Die Leberkäs-AG - Wolfgang Krebs - E-Book

Die Leberkäs-AG E-Book

Wolfgang Krebs

0,0
17,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein bayerisches Dorf ohne eigene Wirtschaft ist kein richtiges Dorf. Das denken sich zumindest die Bewohner der Gemeinde Zeislhöring. Und so besteht dringender Handlungsbedarf, als sich der Pächter des Bräustüberls einfach absetzt. Zur Rettung ihres Wirtshauses gründen die Bürger eine Aktiengesellschaft und tauchen ahnungslos in die Welt der Wertpapiere, Aufsichtsämter und Baubehörden. Dass es dabei chaotisch wird, ist abzusehen. Und als auch noch die schöne Evi, die Verflossene des stellvertretenden Landrats, als Pächterin auftritt, sind Liebeskummer und Intrigen vorprogrammiert. Urkomisch erzählt dieses Buch, wie sich ein Dorf durch den Behördendschungel kämpft, um sein Bräustüberl zu erhalten. Große Liebe, tiefer Schmerz und eine gehörige Portion Humor sind garantiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2015

© 2015 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titelfoto: Philipp Höbel, Kaufbeuren

Das Titelfoto zeigt Wolfgang Krebs als Schorsch Scheberl.

Worum geht es im Buch?

Wolfgang Krebs, Stefan Fuchs

Die Leberkäs-AG

Ein bayerisches Dorf ohne eigene Wirtschaft ist kein richtiges Dorf. Das denken sich zumindest die Bewohner der Gemeinde Zeislhöring. Und so besteht dringender Handlungsbedarf, als sich der Pächter des Bräustüberls einfach absetzt. Zur Rettung ihres Wirtshauses gründen die Bürger eine Aktiengesellschaft und tauchen ahnungslos in die Welt der Wertpapiere, Aufsichtsämter und Baubehörden ein. Dass es dabei chaotisch wird, ist abzusehen. Und als auch noch die schöne Evi, die Verfl ossene des stellvertretenden Landrats, als Pächterin auftritt, sind Liebeskummer und Intrigen vorprogrammiert.

Urkomisch erzählt dieses Buch, wie sich ein Dorf durch den Behördendschungel kämpft, um sein Bräustüberl zu erhalten. Große Liebe, tiefer Schmerz und eine gehörige Portion Humor sind garantiert.

Vorwort

von Wolfgang Krebs

»Die Basis ist die Grundlage aller Fundamente!« Diese plausibel klingende These lasse ich in einem meiner Programme von einem meiner Lieblingspolitiker aufstellen. Von diesem einen da, dem Ministerpräsidenten des ehemaligen Bayern, dem Dings mit der Brille – schauen Sie am besten selber nach.

Bayern ist ein Bundesland mit wenig Bund und viel Land. Kleine Gemeinden, weit voneinander entfernt, mit einer immer wieder verblüffenden Dialektvielfalt, mit sagenhaft vielen Blaskapellen, Handwerkskünsten und Brotsorten. Die Basis für das Zusammenleben, die gleichzeitig auch die Grundlage und das Fundament ist, das ist ein lebendiges Dorfleben – rund um die Kirche und rund ums Wirtshaus, mit Vereinen, ehrenamtlichen Helfern, dem Wochenmarkt und dem Maibaum.

Aber diese Idylle ist in Gefahr. Immer mehr Menschen zieht es weg aus ihrem Heimatdorf in die Großstadt, obwohl dort die Miete doppelt so hoch und die Anfahrt zum Arbeitsplatz doppelt so lang ist. Die Folge: Die kleinen Orte veröden. Schulen und Läden werden geschlossen, und eines Tages trifft es sogar das Wirtshaus.

Jeden Tag muss in Bayern ein Wirt aufgeben – weil die Gäste ausbleiben oder er die Pacht nicht mehr bezahlen kann. Das wiederum hat natürlich zur Folge, dass der Wohnort erneut an Attraktivität verliert.

Ich komme viel in Bayern herum und spüre die Bedrohung. Es gibt immer noch genug Einzelkämpfer, die ihre Wirtschaft, häufig sogar mit kleiner Bühne, aufrechterhalten. Oft bezahlen sie das mit langen Arbeitstagen und schlaflosen Nächten, weil die Schulden drücken.

Wir können uns hinsetzen und das beklagen. Wir können aber auch etwas tun. Waren wir nicht alle traurig, als der Tante-Emma-Laden an der Ecke geschlossen hat? Und waren wir nicht alle da schon jahrelang nicht mehr drin und haben lieber beim Discounter eingekauft? Seien wir also achtsam und unterstützen die kleinen Händler und Kaufleute auf dem Land! Sie sind teurer, weil sie teurer sein müssen. Wir bezahlen sie aber nicht nur für ihre Arbeit – wir investieren damit auch in unsere Heimat.

Eines Tages habe ich davon gehört, dass Menschen ihre Wirtshäuser retten, indem sie Aktiengesellschaften gründen. Eine Wirtschaft geht in die Wirtschaft. Ich selber bin Aktionär, bei der Fonsa-AG in Kaltental. Ich besitze zehn Aktien für 50 Euro. Dafür darf ich mir einmal pro Jahr in der Kaltentaler Brauerei meine Dividende in Höhe von zehn halben Litern Bier einverleiben. Eine der besten Investitionen meines Lebens.

Dem Gründer, Wirt, Bierbrauer und AG-Vorstandsvorsitzenden Dominik Schempp habe ich viele Hintergrundinformationen zu verdanken. Weitere Parallelen werden Sie in diesem Buch nicht finden. Es gibt keine Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, höchstens mit erfundenen. Halt – eine Person ist real, nämlich der oben erwähnte Ministerpräsident, dessen Name mir auch auf der zweiten Seite dieses Vorworts nicht einfällt.

Lassen wir an seiner Stelle lieber einen anderen herausragenden Politiker des Freistaats Bayern zu Wort kommen, nämlich Horst Seehofer. Auch er sagt Sätze, die er nie gesagt hat und die ich ihm gerne in den Mund lege. Sie müssen zugeben, die folgende Lebensweisheit klingt enorm authentisch: »Entweder konsequent oder inkonsequent, aber nicht dieses dauernde Hin und Her!«

In diesem Sinne viel Vergnügen mit dem kleinen Dorf, den großen Problemen, dem alten Wirtshaus und der jungen »Leberkäs-AG«.

Im Mai 2015, Wolfgang Krebs

1

Sein ganzes Leben lang hatte Peter Popp noch keine Straftat begangen. Das sollte sich in 45 Minuten ändern. Gut, er hatte im Alter von vier Jahren einmal seiner Mutter 50 Pfennig aus dem Geldbeutel gestohlen – für Kaugummis. Aber das schlechte Gewissen war so groß, dass er es nach einem Tag beichtete. Und ihm wurde vergeben. Das war alles an kriminellen Handlungen in seinem sechzigjährigen Leben.

Peter Popp stand an diesem Abend hinter dem Tresen des Gasthofs »Alter Esel«, wie er das auch die letzten zwanzig Jahre getan hatte. Es war kurz vor 23 Uhr, bald war Sperrstunde.

Er dachte an die Anfangszeit. Damals, als er von Oberfranken nach Zeislhöring gekommen war, diesen kleinen, liebenswerten Ort am Westufer des Starnberger Sees. 2500 Einwohner, eine Schule, ein Kindergarten, ein Lebensmittelgeschäft und zu dieser Zeit sogar noch eine Post- und eine Sparkassenfiliale. Lange vorbei! Obwohl man ohne zu übertreiben von einer Idylle sprechen konnte, zogen immer mehr Leute weg, in Richtung Norden, in Richtung München oder zumindest Starnberg. Dort war die Verkehrsanbindung einfach besser, denn nach Zeislhöring kommt man nur mit dem Bus. Und der fährt nur drei Mal am Tag.

Peter zapfte noch zwei Bier. Eigentlich waren drei bestellt, aber Peter wusste: Das Fass ist leer. Somit blieb es bei zwei. Den letzten für heute. Und für diesen Lebensabschnitt.

Obwohl er schon zwanzig Jahre in diesem Ort lebte, oben, im ersten Stock des alten Wirtshauses, war er dennoch keiner von ihnen, kein Zeislhöringer. Bis heute machte man sich lustig über seinen fränkischen Dialekt. Häufig bekam er ein Bier spendiert, wenn er dafür einmal seinen Namen aussprach: »Beder Bobb«. Da lachten sie, die Zeislhöringer, die meisten mit ihm, aber einige auch über ihn.

Die erste Zeit war eine gute Zeit. Sabine, seine Frau, war mit ihm gekommen, aus Pottenstein, dem gemeinsamen Heimatort in der Fränkischen Schweiz, als sich damals die Möglichkeit geboten hatte, am Starnberger See ein Wirtshaus zu pachten.

»Was bekommt man, wenn man einen Kraken mit einer Frau kreuzt? Eine Super-Putzfrau!«

Das war ein weiterer Spitzenwitz vom Einerdinger-Max. Lautes Gelächter war sein Applaus. Der Tisch mit den fünf Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr war eine verlässliche Kundschaft. Fast jeden Tag waren sie da, und fast jeden Tag erzählte der Einerdinger-Max einen seiner Witze, die ihn zum heißen Entmannungskandidaten jeder fundamentalistischen Frauenrechtlerin gemacht hätten. Aber so etwas gab es in Zeislhöring nicht, und deshalb gewann der Einerdinger-Max jeden Abend seinem Lieblingsthema neue zweifelhafte Variationen ab.

Am Tisch neben dem Eingang saß ein älteres Ehepaar, das Peter nicht kannte. Ab und zu landeten hier Zufallsgäste. Aber nicht oft, und keiner davon war jemals ein zweites Mal gekommen.

