Das goldene Kalb -  - E-Book

Das goldene Kalb E-Book

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Beschreibung

"Esst weniger Fleisch!" Die Aufforderung stammt nicht von einem Verfechter vegetarischer Küche, sondern vom Lungauer Metzger und Biobauern Hannes Hönegger. Seine Geschichte liest sich spannend. Schon im Alter von zwanzig arbeitete er im Umkreis des EU-Parlaments, dann zog es ihn ins Nachtleben von Berlin, auf einmal saß Hönegger statt in den tollsten Bars Berlins in einer Gefängniszelle. Eine Katharsis, nach der er sein Leben neu ausrichtete und sich nun als Lieferant von Kalb- und Rindfleisch bei einigen der besten Köche Österreichs und Deutschlands einen sehr guten Ruf erworben hat – darunter Ludwig Maurer oder Konstantin Filippou. Sie steuern dem Buch Rezepte und Geschichten bei. Dieses Buch ist ein Statement und ein Plädoyer für nachhaltige und intelligente Landwirtschaft. Mit Texten von Alexander Rabl und Fotografien von Joerg Lehmann.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Willkommen in meiner Welt!

Es war im Jahr 2012. Ich saß als rechtskräftig verurteilter Straftäter im Hochsicherheitsgefängnis Garsten. Eine meiner wenigen Verbindungen zur Außenwelt war ein Minifernseher. Ich zappte herum und blieb auf einmal hängen. Es war eine Doku, und sie sollte mein Leben verändern: „In 80 Steaks um die Welt“ von und mit Ludwig Maurer, damals nannten sie ihn schon den Rindfleisch-Papst.

Wenn man mir damals gesagt hätte, dass ich nicht einmal zehn Jahre später sechs der elf besten Köche Österreichs mit bestem Rind- und Kalbfleisch beliefern darf, hätte ich gelacht. Wenn man mir noch erzählt hätte, dass ich darüber hinaus die Möglichkeit bekommen würde, meine Gedanken zum Thema Landwirtschaft in einem Buch zu veröffentlichen, hätte ich mich am Boden zerkugelt. Im Ernst: Dass diese meine Gedanken vielleicht jemanden interessieren – ich hätte es nie für möglich gehalten.

Nun ist es so weit – das „Goldene Kalb“ ist gedruckt, und ich wünsche allen Leser*innen viel Vergnügen damit sowie ein paar aufschlussreiche Erkenntnisse. Es ist nicht bloß ein Buch, es ist eine Lebenseinstellung, ein Statement! Ich möchte mit dieser Einstellung und den damit verbundenen Tätigkeiten einen positiven Beitrag leisten in einer Zeit, in der man das Positive oft mit der Lupe suchen muss.

Eines ist mir klar: Meine Reise steht erst am Anfang, ich bin neugierig, was es im Jahr 2032 zu berichten gibt! Seid dabei, seid gespannt!

Hannes Hönegger

Tinisu heißt diese reinrassige Wagyū-Kuh. Einmal im Jahr bringt Tinisu ein Kalb zur Welt, auf der Weide, wie es sich für sie gehört. Das kleine Stierkalb darf die nächsten sechs Monate bei der Mutter verbringen. Wie es sich gehört.

INHALT

Willkommen in meiner Welt!

