Das große Hochstapeln - Michael Waldek - E-Book

Das große Hochstapeln E-Book

Michael Waldek

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Beschreibung

Die schwere Leichtigkeit des Bauleiterseins wird im historischen Kontext zu einer Sternstunde der Menschheit. Eine fiktive und absurde Geschichte, satirisch aufbereitet. Bissige Parallelen zur Jetztzeit mit ihrer unüberschaubaren Anzahl an Bauvorschriften und sonstigen Rechtsmaterien führen uns vor Augen, mit welchen Problemen Bauherren und Ausführende zu kämpfen haben. Der Autor versteht es, diese Schwierigkeiten mit Ironie und "Augenzwinkern" in einer famosen und fantastischen Geschichte über den Bau eines der beeindruckenden Bauwerke der Antike darzustellen, in der manche göttliche Eingebung "wie im Schlaf" erfolgt. Fiktive Ereignisse werden mit tatsächlichen Persönlichkeiten und historischen Ereignissen zu einer Geschichte verwoben, die uns staunend völlig neue Zusammenhänge erklärt.

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Seitenzahl: 574

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 4

Das Buch 5

1. Kapitel 9

2. Kapitel 16

3. Kapitel 27

4. Kapitel 38

5. Kapitel 49

6. Kapitel 54

7. Kapitel 60

8. Kapitel 64

9. Kapitel 68

10. Kapitel 74

11. Kapitel 80

12. Kapitel 84

13. Kapitel 91

14. Kapitel 96

15. Kapitel 101

16. Kapitel 105

17. Kapitel 110

18. Kapitel 116

19. Kapitel 119

20. Kapitel 129

21. Kapitel 134

22. Kapitel 139

23. Kapitel 145

24. Kapitel 155

25. Kapitel 158

26. Kapitel 165

27. Kapitel 172

28. Kapitel 175

29. Kapitel 182

30. Kapitel 187

31. Kapitel 191

32. Kapitel 196

33. Kapitel 204

34. Kapitel 208

35. Kapitel 214

36. Kapitel 222

37. Kapitel 227

38. Kapitel 236

39. Kapitel 245

40. Kapitel 253

41. Kapitel 258

42. Kapitel 262

43. Kapitel 269

44. Kapitel 274

45. Kapitel 289

46. Kapitel 296

47. Kapitel 300

48. Kapitel 309

49. Kapitel 313

50. Kapitel 317

51. Kapitel 327

52. Kapitel 330

53. Kapitel 336

54. Kapitel 342

55. Kapitel 346

20 Zyklen später 353

56. Kapitel 354

57. Kapitel 359

58. Kapitel 366

59. Kapitel 375

60. Kapitel 383

61. Kapitel 395

62. Kapitel 398

63. Kapitel 407

64. Kapitel 419

65. Kapitel 433

Anmerkungen und Quellen 439

Und jetzt mal im Ernst 441

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-702-2

ISBN e-book: 978-3-99107-703-9

Lektorat: Leon Haußmann

Umschlagfoto: Stefan Waldek, Leipzig; Umschlagkarikatur: Fadi Esper, Berlin

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Karikaturen innen: Fadi Esper, Berlin

www.novumverlag.com

Das Buch

Die Cheopspyramide ist ein Hammer, selbst in ihrem heutigen Zustand. Wenn man beruflich im Bauwesen involviert ist, vor diesem Monumentalbauwerk im ägyptischen Gizeh steht und Gelegenheit hat, in die inneren Gänge und Räume zu gelangen, überkommt einen dieses unbeschreibliche Gefühl von staunender Demut. Man reibt sich die Augen und erfasst ergriffen, was nachhaltiges Bauen nun wirklich bedeutet.

So ist eine fiktive und absurde Geschichte entstanden, die in der Zeit des Baues dieser großen ägyptischen Pyramide spielt. Ich selbst sollte in der Geschichte der leibhaftige Bauleiter dieses hoch und steil aufgestapelten Monuments sein. Ich hatte Lust darauf, den Leser in diese Sternstunde der Menschheit, satirisch aufgearbeitet eintauchen zu lassen und durch die Erzählung, treffende Vergleiche und auch bissige Parallelen zum heutigen Bauen mit staatstragenden Auftraggebern aufzuzeigen.

Ich bin schon sehr lange als Architektenbauleiter auf Groß-und Kleinbaustellen tätig. Ich weiß also, über was ich schreibe. So hat sich über die Jahre in mir eine Hassliebe zu meinem Beruf aufgebaut. Insofern kommt der Spott in meinem Roman von ganzem Herzen. Man erliest sich schnell mein Schreibvergnügen, denn ich hatte Spaß am Herrgott-Spielen.

Bevor ich mit dem Schreiben dieser Erzählung begann, habe ich mich über allgemein gültige Leitlinien für Autoren erkundigt. So fand ich bei Henryk M. Broder einen bemerkenswerten Satz. „Ein Autor sollte Herz, Leidensdruck, Fantasie und Distanz zu sich selbst haben“ (1). Das sind große Worte, fand ich, und begann, meine Talentansätze auf mögliche Übereinstimmungen zu überprüfen.

Herz hatte und habe ich. Leidensdruck, nun ja, nicht wirklich. Fantasie hatte und habe ich auf jeden Fall. Doch Distanz zu mir selbst zu haben, war unmöglich. Nicht so richtig viel Übereinstimmung zu finden, dachte ich mir. Immerhin konnte ich mir Herz und Fantasie bescheinigen und begann loszuschreiben.

Wir tauchen also ein in die Zeit der Herrschaft des Pharao Cheops. Es ist die früheste der klassischen Perioden des alten Ägypten, die Geschichte spielt im alten Reich.

Der gelbliche Sand der ägyptischen Wüste ist durchwoben von Brocken aus Kalkstein, die millionenjahrelang der Wind, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht aus dem gewachsenen Fels geschlagen haben. Hier regnet es kaum. Die Brocken bleiben somit ungeschliffen. In der Nähe der Nil, ein großer und breiter Fluss. Der speist sich aus den Monsunregen im fernen Äthiopien im Jahrestakt im Mai und im Juni, wächst zu einem riesigen Strom und bringt seit ewiger Zeit fruchtbaren Nilschlamm. Wir befinden uns an einem Punkt des Flusslaufes, dort, wo die Wassermassen des Nils beginnen, sich zu einem mächtigen Delta zu spreizen. Das ist der Ort meiner Geschichte.

Die Tektonik und das Klima unseres Planeten veränderten im Laufe der Jahrmillionen den Ort unserer Handlung. Nicht immer war es hier trocken und heiß. Es entwickeln sich Pflanzen, es siedeln sich Tiere und schließlich Menschen an. Die Menschen verdanken ihre Existenz und ihre Kultur dem großen Fluss, den sie gottgleich verehren. Die ersten menschlichen Siedlungen sind an diesem Ort in der vordynastischen Zeit vor ca. 6 800 Jahren nachgewiesen. Danach bildeten sich, je nach mythologischem Entwicklungsstand des Kulturareals, Herrscherperioden heraus, die in der Ägyptologie als Dynastien des alten Reiches beschrieben werden. Die 4. Dynastie (2620 bis 2500 v. Chr.) wurde von Snofru gegründet. In einer Zeitspanne von etwa 120 Jahren wechselten sich sieben Könige ab, von denen die vier Könige Snofru, Cheops, Chephren und Mykerinos eine relativ lange Regierungszeit zwischen 18 und 30 Jahren ausübten. Diese Dynastie war eine Blütezeit Ägyptens und bleibt der Nachwelt durch die größten jemals in Ägypten errichteten Pyramiden in Erinnerung. So lernen wir es in der Schule, so jedenfalls die Mitteilungen der Wissenschaft der Ägyptologie und so oder ähnlich kann man die geschichtlichen Vorgänge im alten Ägypten durch vielfältige Quellen recherchieren.

Genau das ist die Zeit meiner Geschichte, die Zeit des Baues der großen Pyramide des Pharaos Cheops.

Ich lasse den Leser an den Planungen, an den Ausschreibungen und an der Realisierung dieses herrlichen Polyeders, dem rätselhaftesten Bauwerk der Menschheitsgeschichte, teilhaben. Wohl gemerkt, satirisch und mit Augenzwinkern aufgearbeitet. Ich lasse in den folgenden Kapiteln miterleben, welchen objektiven und subjektiven Konflikten die Projektbeteiligten ausgesetzt sind, wie die Verantwortlichen ringen, dem Pharao das gewünschte Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Dabei wird nicht unterlassen zu beschreiben, unter welchem persönlichen Druck die Protagonisten der Geschichte ihr privates Leben dem großen Ziel unterordnen und sich voll und ganz in den Dienst des Bauherrn stellen. Dies allerdings durchaus manchmal nicht ganz selbstlos.

Ich wünsche nun Freude beim Lesen. Kommen sie mit in die Welt, der schweren Leichtigkeit des Bauleiterseins.

Der Autor

Ein Dankeschön an

Fadi Esper für die Karikaturen

Stefan Waldek für die Covergestaltung

Heike Wehrmann-Ernst für eine freundlich kritische Beratung

an Gunter, Ludwig, Harald, Ines, Antje

und besonders an Regine

1. Kapitel

Aufregung im Sekretariat der Bauabteilung

Die stetige Ost-West-Passage des Sonnengottes Re am Himmelsfirmament zeigt an, dass es später Vormittag ist. Es herrscht Windstille. Das Leben in Memphis nimmt seinen gewohnten Lauf. Die aufkommende Mittagshitze beginnt sich in der Hauptstadt durchzusetzen. Traditionell beginnen die Menschen jetzt, ihren Lebensrhythmus runterzufahren. Sie suchen schattige Plätze und bereiten ihr Mittagsschläfchen vor. Das Geschäftsleben kommt zur Ruhe. Nicht so im Sekretariat der Bauabteilung. Hier wird heute aufgeregt und hitzig debattiert. Eine Depesche, mit einem schon lange angekündigten Gutachten zum statischen Zustand der Djoser Pyramide, ist soeben aus Sakkara eingetroffen. Das Gutachten soll Dr. Djosi-Meter erstellt haben, ein gefürchteter, aber dennoch anerkannter Experte für Tragwerkzustände. Die Chefsekretärin der Bauabteilung wirft einen flüchtigen Blick in das Dokument und kann nicht glauben, was da niedergeschrieben steht.

