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Ein Traum erfüllt sich für Jaíra, die im brasilianischen Urwald lebt, als sie in Deutschland eine Ausbildung als Krankenschwester beginnen darf. Im Krankenhaus lernt sie Benedikt, einen sympathischen, allerdings sehr verschlossenen Patienten kennen. Es dauert lange, bis sie hinter sein Geheimnis kommt. Jaíra und Benedikt verlieben sich ineinander, das Glück scheint perfekt. Als Jaíra ihre Ausbildung beendet hat, fliegt sie jedoch zurück an ihren heimatlichen Fluss. Siegt letztendlich ihre Liebe zu Benedikt oder ist alles nur ein schöner Traum für Jaíra gewesen?
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bernd Radtke
Träume aus dem Regenwald
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Impressum neobooks
Der Tag hatte bereits grau in grau begonnen und nun regnete es in Strömen. Es war zwar erst später Nachmittag, doch bereits stockdunkel. Dicke Regentropfen trommelten gegen die Scheibe des Dachfensters, unter dem Jaíra fröstelnd saß und einen Brief an ihre Schwester zu schreiben versuchte.
»Querida irmã«, - »Liebe Schwester«, mehr stand nicht auf dem weißen Blatt. Obwohl sie bereits mehr als eine halbe Stunde überlegte, wollten ihr nicht die richtigen Worte einfallen, um den Brief zu beginnen. Nur hin und wieder fiel eine Träne auf das Papier und bildete dort einen feuchten Fleck. Warum musste alles so schwer sein? Wie hatte sie sich gefreut, endlich einen Kindheitstraum zu verwirklichen und nach Deutschland zu kommen? Ihr schöner Traum war nun zu einem Albtraum geworden.
Seufzend stand Jaíra auf und stellte einen Topf mit Wasser auf die Herdplatte, um sich einen Kaffee zu kochen. Als das Wasser mit dem Pulver aufkochte, weckte der aufsteigende Duft ihre Lebensgeister. Das Aroma des heißen, süßen Kaffees war vermischt mit etwas anderem, das Jaíra nur zu vertraut war: der Geruch des Waldes und des Wassers. Sie setzte sich in den kleinen Sessel und ihre Gedanken schweiften zurück an den Fluss.
Eduardo steuerte das Kanu an die Baumkrone eines Urwaldriesen, der zu dieser Jahreszeit bis zu den unteren Ästen im Wasser stand. Dort warfen sie ihre Schnüre aus und bald lagen die ersten Piranhas und Salmler in ihrem Boot.
»Das reicht für heute.«
Erst jetzt, da der Fang das Abendessen sichern würde, fing ihr Vater an zu reden und Jaíra spürte, dass er noch etwas auf dem Herzen hatte.
»Letzte Woche ist ein Lehrer in der Missionsstation angekommen.«
Jaíra interessierte das wenig. Hauptsache, sie konnte mit ihrem Vater auf dem Fluss und im Wald sein.
»Er will, dass alle in die Schule gehen.«
»Ich will nicht, ich will lieber mit dir zusammen sein.« Sie schmollte.
»Du gehst zur Schule und damit basta!«, beendete ihr Vater das Gespräch.
Jaíra konnte das nicht verstehen. Warum sollte sie den Tag in einer Schule verbringen? Ihr Vater hatte ihr alles beigebracht, was man zum Leben im Wald und am Fluss brauchte. Er war ein guter Lehrer und schließlich konnten die Fische auch nicht lesen.
Noch immer schmollend steckte sie der Vater am nächsten Tag mit ihren beiden älteren Geschwistern Raimundo und Juçara in das Kanu und sie fuhren den Fluss hinunter zu der kleinen Ansiedlung, in der die Schule errichtet worden war. Vor dem hellblau getünchten Gebäude warteten etwa dreißig Kinder aus dem Dorf und der Umgebung, die Jaíra alle kannte.
Jaíras Vater führte sie mit ihren Geschwistern in das Gebäude, in dem einige Männer und Frauen vor einer großen Tafel standen und redeten. Sie sah einen großen Mann. Staunend starrte sie auf die helle Haut und die blonden Haare. So etwas hatte sie noch nie gesehen.
»Oi, Eduardo«, begrüßte der große Fremde Jaíras Vater und die beiden klopften sich auf die Schultern.
»Guten Tag, Kinder«, sagte der große Mann zu ihnen. »Wir haben etwas zu besprechen, wartet bitte vor der Schule, bis ich euch hereinrufe.«
Jaíra und ihre Geschwister wurden hinausgeschickt. Aufgeregt redeten sie über den seltsamen Mann.
»Der kommt bestimmt aus São Paulo«, vermutete Ronaldo, ein pickliger Junge, der mit seiner Familie am anderen Ufer des Flusses wohnte.
Ibiri war, anders als Jaíra, von der Schule begeistert.
»Meine Mutter ist ganz stolz auf mich, dass ich lesen lerne. Sie freut sich schon darauf, dass ich ihr dann immer aus der Bibel vorlesen kann«, sagte sie gleich.
Wie Ibiri waren die meisten Kinder froh, eine Schule zu besuchen. Es war etwas Besonderes, nur nicht für Jaíra.
Nach einiger Zeit wurden sie in den Saal gerufen und der Fremde trat nach vorne an die Tafel.
»Hallo Kinder. Zuerst möchte ich mich vorstellen. Ich heiße Hans Ferber und komme aus Deutschland.«
Neugierig geworden sah Jaíra zu, wie der Mann eine große Tafel herunterzog, auf der bunte Flecken inmitten einer blauen Farbe waren.
»Das hier ist Brasilien.« Er zeigte auf einen der Flecke. »Und das ist der Amazonas, hier der Rio Negro. Wir sind ungefähr hier.«
Staunend verfolgte Jaíra die Geschichten, die ihnen der Mann dort vor der großen Tafel erzählte. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie eine Landkarte, sah, dass die Welt nach der letzten Biegung des Flusses nicht zu Ende war, sondern erfuhr, dass ihr Fluss viele, viele Kilometer weiter in ein großes Meer floss, das Atlantik genannt wurde. Noch nie hatte sie von Europa oder Deutschland gehört. Jetzt sah sie dies alles. So hatte sie sich die Schule nicht vorgestellt. Ab sofort wollte sie gerne in die Schule gehen, um noch mehr neue und interessante Dinge zu erfahren. Das war unglaublich, was der Lehrer berichtete, und sie war traurig, als der Unterricht zu Ende war.
Jaíra interessierte sich für alles. Ungeniert blieb sie oft nach dem Unterricht bei Hans Ferber oder besuchte ihn nachmittags, um ihren Wissensdurst zu stillen. Hans Ferber schloss das Mädchen, das immer alles wissen wollte und keine Ruhe gab, in sein Herz.
»Danke für den Pacu.« Hans bestaunte den großen Fisch, den Jaíra ihm mitgebracht hatte.
»Den habe ich selber gefangen. Soll ich ihn dir braten?«
»Das ist eine gute Idee. Während du das Essen machst, kann ich an meinem Brief weiterschreiben.« Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
Jaíra schuppte den Fisch und nahm ihn aus. Sie schnitt die Haut an den Seiten ein, rieb Salz und Pfeffer hinein und träufelte zum Schluss Limonensaft darüber. Während der Fisch in der Pfanne brutzelte und der Reis kochte, ging Jaíra zu Hans an den Schreibtisch und sah interessiert auf das beschriebene Blatt.
»An wen schreibst du?«
»An meine Eltern.«
»Ist das deutsch?« Neugierig versuchte Jaíra die Schrift zu enträtseln.
»Ja, meine Eltern können kein portugiesisch.«
Jaíra kam eine Idee. »Kann ich auch Deutsch lernen?«
Überrascht sah Hans das schlaksige Mädchen an, das ihn mit großen Augen bittend anschaute. »Willst du wirklich? Es ist nicht einfach. Hast du überhaupt Zeit, nach der Schule noch zu bleiben?«
»Ich kann mit einem anderen Kanu in die Schule kommen. Dann muss ich nicht mit meinen Geschwistern zurück und habe Zeit.« Jaíras Gesicht wurde vor Eifer ganz rot.
Ab sofort blieb Jaíra jeden Tag bei Hans und lernte. Am Anfang fiel es ihr schwer, die Worte richtig auszusprechen, bald machte sie jedoch Fortschritte. Sie spürte, dass es auch ihrem Lehrer Spaß machte, sein Wissen an sie weiterzugeben.