Mit den Hofkatzen aufstehenSchlachten am Tromörthof

Lungau – Brüssel – Berlin – LungauLebenslauf, Teil 1

Von der Gefängniszelle auf die AlmLebenslauf, Teil 2

Bio am LügendetektorZwischen Label und Wirklichkeit

Heimatgefühl, eine EnttäuschungIm Gespräch über „nachhaltig“ und „regional“

SchmerzbefreitVon Bänderriss bis Dauerkopfweh

Got Milk?Über Mutterkuhhaltung, Subventionen und Abgabemengen

Das Beste vom Kalb – Rezepte

Andreas Döllerer

Karotte im Nierenfett

Milchkalbsniere im Ganzen gebraten

Sepp Schellhorn

Gebackener Kalbskopf

Dominik Stolzer

Kalbsfilet Colbert mit Zwetschge

Andreas Hofmayer

Tagliolini „Androz Delicatez“

Stephan Kleinberger

Kalbstatar mit Limettenbrot

Richard Brunnauer

Tomahawk vom Kalb

Risa Nagahama

Donburi-Kalb

Roswitha Hönegger

Kalbsleberknödel

Patrick Pass

Vitello „Sumokumasu“ Ponzu

Clara Aue

Weizen-Sauerteig-Brot

Kalbsrahmbeuschel

Tommy Eder-Dananic

12-Stunden-Shortribs vom Milchkalb

Lucki Maurer

Kalbsherzbries

Willi Schlögl & Johannes Schellhorn

Kalbszungen-„Ceviche“ Freundschaft

Freund*innen und Wegbegleiter*innen

Christoph HofmayerDer Katschberg ruft

Toni KleinKryptonier aus Tamsweg

Roswitha ProdingerRoswitha Prodingers großes Herz

Niki KirchgasserObertauern brennt

Iris ZitzDer Liebe wegen

Abschließend

Blick nach vorne und Danksagung

Glossar:Österreichisches Deutsch

Mit den Hofkatzen aufstehen

Es ist kurz vor fünf und vor Anbruch der Dämmerung. Die Katzen am Tromörthof sind bereits auf den Beinen und wieseln aufgeregt durch die Gegend. Im winzigen Schlachtraum brennt Licht. Hannes Brugger, Hofmetzger bei Hannes Hönegger, trägt den weißen Overall und die Lederschürze, die Berufskleidung des Metzgers. Er und seine Arbeit sind der Grund für die Aufgewecktheit der Katzen. Hannes Brugger sagt: „Sie wissen, wenn geschlachtet wird. Das ist für sie ein Höhepunkt.“ Zwei Scheinwerfer nähern sich. Sie gehören zum Wagen des Bauern, der in einem kleinen Anhänger zwei drei Monate alte Kälber eingepackt hat. Jetzt geht alles ziemlich schnell. Der Bauer führt das erste Kalb in den Schlachtraum, bevor das Kalb die neue Umgebung registriert, es sieht ja schlecht, übernimmt Hannes mit beruhigender Stimme und zärtlicher Hand. Die zweite Hand greift zum Bolzenschussgerät. Ein knappes und kurzes Tak, wie wenn eine Haustür zuschlägt.

Eine der Hauskatzen wird vor dem Eingang zum blitzsauberen Mini-Schlachthaus der Höneggers in Kürze Position beziehen und laut hörbar miauen, während dem toten Kalb die Haut abgezogen wird. Was ist das Wichtigste an Hannes Bruggers Beruf, wann hat er seinen Job gut gemacht? Er überlegt nicht lange: „Wenn das Tier nichts gespürt hat.“ Wenn das Kalb nach dem Tak noch mit den Beinen zuckt, sind das die Reflexe der Nerven, vergleichbar dem Huhn, das noch auf dem Bauernhof herumläuft, obwohl man ihm den Kopf abgeschnitten hat. Hannes sagt: „Was würde die ganze Bio-Aufzucht nützen, wenn das Tier kurz vor dem Tod Stress hat.“ Die beiden Metzger Hannes und Hannes gehen mit kleinen, scharfen Messern an die Arbeit. Das Kalb hängt am Hinterbein an einem Haken, durch einen Schnitt am Hals fließt das warme Blut. Mit heißem Wasser wird nachgespült, überhaupt ist der Schlachtraum so sauber wie das Behandlungszimmer eines Zahnarztes. Präzise wie ein Chirurg schneiden die beiden durch die Haut, trennen Gelenke, bevor sie mit einem Handgriff Knochen brechen. Ansonsten ist es im Schlachtraum still, kein Radio läuft im Hintergrund und es wird kaum gesprochen. Das Schlachten als sakraler Prozess. Ein Akt der Demut gegenüber dem Leben und Sterben eines Tieres.

Die zweite Hand greift zum Bolzenschussgerät. Ein knappes und kurzes Tak, wie wenn eine Haustür zuschlägt.