Die Bauabteilung ist untergebracht in einem modernen Geschäftshaus direkt an der Zufahrtsstraße aus Richtung Gizeh. Ein vergoldetes Firmenschild ziert unübersehbar den Gebäudeeingang. Es dient als Wegweiser für die Besucher und informiert über die Sprechzeiten der Baufachleute. Ursprünglich war beabsichtigt, dass der Partnerarchitekt der Bauabteilung sich mit seinen Mitarbeitern im gleichen Geschäftshaus einmietet. Damit wären die Kommunikationswege der Baufachleute auf das geringste Maß verkürzt. Der Architekt hatte aber abgelehnt und es vorgezogen, ein Büro in einem ruhigeren Stadtteil, am Rande der Großstadt gelegen, zu beziehen. Dort ist dem ebenerdigen Büro ein großer Garten zugeordnet. Diese Direktbeziehung zur Natur ist dem Planer wichtig. Er findet im Garten den für Architekten so wichtigen entspannenden Freiraum zum Ordnen seiner Gedanken. Hier entstehen die Skizzen, hier bestimmen Kopf und Hand die tragenden Hauptlinien seiner Bauentwürfe. Blumenrabatte, ob künstlich angelegt oder wild gewachsen, und die wunderschönen Schmetterlinge seines Gartens inspirieren seine Farbkonzepte. Er weiß, dass sich die Natur nicht irrt. Biologischer Obstanbau wurde bereits vom Vormieter angelegt, der das Angebot des in der Nähe befindlichen Kaufmannladens an Qualität bei weitem übertrifft. Die Inanspruchnahme dieses Füllhorns der Natur ist für seine Angestellten sogar dienstrechtlich geregelt, denn der Architekt ist sich sicher, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Flaschengeist gären kann. Von unschätzbarem Wert ist, dass in seinem Garten ideale Auslaufmöglichkeiten für seinen Hund und für seine Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Bewusst wählte er für sein Büro ein Gebäude mit einem begehbaren Flachdach. So kann er mit seinen Mitarbeitern in festgelegten Intervallen Körperertüchtigung mittels Dachterrassensport betreiben.

Diese großartigen Arbeitsbedingungen können die Räume des Baubüros der Bauleitung nicht bieten. Sie liegen an einer lauten staubigen Hauptstraße. Dafür sind sie aber hell, ausreichend in der Fläche geschnitten und großzügig ausgestattet. Moderne Zu- und Abluftöffnungen sind in den Böden und Decken der Büroräume eingelassen. Ein auf dem Dach des Geschäftshauses befindlicher Luftturm bringt die Sogöffnungen in den Räumen klimatechnisch relevant in die Funktion. Raffiniert angeordnete Klappensysteme in den Öffnungen sind über eine zentrale Handsteuerung je nach Bedarf bedienbar. Die Kollegen der Haustechnik bezeichnen derartige Anlagen als Anlagen der Gebäudeleittechnik und versicherten der Bauleitung, dass sie dem neusten Stand der Technik entsprechen. Somit wird ein steter Luftumschlag erzeugt, der die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter in der Hitze des Tages erträglich macht. Ein Grund, den Kollegen der Haustechnik auch einmal dankbar zu sein.

Im Mietbereich der Bauabteilung befinden sich das Arbeitszimmer des Projektleiters, das Arbeitszimmer des Bauleiters, ein Sekretariat mit zwei Arbeitsplätzen, ein größerer Raum mit sechs Arbeitsplätzen für technische Mitarbeiter und Praktikanten, eine Plankammer mit Archiv, eine Besenkammer mit Besen, eine Teeküche für die Zubereitung von Kaffee und ein Besprechungsraum. Im Flur des Geschäftsbereiches ist das Terrarium mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmeldeleguan in Deckennähe untergebracht. Diese Tiere sind besonders geeignet, für die Zwecke des vorbeugenden Brandschutzes eingesetzt zu werden. Von Natur aus sind sie mit einem hochsensiblen Geruchssinn ausgestattet und sie sind trainiert, schon bei geringster Rauchentwicklung durchdringend quäkende Laute auszustoßen. Die Bauabteilung ist ein Konstrukt des Amtes für Städtebauangelegenheiten, welches im zentralen Pharaopalast der Hauptstadt die Fäden für Regierungs- und Sonderbauten in der Hand hält. Der Amtsleiter, ein erfahrener Wesir am Hofe des Cheops, hat den Architekten und den Projektleiter direkt berufen. Diese wiederum haben sich nach ihren eigenen Vorstellungen eine Mannschaft zusammengestellt, die die großen Projektherausforderungen stemmen kann.

Große Aufregung herrscht also im Sekretariat der Bauabteilung. Die Chefsekretärin Frau Notvertrete mahnt zur Ruhe und Besonnenheit. „Es macht keinen Sinn, sich über das Gutachten von Dr. Djosi-Meter zu echauffieren. Eigentlich kommt es genau zum richtigen Zeitpunkt“, beschwört die Chefin des Büros die verunsicherten Mitarbeiter. „Es ist in der Welt und basta, machen wir das Beste draus. Wir wissen jetzt, wie wir es nicht machen sollen“, so die entschiedene Ansage von Frau Notvertrete. Die Chefsekretärin wurde in einem aufwendigen Bewerbungsverfahren vom Projektleiter persönlich ausgewählt. Die Kriterien, die die Verfahrensteilnehmerinnen zu erfüllen hatten, waren höchst anspruchsvoll. Frau Notvertrete erfüllte diese Kriterien und wurde sofort eingestellt. Zum einen war ihre fachliche Eignung zur Besetzung der Stelle einer Büroleiterin herausragend und zum andern überzeugte sie durch ihre unglaublich feminine Ausstrahlung. Sie ist eine schöne Frau mittleren Alters, mit selbstbewusster Körpersprache und resoluter Stimme. Die Idealbesetzung schlechthin für männliche Führungskader, die Wert auf fachliche Kompetenz, Jovialität und weibliche Sinnlichkeit legen.

Frau Notvertrete ist verheiratet. Ihren Mann hat sie schon früh während ihrer Ausbildung an der Fachschule für gute Büroorganisation kennengelernt und lebt mit ihm kinderlos und bescheiden in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. In ihrer knapp bemessenen Freizeit widmet sie sich der Beschaffung modischer Kleidung, dazu passendem Schmuck und angesagter Kosmetik. Ganz besonders liebt sie das Backen. Auch für diese Fähigkeit genießt sie in der gesamten Bauabteilung höchste Anerkennung. Kostproben ihres Backschaffens bringt sie in regelmäßigen Abständen mit ins Büro und stellt diese den Mitarbeitern zum Verzehr zur Verfügung. Besonders ihre Plätzchen sind von herausragender Qualität und verhelfen so, wenn sie den Geschäftspartnern angeboten werden, mancher Geschäftsbesprechung zum Erfolg. Die Mitarbeiter haben sich etwas beruhigt. Frau Notvertrete nimmt sich nun den Punkt der Zusammenfassung des Gutachtens vor und resümiert vor den Kollegen der Bauabteilung: „Die Kalksteinstruktur des Tragwerks der Djoser Pyramide ist miserabel, schlecht gebaut und schlampig überwacht“. Frau Notvertrete schaut vom Text auf und betont mit ihrer Mimik das ungeheuerlich Geschriebene. „Das ist dort tatsächlich formuliert. Den Baumeister Imhotep nennt der Gutachter in seinem Text sogar einen Imho-Depp!“ Wieder lässt sie den Text sinken. Betroffenheit macht sich breit. „Dieser Wortwitz sollte besser nicht an die Öffentlichkeit, denn das ägyptische Volk verehrt den Baumeister als Nationalhelden“, fügt die Chefsekretärin belehrend ein. Sie führt weiter aus, dass es lächerlich wäre, eine so kleine Pyramide, mit einer so läppischen Höhe von nur 118 und einer Grundfläche von 231 mal 208 Königsellen (2), als Stufenbauwerk auszubilden. Es wäre besser gewesen, eine scharfzügige, klar strukturierte Pyramide zu errichten. Erst dann wäre der Anspruch des Bauherrn berechtigt, ein Bauwerk erschaffen zu haben, welches nicht von dieser Welt ist. „Und was ist daraus geworden?“, fragt der Gutachter provozierend. Er antwortet im Gutachten: ein hässlicher abgestufter Steinhaufen, der mit Sicherheit spätestens in 4500 Jahren zu erodieren beginnen wird. Bei Weglassen des ganzen Firlefanzes mit den Basisbauten der Tempel, der Gräber für hohe Beamte und der Umfriedungsmauer wären die Mittel vorhanden gewesen, die Stabilität einer so kleinen Pyramide auch ohne Abstufung abzusichern. „Und dann unterschreibt Dr. Djosi-Meter noch mit freundlichen Grüßen!“ Entsetzt lässt Frau Notvertrete den Schmäh-Papyrus sinken, schaut in die Runde und ist sich sicher, dass dieses Gutachten in Fachkreisen hohe Wellen schlagen wird. Sie geht in das Dienstzimmer des Projektleiters und legt das Gutachten auf seinen Schreibtisch. Er ist derzeit unterwegs und sie kann sich in Ruhe der Überprüfung des Zustandes von Ordnung und Sauberkeit des Arbeitsbereiches ihres Chefs widmen und penibel kleinere Mängel korrigieren. Sie macht es gern, denn sie weiß, dass ihr Chef nicht die Zeit hat, auf den Tischen und in den Regalen Ordnung zu halten. Es ist gut, dass mit der Einstellung von Frau Notvertrete als Chefsekretärin eine Person in der Bauabteilung vorhanden ist, die trotz hoher und strenger Arbeitsanforderungen an die Belegschaft eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Sie ist beliebt und wird von allen Mitarbeitern verehrt. Das Wohlwollen ihres Chefs besitzt sie im besonderen Maße, denn es kommt schon mal vor, dass üppige Blumensträuße ihren Schreibtisch zieren, die ihr der Chef persönlich arrangiert hat. Meist ist im Strauß ein kleines Kärtchen mit sympathischen Widmungen an seine Sekretärin platziert. Sie dirigiert geschickt die alltäglichen Aufgeregtheiten, besänftigt und stachelt an, je nach Bedarf und Charakter des betreffenden Mitarbeiters. Besonders in resignativen Phasen des Büropersonals ist diese Frau unersetzlich. Ein Beispiel: Wenn es nicht mehr anders geht, dann nimmt sie eine große Kamelhaardecke und verdeckt damit die an der Wand befestigten Grundrisse, Ansichten und Schnitte des gigantischen Bauwerks. Es sind die Dimensionen und die beabsichtigte Bauart, die zu akuter Schlaflosigkeit, zu plötzlichen Schwindelgefühlen und Angstzuständen bei den Mitarbeitern führen. Frau Notvertrete weiß das. Sie nimmt dann die Decke und schon ist das bedrohlich Unvorstellbare für die ängstlichen Augen nicht mehr präsent.

