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Der Traum vom Happily Ever After … Reid Jamieson ist ein junger Anwalt aus einer der reichsten Familien Edinburghs – Tamlyn Griffin kellnert in einem Pub und kann sich damit gerade so über Wasser halten. Eigentlich weiß sie ganz genau, dass Männer wie Reid nur das Eine von ihr wollen – Tamlyn ist nicht das Mädchen, das man seinen Eltern vorstellt und das hat sie auf die harte Weise gelernt. Doch trotz all der bitteren Enttäuschungen ihres Lebens, ist da noch ein kleiner Hoffnungsfunke in ihrem Herzen: der Traum von Liebe und einem kleinen, efeubewachsenen Cottage – ihr »Ivy House«, wie in den Geschichten ihrer Großmutter. Und Reid – attraktiv, intelligent, warmherzig – scheint mehr in ihr zu sehen als alle anderen. Aber sie sind zwei Puzzleteile, die nicht zusammengehören. Und dann ist da auch noch seine Verlobte … Ein gefühlvoller Liebesroman für Fans von Jenny Colgan.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Reid Jamieson ist ein junger Anwalt aus einer der reichsten Familien Edinburghs – Tamlyn Griffin kellnert in einem Pub und kann sich damit gerade so über Wasser halten. Eigentlich weiß sie ganz genau, dass Männer wie Reid nur das Eine von ihr wollen – Tamlyn ist nicht das Mädchen, das man seinen Eltern vorstellt und das hat sie auf die harte Weise gelernt. Doch trotz all der bitteren Enttäuschungen ihres Lebens, ist da noch ein kleiner Hoffnungsfunke in ihrem Herzen: der Traum von Liebe und einem kleinen, efeubewachsenen Cottage – ihr »Ivy House«, wie in den Geschichten ihrer Großmutter. Und Reid – attraktiv, intelligent, warmherzig – scheint mehr in ihr zu sehen als alle anderen. Aber sie sind zwei Puzzleteile, die nicht zusammengehören. Und dann ist da auch noch seine Verlobte …
Überarbeitete eBook-Neuausgabe Januar 2026
Dieses Buch erschien bereits 2017 unter dem Titel »Wenn Liebe ein bisschen einfacher wäre« bei Romance Edition.
Copyright © der Originalausgabe 2017 Romane Edition Verlagsgesellschaft mbH, 8700 Leoben, Austria
Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock /shutterstock AI
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-69076-887-0
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Kerstin Sonntag
Schottland-Roman
dotbooks.
Tamlyn
»Wie es aussieht, hast du einen neuen Verehrer gefunden. Der Mann dort hinten lässt dich jedenfalls nicht mehr aus den Augen.«
Meine Kollegin Cora stupste mich verschwörerisch mit dem Ellenbogen an.
»Wen meinst du?« Mit einem Stirnrunzeln gab ich vor, nicht zu wissen, von wem die große Rothaarige sprach, und nahm die leeren Biergläser vom Tablett, um sie in die Spüle zu tauchen. Natürlich war mir bewusst, dass mich der dunkelhaarige Mann vom Tisch am Fenster beobachtete. Er war jeder meiner Bewegungen mit den Augen gefolgt, seitdem ich die Bestellung an seinem Tisch aufgenommen hatte. Vermutlich war er einer jener Männer, die glaubten, dass ihnen die Welt gehörte. Einer, der dachte, dass er sich alles erlauben und jede Frau erobern konnte.
Ich kannte diese Herren der Schöpfung. Sie waren im Grunde alle gleich, meinten, sie seien etwas Besseres, weil sie wichtige Jobs, einen Firmenwagen und goldgeprägte Visitenkarten besaßen. Sie trugen Designerhemden, maßgeschneiderte Hosen, und an ihren Handgelenken blitzten sündhaft teure Armbanduhren von Bvlgari oder Rolex.
Seit einigen Wochen tauchte dieser Mann im Flying Duck auf, saß meist am selben Tisch mit den gleichen Leuten – dem Aussehen nach Juristen, Banker oder Ärzte, oder befand sich in Begleitung einer schönen, eleganten Blondine, so wie heute.
Innerlich seufzend verscheuchte ich meine Gedanken und trocknete meine Hände an dem Handtuch unter der Spüle.
»Es ist dir doch nicht etwa peinlich?« Cora garnierte einen Scotch Apple mit einer halben Zitronenscheibe und zwinkerte mir zu.
»Von mir aus kann er schauen, so viel er will. Es ist mir egal.«
»Ach komm schon. Fühlst du dich nicht ein wenig geschmeichelt? Ich meine, er sieht unglaublich aus. Ich hätte nichts dagegen, wenn er sich für mich interessieren würde.« Sie schenkte mir ihr typisch breites Lächeln, das jeden dunklen Regentag zu erhellen vermochte.
»Er interessiert sich doch nicht für mich, nur weil er mal zufällig in meine Richtung sieht«, erwiderte ich, doch mein Herz machte einen winzigen Hüpfer. Schmunzelnd schnappte ich mir ein Bierglas aus der Halterung über der Theke und hielt es schräg unter den Zapfhahn, um es mit Ale zu befüllen.
»Hey, Tamlyn, wie läuft’s?« Ein Bär von einem Mann entblößte grinsend ein paar einsame gelbe Zähne, als er unsicheren Fußes an mir vorbeischwankte. Er kicherte in seinen Bart, offenbar belustigt über das kleine Wortspiel. Es war noch nicht mal acht und Finnlay Dunmore hatte schon wieder einen über den Durst getrunken.
»Alles prima, Finn«, entgegnete ich gut gelaunt. »Schön, dich zu sehen.«
Drüben am Fenstertisch brandete heiteres Gelächter auf und mischte sich mit den hämmernden Drums keltischer Rockmusik. Wie jeden Freitagabend platzte das Flying Duck aus allen Nähten. Stickige Luft, Lärm, Körperkontakt und der Geruch von Gin, Whisky, Bier und Schweiß gehörten hier dazu. Ich liebte die Arbeit in dieser Bar am Grassmarket im Herzen Edinburghs. Die meisten, die sich hier auf ein Pint trafen, waren Studenten, einfache Arbeiter oder Geschäftsleute aus den umliegenden Läden oder Touristen. Einen Großteil der Gäste kannte ich, einige ihrer Gesichter waren mir fast so vertraut wie mein eigenes.
Das Flying Duck mit den urigen Deckenbalken, seinen gekalkten Wänden, an denen nostalgische Blechschilder für Bier, Kaffee und Waschmittel warben, und die beachtliche Ansammlung von Whiskyflaschen in dem deckenhohen Regal hinter der Holztheke war mir in den fünf Jahren, in denen ich hier arbeitete, zu einem zweiten Zuhause geworden.