Hans hatte ein Kinderbuch auf den Tisch gelegt und Jaíra las den Text. Sie verstand fast alles.
»Wenn du so weitermachst, sprichst du bald perfekt«, lobte er sie. »Dann kann ich dich später einmal mitnehmen, wenn ich nach Deutschland fahre«, versprach er lachend.
»Wirklich?« Stolz leuchteten ihn ihre großen schwarzen Augen an.
Die Sonne versank gerade hinter den hohen Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Das Abendrot verzauberte den Horizont in alle möglichen Rottöne, die immer dunkler wurden, je mehr die große Scheibe der Sonne im Fluss versank. In der Ferne bewegte sich ein Punkt auf dem ruhig dahinfließenden Wasser.
»Na, da kommt ja endlich deine Tochter.« Manara blickte vorwurfsvoll zu ihrem Mann.
»Dass du dir immer so viele Gedanken machst«, antwortete er und legte den Arm um die Taille seiner Frau. »Sie ist vorsichtig und kennt sich aus. Du brauchst keine Angst zu haben.«
Eduardo kannte seine Tochter. Oft streiften sie gemeinsam wochenlang durch den Urwald, notfalls konnte sie allein in der Wildnis übernachten. Bei ihr zeigte sich wie bei ihm das Erbe seines Großvaters, der noch ein richtiger Indianer gewesen war.
»Ich mache mir mehr Sorgen um ihre Zukunft.« Er drückte Manara fest an sich. »Was soll sie hier im Wald mit ihrem ganzen Wissen? Es macht ihr solchen Spaß zu lernen. Soll sie später auch am Fluss leben, ohne Zukunft, mit vielen Kindern? Das macht mir Angst.«
»Lass uns erst mal ans Ufer gehen und ihr helfen, das Kanu an Land zu ziehen.« Manara löste sich aus seiner Umarmung und ging zum Fluss. Eduardo folgte ihr.
Mit dem letzten Tageslicht stieß die Spitze des Kanus ans Ufer. Stolz stieg Jaíra aus, ihre Augen strahlten, sodass ihr die Mutter nicht mehr böse sein konnte. Außer Atem stand sie vor ihnen.
»Heute war es ganz toll. Wir haben angefangen, ein Buch zu lesen, und Hans hat mir versprochen, mich einmal mit nach Deutschland zu nehmen.«
»Musst du deswegen so spät nach Hause kommen?«, schimpfte die Mutter.
»Es ist doch noch gar nicht dunkel«, entschuldigte sich Jaíra. »Außerdem ist das Buch so schön, ich konnte nicht aufhören. Hans hat mir ein Bier für dich mitgegeben.« Verschmitzt sah sie ihren Vater an, als sie ihm die Dose in die Hand drückte.
»Das ist Bestechung«, lachte der Vater.
Sie gingen die Treppe hoch auf die Plattform über dem Ufer, wo das Haus, geschützt vor dem jährlichen Hochwasser, stand. Es hatte nur einen einzigen Raum, dessen hinterer Teil durch eine Stoffdecke abgeteilt war, hinter der Eduardos und Manaras Hängematten hingen. In dem Raum brannte bereits eine Kerze, die ein schummriges Licht verbreitete. Manara wärmte die Feijão, die schwarzen Bohnen, zu denen sie Reis gekocht hatte. Dazu gab es wie immer Fisch. Hungrig setzte sich Jaíra zu ihren Geschwistern an den Tisch. Nachdem sie fertig war, legte sie sich in ihre Hängematte und schlief gleich ein.
Jaíra veränderte sich, aus dem kleinen Mädchen wurde eine Frau. Ihr Körper rundete sich und langsam wuchsen ihre Brüste. Ihre ältere Schwester Juçara hatte das längst hinter sich und so war Jaíra nicht überrascht, als sie eines Morgens Blut in ihrer Hängematte entdeckte. Manara drückte ihre Tochter fest an sich, als sie ihr von der Neuigkeit berichtete. Hinter einem Lächeln verbarg sie ihre Sorgen, ihr war nicht entgangen, dass die Jungen ihre Tochter anstarrten und versuchten, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Mit leisem Plätschern tauchte das Paddel in das dunkle Wasser, langsam glitt das Kanu über den Fluss. Ein Boto, einer der kleinen Flussdelphine, tauchte dicht neben ihr aus dem Wasser und Jaíra musste an die Geschichte denken, dass sich Botos ab und zu in schöne Männer verwandeln, um Mädchen und Frauen zu verführen. Sie folgte ihm, wobei sie wünschte, dass er sich in ihren Traumprinzen verwandeln würde.
Der Boto schwamm flussaufwärts und verschwand schließlich in der Bucht am rechten Ufer, an der sie sonst immer vorbei gepaddelt war, zu viele stachelige Bäume wuchsen dort. Immer noch schwamm der Boto voraus, so als wollte er sie führen. An einer Stelle, an der sich die Baumkronen im hochstehenden Wasser verzweigten, tauchte er. Hinter dichtem Blattwerk hörte Jaíra ihn wiederauftauchen. Sie kämpfte sich durch die Äste, die ihre Haut zerkratzten und jede Menge Krabbeltiere fielen in ihr Boot. Endlich war sie durch und erreichte wieder freies Wasser.
Am anderen Ende mündete ein kleiner Seitenarm. Als sie dort den Boto auftauchen sah, folgte sie ihm weiter, immer noch an den verwunschenen Prinzen glaubend. Hinter einer Kurve erstarrte sie. Der Fluss hatte sich zu einem See erweitert, riesige Bäume standen mit ihren Brettwurzeln im Wasser, Palmen säumten das sanft ansteigende Ufer. Ein Tukan flog an der grünen Wand entlang und verschwand zwischen den Bäumen, mehrere Morpho-Falter, deren blaue Flügel in der Sonne schillerten, tanzten in der Luft.
Schnell legte sie an und stand staunend am Ufer. Dieser Platz gefiel ihr, sie hatte das Gefühl, als gehöre sie hierher. Diese Stelle würde ihr Geheimnis bleiben, niemandem würde sie davon erzählen.
Jaíra träumte wieder an ihrem geheimen Platz. Sie hatte sich aus dünnen Bäumen und Palmwedeln eine kleine Hütte gebaut und lag in der Hängematte, die sie dort aufgehängt hatte. Schwärmerisch glitt ihr Blick über das Wasser. Sie stellte sich vor, hier mit ihrer zukünftigen Familie zu wohnen.
Bisher konnte sie sich für keinen Jungen interessieren, obwohl sie die Annäherungsversuche der Jungen bemerkt hatte und um die Schönheit ihres Körpers wusste.
Vor ein paar Tagen hatte sie mit einigen Freunden zusammengestanden. Neckisch und verspielt hatte sie sie unbewusst gereizt, bis Fabio sie schließlich an sich gedrückt und geküsst hatte. Sie war überrascht und so ließ sie es geschehen. Danach hatte sie sich aus seinen Armen befreit und war unter Gelächter weggelaufen. Später, zu Hause, war sie wie elektrisiert gewesen und hatte die Nacht unruhig geschlafen. Oft beobachtete sie Juçara, wie diese ihre Freunde küsste und bestürzt hatte sie sogar gesehen, dass sie es zuließ, dass die Jungen unter ihr Top griffen und sie dort streichelten.
Während sie weiter an ihren ersten Kuss dachte, glitt ein Lächeln über ihr Gesicht und sie spürte ein angenehmes, aufregendes Kribbeln in ihrem Bauch. Unwillkürlich dachte sie an die Geräusche, die sie hinter dem Vorhang der Eltern hörte. Erst gestern, als sie wieder über ihren ersten Kuss nachdachte, hatte sie ihre Mutter laut stöhnen gehört; es musste einfach schön sein.
Jaíra trat aus dem Schuppen, in dem sie Farinha und Paranüsse abgegeben hatte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte sie Hans, der vor Sandros Bar an einem der kleinen Tischchen saß. Jaíra winkte und ging zu ihm hinüber. Ihr schlanker, brauner Körper steckte in einem gelben Top und knappen Shorts. Hans beobachtete sie, während sie die staubige Straße überquerte und auf ihn zukam.
