Das Guglhupf Wunder - Wolfgang Krebs - E-Book

Das Guglhupf Wunder E-Book

Wolfgang Krebs

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Beschreibung

Das Wunder von Zeislhöring! Die Mutter des Bürgermeisters ist auf dem kleinen Berg "Guglhupf" unglücklich auf einer Betonplatte ausgerutscht und bewusstlos liegengeblieben. Da ist das Unglaubliche geschehen: Alle ihre Leiden waren verschwunden! Dem Bürgermeister kommt die Idee - die Betonplatte muss magische Kräfte haben! Er ruft sofort eine große Werbekampagne ins Leben, um Zeislhöring als Wallfahrtsort bekannt zu machen, schließlich braucht er Geld. Doch die Nachbargemeinde macht ihm Konkurrenz. Dort handelt es sich um einen Kuhstall, der eine heilende Wirkung haben soll. Ein Streit zwischen den beiden Ortschaften entbrennt. Wer kann diesen Wahnsinn stoppen? Genial komisch wird erzählt, mit welch absurden Ideen die Gemeinden ihre Kassen aufbessern wollen und sich dabei selbst im Weg stehen. Eine Liebesgeschichte à la Romeo und Julia inbegriffen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2016

© 2016 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: Evi Gröning, Rosenheim

Das Titelfoto zeigt Wolfgang Krebs als Schorsch Scheberl.

Worum geht es im Buch?

Wolfgang Krebs / Stefan Fuchs

Das Guglhupf Wunder

Das Wunder von Zeislhöring! Die Mutter des Bürgermeisters ist auf dem kleinen Berg »Guglhupf« unglücklich auf einer Betonplatte ausgerutscht und bewusstlos liegengeblieben. Da ist das Unglaubliche geschehen: Alle ihre Leiden waren verschwunden! Dem Bürgermeister kommt die Idee – die Betonplatte muss magische Kräfte haben! Er ruft sofort eine große Werbekampagne ins Leben, um Zeislhöring als Wallfahrtsort bekannt zu machen, schließlich braucht er Geld. Doch die Nachbargemeinde macht ihm Konkurrenz. Dort handelt es sich um einen Kuhstall, der eine heilende Wirkung haben soll. Ein Streit zwischen den beiden Ortschaften entbrennt.

Wer kann diesen Wahnsinn stoppen? Genial komisch wird erzählt, mit welch absurden Ideen die Gemeinden ihre Kassen aufbessern wollen und sich dabei selbst im Weg stehen. Eine Liebesgeschichte à la Romeo und Julia inbegriffen.

1

»Ihre Mutter ist ja noch erstaunlich rüstig für ihr Alter!« Das bekam Bürgermeister Kuhn des Öfteren zu hören. In der Tat: Seine Mutter Ilse, 87 Jahre alt, war noch richtig gut beieinander. Sie konnte stundenlange Spaziergänge unternehmen, merkte sich den aktuellen Dorfklatsch mit Präzision und konnte ihren eigenen Haushalt versorgen. Und doch wünschte sich ihr Sohn, der Bürgermeister von Zeislhöring, gelegentlich, sie möge etwas weniger Aktivitäten entwickeln.

Lediglich das Asthma machte ihr zu schaffen. Die Anfälle kamen ohne Vorwarnung, häufig in Situationen, in denen sie sich aufregte, oder wenn etwas Unerwartetes geschah. Dann blieb ihr sofort die Luft weg. Aber das war mit einem Inhalator zu beheben. Den kleinen Apparat, der aussah wie ein Mundspray, hatte sie immer dabei. Und so wagte sie sich an erstaunliche Exkursionen und bestritt heikle Abenteuer. Dabei konnte es passieren, dass sie jäh ihre Pläne änderte. Und weil sie stets ohne Karte unterwegs war, endeten ihre Touren nicht selten fernab vom eigentlich geplanten Ziel.

»Ich bin ja keine 80 mehr!«, strahlte sie, wenn Kuhn sie wieder einmal von einer Polizeistation oder einer Notaufnahme abholen musste. Denn die gute Ilse schätzte sehr oft ihre Energie falsch ein. Nicht selten ignorierte sie Wegweiser und marschierte stramm in die falsche Richtung. Wenn sie gelegentlich Auskünfte bezüglich ihres Aufenthaltsortes einholte, konnte es passieren, dass der Befragte korrigiert wurde, da es Oma Ilse besser wusste. Zu ihrer angeborenen Rechthaberei kam noch eine im Alter fortschreitende Schwerhörigkeit, was die Kommunikation mit ihr in zweifacher Hinsicht erschwerte.

An diesem Wochenende war Oma Ilse von der Polizei aufgegriffen worden, weil sie auf dem Seitenstreifen der Autobahn Starnberg-München in Richtung Luise-Kiesselbach-Platz unterwegs gewesen war. Mit einem Rollkoffer! Sie hatte zum Hauptbahnhof gewollt und sich für den direkten Weg entschieden. Bürgermeister Kuhn wurde alarmiert, fuhr zur Autobahnmeisterei, und nur weil er die Beamten gut kannte, wurde auf eine Geldstrafe verzichtet.

Im Auto auf dem Heimweg zeigte sich die alte Dame vollkommen uneinsichtig.

»Wofür soll denn der Streifen neben den Autos sonst gut sein, wenn nicht für Fußgänger? Mir wird doch keiner erzählen wollen, dass das alles für liegen gebliebene Autos reserviert ist. Lächerlich! Auf 30 Kilometer Länge! Da passen ja Tausende hin!«

Bürgermeister Kuhn erwog ganz kurz, argumentativ gegen diese These vorzugehen, dachte dann aber an seine Galle und seine Magenschleimhaut und sah von einer Intervention ab.

»Eigentlich wollte ich ja mit dem Fahrrad fahren! Aber wie ich die Streithanseln von der Polizei kenne, hätten sie bestimmt auch da wieder gestänkert«, tönte es vom Beifahrersitz.

Der Bürgermeister und jetzige Chauffeur starrte stur auf die Autobahn. »Ihre Mutter ist ja erstaunlich rüstig für ihr Alter!«, tönte es in seinen Ohren. »Ihr habt gut reden!«, erwiderte er im Geiste seinen unsichtbaren Gesprächspartnern. »Ich leihe euch die Dame für eine Woche, und danach braucht ihr dringend eine psychotherapeutische Behandlung.«

»Aber freundlich waren sie!«, wurde er von der Seite angekichert. »Besonders der eine, der mit der Glatze! Gott, wenn ich 20 Jahre jünger wär!«

Mit einem Seitenblick registrierte Kuhn den verträumten Gesichtsausdruck seiner Mutter. Richtig böse konnte er ihr ja ohnehin nicht sein. Und so musste er jetzt auch ein bisschen schmunzeln, auch wenn er sehr gerne das Fußballspiel im Fernsehen weiter angesehen hätte.

»Glücklich, wer noch eine Mutter hat …« seufzte er halblaut.

»Wie bitte?«, ertönte es scharf von der Seite.

Bürgermeister Kuhn verdoppelte seine Lautstärke: »Glücklich, wer noch eine Mutter hat!«

Knochentrocken erwiderte Ilse: »Da geht es dir besser als mir …«

Als das Auto in die Tiefgarage fuhr, war das Fußballspiel schon eine Viertelstunde vorbei. Bürgermeister Kuhn wohnte im dritten Stock einer kleinen Wohnanlage, die vor drei Jahren gebaut worden war. Kurz zuvor war seine Frau gestorben und zwei Wochen später auch sein Vater, der Mann von Oma Ilse. Also zogen Witwer und Witwerin gemeinsam um, der Bürgermeister in den dritten Stock und seine Mutter ins Appartement darüber. So hatte er es nicht weit und konnte rasch nach dem Rechten sehen.

Er verabschiedete sich von seiner Mutter an deren Wohnungstür, eilte die Treppe hinab und sperrte auf. Der Fernseher lief noch, er hatte vergessen, ihn auszuschalten. Weil er wieder einmal die Fernbedienung nicht finden konnte, ging er direkt zum Gerät, das ziemlich warm war. Er drückte die Power-Taste und hoffte, dass er sich daran erinnern würde, wenn er wieder einschalten wollte. Schon oft hatte er einen Techniker kommen lassen – und es hatte sich herausgestellt, dass das Gerät keineswegs reparaturbedürftig war.

Er machte sich einen Knoten ins Taschentuch, und da er keines aus Stoff benutzte, nahm er dazu eines aus Papier. Das verknotete Knäuel legte er auf den Tisch vor dem Sofa und hoffte, dass er das Signal erkennen würde, wenn es so weit war.