Die Bauabteilung mit dem Kerngeschäft der Baustellenorganisation ist vom Bauherrn zum Zwecke der Umsetzung eines in der Menschheitsgeschichte einmaligen und unvorstellbaren Bauwerks installiert worden. Sie ist direkt dem Wesir für Städtebauangelegenheiten am Hofe des großen Pharaos unterstellt. Pharao Cheops will einen Riesenquader mit quadratischer Grundfläche in den Dimensionen 440 x 440 Königsellen (2) und einer Höhe von 280 Königsellen aus gebrochenem Kalkstein und zum Teil aus Granit in hochfeinem Zustand auf einem Hochplateau am Nilufer in der Umgebung von Gizeh errichten lassen. Wozu das Ganze? Das sagt er nicht. Es lässt sich nur ahnen, dass mit der gewaltigen Größe des Bauvorhabens eine Symbolik zur Größe des Pharaos manifestiert werden soll. Welche Funktion haben die Hohlräume und Gänge im Quader? Auch das sagt er nicht. Hierzu behält er sich noch Angaben vor. Das Bauvorhaben hat etwas Bedrohliches und es darf nicht scheitern.

2. Kapitel

Großer Kummer an einem herrlichen Ort

Ich habe am Nilufer einen Lieblingsplatz. Man ist dort allein und kann das Dahinfließen dieses herrlichen Wassers genießen. Heute habe ich mir eine Auszeit vom Berufsalltag genommen und besuche diesen wundervollen Ort. Die Wellen funkeln wie Diamanten, die im gleißenden Sonnenlicht prachtvolle und ständig wechselnde Farben annehmen. Kein Wunder, dass der Nil gottgleich verehrt wird. Es ist der Gott Nil Diamond, den die ägyptischen Bauern und Fischer anbeten. Reiche Fischvorkommen bevölkern den mächtigen Fluss und ernähren unzählige Fischerfamilien. Die Furcht vor wütenden Nilpferden oder von heimtückischen Krokodilen zerrissen zu werden, hält sich durch die bemerkenswerten Fischbestände in Grenzen. Berufsrisiko nennen die mutigen Fischer diesen Umstand und haben sich in der Regel gegen Berufsunfähigkeit gut versichert. Unzählige Vogelarten bevölkern die Ufer und die kleinen Inseln inmitten des Flusses. Wenn sie auffliegen, bewundere ich ihre majestätischen Flügelschwünge. Da oben, hoch in der Luft, muss ihre Freiheit grenzenlos sein, besingen bekannte Liedermacher die Flugfähigkeit dieser Tiere. Welche Schönheit, wenn sich ein Schwarm Schwäne im Landeanflug befindet. Welche sinnliche Romantik, wenn ein Schwan zu singen beginnt und die anderen Tiere dazu schweigen. Der Nil führt derzeit kein Hochwasser. Das Wasser ist heute klar. Die Pflanzen der Uferbereiche stehen im satten Grün und blühen in märchenhaften Farben. Sie verströmen betörende Düfte, die durch den leichten Wind in meinen Lieblingsplatz hineinwehen. Dieses göttliche Naturschauspiel ist das Paradies mit einem ausgewogenem ökologischem Gleichgewicht.

Doch ich habe Kummer und blicke traurig auf den Fluss. Ich denke an Schi Tot und dieses unangenehme mulmige Gefühl in der Magengegend ist wieder da. Sie ist vor ein paar Tagen Hals über Kopf abgereist, einfach abgereist, wie sie es nennt. Sie zieht es in den Süd-Sudan, zu den Völkern der Nubier, wie sie sagt. Die Nubier verlieren zwar die Kriege gegen uns und gelegentlich auch mal ein Länderspiel, entwickeln aber eine bemerkenswerte und beneidenswerte Kreativität, mit ihren Göttern in Frieden zu leben und einem menschenwürdigen Dasein eine hohe Priorität beizumessen. So jedenfalls steht es in der modernen Verfassung der Nubier, die mit einer lebensbejahenden Präambel beginnt: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren wir nicht bedürfen“. Damit sagen die Nubier aus philosophischer Perspektive eigentlich alles. Die würden nie auf die Idee kommen, große Steine aufeinander zu stapeln, um Ihre Eliten zu würdigen. Die haben dort keinen Cheops, der in seiner unergründlichen Weisheit Bauwerke in Auftrag gibt, die von niemandem verstanden werden. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben, dass es immer wieder Staatenlenker gibt, die ähnlichen Größenwahn ihrem Volk zumuten.

Es tut schon weh, dass Schi Tot nun nicht mehr in meiner Nähe ist. Was für Momente. Wie grandios und schmerzlich zugleich, diese unausgesprochene Liebe zu fühlen. Die Kraft zur Anstrengung des Abschiedes vor einer Woche ist das mit Freude Vereinbarte beim nochmal umdrehen. Sie sagt, dass sie zurückkommen werde und wir uns vielleicht wiedersehen. Auch wegen mir. Das ist das wärmende Feuer für den Tag und besonders für die Nacht. Ich weine nicht oft. Und dennoch laufen Tränen, wenn ich mich frage, welche Bedeutung ich dem Wort „vielleicht“ beimessen soll. Kennengelernt habe ich Schi Tot in einer kleinen Galerie im Künstlerviertel von Memphis. Das ist jetzt fast einen Sonnenzyklus (4) her. Eine Freundin von ihr gab eine Vernissage ihrer neusten Kollektion von Perlenstickereien. Ich bin zufällig vorbeigekommen, sah ein hübsch angerichtetes kleines Buffet und trat kunstinteressiert in die Ausstellungsräume. Ich lobte am Tresen den ersten Gesamteindruck der Kunstschau und erhielt problemlos kostenfrei erfrischende Getränke. Normal interessiere ich mich nicht für Perlenstickereien. An diesem Abend aber war das anders. Gerade stand ich vor einem abstrakten Schwarz-Weiß-Perlenarrangement eines kleinen dicken Vogels, als mich eine wunderschöne junge Frau antippte und mir von einem üppig gefüllten Tablett Speisehäppchen anbot. Ich war sofort verzaubert vom Anblick dieser Ausstellungshelferin und habe verlegen die Einnahme eines Snacks abgelehnt. Ihr schwarzes Haar, das Lächeln, ihr Antlitz und diese kleine rote Perlenblume an ihrer linken Schulter verdrehten mir sofort den Kopf. Um heiter zu wirken, zeigte ich auf den Vogel und fragte gespielt verlegen: „Ist der schwanger?“ Ein bisschen verdrehte sie ihre Augen und murmelte, oh nein, nicht schon wieder. Doch sie drehte sich nicht gleich weg. Offensichtlich ahnte sie, dass es mir besonders die kleine rote Perlenblume angetan hat und hielt mir nochmals das Häppchentablett hin. Die Blume hätte ihre Freundin kreiert und alle, die ihr bei der Vernissage aushelfen würden, trügen ähnliche Blumen. Sozusagen als lebende Bilderrahmen, um diese hübschen Anstecker zum Kauf anzubieten, erläuterte sie mir lachend. Tatsächlich trugen mehrere junge Frauen diese Perlenblumen und bewirteten dabei adrett die Gäste der Ausstellungseröffnung. Ich fand die Geschäftsidee überzeugend und ließ mich darauf ein. Keinesfalls wollte ich eine verlegene Pause entstehen lassen und fragte die junge Frau entschlossen nach dem Preis. Ich meine natürlich den Preis für die Blume, schob ich lustig gemeint hinterher. An ihrem Stirnrunzeln glaubte ich zu erkennen, dass in ihrem Sprachzentrum verächtlich die Wortkombination „Sprüche klopfender Witzbold“ produziert wurde. Aber laut aus ihrem Mund kam die Wortkombination nicht. Ich solle mich einen Moment gedulden, riet sie mir. Sie wolle sich bei ihrer Freundin nach dem Preis erkundigen, rief sie mir noch zu und verschwand im Besuchergedränge.

Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem kleinen schwangeren Vogel und übte mich in Körpersprache, so als würde Interesse an dem Kunstwerk bestehen. Übrigens unterschied sich die Körpersprache der meisten anderen Gäste nicht von der meinen. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich genau diese Szenerie. Es ist wie immer, genau so laufen die meisten Ausstellungseröffnungen ab. Die Gäste sind die eigentlichen Kunstwerke, der Rest ist Kulisse.

Tatsächlich kam die junge schöne Frau mit einer anderen Frau an der Hand nach kurzer Zeit auf mich zu. Wir machten uns flüchtig bekannt. Die andere Frau war die Kunstschaffende persönlich, die mir die Hand gab, sich erfreut über mein Kaufinteresse zeigte und den Preis nannte. Wupps, so kommentierte ich doch etwas erschrocken die Überdosis der genannten Höhe der Zahlungsmittel. Ich willigte aber schnell ein, da mein Interesse an dieser jungen schönen Helferin immer größer wurde. Außerdem wollte ich als „flüssig“ gelten. Ich bestand darauf, dass der Kauf der Brosche über Schi Tot in drei Tagen abgewickelt werden sollte. Den Namen kannte ich jetzt und fand ihn äußerst sympathisch. Auch erfuhr ich so, dass Schi Tot ebenfalls Künstlerin ist und ein paar Straßen weiter weg einen kleinen Kunsthandel betreibt. Drei Tage später hielt ich die rote Perlenblume in der Hand, drückte sie an mein Herz und spürte so die Wärme dieser herrlichen Frau. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich mir eingestehen, dass ich verliebt bin. Denn nie zuvor bin ich mit einer Perlenblume ins Bett gegangen. Mein Gutenachtkuss auf das Perlenarrangement sagt einiges.