Am kleinen Tisch in der Ecke kauerte der treueste Stammgast des »Alten Esels«, ein gewisser Jack. So nannte er sich zumindest selber. Wie sein richtiger Name lautete, das wussten wohl nur einige wenige alteingesessene Zeislhöringer, die dabei waren, als der Jack vor 50 Jahren hier gestrandet ist. Seinem Dialekt nach stammte er aus dem Sächsischen. Vielleicht eine Fluchtgeschichte. Da Jack nicht viel sprach, war diese Theorie nur schwer zu überprüfen.

Jack war eindeutig ein Freund der Amerikaner, was er mit seiner Kopfbedeckung demonstrierte: eine Militärmütze aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Sie sah aus, als wäre eine Konservendose mit der Öffnung nach unten auf den Kopf gestülpt, oben eingedrückt und vorne mit einer Blende versehen worden. Jack betonte viele Jahre lang, diese Mütze sei ein Zeichen seiner Solidarität mit den farbigen Amerikanern der Südstaaten, die von den tapferen Armeen der Nordstaaten befreit worden sind.

Eines Tages aber konnte ein Gast glaubwürdig versichern, diese Kopfbedeckung sei diejenige der Konföderierten, also der Südstaaten, also der Sklaverei-Verteidiger. Da der Jack aber nur diese eine Mütze hatte und sein Erscheinungsbild nicht mehr verändern wollte, blieb er bei dem Accessoire und lief nun wissentlich Reklame für die falsche Seite.

Über der Kasse hing ein Bild von Peter und Sabine. Es musste in den ersten Tagen der Neueröffnung entstanden sein. Er, der Peter, damals noch mit vielen blonden Haaren, die inzwischen entweder grau oder nicht mehr vorhanden waren. Auch eine Brille hat er noch nicht gebraucht, und seiner Figur war der frühere Sportler noch anzusehen. Und daneben Sabine, eine schöne, fröhliche, optimistische Oberfränkin! Aber da man ja selten das genießen kann, was man jederzeit zur Verfügung hat, musste Peter dann etwas mit einer rassigen Italienerin anfangen. Sie hatte in München zu tun, während der Oktoberfestzeit. Es war kein Hotelzimmer mehr zu bekommen. Das einzige freie Zimmer befand sich im ersten Stock des »Alten Esels« zu Zeislhöring. Das Niveau der Ausstattung befand sich ungefähr auf dem der Nachkriegszeit – des Ersten Weltkriegs, wohlgemerkt: Kohleofen, Toilette und Bad auf dem Gang. Dort ist man sich dann eines Nachts begegnet, und kurz danach ist es passiert, unter dem röhrenden Hirschen und dem Hasen von Dürer.

Sabine hat es sofort gemerkt, und zwei Stunden später war der Koffer gepackt und Sabine auf dem Weg zu ihrer Familie nach Pottenstein. An diesem Tag, da war sich Peter sicher, begann der Abstieg, der heute münden sollte in den Beginn seiner kriminellen Laufbahn.

»Sagt eine Frau zu ihrer Freundin: ›Gestern hab ich einen Schwangerschaftstest machen lassen!‹ – ›Und, sagt die Freundin, waren die Fragen schwer?‹«

Der Einerdinger-Max war schwer in Fahrt und sein Publikum nicht sehr anspruchsvoll. Peter lächelte solidarisch mit, dann ließ er seinen Blick über die Wände schweifen. Sie waren halbhoch mit Holz getäfelt, darüber hingen Urkunden vom Schützen- und Gesangsverein, Fotos von Taufen und Hochzeiten. Lange vorbei! Die letzte Hochzeit war im »Alten Esel« vor drei Jahren gefeiert worden. Kein Wunder. Peter hatte so gut wie gar kein Personal mehr. Er kochte selbst, soweit man den Umgang mit Mikrowelle und Gefriertruhe kochen nennen konnte. Die Toiletten begrüßten jeden Gast mit einem stechend-öligen Aroma, das auch von einer dreistelligen Anzahl von Duftsteinen nicht mehr überlagert werden konnte.

Der Geruch aus dem Sanitärbereich ging eine interessante Fusion ein mit dem Zigarren- und Zigaretten-Qualm von 150 Jahren. Holz und Vorhangstoffe haben ein gutes Gedächtnis für Nikotin.

Und so kam es, dass eines Tages die Sportler wegblieben und lieber in ihrem eigenen Stüberl feierten. Der Gesangsverein war vor acht Jahren aufgelöst worden, als seine Mitgliederzahl gerade noch für ein Quintett reichte. Die Kartenspieler am Stammtisch kamen zwar einmal die Woche, aber ihr Gesundheitszustand ließ nur noch Kamillentee und Spezi zu.

»So, mir dädn dann bald amoll aweng schließen!«, ließ sich Peter vernehmen – in einer Sprache, die er für Hochdeutsch hielt.

»Alles glaar, Beder!«, rief der Einerdinger-Max zurück und meinte es vermutlich nicht einmal böse.

Peter verließ kurz das Gastzimmer und ging in den kleinen Nebenraum, der Platz für 30 Gäste bot. Früher hatte hier der kleine CSU-Ortsverein seinen Treffpunkt, aber auch den gab es nicht mehr.

Hier, an diesem Tisch, hatte die Tragödie angefangen. Es begann als kleine Schafkopf-Runde nach Feierabend. Wenige Wochen später wurde gepokert – um kleine Beträge. Die wurden aber im Lauf der Zeit höher, bis in den vierstelligen, am Ende fünfstelligen Bereich. Abgesehen davon, dass man Peter die Lizenz entzogen hätte, wenn das aufgeflogen wäre, hatte Peter hier buchstäblich Hab und Gut verloren. Letzte verzweifelte Versuche in der Spielbank Bad Tölz machten die Katastrophe nur noch schlimmer.

Miete und Pacht zahlte Peter schon seit Monaten nicht mehr. Jede Minute hatte er damit gerechnet, dass ein Anruf der Baronin kam. Aber offenbar kontrollierte die Dame ihre Finanzen nicht regelmäßig oder gar nicht. Als sich dann abzeichnete, dass er auch die Brauerei, die Lieferanten, das Telefon und den Strom nicht mehr bezahlen konnte, reifte der finale Entschluss.

Peter kontrollierte die Fenster. Eigentlich war das unnötig, denn seit etlichen Wochen schon wurde dieser Raum nicht mehr betreten. Das galt auch für den großen Saal im Anschluss mit kleiner Bühne und Platz für hundert Leute. Hier fanden die großen Feiern statt. Die Theatergruppe hatte hier geprobt und schließlich das Geprobte aufgeführt. Lange vorbei! Jetzt wurden hier die Gartenmöbel für die Terrasse gelagert.

Peter stand an der großen Glasfront mit dem herrlichen Blick auf den See. Eine Vollmondnacht im April! Drüben, auf der anderen Seeseite, in Ambach und Ammerland, brannten noch etliche Lichter. Am Ufer schliefen die Enten. Ein später Spaziergänger führte seinen Hund aus und schlenderte den kleinen Weg am See entlang.

Peter ging zurück in die Gaststube und kassierte. Jack nickte kurz und verließ schweigend die Gaststube, gefolgt von dem unbekannten Ehepaar.

»Wie bricht man einer Blondine die Nase? – Indem man 50 Euro unter einen Glastisch legt!«

Großes Gejohle. Dann standen die Abgeordneten der Freiwilligen Feuerwehr auf und folgten ihrem Humorbeauftragten in die Nacht. Peter hörte sie noch lange lachen, wobei als Anlass für einen Heiterkeitsausbruch schon genügte, wenn einer in der Dunkelheit über eine Wurzel stolperte.

Nach einer Minute waren sie nicht mehr zu hören. Damit war das Kapitel des anständigen Gastwirts Peter Popp beendet. Er holte das Bargeld aus der Kasse und kippte es in eine große Kellner-Brieftasche. Viel war es nicht, nur ungefähr 150 Euro, die Einnahmen dieses Tages. Er überprüfte noch einmal die Gaststube auf Verwertbares und fand nichts. Kein Wunder, diesen Test hatte er in den letzten drei Monaten schon etliche Male gemacht.

Er holte den gepackten Koffer aus dem Obergeschoss und kam dabei auch an dem Gästezimmer vorbei, in dem der röhrende Hirsch und der Dürersche Hase über dem Bett hingen. In den letzten zehn Jahren hatte hier niemand mehr übernachtet, denn wenn die Not von München-Besuchern auch groß war – für dieses Zimmer war sie niemals groß genug.

Der Koffer war seit heute Morgen gepackt. Er war nicht allzu groß, denn es gab auch nicht allzu viel zu verstauen. Peter trug den Koffer hinunter in den kleinen Eingangsbereich. Dort hingen auch schon sein Mantel und sein Tirolerhut.

Jetzt galt es Abschied von Seppi zu nehmen, der schwerste Teil dieses Abends. Peter zog den Mantel an und setzte den Hut auf. Er verließ das Wirtshaus und atmete tief die kalte Frühlingsluft ein. Vom See kam ein Krächzen, offenbar war da noch eine zeitlich desorientierte Möwe aktiv.

Vorbei an der Terrasse mit den schäbigen, schmutzigen Plastiktischen ging es zum ehemaligen Heuschober. Peter öffnete die Tür. Durch die Fenster und die morschen Bretter drang das Mondlicht. Seppi blinzelte ihn an. Er hatte offenbar schon geschlafen, aber Seppi wusste: Peter kommt jeden Abend vorbei! So auch heute.

Seppi war ein sardinischer Zwergesel. Solange es das Wirtshaus »Alter Esel« gab, hatte auch immer ein Esel in der Scheune gestanden. Im Sommer konnten die Kinder darauf reiten, und im Winter fand sich immer ein Kind, meistens ein Mädchen, das sich um ihn kümmerte. Seppi musste der Ur-Ur-Enkel des Ur-Esels sein, und das kleine Mädchen war aktuell Magdalena, die Tochter der Grundschullehrerin. Morgen nach der Schule würde sie kommen und mit Seppi einen Spaziergang machen, hinauf zum Gut Oberschwaige, wo es viele Pferde gab. Seppi war gerne dort oben, bei seinen großen Verwandten, die ihn um gut zwei Eselköpfe überragten.