Dann trat er auf den Balkon und genoss den Seeblick. Die Sonne war noch hinter den Bergen zu sehen, die Luft war frisch, es roch nach Winter. Auf dem See kreisten einige wenige Segelboote, begleitet von Möwen und Krähen. Wie sehr er diese Aussicht genoss! Schon als Kind, als sein Spielplatz das Seeufer gewesen war, hatte er sie geliebt. Von dem kleinen Berg aus konnte man den See sogar noch besser sehen. »Guglhupf« haben die Zeislhöringer die Anhöhe genannt, weil sie dem gleichnamigen Kuchen entfernt ähnlich sah. Hier hatte der kleine Rainer Kuhn von seinem Vater das Skifahren gelernt. Seine Mutter hatte ihm das Schwimmen beigebracht.

Warum musste er jetzt daran denken? Er besah sich in der spiegelnden Fensterscheibe. »Igel« hatte man ihn schon in der Schule genannt – wegen seiner widerspenstigen, dichten Borsten, die fast senkrecht in die Höhe standen. Grau war jetzt die beherrschende Farbe. Die schwarzen runden Augen erinnerten zusätzlich an das Stacheltier, ebenso die in Falten gelegte Stirn, die auf mehr Sorgen schließen ließen, als er tatsächlich mit sich herumschleppte.

Er war gern Bürgermeister der kleinen Gemeinde am Starnberger See. Erst kurz zuvor hatte er das alte Wirtshaus gerettet, und er war mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Aber die Nachbarstädte Possenhofen, Feldafing und Tutzing liefen Zeislhöring trotzdem den Rang ab. Auto- und Radfahrer machten hier nur selten Station. Die Anzahl der Übernachtungsgäste im Sommer ging zurück. Ein paar Jahre zuvor war auch noch der größte Arbeitgeber am Ort nach München-Großhadern verzogen, ein Zulieferer für Autostandheizungen. 130 Arbeitsplätze waren verloren gegangen. Die meisten Beschäftigten waren mitgegangen. Kuhn stellte sich bis heute die Frage, ob er es hätte verhindern können, und versöhnte sich mit sich selbst, indem er einsah, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen gewesen war.

Ein kleiner Trost war für ihn, dass es der Nachbargemeinde Sticheldorf noch schlechter erging. Dieses kleine Dorf mit 800 Einwohnern lag einen Kilometer vom See entfernt, hatte also keine Ufer. Durch die erhöhte Lage war der Blick auf den See zwar wunderschön – aber man musste dieses Kleinod halt erst einmal finden. Die Stadtflucht hatte dort noch gravierendere Ausmaße angenommen. Vor 30 Jahren hatte Sticheldorf fast so viele Einwohner gehabt wie Zeislhöring. Die Bürgermeisterin, Frau Riexinger, eine handfeste Kämpfernatur, tat alles, was in ihrer Macht stand, um das Gemeinwesen zu retten. Aber die aktuelle Entwicklung arbeitete gegen sie.

Jetzt war von der Sonne nur noch der oberste Rand zu sehen. Der Himmel färbte sich rot. Die Segelboote machten sich auf dem Heimweg.

Obwohl er nicht religiös war, fiel Kuhn das Erste Buch Mose ein, Kapitel 2, Vers 18: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ein einsamer Samstagabend lag vor ihm, in seiner Wohnung mit dem menschenleeren Sofa und dem ebenso leeren Bett. Spielfilm oder Partnerbörse? Er entschied sich für die Börse. Bei zweien war er seit einem halben Jahr angemeldet, was nicht ganz billig war: bei »Parship« und bei »ElitePartner« – sicherheitshalber. Die Ausbeute war bis jetzt noch nicht sehr groß, zu einem Rendezvous war es noch nie gekommen. Er musste vorsichtig sein und wollte nicht erkannt werden. Nicht auszudenken, wenn sich im Dorf herumsprechen würde, dass der Bürgermeister im Internet auf Brautschau gegangen war.

Also fuhr er den Computer hoch und schaute im Posteingang nach, ob sich jemand gemeldet hatte. Nein, leider nicht. Sollte er es heute einmal wagen, jemanden anzuschreiben? Das Problem: Es sollte eine Frau aus der Gegend sein, notfalls vom gegenüberliegenden Seeufer. Einstweilen wollte er sich bedeckt halten, aber irgendwann würde einmal der Zeitpunkt kommen, wo er die Anonymität verlassen musste. Dann war die Katze aus dem Sack. Bislang hatte er das noch nicht gewagt.

Ein Glas Weißwein zur Ermutigung, schnell eingeloggt und das Angebot studiert. Die nette Studienrätin aus Weilheim war immer noch da – mit unkenntlich gemachtem Foto zwar, aber das, was er erkannte, gefiel ihm. In ihrem Profil beantwortete sie die Frage nach ihrem Lieblingskunstwerk mit »eine Oper von Van Gogh« und nach ihrem Lieblingsbuch mit »die Geschichte von der jungen Frau aus den Schweizer Bergen, die in die Stadt muss, ich komm jetzt nicht auf den Namen …« Das gefiel ihm. Humor schien sie zu haben, und das war ja schon einmal die halbe Miete. Mal sehen, wer sich sonst noch so angemeldet hatte.

Drei Stunden und eine Flasche Wein später war er genauso wenig verliebt und verlobt wie gestern oder die Tage davor. Er schaltete den Computer aus und ging auf den Balkon. Über ein Spiegelsystem konnte er feststellen, ob oben in der Wohnung seiner Mutter noch Licht brannte. Aber Ilse war schon schlafen gegangen. Also tat er es ihr gleich. Vielleicht würde er ja von der Studienrätin träumen. Hoffentlich! Denn die Alternative war die Schließung des Standheizungsbetriebs. Und in diesem Fall war ihm eine Studienrätin bedeutend lieber.

Ilse Kuhn fasste am nächsten Morgen einen ihrer spontanen Entschlüsse. Kurz nach sieben Uhr stand sie auf und bemerkte, dass es ein schöner Sonntag werden würde. Es beunruhigte sie noch nicht einmal, dass sich das mit der Prognose des Wetterberichts deckte. Sie packte sich eine Brotzeit in ihren alten ledernen Rucksack, vergaß den Inhalator nicht, zog die festen Stiefel an und setzte sich ein Hütchen auf, das im Jahr 1960 einmal höchst modisch gewesen war. Wer weiß, vielleicht würde sie die große Runde bis Andechs machen oder in einen Zug steigen und nach Garmisch-Partenkirchen fahren – oder nach Salzburg oder gleich bis nach Wien.

Oma Ilse sah wie immer davon ab, irgendjemanden über ihr Vorhaben zu informieren. Sie verschmähte den Lift und ging die vier Stockwerke nach unten zu Fuß. Als sie aus dem Haus trat, war weit und breit niemand zu sehen. Sie ließ den See hinter sich und spazierte die Straße hinauf, Richtung Guglhupf, wo ihr verstorbener Mann seinem achtjährigen Sohn das Skifahren beigebracht hatte. Eine Katze begleitete sie fünf Häuser weit, dann gab sie auf. Oma Ilse lief ihr zu schnell. Die Katze blieb zurück, und Oma Ilse verschwand im Dunst, der von der Anhöhe herunterzog.

Bürgermeister Kuhn schlief lang, was er sehr genoss. Normalerweise saß er schon früh im Büro, umsorgt von seiner Sekretärin Penz-Pigulla, die ihre Umgangsformen bei einem alten Wikinger-Stamm gelernt haben mochte. Der Umgangston war rau, Kaffeetassen wurden mit lautem Geräusch auf den Tisch geknallt, und angeklopft wurde generell nie. Doch Kuhn wusste genau: Ohne diesen Dragoner wäre er hilflos wie ein Säugling. Sie hatte den Laden im Griff, speicherte jedes Detail und konnte seinen Terminkalender für die nächsten vier Wochen im Schlaf hersagen.

Die Abwesenheit dieses Feldwebels genoss Bürgermeister Kuhn außerordentlich. Er wachte auf und wollte doch nicht wach werden. Er blieb noch eine Stunde im Bett und genoss seinen Halbschlaf – bis ihn die Neugier an den Computer trieb. Hatte sich jemand für ihn interessiert? Ihn vielleicht sogar angeschrieben? Er fürchtete sich ein bisschen vor diesem Moment, aber wieder einmal war er nicht eingetreten.