»Boa tarde - Guten Tag, Hans.«
»Hallo Jaíra. Möchtest du eine Cola?«
»Gerne.«
Jaíra setzte sich. Ihre Einkaufstasche stellte sie auf den Boden, wobei Hans in ihrem Ausschnitt die Ansätze ihrer kleinen Brüste sehen konnte.
»Ist etwas?« Jaíra bemerkte, dass Hans sie anstarrte.
»Nein, es ist alles in Ordnung. Als ich dich über die Straße gehen sah, musste ich daran denken, wie ich dich kennengelernt hatte. Damals warst du acht Jahre alt und jetzt wirst du in ein paar Monaten sechzehn. Aus dem kleinen Mädchen ist eine fast erwachsene Frau geworden und eine hübsche dazu.«
»Nichts ist in Ordnung«, dachte er. »Ich sitze hier, starre ein sechzehnjähriges Mädchen an und mache mir Gedanken, die ich mir nicht machen dürfte.« Nervös fuhr er sich durchs Haar.
Jaíra freute sich über das Lob und darüber, ihn zu treffen. Sie sahen sich nicht mehr so oft, nachdem sie mit der Schule fertig war. Hans hatte ihr Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht, ihr Deutsch war sehr gut geworden. Einmal im Monat kam sie noch, und er unterrichtete sie in Dingen, die er in der Schule nicht lehrte, aber Jaíra war auch keine normale Schülerin.
»Ich wundere mich, dass du mit dem Deutschlernen durchgehalten hast«, lenkte er ab.
»Es hat mir einfach Spaß gemacht. Außerdem möchte ich mich mit den Leuten unterhalten können, wenn du mich einmal mitnimmst.«
Hans stach es ins Herz. Er erinnerte sich an sein damals gegebenes Versprechen, von dem er nicht wusste, ob er es halten konnte.
»Du denkst immer noch daran?«
»Klar, ich denke immer daran, mal von hier wegzukommen und all das mit eigenen Augen zu sehen, wovon du immer erzählt hast.«
»Ich hoffe auch, dass es mal klappt und ich dich mitnehmen kann, bis jetzt bin ich selber in den letzten Jahren nur bis nach Manaus gekommen«, lachte er.
»Ich meine ja später, in ein paar Jahren, wenn ich älter bin.« In ihren Augen blitzte es.
»Hast du Farinha hergebracht?«, wechselte Hans das Thema.
»Ja, gestern haben wir wieder den ganzen Tag gearbeitet und die Farinha geröstet.«
Jaíra schüttelte sich, als sie an die Herstellung der Farinha dachte. Zwei Tage lang hatten sie und ihre Geschwister Maniokwurzeln geschält und gerieben, um schließlich das Mehl in einer großen Pfanne zu rösten.
Sie trank ihr Glas aus. »Ich muss jetzt weiter, wenn ich den Reis nicht bald zu Hause abliefere, hat Pai heute Abend nichts zu essen und dann gibt es Ärger.«
Sie stand auf, packte ihre Sachen und ging zum Fluss, um nach Hause zu paddeln.
Nachdenklich sah Hans ihr nach.
»Noch träumst du. Was wird in ein paar Jahren aus dir geworden sein? Viele Mädchen in deinem Alter sind bereits schwanger. Ich hoffe, dass du nicht so sein wirst«, dachte er und wurde eifersüchtig auf den Jungen, der sie einmal besitzen würde.
Das ganze Dorf hatte mitgeholfen. Jeder steuerte seinen Teil bei, damit es ein schönes Fest werden würde. Die Männer hatten Bretter zu Bänken und Tischen zusammengenagelt, die Frauen gekocht und gebacken. Es war der Jahrestag der Schule und Hans hatte wie jedes Jahr an diesem Tag ein Fest organisiert. Alle aus der Umgebung waren gekommen, das Ufer war voller Kanus, die Frauen, Männer und Kinder hatten ihre besten Sachen angezogen. Selbst die ganz jungen Mädchen kamen geschminkt, mit lackierten Fingernägeln und dickem Lippenstift.
Unruhig stand Jaíra inmitten der Menge. Seit dem Kuss von Fabio war sie nicht mehr im Dorf gewesen. Aufgeregt hielt sie nach ihm Ausschau, konnte jedoch weder ihn noch jemanden aus seiner Familie entdecken.
»Wartest du auf jemanden?«
Ertappt schrak Jaíra zusammen, sie hatte zu sehr nach Fabio gesucht, um Hans zu bemerken, der jetzt neben ihr stand.
»Nein, nein, eigentlich nicht«, antwortete sie.
Sein Blick musterte Jaíra. Sie war geschminkt, trug ihren kürzesten Rock und ein Top, das weit über dem Bauchnabel endete.
»Pass auf dich auf«, warnte Hans sie.
Jaíra wollte sich nicht warnen lassen. Sie war neugierig, das Kribbeln in ihrem Bauch war zu stark. Enttäuscht ging sie mit ihren Geschwistern zu dem Platz vor der Schule, wo erst Hans und danach Padre Laurindo, der Pfarrer des Bezirkes, eine kurze Ansprache hielten.
Jemand stieß sie an. Als sie sich umdrehte, stand Fabio hinter ihr und grinste breit. Jaíra errötete verlegen.
»Ich habe dich lange nicht im Dorf gesehen.«
»Ich musste zu Hause helfen. Bist du eben erst gekommen?«
»Ja, meine Schwestern wurden mal wieder nicht fertig.« Er verdrehte die Augen.
Jaíra genoss die Anwesenheit Fabios; er ging nicht von ihrer Seite. Später, als aus einer Stereoanlage laute Musik dröhnte, tanzten sie zusammen. Nachdem die Dämmerung eingesetzt hatte, erhellten die wenigen Straßenlaternen die Nacht.
»Ich hole etwas zu trinken.« Fabio ging und tauchte bald darauf mit zwei Dosen Bier wieder auf.
»Komm, wir setzen uns.« Er nahm ihre Hand und zog sie auf eine Bank im Schatten.
»Trink doch«, forderte er sie auf und Jaíra nahm einen Schluck aus der Dose. Sie schüttelte sich.
»Wie könnt ihr Männer nur so ein Zeug trinken?« Angewidert verzog sie ihr Gesicht, sie hatte jedoch Durst und so schluckte sie das bittere Getränk hinunter.
Fabio legte seinen Arm um ihre Schultern und sah sie an.
»Warum bist du weggelaufen?«
Jaíra fühlte heiß das Blut in ihren Kopf schießen.
»Ich war erschrocken«, antwortete sie verlegen.
Fabio lachte und rückte näher an sie heran.
»Aber gefallen hat es dir?« Sein Gesicht näherte sich dem ihren.
»Ich weiß nicht«, stotterte sie.
»Willst du es noch einmal ausprobieren?«
Seine Lippen berührten die ihren. Dieses Mal war sie darauf vorbereitet, insgeheim hatte sie sich diesen Moment erhofft. Sie öffnete den Mund und Fabios Zunge berührte vorsichtig die ihre.
Jaíra fand Gefallen an dem Spiel. Fabios Hände streichelten sie und ihr wurde heiß und kalt, als er wie unbeabsichtigt ihren Busen berührte. Sofort war da wieder dieses komische angenehme Gefühl in ihrem Unterleib, das sich über den ganzen Körper ausbreitete. Keck steckte er kurz darauf seine Hand unter ihr Top. War es der Alkohol oder überschwemmten sie einfach die Gefühle? Anstatt ihm auf die Finger zu schlagen und wegzulaufen, ließ sie es geschehen.
Fabio nahm ihre Hand und zog sie weiter fort zu Paulos altem Schuppen, der seit Langem nicht mehr benutzt wurde und langsam verfiel. Hinter dem Lagerhaus zog er zwei Bretter auseinander und führte sie hinein. Es war fast stockdunkel, doch Fabio schien sich hier auszukennen. Er zog sie auf den Boden, auf dem mehrere Decken lagen. Seine Hände wurden frecher. Er schob ihren hochgerutschten Rock noch höher und streichelte sie zwischen den Beinen. Es waren fremde und angenehme Gefühle, die sie spürte. Ihr Unterleib zog sich zusammen und brannte, sie vergaß sämtliche Bedenken, als er ihr Höschen herunterzog und sie weiter an ihrer intimsten Stelle streichelte. Seine Berührungen waren schön und taten gut, sie sollten gar nicht aufhören. Kurz versteifte sich ihr Körper, als sie merkte, dass Fabio ebenfalls seine Hose auszog und sie sein hartes Glied an ihrem Körper spürte. Er spreizte ihre Beine und legte sich auf sie.