Als ich den Kopf hob, blickte ich unerwartet in ein nicht mehr ganz so unbekanntes Augenpaar. Die Farbe war in dem flackernden Licht schwer auszumachen, doch ich wusste, dass es sich um ein strahlendes Türkisgrün handelte. So faszinierend seine Augen waren, so wütend machte mich das leicht spöttische Lächeln auf seinen Lippen. Ich war zusammengezuckt und offenbar amüsierte ihn meine Reaktion.
So ein unverschämter Mensch! Über dieses arrogante Verhalten half auch sein gutes Aussehen nicht hinweg.
Betont lässig nahm ich das Bierglas vom Zapfhahn. »Kann ich irgendwie helfen?«, erkundigte ich mich eine Spur ruppiger als beabsichtigt. Das war sonst nicht meine Art, aber dieser Mann beschwor etwas in mir herauf, das ich nur schwer kontrollieren konnte.
Als könnte er meine Gedanken lesen, vertiefte sich sein Lächeln, was auf seiner linken bartstoppeligen Wange ein Grübchen hervorzauberte. »Morag hat sich umentschieden«, klärte er mich auf. »Sie möchte lieber ein Glas Weißwein statt einem Martini.«
Morag. Seine Freundin. Oder nur eine hübsche Begleitung für den Abend? So genau konnte man das bei diesen Männern nie sagen. Vermutlich war die junge Frau eine von vielen, die ihn wie Motten um ein Licht umschwärmten und sich einbildeten, sie hätten das große Los gezogen, nur weil er ihnen Aufmerksamkeit schenkte und sie mit seinem hinreißenden Lächeln betörte. Wenn sie nur wüssten. Am Ende würden diese attraktiven Männer ein Trümmerfeld voller Scherben hinterlassen.
»Ist es ein Problem, die Bestellung zu ändern?«, wollte er wissen, da ich nicht sofort antwortete.
Cora stand plötzlich neben mir und räusperte sich, was mich aus meiner Starre herausriss. »Kein Problem«, versicherte ich rasch. »Ein Glas Weißwein. Kommt sofort.«
Er zog die Brauen zusammen, als wüsste er mit einem Mal nicht mehr, wie er mich einschätzen sollte. Vermutlich hatte ich ihn verwirrt, weil ich nicht gleich reagierte. Mit Sicherheit war er es gewohnt, dass jedes weibliche Wesen von hier bis Kalkutta gleich sprang, wenn er einen Wunsch äußerte. Tja, da war er bei mir an der falschen Adresse.
Ohne ein weiteres Wort zog er sich zurück. Ich starrte ihm hinterher, bis ich mich innerlich ermahnte und den Blick von seiner Kehrseite, die leider genauso gut aussah wie der Rest von ihm, abwandte.
Komm schon, Tam. Männer wie er interessieren dich nicht. Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich so die Gedanken loswerden, und nahm das Bierglas wieder zur Hand, während Cora sich dem Wein widmete.
»Pass auf, Tamlyn«, flüsterte sie mit einer Kinnbewegung zum anderen Ende des Tresens, an dem ein schlaksiger Mittdreißiger Gläser polierte. »Hamish ist heute extrem schlecht gelaunt. Sein Date hat ihn gestern Abend versetzt und wenn ich spekulieren soll, mochte er die Frau mehr, als er zugeben würde.«
Hamish, Chef und Inhaber des Flying Duck, hegte eine Vorliebe für französische Chansons und Frauen aus der Filmbranche, die ebenso schön wie unerreichbar für ihn waren. Ich liebte Hamish. Er besaß ein gutes Herz und man konnte auf ihn zählen, wenn man ihn brauchte. Aber er war auch kompliziert. An manchen Tagen war er dein bester Freund, an anderen konnte man ihm nichts recht machen. Aber das konnte ich akzeptieren, schließlich war niemand fehlerfrei. Manchmal war es jedoch schwierig, mit Hamish auszukommen, und ich verspürte wenig Lust, Zielscheibe seiner Laune zu sein.
»Dank dir für den Hinweis«, murmelte ich, das Glas hastig mit einem Lappen abtupfend. Ich war an der Schaumkrone gescheitert. Heute hatte ich meinen Kopf überall, nur nicht bei der Arbeit.
»Hey, wo bleibt mein Whisky, Tamlyn?«, rief mir ein Kerl namens Dale zu und hob die Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich gab ihm ein Zeichen, dass ich seinen Drink gleich bringen würde. Dass wir im Pub am Tisch servierten, hatten wir Hamishs Schwäche für Frankreich zu verdanken. Nach einem längeren Parisaufenthalt hatte er die Idee mitgebracht, den in Schottland eher unüblichen Tischservice einzuführen. Obwohl Cora und ich anfangs skeptisch gewesen waren, schien das Konzept bei den Gästen gut anzukommen, denn das Geschäft lief gut.
Ich platzierte das Ale und den Wein auf ein Tablett und zwängte mich durch das Gedränge, wobei ich leise vor mich hin summte, und hier und da einen Gruß erwiderte. Der Job erdete mich. Er war ein perfekter Ausgleich zu meinem restlichen Alltag. Im Pub fühlte ich mich wohl und der Stress und das Gefühl der Verantwortung fielen für ein paar Stunden von mir ab. Vor sieben Jahren, an meinem neunzehnten Geburtstag, hatte ich mich entschieden, zu meiner Großmutter zu ziehen, um sie zu unterstützen. Ich hatte bewusst diesen Weg gewählt. Und auch wenn es nicht immer einfach war, bereute ich dies keinen Tag. Ich würde es immer wieder tun, denn Nana war diejenige gewesen, die alles aufgegeben hatte, um mich großzuziehen und ich wollte ihr etwas zurückgeben. Dennoch war etwas von der Leichtigkeit in meinem Leben verloren gegangen. Andererseits, wenn ich es recht überlegte, war mein Leben noch nie einfach gewesen.
Mein schulterlanges, leicht gewelltes Haar fiel mir ins Gesicht, als ich das Ale auf dem runden Eichentisch vor Mr Arrogant, wie ich den dunkelhaarigen Kerl spontan taufte, abstellte. Er fing meinen Blick ein und bedachte mich mit einem erneuten Lächeln, das eine Reihe makelloser Zähne offenbarte. Du lieber Himmel. Der Mann war eingebildet. Vermutlich dachte er, ich könnte gar nicht anders als bei seinem Anblick dahinzuschmelzen. Nun, darauf würde er lange warten müssen.