Ein letztes Mal bekam Seppi einen Ballen mit Stroh gereicht. Der wurde zunächst nicht beachtet, denn dem kleinen Esel war sein Gute-Nacht-Ritual wichtiger: Kopfkraulen, gutes Zureden und mit der Bürste das Fell striegeln. Seppi bedankte sich mit einem katzenähnlichen Schnurrlaut und machte sich dann über das Stroh her.

Peter spürte, dass es heiß hinter seinen Augenlidern wurde. Er schloss rasch die Tür und ging hinüber zum Wirtshaus. Da hörte er schon das Motorengeräusch. Ein alter Mercedes mit großem Anhänger fuhr den kleinen Weg von der Hauptstraße herunter auf den Gästeparkplatz und hielt beim Kücheneingang. Zwei Schatten stiegen aus. Peter begrüßte die beiden nächtlichen Besucher und führte sie in die Küche.

Leise gingen sie ans Werk. Links vom »Alten Esel« stand ein altes, villenähnliches Haus. Ohne Seegrundstück, darauf hatte die Gemeinde glücklicherweise Wert gelegt. So konnten und können Spaziergänger am See entlang flanieren.

Im Nachbarhaus wohnte der alte Hausarzt von Zeislhöring, Dr. Dünneisen. Der war bestimmt seit zwanzig Jahren in Pension und musste Mitte achtzig sein. Und übelgelaunt war er noch dazu. Obwohl der Abstand zum »Esel« ziemlich groß war, hatte der Doktor vor sieben Jahren Beschwerde eingelegt. Und so musste die Wirtschaft im Sommer um 22 Uhr den Terrassenbetrieb einstellen, und Sperrstunde hatte um 23 Uhr zu sein – zwei weitere Sargnägel, die dafür sorgten, dass es wirtschaftlich mit dem »Esel« bergab ging. Die kleine angeschlossene Brauerei hatte sogar schon 1976, also lange vor Peters Zeit, geschlossen werden müssen: Durch die Gerüche hatte sich der Doktor belästigt gefühlt.

Da man es also mit geräuschempfindlichen Anliegern zu tun hatte, sollten die beiden Schatten ihrer Tätigkeit mit Diskretion und schallgedämpft nachgehen. Die beiden Tiefkühltruhen verschwanden als Erste im Anhänger, gefolgt von dem großen Kochherd, der Mikrowelle, der Kaffeemaschine, dem Fernseher, der kleinen Stereo-Anlage, der Kasse und den prächtig bemalten Bierkrügen aus der Zeit, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Auch zwei verschwenderisch gestaltete Kronleuchter wurden verstaut, zwei Kisten mit altem Geschirr und ein Glücksspiel-Automat.

Die Nachbarn merkten davon nichts. Seppi auch nicht. Er schlief bereits und freute sich auf morgen.

Gegen Mitternacht hatten die Besucher ihre Arbeit beendet – gerade noch rechtzeitig, denn um null Uhr war der letzte Tag vorbei, an dem der Energieanbieter den »Alten Esel« mit Strom versorgen wollte.

Peter hatte es jetzt eilig. Er warf seinen Koffer in den Kofferraum und setzte sich auf den Rücksitz. Der Mercedes mit osteuropäischem Kennzeichen wendete auf dem kleinen Parkplatz und suchte den Weg durch die Kastanienallee hinauf zur Hauptstraße. Dort bog er nach rechts ab, Richtung Starnberg.

Der »Alte Esel« war nach 149 Jahren Geschichte.

2

Als Erste merkten es zwei Radfahrer, die am Mittag des folgenden Tages Rast machen wollten. Laut Aushang war der »Alte Esel« an jedem Tag geöffnet, von 11.30 Uhr bis 23.00 Uhr, ohne Ruhetag. Aber die Wirtschaft schien wie ausgestorben. Lautes Rufen brachte nichts, ebenso wenig energisches Klopfen an der Tür.

Um 13 Uhr staunten drei Schüler, die hier an drei Tagen in der Woche eine Tomatensuppe aßen. An diesem Tag aber war geschlossen, und die drei zogen wieder ab, ohne sich viel dabei zu denken.

Noch nicht einmal Magdalena wurde misstrauisch. Sie kam, wie jeden Tag, um sich um Seppi zu kümmern, ihn auszuführen, ihn zu füttern und seinen Stall zu reinigen. Dabei nahm sie oft den direkten Weg vom Parkplatz zum Heuschober, so auch heute. Sie merkte also nicht, dass es still war im Wirtshaus. Noch stiller als sonst.

Erst gegen 14 Uhr wurde offenkundig, dass hier definitiv etwas nicht stimmte. Es waren zwei Rettungssanitäter, die auf dem Rückweg zu ihrem Krankenhaus waren und schnell im »Alten Esel« etwas essen wollten. Die Tür war verschlossen, und das war in den letzten zwanzig Jahren noch nie passiert. Ein Unglücksfall? War dem Wirt etwas passiert? War er ausgerutscht und lag nun schwer verletzt und ohnmächtig hinter der Tür? Oder oben in seiner Wohnung? Angehörige hatte er nicht, man konnte niemanden fragen. Ein Fall für Schwamminger.

»Polizeiinspektion Starnberg, Hauptwachtmeister Schwamminger am Apparat!«

Ein tiefer Bass, ein rollendes »R« (vor allem in »Starrrrnberrrrg«), ein zitternder Schnurrbart, große dunkle Augen, rote Backen und eine Figur wie der Coca-Cola-Weihnachtsmann – Hauptwachtmeister Schwamminger sah genauso aus, wie man sich einen Hauptwachtmeister Schwamminger vorstellt.

»Langsam, junger Mann! Sprechen Sie bitte langsamer, es reicht schon, wenn einer schnell ist, und das bin ich! Also noch einmal in einfachen Worten für einfache Beamte!«

Schwamminger saß in seinem Dienstzimmer und machte sich Notizen.

»Ja, da haben Sie vollkommen recht! Der Popp hat noch nicht einen Tag zugesperrt! Da muss man sich Sorgen machen, erst recht, wenn man im Dienst ist, so wie ich! Dann brauch ich bittschön den Namen!? – Nein, nicht den vom Popp! Ihren brauch ich, den anderen weiß ich doch schon!«

Der Rettungssanitäter vor der Tür des »Alten Esels« sagte »Albrecht, Jürgen« in sein Handy. Das machte Schwamminger gute Laune. »Der Albrecht-Jürgen? Der Rettungssanitäter? Ihr habt doch erst vor Kurzem meine Frau ins Krankenhaus gefahren! Wisst ihr’s noch? Der Karpfen, ganz genau! Respekt, ihr wart schneller da als sonst der Pizzadienst! Pass auf, Jürgen, ich bin gleich bei euch! Und tu mir bitte einen Gefallen: In Zeislhöring gibt’s den Kratopek-Michi, der hat die Autowerkstatt, der kennt sich auch mit Wohnungstüren aus. Geh, sei so nett und sag ihm, dass er schnell vorbeikommen soll mit seinem Einbrecherwerkzeug! Ich bin gleich da! Servus! – Wie bitte? – Eine Durchsuchungserlaubnis? Eine Genehmigung vom Staatsanwalt? Selbstverständlich brauchen wir die! Ich werd ihn fragen, gleich nächste Woche, wenn ich ihn beim Kartenspielen treff!«

Hauptwachtmeister Schwamminger stand auf, zog sich seine Uniform straff und machte sich auf den Weg zum »Alten Esel«, wo das erste Mal nach zwanzig Jahren die Türen verschlossen waren.

Das Wirtshaus machte an Sonnentagen immer einen besonders guten Eindruck – so wie heute. Das fast 150 Jahre alte Haus war ein Schmuckstück, mit kleinen Balkons und zwei Erkern. Die Sonne spielte auf den Dachziegeln und malte, unterstützt von Wasserreflexionen, gleichmäßige, sich bewegende Muster auf die Fassade. Der See dahinter glitzerte in vielen Schattierungen von Blau und Grün und sah aus, als ob er lebendig war. In weiter Ferne zogen zwei Segelboote ihre Kreise, wovon ein Schwanenpaar im Vordergrund völlig unbeeindruckt blieb.

Von der Hauptstraße aus ging es eine kleine Kastanienallee hinunter, dann erreichte man einen Parkplatz und ein Rondell. Hauptwachtmeister Schwamminger fuhr mit seinem Dienstwagen den Weg entlang und versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal hier gewesen war. Vor drei Jahren? Vor vier Jahren? Schade eigentlich! So ein schönes Haus, so ein schönes Fleckchen Erde! Schwamminger erinnerte sich, dass er früher oft von Starnberg hierher gefahren war, auf einen Kaffee oder abends auf ein Bier. Seine Schwester hatte hier ihre Hochzeit gefeiert mit diesem zwielichtigen Niedersachsen, einem angeblichen Investment-Banker, der sich im Laufe des Ehealltags erst als ehemaliger Sparkassenangestellter und schließlich als prügelnder Choleriker entpuppte.

Eine Katze saß auf dem Zaun, als Schwamminger sein Auto parkte. Grüßend legte der Beamte zwei Finger an die Mütze und ging um das Haus herum nach vorne, zum See und zum Haupteingang.

Michael Kratopek war schon da. Er war ein südländisch aussehender Mittdreißiger, schlank, mit dünnen schwarzen Haaren und einem breiten, unrasierten Grinsen. Der KFZ-Mechaniker trug eine blaue Latzhose mit etlichen Tätigkeitsnachweisen: schwarze Flecken überall, abgeschabte Farbe, auch der eine oder andere verwegene Riss im Oberschenkel- und Kniebereich. Damit sah das Kleidungsstück einem teuren Designermodell nicht unähnlich.