Seither habe ich eine Beziehung zu Schi Tot, die ich als unvollendet bezeichnen würde. Sie ist eine souveräne Künstlerpersönlichkeit, stark und unabhängig. Die Beanspruchung dieses Freiraumes ist ihr Credo. Ich muss und will mich dem fügen, denn allein der Zustand der innigen Freundschaft zwischen uns beiden macht mich glücklich. Die Hoffnung, dass aus der Freundschaft eine leidenschaftliche Liebe wird, treibt mich täglich an und ist der Kraftquell all meines Denkens und Handelns. Doch nun ist sie plötzlich abgereist, einfach abgereist. Das macht mir Kummer, verzweifelten Kummer.

Plötzlich flatterten in der Nähe ein paar Wildgänse aufgeregt krächzend in die Luft. Offensichtlich hat sich ein Nilpferd zum Landgang entschlossen. Sehen kann ich das nicht. Ich muss mich deshalb konzentrieren und aufpassen, dass es zu keiner Konfrontation mit diesem Koloss kommt. Die Tiere sind auch an Land unberechenbar und können aggressiv werden. Ich muss mich jetzt auf den Erhalt meiner Existenz konzentrieren. Die Schwermut der Gedanken an Schi Tot verfliegt. Der Cheopswürfel dringt in meinen Kopf. Ich schüttle mich und stelle fest, dass kein Nilpferd die Lichtung betreten hat. Ich kann mich nun gedanklich wichtigen beruflichen Angelegenheiten widmen.

Es warEcht-Natron, der mich überzeugt hat, dieses Projekt engagiert anzunehmen. Ich soll für die Ausführung zuständig sein, als Bauleiter vor Ort. Das ist einerseits eine große Ehre, andererseits kann es bei Misslingen über ein Urteil des Bauherrn zum Tode führen. Echt-Natron lächelte mich beim Nennen dieser beiden Optionen mit verschmitzten Augen an. So ist er, mein Chef. Nur so kenne ich ihn. In seiner unverwechselbaren Art nennt er das Eintreten der tödlichen Option als den perfekten Zustand von Ruhe für Körper und Geist. Meistens ist Echt-Natron ein richtig cooler Typ, der in sich ruht. Doch nicht immer. Wenn hausgemachte Probleme auftauchen und seine Geduld strapazieren, dann kann er plötzlich sehr aufbrausend agieren. Dann ist er – echt wie Natron. Das müssen seine Eltern bei der Namensgebung wohl geahnt haben.

Ich kenne diesen Baustellenfuchs seit vielen Jahren. Gemeinsam haben wir bei der Sanierung der Fundamente des Leuchtturms von Alexandria auf der Insel Pharos an der Küste im Norden Ägyptens die Bauleitung übernommen. Der Turm begann stetig zu kippen. Es wurde ein schiefer Turm, der nicht mehr richtig leuchten konnte. Umfangreiche und komplizierte Unterfahrungsmaßnahmen mussten zügig und verlässlich durchgeführt werden. Wir haben dabei prächtig harmoniert, uns gut kennengelernt und letztlich die Sanierung erfolgreich abgeschlossen. Auf ewig wird die Konstruktion des Turms allerdings nicht halten. Diesen Sachverhalt haben wir offen den Leuchtturmbetreibern mitgeteilt. Dennoch erhielten wir hohe Anerkennung.

Echt-Natron ist ein Bauleiter der alten Schule, eben von echtem Schrot und Korn. Er hasst Schriftverkehr zum ausschließlich rechtssichernden Zweck und bevorzugt den verlässlichen Handschlag. Das gegebene Wort muss für eine verbindliche Absprache reichen. Sein Bauchgefühl ersetzt schon mal den Statiker und andere Konstrukteure. Er setzt auf Psychologie und behauptet, dass 50 % seiner Fähigkeiten als Bauleiter auf dieser Lehre der Seele beruhen und fügt dann in der Regel schmunzelnd an, der Rest ist meine erotische Ausstrahlung. In der Baubranche in Unterägypten ist er anerkannt. Seine Methoden und seine Fähigkeiten der Baustellenleitung haben sich herumgesprochen. Nicht zuletzt deshalb hat ihn der Wesir für Städtebauangelegenheiten ohne nervige Stellenbewerbung zum Projektleiter erkoren. Seine Befugnisse sind weitreichend verabredet. Dass er sich damit einem erhöhten Erfolgszwang ausliefert, ist ihm voll bewusst. Eine seiner besonderen Fähigkeiten ist es, Verantwortung an seine Mitarbeiter zu delegieren. Genau dies konnte ich vor ein paar Tagen hautnah erfahren.

Ich erinnere mich jetzt, wie er mich zu einem lockeren Mitarbeitergespräch einlud, um mir die Übernahme des Bauleiterpostens für ein Großprojekt schmackhaft zu machen. Zunächst sprach er von unserer guten Zusammenarbeit in Alexandria bei der Sanierung des Leuchtturmes und zeigte mir die hellen und luxuriösen Büroräume seines neuen Dienstsitzes. Mir war damit sofort klar, dass etwas Großes bevorstehe. Ich lobte ihn ob seiner Wahl, Frau Notvertrete zur Chefsekretärin zu benennen. Eine bestechend attraktive Frau, die mit natürlicher Freundlichkeit die Gäste ihres Chefs in Empfang nimmt und als Willkommensgruß köstliche Plätzchen reicht. Zunächst lobte Echt-Natron mich in Bezug auf meine Fähigkeiten als Bauleiter, was mich stutzig machte, denn ein Lob ist in unserer Branche eher ungewöhnlich. Rote Teppiche für Preisverleihungsorgien, wie sie z. B. für Künstler und Personen des öffentlichen Lebens üblich geworden sind, werden für Bauleiter nicht vorgesehen. Irgendetwas steckte hinter der Schmeichelei von Echt-Natron. Es gelang mir nicht, es zu deuten. Das Mitarbeitergespräch verlief zunächst stockend und nicht präzise genug. Echt-Natron sagte grob, es gebe wohl Probleme mit der Kostenschätzung, der Terminplanung und mit der technologischen Umsetzung des Baues des Cheopswürfels. Naja, nicht grade „wenig“, aber normal für größere Bauprojekte, spielte er die Tragweite der Problemaufzählung herunter. Die Architekten hätten eine Heidenangst, ihre ersten groben Berechnungen zu den Kosten dem Cheops offen mitzuteilen. Vertraulich hätte der Architekt ihm gesteckt, dass die anvisierten gedeckelten Geldmittel wohl nur zu einem Drittel die tatsächlichen Baukosten abdecken würden. Die technische Umsetzung, egal ob für einen großen Würfel oder für einen kleineren Würfel, sei eher unklar. Für eine zusätzliche Geldbeschaffung durch eine gezielte kriegerische Handlung gegen irgendeinen reichen Nachbarn wäre die Zeit zur Vorbereitung und Ausführung zu knapp. Bei den leicht zu besiegenden Nachbarn, den Nubier, sei eh nichts mehr zu holen. Die sind uninteressant, da zu arm. Es fehle also Geld, beendete er seine Problemaufzählung. Pause.

Ich sortierte das Gehörte und fühlte eine starke Neigung zum sofortigen Abgang. Echt-Natron zuliebe blieb ich dennoch und stellte nun ein paar wesentliche Fragen. „Gibt es eine Grundstatik, und was sagt generell der Statiker zu den Tragwerkprinzipien des Bauvorhabens?“, war nach langem zögerlichem Überlegen meine erste Frage. „Es wurde keiner beauftragt“, antwortete Echt-Natrons achselzuckend. „Nicht mal für eine Projektberatung in der Planungsphase steht dem Architekten diese Fachkraft zur Verfügung, obwohl wir genau das empfohlen hatten.“ „Ist wohl dumm gelaufen“, erlaubte ich mir als Kommentar und stellte eine zweite Frage. „Ist beabsichtigt, eine Projektsteuerung zu beauftragen?“ „Ja, es sind die Herren der Hohen Priesterschaft am Hofe des Bauherrn mit Hoch-Hart-Muth an der Spitze, du weiß schon, die gleichen Herrn wie bei der Fundamentsanierung des Leuchtturms an der Küste“, antwortete Echt-Natron, nichts Gutes ahnend. Ich wurde sauer. Kein Statiker, aber eine Projektsteuerung. Echt-Natron verwies noch auf das klare und unerbittliche Nein von Bauherrenseite bei der Bitte zum Verzicht auf die Berufung einer Projektsteuerung. Diese Schaltstelle wäre zu wichtig, um darauf zu verzichten, so das Argument der Auftraggeber. Diesen gravierenden Irrtum konnte weder der Projektleiter noch der Architekt in diversen Besprechungen mit dem Bauherrn klären.

Nun die dritte wichtige Frage, nachdem Echt-Natron die zugestandene Bauzeit von nur 20 Zyklen genannt hatte. „Wird das Bauwerk Haustechnik erhalten?“ Der Projektleiter zögerte mit der Antwort, wohl wissend, welchen Einfluss Haustechnikgewerke auf einen Bauablauf nehmen können. „Es sollen wohl Licht in die Gänge und ein Falltürsystem installiert werden“, beantwortete Echt-Natron meine Frage. „Nach Voranfrage beim Bauamt wird eine Entrauchung der Fluchtwege und der Hohlräume verlangt, da die Architektenansichten nicht auf Fenster oder sonstige größere Fassadenöffnungen am Gebäude schließen lassen. „Wie das umgesetzt werden soll, ist noch zu klären“, beendet Echt-Natron seine Reaktion auf meine Haustechnikanfrage. Seine Darstellungen ließen mich erschaudern. In mir festigte sich wieder der dringende Wunsch, meine Mitarbeit am Projekt abzulehnen. Die immense Menge an Negativfaktoren wirkte nicht gerade stimulierend, den Job des Bauleiters anzunehmen.