Seine hübsche blonde Begleitung rückte ihre riesige Sonnenbrille auf dem Kopf zurecht, bevor sie mir mit einem flüchtigen Nicken das Glas Wein abnahm. »Danke, dass das mit dem Umbestellen geklappt hat. Ich bekam vorhin direkt ein schlechtes Gewissen, nachdem ich Reid zur Theke geschickt hatte.«
»Gern«, entgegnete ich freundlich, während ich Mr Arrogant mit einem Seitenblick streifte. Noch immer beobachtete er mich.
»Wir sind zufrieden, wenn unsere Gäste es sind«, zitierte ich das Motto des Flying Duck. Ich schenkte der Blonden ein kleines Lächeln, bevor ich mir das Tablett unter den Arm klemmte und mich abwandte.
Reid hieß er also. Reid, der mich mit seinen Blicken verfolgte und vermutlich davon ausging, seine Freundin würde es nicht bemerken. Er irrte sich gewaltig. Wir Frauen besitzen einen sechsten Sinn. Ein feines Gespür, wenn es darum geht, dass unsere Männer andere Frauen taxieren. Diese hübsche junge Frau würde ihm bestimmt gehörig den Kopf waschen. Ich würde es tun, wenn ich sie wäre.
»Danke, Tamlyn«, hörte ich, wie er mir hinterherrief, und wunderte mich nicht, dass er meinen Namen kannte. Jeder hier tat das.
Als Antwort hob ich lässig eine Hand und kehrte zurück zur Theke. Ohne ihn noch einmal anzublicken. Auch wenn sich wahrscheinlich alle anderen Frauen nach ihm umdrehten, würde ich ihm definitiv nicht zeigen, dass ich ihn attraktiv fand.
Cora stand am Zapfhahn und legte den Kopf schief, während sie mich mit zusammengekniffenen Augen musterte. »Ich sag’s doch – «
»Nein bitte«, schnitt ich ihr das Wort ab. »Sag’s nicht. Ich muss mich auf die Arbeit konzentrieren.« Mir ein Schmunzeln verkneifend schob ich mein Tablett auf die Arbeitsfläche. Ja, ich musste es zugeben. Ein wenig schmeichelte mir seine Aufmerksamkeit doch. Dennoch … er war definitiv kein Mann für mich. Und ich kein Abenteuer für ihn.
»Hinschauen wird doch erlaubt sein.« Cora seufzte.
»Schauen kannst du gern.« Ich rollte mit den Augen und umrundete die Theke, um mich der nächsten Bestellung zu widmen. »Aber lass mich in Ruhe mit diesem … Mann.« Dennoch riskierte ich einen verstohlenen Blick in seine Richtung, während ich mir den Zettel mit der Getränkeliste vom Tresen schnappte.
Ich musste es insgeheim zugeben: Reid mit seinen kantigen Zügen und dem Dreitagebart war genau mein Typ. Diese lässige, dunkle Attraktivität zog mich an. Allerdings hatte ich die Nase gestrichen voll von solchen Männern, die genau wussten, wie gut sie aussahen. Leider steckte hinter der hübschen Fassade in der Regel nicht das, was das Äußere versprach. Sondern ein Kerl, der einen mit seinem umwerfenden Aussehen und seinem Charme köderte, aber wenn man hinter die strahlende Fassade blickte, stand man am Rande eines öden, leeren Abgrunds. Nein danke. Tamlyn Griffin hatte definitiv keinen Bedarf. Niemals wieder würde ich auf ein schönes Gesicht hereinfallen.
»Apropos, was ist eigentlich aus deinem Blind Date letzte Woche geworden, Cora?«, fragte ich meine Freundin und stellte mich auf die Zehenspitzen, um eine Flasche Single Malt Whisky aus dem Regal hinter mir zu angeln.
Cora war wie ich siebenundzwanzig, hoffnungslose Romantikerin und litt seit einiger Zeit unter einem beunruhigenden Anflug von Torschlusspanik. Jedenfalls war sie – im Gegensatz zu mir – auf der Suche nach einer festen Beziehung. Ich hielt nicht viel von Liebesbeziehungen. Meine Vergangenheit hatte mich gelehrt, dass sie grundsätzlich in einer Tragödie endeten. Das beste Beispiel dafür waren meine Eltern.
Cora warf mir einen vielsagenden Blick aus ihren kornblumenblauen Augen zu. »Frag lieber nicht. Ich verbuche das mal unter Erfahrungen, die man nicht unbedingt braucht.«
»So schlimm?« Stirnrunzelnd organisierte ich mir zwei Whiskygläser aus der Vitrine, die an das Regal anschloss, und kippte ein paar Eiswürfel hinein.
»Schlimmer.«
»Also wieder kein Ritter in glänzender Rüstung, der dich auf seinem weißen Schimmel zu entführen gedenkt?«
Durch den eingängigen Rhythmus der Musik drang plötzlich ein Klirren und Scheppern. Vermutlich hatte jemand über den Durst getrunken und war gegen einen Tisch gelaufen. Was im Flying Duck nicht selten passierte. Ich wollte gerade los, um nachzusehen, was passiert war, aber dann bemerkte ich, dass sich Hamish auf den Weg machte.
»Nein.« Cora seufzte herzerweichend. »Kein Ritter in Sicht.«
»Arme Cora.« Ich goss großzügig Whisky in die beiden Tumbler und schnappte mir zwei Schälchen mit Erdnüssen.
»Glaub mir, es ist gar nicht übel, Single zu sein. Keine Verpflichtungen, keine Eifersucht.« Ich brauchte das alles nicht. Diesen ganzen Herzschmerz, die emotionalen Verstrickungen und die dazugehörigen Tragödien. Die gab es in meinem Leben sowieso schon. Beziehungen funktionierten bei mir einfach nicht. Dafür war ich offensichtlich nicht gestrickt.
Das Tablett auf einer Hand balancierend, quetschte ich mich erneut zwischen den voll besetzten Tischen hindurch. Als sich eine forsche Hand auf mein Hinterteil legte, blieb ich stehen und drehte mich um. Ein dürrer Kerl in kariertem Holzfällerhemd erwiderte meine hochgezogene Augenbraue mit einem breiten Grinsen. »Nettes Hintergestell, Tammy.«
»Besten Dank. Und dieses Hintergestell gehört mir«, informierte ich ihn mit einem freundlichen Lächeln. »Also Finger weg, Dougal.«
In einer Geste der gespielten Reue hob er beide Hände, unter deren Fingernägeln dunkle Ränder schimmerten.
Amüsiert schüttelte ich den Kopf und begab mich mit meinem Tablett weiter durch das Gedränge. Dougal McKinley war ein harmloser Zeitgenosse, den ich hin und wieder wegen seiner überschwänglichen Zuneigungsbekundungen in seine Schranken weisen musste.