Normalerweise klingelte um diese Zeit bereits das Telefon. Es gab immer jemanden, der die Sonntagsruhe nicht respektierte, irgendwelche Nervensägen mit Anliegen, die angeblich nicht warten konnten. Aber heute war es ruhig.

Er kochte sich Kaffee und bereitete sich ein kleines Frühstück. Nicht zu viel, denn um eins war er bei seiner Mutter zum Mittagessen eingeladen. Sie konnte hervorragend kochen – auf diesem Gebiet durfte sie sich jede Besserwisserei der Welt leisten. Es wäre ein großer Fehler gewesen, ihr zu widersprechen oder sie zu korrigieren.

Die Zeit bis dahin verbrachte er vor dem Computer, wo ihn wieder das leider unkenntliche Gesicht der Weilheimer Studienrätin anlächelte. Schließlich überwand er sich und las ein paar Dokumente durch, die bei der morgigen Sitzung wichtig werden könnten.

Um kurz vor eins verließ er seine Wohnung und ging einen Stock höher. Er klingelte und klopfte, aber es war niemand da – zumindest machte niemand auf. Er seufzte. Auch das passierte nicht das erste Mal. Seine Mutter hatte schon oft Verabredungen vergessen, weil sie sich spontan für einen anderen Tagesablauf entschieden hatte. Also ging Bürgermeister Kuhn wieder nach unten und schaute nach, was das Gefrierfach für Köstlichkeiten im Angebot hatte. Ein Stück Fisch mit einer angeblich italienischen Auflage, Vorheizen bei 200 Grad, dann 35 Minuten backen.

Er wusste jetzt bereits genau, wie das schmecken würde, weil es die vermutlich 50. Portion in diesem Jahr war. Allein schon deshalb war es nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ein kluger Mann, dieser Mose, auch wenn er in diesem Fall nur jemand anderen zitiert hatte.

Am Nachmittag bekam Bürgermeister Kuhn Besuch von Evi Böttcher. Sie gehörte zu der Sorte Menschen, die jeden Raum heller machen, wenn sie ihn betreten. Ihre graugrünen Augen blitzen, auch wenn gar kein Licht da war, das sie reflektieren konnten, und ihre blonden Locken schienen mit Leuchtdioden durchsetzt zu sein, so sehr strahlten sie. Und wenn sie lachte, dann schienen sogar ihre weißen Zähne die Umgebung zu beleuchten. Ein echter Sonnenschein, dachte sich Bürgermeister Kuhn wieder einmal und bat Evi herein.

Sie kannten sich seit zehn Jahren. Evi hatte damals als Volontärin im Büro des Bürgermeisters gearbeitet. Selbst Frau Penz-Pigulla, die offenbar seit der Grundsteinlegung des Gebäudes im Jahr 1922 dort angestellt war, konnte sich der Freundlichkeit dieses frischen Geschöpfs nicht entziehen. Das sauertöpfische Fossil mit der spitzen Zunge musste gelegentlich lächeln, vermutlich widerwillig. Evi zog mit ihrer guten Laune einfach jeden in ihren Bann, auch verhärmte Vorzimmer-Gewächse.

Evi war nur wenige Monate in der Bürgermeisterei geblieben, dann hatte sie ihr Studium fortgesetzt, aber nach sechs Semestern abgebrochen. Deswegen mussten ganze Hörsäle geweint haben. Sie hatte sich damals bei Bürgermeister Kuhn ausgeweint und geklagt, dass das Studium ein großer Irrtum gewesen wäre und dass sie völlig ratlos sei, was sie jetzt tun solle.

Bürgermeister Kuhn, dessen Ehe kinderlos geblieben war, nahm sie als eine Art Stieftochter an. So ein Wesen musste man so oft wie möglich um sich haben, hatte er sich gedacht. Er stellte einen Kontakt her zum Leiter des Starnberger Büros des Münchner Merkur, zu seinem alten Skatfreund Bernd Swoboda, einem gemütlichen dickbäuchigen Genussmenschen mit österreichischen Wurzeln. Swoboda bat Evi zu einem Gespräch und war von ihr ebenso angetan wie alle, die ihr begegneten. Sie bekam die Chance, ihr Schreibtalent unter Beweis zu stellen – und Swoboda war begeistert. Ihr Stil war genauso frisch und unbekümmert wie ihr Naturell, aber sie war gründlich, gewissenhaft und fair. Allerdings war ihr eine kleine Macke nicht auszutreiben: Manchmal dachte sie schneller, als sie schrieb oder sprach.

»Sie hat mir noch gesagt, dass ich daran denken soll, aber dann hab ich ihn doch vergessen!«, erklärte sie zur Begrüßung. Die Substantive hatte sie sich gedacht und dann beim Sprechen durch persönliche Fürwörter ersetzt. Für Gedankenleser war das kein Problem, aber in dieser Disziplin war der Bürgermeister außerordentlich schlecht.

»Hallo Evi! Wer hat dir gesagt, dass du woran denken sollst, und wen hast du dann doch vergessen?«

»Hab ich doch gerade gesagt!«, lachte Evi.

»Stimmt, das hast du tatsächlich gesagt. Aber ich brauche leider noch ein paar Zusatzinformationen, damit ich das verstehen kann.«

Evi umarmte den Bürgermeister stürmisch und lachte ihr ansteckendes Gute-Laune-Lachen.

»Ach, war ich wieder zu schnell. Dabei ist es doch ganz einfach! Also meine Schwester versteht mich immer auf Anhieb. Bei Männern ist das schwieriger, die sind einfach im Kopf nicht so rege!«

Bürgermeister Kuhn wollte sich nicht auf eine ohnehin aussichtslose Geschlechter-Diskussion einlassen und hakte nach.

»Würdest du dich bitte selbst übersetzen? Mir zuliebe?«

»Gern! Was hab ich denn gesagt?«

»Dass du … dass du …«

Kuhn wusste es selbst nicht mehr so genau.

»Oma Ilse! Sie hat mir noch gesagt, dass ich daran denken soll. Aber ich hab ihn trotzdem vergessen.«

»Wen denn bitte?«

»Den Kuchen! Das siehst du doch!«

Bürgermeister Kuhn war erleichtert, endlich den Satz verstanden zu haben, und winkte ab.

»Nicht schlimm. Trinken wir den Kaffee halt pur. Und wie ich meine Mutter kenne, steht sie gleich vor der Tür mit einem Blech Kuchen für eine Fußballmannschaft inklusive Ersatzspieler.«

»Ach, ist Oma Ilse nicht da?«

»Nein. Meine Frau Mutter ist heute Morgen aufgebrochen und hat mir nicht mitgeteilt, mit welchem Zweck und welchem Ziel. Vielleicht will sie eine Ölquelle finden oder eine seltene Vogelart. Oder sie hat sich einer Pilgergruppe angeschlossen und ist jetzt auf dem Weg nach Altötting.«

Evi lachte, und die Welt war in Ordnung.

Die beiden tranken Kaffee, und Evi erkundigte sich, wie es um das Herz von Bürgermeister Kuhn bestellt sei.

»Nach wie vor unangetastet …«, seufzte er.

»Wie bei mir«, bekannte Evi, die seit der Trennung von ihrem Jugendfreund Sebastian vor drei Jahren ebenfalls Single war.

Damit Kuhn und sie auf andere Gedanken kamen, erzählte sie von ihren Artikeln der letzten Woche: einmal einer Kritik zu einem Konzert in der Schlossberghalle – ein sehr lauter Jazz-Saxofonist. Dann vom 100. Geburtstag der Gruber-Fanny, die leider nichts mehr hörte und nichts mehr sah, aber sich sehr freute, am Leben zu sein. Ein zehnjähriger Junge hatte eine Auszeichnung bekommen, weil er einem Hund das Leben gerettet hatte, und dann war da noch die öffentliche Sitzung des Starnberger Gemeinderats.

»Da saß wieder dieser widerliche Typ von der Süddeutschen neben mir, Titus Struck heißt der. Ein Schnösel mit viel Gel im Haar, Schal um den Hals und Porsche vor der Tür. Der glaubt, er ist der Größte, weil er für die Süddeutsche schreibt und in Schwabing wohnt. Wenn er wirklich so eine Granate wäre, warum arbeitet er denn bitte für den Starnberger Regionalteil?«

Bürgermeister Kuhn schaute sie verwundert an. »Was ist denn los? Du bist doch sonst friedlich wie ein Lamm und lässt dich von niemandem ärgern? Dann muss das ja ein besonderer Stinkstiefel sein!«

»Größe 52!«, fauchte Evi zurück. »Solche Typen hab ich gefressen! Hochdeutsch reden, aber für die Bayern schreiben. Das geht ü-ber-haupt nicht!«

Bei dieser Wucht der Antipathie musste Bürgermeister Kuhn schmunzeln. Bislang hatte sich Evi noch nie über einen anderen Menschen derart heftig geärgert. Da musste noch etwas anderes vorgefallen sein.