Das Geräusch, das die kleinen, scharfen Messer machen, ist, wie wenn man Karton schneidet. Der Geruch im Schlachtraum ist zart milchig, ein wenig Blutaroma mischt sich darunter. Später, wenn es an die Eingeweide geht, wird das Kalb am Kopf aufgehängt und das Innere mit ein paar Schnitten freigelegt. Es dauert nicht länger als zehn Minuten, bis das Kalb komplett zerlegt ist und die Eingeweide an ihren Haken hängen. Die Lunge zuckt noch ein bisschen, und obwohl niemand Freude verspürt, wenn ein Tier stirbt, wecken die Niere in ihrem Fett, das Herz, das Kalbsbries und die Leber Gedanken daran, wie es sein muss, diese topfrischen Innereien in der Pfanne oder in einer Brühe zuzubereiten. Ein Schnitt, und die Luftröhre ist vom Gehänge, zu dem die Lunge gehört, getrennt. Hannes Brugger wirft sie den Katzen zu. Ein Festessen um 5 Uhr 30 morgens. Die Katzen kennen Hannes, der Metzger, von kräftiger Statur, ist für sie der gutmütige Riese vom Berg.

Ein weiteres Kalb und etwas mehr als eine halbe Stunde nachdem das erste Kalb durch Bolzenschuss starb, ist ein elf Monate alter Stier an der Reihe. Ein archaisch wirkendes Prachtexemplar – ein Nitsch-Gemälde, das nur ein paar Minuten zu sehen sein wird, bis auch der Kopf des Stiers neben seinen Eingeweiden am Haken hängen wird und sein Fleisch in die Kühlkammer wandert.

„Schon auf den ersten Blick erkennt der Metzger, was ein Rind wert ist. Er merkt es beim ersten Schnitt, am Fettgehalt, welche Kategorie, welche Reifung es braucht“, erklärt Hannes Brugger. Natürlich würde in den großen Schlachthöfen das Fleisch schnell gekühlt, lange reifen darf es aber nicht. Da würden die Kapazitäten an Kühlhäusern fehlen.

Die beiden Hannes arbeiten zügig. „Aus Innereien mache ich mir nicht viel“, erzählt Hannes Brugger, „höchstens mal ein Beuschel.“ Wie und warum entscheidet man sich für den Beruf des Metzgers, wenn man nicht aus einer Metzgerfamilie kommt? „Ich wollte schon mit zehn Jahren Metzger werden. Meine Verwandten haben alle studiert.“ Er, der in Zederhaus wohnt, etwa eine halbe Stunde von Tamsweg entfernt, an der Tauernautobahn, sei der einzige Handwerker in der Familie.

Der kleine Schlachthof, Anschaffungswert rund eine Million Euro, ist die Antithese zu den Großschlachthöfen, die auf Effizienz ausgerichtet sind. Hannes Hönegger moniert: „Dort gibt es die Schlachtstraßen, und jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter setzt einen und immer den gleichen Schnitt, andere betätigen nur noch Knöpfe, mit denen sie Knochensägen und andere Maschinen steuern.“ Am Tromörthof ist das Schlachten eines Tieres gleichermaßen schonende wie präzise Handarbeit, vergleichbar mit der Arbeit eines Maßschuhmachers. Hannes Hönegger erklärt einen beliebten Metzgerbrauch: „Dieses Gelenk teilt man an der Stelle ab, wo sich zwei Knochen befinden“, sagt er und deutet auf ein Gelenk im Hinterbein des Jungstiers. „Gleich dahinter aber befindet sich eine Stelle, an der man auch einschneiden kann, da sind es drei Knochen. Wer diese Stelle mit den drei Knochen erwischt, zahlt dem anderen eine Kiste Bier. Unser Biervorrat hier ist groß.“

Der Darminhalt des Jungstiers wird in die Schaufel eines kleinen Traktors abgefüllt, er dient später als Düngung auf den Feldern rund um den Hof der Familie Hönegger. „Optimale Qualität“, weiß Hannes Hönegger. Die Katzen knabbern an den letzten Resten Fleisch und Fett von den Häuten der Kälber und des Jungstiers. Für sie hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Kälber und Stier sind im Kühlhaus. Der gute Riese genehmigt sich ein Bier. Es ist 6 Uhr 30 am Morgen und über dem Tal geht langsam die Sonne auf.