»Servus Michi!«, begrüßte Schwamminger den Autoschrauber. »Und? Alles dabei für einen bildschönen Einbruch?«

»Und zwar bei Sonnenschein und genau vor dem Auge des Gesetzes!«, knurrte der Michi. »Das hat man auch nicht alle Tage!«

»Genieße es! Ich werde dann später vor Gericht positiv für dich aussagen«, beruhigte ihn Schwamminger.

Sie sahen durch die Scheiben. Sie klopften. Sie riefen laut »Hallo!« und betätigten die Klingel am Nebeneingang. Nichts, keine Reaktion.

»Michi, zeig, was du kannst!«

Michi sprach in seine hohle Hand »Wir gehen jetzt rein!«, wie er das in vielen Action-Filmen gesehen hatte, und grinste breit. Dann setzte er den Dietrich an. Erst fuhrwerkte er vorsichtig in dem Schloss umher, dann heftiger. Schließlich tanzte der ganze Körper um das Werkzeug herum. Wilde Grimassen vermochten das Ergebnis nicht zu verbessern. Schließlich machte es »Krack«, und der Dietrich war abgebrochen.

Schwamminger seufzte: »Mei, Michi, wenn man mit dir in eine Sparkasse einbrechen wollt – ein Alptraum!«

Michi zuckte entschuldigend mit den Schultern und nahm einen neuen Dietrich aus seinem Werkzeugkasten. Wieder die Mischung aus verschiedenen Gesichtsausdrücken und Ballett – und wenige Sekunden später war die Tür offen.

Schwamminger und Kratopek öffneten langsam die Tür, die quietschend den Blick auf das Treppenhaus freigab.

»Hallo?«, rief der Polizist ein weiteres Mal. Und weil er keine Antwort bekam, gingen sie hinein und hinauf in den ersten Stock.

Dort fühlte man sich unwillkürlich fünfzig Jahre jünger: eine merkwürdige Zeitreise in die Ära der Nierentische, Häkeldeckchen und Schleiflack-Kommoden. Es war niemand zu sehen – es gab nicht einmal Spuren, die nahelegten, dass hier irgendwann einmal jemand gewohnt oder sich auch nur aufgehalten hatte.

In der Wirtsstube und in den anderen Räumen sah das schon anders aus: Alles, was transportabel war und einen gewissen Wert darstellte, war abgebaut und verschwunden – inklusive des Wirts, über dessen Wert es allerdings in den letzten Jahren nur unfreundliche Meinungen gegeben hatte.

Schwamminger nahm seine Mütze ab und kratzte sich an der Stirn.

»Entweder war das ein Einbruch, und die Einbrecher haben neben der Einrichtung auch den Wirt mitgenommen …«

»Oder?«, wollte der Michi die andere Theorie wissen.

»Oder es hat überhaupt niemand eingebrochen.«

Schwamminger ging zum Telefon, das auf dem Tresen stand. Er hob ab und merkte, dass es tot war. Dann probierte er, einer Eingebung folgend, den Lichtschalter. Es wurde nicht heller.

»Michi, da funktioniert nix mehr da herin! Ich glaub, der ›Alte Esel‹ war am Ende!«

Michi nickte und dachte an seine Lieblingsfernsehserie. »Willst du die Spurensicherung informieren? Die sollen DNA-Proben sichern und Fingerabdrücke!«

»Is scho recht …«, brummte Schwamminger und sah sich nach etwas Trinkbarem um. Er betätigte den Zapfhahn, erwartungsgemäß ohne Ergebnis. »Kein Bier mehr im Fass. Der Esel war wirklich am Ende …«

»Herr Kuhn, die Polizei ist da!«

Frau Penz-Pigulla, die Sekretärin des Bürgermeisters von Zeislhöring, eine im Dienst ergraute resolute Ein-Meter-achtzig-Frau mit Strickjacke und Pferdeschwanz, kam gerne rasch zur Sache und ersparte sich zeitraubende Höflichkeitsfloskeln. Deshalb zuckte Bürgermeister Kuhn auch ziemlich heftig zusammen und ging im Geiste mögliche Ursachen für den Besuch des Ordnungshüters durch. Der TÜV-Termin für seinen Wagen war überfällig, aber deshalb schickte man doch nicht gleich einen Beamten in sein Büro? Bürgermeister Kuhn beschloss, dass man ihm nichts vorwerfen konnte, zumindest nichts Beweisbares, und bat den Polizisten in sein Zimmer.

Hauptwachtmeister Schwamminger kam herein und begrüßte Kuhn freundlich und leicht unterwürfig. Kuhn bot ihm einen Platz und einen Kaffee, was Schwamminger in beiden Fällen akzeptierte.

»Frau Penz-Pigulla, können wir bitte zwei Kaffee haben? Für mich wie immer den schonend gerösteten Koffeinfreien, danke sehr!«

Bürgermeister Kuhn hatte das in die Sprechanlage gesagt und lehnte sich jetzt in seinem Drehstuhl zurück. Sechzig Jahre würde er in zwei Wochen werden, vor drei Jahren hatte man ihn zum Bürgermeister gewählt. Eigentlich war er von Beruf Grafiker, aber das Geschäft ging am Schluss so schlecht, dass es schlechter in der Politik auch nicht laufen konnte.

Beeindruckend war seine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Igel: Der graue Stiftenkopf wies unter zwei dichten Augenbrauen zwei schlaue schwarze Äuglein, eine vorstrebende Nase und zwei Reihen mit kleinen spitzen Zähnen auf – nicht unsympathisch, aber auch nicht ungefährlich.

»Herr Schwamminger, wollen Sie mich gleich verhaften oder darf ich vorher noch telefonieren?«, scherzte Kuhn und musterte den Vertreter der Staatsgewalt.

Schwamminger lächelte: »Eigentlich müsste ich Sie verhaften wegen der Bausünden, die Sie hier zugelassen haben! Ich hätt den Ortseingang kaum wiedererkannt!«

»Aber in Wirklichkeit kommen Sie aus einem anderen Grund?«

»Ja. Es geht um den ›Alten Esel‹!«

»Um welchen genau, davon haben wir viele!«

»Um das Wirtshaus unten am See!«

Kuhn seufzte. »Ist da jetzt schon die Polizei drauf aufmerksam geworden? Ein tragischer Fall. Ich weiß, das Haus verkommt immer mehr. Aber wir können nichts tun, der Wirt hat wohl große finanzielle Probleme.«

»Jetzt nicht mehr. Er ist nämlich nicht mehr da und hat alles mitgenommen.«

Kuhn stand auf, weil Frau Penz-Pigulla mit dem Kaffee hereinkam. Nicht, weil er ein Gentleman alter Schule gewesen wäre, sondern weil ihn die Nachricht des Polizisten aus seinem Drehstuhl riss.

»Der Wirt verschwunden? Der Popp?«

Schwamminger nickte bestätigend.

»Verschwunden mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist.«

Frau Penz-Pigulla mischte sich ein: »Das wollte ich Ihnen auch gerade sagen! Der Kratopek hat es erzählt, und jetzt weiß es jeder!«

Sie verließ das Zimmer und ließ die Tür undezent ins Schloss fallen.

Der Bürgermeister tigerte im Zimmer hin und her und ließ seinen Kaffee kalt werden. Schwamminger trank den seinen mit Genuss. »Der ›Alte Esel‹ ohne Wirt, ausgeplündert und leer gefegt!«

»Die Stühle sind noch da!«, brummte Schwamminger und nippte an seiner Tasse.

Der Bürgermeister hörte sich selbst beim lauten Denken zu: »Eine der wenigen Attraktionen, die Zeislhöring noch hat! Ohne Wirtshaus ist ein Ort kein Ort! Und außerdem – ogottogottogott – hab ich demnächst meine 150-Jahr-Feier!«

Schwamminger nickte anerkennend: »Respekt! Das sieht man Ihnen gar nicht an!«

Kuhn wedelte mit seinen kleinen Händen. »Doch nicht ich, der Ort hat Geburtstag! Beziehungsweise seine Selbstständigkeit. 150 Jahre Gemeinde Zeislhöring, das wollten wir feiern! Aber wie sollen wir das machen ohne Wirtshaus? Kümmern Sie sich darum, Sie festangestellte Amtsperson!«

»Gleichfalls!«, gab Schwamminger ungerührt zurück.

Kuhn setzte sein Selbstgespräch und seine Dienstzimmerwanderung fort. »Was machen wir denn jetzt? Anzeige erstatten, das ist klar. Den Eigentümer vom ›Alten Esel‹ benachrichtigen, das ist auch klar. Aber … o je … das wird schwierig … Die Eigentümerin ist eine … kapriziöse Dame … sehr schwierig … und soviel ich weiß, wollte sie schon die ganze Zeit das Grundstück verkaufen oder Reihenhäuser drauf bauen oder so etwas Ähnliches … Das können wir verhindern, dafür bekommt sie keine Genehmigung. Aber sie kann das Haus entkernen und Eigentumswohnungen draus machen. Ein Ort ohne Wirtshaus, das ist genauso wie … das ist genauso wie …«

»Irgendetwas anderes!«, ergänzte Schwamminger hilfsbereit, und Kuhn pflichtete ihm begeistert bei.

»Frau Dings-Persona!«, bellte Kuhn in seine Sprechanlage und zischte dann zu Schwamminger: »Ich kann mir den Namen einfach nicht merken.«

»Penz-Pigulla!«, tönte es beleidigt aus dem kleinen Lautsprecher.

»Verbinden Sie mich bitte mit Frau Schauer in München!«

»Mit der Frau Baronin von Waldeneck, sehr wohl!«, antwortete die Vorzimmerdame mit dem schwierigen Doppelnamen schnippisch und klickte sich aus der Konversation.