Evi sah auf die Uhr.

»Ach du liebe Zeit, ich hab ihr ja versprochen, dass ich mich um ihn kümmere!«

Bevor Kuhn nachfragen konnte, bemerkte Evi ihre abermalige Verknappung und erklärte:

»Nachbarin. Hund. Ich muss los!«

Es war sieben Uhr geworden, und es hatte angefangen zu regnen. Evi bemerkte, dass sie auf dieses Wetter nicht vorbereitet war. Kuhn bot ihr an, ihr einen Schirm zu leihen oder sie nach Hause zu fahren. Sie wohnte im Dachgeschoss eines alten Hauses an der Bahnlinie. Laut, aber romantisch und vor allem erschwinglich.

»Wo bleibt denn Oma Ilse?«, machte sich Evi Sorgen.

Kuhn hielt inne und spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Hätte sich seine Mutter verlaufen, wäre längst ein Anruf gekommen. Dunkelheit mochte sie überhaupt nicht, da bekam sie große Angst. Normalerweise nahm sie in solchen Fällen ein Taxi, oder sie meldete sich bei ihrem Sohn mit der Bitte, sie irgendwo abzuholen.

»Da stimmt doch etwas nicht…«, sprach Evi das aus, was Kuhn befürchtete. »Wir müssen sie suchen.«

»Ja, aber das mache ich allein. Es regnet, und du musst dich ja um den Hund der Nachbarin kümmern.«

»Der kann auch noch eine Stunde allein bleiben. Du leihst mir einen Regenmantel, und dann suchen wir Oma Ilse!«

Zwei Gestalten in identisch aussehenden Regenmänteln bahnten sich einen Weg durch den Regen, der sich wegen des starken Winds sehr feindselig anfühlte. Evi in ihrem viel zu großen Mantel schob immer wieder die Kapuze aus den Augen und die Ärmel nach oben und leuchtete mit einer Taschenlampe links und rechts in den Wald hinein. Auch Kuhn, jetzt mit einem Schlapphut auf dem Kopf, stapfte durch den Regen den Waldweg zum Berg hinauf. Er rief immer wieder nach seiner Mutter und lauschte, aber der Regen und die rauschenden Bäume verschluckten alle weiteren Geräusche.

Seit drei Stunden waren sie schon unterwegs, auf allen möglichen Wegen, die Oma Ilse hätte nehmen können. Dass sie sich unten am See aufhielt, war unwahrscheinlich. Vermutlich hatte sie einen der Waldwege gewählt, die zu den Anhöhen hinauf führten, zur Ilkahöhe, zu den Deixlfurter Seen oder zum Guglhupf.

Im Lokal auf der Ilkahöhe, das kurz zuvor wunderschön renoviert worden war, beteuerte man, dass Oma Ilse heute nicht hier gewesen sei. An den Deixlfurter Seen trafen sie noch ein paar Angler, die gerade ihre Geräte einpackten. Auch sie hatten niemanden gesehen, auf den die Beschreibung passte. Dann also die letzte Chance, der Weg hinauf auf den kleinen Guglhupf.

Da plötzlich entdeckte Evi etwas Helles, Glattes auf dem Waldboden: einen Inhalator. Genauso einen, wie ihn Oma Ilse benutzte. Hier teilte sich der Weg. Der breitere Teil verlief weiter nach rechts, der schmalere nach links. Der aber endete im Nichts und wurde nur von Waldarbeitern benutzt. War Oma Ilse hier abgebogen, vielleicht auf der Suche nach ihrem Inhalator?

Kuhn und Evi gingen den matschigen kleinen Weg durchs Gebüsch. Evi musste ganz kurz an den armen Hund denken, um den sie sich hätte kümmern müssen, aber der Gedanke war gleich wieder weg und machte der Sorge um Oma Ilse Platz.

Jetzt endete der Weg. Sie waren auf einer kleinen Lichtung – ein Holzstapel, ein vermoderter Jägerstand, von dem aus schon lange kein Tier mehr geschossen worden war.

Es regnete kaum noch. Der Wind bewegte die Bäume, ein unheimlicher, stummer Tanz zu heulenden und pfeifenden Geräuschen . Evis Taschenlampe beleuchtete die Szene nur notdürftig. Sie sah, dass neben dem Jägerstand eine Schneise in den Wald geschlagen war.

»Wo geht es denn dahin?«

»Da hat vor vielen Jahren einmal eine Firma nach einer heißen Quelle gebohrt. Irgendein Geologe hat gemeint, dass man da etwas finden könnte. Damals haben viele schon von ›Bad Zeislhöring‹ geträumt. Man hat da auch gegraben, ein ziemlich tiefes Loch sogar, aber man hat nichts gefunden, und dann hat man es mit einer Betonplatte wieder verschlossen.«

»Wir müssen da hin!«, rief Evi, einer plötzlichen Eingebung folgend. Sie hastete los, und Kuhn hatte große Mühe, ihr zu folgen. Er orientierte sich am Lichtkegel der Taschenlampe, sah aber natürlich nicht genau, wo er hintrat. Etliche Male strauchelte er, weil er an einer Wurzel hängen blieb oder ein großer Stein im Weg lag. Einmal verhakte sich ein Ast in seiner Hose, und er musste sie zerreißen, um sich befreien zu können. Als er wieder aufblickte, war der Lichtkegel verschwunden.

»Evi! Wo bist du?«, brüllte er in den Wind. Doch so angestrengt er auch lauschte, er hörte nichts. Durch eine Lücke in den dahinjagenden Wolken warf der kleine Rest eines abnehmenden Mondes einen fahlen Schein auf die Szenerie. Kuhn arbeitete sich weiter vor und hoffte, nicht die Orientierung verloren zu haben.

Dann blieb er stehen. Was er sah, ließ ihn für einige Sekunden erstarren. Dann war er wieder fähig, sich zu bewegen und zu denken. Auf einer Betonplatte, die einmal hell gewesen und jetzt mit Schmutz und Erde überzogen war, lagen regungslos zwei Gestalten. Kuhn rutschte mehrmals aus, weil er auf dem glatten Boden zu hastige Schritte machte, und erkannte Evi und Oma Ilse, beide mit geschlossenen Augen.

Er sprang zur Platte und kniete sich hin. Erst rüttelte er an seiner Mutter, die leblos schien. Dann widmete er sich Evi, die in diesem Moment wieder die Augen aufschlug.

»Mir geht’s gut, ich bin nur ausgerutscht, hab mir den Kopf angehauen und war einen Moment ohnmächtig. Kümmer dich um Ilse!«

Kuhn nestelte ein Handy aus seiner Hosentasche, das klatschnass war, aber noch leuchtete. Allerdings hatte es keinen Empfang. Wasser war offenbar ebenfalls eingedrungen. Ob es noch funktionierte, war sehr fraglich.

»Ich hole einen Arzt! Ilse hat Asthma! Sie braucht ihren Inhalator. Atmet sie noch?«

Evi fühlte ihr den Puls und rieb sich mit der anderen Hand den schmerzenden Hinterkopf.

»Ich weiß nicht. Und dabei habe ich erst vor zwei Wochen eine Reportage über Erste Hilfe gemacht.«

»Bleib bei ihr, ich bin sofort wieder da!«

»Er tut mir so leid«, seufzte Evi.

»Wer?«, fragte Kuhn mit überschnappender Stimme.

»Der arme Hund«, lautete die gehauchte Antwort. »Beeil dich, ich passe auf sie auf!«

Jetzt wusste Kuhn, von wem Evi sprach. Er hastete zurück und machte sich auf den Weg zu dem schönen Lokal auf der Ilkahöhe. Als Kuhn in der Tür stand, dachte der Kellner, er hätte Kaspar Hauser zu Gast oder den Yeti oder einen Braunbären. Kuhn war über und über mit Schlamm und Dreck bedeckt. Er bat um ein Telefon. Der Kellner lieh ihm seins, bat ihn aber, beiseitezutreten, um die Gäste nicht zu erschrecken. Dabei hinterließ Kuhn am Boden eine Spur, als sei ein Traktor durch das Lokal gefahren.

