte Tayana ihre Tochter nach Hause. Sie war wütend und hatte zugleich Angst. Warum war Fernanda dort und was wollte der Fremde von ihr? Auf Fernandas Beteuerungen, dass nichts Böses dabei wäre und sie sich nur unterhielten, ging sie nicht ein, sie konnte es nicht glauben.
Fernanda verstand die Welt nicht mehr, warum glaubte ihre Mutter ihr nicht? Bisher war sie mit ihr prima zurechtgekommen, immer hatte sie Verständnis, mit allem konnte sie zu ihr kommen, konnte ihr alle Probleme und Ängste erzählen und alle Freuden teilen. Gut, von Elmar hatte sie nichts erzählt, instinktiv vermutete sie, dass ihre Mutter das nicht gutheißen würde, warum auch immer. Sie hatte ihr verboten, wieder dorthin zu gehen und es war wohl besser, sie hielt sich daran, zumindest vorerst.
Mit gemischten Gefühlen ging Tayana zur Bushaltestelle. Wie sollte sie Fernanda überwachen? Bisher hatte sie sich auf sie verlassen können, ob sie wirklich die Wahrheit sagte. Was sie beobachtete, war nichts Ungewöhnliches oder Sonderbares. Sie seufzte, sie musste ihrer Tochter vertrauen, was sollte sie anderes tun?
In der folgenden Woche ließ sich Fernanda nicht blicken. Jeden Abend wartete Elmar darauf, dass das Mädchen am Tor stand und zu ihm kam.
Ungeduldig telefonierte er mit Lucia, um sie über Fernandas Mutter auszufragen. Sie konnte ihm nicht weiterhelfen.
»Eine Kollegin ist Klassenlehrerin. Ich weiß nur, dass sie wegen der offenen Schulgebühren Probleme bekommen wird.«