Nachdem ich die Getränke abgeliefert hatte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie Reid mir zuwinkte. Vielleicht hatte er ein Haar in seinem Bier entdeckt, überlegte ich feixend, oder die Schaumkrone entsprach nicht seinen Erwartungen. Ich rechnete mit allem. Ich klemmte mir das Tablett unter den Arm und machte einen Abstecher bei seinem Tisch vorbei. Dort bemerkte ich, dass sich die Runde vergrößert hatte.
Also kein Haar in Reids Bier, nur neue Gäste. »Willkommen im Flying Duck.« Ich nickte den beiden Männern freundlich zu. »Was darf ich euch bringen?«
Ich hatte sie bereits öfter mit Reid zusammen gesehen. Einer von ihnen wirkte wie ein männliches Model. Genau wie bei Reid schwebten die Worte »reich, verwöhnt und arrogant« in blinkender Leuchtschrift über seinem mit Gel in Form gebrachten Blondschopf. »Bringst du mir ein Pint Ale bitte?« Dunkelbraune Augen fixierten mich durch goldblitzende, halbrunde Brillengläser hindurch.
»Gerne. Und du?« Ich wandte mich an den Rothaarigen. Seine Nase kräuselte sich, als er einen Moment nachdachte.
»Hm, lass mal sehen. Ich denke, ich genehmige mir mal einen Rusty Nail, Süße. Für den Anfang.« Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf meinen Körper, und ich hatte das Gefühl, er würde mich mit seinem anzüglichen Blick förmlich ausziehen.
»Kann ich sonst noch was für dich tun?«, wollte ich mit einem zuckersüßen Lächeln wissen.
Seine Mundwinkel hoben sich. »Wenn du so fragst – hast du später schon was vor?«
Im Gegensatz zu Reid und dem Blonden entsprach der Rotschopf nicht unbedingt dem, was sich Frau unter gutaussehend vorstellte. Dennoch fand ich ihn – trotz seiner frechen Klappe – irgendwie interessant mit seinem leuchtenden Haar und den tausend Sommersprossen, die in seinem runden Gesicht tanzten. Außerdem erinnerte mich sein Versuch, mit mir zu flirten, an das unbeholfene Herumtapsen eines Bärenjungen.
Dennoch genoss ich den Schlagabtausch. Ich witzelte gern mit den Gästen. In der Regel war allen Beteiligten klar, dass derartige Unterhaltungen zu nichts führten. Ich war noch nie weitergegangen, als für ein gutes Trinkgeld ein wenig zu schäkern. Die Männer, mit denen ich mich gelegentlich zu Dates traf, die niemals zu irgendetwas Bedeutsamen führten, lernte ich normalerweise in Clubs oder beim Joggen im Stadtpark kennen. In der letzten Zeit fehlte mir allerdings die Energie, auszugehen, und auch das Joggen hatte ich vernachlässigt. Nana bedurfte meiner Hilfe immer öfter, sodass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als nach der Arbeit nach Hause zu gehen und mich auszuruhen.
»Ich habe tatsächlich bereits Pläne für später. Wirklich schade«, neckte ich den Rotschopf mit einem Zwinkern. Ich registrierte, dass die anderen am Tisch interessiert unser Geplänkel verfolgten.
Reid zog eine Augenbraue hoch. Was er wohl dachte? Andererseits spielte es auch keine Rolle.
Mit einem breiten Schmunzeln marschierte ich zurück zur Theke.
Männer. Sie waren doch alle irgendwie gleich.
Es war kurz nach halb zwölf, als ich dank der flotten Straßenbahnverbindung vor dem mehrstöckigen grauen Backsteinhaus in der Montrose Terrace stand, wo sich in der obersten Etage meine kleine Mietwohnung befand. Meine Füße schmerzten, obwohl ich die High Heels noch im Pub gegen bequeme Sneakers ausgetauscht hatte. Mit dem letzten Quäntchen Energie durchquerte ich das schmuddelige, nach kaltem Rauch miefende Treppenhaus. Meinen überquellenden Briefkasten inmitten der anderen an der Wand übersah ich geflissentlich. Ich würde mich ein anderes Mal um die Post kümmern. Die Rechnungen würden sich bis morgen sicher nicht in Luft aufgelöst haben. Aber vielleicht hatte ich ja Glück, jemand stahl die Briefe und bezahlte die offenen Beträge, überlegte ich belustigt, während ich den Steintreppen nach oben in den dritten Stock folgte.
Zwar hatte ich geplant, noch bei Grandma vorbeizuschauen, aber ohne zu ahnen, dass Hamish mich heute Abend bis zur Sperrstunde brauchen würde. Normalerweise arbeitete ich von vier bis zehn und sah auf dem Heimweg regelmäßig nach dem Rechten bei Nana, die praktischerweise im selben Haus im ersten Stock wohnte. Da bei ihr aber kein Licht mehr brannte, ging ich davon aus, dass sie schon zu Bett gegangen war, und entschied mich deshalb gegen einen Kurzbesuch. Ich würde morgen Vormittag bei ihr klingeln, nachdem ich ausgeschlafen hatte. So wie jeden Tag.
Im Flur warf ich die mörderisch hohen Riemchen-High-Heels in die Ecke, meine Sneakers hinterher und atmete erleichtert auf, als meine geschundenen Zehen Kontakt mit den alten Holzdielen schlossen. Ah, herrlich. Leider bestand Hamish darauf, dass wir Mädchen, wie er uns gern nannte, High Heels im Pub trugen. Der Anblick seiner Mädchen in den hohen Schuhen würde den Getränkekonsum der vorwiegend männlichen Gäste ankurbeln, meinte Hamish. Vielleicht hätte ich dem guten Mann mal vorschlagen sollen, sich auch solche Dinger an die Füße zu binden?
In der Küche organisierte ich mir ein Weinglas aus der von Holzwürmern befallenen Vitrine, die ich letztes Jahr auf dem Out of the Blue-Flohmarkt in der Dalmeny Street erstanden hatte. Aus dem Kühlschrank holte ich mir die angebrochene Flasche Chardonnay und ging anschließend damit rüber ins Wohnzimmer. Mit dem Glas in der Hand setzte ich mich auf die Couch, schlug die Füße unter und schnappte mir die Fernbedienung, um mich noch ein paar Minuten fernzusehen. Irgendwann stellte ich fest, dass ich gar nichts von dem mitbekam, was in den Kanälen lief. Immer wieder kehrten meine Gedanken zum heutigen Abend im Pub zurück. Und zu Reid. Dem Mann mit den umwerfend türkisgrünen Augen und dem zum Dahinschmelzen süßen Grübchen in der linken Wange.