Unter der Notruf-Nummer meldete sich ein junger Mitarbeiter, der versprach, sofort einen Arzt zu schicken.

»Schicken Sie einen mit Allradantrieb!«, konnte Kuhn noch sagen, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

2

Der Notarzt hieß Thakkur und stammte aus Indien, genauer: aus Westbengalen, wie er Kuhn und seiner Mutter im Krankenwagen erzählte. Er hatte in seinem Leben schon viel Unglück gesehen und dabei gelernt, sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen. Eine ältere Dame, die sich im Wald verirrt hatte, und ihr verschmutzter Sohn, der auf der Suche nach ihr zusammengeklappt war – das waren nette kleine Fingerübungen zwischen den dramatischen Unglücksfällen, die seinen Alltag bestimmten.

Ein netter Rettungssanitäter, der sich mit »I bin der Wiggerl«, vorstellte, brachte Kuhn in seine Wohnung und Oma Ilse eine Etage höher. Ilses Wunsch, von Wiggerl gebadet zu werden, musste abschlägig beschieden werden, da sie bereits wieder einen äußerst munteren Eindruck machte.

Dr. Thakkur entfernte das Blutdruckmessgerät und konnte nichts besorgniserregendes feststellen. Eine Unterkühlung lag nicht vor, alle Knochen waren heil geblieben, eine kleine Abschürfung war mit einem Pflaster verklebt worden – fertig.

Aufwendiger gestaltete sich die Wiederherstellung von Bürgermeister Kuhn. Hose und Hemd waren zerrissen, einige Fasern klebten in seinen offenen Wunden. Da ja bekanntermaßen kleinere Verletzungen bei Männern ungleich schneller zum Tode führen als bei Frauen, nahm sich Dr. Thakkur Zeit, um sich um Kuhn zu kümmern. Der wimmerte und seufzte und ähnelte mit seiner schlammverkrusteten Haut der Gletschermumie Ötzi.

Schließlich war auch er verarztet und gereinigt. Dr. Thakkur und der Wiggerl verabschiedeten sich. Evi kümmerte sich zunächst um Oma Ilse, die sehr fidel in ihrem Fernsehsessel saß und von dem aufregenden Ausflug schwärmte.

Ein Stockwerk tiefer lag Bürgermeister Kuhn auf dem Sofa und wimmerte. Die Wunden an Armen und Beinen taten wohl sehr weh. Selbst wenn man die maskuline Theatralik abzog, waren seine Leiden durchaus erheblich.

Draußen hatte der Regen aufgehört, aber der Wind zerrte noch an Bäumen und Dachziegeln. Dunkle Wolken ließen vom Mond nichts mehr erahnen, es war düster und bedrohlich.

Evi wollte sich gerade verabschieden, als es klingelte. Oma Ilse stand vor der Tür und legte Wert auf einen gemeinsamen Schlummertrunk.

Evi staunte. So viel Energie nach so einem Unfall! Ächzend richtete Kuhn sich auf. Eigentlich wollte er seine Ruhe haben. Aber als Evi einen heißen Grog für die beiden Verunfallten in Aussicht stellte, änderte sich seine Gefühlslage. Jetzt erst wurde ihm bewusst, wie beängstigend munter seine Mutter war. Mit leuchtend roten Wangen und flinken Schritten kam sie ins Zimmer, setzte sich auf einen Sessel und strahlte ihn an.

»So einen schönen Ausflug hab ich schon lange nicht mehr gemacht!«, freute sie sich und klatschte mit den Händen auf die Knie.

»Mama, das wäre auch weniger aufregend gegangen … Beim nächsten Mal sagst du bitte, wohin du gehst!«

»Gern! Wenn ich das nur immer schon am Anfang wüsste.«

Kuhn seufzte und rieb sich sein linkes Bein, wo der Unterschenkel unter dem Verband pochte.

»Es gibt auch einfachere Methoden, Mediziner kennenzulernen, Mama!«

Oma Ilse grinste wie ein Honigkuchenpferd.

»Das stimmt! Aber einfacher ist meistens auch langweiliger.«

Sie kicherte und freute sich über die zwei dampfenden Grog-Gläser, die Evi auf einem Tablett an den Tisch brachte. Noch waren die Getränke so heiß, dass man sie nicht trinken konnte, aber der Duft und die Wärme breiteten sich auf angenehme Weise im Zimmer aus.

»Was ist denn eigentlich genau passiert?«, fragte Evi.

Oma Ilse kicherte.

»Ich wollte eine Abkürzung nehmen. Und da bin ich wohl so früh abgebogen, dass die Abkürzung sehr viel länger gedauert hätte. Also wollte ich für die Strecke zurück auf den richtigen Weg wieder eine Abkürzung nehmen.«

Bürgermeister Kuhn nickte. Ihm kam diese Art der Argumentation sehr bekannt vor. Er duckte sich ein bisschen, weil er wusste, dass es in dem Stil weitergehen würde.

»Und dann hab ich gemerkt, dass die zweite Abkürzung noch länger gedauert hätte als die erste. Da hab ich mir gedacht: Wenn es länger dauert, etwas abzukürzen, ist es vielleicht kürzer, den längeren Weg zu gehen.«

Evi blieb ernst. Die beiden schienen dieselbe Sprache zu sprechen.

»Und dann wollte ich den längeren Weg gehen, habe aber gemerkt, dass ich immer noch auf dem kürzeren bin. Und das hätte mir zu lang gedauert.«

»Also bist du wieder abgebogen, um den längeren Weg zu nehmen, damit es nicht länger dauert, als mit der Abkürzung, die noch länger gedauert hätte.«

Oma Ilse war begeistert. Endlich jemand, mit dem man sich vernünftig unterhalten konnte!

»Ganz genau! Und dann bin ich bei dem Loch gelandet. Das heißt, heute ist es ja gar kein Loch mehr.«

»Stimmt!«, pflichtete Evi bei, »Damals haben sie danach gegraben, und wenn sie welche gefunden hätten, hätten sie ihn geändert!«

Auch mit Evis hauptwortvermeidender Sprache hatte Oma Ilse keine Probleme. Sie nickte.

»Keine heißen Quellen, kein ›Bad Zeislhöring‹. Nur eine Betonplatte. Und auf der muss ich ausgerutscht sein. So etwas ist mir noch nie passiert!«

Bürgermeister Kuhn hätte gern widersprochen und an etliche vergleichbare Vorfälle erinnert, beispielsweise daran, dass seine Mutter einmal fünf Stunden in einer Restaurant-Toilette verbracht hatte, weil sie das Schloss nicht hatte öffnen können. Oder daran, dass sie sich vor vielen Jahren beim Skifahren eine sehr lange Zeit in einem Dornbusch aufgehalten hatte, in den sie gebrettert war. Im Zuge ihrer Befreiungsversuche hatte sie gemerkt, dass sich die Dornen in ihrem sehr teuren Ski-Dress verfangen hatten, und es war sehr viel Zeit nötig gewesen, sich aus dem Gestrüpp zu lösen, um das wertvolle Modell nicht zu lädieren. Dass mittlerweile die Polizei nach ihr suchte, hatte sie im Interesse ihrer Oberbekleidung in Kauf genommen.

»Wo hast du ihn eigentlich verloren?«, fragte Evi unvermittelt.

Jetzt war allerdings auch Oma Ilse ratlos.

»Wen meinst du, bitte?«

»Deinen Inhalator. Den brauchst du doch ganz dringend, hat mir dein Sohn erzählt.«

Bürgermeister Kuhn vergaß in diesem Moment seine Schmerzen. Es war ihm noch gar nicht aufgefallen, dass seine Mutter ihren Inhalator nicht mehr hatte.

Oma Ilse lachte.

»Der muss mir bei meiner artistischen Darbietung auf der Betonplatte abhandengekommen sein.«

Kuhn richtete sich ächzend auf.

»Das gibt’s doch gar nicht! Sonst brauchst du den alle zehn Minuten!«

Wie war es möglich, dass seine Mutter ohne die geringsten Atemschwierigkeiten Stunden in dem nasskalten Wald zubringen konnte?

Oma Ilse zuckte mit den Schultern.

»Weiß ich auch nicht. Ich kann nur sagen, dass es mir gut gegangen ist als Rotkäppchen auf der Betonplatte. Eigentlich besser als vorher. Und wenn ich mir mich jetzt so anschaue – ich glaube, ich brauch das Ding nicht mehr!«

Oma Ilse strahlte wie ein Kind, dem man gerade mitgeteilt hat, dass es zwei Wochen lang nicht mehr in die Schule muss.