Schwamminger verstand nicht. »Gehört der ›Alte Esel‹ zwei Frauen? Der Frau Schauer und der Baronin?«

»Nein«, antwortete Kuhn, der in Gedanken längst anderswo war, »das ist ein und dieselbe Person. Frau Baronin von Waldeneck ist die Tochter vom alten Waldeneck, und der Familie gehört seit 200 Jahren halb Zeislhöring. Und dann hat die Frau Baronin einen gewissen Paul Schauer geheiratet und heißt seitdem offiziell Schauer. Für die alten Zeislhöringer aber bleibt sie natürlich die Frau Baronin von Waldeneck. Es gibt eben Personen, die Wert auf üppige Nachnamen legen!«, ätzte Kuhn in Richtung seiner Bürotür.

»Ich weiß gar nicht, von wem sie reden …«, brummte Schwamminger und trank seinen Kaffee aus.

Frau Penz-Pigulla betrat ohne anzuklopfen das Zimmer und meldete knappestmöglich: »Da geht keiner hin!«

»Versuchen Sie es weiter. Und klopfen Sie bitte beim nächsten Mal an! Und schließen Sie die Tür bitte so, dass nicht jedesmal eine Erdbebenwarnung ausgegeben wird!«

Die Sekretärin mit dem Doppelnamen knallte die Tür besonders heftig zu, so dass Schwamminger beinahe den Rest seines Kaffees verschüttet hätte. Er sehnte sich nach seinem Dienstzimmer in Starnberg zurück. Dort konnte wenigstens er selbst bestimmen, wie laut die Türen geschlossen werden. Und Kolleginnen oder Kollegen mit Doppelnamen gab es dort auch nicht.

Schwamminger erhob sich. »Ich fahre zurück und mache ein Protokoll. Die Frau Baronin wird bestimmt Anzeige erstatten wollen. Sie soll sich bei uns melden. Ich wünsche einen schönen Tag!«

Schwamminger verließ mit ungutem Gefühl das Zimmer des Bürgermeisters, weil er wusste, dass er an der Frau mit dem gut entwickelten Schließmuskel vorbei musste. Aber er repräsentierte hier schließlich die Staatsgewalt, und so schritt er selbstbewusst nach draußen.

Der Bürgermeister indes sah noch igeliger aus als sonst und hätte sich wohl gern zu einer Kugel zusammengerollt. Das Telefonat mit der Baronin würde unangenehm werden. Aber auch er erinnerte sich an die Autorität seines Amtes, trank seinen mittlerweile kalten Kaffee und dachte an den ›Alten Esel‹, in dem er vor dreißig Jahren seine Hochzeit gefeiert hatte. Und sogleich kam er ins Grübeln, ob das damals eine gute Idee von ihm gewesen war.

Mitten in seine Vergangenheitsanalyse brach seine Vorzimmerdame ein, die mit einem riesigen Tablett das Zimmer betrat.

»Kaffeetassen!«, schnarrte sie und riss ihrem Chef die noch halb volle Tasse aus der Hand. »Und bringen Sie es endlich hinter sich!«

»Den Anruf, meinen Sie?«, fragte der Igel die Kobra.

»Natürlich! Sie sind doch erwachsen, oder? Und durchs Telefon kann sie nicht beißen! Setzen Sie sich hin, ich verbinde!«

Kuhn bereitete sich auf das erneute Türknallen vor, das auch prompt eintrat, dann starrte er auf das Telefon.

Die Frau Baronin, die jetzt offiziell Schauer hieß, lag in ihrem Schwabinger Penthouse bei heruntergelassenen Jalousien auf ihrem 15-Quadratmeter-Sofa und trug eine Augenbinde. Neben ihr auf einem riesigen Glastisch stand eine Schale mit Konfekt, auf ihrem Bauch kauerte ein faustgroßer Hund mit Schleife über den Augen.

Die Wohnung hatte die Größe eines halben Fußballplatzes und war mit einigen modernen Möbeln und vielen riesigen Antiquitäten vollgestellt. An den Wänden hingen Gemälde von erlesener Scheußlichkeit, die alle nicht hierher passten, aber wohl einen enormen Wert darstellten.

Das Telefon klingelte, und die Baronin tastete langsam über den Tisch, auf der Suche nach dem Telefon. Schließlich fand sie es, drückte blind einen Knopf, hielt sich das Gerät ans Ohr und sagte mit matter Stimme: »Schauer … – Ja, is recht, bitte verbinden Sie!«

Als das Diensttelefon klingelte, erschrak Herr Kuhn trotz seiner mentalen Vorbereitung. Er räusperte sich, rückte seine Krawatte zurecht und hob ab.

»Grüß Gott, sehr verehrte gnädige Frau, hier spricht Rainer Kuhn, der Bürgermeister von Zeislhöring!«

»Ja, grüß Sie Gott, Herr Kuhn, hier spricht Schauer. Entschuldigen Sie bittschön, Sie treffen mich gerade in einer sehr ungünstigen Situation an. Ich habe wahnsinnige Migräne, also wirklich ganz wahnsinnige. Heut Morgen hat’s schon angefangen, im Hinterkopf, und jetzt tut der ganze Kopf weh, beim Schnaufen, beim Schauen, und erst recht beim Reden. Also es ist gar nicht zum Sagen …«

Kuhn räusperte sich erneut. »Also es ist etwas Unerfreuliches passiert. Es geht um den ›Alten Esel‹ …«

»Da müssen Sie sich täuschen, Herr Kuhn, ich hab nur meinen Hund, die liebe Cindy.«

»Es geht um das Wirtshaus hier in Zeislhöring.«

»Und was hat das mit dem Esel zu tun?«

»Das Wirtshaus heißt so.«

»Ah so? Das ist aber ein vulgärer Name …«

Kuhn merkte, wie er Temperatur bekam.

»Sehr verehrte gnädige Frau, dieses Wirtshaus gehört Ihnen doch!«

Frau Schauer nahm jetzt die Augenbinde ab, schob sie sich in die Stirn und sah jetzt aus wie eine Abfahrtsläuferin im Ruhestand.

»Wenn Sie es sagen, mein lieber Herr Kahn …«

»Kuhn ist der Name. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Anwesen in Ihrem Besitz ist, genau wie etliche andere Gebäude auch hier bei uns in Zeislhöring.«

Frau Schauer nahm ein Stück Konfekt aus der Schale und streichelte ihren winzigen Hund. Mit vollem Munde kauend fragte sie: »Das kann alles sein, so genau weiß ich das nicht, da müssen S’ schon den Krampl fragen. Der macht die Finanzen für mich und den ganzen anderen Schmarrn …«

Bürgermeister Kuhn fuhr mit belegter Stimme fort: »Aber Sie sind doch auch der Meinung, dass man das alte Wirtshaus erhalten muss, oder? Ich mein, es liegt doch wirklich idyllisch am See. So etwas hat hier nicht jede Gemeinde!«

Frau Baronin zog sich wieder die Augenbinde herunter. »Das kann schon sein. Aber darum kümmer’ ich mich nicht. Bereden Sie das mit dem Krampl, ich empfehle mich, habe die Ehre!«

Sie legte auf und legte sich seufzend wieder zurück. Die kleine Cindy nutzte ihre Chance und stahl ein Stück Konfekt aus der Schale.

Noch bevor Bürgermeister Kuhn aufgelegt hatte, wurde die Tür aufgerissen, und Frau Penz-Pigulla erschien im Türrahmen. Sie verschränkte die Arme und knurrte: »Machen Sie was!«

Bürgermeister Kuhn erinnerte sich an alte Zeiten. Als er die Baronin noch nicht gesiezt hatte, als Zeislhöring noch ein Postamt hatte und er noch Grafiker war. Er wusste: Allein kam er bei der Lösung des Problems nicht weiter. Er brauchte Verbündete.

3

Aus zehn Metern Entfernung war noch nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Der Radsportler undefinierbaren Geschlechts arbeitete sich den Waldweg nach oben, entschlossen, kraftvoll, fast zornig. Der Helm war bunt und lang gestreckt, die Brille verspiegelt, die Radlerhosen pink und grün.

Jetzt wurde der Waldweg steil, die schlanke Gestalt stellte sich auf und trat im Stehen in die Pedale, wild entschlossen, trotz der Steigung nicht an Tempo zu verlieren. Auf dem Rücken hatte sich schon längst ein langer brauner Streifen gebildet, denn da das Mountainbike kein Schutzblech über dem Hinterrad hatte, wurde permanent der feuchte Waldboden nach oben geschleudert.

Der Wald lichtete sich und gab den Blick auf eine saftige Wiese frei. Der Weg führte weiter den Berg hinauf, überquerte eine geteerte Straße und mündete in einen kleinen Trampelpfad, der sich quer zum Berg Richtung Sonne schlängelte.

Der Radfahrer drosch sein Fahrzeug den Weg entlang, überholte dabei zwei Fußgänger, die sich über den Kraftprotz wunderten, und machte erst Halt bei einer kleinen Bank.

Jetzt erst war klar, welches Geschlecht der Fahrrad-Berserker hatte. Der Helm wurde abgenommen, und es kam eine blonde Mähne zum Vorschein. Der Blouson wurde ausgezogen, es wurden weitere Hinweise sichtbar. Und als auch noch die verspiegelte Brille abgesetzt wurde, wunderte man sich, wie man jemals hatte im Zweifel sein können. Zum Vorschein kam eine schöne Frau mit dunklen Augen, die der Frau Baronin wie aus dem Gesicht geschnitten war, wenn auch 25 Jahre jünger.