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihren Körper, als er sie zur Frau machte.
Langsam bewegte sich Fabio in ihr und Jaíra stöhnte überwältigt von der Flut der Gefühle. Seine Bewegungen wurden immer schneller, bis er auf ihr zusammensank. Lange küssten und streichelten sie sich, bis sie sich schließlich anzogen und wieder unter die Tänzer mischten.
Langsam wurden es immer weniger Leute. Jaíra und Fabio saßen gerade wieder auf der Bank und küssten sich, als sie von Juçara entdeckt wurden.
»Was macht ihr denn da?« Sie stand vor ihnen und starrte sie an. »Pai sucht dich. Du sollst sofort zu Tante Socorro kommen.« Sie sah die beiden an. »Euch hat es ganz schön erwischt!« Dann drehte sie sich um und verschwand.
Jaíra wurde von Fabio noch ein Stück begleitet. Mit klopfendem Herzen trat sie ins Haus. Was wäre, wenn Juçara gepetzt hätte? Nicht auszudenken! Ihr Verdacht war unbegründet, ihre Schwester hatte dieses Mal den Mund gehalten.
Jaíra hatte Manara überredet, dass sie bei ihrer Tante Socorro im Dorf übernachten durfte, endlich würde sie wieder Gelegenheit haben, Fabio zu treffen.
Nachdem sie am Ufer ihr Kanu an Land gezogen hatte, legte gerade das Flussschiff an. Ronaldo, der mit ihr zur Schule gegangen war, arbeitete auf dem Schiff und rief sie.
»Hallo Jaíra, hier ist Post und ein Paket für den Lehrer. Kannst du sie mitnehmen? Paulo ist noch nicht da, um die Sachen abzuholen, und wir legen gleich wieder ab.«
»Klar, ich gehe sowieso zu ihm.« Sie nahm das Paket und die Briefe.
»Oi Hans. Ich habe deine Post vom Schiff mitgebracht.«
Sofort stand Hans auf, gab ihr schnell zwei flüchtige Küsschen auf die Wangen und stürzte sich auf die Briefe, deren Absender er schnell überflog. Während er sich setzte und die Briefe las, erinnerte er sich an seinen Besuch.
»Wenn du etwas essen willst, nimm dir.«
»Ich habe schon bei ‚Tia’ Socorro gegessen«, antwortete sie und hob die Kaffeekanne hoch. »Soll ich Kaffee kochen?«
»Das wäre prima«, antwortete er und vertiefte sich gleich wieder in den angefangenen Brief. Sein Gesicht hellte sich auf.
»Mensch Jaíra, es hat geklappt.«
Er stand auf, stürzte auf sie zu, drückte sie ganz fest und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange.
»Was ist denn mit dir los?«, wunderte sie sich.
»Ich habe bereits lange den Gedanken, hier im Dorf eine Krankenstation zu errichten. Seit ich angekommen bin, ist das Dorf viel größer geworden, ebenso das nächste Dorf flussabwärts. Oberhalb gibt es die kleine Siedlung und da wäre es gut, wenn hier ein Krankenhaus wäre. Ich habe deshalb um Unterstützung gebeten und man hat mir zugesagt, zu helfen. Das wird zwar alles einige Zeit dauern, allerdings ist es schon mal ein Anfang.«
Er war begeistert. Schnell las er die anderen Briefe, um zum Schluss das Paket auszupacken. Jaíra hatte inzwischen die Kaffeekanne, Zucker und zwei Tassen auf den Tisch gestellt.
»Stell dir vor, das Paket von meinen Eltern ist über vier Wochen unterwegs gewesen. Endlich kann ich dir dein versprochenes Geburtstagsgeschenk geben.«
Er reichte ihr ein kleines, in buntes Papier eingeschlagenes Päckchen, das sie vorsichtig öffnete, um das Papier nicht zu beschädigen.
Zum Vorschein kam ein kleines Büchlein. »Der kleine Prinz« las sie. Beim Lesen des Autors weigerte sich ihre Zunge, die Worte auszusprechen und sie lachten darüber.
»Ich glaube, dass es dir gefällt. Es ist eine Geschichte über Freundschaft und Liebe.«
Er ging zu Jaíra, legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr fest in die Augen.
»Pass bitte auf, dass du nicht schwanger wirst. Es wäre zu schade.«
Jaíras Kopf wurde blutrot.
»Ich möchte dir helfen.«
Er lächelte sie an und sein Kopf hatte ebenfalls eine rote Farbe angenommen.
»Es ist schwer für mich, als Mann mit einem jungen Mädchen, oder besser, einer jungen Frau darüber zu reden, ich glaube jedoch, dass wir uns lange genug kennen und genug Freunde sind, um uns über solche Dinge zu unterhalten. Was in deinem Körper vor sich geht, haben wir durchgenommen. Das Seelische ist dabei vielleicht etwas zu kurz gekommen.«
Er erklärte Jaíra noch einmal den weiblichen Zyklus und zeigte ihr, wie sie die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage errechnen konnte.
»Hundertprozentig ist die Sache zwar nicht, aber besser als gar nichts.«
Bald verloren sie alle Scheu und sprachen offen und ohne Hemmungen miteinander.
»Und du?«, wollte Jaíra wissen.
»Ab und zu eine Liebelei. Auch ein alter Lehrer braucht manchmal ein bisschen Zärtlichkeit.«
»Du bist doch noch nicht alt.«
»Na ja, ich werde dieses Jahr vierzig.« Hans verdrehte lachend die Augen.
»Wollen wir ein bisschen in deinem Buch lesen?«
Hans hatte Jaíra richtig eingeschätzt, die Geschichte gefiel ihr auf Anhieb.
Beim Abschied hielten sie sich lange im Arm.
»Danke, dass du mein Freund bist.« Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund.
Nachdenklich schaute er ihr hinterher. »Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.«
Am Abend traf sie sich mit Fabio, der sie gleich zu Paulos Schuppen zog. Seine Küsse und Zärtlichkeiten hatten diesmal einen bitteren Beigeschmack. Jaíra hatte lange Zeit gehabt, über die Worte von Hans nachzudenken. Sie hatte Angst und Fabio merkte es.
»Was ist los mit dir?«
Sie befreite sich aus seinen Armen und sah ihn an.
»Was würdest du machen, wenn ich ein Kind bekäme?«
»Bist du schwanger?« Fabio stand der Mund offen.
»Ich hoffe nicht, ich habe Angst, dass es passiert.«
»Du bist zu jung, da passiert nichts«, meinte er naiv.
»Na und, Micaela ist zwei Jahre jünger als ich und sie ist schwanger.«
»Manchmal passiert es halt, aber nicht bei dir. Jetzt komm schon.« Ungeduldig zog er sie zu sich.
Fabio kam ihr plötzlich sehr dumm vor.
»Lass mich«, herrschte sie ihn an.
Sie riss sich los und rannte weg. Verständnislos starrte Fabio hinter ihr her.
Jaíra saß auf der Veranda vor dem Haus und schaute in das Licht einer Kerze. Sie hatte Angst bekommen. Was, wenn sie wirklich schwanger wäre?
Manara, die ihre Stimmung bemerkte und sich Sorgen machte, setzte sich neben sie.
»Was ist los mit dir?«, fragte sie vorsichtig.
»Nichts, was soll denn sein? Es ist alles in Ordnung«, log sie.
»Ich bin deine Mutter, ich fühle, dass da etwas ist.«
Jaíra schüttelte energisch den Kopf. Nachdenklich sah Manara ihr nach, wie sie aufstand und hinter dem Haus verschwand.
Spät in der Nacht kam Eduardo nach Hause. Manara hatte auf ihn gewartet, die anderen lagen in ihren Hängematten und schliefen, nur Jaíra war noch wach. Sie hörte, wie Eduardo Manara küsste.
»Bevor ich herkam, war ich noch kurz im Dorf. Ich habe dort Hans getroffen und mit ihm gesprochen.«
Jaíra rutschte das Herz in die Hose und sie machte sich ganz klein. Hatte Hans sie verraten? Zitternd lauschte sie.