»Mama, hast du noch ein Reservegerät? Was machst du denn, wenn irgendwann heute Nacht das Asthma wiederkommt?«

»Heute Nacht kommt niemand mehr, da schlaf ich!«, gluckste sie amüsiert und nahm einen Schluck aus ihrer heißen Tasse.

Evi beruhigte den Bürgermeister.

»Ich bringe Ilse gleich nach oben, da schauen wir, ob wir noch einen finden. Und du bleibst hier liegen, vergisst sie und findest ihn.«

»Ich vergesse was? Und finde wen?«

»Die Schmerzen! Den Schlaf!«

Evi deckte den Bürgermeister zu und brachte Oma Ilse nach oben.

Kuhn schloss die Augen. In dieser Sekunde war ihm, als sei ihm ein enorm wichtiger Gedanke durch den Kopf geschossen. Die Lösung, die Rettung! Aber entweder war der Gedanke zu schnell gewesen oder er, der Bürgermeister, zu langsam. Als Kuhn zugreifen wollte, war der Gedanke jedenfalls schon um die Ecke verschwunden.

»Vielleicht kommt er ja morgen wieder …« dachte Kuhn noch, kuschelte sich in seine Decke, vergaß sie und fand ihn.

Am nächsten Morgen lag der Bürgermeister in seinem Bett. Er wusste nicht mehr, wie er hineingekommen war. Offenbar hatte ihm Evi geholfen. Die Vorstellung war ihm unangenehm. Noch unangenehmer aber fand er, dass es schon acht Uhr war. Um diese Zeit sollte er eigentlich schon im Büro sein. Hastig sprang er aus dem Bett und wurde dabei sehr deutlich an seine gestrige Rettungsaktion erinnert. Die Wunden schmerzten, aber er konnte sich immerhin bewegen.

Im Wohnzimmer sah er auf dem Tisch ein Papiertaschentuch, in das irgendjemand einen Knoten gemacht hatte – vermutlich er selbst –, um sich an etwas zu erinnern. Kuhn wusste nicht mehr, woran. Da flitzte wieder der Gedanke von gestern durch seinen Kopf! Rasend schnell, im Zickzack, von rechts nach links. Und wieder gelang es Kuhn nicht, das Ende des Blitzes zu fassen. Aber er wusste: Beim nächsten Mal würde er ihn erwischen, den Burschen. Irgendetwas Wichtiges war damit verbunden, etwas, das sein Leben verändern konnte oder das seiner Gemeinde. Vielleicht würde man damit einen Teil der Geldsorgen los.

Mittlerweile war die Gemeindekasse so leer, dass nicht einmal mehr der Seniorennachmittag mit Kaffee unterstützt werden konnte. Das kleine Kino hätte einen Zuschuss gebraucht, sonst konnte es auf Dauer nicht überleben. Die kleine Brücke war morsch, die Bänke an der Hauptstraße von Vandalen verwüstet, die Beleuchtung brannte bei Nacht auf Sparflamme.

Und ein weiterer ortsansässiger Betrieb hatte seinen Standortwechsel ankündigte. Wieder ein hoher Steuerbetrag weniger.

Kuhn fuhr vorsichtig in seine Hosen, entschlossen, die Herausforderungen anzunehmen, die der Tag für ihn bereithielt. Und jetzt wusste er auch wieder, warum er sich den Knoten ins Taschentuch gemacht hatte. Reifen wechseln! Seine gute Laune kehrte zurück. Immerhin arbeitete sein Gedächtnis noch einwandfrei! Da ließ sich auch verschmerzen, dass seit einer Weile die Fernbedienung des Fernsehers verschwunden war.

Oma Ilse kam auch am Tag nach dem Ausflug in den Dschungel ohne ihren Inhalator aus. So angenehm die Phase auch war, so misstrauisch wurde sie dem neuen Glück gegenüber. Sicherheitshalber vereinbarte sie einen Termin bei ihrem Lungenarzt in Starnberg. Der untersuchte sie intensiv und kam dann zu einem erstaunlichen Befund: Das Asthma war verschwunden! In seiner 25-jährigen Laufbahn hätte er so etwas noch nicht erlebt! Oma Ilse solle aber sicherheitshalber weiterhin einen Inhalator bei sich tragen, man wisse nie, ob die Beschwerden nicht unvermittelt zurückkämen

Oma Ilse war beglückt und beschloss, diese Blitzheilung zu feiern und sich etwas Gutes zu gönnen. Sie lud sich selbst ein zu einem Schlemmermahl in den »Schlossbergstuben«. Dazu musste sie einen halben Kilometer den Berg hinauf laufen, was ihr überhaupt nicht schwerfiel. Sie atmete leicht und unbeschwert und genoss ihre Genesung in vollen Atemzügen.

Das Lokal mit der anerkannt vorzüglichen Küche lag unterhalb des Kreiskrankenhauses. Und, was Oma Ilse nicht wusste, es lag auch in unmittelbarer Nähe der Starnberger Redaktion der Süddeutschen Zeitung.

Sie betrat den holzgetäfelten Raum und entdeckte zu ihrer Freude Dr. Thakkur und den Wiggerl an einem Tisch in der Ecke.

»Huhu!«, rief sie erfreut und mit hoher Stimme. Alle Köpfe drehten sich nach ihr um, was sie bemerkte, aber nicht weiter störte.

Zielstrebig steuerte sie auf die beiden Herren zu.

»Hallo zusammen! Kennen Sie mich noch? Sie haben mich gestern gerettet, und Ihnen habe ich wohl auch meine Wunderheilung zu verdanken!«

Sie setzte sich ungefragt mit an den Tisch. Hinter ihr wurde ein Hals gereckt. Er gehörte zu einem großen Mann, gut aussehend, mit viel Gel im Haar, mit einem Schal um den Hals. Beim Stichwort »Wunderheilung« wurde er hellwach und fuhr seine Ohren aus. Da man in dem Lokal auf die übliche Dudelmusik verzichtete, konnte er gut verfolgen, was die fidele Dame erzählte.

»Und ob Sie es glauben oder nicht: Seit gestern ist mein Asthma weg! Das habe ich Ihnen zu verdanken! Was habt ihr mir denn eingeflößt, ihr Buben?«, kicherte Oma Ilse kokett, und ihre roten Bäckchen glühten.

»Nur das Übliche«, lächelte Dr. Thakkur. »Eine kreislaufstabilisierende Infusion.«

Oma Ilse hatte den Schalk im Nacken: »Na, und da haben Sie doch bestimmt ein Zaubermittel hineingemischt, Sie indischer Medizinmann!«

»Naa, des dürfma mir ja überhaupt nicht«, widersprach der ironieresistente Wiggerl und schüttelte den Kopf. »Jeder Kunde wird gleich behandelt, da feit si nix!«

Oma Ilse beschloss, den Inder attraktiver zu finden als den bayerischen Holzkopf. Sie blinkerte ihn an und hakte nach.

»Kann’s nicht sein, dass so eine Infusion auch gut für die Lunge ist? Mein Asthma ist seit gestern wie weggeblasen. Ich kann schnaufen wie ein Dackel!«

Dr. Thakkur bestätigte mit indischer Geduld ein weiteres Mal, dass ein Zusammenhang zwischen der Infusion und Auswirkungen auf die Lunge auszuschließen sei. Wiggerl bestätigte das mit einem fachmännischen »Sog i doch!«

Oma Ilse bestellte ihr Leibgericht, Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren und Salzkartoffeln. Leider sah es einen Moment lang so aus, als müsste sie es allein verzehren, da sich die beiden Herren verabschiedeten. Dafür aber bekam sie Besuch vom Nebentisch.

Ein äußerst attraktiver junger Mann mit schwarzen, glänzenden Haaren und Fünftagebart fragte sehr höflich, ob er sich zu ihr setzen könne. Dass er sich nicht vorstellte, fiel ihr gar nicht auf.

»Wissen Sie, ich bin Fotograf und immer auf der Suche nach interessanten Motiven. Nach interessanten Frauen, wenn ich ehrlich bin!«

»Ach …«, flötete Oma Ilse, »… und Sie meinen, ich bin so eine?«

»Absolut, sehr verehrte gnädige Frau«, betonte der Schwarzhaarige mit einem Liter Öl zu viel in der Stimme. Bei Oma Ilse aber konnte man wohl in dieser Hinsicht nicht überdosieren.