Der Schlachtraum ist ein moderner Hochsicherheitstrakt der Hygiene und der Sauberkeit.

Lungau – Brüssel – Berlin – Lungau

Gerade hatte ich noch Champagner an der Bar des Grill Royal, und am nächsten Tag wache ich mit dem grausam schlechten Morgenkaffee im Gefängnis in Moabit auf. So erinnere ich mich an die Zeit in Berlin. Es war eine Achterbahnfahrt. Sie brachte mich in Höhen, dann in Tiefen, und als ich mit 300 unterwegs war, knallte ich gegen eine Wand. Aber vielleicht erzähle ich es besser der Reihe nach.

Ich wurde vor 37 Jahren im Lungau geboren, einer der beschaulichsten Regionen Salzburgs, wo man Industrie oder Massentourismus nur aus dem Fernsehen kennt. Meine Eltern waren beide jung (17), besuchten dieselbe Schulklasse. Das klingt jetzt schon wie eine Nachmittags-Fernsehserie – Sturm der Liebe im Lungau. Zum Drehbuch passend: Meine Großeltern entstammen einer Försterfamilie, der uneheliche Sohn muss daher wohl eher als Skandal gelten denn als Wunschkind. Dennoch war die Liebe des Förster-Opas und seiner Frau so groß, dass ich im Forsthaus meiner Großeltern eine sehr wohlbehütete Kindheit verbringen durfte. Meine Mutter widmete sich ihrem Studium, mein Vater war auf und davon, mittlerweile ist er, soweit ich weiß, Direktor eines Wiener Gymnasiums.

Ich kann mich an meine Kindheit nicht sehr gut erinnern. Aber alle Erinnerungen, die da immer wieder aufpoppen, sind positiv. Meine Großmutter war es, die meine Entwicklung am stärksten geprägt hat, eine intelligente, weltoffene Frau, die eine sehr leistungsorientierte Erziehung erfahren hatte, ich erinnere mich daher sehr gut an den Druck, den sie ausübte – sei es in der Schule oder beim Sport. Gut zu sein, an die Grenzen des Möglichen zu gehen, Ehrgeiz und das alles, das war immer wichtig für die Oma. Ich habe diesen Druck dann bald lieben gelernt – vielleicht ein Stockholm-Syndrom – und er ist die Grundlage meines heutigen Alltags. Wenn kein Druck von außen kommt, dann sorge ich selbst dafür, durch neue Ideen, neue Konzepte – und ihre sofortige Umsetzung. Wenn es heißt, dass manche Menschen unter Druck am besten funktionieren, dann bin ich sicher einer von diesen.

Wenn es heißt, dass manche Menschen unter Druck am besten funktionieren, dann bin ich sicher einer von diesen.

Mit Landwirtschaft hatte ich nie etwas am Hut. Obwohl mein Großvater aufgrund seines Försterberufs sehr viel mit Bauern zu tun hatte, interessierte ich mich keineswegs dafür. Es war damals, wie man so sagt, eine andere Welt für mich. Ich habe auch nie verstanden, warum denn der Lungau schöner sein sollte als andere Orte. Die Landschaft und ihre einnehmende Schönheit ließen mich gleichgültig. Das sollte sich zu einem späteren Lebenszeitpunkt ändern.