Therese Schauer, genannt Resi, die Tochter der Frau Baronin, liebte diese Fahrradstrecke und diese Bank oben auf der Ilkahöhe mit dem fantastischen Blick über den Starnberger See und auf die bayerischen Alpen! Kein Haus, kein Strommast, keine Straße! Genauso musste es auch vor 300 Jahren schon ausgesehen haben! Mit Ausnahme der Segelboote vielleicht. Ob es vor 300 Jahren schon Segelboote gegeben hat? Und wie die wohl ausgesehen haben? Kühe haben bestimmt schon hier geweidet, so wie die acht, neun Exemplare, die ein paar Meter von Resi entfernt Gras fraßen. Glocken haben sie bestimmt auch schon damals um den Hals gehabt, und die Lederbänder haben sich vermutlich auch nicht sehr verändert. Lediglich der Stacheldraht, der die Kühe vom Spazierweg trennte, war ein Beweis dafür, dass man sich im Industriezeitalter befand.

Resi war schon als Kind hier heraufgeradelt, damals noch ohne Helm, denn in ihrer Kindheit gab es noch keine Fahrradstürze. Und da hießen die Fahrräder auch noch Fahrräder und noch nicht Bikes.

So lange sie denken konnte, war sie gern allein. Sie liebte es, die Natur zu spüren und die Kraft in ihren Beinen. In den ersten zehn Jahren war ihr Leben nicht schlecht gewesen. Ihr Kinderzimmer im ersten Stock des »Alten Esels« hatte den schönsten Blick von Zeislhöring mit dem grandiosen Seepanorama, der Stille und den Lichtreflexen auf der Zimmerdecke. Und wenn sie Kummer hatte und ihre Eltern keine Zeit hatten, dann ging sie zu Seppi, dem damals noch nicht alten Esel, drüben im Heuschober.

Mit den Kindern in der Schule bekam sie schwer Kontakt. Sie wurde »Esel-Resl« genannt, und das war durchaus als Beleidigung gemeint. Aber dann hatten sich die Eltern getrennt. Der Vater, dem ihre adelige Mutter den bürgerlichen Namen »Schauer« zu verdanken hatte, war zurückgegangen in seine oberfränkische Heimat. Und die Mutter hatte die Nase voll vom Leben in der Provinz. Dank eines klugen Ehevertrags hatte der Vater nichts und Frau Baronin alles bekommen, und somit waren die Eigentumsverhältnisse aus der Zeit vor der Ehe wiederhergestellt worden. Von diesem Zeitpunkt an war die Mutter krank, zog sich in ihr riesiges Schwabinger Penthouse zurück und kultivierte ihre Migräne.

Die kleine Resi hat noch ein paar Jahre bei ihrem Onkel Edi im alten Forsthaus an der Eisenbahnlinie gewohnt und ist dann mit 18 Jahren weit fort, nach Berlin, um da irgendetwas zu studieren. Aber Zeislhöring, die Ilkahöhe und der See haben sie nicht losgelassen. Seit acht Jahren war sie wieder in ihrer alten Heimat, aber nie wieder im »Alten Esel« und in ihrem alten Kinderzimmer. Sie radelte oft an dem Wirtshaus vorbei, oben an der Hauptstraße oder unten am See entlang.

Sie hätte den neuen Pächter, einen alten Freund ihres Vaters aus Oberfranken, ohne Weiteres fragen können, ob sie einen Blick in ihr altes Zimmer werfen dürfe oder in das Zimmer ihrer Eltern mit dem Hirschen und dem Hasen über dem Bett. Oder ob sie den alten Seppi besuchen dürfe. Aber sie hat es nie gemacht. Verdrängen war ihr lieber als Verarbeiten. Immer nach ihrem Motto »Wurscht und doppelt-wurscht!«

Jetzt war es wieder so weit. Der zweite Abschied stand an. Die Beziehung mit dem Toni war zerbrochen, vermutlich aus demselben Grund, aus dem es auch damals vor sieben Jahren schon nicht mit dem anderen Mann gelaufen war, Tonis Vorgänger. Eine Jugendsünde, Schwamm drüber.

Aber der Toni – das wäre einer gewesen, einer zum Liebhaben, zum Abenteuer-Erleben, zum Jungbleiben und zum Altwerden. Wurscht und doppelt-wurscht. Warum über vergossene Milch jammern, hätte ihr Vater gesagt. Immer wenn sie an ihn dachte, schaute sie hinauf in den weißblauen Himmel. Kurz nach der Trennung der Eltern, als er wieder zurück in Oberfranken war, hatte ihn nachts ein betrunkener Lastwagenfahrer überrollt.

Schluss mit den trüben Gedanken, jetzt war Aufräumen angesagt! Die Idee mit dem Schuhgeschäft war wohl von Anfang an keine richtig gute. In Zeislhöring ging der Zeislhöringer nicht so gerne einkaufen, deshalb hatte der kleine Lebensmittelladen schließen müssen, ebenso die Buchhandlung und der Elektrohändler. Wenn man nach fünf Jahren immer noch nicht aus den roten Zahlen heraus ist, dann ist das ja wohl ein deutlicher Hinweis, dachte sich die Esel-Resl und beendete diesen Teil ihrer beruflichen Laufbahn. Radikal und ohne Weinerlichkeit. Wurscht und doppelt-wurscht.

Weil sie schon einmal dabei war, hatte sie im Zuge der Geschäftsauflösung auch gleich ihre Lebensgemeinschaft mit dem Toni einem Ende zugeführt. Erst gab es ein klärendes Gespräch, an dessen Ende dann die Trennung stand. Wer mit wem Schluss gemacht hatte, war nicht genau zu analysieren. Umso besser für beide.

Sie schaute auf die Uhr. In zehn Minuten hatte sie einen Termin beim Friseur im »Salon Erika«. Den gab es schon seit fünfzig Jahren, aber jetzt hatte da nicht mehr die namensgebende Erika die Schere in der Hand, sondern Jacqueline aus Leipzig. Resi sprang auf ihr Fahrrad und schaute im Rückspiegel noch einmal der alten Esel-Resl ins Gesicht. In einer Stunde wird es diese Locken nicht mehr geben. Wie hatte ihr Vater immer gesagt? Entweder konsequent oder inkonsequent, aber nicht dieses dauernde Hin und Her!

Resi hatte lange gebraucht, um Jacqueline von ihren Absichten zu überzeugen. Die junge Leipzigerin griff nur äußerst widerwillig zur Schere. Ihre jüngere Schwester Jennifer, die ihr ab und zu zur Hand ging, musste weinen, als sie die blonden Locken auf dem Boden liegen sah. Danach fegte sie den Boden und reinigte den Stuhl, denn auch er hatte jetzt eine lange braune Linie von Resis Fahrradtrikot.

Resi verließ den Salon mit der 60er-Jahre-Ausstattung, warf einen kurzen Blick auf den See und radelte dann den Berg hinauf zu ihrer kleinen Wohnung über der Zahnarztpraxis. Tonis Lieferwagen stand nicht vor dem Haus. Offenbar hatte er seine Umzugskartons schon abgeholt. Oder, was ihr wesentlich weniger angenehm wäre: noch nicht.

Sie stellte das Fahrrad ab und betrat die Wohnung. Die Kisten waren noch da. Saublöd. Sie würde Toni also noch einmal begegnen. Gut, auch das würde sie überleben. Eine letzte Nacht noch, und dann hieß es: Habe die Ehre, Zeislhöring! Sie würde bei einer Freundin in München unterkommen, bis sie wusste, was sie wollte. Dafür hätte sie denken müssen, und dazu war sie bislang nicht bereit gewesen.

Sie betrachtete missbilligend die fremde Frau im Spiegel. »Kurz« hatte sie es haben wollen, da konnte sie Jacqueline gar keinen Vorwurf machen. Aber gleich dermaßen kurz? Sie hatte die alte Grundregel nicht beachtet: Wenn man die Haare kürzer haben wollte, durfte man niemals die Bestellung »kürzer« aufgeben, sondern »bitte nur minimal ausbessern«. Dann landete man ungefähr da, wo man hinwollte. Bei der Ansage »Bitte kürzer!« erhielt man unweigerlich das Modell Alcatraz.

»Wurscht und doppelt-wurscht!«, sagte die Resi auf der einen Seite des Spiegels zu der Zwillingsschwester auf der anderen. Sie wechselte vom Biker-Outfit zur burschikosen Handwerker-Resi und widmete sich den wenigen Dingen, die an der Wand hingen. Fotos mit Toni, ein Bild von ihrem Vater, keins von ihrer Mutter, eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme mit einem kleinen Mädchen und einem Esel. Beide lachten fröhlich. Komisch, dachte Resi, es hing die ganze Zeit an der Wand, aber ich habe es nie angesehen.

Da hörte sie ein Geräusch aus dem Flur. »Toni!«, dachte sie, und etwas Heißes fuhr ihr in die Magengrube. Im Vorfeld von peinlichen Situationen hat sich schon immer ein kleiner Witz bewährt. »Hier bin ich!«, rief sie betont unbefangen. »Leider kann ich dir mit meinen neuen Fingernagel-Piercings nicht beim Kistentragen helfen!«

Resi merkte, dass jemand vom Flur ins Wohnzimmer getreten war. Es war aber nicht Toni, sondern ein Mann, der verblüffende Ähnlichkeit mit einem Igel hatte.

»Servus, Resi! Du bist doch die Resi, nur jetzt mit neuem Kopf! Kennst du mich noch?«

Resi legte den Kopf schief. Ja, der Mann kam ihr bekannt vor, aber seinen Namen wusste sie nicht.

»Sind Sie der Nachmieter?«

Der Igel lächelte, deutete auf einen Umzugskarton und fragte: »Darf ich?«

Resi nickte. Der Igel setzte sich. Es war gegen 19 Uhr, die Sonne ging demnächst unter. Der Strom war bereits abgestellt, der Kühlschrank leer.