»Es gibt gute Neuigkeiten«, sagte er und Jaíra atmete erleichtert auf. »Hans hat versucht, dass wir ein Hospital im Dorf bekommen. Er sagt, dass es gar nicht so schlecht aussieht.«
Schnell aß er eine Kleinigkeit und ging später mit Manara hinter den Vorhang. Kurz darauf hörte Jaíra die Geräusche, die sie jetzt ebenfalls kannte und wusste, was sie bedeuteten.
Zum ersten Mal freute sich Jaíra, dass ihr Vater das ganze Kanu voller Maniokwurzeln mitgebracht hatte, die jetzt verarbeitet werden mussten. Mit Feuereifer war sie dabei, um sich von ihren Gedanken abzulenken. Am Abend fiel sie todmüde in ihre Hängematte und in dieser Nacht hatte sie keine bösen Träume.
Jaíra wurde immer aufgeregter und ängstlicher. Beinahe eine Woche waren ihre Tage überfällig. Lustlos saß sie neben Juçara auf der Veranda und schälte, wie ihre Schwester, Maiskolben, die ihre Mutter später rösten würde, als sie ein nur allzu bekanntes Ziehen in ihrem Unterleib bemerkte. Möglichst unauffällig ging sie ins Haus und überglücklich stopfte sie eine Binde in ihre Shorts. Erleichtert setzte sie sich neben ihre Schwester und nahm einen neuen Maiskolben in die Hand. Wissend grinste Juçara sie an.
»Noch mal Glück gehabt?«
Jaíra konnte nicht anders, eigentlich hatte sie sich mit Juçara nie richtig verstanden, ständig stritten sie sich, doch jetzt brauchte sie jemanden, mit dem sie reden konnte und so erzählte sie ihrer Schwester alles.
»Glaub ja nicht, dass du die Einzige bist, der so etwas passiert ist. Mir ging es auch schon so. Das Blöde daran ist nur, dass es so viel Spaß macht.«
Erleichtert lachten sie laut und lange. Von nun an verstanden sich die beiden, die sich bisher immer nur gestritten hatten. Sie redeten über alles, besonders über die Jungen. Erstaunt hörte Jaíra, dass ihre Schwester bereits mehrere Liebschaften gehabt hatte und auch Paulos alten Schuppen kannte.
Juçara wusch gerade Wäsche, als Jaíra aus dem Dorf zurückkam. Schon von Weitem spürte sie, dass mit ihrer Schwester etwas nicht stimmte, denn ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Liebeskummer?«, riet sie, als sich Jaíra neben sie setzte und wütend auf ein Top einschlug. Traurig nickte sie.
»Fabio geht jetzt mit Ibiri. Ich habe sie zusammen gesehen. Blöder Kerl. Ich glaube, er konnte nicht verstehen, dass ich nicht immer mit ihm in Paulos Schuppen gegangen bin, wenn er wollte.«
»So sind die Männer. Wenn du sie nicht lässt, gehen sie früher oder später. Übrigens auch dann, wenn du sie lässt.« Sie lachte.
»Nicht nur das, es war schon länger nicht mehr in Ordnung zwischen uns.«
»Sei froh, dass du ihn los bist, bald kommt ein anderer.«
Sie grinsten sich an. Juçara tauchte ihre Hand ins Wasser und spritzte ihre Schwester nass. Lachend sprang Jaíra ins flache Wasser und fing ebenfalls an, Juçara zu bespritzten. Erst ein strenger Ruf ihrer Mutter stoppte die beiden. Sie waren klitschnass, das Wasser tropfte an ihnen herunter. Lachend wuschen sie zusammen die restliche Wäsche.
Eduardo hatte Jaíra mitgenommen. Sie paddelten nach »Nova Esperança«, einer winzigen Ansiedlung, die, je nach Wasserstand, eine gute Woche flussauf an einem Nebenfluss lag, um bei Tante Janaina Kräuter und andere Pflanzen für die Familie und Dona Marga, die Hebamme, zu holen.
Jaíra freute sich riesig darauf, Ivo, den drei Jahre älteren Nachbarsjungen ihrer Tante wieder einmal zu sehen. Früher hatten sie gerne miteinander gespielt, wenn sie hier zu Besuch war. Zusammen gingen sie immer zum Fischen und Baden an den Fluss oder wanderten im Urwald umher, um Früchte und Nüsse zu sammeln.
Auch dieses Mal waren sie unzertrennlich, obwohl Jaíra spürte, dass Ivo sie nicht mehr als kleines Kind betrachtete und anders mit ihr umging.
Sie waren tief in den Urwald gegangen, um Paranüsse zu sammeln. Ein Tapir flüchtete vor ihnen und Ivo bedauerte, kein Gewehr mitgenommen zu haben.
Endlich erreichten sie die Stelle mit dem Baum und sammelten die großen, hartschaligen Kugeln, in denen die eigentlichen Nüsse, geschützt durch ihre eigenen Schalen, verborgen sind.
»Pass auf, dass dir keine Nuss auf den Kopf fällt«, meinte Ivo besorgt. »Erst kürzlich ist Jivaro von einer herunterfallenden Nuss an der Schulter getroffen worden. Er hatte großes Glück.«
»Pah, zu Hause sammele ich die Nüsse selber, ich kenne mich aus, keine Angst«, antwortete Jaíra und freute sich über die Sorge ihres Freundes.
Lange sahen sie sich in die Augen, bis Jaíra die Stille brach.
»Was ist los mit dir? Du bist so anders zu mir«, wollte sie wissen.
»Du, du … du hast dich seit dem letzten Besuch ganz schön verändert, du bist kein Kind mehr, du bist eine Frau«, antwortete Ivo stockend.
»Na und, ich bin immer noch Jaíra«, neckte sie ihn.
»Trotzdem.«
»Gott sei Dank kommt er nicht auf den Gedanken, mit mir etwas anzufangen«, dachte Jaíra auf dem Heimweg beruhigt. Sie wusste, dass Ivo in Luçena verliebt war. Ivo war für sie der Freund und Spielkamerad aus früheren Zeiten geblieben. Nach einer neuen Liebe stand ihr im Moment nicht der Sinn. Ihre letzten zwei Freunde waren ihr zu aufdringlich und machohaft gewesen.
Sie grinste, als sie an eine andere Möglichkeit dachte, von der sie manchmal träumte, dass sie mit Hans in Deutschland wäre und sie dort einen reichen Gringo kennenlernen würde.
»So ein Quatsch«, sinnierte sie weiter und sah in das dichte Blätterdach des Waldes über ihr. »Hier bekommt mich niemand weg.«
Nach drei Wochen packten sie die getrockneten Kräuter und unter vielen Segenswünschen legten sie ab.
Bei der Rückkehr kam Juçara gleich zu Jaíra und stieß sie an.
»Während du weg warst, ist hier viel passiert«, flüsterte sie ihr zu und lächelte vielversprechend.
Bei der nächsten Gelegenheit zog sie Jaíra zur Seite.
»Ihr wart kaum weg, da musste ich ins Dorf. Ich kam an Sandros Bar vorbei. Manuel wischte gerade die Tische ab und wir haben uns unterhalten.« Sie machte eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. Ihre Augen strahlten. »Wir sind jetzt zusammen.«
Zwei Monate später war Juçara zu Manuels Familie gezogen. Raimundo, Jaíras ältester Bruder, hatte sich in Rosa verliebt. Zusammen mit Eduardo und Rosas Brüdern baute er eine kleine Hütte in der Nähe seiner Eltern. Rosa war von untersetzter Statur, der man die indianischen Vorfahren deutlich ansah. Bald fing Rosas Bauch an zu wachsen; sie war schwanger.
»Bist du mit Luçio zusammen?«, fragte Hans vorsichtig.
»Das ist schon wieder vorbei. Hier gibt es nicht den Richtigen für mich, ich warte auf meinen ‚Boto’.« Sie lachte Hans offen an.
»Danke noch einmal für deine Hilfe und das Verständnis damals, als ich mit Fabio zusammen war. Er lebt jetzt mit Marilú zusammen, sie haben schon ein Kind und sie ist wieder schwanger. Wenn ich daran denke, dass ich das hätte sein können.«
Sie schüttelte langsam den Kopf und Hans legte zärtlich seine Hand auf ihren Arm.
»Es ist besser so.«
Jaíra nickte. Ihr Leben floss langsam und gleichmäßig wie der Fluss vor dem Haus. Ein Tag war wie der andere, das Leben hier war genauso.
»Ich habe ganz vergessen, dir zu sagen, dass im nächsten Monat eine Kommission vorbeikommt, um sich wegen des Hospitals umzusehen.« Hans wechselte das Thema.