Meine frühe Schullaufbahn kann man als unspektakulär bezeichnen. In der Volksschule war ich sehr gut, etwas anderes wurde nicht erwartet. Mein Urgroßvater sagte einmal zu mir, ich war circa zehn Jahre, er sei sehr stolz auf mich. Immerhin sei ich blond und hätte blaue Augen sowie einen gesunden Körper. Turnvater Jahn lässt grüßen. Ich sei bereit, in seine Fußstapfen zu treten, so mein Urgroßvater, und wenn es nach ihm ginge, würde ich nach dem Gymnasium eine Lehre bei Volkswagen machen dürfen! Mit der Unterstufe im Gymnasium hat es noch locker geklappt. Danach wurde es schwierig, die eingeschlagene Laufbahn und das, worauf ich Lust hatte, waren verschiedene Dinge. Gerne wäre ich in eine Hotelfachschule gegangen, der Beruf des Kochs hat mich seit der Kindheit fasziniert. Aus der Hotelfachschule wurde die Handelsakademie – und die war eher das Horrorszenario unter meinen damaligen Vorstellungen! Vom Rechnungswesen-Unterricht habe ich noch 20 Jahre danach richtig Albträume. Interessant, dass viele Erwachsene die Sache mit dem Rechnen und der Mathematik in der Schule in ihren Träumen bis ins hohe Alter verfolgt. Im Nachhinein wundere ich mich, wie ich das alles durchgehalten habe, und ich wundere mich überhaupt nicht, dass ich die Handelsakademie zehn Monate vor der Matura abgebrochen habe. Es war wenige Tage nach meinem 18. Geburtstag, ich feierte die Volljährigkeit, indem ich die „Kündigung“ beim Direktor selbst unterschrieb. Nichts da mit dem Handelskaufmann Hönegger! Wie es bei vielen Abbrechern der Fall ist, bereute auch ich diesen Schritt viele Jahre später. Ich muss aber erkennen, dass es mir offenbar nie bestimmt war, einen einfachen, klassischen Weg zu gehen.

Aufgrund meiner alpinen Herkunft und der damit fest in der DNA verankerten Begeisterung für den alpinen Skisport war es wenig verwunderlich, dass ich bereits mit 14 parallel zur Schule als Skilehrer mein Taschengeld verdiente. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an einen Tag, der mein Leben verändern sollte. Es war ein kalter Wintertag, der Skischulleiter bestellte mich zu einer Unterrichtseinheit – eine Stunde Privatunterricht für einen deutschen Gast. Bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts Außergewöhnliches. Sehr nett, hochgebildet, ein Intellektueller, dachte ich nach der ersten gemeinsamen Liftfahrt. Wie es sich für einen Intellektuellen gehört, war er sportlich eher mäßig talentiert, was er aber durch sein Interesse an allem, was ich ihm so erzählte, ausglich. Er schien zu fühlen, dass ich mehr sein wollte als der Salzburger Sunnyboy-Skilehrer.

Und kurze Zeit später erwies sich der deutsche Gast mit dem mangelnden Skitalent als der Gesandte des Himmels, der mir den Ausgang zeigen würde. Damals trug ich noch Skischuhe und Skipulli, ein Jahr nach der ersten Ski-Privatstunde stand ich im Tommy-Hilfiger-Anzug im Lift des Europäischen Parlaments. Es ging nach oben. Eine Krawatte hatte ich mir auch gekauft, sie war knallorange. Binden konnte ich sie natürlich nicht, aber einer der vielen anderen Anzugträger im Lift hat es mir in aller Eile beigebracht. Auch anderes lernte ich schnell während meines Praktikums im EU-Parlament. Ich sah mich um, ich beobachtete. Dabei fiel ich nicht etwa durch schlampig gebundene Krawatten auf, sondern durch meinen weißen Brillenrand im Gesicht – üblich für Skilehrer und Personen, die im Winter viel in den Alpen unterwegs sind. Das EU-Parlament habe ich jedenfalls geliebt. Diese Weltoffenheit, das Schnelllebige, der Druck. Positiver Stress und hinter jeder Ecke neue Leute, neue Bekanntschaften, andere Sprachen.

Elf Jahre genoss Hannes das Tempo und die Vibes der deutschen Hauptstadt, die nie schläft.