»Nein, Sie sind der Bürgermeister! Rainer Kuhn, richtig?«

Der Igel nickte und schaute sich neugierig um. »Hübsch haben Sie es hier. Oder sollte ich besser sagen: ›hatten‹?«

Resi nickte. »Ein paar Stunden noch, und ich bin weg. Deshalb kann ich Ihnen auch nichts anbieten. Kein Strom, kein Kühlschrank, kein Champagner!«

Bürgermeister Kuhn seufzte. »Ich verstehe. Ich komme wohl sehr ungelegen, aber mir bleibt keine andere Wahl.«

»Man hat immer eine Wahl!«, belehrte ihn Resi, ihren Vater zitierend. »Es gibt immer zwei Möglichkeiten, auch wenn die optimale meistens die unschöne ist!«

Resi erschrak ein bisschen, als sie ihren oberlehrerhaften Tonfall bemerkte und dachte sich: »Das sagt gerade die Richtige …«

»Womit kann ich Ihnen denn helfen – in meinen letzten Stunden in Zeislhöring?«, beeilte sie sich hinzuzufügen.

Bürgermeister Kuhn stand auf und wünschte sich, seine Sekretärin würde jetzt mit einem lauten Knall zur Tür hereinkommen und ihm die unangenehme Aufgabe abnehmen. Oder ihm zumindest Mut machen. Aber Frau Penz-Pigulla war nicht da, und so musste er es allein schaffen.

»Resi, ich kenn dich schon ganz lang. Ich kenn so ungefähr deine Lebensgeschichte und was du alles getan hast.«

»Das Meiste davon ist verjährt, und den Rest streite ich ab!«, erwiderte Resi mit sanftem Lächeln.

Der Igel lächelte zurück und freute sich, dass sie es ihm leicht machte.

»Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast: So wie es im Moment ausschaut, ist der Pächter vom ›Alten Esel‹ verschwunden und hat vieles vom Inventar mitgenommen.«

»Der Popp? Peter Popp? Das glaub ich nicht!«

Resi war erschrocken. Peter Popp, der Jugendfreund ihres Vaters! Sie hatte ihn nicht oft gesehen. Sie hatte sich immer darüber amüsiert, dass die beiden denselben weichen Dialekt sprachen, einen, in dem harte Konsonanten strikt vermieden und durch das weiche Pendant ersetzt wurden. Ein bisschen hatte sie diese Sprache sogar gekonnt, als Kind jedenfalls.

Der Igel blickte betreten zu Boden.

»Und jetzt haben wir die Befürchtung … dass deine Mutter … ihre Ankündigung wahr macht und das alte Haus abreißt. Und Reihenhäuser drauf baut.«

Resi schaute ihm ins Gesicht und nickte. »Ja, soviel ich weiß, ist das ihr Plan …«

»Und genau das darf nicht passieren! Ein bayerischer Ort ohne Wirtshaus – das geht nicht! Fast jeder, der hier wohnt, hat im ›Alten Esel‹ etwas Wichtiges gefeiert, etwas Schönes wie eine Firmung oder eine Taufe. Aber auch so etwas wie eine Hochzeit!«

Resi musste kurz lachen, und daraufhin merkte auch der Igel, was er gesagt und wohl auch gemeint hatte. Und sie dachte daran, dass sie sich immer auf ihre Firmung gefreut hatte. In allen Details hatte sie sich ausgemalt, wie das große Fest im »Alten Esel« ablaufen würde. Doch dazu war es nie gekommen. Zwei Jahre vor dem Ereignis waren ihre Eltern nicht mehr zusammen. Danach hat man dann irgendwie all das vernachlässigt, was der Tochter Freude gemacht hätte.

»Resi, wir brauchen den ›Esel‹! Ganz dringend! Es ist so viel verloren gegangen in den letzten Jahren! Immer mehr Leute ziehen weg, und kaum jemand her. Und wenn jetzt auch noch der ›Esel‹ stirbt, dann stirbt damit auch die Seele von Zeislhöring!«

»Und jetzt wollen Sie von mir, dass ich mit meiner Mutter rede?«, fragte Resi scharf und unfreundlich.

Der Igel machte einen großen gestischen und mimischen Anlauf, der nach einer halben Minute in einem lakonischen »Ja!« mündete.

»Wissen Sie eigentlich, was Sie da von mir verlangen? Meine Mutter hat sich seit zwanzig Jahren nicht um mich gekümmert! Sie weiß nichts von mir, absolut nichts. Es interessiert sie auch nicht. Und ich soll mich nach zwanzig Jahren an diese … diese … Person wenden mit der Bitte, den ›Alten Esel‹ nicht abzureißen?«

»Es ist unsere letzte Chance …«, flüsterte Bürgermeister Kuhn.

Wieder ein Geräusch an der Tür, wieder ein Mensch im Flur. Toni streckte den Kopf zur Tür herein.

»Stör ich? Oh, der Herr Bürgermeister! Servus, habe die Ehre!«

»Servus Toni. Ich bin gleich wieder weg und will nicht stören. Ich wünsche einen … äh … angenehmen Abend. Und, Resi, denk über meine Bitte nach!«

»Ich fürchte, damit kommen Sie zwanzig Jahre zu spät …«

Der Bürgermeister schaute sie lange an. Dann zuckte er mit den Schultern, grüßte in Richtung Toni, bahnte sich einen Weg zur Tür und ließ sie leise und dezent ins Schloss fallen.

Toni fragte: »Was hat er denn wollen?«

Resi aber legte keinen Wert auf ein Gespräch und sagte: »Unwichtig. Wie viele Kartons sind noch da von dir?«

»Zehn. Und die alte Standuhr.«

»Die gehört mir. Die habe ich bezahlt.«

»Ja, aber ich habe sie entdeckt, auf dem Flohmarkt in Bernried. Und ich habe sie hierher transportiert, aufgestellt und repariert.«

»Dann nimm sie doch mit. Ist mir wurscht. Und doppelt-wurscht.«

Toni nickte bestätigend. »Na also!«

Dann schaute er ihr prüfend ins Gesicht und auf den Kopf. Er verzog kurz den Mund und meinte dann: »Schöne Frisur. Aber die alte war schöner.«

»Danke für die beiden Komplimente!«, erwiderte Resi spitz.

Dann machte sich Toni an die Arbeit und schleppte einen Karton nach dem anderen zur Tür.

Resi packte ihrerseits einen Karton mit Bildern voll. Sie hörte, wie er allein die Standuhr aus der Wohnung wuchtete. Im Rekordtempo. Dann trug er seine Kartons nach unten zum Auto, immer zwei aufeinander gestapelt und gleichzeitig.

Resi beobachtete ihn ab und zu. Die untergehende Sonne machte Toni immer mehr zur Silhouette. Aber selbst das genügte, damit Resi wusste, warum sie sich damals für ihn entschieden hatte. Ein großer kräftiger Bayer mit blauen Augen und starken Händen mit langen Fingern, die ein Regal zusammenbauen, aber auch auf einem Klavier spielen können. Den üppigen Schnauzbart hatte sie ihm ebensowenig ausreden können wie die Zigarre am Abend auf dem Balkon. So wie ihn hatte sie sich immer einen Helden ihrer Kindheit vorgestellt, den Wildschütz Jennerwein. Ihr Vater hatte immer von ihm erzählt und das berühmte Lied gesungen. Es hat ihn wirklich gegeben, und Resi hatte einmal ein Bild von ihm gesehen. Der Jennerwein hatte genauso ausgesehen wie der Toni! Und umgekehrt!

Absolut ungeschlagen aber war der Toni in der Küche. Er kochte mit Hingabe, Geduld und Einfallsreichtum. Meistens nahm er ein bayerisches Traditionsgericht als Basis und variierte es. Unerreicht sein Schweinsbraten, den er während der Garzeit im Ofen mit Sherry übergoss. Die knusprige Kruste mit kirschsüßem Aroma – eine Offenbarung!

Was aber auf die Dauer zu einem unüberwindlichen Problem wurde, war sein Perfektionismus. Alles, was er machte, musste hundertprozentig sein, Schlamperei gab es nicht! Vor ein paar Jahren hatte er sich in den Kopf gesetzt, Tubaspielen zu lernen, ganz allein, ohne Lehrer. Er hatte sich auf dem Flohmarkt ein Instrument gekauft und ein Lehrbuch dazu. Und dann übte er in jeder freien Minute, bis tief in die Nacht. In Resis Ohren klang das irgendwann einmal so gut wie perfekt, aber ihm reichte der Grad seiner Könnerschaft noch nicht.

Als sie es wagte, ihn zu fragen, ob er sich nicht langsam einmal wieder mit ihr statt mit seiner Tuba beschäftigen könnte, wurde er laut und fühlte sich falsch behandelt. Wenige Minuten später tat es ihm leid und er bat um Verständnis – nur um sich dann wieder der blöden Tuba zu widmen.

Toni konnte poltern und bei einem Liebesfilm weinen. Er war stur wie ein Maulesel und weich wie ein Tiefseeschwamm. Beim Kreuzworträtsellösen staunte sie immer darüber, was er alles wusste, obwohl er nur ein Mindestmaß an Jahren in der Schule war. Als sie ihn kennenlernte, war er Verkäufer im Fahrradladen unten am See. Er war kurze Zeit vorher nach Zeislhöring gezogen, von der anderen Seeseite, von Münsing, zusammen mit seiner Mutter. Er hatte das Fahrradgeschäft übernommen, weil der ursprüngliche Besitzer in den Ruhestand ging.

Resi hatte bei ihm ein Fahrrad kaufen wollen, ihn während der Beratung umwerfend gefunden und war ihm schon beim Bezahlen verfallen. Mittlerweile war Toni der Geschäftsführer. Und je erfolgreicher er wurde, so schien es ihr, desto mehr gab es Streit.