Reid
Morag und ich hatten es uns bei flackerndem Kerzenlicht auf dem breiten Schlafsofa in ihrem brandneuen Studio, einer schicken Suite, gemütlich gemacht. Nachdem sie vor einem Jahr als Partnerin bei Stratham Immobilien eingestiegen war, hatte sie ihre Wohnung gekündigt und sich diese teure Suite in einer bewachten Wohnanlage gegönnt. Wobei sie mich hatte wissen lassen, dass sie selbstverständlich lediglich bis zu unserer Hochzeit hier wohnen würde. Das Apartment war ein Traum – großzügig geschnitten, mit einer hochmodernen Küche und einer Dachterrasse mit Wahnsinnsausblick, von der aus man die nächtlichen Lichter Edinburghs mit einem Glas Wein in der Hand genießen konnte. Morags neues Domizil, umgeben von neu angepflanzten Bäumen, die den Eindruck vermittelten, man wohnte im Grünen, lag dennoch zentral – nur wenige Gehminuten von Waverly Station entfernt. Morags Umzug hatte mich jedenfalls in meiner Entscheidung bekräftigt, mir in Kürze ebenfalls eine Unterkunft in der Stadt zu suchen. Bislang wohnte ich der Bequemlichkeit halber noch in meinem Elternhaus in Stockbridge am MacKenzie Place, wo ich im oberen Stockwerk ein komfortables Apartment besaß. Da sich unsere Anwaltskanzlei im Erdgeschoss der Villa befand, musste ich mich nicht mit dem morgendlichen Berufsverkehr abquälen – was recht praktisch war. Mit achtundzwanzig schien es mir jedoch mehr als angebracht, mir endlich etwas Eigenes zu suchen.
»Und? Ist es nicht schön hier?« Morag knabberte an meinem Ohrläppchen.
»Vor allem, wenn du das tust, was du gerade machst.«
»Dummerchen.« Ihre langen blonden Haare streiften kitzelnd meine nackte Brust. »Ich meine das Apartment.«
»Das ist auch nicht ohne«, neckte ich sie.
Sie rollte mit den Augen. »Reid. Ich mein es ernst.«
»Ach bitte Morag, lass uns einfach entspannen«, entgegnete ich, insgeheim hoffend, sie würde nicht schon wieder vorschlagen, ich solle zu ihr ziehen. So weit war ich noch nicht. Wir waren noch nicht so weit. »Mein Tag in der Kanzlei war anstrengend, und ich möchte den Abend einfach nur mit dir genießen.«
Sie zog einen Schmollmund, schwieg jedoch und legte den Kopf auf meine Brust.
Während wir still dalagen und der sanften Musik im Hintergrund lauschten, dachte ich darüber nach, was mich eigentlich davon abhielt, Nägel mit Köpfen zu machen und zu Morag zu ziehen, anstatt mir eine eigene Wohnung suchen zu wollen. Morag war gebildet, sah fantastisch aus und war erfolgreich in ihrem Beruf. Meine Eltern betrachteten Morag bereits als zukünftige Schwiegertochter. Meine Mutter plante sogar schon die Hochzeit. Zwar beabsichtigten wir nicht, so rasch zu heiraten, aber Mum ließ sich nicht davon abhalten, mal nur so zum Spaß, wie sie meinte, durch Brautmodenzeitschriften zu blättern oder sich schon einmal Gedanken über ein mögliches Hochzeitsmenü zu machen. Für sie stand natürlich auch schon fest, dass wir uns in St. Mary’s trauen lassen würden. Ihre unverhohlene Begeisterung und ihr Eifer, sich mit der Hochzeit, die für mich in vielerlei Hinsicht noch in weiter Ferne lag, zu beschäftigen, verursachten mir zuweilen Beklemmungen. Ich liebte Morag, natürlich tat ich das. Mir war bewusst, was für ein unglaubliches Glück ich hatte, eine Frau wie sie an meiner Seite zu haben. Wir hatten uns während des Studiums kennengelernt und auf Anhieb gut verstanden. Unsere Eltern kannten sich durch den Golfclub. Morag war perfekt. Sie war intelligent und ambitioniert. Freundlich. Sagte immer das Richtige. Und doch ...
In letzter Zeit ertappte ich mich immer wieder dabei, wie mir der Kragen eng wurde, je öfter meine Mutter von Hochzeit und Zukunftsplänen sprach. Mein Kollege und Freund Emmett war der Ansicht, ich müsse mir dahingehend keine Gedanken machten. Männer bekamen gerne kalte Füße, wenn es ernst wurde und sie die geliebte Freiheit für immer aufgeben mussten, meinte er augenzwinkernd, als ich ihm von meiner Beklemmung berichtete. Wahrscheinlich hatte er recht. Es bereitete mir dennoch Sorgen, dass ich mich nun dabei erwischte, mich nach anderen Frauen umzudrehen. Es fühlte sich nicht richtig an. Abgesehen davon hatte Morag es nicht verdient. Ihr allein sollte meine Aufmerksamkeit gelten.
»Sag mal, kennst du eigentlich diese brünette Kellnerin? Die aus dem Flying Duck?«
Es dauerte einen Moment, bis Morags Frage in meine Gedanken drang. Dennoch war ich geistesgegenwärtig genug, mit einer Gegenfrage zu reagieren. »Wen meinst du?« Mich überkam prompt der Anflug eines schlechten Gewissens, weil ich natürlich ganz genau wusste, von wem sie sprach. Wie zur Bestätigung blitzte ein Gesicht vor mir auf. Große Augen, grau wie die schottische See bei Sturm, umrahmt von spektakulär langen, dunklen Wimpern, in einem herzförmigen Gesicht.
Tamlyn. Die junge Frau aus dem Flying Duck.
Mehr als einmal war mein Blick in ihre Richtung gewandert. Obwohl ich seit einiger Zeit regelmäßig den kleinen Pub am Grassmarket besuchte, hatte mich ihr Anblick erst heute so richtig gefesselt. Mit ihrer zierlichen Statur und dem walnussbraunen Haar, das ihre Schultern umspielte, wirkte sie eher unauffällig.
Aber ein zweiter Blick in ihre herausfordernd funkelnden Augen und auf den schön geschwungenen, ein bisschen zu großen Mund hatte gereicht, um mir ein Kribbeln in der Magengegend zu bescheren. Es war mir schwergefallen, mich von ihrem Anblick zu lösen. Mein Interesse war geweckt, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Ich sollte sie nicht auf diese Weise ansehen, ich sollte ihr nicht hinterhersehen! Aber wenn ich ehrlich war, gefiel mir Tamlyn. Sie war ebenso ungewöhnlich wie ihr Name. Ihre Schlagfertigkeit und ihr Witz, und mit welcher Lässigkeit sie sich durch den Pub manövrierte! Und dann ihr Kontern auf Alecs vergeblichen Versuch, mit ihr zu flirten! Alec und ich hatten gemeinsam im Rugbyteam der Uni gespielt. Während ich die Juristenlaufbahn eingeschlagen hatte, hatte er sich auf den Sport konzentriert und trainierte heute eine Jugendmannschaft. Trotz unserer unterschiedlichen Karrieren waren wir in Verbindung geblieben und trafen uns hin und wieder auf ein Bier. Nicht selten beneidete ich meinen alten Studienfreund um seine Berufswahl.