Die befreiende Wirkung des Nein-Sagen-Könnens ist derzeit in Mode gekommen. Ein Heer von Wahrsagern und Schamanen, die es an jeder Ecke in Memphis gibt, beschwören die fast narkotische und berauschende Wirkung einer konsequenten Ablehnungshaltung sowie der damit verbundenen individuellen Autonomie. Ich musste daran denken und begann sorgfältig abzuwägen. Ein Nein bedeutet, raus aus diesem Geschäft. Echt-Natron wäre wohl enttäuscht, wenn ich meine Mitarbeit verweigern würde. Ein echtes Dilemma, dachte ich mir und versuchte positiv zu denken. Ein Ja wiederum verhieße unendlichen Ruhm und höchste Ehre. Ich stellte mir die lange Schlange von Autoren vor, die sich um die Rechte der Abfassung meiner Biografie bemühen. Ich stellte mir vor, wie berühmte Maler und Bildhauer sich drängen, ein Bildnis von mir in stolzer Pose zu inszenieren. Und ich stellte mir vor, wie ein auserwählter Monumentalkünstler aus einem großen Fels in der Nähe des Bauplatzes ein kolossales und Sphinx-gleiches Ebenbild des erfolgreichen Bauleiters meißelt. Für alle vorbeifahrenden Flussfahrer und für alle sonstigen Besucher des Cheops-Bauwerks würde ihr Blick auf einen Baulöwen mit einem klugen mächtigen Kopf fallen. Mein Ebenbild würde bis in die Ewigkeit als Kraftpaket aus Tier und Mensch auf diesem erhabenen Plateau thronen und Scharen von pilgernden Bauleuten und Heimwerkern anziehen. Mit diesen Bildern im Kopf verabschiedete ich mich schnell von meinem Zögern und ließ meine Abenteuerbereitschaft und meinen Pioniergeist siegen. Wohl auch, weil das Gehalt stimmte und Freibier auch für die Bauleitung in Aussicht gestellt wurde. Ich entschied mich für die Teilnahme am Projekt. Sarkastisch, auch um genauso cool wie Echt-Natron zu wirken, fragte ich ihn: „Falls ich die Bauleitung übernehme, was machen wir dann alle Nachmittags?“

Nun ist doch ein Nilpferd an Land gegangen. Ich werde abrupt aus meinen Gedanken an die Arbeitswelt gerissen. Auf meinem Lieblingsplatz am Nilufer steht ein riesiges Nilpferd und beansprucht in höchstem Maße meine Aufmerksamkeit. Es kaut geräuschvoll schmatzend das saftige Ufergrünzeug. Das tut es in bedrohlicher Nähe zu mir. Beim Kauen beobachtet es mich mit aggressiven Blicken voller Misstrauen. Jetzt öffnet das Nilpferd sein riesiges Maul und beeindruckt mich mit seinen imposanten riesigen Eckzähnen und seinen merkwürdig stoßzahnartigen Schneidezähnen. Da möchte ich keinesfalls dazwischengeraten. Voller Grauen schießt mir durch den Kopf, dass es sich bei dem Nilpferd um einen Bullen handeln könnte. Blitzschnell fallen mir die allgemein gültigen Regeln für die Begegnung mit wilden Tieren ein, die für alle unbewaffneten Ägypter gelten. Zunächst gilt es, Ruhe zu bewahren. Das ist leicht gesagt angesichts des monströsen Maules. Ich versuche es trotzdem und ergänze diese Regel mit dem Versuch einer beruhigenden Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Tier. Dabei versuche ich meine Angst zu verbergen und unterrichte den Koloss, dass der Verzehr meiner Person für den pünktlichen Beginn der Realisierung eines staatstragenden Bauwerkes außerordentlich behindernd sein würde. Offensichtlich hat das wilde Tiere nicht verstanden und bewegt sich unhöflich weiter auf mich zu. Mir bleibt nur noch die Flucht, die in den Regeln für die unheimliche Begegnung der furchtbaren Art die letzte Option darstellt. Knapp und laut schreiend gelingt die Flucht.

3. Kapitel

Das Projekt aus Sicht des Bauherrn nach einer entspannenden Runde persischer Golf

Pharao Cheops ist mit der Familie, seinem Hofstaat und ein paar Journalisten der überregionalen Presse auf seine Sommerresidenz nach Kuwait gereist. Das ist ein kleiner Ort an einem großen Meer nicht weit vom legendären Babylon entfernt. Es ist ein anziehend magischer Ort im fernen Mesopotamien. Der Wind weht angenehm kühlend vom Meer auf die Küstenregion. Überdurchschnittlich viele Regenfälle machen das Land fruchtbar und klimatisch erträglich. Das sind die Orte, an denen sich die Eliten in den Ferien gern aufhalten. Immergrüne Wälder und paradiesische Gärten mit allerlei exotischem Getier machen Wanderungen zu einem unvergesslichen Erlebnis. Clevere Eingeborene haben mit Führungen durch diese Traumlandschaften das Geschäftsfeld des Fremdenverkehrs erschlossen. Auch die Ansiedlung von Hotelketten und Gastronomie im Gefolge haben die Grundlage geschaffen, dass sich eine beachtliche Mittelschicht mit gehobenem Wohlstand hier entwickeln konnte.

Der hiesige Gouverneur hat gezielt mit dem Instrument niedriger Steuern wichtige Investoren in die Region gelockt. Der Plan ist aufgegangen, es entstehen hier im Osten tatsächlich blühende Landschaften. Nicht zuletzt auch deshalb hat sich Cheops entschlossen, seine Sommerresidenz genau an diesem Ort errichten zu lassen. Durch die ausgezeichneten diplomatischen Kontakte zum hiesigen Verwaltungsdistrikt bis nach Babylon sind Fördermittel der örtlichen Finanzoberdirektion in die Kassen des Pharao gespült worden. Man respektiert und unterstützt sich halt gegenseitig. Die lange Geschichte der Völker des vereinten ägyptischen Reiches und des mesopotamisch-assyrischen Staatenbundes ist geprägt von faszinierenden kulturellen Umbrüchen und großartigen zivilisatorischen Leistungen. Besonders intensiv beschäftigt sich Cheops mit den überlieferten Geschichten rund um den Turmbau zu Babel, wie in vergangenen Zeiten das heutige Babylon bezeichnet wurde. Er ist fasziniert vom Bestreben des Bauherrn, bis hoch an den Himmel, bis in Gottes Nähe bauen zu wollen. Dass im Ergebnis der Bau eingestellt und die Sprache der am Bau beteiligten Werktätigen verwirrt wurde, stellt für Cheops kein besonderes Problem dar. Wichtig für ihn war vielmehr die sofortige praktische Reaktion des damaligen Herrschers. Der hatte nicht lange rumgeheult, sondern umgehend angewiesen, an den Schulen Fremdsprachenunterricht einzuführen. So wurde die Sprachverwirrung Gottes zum Initial einer neuen progressiven Kulturepoche, das erste zarte Pflänzchen einer Globalisierung. Cheops bewundert diese Pionierleistung der strategischen Staatsführung bis heute.

Cheops und seine Entourage beziehen ihre Luxussuiten und versammelten sich wenig später in Turnsachen auf einer kurzgeschnittenen gepflegten Grasfläche hinter dem Anwesen. Persischer Golf heißt die Sportart, die Cheops über alles liebt. Man spielt einen kleinen weißen Ball durch eine durchdachte Lochanordnung mit Hindernissen aus Wasser oder Sand. Das Ziel ist es, nicht die Löcher zu umgehen, nein, man versucht sie mit möglichst wenigen Schlägen zu treffen. Gelingt das, ist der Jubel groß. Wer mit der geringsten Anzahl an Versuchen alle Löcher des Spielplatzes getroffen hat, bekommt als Sieger eine Belohnung.

Der Sport entstand durch einen Zufall. Unterirdische Tiere hatten, ihren Instinkten folgend, in der Gartenanlage eines Einfamilienhauses im Süden von Kuwait den gepflegten Rasen lochtechnisch unregelmäßig unterbrochen. Der Besitzer des Grundstückes war verärgert und wollte gleich das Lochproblem, den Tierschutz gänzlich missachtend, rabiat beseitigen. Da bemerkte er, wie seine beiden kleinen Kinder mit höchster Freude versuchten, ihre kleinen bunten Spielmurmeln in den Löchern unterzubringen. Bei Erfolg war das freudige Gejauchze der kleinen Jugendlichen nicht zu überhören. Der Grundstücksbesitzer hielt inne, beobachtete noch eine Weile die ausgelassene Stimmung seiner Nachkommen und begann zu grübeln. Er fragte seine Kinder, ob er mitspielen dürfte. Er wollte selbst erfahren, weshalb bei dieser eigentlich sinnlosen Beschäftigung derartige kindliche Freude entstehen kann. Doch er bekam gleich am Anfang Probleme mit seinem rechten Knie, welches das Kriechen auf dem Rasen bald satt hatte und aus Rache zu schmerzen begann. Er ging in seinen Gartengeräteschuppen und kam mit einem Spaten wieder heraus, mit dem er jetzt im Stehen die Murmeln einlochen konnte. Er bemerkte eine gewisse Befriedigung, wenn ihm das gelang. Ihn packte der Ehrgeiz, und er schlug Schlag auf Schlag, seine Kinder vergessend, bis die Sonne unterging. In der folgenden schlaflosen Nacht begann er eine strukturierte Spielidee zu entwickeln. Der entscheidende Durchbruch gelang ihm in den frühen Morgenstunden. Man müsse die Löcher künstlich anlegen, überlegte er sich, allein schon deshalb, um von den zufälligen Grabaktivitäten der Wühlsäuger unabhängig zu sein. Gleich nach dem Frühstück begann er selbst, zur Probe Löcher in seinen gepflegten Gartenrasen zu graben. Das dritte Loch war ihm wohl etwas zu tief geraten, denn eine schmierige, stinkende, dunkle und zähe Flüssigkeit trat hervor. Nach dem ersten Schreck verwischte er sofort die Spuren dieser Peinlichkeit. Das durfte keinesfalls bekannt werden, denn sein Grundstück sollte nicht durch diese ölige Masse im Boden an Wert verlieren. So ließ er für tausende von Jahren Gras über die Sache wachsen. Jedenfalls erfreute sich der Sport im Laufe der Jahre immer größerer Beliebtheit und etablierte sich speziell in den höheren Kreisen. Schnell galt es als schick, in den extra für diese Sportart entwickelten Turnsachen auf dem Spielgelände herumzulaufen. Man schlürfte meist im Anschluss an die Körperertüchtigung noch lässig einen Cocktail und fädelte manch geschäftliche Beziehung ein. Die Elite war unter sich und hatte keine Belästigungen durch gewöhnliche Artgenossen zu befürchten. Auch deshalb schätzte Cheops dieses Freizeitvergnügen und entwickelte einen stetig steigenden Ehrgeiz, sein Handicap zu verbessern.