Am Schluss war es nicht mehr auszuhalten. Kaum ein Abend, an dem es nicht laut wurde in der kleinen Wohnung über der Zahnarztpraxis. Sie warf ihm Sturheit vor, und er suchte immer nach dem Fremdwort, das ihm nie einfiel, bis Resi ihm half: Dominanz. Sie wolle ihn gängeln, wisse alles besser, sei immer im Recht und herrsche über sein Leben.

Kann schon sein, dass da etwas dran war, aber jetzt war es eh zu spät, darüber nachzudenken. Heute Abend noch würde sie nach München fahren, dann war diese Episode abgeschlossen, ein für alle Mal. Und was aus dem »Alten Esel« werden sollte, das war ihr wurscht. Und doppelt-wurscht.

Schließlich war Toni fertig. Schwitzend stand er in der Tür der mittlerweile fast leeren und dunklen Wohnung.

»Wenn noch etwas ist – du weißt, wo du mich findest.«

»Bei deiner Mutter, ich weiß. Also dann – mach’s gut!«

»Du auch!«

Toni stand da, als würde er noch etwas sagen oder tun wollen. Dann drehte er sich um und ging.

Resi, die resolute, willensstarke, vernunftgesteuerte Resi, hatte sich fest vorgenommen, in diesem Moment stark zu sein. Es handelte sich aber um eine der wenigen Situationen in ihrem Leben, in der sie ihren eigenen Anforderungen nicht gerecht werden konnte. Sie setzte sich auf einen Karton und heulte. Neben ihr sah sie das Foto von sich und Esel Seppi. Und da heulte sie gleich noch mehr.

In dieser Nacht klingelte bei Günther Gebauer das Telefon. Der stellvertretende Landrat von Starnberg schlief immer bei eingeschaltetem Handy, so auch in dieser Nacht. Er wäre auch jederzeit bereit gewesen, einen Fotografen zu empfangen: Seine Gel-Frisur mit den kurzen, aufgestellten schwarzen Haaren erinnerte an eine Ananas und saß wie eine Eins. Seine schmalen Augen lugten hellwach und kampfbereit in die Welt, und sein Kinn war immer leicht nach vorn gestreckt. Einem, der Karriere machen will, soll man das gleich ansehen können, das war seine Überzeugung.

Gebauer sah auf das Display und kannte den Namen. Sich mit Namen zu melden, war überflüssig, unter seiner Würde und kostete nur Zeit.

»Ja, was gibt’s?«

Gebauer hörte lange zu und sagte dazwischen abwechselnd »super-guat« und »ausgezeichnet«.

Beendet wurde das Gespräch mit einer Prophezeiung: »Da wird demnächst eine alte Rechnung beglichen. Rache ist wie Bier. Beides schmeckt kalt am besten.«

4

Als Bürgermeister Kuhn am nächsten Morgen um acht am Rathaus ankam, war er nicht sehr erstaunt. Der Parkplatz, auf dem sonst um diese Zeit zwei Autos standen, war voll. Gestern Abend hatten circa zehn Menschen auf seinen privaten Anrufbeantworter gesprochen. Er war also vorgewarnt.

Die Nachricht vom verschwundenen Esel-Wirt hatte sich in Zeislhöring in Windeseile herumgesprochen. Und schon gestern Abend hatten ihn Hilfsangebote erreicht. Das Dorf war in Aufruhr, und die Vorstellung, dass es den »Esel« nicht mehr geben sollte, ließ niemanden unbeteiligt.

Vor seinem Büro wurde er von Frau Penz-Pigulla erwartet. Ohne Gruß brachte sie ihn auf den aktuellen Stand: »Bei mir im Vorzimmer warten fünf Leute und wollen mit Ihnen reden. Die Anrufliste liegt auf Ihrem Schreibtisch. Der Journalist vom Starnberger Merkur kommt in einer halben Stunde. Kaffee ist aus.«

Kuhn betrat sein Büro nicht vom Gang aus, sondern er ging durchs Vorzimmer, wo er seine Gäste begrüßte. Alle wollten ihn sprechen, und alle wollten helfen.

Die Nacht auf dem Bettsofa von Resis Freundin Claudia war hart und kurz. Resi war gestern Abend mit zwei Koffern eingetroffen. Heute würde eine Spedition die Wohnung in Zeislhöring ausräumen und die Möbel einlagern, bis Resi wieder eine eigene Wohnung hatte. Wann und wo das sein würde, das stand noch nicht fest. Claudia hatte sehr früh die kleine Dachgeschosswohnung in Neuhausen verlassen. Sie lag fast direkt am Rotkreuzplatz, unten im Haus war ein Restaurant, was man auch hier oben noch riechen und abends hören konnte.

Resi schaute aus dem schrägen Dachfenster. Dafür musste sie sich auf ihre Zehenspitzen stellen. Sie sah das hässliche Klinik-Hochhaus und den gleichnamigen Platz, der sehr verkehrsreich und architektonisch verunglückt war. Die Wunden der 60er-Jahre wollten und wollten nicht verheilen, und die in den folgenden Jahren verordnete Pflegeserie zeigte wenig Wirkung.

Das Einzige, was sie neben ihren Klamotten und persönlichen Sachen mit in den Koffer gepackt hatte, war das Foto, das sie als kleines Mädchen mit Seppi zeigte. Sie hatte es neben das Bett gestellt, das jetzt bereits wieder zum Sofa umgebaut war.

Mit ihrer Kaffeetasse machte sie es sich darauf gemütlich und war sich absolut sicher: Heute fängt ein neues Leben an! Eines ohne Toni, ohne Schuhladen, ohne Esel und ohne ihre Mutter sowieso. Resi griff nach der Zeitung mit den Stellenanzeigen.

Der Einerdinger-Max war der Erste, der sich im überfüllten Bürgermeister-Büro zu Wort meldete: »Das können wir nicht zulassen, dass es den ›Alten Esel‹ nicht mehr gibt! Zum einen braucht Zeislhöring eine Wirtschaft, und zum anderen ist das ja die einzige Attraktion, die wir haben! Kuhn, du musst uns den ›Esel‹ erhalten!«

Die anderen vier Besucher pflichteten ihm bei.

Bürgermeister Kuhn ergriff das Wort.

»Ich danke euch sehr, dass ihr hergekommen seid, euch allen miteinander. Es sind auch schon Maßnahmen eingeleitet. Jetzt wird gleich ein Reporter von der Zeitung hier sein, dem werde ich die Geschichte haarklein erzählen, damit sie jeder im Umkreis kennt und uns helfen kann. Und die Resi hab ich auch schon losgeschickt!«

»Welche Resi?«, wollte der Apotheker Enderlein wissen. Er war noch nicht so lange Bürger von Zeislhöring und deshalb mit den Verwandtschaftsverhältnissen nicht vertraut.

»Die Esel-Resl? Das ist eine gute Idee!«, strahlte der Einerdinger-Max. Danach verdüsterte sich seine Miene. »Aber ob sie bei ihrer Mutter Erfolg haben wird? Die haben doch schon ewig nicht mehr miteinander gesprochen. Lebt die Frau Baronin überhaupt noch?«

»Ja, die lebt noch!«, meinte der Johann Wolf vom Baugeschäft Wolf. Wüsste man seinen Beruf nicht, hätte man ihn für den Verkaufsleiter von Harley-Davidson-Süd halten können: lange graue Haare, zum Pferdeschwanz gebunden, Vollbart, Nietenweste, Nietenhose, Drachen-Tattoos auf beiden Armen. »Ich bin wild und gefährlich!«, sollte seine Aufmachung aussagen, der sehr viel größere andere Teil seiner Persönlichkeit aber war freundlich und hilfsbereit.

»Die lebt noch, meine Tochter hat sie vor Kurzem gesehen, die Frau Baronin. Mit Sonnenbrille und Mundschutz, die g’spinnerte Henna, die g’spinnerte!«

Gelächter und Zustimmung. Der Motorrad-Cowboy, der privat einen Volvo fuhr, bat um Ruhe.

»Bürgermeister, hör her. Mit meinem Baugeschäft mach ich viele Abrisse und manchmal auch Entrümpelungen. Ich hab bei mir in der Garage viel, was man für eine Wirtschaft braucht. Und wenn’s da etwas zu reparieren gibt – meine Leut und ich lassen da mit uns reden, das pack mer schon!«

»Das gilt auch für die Freiwillige Feuerwehr von Zeislhöring, kräftige Burschen, die helfen, wenn Not am Mann ist!«, ließ sich der Einerdinger-Max vernehmen, und da er so ergriffen von seiner Hilfsbereitschaft war, überschlug sich seine Stimme ein bisschen.

Bürgermeister Kuhn war gerührt von so viel Enthusiasmus. Er schaute auf Frau Kestin vom Zeislhöringer Fremdenverkehrsbüro und Kulturverein, eine sehr hübsche Mittdreißigerin, die leider den Makel hatte, in Flensburg geboren worden zu sein.

»Wir vom Zeislhöringer Interessenverband für Tourismus-Kommunikation und Gastronomie-Management würden uns ebenfalls engagieren. Finanziell! Wie man hört, war der Zustand der sanitären Anlagen am Schluss ja eher betrüblich …«

Und schließlich meldete sich auch noch der Schindler-Pauli vom CSU-Kreisverband Starnberg.

»Der ›Esel‹ muss weiter existieren! Er ist ein Zeichen für die liberalitas bavariae und ein Symbol für die Lebensart in unserem christlich-sozialen Heimatland!«

Der Schindler-Pauli, der häufig mit Ottfried Fischer verwechselt wurde, sah sich beifallheischend um, aber der Applaus war dünn.

Bürgermeister Kuhn igelte sich einen Moment lang ein, legte die Stirn in Falten und stellte die Haare auf.

»Man wüsste wissen, wer da immer regelmäßig hingegangen ist … Die müssten ein ganz großes Interesse daran haben, dass es den ›Esel‹ weiter gibt. Einerdinger, kennst du die?«