»Das heißt… Sie wollen mich fotografieren? Mich alte Frau? Ich meine könnte ja Ihre Groß-, ich meine, ich könnte ja Ihre Mutter sein! Eine sehr junge Mutter allerdings …«

Der Mann ließ nun seine Stimme so sonor klingen wie der Moderator vom Radio-Wunschkonzert.

»Aber was bedeuten denn Zahlen? Auf die Ausstrahlung kommt es an! Und davon haben Sie eine sehr große Menge, wenn Sie mir erlauben, das zu sagen.«

So viel Süßholz hatte lange schon keiner mehr geraspelt, und Oma Ilse war begeistert.

»Ja dann … ich wäre bereit. Aber nur, wenn es sich um seriöse Bilder handelt. Keine zum Ausklappen!«

»Wo denken Sie hin?«, raunte ihr Gegenüber. »Das ist alles künstlerisch wertvoll und auf höchstem Niveau! Was machen Sie heute Nachmittag? Im Sinne von: Was machen Sie gleich?«

»Was? So schnell? Da müsste ich doch noch zum Friseur! Und mir von zu Hause das schwarze Kleid mit den roten Manschetten holen!«

»Wir haben begabte Menschen im Haus, die Ihnen den optimalen Look verpassen! Sie werden aussehen wie … wie …«

»… Germany’s oldest Topmodel«, ergänzte Oma Ilse und ahnte nicht, dass Sie dabei war, die Weichen für die Zukunft ihrer Heimatgemeinde neu zu stellen.

»35 Minuten!«, fauchte Frau Penz-Pigulla dem Bürgermeister entgegen, als dieser sein Büro betrat. Kein »Guten Morgen!« und kein »Oh, Sie kommen zu spät, ist etwas passiert?«, sondern nur die Angabe der Verspätung in Minuten.

Der igelartige Bürgermeister humpelte zu seinem Büro. Er übertrieb absichtlich dabei in der Hoffnung, dass sich unter der Ritterrüstung seiner Sekretärin so etwas wie Mitleid regen möge. Da tat sich aber nichts. Immerhin brachte sie ihm eine Tasse Kaffee. Es hatte schon Zeiten gegeben, da war er für fehlerhaftes Verhalten mit Koffeinentzug bestraft worden.

»Die ersten beiden Termine habe ich verschoben«, knarzte die Vorzimmerdame aus der Ferne.

»Warum?«, fragte Kuhn, in dessen Nervensystem der Kaffee noch nicht zur Wirkung gekommen war.

»Hätte ich die Damen zu Ihnen nach Hause schicken sollen? Sie waren nicht da!«, zischte es aus dem Vorzimmer.

Dann erschien Frau Penz-Pigulla, wie immer mit spitzer Brille, Perlenkette und grauem Pullover über beiger Bluse. »Ob Farbfoto oder schwarz-weiß – man merkt keinen Unterschied!«, dachte sich der Bürgermeister bei der Betrachtung seiner Mitarbeiterin. Hätte er sie nicht gehabt, wäre er verloren gewesen. Wenn es aber dasselbe Modell in freundlich und nett geben würde, hätte er sofort getauscht.

Er schlürfte seinen Kaffee und blätterte die Unterschriftenmappe durch. Rechnungen, Mahnungen, Beschwerden, zwei Krankmeldungen. Eine Mitarbeiterin im Standesamt, eine Sekretärin im Meldeamt.

Er musste an seine Mutter denken und ihre merkwürdige Genesung. Nicht nur, dass sie die Stunden in Kälte und Regen so gut überstanden hatte, sondern offenbar war auch ihr Asthma verschwunden. Was könnte wohl der Grund dafür sein? Er hustete und fühlte die Schmerzen im Bein. Sollte er sich auch einmal auf die Betonplatte legen? Wäre er dann auch seine Beschwerden los?

Und da war er wieder, der rasant schnelle Gedanke, der ihm vorhin durch die Lappen gegangen war. Jetzt konnte er ihn am Schlafittchen packen und ihm ins Gesicht schauen.

»Was wäre, wenn diese Betonplatte eine heilende Wirkung hätte?«

Er grübelte darüber nach, ob er das wirklich gerade gedacht hatte. Aber er hielt den Gedanken noch in der Hand, und tatsächlich: Das war doch eine Idee! Dass Beton irgendetwas bewirken könnte außer eine Mauer zu sein oder zu halten – das hatte er noch nie gehört. Schnell fuhr er seinen Computer hoch und suchte unter dem Stichwort »Beton«.

»Beton ist ein Baustoff, hergestellt als ein Gemisch aus einem Bindemittel und einer Gesteinskörnung. Für den künstlich hergestellten Stein kommt in der Regel das Bindemittel Zement zum Einsatz. Die Gesteinskörnung setzt sich üblicherweise aus Kies und Sand zusammen. Zugabewasser führt dazu, dass das Bindemittel chemisch reagiert, dabei erhärtet und ein festes, disperses Baustoffgemisch entsteht.«

Hier hörte er auf zu lesen und überflog den Rest des Artikels. Von Härteklassen war da die Rede, von Haltbarkeit oder Mischformen. Kein Wort von Auswirkungen auf die Gesundheit, weder im positiven noch im negativen Sinne. Er verließ die Seite und überlegte, den Gedanken zu verwerfen.

»Frau Penz-Pigulla, kommen Sie bitte mal?«

Seine Vorzimmerdame erschien in fast unheimlicher Geschwindigkeit und hatte ihren Steno-Block dabei. Sie zählte zu den wenigen hundert Exemplaren in Bayern, die noch diese Kurzform des Schreibens beherrschten. Irgendwo im Internet musste es auch noch die dazu passenden Blocks geben, die wohl seit vielen Jahrzehnten in einem Keller lagerten und muffig rochen.

Frau Penz-Pigulla saß ihm gegenüber auf der anderen Seite des Schreibtisches und sah Kuhn ausdruckslos über ihre spitze Brille hinweg an.

»Sagen Sie …«, fing der Bürgermeister an und bemerkte, dass Frau Penz-Pigulla mitschrieb.

»Nicht mitschreiben!«

Auch das schrieb sie mit.

Der Bürgermeister ließ sie gewähren und fragte:

»Haben Sie vielleicht irgendeine Erfahrung im Umgang mit Beton?«

»Ich kenne Menschen, die haben einen Kopf aus diesem Material!«, kam blitzschnell die böse Antwort. Und dabei sah sie ihren Chef so durchdringend an, dass es nicht schwer war zu erraten, dass sie auch ihn zu diesem Teil ihres Bekanntenkreises zählte.

»Das ist alles? Denken Sie nach!«

Frau Penz-Pigulla dachte tatsächlich nach. Dabei entspannten sich ihre Züge, der Mund wirkte nicht mehr so verkniffen, und die beiden Falten an der Nasenwurzel waren so gut wie verschwunden. Nachdenken schien beruhigende Wirkung auf sie zu haben. Sie sollte das öfter tun, dann schaut sie nicht mehr aus wie die Hexe des Nordens, dachte sich der Bürgermeister. Den Gedanken laut auszusprechen, hätte den Verlust seines Betonkopfes bedeutet.

»Die Garage meines Nachbarn ist aus Beton«, ließ sich Frau Penz-Pigulla vernehmen.

»Und? Geht’s ihm gut?«, fragte der Bürgermeister und war sich im Klaren darüber, wie seltsam das klingen musste.

»Nein. Er lässt sich gerade scheiden.«

Aha. Die Aufrechterhaltung einer Ehe wurde von Beton zumindest schon einmal nicht begünstigt.

»Und … gesundheitlich?«

»Er hustet. Kein Wunder, bei drei Päckchen Zigaretten pro Tag.«

Der Bürgermeister merkte: So kam er nicht weiter.

»Sagen Sie … kennen Sie den Guglhupf?«

»Meinen Sie den Kuchen oder den Berg?«

»Den Berg! In der Nähe vom Waldfriedhof.«

»Eine schöne Gegend. Meine Schwester ist dort begraben.«

Man konnte sich nie sicher sein, ob Frau Penz-Pigulla einen sarkastischen Scherz machte oder ob sie sich der Bedeutung ihrer Worte einfach nicht bewusst war.

»Aber nicht unter Beton, sondern unter Granit.«

»Bitte?«

»Meine Schwester. Die Platte.«

Bürgermeister Kuhn räusperte sich.

»Das tut mir leid.«

»Wieso? Meinen Sie, Beton wäre besser?«

Der Bürgermeister spürte, dass ihm warm wurde. Er musste deutlicher werden.