Heute hat Cheops gute Laune, denn es gelang ihm, seine Spielpartner zu besiegen. Nach einer erfrischenden Dusche und einem kleinem Schläfchen in seinen Privatgemächern ruft er seine Vertrauten und seine Getreuen zu einer kleineren Dienstberatung in den Salon der Residenz. Sein Leibkoch hat ein kleines Dinner vorbereitet. Cheops schätzt die Kreativität dieses Mannes. Heute gibt es eine Sternchensuppe aus erlesenen Eierteigwaren mit zartem Hühnerfleisch. Diese Speise wird vom Chef der Küchencrew besonders liebevoll zubereitet, denn wenn dem Pharao das Gericht mundet, erhält er für ein paar Tage den Rang eines Sternekochs. Jeder Gast erhält auf seinem Teller die Suppe so aufgetragen, dass verschiedene bekannte Sternenbilder des ägyptischen Nachthimmels auf dem Teller erscheinen und dann in geselliger Runde von den Teilnehmern des Dinners erraten werden. Beim Erkennen des Sternbildes kann der Gast dann laut in die Hände klatschen und den Namen des Sternbildes auf seinem Teller in die heitere Runde rufen. Dieses Spiel ist am Hof sehr beliebt und fördert das allgemeine Bildungsniveau im engsten Zirkel der Vertrauten um Cheops.

Die Laune von Cheops wird immer besser. Seine Erfolge bei der Verbesserung des Handicaps und eine köstliche Sternchensuppe versetzen ihn in Stimmung. Das Risiko des Nennens eines falschen Sternbildes auf dem Teller und das Risiko, dafür bestraft zu werden, gehen gegen Null. Heute muss niemand, der daneben tippt, damit rechnen, das gesamte Geschirr und die Töpfe der Zubereitung in der Spülküche aufzuwaschen. Diese Demütigung der Verlierer bereitet Cheops üblicherweise immer einen Heidenspaß.

Nachdem Cheops die Schönheit des Tages und den Geschmack der Speisen gelobt hat, beginnt er den Stand der Dinge um seinen Wüstenwürfel der Speisegesellschaft zu schildern. Ihm widerstrebt es, den sich langsam durchzusetzenden Begriff des „Cheopswürfel“ anzuerkennen. Dazu hält er sich für zu bescheiden. Nie hätte der Pharao für sich Ebenbilder als Relief oder in Stein von überhöhender Größe meißeln lassen. Die Größe, etwa die einer Schachfigur, hielt er für angemessen, denn die Nachwelt soll sich an keinen größenwahnsinnigen Pharao erinnern. Personenkult komme für ihn nicht in Frage, die Pyramide muss reichen. Das hat er von seinem Vorgänger Pharao Snofru übernommen, einem Idealbild eines gerechten Königs. Der gilt als der große Beschützer des ägyptischen Volkes. Er unternahm Expeditionen nachNubien,Libyensowie in den Libanon und ließ dort Grenzfestungen zum Schutze des Landes bauen. Die relativ ruhige Regentschaft verdankt Cheops also seinem Vater. Auch die guten und festen diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarstaaten übernahm Cheops als Erbe und weiß das zu schätzen. Deshalb ließ er im ganzen Lande verbreiten, dass sein Vater Snofru in seiner gottgleichen Herrlichkeit kaum zu übertreffen ist. Es gibt aber eine Ausnahme. Nicht weit von Memphis entfernt, stehen drei misslungene Steinhaufen in der Wüste, die Zeugnis ablegen, dass selbst einem so weisen Pharao wie seinem Vater, dem ersten Pharao der 4. Dynastie, nicht alles gelingt. Kaum hatte Cheops den Nachfolgerthron bestiegen, reiste er erst nach Meidum zu der zusammengebrochenen Stufenpyramide und dann nach Dahschur zur Knickpyramide sowie zur Roten Pyramide, einem flachen hässlichen Gebilde. Er war entsetzt, als er die Trümmerlandschaften sah. Beim Anblick dieser Zeugnisse doch arg begrenzter Baukunst erinnerte sich Cheops an das Versprechen am Totenbett seines Vaters. Er versprach, immense Anstrengungen zu unternehmen, das Werk der Schaffung von kolossalen Erinnerungsmonumenten der vierten Pharaodynastie erfolgreich weiter zu entwickeln. In Cheops wuchs wenig später der Ehrgeiz, seinen Vater mit einem nie da gewesenen Riesenbauwerk zu übertreffen.

Als geladener Ehrengast an den Bezirksmeisterschaften für Knobelspiele entging dem Pharao nicht, welche Faszination von den Spielgeräten ausging. Diese dreidimensionalen Polyeder, als Hexaeder mit 6 gleichen Flächen als Würfel ausgebildet, haben es Cheops sofort angetan. Nach intensiven Gesprächen mit seinen Beratern wurde schließlich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Ein bekannter und erfahrener Architekt, mit dem Namen San-Rah, wurde zu dieser Studie beauftragt. Darin riet der Architekt, von der perfekten Würfelform abzusehen und mit einer geringeren Höhe als die der Grundflächenseiten zu planen. Dies wäre statisch und wirtschaftlich betrachtet sinnvoll und würde mit einer Höhe von 280 Königsellen alle bisherigen Bauwerke bei weitem übertreffen, fasste der bekannte Planer seine Machbarkeitsempfehlungen zusammen. Cheops ließ die Aussagen prüfen und konnte konstatieren, dass das bisher höchste Bauwerk in Ägypten, die rote Pyramide mit 208 Königsellen Höhe, bei weitem übertroffen werden würde. So entschloss sich der Pharao, die Planungen durch San-Rah mit der Grundlagenermittlung beginnen zu lassen.

Cheops lässt den Papyrus mit dem Schnitt durch den Wüstenwürfel an einer Tafel befestigen, die extra für diese Besprechung herangeschafft wurde. Der Architekt hatte diese Pläne reich mit Ornamentik ausgeschmückt, damit sie sich auch für Repräsentationszwecke eignen. Die Wirkung ist enorm. Zunächst schweigen alle sichtlich beeindruckt. Cheops kostet nun die Ungeheuerlichkeit seiner Baupläne weidlich aus. Seine Vertrauten beginnen nun demütig, Worte von Göttlichkeit und Sonnengleichheit zu stammeln. Dann zeigt er mit einem Stift, den ihm ein Kuli reicht, auf mehrere Hohlräume und Verbindungsgänge im Inneren des Kolosses. Sie sind merkwürdig angeordnet und nach Aussage des Architekten vom unterirdischen Nestbau des gemeinen ägyptischen Feldhamsters inspiriert. Cheops ist von diesem System innerer Hohlräume und deren Verbindungsgänge angetan, auch wenn er sich zur Funktion noch nicht festlegen will. Derzeit läuft am Hofe ein Ideenwettbewerb. Die beste Idee zur Nutzung und zum Sinn der Anordnung der Hohlräume soll prämiert werden. Der Architekt selbst gibt sich bedeckt und verlangt zunächst von Cheops die Entscheidung, ob die Hohlräume der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen oder nicht. Dies wäre der primäre Entscheidungsansatz, so San-Rah. Falls eine öffentliche Nutzung in Erwägung gezogen wird, müsse man weiterführende Überlegungen zum Ausbau der Hohlräume anstellen. Nach den Bauvorschriften für öffentliche Gebäude beim Hochbauamt von Gizeh wären dann Damen- und Herrentoiletten und deren Entlüftung erforderlich. Die Wege im Würfelmonument müssten beleuchtet und entraucht werden können. Eine Fluchtwegebeschilderung ist dann Pflicht. Weiterhin wären die bürokratischen Aufwendungen für den vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz, den Sicherheitseinrichtungen für die Nutzung und die energetischen Nachweise für das nachhaltige Bauen in einer beachtlichen Dimension erforderlich. Für Cheops ist das ein Alptraum. Deshalb zögert er noch mit seiner Entscheidung zur Nutzung und befindet sich hierzu gegenwärtig in intensiven Gesprächen mit seiner Projektsteuerung.

Übrigens, Cheops ist mit seiner Beauftragung der Projektsteuerung durch die Hohen Priester sehr zufrieden. Sie sind mit einem soliden religiösen Regelwerk ausgestattet und damit unantastbar. Die Hohen Priester strahlen Autorität aus. Sie sind immer dezent gekleidet und bewegen sich mit einer ihrer Funktion angemessenen stoischen Erhabenheit. Ihre fachbezogenen Äußerungen zeugen von unermesslichem Wissen und der Fähigkeit, bei den Beurteilungen zum Stand der Dinge eine tiefe Feierlichkeit und religiösen Pathos zu vereinen. Sie haben das Große und Ganze im Blick und verfolgen ihren klar definierten spirituellen Plan. Außerdem wurde ihm uneingeschränkte Jovialität zugesichert. Das ist der Geist, den Bauherrn mögen.

Cheops informiert nun in einem kurzen Statement seine Vertrauten über den Stand der Vorbereitung des Bauprojektes: „Die bereits beauftragten Architekten würden in Kürze die Kostenschätzung vorlegen und die Erkenntnisse aus dem Gutachten des statischen Zustandes der Djoser-Pyramide von Dr. Djosi-Meter bewerten. Keinesfalls dürfen bei meinem Würfel die gleichen Fehler passieren. Der Architekt haftet mir hierfür. Sein Anliegen, einen Statiker zu beauftragen, haben wir aus Kostengründen abgelehnt. Hier schließe ich mich der Auffassung der Projektsteuerung an, dass einfache Tragwerkangelegenheiten auch von der Architektur und der Bauleitung bewältigt werden können. In den Verträgen ist das so formuliert und kann somit eingefordert werden. Die Kontakte zu meinen Behörden im Bauordnungsamt sind hergestellt und ich bin informiert, dass die ersten Abstimmungen bereits laufen. Im Moment sind kaum Hindernisse für die Erteilung der Baugenehmigung erkennbar. Der Wesir für Städtebauangelegenheiten wird in Zukunft meine Bauherrenbelange vertreten und mit dem erforderlichen Nachdruck, incl. Weisungsberechtigung, das Genehmigungsverfahren forcieren.“ „Mit der Bauleitung wurde Echt-Natron mit seinem Team beauftragt“, fährt Cheops fort. „Viele Teams hatten, nach genauerer Kenntnisnahme der Umstände zum Projekt, ihre Bewerbung wieder zurückgezogen, Echt-Natron nicht. Seine Berufsauffassung hätte das nicht zugelassen. Wir werden sehen, ob er verrückt ist oder tatsächlich das Unmögliche stemmen kann.