»Du glaubst, dass es was wird?«
»Es muss. Sieh mal, das Dorf ist schon wieder größer geworden und überall an den Ufern siedeln sich neue Familien an.«
»Es gehen auch viele weg«, gab Jaíra zu bedenken. »Silvio ist mit seiner ganzen Familie nach Barcelos gezogen, Homero sogar nach Manaus. Hier gibt es keine Arbeit. Das bisschen Farinha oder die Paranüsse, die wir verkaufen, sind für die meisten von uns zu wenig. Es bleibt kaum etwas übrig, um die anderen Lebensmittel davon zu kaufen.«
»Wie ist es mit euch, ihr kommt zurecht?«, fragte Hans besorgt.
»Es geht. ‚Pai’ ist hier der beste Fischer und Jäger, er weiß immer, wo gerade Früchte reif sind. Außerdem haben wir Bananen, Salat und Gemüse im Garten hinterm Haus, Hühner, ab und zu sogar ein Rind oder ein Schwein. Wir kommen zurecht, es reicht gerade so.«
Zum Abschied gaben sie sich die obligatorischen Küsschen. Abwartend standen sie voreinander. Gerne hätte Jaíra ihre Arme um ihn geschlungen und sich an ihn gedrückt.
Hans hatte ihr Zögern bemerkt. Nachdenklich blickte er hinter ihr her, wie sie auf der Dorfstraße hinunter zum Fluss ging.
»Hoffentlich findest du deinen ‚Boto’, deinen Traumprinzen, ich wünsche es dir.«
Es war früher Morgen, die Sonne brannte bereits erbarmungslos auf die wenigen Personen, die am Anleger auf das Erscheinen des Flussschiffes warteten. Jaíra, die bei Juçara geschlafen hatte, schlenderte zum Ufer. Etwas abseits saß Marilú auf einem Baumstamm, sie hielt ein kleines Baby im Arm.
»Bom dia – Guten Morgen.«
»Bom dia, Jaíra.« Marilú rückte etwas zur Seite, damit sich Jaíra ebenfalls auf den Baumstamm setzen konnte.
»Auf wen wartest du?«, fragte Jaíra.
»Ich warte auf meine Mutter. Ich wollte, dass sie bei der Geburt von Aline dabei ist, nur war das Kind schneller als das Schiff.«
Das kleine Baby fing an zu quengeln. Marilú öffnete ihre Bluse und gab dem Kleinen die Brust.
»Und du?«
»Hans müsste mit dem Schiff zurückkommen. Er war jetzt zwei Monate in Manaus wegen dem Hospital. Ich hoffe, dass es geklappt hat.«
Marilú nickte. Bald darauf tauchte am Horizont das Schiff auf, was Bewegung in die am Ufer stehenden Leute brachte.
Längst hatte Marilú ihre Mutter begrüßt, als endlich Hans das schmale Brett, das als Gangway diente, herunterkam. Hinter ihm gingen zwei junge Männer, die sich neben ihn stellten und neugierig zusahen, wie Hans von Jaíra begrüßt wurde.
»Das sind Adriano und Naldino. Sie sind die Neffen von Salvatore«, stellte er die beiden Männer vor. »Sie sind Maurer und werden das Hospital bauen. Das Material kommt im nächsten Monat.«
»Dann hat es geklappt, das Hospital wird gebaut?«
»Ja, stell dir vor. Und wir werden sogar einen deutschen Arzt bekommen.«
Neugierig betrachtete Jaíra die jungen Männer. Sie sahen gut aus. Sie mochten wohl Mitte zwanzig sein, schätzte sie und bemerkte, dass sie ebenfalls gemustert wurde.
»Wir gehen erst einmal zu unserem Onkel. Wenn es soweit ist, melde dich. Wir warten«, sagte Adriano, der wohl der Ältere war.
Sie nahmen ihre Taschen und gingen am Ufer entlang, um ein Kanu zu suchen, das sie zu ihren Verwandten bringen würde.
»Wo hast du die zwei kennengelernt?«, fragte Jaíra interessiert, als sie weg waren.
»Unterwegs hatten wir einen Motorschaden und mussten an einer Siedlung anlegen. Die beiden konnten den Motor reparieren, sie waren sehr tüchtig. Ich kam mit ihnen ins Gespräch und sie erzählten, dass sie eigentlich Maurer seien und zurzeit keine Arbeit hätten. Also habe ich sie eingestellt. Dass sie hier Verwandte haben, passt prima. So brauche ich mir um ihre Unterkunft keine Gedanken zu machen.«
Mittlerweile waren sie am Haus angekommen und bald saßen sie zusammen und frühstückten.
»Es hat lange gedauert, bis etwas passiert ist. Die Bürokratie ist hier sehr langsam. Durch meine Beziehungen zum deutschen Konsulat und dem Bischof gelang es endlich, eine Zusage zu bekommen. Das meiste Geld kommt von der Kirche oder kirchlichen Vereinigungen. Deutschland bezahlt etwas und Brasilien hat seinen Anteil versprochen. Über ein Missionswerk kommt ein Arzt. Ich hoffe, dass das zugesagte Baumaterial bald hier ist und wir anfangen können«, erzählte Hans.
Jaíra war froh, dass Hans wieder im Dorf war. Sie hatte zwar viele Freunde, jedoch eine so große Nähe und Vertrautheit hatte sie außer zu Juçara nur zu ihm. Er hatte ihr gefehlt. Gerne hätte sie sich an ihn gekuschelt, hätte seine Zärtlichkeit gespürt, allerdings stand eine unüberwindliche Wand zwischen ihnen. Vielleicht fehlte ihnen nur der Mut?
Hans riss sie aus ihren Gedanken.
»Wie wäre es, vielleicht kannst du im Hospital helfen. Dann hättest du eine Arbeit.«
»Toll, ich möchte gerne helfen, wenn die Babys zur Welt kommen. Ich war bei Rosa dabei und es war so schön, das zu erleben. Das würde ich gerne machen.« Sie war begeistert, so wie damals, als sie auf die Idee kam, Deutsch zu lernen.
»Rosa ist wieder schwanger. Sie freut sich riesig und Raimundo ebenfalls. Sie sind sehr glücklich.«
»Nicht alle Frauen hier sind glücklich. Einige Männer schlagen ihre Frauen oder gehen fremd«, meinte Hans.
»Gut, dass es in meiner Familie nicht so ist. Bei meinen Eltern habe ich das nicht bemerkt, auch Juçara und Manuel leben glücklich zusammen. Wenn mich mein Mann schlagen würde, ging ich sofort zu meinen Eltern zurück.«
Sie unterhielten sich bis zum späten Nachmittag. Jaíra ging schließlich zu ihrer Schwester, bei der sie sich in ihre Hängematte legte. Während sie auf den Schlaf wartete, gingen ihr noch viele Gedanken durch den Kopf, die sich schließlich auf Adriano konzentrierten. Er hatte ihr gefallen. Vielleicht ...
Auf dem Weg zu Paulos Laden kam Jaíra an Sandros Bar vorbei. Am Billardtisch sah sie Adriano, der dort mit Fabio Billard spielte. Er erkannte Jaíra und pfiff anerkennend durch die Zähne. Jaíra sah kurz zu ihm herüber und ging unbeeindruckt weiter.
»Mach dir keine Hoffnungen, die hat ihren Lehrer, da kommst du nicht ran«, hörte sie Fabio sagen. Adrianos Antwort: »Warten wir es erst mal ab«, konnte sie nicht mehr verstehen, die Worte gingen im Geräusch der rollenden Kugeln unter.
Immer, wenn Jaíra vom Hafen ins Dorf ging, musste sie an Sandros Bar vorbei und jedes Mal sah sie Adriano, der dort Billard spielte. Dauernd pfiff er hinter ihr her. Sein Getue ging ihr auf die Nerven.
»Hast du nichts zu tun?«, rief sie ihm zu, als sie wieder einmal seinen anerkennenden Pfiff hörte.
»Wir warten auf das Baumaterial, dann kann es sofort losgehen.«
Er kam auf sie zu und gab ihr die Hand. Sein Händedruck war fest und angenehm.
»Wie ist es bei deinem Onkel? Habt ihr alle dort Platz?« Jaíra erinnerte sich, dass Salvatores Haus sehr klein war.