»Wissen Sie von einer Betonplatte im Wald?«

Frau Penz-Pigulla kaute an ihrem Steno-Bleistift. Eine unkontrollierte Geste! Der Bürgermeister war begeistert. Da wohnte also tatsächlich ein Mensch hinter der grauen Hülle und der eckigen Brille!

»Ja … ich kann mich erinnern. Die haben da vor vielen Jahren nach einer heißen Quelle gebohrt. Unter Ihrem Vor-Vorgänger. Der hatte schon ein Schild in Auftrag gegeben: ›Bad Zeislhöring‹. War aber nix. Keine Quelle, kein Wasser, noch nicht einmal Öl. Und dann haben sie das Loch wieder verschlossen, mit einer Platte. Die könnte aus Beton sein. Habe ich die Prüfung bestanden?«

Der Bürgermeister hakte nach.

»Wie tief haben die denn damals gegraben?«

»Sehr tief. Irgendein Hobbygeologe, ich glaube, der Vater vom Sebastian Hirsch war’s, der alte Vinzenz, der hat damals behauptet, er wüsste hundertprozentig, dass sich da oben im Wald eine heiße Quelle befindet. Mit einer Wünschelrute war er unterwegs, und die hat ihm das eindeutig angezeigt. Offenbar war er so überzeugend, dass man Geld investiert hat. Er hätte besser in die Politik gehen sollen so wie Sie!«

Der Bürgermeister überhörte die Spitze und dachte laut nach.

»Vielleicht hat man ja einfach nicht tief genug gebohrt?«

»Warum fragen Sie das mich? Ich werde dafür bezahlt, das aufzuschreiben, was Sie sagen, und mir das zu merken, was Sie vergessen. Expertisen für Betonplatten und Bohrlöcher zählen nicht zu meinem Arbeitsbereich.«

Bürgermeister Kuhn wollte aufstehen und zu seiner Jacke greifen.

»Nichts da!«, erwiderte Frau Penz-Pigulla kühl. »Sie bleiben hier. Es kommt gleich ein Herr von McDonald’s, der will mit Ihnen reden, ob Sie sich eine Filiale in Zeislhöring vorstellen können.«

»Ein Bettler kann nicht wählerisch sein …«, dachte sich der Bürgermeister und bezähmte seinen dringenden Wunsch, unverzüglich die Betonplatte in Augenschein zu nehmen.

Oma Ilse wurde behandelt wie im Schönheitssalon. Eine reizende junge Dame schminkte sie bis zur Unkenntlichkeit, die Haare wurden aufgetufft, und Preziosen aus einer Schatulle genommen und an Ilses Kopf und Hals angebracht. Dann wurde sie auf einen Stuhl vor weißem Hintergrund gesetzt und beleuchtet. Der gut aussehende junge Mann aus den »Schlossbergstuben« mit dem maskulinen Fünftagebart, der angeblich Fotograf war, stand nicht selbst am Apparat, sondern überließ die Arbeit einem in Ehren ergrauten Fossil mit starkem oberbayerischen Dialekt.

»Hock di amoi do hera, und schaug mi oo, aber direkt ins Objektiv eini!«

Oma Ilse tat, wie ihr geheißen, und wähnte sich schon als Werbeikone für eine Anti-Falten-Creme oder notfalls einen Zwieback.

Als alles vorbei war, lud sie der attraktive, nicht fotografierende Fotograf auf einen Kaffee ein.

Jetzt erst merkte die alte Dame, dass sie in den Räumen des Starnberger Büros der Süddeutschen Zeitung war. Das Logo hing zwar über dem Eingang und in jedem Raum, es fiel ihr aber erst jetzt auf.

»Titus Struck«, stellte sich der Mann jetzt erst vor und hielt Ilse die Hand hin.

»Angenehm«, sagte Oma Ilse und strahlte vor Glück. Bis jetzt hatte sie an diesem Tag kein einziges Mal Atemnot verspürt oder einen Hustenreiz. Und genau darüber wollte der nette Herr Struck mehr wissen.

»Sagen Sie …«, fragte er über sein Kaffeehaferl hinweg, »Sie machen so einen frischen, kerngesunden Eindruck. Haben Sie da ein Geheimrezept?«

»Ein Wunder!«, sprudelte es aus Oma Ilse heraus. »Bis gestern hatte ich fürchterliches Asthma – und seit heute ist es weg. Seit ich oben auf dem Guglhupf auf einer Betonplatte gelegen habe. Bei Regen und Wind! Stundenlang! Ist das nicht fantastisch?«

Titus Struck hörte ganz genau zu.

»Und Sie meinen wirklich, Ihre Heilung hat etwas mit dieser Betonplatte zu tun?«

Oma Ilse, immer noch in der Model-Aufmachung, nickte eifrig. »Ja, was denn sonst? Es muss so eine Art Strahlung gegeben haben. Immer war ich mit diesem blöden Inhalator unterwegs, immer hab ich Angst gehabt, dass mir die Luft wegbleibt oder dass ich husten muss. Und jetzt bin ich geheilt! Ein Wunder! Das Guglhupf Wunder!«

»Das Guglhupf Wunder …«, sinnierte Titus Struck und lächelte. »Da haben Sie gerade etwas Wunderbares gesagt.«

»Nicht wahr?« Oma Ilse strahlte vor Glück. Dass sie danach etwas unterschreiben musste, das sie gar nicht durchgelesen hatte, das hatte sie schon vergessen, als sie wieder auf dem Rückweg war. Kein Husten mehr, keine Atemnot! Und bald schon auf allen Plakatwänden und im Werbefernsehen! Und das auf ihre alten Tage! Oma Ilse vergoss zwei weitere Freudentränen.

Bürgermeister Kuhn hatte das Treffen mit dem McDonald’s-Mann sehr unkonzentriert absolviert. In Gedanken war er immer bei seiner Mutter und der ominösen Betonplatte. Endlich war das Gespräch zu Ende. Wie man genau verblieben war, das wusste er nicht mehr genau zu sagen. Musste er auch nicht. Dafür gab es Frau Penz-Pigulla, den patentierten Halbdrachen mit dem Jahrhundertgedächtnis. Kuhn telefonierte sich durch den Rest des Tages, traf sich zum Mittagessen mit einem Vertreter des Gesangsvereins, der um die Überlassung eines Raumes im Rathaus zu Probenzwecken bat, sagte ihm irgendetwas zu, ging zurück ins Büro, empfing eine Delegation des Roten Kreuzes, um das nächste Dorffest zu besprechen – und stürmte los, als er die erste Chance sah, sich aus dem Staub machen zu können.

Mit dem Auto fuhr er den kleinen Guglhupf hinauf und parkte im Wald, nahe an der Stelle, wo sich die Betonplatte befand. Der Boden war aufgeweicht, einige Äste lagen herum, Opfer des temperamentvollen Gebläses am gestrigen Abend.

Bürgermeister Kuhn verfluchte seine Gedankenlosigkeit: Er hätte Gummistiefel anziehen sollen. Stattdessen bahnte er sich mit seinen schwarzen Halbschuhen einen Weg durch den Morast. Die Sonne würde in einer Stunde untergehen, die Schatten waren schon sehr lang. Unter einigen Bäumen, wo die hellen Strahlen der Sonne nicht hinreichten, war es finster und schwarz.

Kuhn fand die Lichtung wieder und auch die Betonplatte. Wer nicht gezielt danach suchte, tat sich schwer, sie zu finden. Denn Sturm und Regen hatten sie mit Erde und Matsch bedeckt, sodass sie kaum vom Rest des Waldbodens zu unterscheiden war.

Kuhn ging in die Hocke und besah sich das angebliche Wunderding genauer. Mit bloßen Händen entfernte er ein wenig von der Erde, die sich über den gesamten Deckel zog. Jetzt waren die Konturen zu erkennen: ein kreisrunder Betondeckel, nicht viel größer als ein Gully. Man hatte das Loch verschlossen, damit kein Tier hineinfiel, das war die einzige Erklärung, die Kuhn einfiel.

Ratlos besah er sich das Rad aus Beton, das waagrecht in den Boden eingelassen war. Hier sollte eine Wunderheilung stattgefunden haben? Schwer vorstellbar! Kuhn hatte keinerlei Werkzeug dabei. Er hätte zum Auto zurückgehen können, um dort den Wagenheber zu holen. Damit hätte er versuchen können, die Betonplatte zu lupfen, um nachzusehen, was sich darunter verbarg. Das hätte aber lange Wege durch den Morast bedeutet, und so beschloss er, ein andermal wiederzukommen, dann aber angemessen gekleidet und ausgestattet.

Da hörte er Stimmen. Männerstimmen!

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