Ich konnte nur hoffen, dass Morag nicht bemerkte, welchen Eindruck Tamlyn bei mir hinterließ. Morag Fraser war der eifersüchtige Typ, obwohl ich ihr in den fünf Jahren unserer Beziehung niemals einen Grund gegeben hatte. Zum Glück konnte Morag keine Gedanken lesen. Sie hätte mich heute im Flying Duck geteert und gefedert. Und das mit Recht.
Was stimmte nicht mit mir? Wie konnte ich mit so einer wunderbaren Frau an meiner Seite an eine andere denken? So war ich nicht. Das war nicht die Art Mann, die ich sein wollte.
»Ach, ich bitte dich, Reid.« Morag ließ ihre Finger über meine Brust gleiten und zerrte mich damit zurück in die Gegenwart. »Die Kleine mit dem Lederrock, die uns bedient hat. Sie ist hübsch, oder?«
Ich hielt den Atem an. »Kann sein. Ich habe nicht darauf geachtet«, erwiderte ich beiläufig und hoffte, dass sie mir die Lüge abkaufte.
Über ihrer Nasenwurzel erschien eine steile Falte und ein harter Zug bildete sich um ihren Mund.
»Reid. Verkauf mich nicht für dumm.«
Ich hätte es besser wissen müssen. Trotzdem forderte ich mein Glück heraus. »Nein, wirklich nicht.« Ich begegnete ihrem forschenden Blick mit betonter Gelassenheit und küsste sie auf die Nasenspitze. »Du grübelst mal wieder zu viel.«
Ich schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln, aber ich fühlte mich schlecht. Das Letzte, was ich wollte, war, Morag zu belügen. Normalerweise hatte ich für Männer, die ihre Partnerinnen hintergingen und sich heimlich nach anderen Frauen umdrehten, nur Verachtung übrig. Das Problem war, dass Tamlyn mich ernsthaft interessierte. Sie gefiel mir. Sehr. So etwas war mir, seit ich mit Morag liiert war, noch nie passiert. Nie hatte ich einer anderen auch nur einen Seitenblick gegönnt. Morag war mir stets genug gewesen. Und jetzt? Jetzt bekam ich diese süße Kellnerin nicht mehr aus dem Kopf. Ich steckte in Schwierigkeiten.
»Komm her«, forderte ich rau. Ich legte meine Finger in Morags Nacken und zog ihren Kopf heran. Sanft knabberte ich an ihrer Unterlippe. »Du bist die eine, Schatz«, murmelte ich an ihrem Mund. »Alle anderen sind mir egal.«
Sie ließ sich überzeugen, als ich den Kuss vertiefte und ihren schlanken Körper an mich zog. Nach fünf Jahren waren wir ein eingespieltes Team. Abgesehen davon, dass immer ich derjenige war, der die Initiative ergriff, harmonierten wir in körperlicher Beziehung perfekt. So war es schon immer gewesen. Nur in der letzten Zeit war ich nicht ganz bei der Sache. Vermutlich lag es am Stress in der Kanzlei. Als Juniorpartner stand ich besonders im Fokus der Kollegen, und mein Vater liebte es, mir die besonders kniffligen Fälle aufzutischen. Du musst dich erst mal beweisen, Reid.
Und dann diese verflixten Hochzeitspläne! Sie brachten mich aus dem Gleichgewicht. Seit meine Mutter nicht mehr aufhören konnte, davon zu reden, hatte ich oft das Gefühl, als könnte ich nicht mehr richtig atmen.
»Liebst du mich, Darling?« Morags warmer Atem streifte meine Wange.
»Aber das weißt du doch«, erwiderte ich und strich ihr eine Haarsträhne von der Stirn.
»Du sagst es aber nie«, flüsterte sie.
»Das bedeutet aber nicht, dass ich es nicht tue.« Natürlich war es mir mit Morag ernst. War sie nicht die perfekte Partnerin für einen jungen, aufstrebenden Anwalt? Abgesehen davon wären meine Eltern überglücklich, wenn wir endlich den Bund fürs Leben schließen würden. Du weißt, wie sehr sich dein Vater eine Frau wie Morag an deiner Seite als Junganwalt wünscht. Sie kommt aus einer angesehenen alten Edinburgher Familie. Denk an unsere Reputation, Reid. Sie bedeutet deinem Vater alles. Die Worte meiner Mutter. Vielleicht, ja, vielleicht würde mein Vater mir dann verzeihen, schoss es mir durch den Kopf, ehe ich sämtliche Gedanken von mir schob, um mich ausschließlich der jungen Frau neben mir zu widmen.
Tamlyn
Ein paar Tage später ...
»Guten Morgen, Nana, ich bin’s, Tamlyn!«
Wie jeden Tag ließ ich mich mit meinem Ersatzschlüssel in die Wohnung meiner Grandma ein und schloss die Tür hinter mir. Ich schlüpfte aus meiner Strickjacke und warf sie im Flur über einen der altmodischen Messinghaken an der holzvertäfelten Wand. Unter den Sohlen meiner Turnschuhe knarrten die ausgetretenen Dielen, als ich das Wohnzimmer ansteuerte. Normalerweise genoss Nana dort in ihrem geblümten Lesesessel gegen elf eine Tasse Taylors Scottish Breakfast Tea, während sie durch den Edinburgh Reporter blätterte.
Unwillkürlich setzte ich ein Lächeln auf, als ich in den Raum trat. Nana war in ihrem Sessel eingeschlafen, die filigrane Lesebrille auf ihre Nasenspitze gerutscht. Sonnenlicht fiel durch die Spitzengardinen, die sich im hereinwehenden Luftzug sanft bauschten. Vom Hinterhof drangen Vogelgezwitscher und Kinderstimmen ins Zimmer.