»Naldino und ich haben uns eine kleine Hütte zusammengezimmert, das reicht für die Zeit des Baus.«
Adriano deutete zum Billardtisch.
»Möchtest du mitspielen?«
»Ich kann das nicht gut«, antwortete sie zögernd.
»Na, komm schon, ich bring es dir bei.«
Jaíra ließ sich überreden. Sie hatte wirklich nicht viel Ahnung vom Spiel und Adriano zeigte ihr, wie sie den Stock halten musste. In einer Pause setzten sie sich an einen Tisch. Adriano bestellte sich ein Bier und Jaíra ein Guarana. Während sie an ihrer Limonade nippte, betrachtete sie Adriano. Seine dunklen Augen strahlten sie an.
»Warst du schon einmal in Barcelos?«, fragte er sie.
»Nein, ich bin noch nicht von hier weggekommen. Hans will mich einmal mit nach Deutschland nehmen, aber ob das was wird?«
»Der kommt doch auch nicht mehr aus dem Dorf hier raus. Vergiss es, er wird dich nicht mitnehmen.« Adrianos Stimme klang abfällig. »In Barcelos ist es toll. Hier in eurem Kaff ist echt nichts los.«
»Warum bist du dann hier?« Sie war gekränkt. Dass Hans sie mit nach Deutschland nehmen würde, daran glaubte sie selber nicht mehr, dass Adriano jedoch so abfällig über ihn redete, passte ihr nicht.
»Ich bin hier, weil es hier Arbeit gibt.«
»Und dann?«
»Mal sehen, das wird einige Zeit dauern.«
Bald hatte Jaíra ihren Ärger vergessen. Adriano kam aus der Stadt, hier gab es nur Wasser und Wald. Als er von seinem Leben in den Städten erzählte, hörte Jaíra genauso zu, wie damals bei Hans, wenn er früher von Deutschland erzählte.
Endlich kam das Schiff mit dem Baumaterial. Es dauerte lange, bis alles abgeladen und zu dem gerodeten Platz gebracht worden war, an dem das Hospital errichtet werden sollte. Noch ein paar Männer waren mitgekommen, um beim Bau des Hauses mitzuhelfen.
Adriano und Naldino waren gute Arbeiter. Unter ihrer Leitung ging der Bau zügig voran. Abends gingen die Männer in Sandros Bar, um dort Bier zu trinken und Billard zu spielen. Bald kamen auch einige junge Frauen aus dem Dorf vorbei und Sandro freute sich über das gute Geschäft. Auch Jaíra, die oft ihre Schwester besuchte, traf sich dort mit Adriano, um mit ihm Billard zu spielen und sich zu unterhalten. Sie kamen sich immer näher. Jaíra wartete nur darauf, dass er ihre Hand beim Spiel berichtigte und sich dabei dicht neben sie über den Rand des Tisches legte.
Jaíra und Adriano hatten das Spiel gewonnen, zwar nur knapp, weil Adriano ihre Fehler ausgleichen musste, was ihm nicht schwerfiel, da er ein guter Spieler war. Vor Freude fiel ihm Jaíra um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Adriano lächelte verschmitzt.
»Lass uns etwas ausruhen. Komm, wir setzen uns draußen auf die Bank.«
Er schnappte Jaíras Hand und führte sie von der Terrasse herunter zu einer Bank, die etwas abseits zwischen hohen Bäumen stand.
»Das war klasse! Wie wir die abgezogen haben.« Jaíra war begeistert.
Adriano lachte. Jaíra spürte, wie er seinen Arm um sie legte und sie dichter an sich heranzog. Sein Mund näherte sich dem ihren und dann küsste er sie. Sein Kuss war leidenschaftlich und fordernd, nicht zögerlich wie bei Fabio oder den anderen, die sie geküsst hatte.
Jaíra war stolz und glücklich. War Adriano ihr Traumprinz? War ihr ‚Boto’ endlich gekommen?
Sanft schaukelte die Hängematte unter dem Sonnendach und wiegte Jaíra langsam hin und her. Um mit ihren durcheinandergeratenen Gefühlen zurechtzukommen, war sie zu ihrem versteckten Paradies gepaddelt. Sie träumte mit offenen Augen und dachte an den gestrigen Tag zurück. Immer noch spürte sie Adrianos Zärtlichkeiten, seine Küsse und Berührungen, fühlte seine schweißbedeckte Haut, seine Erregung und seine Härte.
Adriano hatte sie eingeladen, ihn zu besuchen. Er wartete bereits am Ufer, als Jaíra anlegte. Sie wurde von ihm in die kleine Hütte geführt, die er mit Naldino gebaut hatte. Jaíra wunderte sich, dass die beiden Brüder richtige Betten hatten und nicht in Hängematten schliefen, wie fast alle hier. Von ihren Bekannten hatte nur Hans ein Bett.
Naldino war im Dorf und so waren sie allein. Er hatte sie auf das Bett gezogen und geküsst. Immer leidenschaftlicher wurden die Küsse, Jaíra spürte seine Hände an ihrem ganzen Körper und sie wurde immer erregter. Adriano hatte leichtes Spiel mit ihr, nur zu bereitwillig öffnete sich Jaíra und bald liebten sie sich.
Sie konnte es immer noch nicht glauben, sie hatte ihn bekommen, Adriano, der Schwarm aller jungen Frauen und Mädchen im Dorf. Jetzt gehörte er ihr, ihr ganz alleine. Sie sah sich um. Dort drüben, ja, dort würde Adriano ein Haus bauen, ihr Haus. Dort würden sie mit ihren Kindern wohnen. Glücklich und zufrieden, wie ihre Eltern, wie Juçara und Raimundo mit ihren Familien. Die Zukunft würde schön werden.
Jaíra traf auf kein Verständnis, dass sie Adriano liebte und zu ihm ziehen wollte. Jeder riet ihr ab, alle wussten von Adrianos Frauengeschichten, die er überall herumposaunt hatte, nur sie hatte davon nichts erfahren. Selbst mit ihren Eltern und Hans hatte sie sich zerstritten und ging ihnen aus dem Weg.
Mit langsamen Schritten ging Eduardo die staubige Straße entlang. Was er vorhatte, entsprach nicht seiner Natur, aber er musste einmal mit jemandem darüber reden, was ihm auf der Seele lag. Endlich erreichte er das Haus des Lehrers. Hans hatte ihn von Weitem gesehen und kam ihm entgegen.
»Hallo, Eduardo.«
»Oi, Hans.«
»Schön, dass du mich einmal besuchst.« Er bat ihn einzutreten und bot ihm einen Stuhl an.
»Komm, setz dich. Willst du ein Bier? Heute gibt es etwas zu feiern.« Ohne eine Antwort abzuwarten, holte er das Bier aus dem Kühlschrank.
»Was hast du denn zu feiern? Du machst mich neugierig.«
»Ich habe heute die Post bekommen. In einem Brief wurde mir zugesichert, dass eine Ärztin zu uns unterwegs ist und sie wahrscheinlich im nächsten Monat hier eintreffen wird.«
»Na, das ist mal eine gute Nachricht. Saúde.« Eduardo prostete Hans zu und die Gläser klirrten, als sie aneinanderstießen.
»Es passt genau, das Hospital ist fast fertig, die Ärztin kann gleich einziehen und operieren«, freute sich Hans.
Er bemerkte, dass Eduardo mit seinen Gedanken woanders war.
»Du bist nicht zu mir gekommen, weil du ein Bier trinken wolltest, du hast doch etwas auf dem Herzen.«
»Ja, das stimmt.« Eduardo seufzte. »Ich mache mir Sorgen um Jaíra. Seit sie mit Adriano zusammen ist, hat sie sich sehr verändert. Wir haben sie gewarnt und Manara hat ihr gesagt, was die Leute über ihn reden. Seit dieser Zeit war sie nicht mehr zu Hause. Selbst zu Juçara geht sie kaum noch.« Er schaute in sein Glas. »Was hältst du eigentlich von ihm?«
»Als Arbeiter kann ich mich nicht über ihn beschweren, er ist gewissenhaft und zuverlässig. Er hat ein großes Mundwerk und gibt gerne an.«
»Letícia hat mir einmal erzählt, dass er zwei Kinder in Novo Airão hätte. Nachdem er die Frauen geschwängert hatte, ist er abgehauen und hat sich nie wieder dort blicken lassen. Ich möchte nicht, dass es Jaíra so geht.« Eduardo nahm einen tiefen Zug und leerte sein Glas.