Und offenbar hatte ich dank einer gewissen schnellen Auffassungsgabe durchaus das Zeug zu einer Bilderbuchkarriere. Denn kurze Zeit nach meinem Antritt als Praktikant war ich sogar Generalsekretär für Tourismus in der Europäischen Wirtschaftskammer. Nicht dass diesen Job niemand hätte haben wollen. Doch sollte mein Leben wohl anders verlaufen. Es waren und sind immer besondere Menschen, die mich dazu bewegen, die Weichen anders zu stellen oder kurz auch mal die Fahrtrichtung zu wechseln.

Tätowiert, muskulös, gutaussehend – so kann ich den damals 21-jährigen Berliner beschreiben, wie er eines Tages vor mir stand. Er war der Doorman zu einer Welt, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte. Berlin also. Ich habe es vom ersten Tag an geliebt, außerdem war ich neugierig, was der Kerl so treibt. Wie sich kurze Zeit später herausstellte, war er zu diesem Zeitpunkt nichts weniger als der König des Berliner Nachtlebens. Nach nur wenigen Wochen unseres Kennenlernens war ich der „Generalsekretär“ des Berliner Nachtlebenkönigs. Vom Tourismus in die Berliner Halbwelt. Was soll ich darüber berichten? Die Dinge, die ich in dieser Zeit erlebt habe, sind selbst für mich einige Jahre danach so surreal, dass ich sie nicht erzählen möchte.

Neun Jahre später, nach sechsmonatiger U-Haft in der Justizvollzugsanstalt Moabit in Berlin, saß ich im Gerichtssaal, in Handschellen, begleitet von einem renommierten Berliner Verteidiger. Die Vorwürfe auf meiner Anklageschrift füllten gleich vier Zeilen an Paragrafen (Schriftgröße 12, wohlgemerkt). Neben dem Richter waren da noch die Staatsanwältin, Gerichtsschreiber*innen und zahlreiche Medienvertreter*innen. Im Publikum saß niemand, außer meiner Mutter, die damals studieren ging, ausgerechnet Mathematik, und ihrem mittlerweile neuen Lebensgefährten – ein bodenständiger Bergbauer aus dem Lungau. Die Tatsache, dass die Mutter nach Berlin zu meinem Prozess gekommen war, prägt mein Leben bis heute, und ich kann sagen, dass ihre Anwesenheit an diesem für mein Leben so entscheidenden Tag ausschlaggebend dafür war, dass ich mich später für die Rückkehr in die Heimat entschied.

Zwei Sätze aus meinem Leben in der Berliner Halbwelt sind mir geblieben, die ich dem Leser, der Leserin nicht vorenthalten will, weil sie philosophische Anleitungen für ein gelungenes Leben sind, zumindest nach meiner Vorstellung:

„Wenn du der König des Dschungels sein willst, reicht es nicht aus, sich wie ein König zu benehmen. Du musst der König sein, und es darf keine Zweifel daran geben. Zweifel führen zu Chaos und zum eigenen Untergang.“

„Angst ist ein Dieb, weil sie uns beraubt, bevor wir begonnen haben.“

Ich versuche, jeden Tag nach diesen Prinzipien zu leben. Dinge knallhart und unbeirrt durchzuziehen und keine Angst vor jemandem oder etwas zu haben, außer wenn eine Kuh Probleme beim Kalben hat. Ob diese radikale Einstellung die richtige ist, ob am Ende etwas Gutes dabei herauskommt, weiß ich nicht. Trotzdem werde ich ihr treu bleiben.

„Wenn du der König des Dschungels sein willst, reicht es nicht aus, sich wie ein König zu benehmen. Du musst der König sein, und es darf keine Zweifel daran geben. Zweifel führen zu Chaos und zum eigenen Untergang.“

Nach der zweieinhalbjährigen Haft in Hochsicherheitsgefängnissen kam der Tag der Entlassung. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, ich musste auf dem Heimweg vom Gefängnis – mein Opa holte mich ab – kurz halten, es war eine Stelle am Anfang des Tauernpasses, wo neben der Straße ein kleiner Gebirgsbach fließt. An diesem Ort verweilte ich für mehrere Stunden und genoss die Geräusche, den Geruch der Natur – einfach alles. Ich war zurück im Leben, am Beginn eines neuen Lebens. Die Zeit in Berlin, vor allem die Zeit im Gefängnis, hatte mich die Liebe gelehrt, die Liebe zur Natur und zu allem, was mit den Bergen verbunden ist. Mein Stiefvater, der damals meinetwegen nach Berlin geflogen war, brachte mir das Thema Landwirtschaft näher. Ich gebe aber zu: Einiges habe ich – mit meinem Blick von außen – nicht verstanden. Ich verstehe es heute noch nicht!