Für das hydrologische Gutachten und das Bodengutachten benötigt Prok-Toor noch etwas Zeit. Der Mann ist fähig und in den Kreisen der Bauindustrie hoch geschätzt. Es ist stark davon auszugehen, dass eine Grundwasserabsenkung nicht erforderlich ist. Genaue und zuverlässige Daten zur Grundwasserspiegelsondierung liegen nächste Woche vor. Der durchschnittliche Pegel des Nil ist ja an der Vegetationsgrenze zur Wüste leicht ablesbar. Aber warten wir das Fachgutachten ab, welches die Höchstpegelstände des Nils mittels empirischer Verfahren in die Berechnungen integrieren wird. Überraschungen müssen unter allen Umständen ausgeschlossen werden. Derzeit wird die Beauftragung zur Kampfmittelsondierung vorbereitet. Nach alten Karten werden hier im Gebiet des geplanten Baustellenbereiches eiszeitliche Kampfhandlungen zwischen Südneandertalern und frühassyrischen Aufklärungstrupps zum Zwecke der Landnahme vermutet. Die Deklaration zur Kampfmittelfreiheit muss gleich zu Baubeginn den beauftragten Ausführungsfirmen vorgelegt werden. So wird verhindert, dass eventuelle Baubehinderungsanzeigen gleich zu Beginn der Bauhandlungen bei der Bauleitung eintreffen. Ebenfalls sind damit die bekannten Begehrlichkeiten der Damen und Herren vom Denkmalschutzamt, einen Baustopp zu verhängen, falls dann doch bei Schachtarbeiten alte Speere, Schilde und Feldpudelmützen gefunden werden, im Keime erstickt. Wenn eine Baustelle läuft, sollte sie auf keinen Fall gestoppt werden. Das ist für den Bauherrn in jedem Fall tödlich.“

Cheops führt weiter aus: „Zum Bewerbungsgespräch mit Echt-Natron hat der zukünftige Projektleiter empfohlen, in die Bauvorbereitung auch das Umweltamt mit einzubeziehen. Das eventuelle Vorkommen seltener Lurche sollte zwingend ausgeschlossen werden. Hierzu wurde ein Expertenteam der biologischen Fakultät der guten Narmer-Universität in Edfu an den Unterlauf des Nil berufen. Das Ergebnis der Studie lautete, seltene Lurche kommen nicht vor. Die Grobabsteckung der Bauachsen und die Einmessung eines verbindlichen Höhepunktes sowie die Festlegung der Höhe der Traufkante sind bereits vollzogen. Dazu hat Cheops einen alles überragenden Vermesser beauftragt. Pi-Latus ist 3,14 m groß und mit seiner immensen Körpergröße sehr gut für das Anlegen der Höhencode geeignet. Wenn Pi-Latus eine Leiter braucht, brauchen seine Kollegen schon zwei. So einfach ist das. Außerdem hat er logischerweise einen besseren Überblick als die anderen Bewerber für die Vermessungsleistungen.“

Cheops macht nun eine Pause und lässt seine Worte zum Projektstand eine Weile wirken. Das Gremium der Vertrauten ist beeindruckt. Der Vortrag ihres Chefs hat alle fasziniert. Alles klingt strukturiert und zeugt von hoher planerischer Kompetenz. Zwei Höflinge wollen mit Klatschen beginnen. Doch sie werden von Cheops abrupt daran gehindert. Der Pharao hebt warnend die Hand und rät der Runde, das eben Vernommene nüchtern zu betrachten. Obwohl die Planungsmaßnahmen prächtig angelaufen sind, ist das noch kein Indiz für das Gelingen des Bauvorhabens, gibt Cheops zu bedenken. „Entscheidend ist es auf dem Bauplatz“, gibt sich der Pharao weise wie ein populärer Fußballtrainer (19). „Selbst einer beauftragten Spezialeinheit von Sterndeutern ist es trotz Anwendung empirischer Geheimformeln nicht gelungen, den letzten Rest am Ungewissen auszuräumen. Das Orakel von Delphi wäre noch in der Planung, hat das auswärtige Amt recherchiert. Somit können wir leider auf diese Erkenntnisquelle noch nicht zurückgreifen.“ Cheops schaut nun in die Gesichter seiner Vertrauten. Das geheuchelte zustimmungsverheißende Kopfnicken der Auserwählten beeindruckt Cheops wenig. Insgeheim zweifelt auch er. Immerhin hatte er den Architekten und Echt-Natron überzeugen können, Lösungen zu finden und jetzt will er ihnen einfach ein bisschen vertrauen. Außerdem hat er eine starke Projektsteuerung installiert.

Er beendet die Runde, geht allein in das Nebengemach an die Bar und bestellt einen großen Cocktail. Seine Laune wird immer besser. Den zweiten Cocktail kippt er auf ex herunter und feixt in das nun leere Glas. Trotz Vertrauen und großer Hoffnung, dass schaffen die nie, befürchtet er.

4. Kapitel

Grundsätzliche Projektfragen und erste Lösungsansätze

Der Architekt, der Bodengutachter und die Bauleitung treffen sich zur Projektbesprechung im Besprechungsraum der Bauabteilung. Wir warten noch auf Echt-Natron, der die Besprechung leiten soll. Die Ost-West-Passage des Sonnengottes Re ist bereits um ein Viertel vollzogen. Die übliche Hitze des Tages beginnt in die Räume zu kriechen. Unsere Klimaanlage schafft es heute nur bedingt, erträgliche Arbeitsbedingungen zu garantieren. Es ist windstill. Trotz Einladung haben sich die Herren der Projektsteuerung für heute entschuldigt. Ihnen wäre es in diesem frühen Stadium der Projektabwicklung nicht zuzumuten, wegen der Nichtigkeit einer Anlaufberatung auf wichtige rituelle Handlungen in Ihren Tempeln zu verzichten. Des Weiteren sei man mit der Vorbereitung der Urlaubsplanung für die kommenden Zyklen (4) beschäftigt, die viel Zeit und volle Konzentration beanspruchten. Ich bitte Frau Notvertrete dies im Protokoll aus gutem Grund zu vermerken.

Ich sitze gern bei Besprechungen am Fenster mit Blick in den Besprechungsraum. Ich mache das bewusst, einmal um ein schattiges und damit auch scharfkantiges Gesicht vorzutäuschen, zum anderen um Entgleisungen meiner Mimik bei unangenehmen Besprechungsverläufen besser kaschieren zu können. Ich konzentriere mich wieder, der Chef ist gekommen. Echt-Natron bedauert sein Zuspätkommen und nimmt als Letzter am Besprechungstisch Platz. Es gab wieder mal Ärger mit dem Dienstwagenfahrer. „Der hatte Streit mit den Pferden“, entschuldigt sich mein Chef. Bei der Dienstwagenflotte, die uns von Cheops zur Verfügung gestellt wurde, gibt es immer wieder mal Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Tier. Inzwischen hat sich bei der Dienstwagenbestellung die Formulierung „ich benötige einen Streitwagen“ durchgesetzt.

Echt-Natron eröffnet nun die Anlaufberatung und begrüßt besonders herzlich den Chef des Architektenbüros, Herrn San-Rah, einen Absolventen der Hochschule für gute Architektur in Teben. San-Rah gilt als einer der herausragenden zeitgenössischen Architekten in Ägypten. Er ist befreundet mit dem Urenkel des berühmten und verehrten Baumeisters Imhotep. Das ist gut für seine Reputation bei potentiellen Auftraggebern und hat ihm vermutlich auch deshalb die Abfassung der Machbarkeitsstudie zum Großprojekt des Cheops eingebracht. Wer ihn kennt, der schätzt seine Leidenschaft für die Architektur. San-Rah lebt und stirbt für die Gestaltung von Bauwerken. Sein Talent, mit ein paar wenigen Strichen auf Papyrus die Umrisse eines Entwurfs verständlich zu machen, ist sprichwörtlich. Er ist der Erfinder der Vogelperspektive. Manchmal bemüht er einen Kranich, manchmal einen Pelikan, um seine Entwürfe aus deren Sicht besser darstellen zu können. Wenn er danach gefragt wird, wie er es schafft, mit den Tieren zu kommunizieren, gibt er schmunzelnd ausweichende Antworten, die keiner so richtig versteht. Darüber hinaus ist sein bescheidenes Wesen legendär. Seine fachliche Kompetenz, gepaart mit seinem empathischen Wesen, machen ihn in Fachkreisen zu einem überaus geschätzten Kollegen. Er lebt zurückgezogen mit seinem Hund in einer einfachen Mietwohnung bei einer älteren Haushälterin, die für seinen Hausrat sorgt. So kann er sich uneingeschränkt mit Besessenheit seiner einzigen Leidenschaft, der Architektur widmen. Das Team der Bauabteilung ist stolz und glücklich, mit San-Rah zusammenarbeiten zu dürfen. Dies wird ausdrücklich in der Begrüßungsformel zur Anlaufberatung von Echt-Natron hervorgehoben.

Echt-Natron erwähnt nun kurz und emotionslos die Abwesenheit der Projektsteuerung. „Ich kenne diese Typen und bin deshalb nicht verwundert. Naja, so ganz unrecht ist uns das gar nicht. Unseren Erfahrungen nach ist es weitaus produktiver, wenn diese Herrschaften sich nicht mit religiösen Beschwörungsformeln in die Fachdebatten einmischen. Ihre ständigen liturgischen Belehrungen zur Bedeutung der Einhaltung von Vorschriften nerven gewaltig und stören uns in der Regel bei der Konzentration auf das Wesentliche beim Bauen. Sie sind halt Experten des Verwaltens.“

Der Projektleiter begrüßt jetzt den Bodengutachter Prok-Toor. Die Mitwirkung dieses Fachexperten für die Zustände des Baugrundes haben sich der Architekt und der Projektleiter ausdrücklich gewünscht. Beim Bauherrn sah man keinen Grund, dieser Bitte nicht zu entsprechen, und erteilte Prok-Toor den Auftrag, ein Bodengutachten für die Gründung des Cheopswürfels zu erstellen. Darüber hinaus sollte er mittels umfangreicher Sondierungen geeignete Felsformationen zur Gewinnung der Baublöcke in der Nähe des Baustandortes erkunden und über hydrologische Untersuchungen die Grundwasserstände definieren.