Hans holte neue Flaschen und füllte die Gläser.
»Mir ist sie auch böse, ich habe ebenfalls mit ihr geredet und ihr abgeraten. Sie liebt ihn und lässt sich nicht von ihm abbringen, sie ist furchtbar stur.«
»Das ist sie.« Eduardo nickte. »Dass sie sich ausgerechnet an so einen Weiberhelden hängt, der sie unglücklich macht!«
»Na ja, vielleicht hat er sich wirklich geändert. Jedenfalls sehe ich ihn kaum noch bei Sandro. Vielleicht tun wir ihm unrecht und alles wird gut«, beschwichtigte Hans seinen aufgebrachten Freund.
»Ich hoffe es, glauben kann ich es nicht.«
Während sie über Jaíras Kindheit redeten, tranken sie noch ein paar Flaschen eisgekühltes Bier, bis Eduardo aufstand und sich verabschiedete.
»Es ist spät geworden, ich gehe lieber, sonst macht sich Manara Sorgen, wenn ich nicht nach Hause komme, weil ich bei dir unterm Tisch liege.« Er lachte gequält.
Hans sah ihm nach, wie er leicht schwankend die Straße zum Hafen hinunterging. Während er die Flaschen wegräumte, die sie in den letzten Stunden getrunken hatten, dachte er an Jaíra und wurde zornig. Warum hatte ausgerechnet er Adriano hergebracht? Er machte sich Vorwürfe und merkte bald, dass Eifersucht in ihm aufstieg.
»Warum reden alle schlecht über ihn?«, dachte Jaíra. Sie war traurig, endlich hatte sie ihre große Liebe gefunden, aber anscheinend gönnte sie ihr niemand und Trotz stieg in ihr auf. Wenn alle schlecht dachten, sie würde es beweisen. Sie würde mit Adriano glücklich werden, und so setzte sie alles daran, ihm zu gefallen. Sie bemühte sich aufmerksam um ihn und es schien, als würde sie recht behalten. Nur noch selten ging Adriano nach der Arbeit in Sandros Bar, sondern kam gleich nach Hause.
Jaíra gefiel das Zusammenleben mit ihm. Es machte ihr Spaß, die Hütte sauber zu halten, sie kochte und wusch für ihn, so, wie sie es von ihrer Mutter her kannte. Nachts zog Adriano sie an sich, und sie liebten sich. Er war erfahren genug, um Jaíra dazu zu bringen, seine Wünsche und Forderungen zu erfüllen. Jaíra genoss seine Berührungen und tat alles, was er von ihr verlangte.
Es herrschte ein reges Treiben am Ufer, die Bewohner des Dorfes und der Umgebung warteten auf die Ankunft der Ärztin, die endlich eintreffen würde. Jaíra stand mit ihrer hochschwangeren Schwester in der Menge, in den nächsten Wochen musste es so weit sein, dass Juçaras Kind zur Welt kam.
Hans hatte die beiden entdeckt und schob sich durch die Menge, um mit ihnen zu reden. Er war froh, Jaíra zu sehen und hoffte, dass sie ihm nicht mehr böse war. Er hatte ihr ebenfalls seine Meinung über Adriano gesagt und seit dieser Zeit ging sie ihm aus dem Weg.
»Hallo, Jaíra, Juçara.« Er nickte ihnen freundlich zu. Juçara grüßte lachend zurück, Jaíra nickte nur mit dem Kopf.
»Na, bei dir ist es wohl bald so weit.« Hans deutete auf Juçaras Bauch.
»Hoffentlich, ich kann es kaum noch erwarten, alles fällt mir so schwer. Jaíra sagt, ich sehe aus wie ein dicker Frosch.«
»Das ist wirklich nicht nett.« Er grinste Jaíra an.
»Oft sagt man Dinge, die nicht schön sind und den anderen verletzen«, antwortete sie kurz.
»Jetzt streitet nicht, der Tag ist viel zu schön dazu und ich möchte meine gute Laune nicht wegen euch verlieren«, versuchte Juçara zu schlichten.
»Ich dachte, dass ich offen mit dir reden könnte, so wie damals, bei der Sache mit Fabio. Vergessen?«, bat er Jaíra gekränkt und reichte ihr seine Hand.
Jaíra litt selber darunter, dass ihre Freundschaft einen Riss bekommen hatte, sie ärgerte sich, dass sie so heftig reagierte, als Hans mit ihr über Adriano geredet hatte. Gerne ergriff sie daher die Gelegenheit und nickte.
»Ich möchte, dass du nachher mitkommst, um die Ärztin zu begrüßen.« Bittend sah er Jaíra an. »Stell dir vor, was sie für Augen machen wird, wenn hier jemand deutsch mit ihr redet, das wird bestimmt eine tolle Überraschung für sie.«
Jaíra nickte. Sie freute sich, dass Hans an sie gedacht hatte.
»Ich werde dich vorstellen und du wirst sie begrüßen.« Hans war erleichtert, dass Jaíra zusagte.
Gerne hätte Jaíra mit Hans geredet, es machte ihr immer noch zu schaffen, dass er sie dieses Mal nicht verstand, dass sie mit ihrer großen Liebe glücklich werden wollte. Es war eine Wand zwischen ihnen, von der sie sich wünschte, dass sie zusammenbrechen würde. Vielleicht war jetzt der Moment gekommen, sich wieder zu versöhnen.
Endlich tauchte am Horizont die Silhouette des Schiffes auf, die langsam größer wurde und bald konnten die Wartenden Einzelheiten erkennen. Am Bug stand neben Padre Laurindo eine Frau, die aufmerksam die Leute am Ufer betrachtete.
Es dauerte noch einige Zeit, bis das Schiff endlich anlegte. Hans nahm Jaíra an die Hand und ging auf die Angekommenen zu, die jetzt am Ufer standen.
»Guten Tag, ich bin Hans Ferber, der Lehrer. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise«, stellte er sich vor. Er gab der Frau die Hand.
»Margot Westkamp«, stellte sie sich ebenfalls vor, »ja, es war interessant und ich konnte mir einen ersten Eindruck von meiner zukünftigen Heimat machen. Padre Laurindo hat mir alles haarklein erklärt.«
»Darin ist er gut. Hat er in Ihnen endlich einen Zuhörer gefunden?« Hans lachte und stieß seinem langjährigen Freund in die Rippen.
»Oi, Jaíra, du wirst jedes Mal schöner, wenn ich herkomme. Wie geht es dir?«, fragte Padre Laurindo.
Jaíra lachte erfreut über das Kompliment.
»Danke, mir geht es gut.«
Jaíra wandte sich an Margot Westkamp, sie gab ihr ebenfalls die Hand und sagte auf Deutsch: »Ich bin Jaíra. Es freut mich, dass Sie in unser Dorf gekommen sind. Hans hat so viel dafür getan, bis er die Zustimmung für das Hospital bekommen hat.«
Etwas verwirrt drückte Margot Westkamp Jaíras Hand.
»Bin ich jetzt am Rhein oder am Amazonas? Ich dachte, ich komme ins finsterste Amazonien und nun werde ich auf Deutsch begrüßt. Ich glaube ich träume.« Sie lachte und sah Jaíra freundlich in die Augen.
»Jaíra ist die beste Schülerin von Hans. Sie spricht perfekt deutsch«, klärte Padre Laurindo die Ärztin auf. Diese nickte anerkennend.
»Ich glaube, wir zeigen Ihnen jetzt erst einmal Ihr neues Domizil. Sie sind doch bestimmt neugierig.«
»Und ob«, antwortete Margot Westkamp.
Sie gingen zu dem fertiggestellten Gebäude. Vorsichtig trugen mehrere Männer das Gepäck und die mitgebrachten Geräte zum Hospital, wo sie die Koffer und Kisten erst einmal in dem großen Krankensaal abstellten. Hans zeigte Margot Westkamp das Hospital und ihre privaten Räume, die in einem Nebengebäude untergebracht waren.
Jaíra betrachtete verstohlen die Frau. Sie war braun gebrannt und in ihren Jeans und dem T-Shirt wirkte sie jünger, obwohl Jaíra wusste, dass sie die Fünfzig bereits überschritten hatte. Ihre offene Art gefiel ihr und sie glaubte, dass diese Frau hier am richtigen Platz sein würde; sie mochte sie schon jetzt.