Von der Gefängniszelle auf die Alm

Klar habe ich aus meiner Zeit im Gefängnis viel gelernt. Zum einen musste ich schnell verstehen, dass die Sache mit dem König nur in der freien Wildbahn funktioniert. Auch hinter Gefängnismauern gibt es Hierarchien. Alles andere, vor allem das Zwischenmenschliche, wie man es aus Filmen wie „Flucht von Alcatraz“ kennt, stimmt natürlich auch. Was ich, auch wenn es komisch klingt, im Gefängnis gelernt habe, ist, Empathie für Schwächere und die ganz Schwachen zu entwickeln. Das lag mir wohl in den Genen und hatte mir früher bei so mancher Rauferei das eine oder andere blaue Auge beschert.

Jetzt habe ich das glücklicherweise schon einige Zeit hinter mir und begreife: Empathie für Schwächere bedeutet aber auch in der Landwirtschaft, genau hinzuschauen. Wenn ich mir die Haltung von Tieren, nicht nur in Europa, anschaue, sehe ich wenig Unterschied zwischen Gefängnissen und den Ställen, in denen Schweine, Rinder, Kälber, Hühner oder Gänse dahinvegetieren, bevor sie durch Tötung von ihrem Leben erlöst werden. Doch wir im Gefängnis hatten deutlich mehr Komfort und Rechte. Der andere große Unterschied ist, dass die Insassen im Gefängnis meist aus eigener Schuld dorthin geraten sind, aber was haben Kälber, Schweine und Hühner eigentlich verbrochen, dass man sie so behandelt? Für mich als Landwirt kommt nur Bio-Landwirtschaft mit dem größtmöglichen Respekt für Lebewesen in Frage. Wir Menschen besitzen nicht das Recht, Tiere in Gefängnisse zu sperren.

Mit diesem Blick beginnen die Tiere auf dem Tromörthof ihren Tag.

Warum ich eigentlich im Gefängnis gelandet war, habe ich mich nie gefragt, denn ich wusste es ohnehin. Natürlich hatte ich niemanden umgebracht, aber ich hatte vielen Menschen, wenn auch nicht aus böser Absicht, geschadet. Bald nachdem ich meine Gefängniszelle bezogen hatte, begannen mich Gewissensbisse zu quälen. Wir haben in der Halbwelt zu keinem Zeitpunkt bewusst Menschen geschädigt, wir befanden uns in einer Grauzone zwischen Recht und Unrecht, in einer Zone, in der Orientierung offensichtlich so schwer fällt wie auf dem Wasser, wenn sich Nebel ausbreitet und der Kompass ausfällt. Heute ist mir bewusst, dass nicht immer alles an meinem Verhalten richtig war.

Es ist wichtig, dass du den Menschen, die du liebst, die dir am nächsten sind, etwas über dein Vergnügen, deine Freude und deine Genüsse beibringst, ihnen zeigst, wofür du brennst.

Vieles tut mir leid. So leid, dass ich seit Jahren darüber nachdenke, wie man es wiedergutmachen kann. Mein Gewissen fragt mich regelmäßig: Was wirst du tun, um das alles wiedergutzumachen? Wie wirst du zu einer besseren Welt beitragen? Da fiel mir gleich zu Beginn das Übliche ein: Geld spenden, in der Freizeit für Hilfsorganisationen arbeiten oder, noch besser, selbst eine Hilfsorganisation gründen. Selbstverständlich wird nachhaltig konsumiert und so der ökologische Fußabdruck verkleinert. Alles nicht schlecht, jedoch auch nicht besonders originell und vielleicht ja auch ein wenig alibihaft!