Prok-Toor ist eher ein akademischer Typ. Er trägt eine Markenbrille und in der Regel eine farbige Fliege, die akkurat mit den Farben seiner Bekleidung korrespondiert. Das macht ihn nach außen ein bisschen unnahbar. Innerlich ist er mit Leib und Seele ein Mann der Baugrube. An der Hochschule für gute Geologie in Memphis war er als Student Jahr für Jahr Lehrgangsbester und erhielt für seinen Abschluss eine Auszeichnung, einen vom Verwaltungsrat der Hochschule gestifteten Baugrubenbambi. Zahlreiche Baugrundbüros bemühten sich um seine Bewerbung zur Anstellung und lockten mit hohen Gehältern. Doch es half nichts, Prok-Toor machte sich selbstständig, eröffnete ein schickes „Einmannbüro“ und wurde ein erfolgreicher Unternehmer. Der breiten Öffentlichkeit ist Prok-Toor durch eine sensationelle Erfindung bekannt geworden. Er entwickelte, noch als junger Absolvent, ein universelles Aushubgerät für den Erdbau. Es ist simpel und stabil gebaut und erhöht in beachtlichen Dimensionen die Produktivität bei Handschachtarbeiten. Des Weiteren hat Prok-Toor mit diesem Aushubgerät eine empirisch angelegte Versuchsreihe zur Verdichtungsfähigkeit verschiedener Bodenarten entwickelt. Er stellte zu diesem Zweck die Spatenblattachse etwas geknickt zur Stielachse und klatschte so den Spaten auf den Versuchsboden. Er stellte fest, dass sich mit der Anzahl des Aufklatschens die Verdichtungswirkung im Boden proportional ungleichmäßig erhöht. Eine geniale Erkenntnis, die als Pionierleistung in die Geschichte der Bodenmechanik eingegangen ist. Die Fachpresse feierte den jungen Baugrundexperten in zahlreichen Artikeln und veröffentlichte die Versuchsergebnisse mit Hilfe graphischer Diagramme. Die Spaten sind schnell zu einem Exportschlager geworden. Ohne dieses Gerät wäre z. B. nie das Golfspiel in Kuwait erfunden worden. So ist der Bodengutachter Ehrenmitglied in zahlreichen Golfclubs geworden und besitzt dort alle erdenklichen Privilegien.

Prok-Toor ist auch ein begnadeter Tauchsportler. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Reisen, sei es in einem Teich, einem See oder einem noch größeren Gewässer, verbringt er seine Freizeit gern unter Wasser. Eine seiner Markenbrillen baute er um. So konnte er bei seinen Tauchgängen für eine Weile klare Sicht unter Wasser haben. Mit dieser Taucherbrille kann er faszinierende Unterwasserwelten entdecken und jedes Mal, wenn er darüber berichtet, begeistert er seine Zuhörer. Ein großer Sportartikelhersteller hat schon Bemühungen eingeleitet, mit Prok-Toor Lizenzverhandlungen zu den Herstellungsrechten seiner Taucherbrille aufzunehmen.

Nun stellt mich Echt-Natron als seinen Bauleiter vor Ort vor. Ich nicke kurz in die Runde und bekunde meinen Stolz, Mitglied dieser erlesenen Projektcrew sein zu dürfen. Frau Notvertrete lächelt in das Besprechungszimmer und bringt ihre vorzüglichen Plätzchen zum Verzehr. Gleichzeitig übergibt sie jedem Besprechungsteilnehmer eine Getränkeliste mit zahlreichen alkoholischen und alkoholfreien Getränken zur freien und kostenlosen Auswahl. Auf Grund der Problemlage der Besprechung ist der Ausschank von Alkohol heute von Echt-Natron zugelassen worden. Ansonsten ist Alkohol im Büro an normalen Werktagen nicht gestattet. Wer sich dennoch berauschen will, soll es heimlich machen, lautet die stille Vereinbarung.

Die Besprechung beginnt. Alle Anwesenden bedauern die Entscheidung Cheops, die Mitwirkung eines Statikers abzulehnen. Für den Wüstenwürfel selbst und für die technologischen Hilfseinrichtungen wäre die Mitwirkung eines Statikers für die Nachweisführung der Standsicherheiten hilfreich. Dies trifft insbesondere für die Montagerampe zu, die von der Projektsteuerung ins Spiel gebracht wurde. Diesen technischen Floh hatten die Hohen Priester ihrem Pharao ins Ohr gesetzt. Cheops war von der Idee begeistert und glaubte, dass damit die Methode des Bauens des Wüstenwürfels gefunden wäre. Ein schnelles und störungsfreies Bauen könne so abgesichert werden, so das Versprechen. Die Bauabteilung und der Architekt haben da so Ihre Zweifel und wollen den Verzicht auf einen Statiker als Argument benutzen, Cheops die Rampenidee auszutreiben. Ohne statischen Nachweis können wir dem Bau einer technologischen Rampe nicht zustimmen. So ist der Plan. Insbesondere Prok-Toor stemmt sich vehement gegen dieses technologische Verfahren.

„Eine Schnapsidee einer Rampensau ist das“, macht er verächtliche Bemerkungen in Richtung Projektsteuerung. Wir bitten ihn um Mäßigung und verweisen auf die innerbetriebliche Vereinbarung des kulturvollen Miteinander bei der Projektabwicklung. Echt-Natron verliest die Tagesordnung. Nicht zu übersehen ist, dass sich im Rahmen der Benennung der Besprechungsthemen bei unserem Architekten San-Rah die Gesichtszüge stark verändern. Sie tendieren in eine stark depressive Richtung. Sein Gesicht wird mit einem Mal aschgrau. Meine lustig gemeinte Bemerkung, dass seine Gesichtsfarbe wohl das erste grobe Farbkonzept für die Fassade des Würfels wäre, kommt beim Architekten nicht so gut an. „Nein, er hätte große Sorgen, sehr große Sorgen“, sagt er nun traurig. Es sind die explodierenden Kosten, die ihm schlaflose Nächte bereiten. Er und seine Leute hätten hin und her gerechnet und mehrfach unterschiedliche technologische Verfahren simuliert. Ohne Erfolg, denn nach wie vor sind ihm die technologischen Bauprinzipien noch zu nebulös. Hilfesuchend wendet er sich an die Bauleitung, bittet um Hinweise für die planerischen Grundlagen zu einer halbwegs plausiblen Ausschreibung.

Wir trösten den Architekten und berichten von unseren Bemühungen, eine Bauweise zu finden, die praktisch umsetzbar ist. Gleich nach Auftragserteilung recherchierten wir weltweit, ob denn vergleichbare Bauvorhaben entstanden sind oder entstehen sollen. Wir erhofften uns damit wesentliche Hinweise zu Lösungsansätzen. Nur in China sind wir fündig geworden. Dort ist ein ähnlich groß angelegtes Projekt geplant. Doch wir wurden enttäuscht. Getroffen haben wir unsere chinesischen Kollegen im Libanon, an der berühmten Seidenstraße mit der Hausnummer 27200. Zum Erfahrungsaustausch wurde uns jedoch mitgeteilt, dass es sich eher um ein linienförmiges Bauwerk zum Zwecke militärischer Verteidigungsstrategien handelt. Da es sich bei uns aber um ein Punktbauwerk handelt, welches eher kultischen Zwecken dienen sollte, konnten wir keine vergleichbaren fachlichen Schlüsse ziehen. Schade.

Echt-Natron bringt eine spektakuläre, aber auch ziemlich absurde Idee eines länglichen Bauwerks, nicht höhen-, sondern längsorientiert, ins Spiel und versucht sich vorzustellen, Cheops argumentativ davon überzeugen zu können. „Wüstenschlange? … vielleicht eine Cheopsschlange?“, versucht er seiner Idee Gewicht zu verleihen. San-Rah unterbricht Echt-Natron mit entsetztem Aufschrei. „Warum nicht gleich Cheopswurm? So ein Unsinn.“ Die Stimmung ist etwas gereizt. San-Rahs Mimik nimmt jetzt tragische Züge an. „Dieser Vorschlag ist Ausdruck unserer Unfähigkeit und daher nicht akzeptabel“, hält er dagegen. „Durch den Vertrag schulden wir dem Auftraggeber Erfolg und genau deshalb muss es beim Würfelbau bleiben“.

„Zwei Möglichkeiten erkenne ich im Moment“, fährt der Architekt fort. „Die beste aller Varianten ist, wir finden zeitnah eine Lösung. Wenn das nicht gelingen sollte, müssen wir eine zweite Variante angehen“. San-Rah wirkt jetzt entschlossen. „Die zweite Variante ist ein Trick. Wir tun so, als sei uns die technische Lösung bekannt. Wir lassen den Bauherrn und die Projektsteuerung im Glauben, dass wir wissen, wie es gehen soll“. Nach einer kleinen Pause fährt der Architekt fort. „Das wäre dann nicht das erste Bauwerk, welches zu aller Überraschung doch fertig gestellt wurde und sogar funktioniert und keiner weiß so richtig, wieso und warum“.

„Ich glaube, ich höre nicht recht“, reagiert der Projektleiter. Ein kurzer Blick auf Echt-Natron genügt, um seinen Widerwillen im Gesicht klar zu erkennen. „Spinnst du“, brüllt Echt-Natron jetzt San-Rah an. „Wie willst du mit diesem Trick die Kosten berechnen? Läuft das etwa wieder darauf hinaus, dass alles erstmal planerisch in Butter ist und dann auf der Baustelle sich die Nachforderungen der Ausführungsfirmen häufen und die Kosten explodieren?“ Echt-Natron bleibt in Fahrt. „Horch zu Architekt, wir kennen diese Spielchen. Die Bauleitung steht dann mit dicken Eiern da und muss Tag und Nacht begründen, begründen und nochmals begründen und ihr verpisst euch an eure Reißbretter in eurer warmes Büro“.

Echt-Natron ist selbst über seinen Ton erschrocken, entschuldigt sich und beruhigt sich wieder. „Nein, so läuft das nicht. Wir sollten Cheops und den Hohen Priestern möglichst schnell reinen Wein einschenken. Apropos reinen Wein einschenken. Schauen wir doch erstmal in die Getränkekarte meiner Chefsekretärin und bestellen wir, dann sehen wir weiter“, lautet der durchaus sympathische Vorschlag Echt-Natrons.