Ich blieb stehen und betrachtete die Szene. Wie Nana in ihrem Sessel saß, mit einem hübschen Band, das ihr helles Haar aus dem Gesicht hielt, über dem Baumwollkleid die blaue Kittelschürze, die sie immer für die Hausarbeit überzog, und an den Füßen ihre geliebten Satinslipper. Als stünde sie noch mitten im Leben, würde für mich sorgen und wäre keine vierundsiebzig, gebrechlich und zuweilen ziemlich vergesslich. Sogar Lippenstift hatte sie aufgetragen.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Neben ihr stand das Teegeschirr auf einem kleinen Beistelltisch, die Zeitung war ihr aus den Händen geglitten und auf den Boden gesegelt. Ich hob sie auf, faltete sie zusammen und legte sie zur Seite. Das Geräusch des knisternden Papiers musste Nana geweckt haben, denn sie bewegte sich und öffnete blinzelnd die Augen.
»Sweetheart. Wie schön, dich zu sehen.« Sie schob sich die Brille zurück auf die Nase und griff sich schließlich an ihren Kopf, um ihre Frisur zu überprüfen. »Ich muss eingeschlafen sein. Wie spät ist es?«
Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich neben sie, nahm ihre zarte, knochige Hand in meine, dankbar, dass sie mich auf Anhieb erkannt hatte. Das war nicht jeden Tag so und mit einer der Gründe gewesen, weshalb meine Mutter Nana unbedingt ins Pflegeheim hatte abschieben wollen. Niemals hätte ich es übers Herz gebracht, die Frau, die mich praktisch aufgezogen hatte, in fremde Obhut zu geben. Nicht solange sie noch in der Lage war, sich mit ein bisschen Unterstützung in ihren eigenen vier Wänden zurechtzufinden. Nana hatte etwas Besseres verdient. Sie hatte es verdient, im Kreis von Menschen, die sie liebten, alt zu werden. Mum hatte nie verstanden, warum ich so leidenschaftlich dafür kämpfte, dass Nana in ihrer Wohnung in der vertrauten Umgebung wohnen bleiben durfte. Als ich damals erfuhr, dass im gleichen Haus ein Apartment im dritten Stock frei wurde, hatte ich mich sofort entschieden, zu Nana zu ziehen. Mum hatte mir diesen Schritt nie verziehen. In ihren Augen war ich eine Abtrünnige, eine Verräterin, die sich mit der Frau verbündete, die ihr einst das Sorgerecht für mich streitig gemacht hatte.
Ich verscheuchte die trüben Gedanken und schenkte Nana ein Lächeln. »Es ist kurz nach zehn, und wie ich sehe, hast du schon deinen Tee getrunken. Hast du an deine Medizin gedacht?«
Über Nanas faltiges Gesicht huschte ein Lächeln und ließ erahnen, wie schön sie einmal gewesen war. »Ich habe brav meine Tabletten genommen, Sweetheart, falls dir das Sorge bereitet.«
Sanft drückte ich ihre Finger. Es war erstaunlich, wie klar Grandma an manchen Tagen war. Wenn ich es nicht besser wüsste, wirkte sie, als könnte sie ohne Weiteres allein zurechtkommen.
»Was hältst du davon, wenn ich uns heute eine schöne Kartoffelsuppe koche? Die magst du doch so gern.« Bis vor einem Jahr hatte Nana noch regelmäßig am Herd gestanden. Aber seit einiger Zeit überforderte sie das Kochen, und so übernahm ich diese Aufgabe. Ich kochte nicht gern und mein Repertoire an Gerichten war nicht der Rede wert, aber die Kartoffelsuppe hatte sich bewährt. Weshalb sie in verschiedenen Variationen alle paar Tage auf unserem Speiseplan stand.
»Das wäre fein, Tamlyn. Du weißt, ich mag die–« Ein plötzlicher Hustenanfall schnitt ihr das Wort ab und ließ ihren schmalen Körper erzittern. Als wäre die schreckliche Demenz nicht schon genug, litt Nana zusätzlich an einer chronischen Lungenerkrankung. Deshalb war es wichtig, dass sie regelmäßig ihre Medikamente einnahm.
Sanft strich ich ihr über den schmalen Rücken, wartete, bis das beängstigende Keuchen verebbte. »Geht es wieder?« Ich musterte sie forschend. Sie wirkte angestrengt. Auf ihrem Gesicht leuchteten rote Flecken. »Kann ich dich denn allein lassen und kurz auf den Markt gehen?«
Nana holte zitternd Luft. »Natürlich, Sweetheart. Ich bleibe einfach in meinem Sessel sitzen und werde ein wenig lesen.« Sie strich mir über die Wange. »Du hingegen solltest mal ein bisschen frische Luft schnappen. Du siehst blass aus. Es tut dir nicht gut, tagein, tagaus in dieser stickigen Bar herumzuhängen. Geh raus und lass dir den frischen Wind um die Nase wehen.«
»Du weißt, du kannst jederzeit Mrs Harris von gegenüber rufen, wenn etwas sein sollte«, erinnerte ich sie. Mrs Harris besaß ebenfalls einen Schlüssel zu Grandmas Wohnung, damit sie notfalls nach ihr sehen konnte, falls ich einmal verhindert war.
Ich schüttelte ihr die Kissen zurecht, brühte eine Kanne mit frischem Tee auf und schnappte mir dann den Weidenkorb vom Küchenschrank. Jetzt, wo Nana klaren Verstands war, war es tatsächlich eine gute Gelegenheit, mal wieder rauszukommen. Während der letzten Wochen war Grandma von einer heftigen Bronchitis gequält worden und ich hatte nichts weiter getan, als zwischen unseren Wohnungen und dem Flying Duck hin und her zu pendeln. Ich musste mir sogar einige Tage freinehmen, weil es ihr so schlecht gegangen war und ich sie nicht hatte allein lassen wollen. Die Aussicht auf eine kleine Auszeit war verlockend.
Ich vermisste sogar die Arbeit im Pub. Cora hatte mich schon drei Mal angeschrieben, um nachzuhören, wann ich wieder einsatzfähig wäre. Hamish hatte kurzfristig eine Kunststudentin engagiert, die für mich einsprang, aber Cora kam mit diesem Mädel, wie sie ihre neue Kollegin bezeichnete, nicht klar und sehnte sich nach meiner Rückkehr. Ich hatte Cora beruhigen können. In wenigen Tagen würde ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Nana versorgt war, nahm ich mir im Flur meine ausgebeulte Strickjacke vom Haken und hängte mir meine graue Filztasche mit dem Schriftzug Du kannst kein Glück aber Kaffeekaufen quer über die Brust. Noch den Weidenkorb in die Hand und fertig. Hinter mir schloss sich die Wohnungstür mit einem leisen Klicken.
Eine knappe halbe Stunde später schlenderte ich auf der Castle Terrace an den Marktständen und den weiß-blau gestreiften Zelten vorbei, in denen die Farmer aus der Gegend ihre Waren anboten. Auf den schroffen, mit zartem Grün überzogenen Felsen im Hintergrund wachte Edinburgh Castle über den Marktplatz. Wie ich diesen Anblick liebte! Besonders im Frühling, wenn rundherum alles grünte und blühte. Die Winter in Schottland konnten ewig lang sein. Und auch wenn Touristen die kalte Jahreszeit in Schottland als magisch beschrieben, für meinen Geschmack war es einfach zu kalt und viel zu früh dunkel. Der Winter war einfach nicht meine bevorzugte Jahreszeit. Aber jetzt lag tatsächlich der Duft von Frühlingsblüten in der Luft und hier und da leuchteten sonnengelbe Narzissen in kleinen Holzkübeln zwischen den Verkaufsständen.
Ich überlegte gerade, ob ich Nana vielleicht einen Bund Narzissen für die Fensterbank im Wohnzimmer mitbringen sollte, als hinter meinem Rücken heiteres Lachen erklang. Ich drehte mich um und entdeckte in etwa zehn Metern Entfernung eine Gruppe von Männern, die meisten in feinen Geschäftsanzügen. Einer von ihnen fiel mir sofort ins Auge. Meine Nackenhärchen stellten sich auf, Adrenalin schoss durch meinen Körper.
War das nicht Reid aus dem Pub? Er war es. Seit Tagen hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Bevor ich mir freigenommen hatte, waren wir uns noch einmal im Flying Duck begegnet, wo er mit Freunden und diesmal ohne seine Partnerin am üblichen Stammplatz gesessen hatte. Allerdings hatte Cora an diesem Tag die Bedienung übernommen, sodass sich unser Kontakt auf ein flüchtiges Kopfnicken im Vorbeilaufen beschränkt hatte. Doch jedes Mal, wenn ich mich mit einem vollen Tablett an seinem Tisch hatte vorbeischlängeln müssen, trafen sich unsere Blicke und er hielt meinen fest. Reid hatte mich immer eine Sekunde zu lang taxiert. Da war stets dieses eigentümliche Funkeln in seinen Augen gewesen und mein Puls hatte jedes Mal zu rasen begonnen. Genau wie jetzt. Unfähig, mich abzuwenden, unterzog ich Reid einer raschen Musterung. Er sah unverschämt gut aus. Bei Tageslicht vielleicht sogar noch eindrucksvoller als im schummrigen Licht des Pubs. Sein dunkles, leicht verstrubbeltes Haar fiel ihm in die Stirn, was ihm einen lässigen und fast dramatischen Look verlieh. Er trug einen Wollpulli, darüber ein perfekt sitzendes Jackett und einen grauen dicken Schal, der elegant um den Hals gewickelt war.
Oh, liebes Schicksal, warum hältst du mir diesen Mann immer wieder vor die Nase?
Und ich war anscheinend nicht die Einzige, die ihn anstarrte. Er zog die Blicke aller Frauen auf dem Markt auf sich und er wusste es. Ich erkannte es an der Art, wie er sich mit den Fingern durch das dunkle Haar fuhr. Wie er lächelte, um dieses Grübchen zum Vorschein zu bringen. Oh ja, der Mann wusste genau, wie umwerfend er aussah.
Bevor er mich noch entdeckte, wandte ich meine Aufmerksamkeit rasch einem Stand zu, an dem gebundene Blumensträuße verkauft wurden. In meinem Outfit, das die Worte bequem und alt nur so schrie, wollte ich ihm nicht unter die Augen treten. Auch wenn ich von Männern wie ihm nichts hielt, musste er mich ja nicht unbedingt so zu Gesicht bekommen.
Da ich mich für keinen der Sträuße erwärmen konnte, strebte ich den nächsten Marktstand an. Auf einmal schien der frische Wind durch jede einzelne Ritze meiner Strickjacke zu dringen. Zum Glück hatte ich in wenigen Minuten meine Einkäufe zusammen. Der Weidenkorb in meiner Hand wog eine gefühlte Tonne, als ich bereit war, den Heimweg anzutreten.
»Hey!« Jemand tippte mich auf die Schulter.
Ich blieb stehen und fand mich überraschend Mr Arrogant gegenüber. Einen winzigen Augenblick lang fehlten mir die Worte. Ich war nicht darauf gefasst gewesen, ihn plötzlich vor mir zu haben. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Obwohl ich mit meinem knappen ein Meter achtundsechzig nicht gerade klein war, überragte er mich um mindestens einen Kopf. »Ach, schau an!« Ich räusperte mich. »Was machst du hier?« Sehr witzig, Tamlyn. Ist ja nicht so, als hättest du ihn nicht schon längst bemerkt.
Seine Augen funkelten spitzbübisch, als wüsste er, dass ich ihm etwas vormachte. »Live und in Farbe. Tamlyn, richtig?«
Ich nickte. »Reid, wenn ich mich recht erinnere?« Dann verließ mich zu meinem Entsetzen meine Schlagfertigkeit. Vergebens überlegte ich, was ich zu ihm sagen könnte und sich halbwegs intelligent anhören würde. Anders als ich es normalerweise gewohnt war, herrschte auf einmal gähnende Leere in meinem Kopf.
Ich ärgerte mich angesichts meiner mangelnden Eloquenz, aber neben seiner attraktiven Erscheinung fühlte ich mich in der ausgeleierten Strickjacke, die mir fast bis zu den Knien reichte, und meinem eilig zu einem Knoten hochgesteckten Haar ein bisschen schäbig. Was sich offensichtlich auf meinen Wortschatz auswirkte. Mit der freien Hand strich ich mir eine Strähne hinters Ohr, die mir der Wind ins Gesicht geblasen hatte, und öffnete meinen Mund, um etwas zu sagen.
Reid kam mir zuvor. »Ich hab dich die letzten Tage im Pub vermisst.«
Ein spöttisches Lächeln kräuselte meine Lippen. Mr Arrogant hatte in den Charme-Modus gewechselt. Sicher sagte er etwas Ähnliches zu allen Frauen. Er flirtete gern. Aber mit dieser Masche biss er bei mir auf Granit. »Tatsächlich?« Herausfordernd funkelte ich ihn an. »Aber ich kann es ehrlich gesagt verstehen.«
»Ach ja?« Eine dunkle Braue wanderte nach oben.
»Nun ja.« Ich zuckte mit der Schulter. »Ich bin ein ziemlich unentbehrlicher Teil des Flying Duck. Ohne mich läuft dort praktisch nichts. Der Pub wird zur sprichwörtlichen Wüste, wenn ich nicht da bin.«
Ich rechnete damit, dass er über meine Aussage lachen würde, aber stattdessen studierte er nachdenklich mein Gesicht. Er hörte nicht auf, mich anzusehen, und mir wurde auf einmal seltsam heiß.
